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Full text of "Nippon : Archiv zur beschreibung von Japan und dessen neben- und schutzländern Jezo mit den südlichen Kurilen, Sachalin, Korea und den Liukiu-inseln"

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N I PPO  N. 


Archiv  zur  Beschreibung 


von 

JAPAN 


und  dessen  Neben-  und  Schutzländern: 

Jezo  mit  den  südlichen  Kurilen,  Sachalin,  Korea  und  den 

Liukiu  - Inseln 

von 

Ph.  Fr.  von  Siebold. 

Herausgegeben  von  seinen  Söhnen. 

ERSTER  BAND.  

Zweite  Aufl.^-e. 

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Würzburg 

Verlag  der  k:  u.  k.  Hofbu 


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Digitized  by  the  Internet  Archive 
in  2017  with  funding  from 
Wellcome  Library 


https://archive.org/details/b29352411_0001 


N I P P O N. 


ARCHIV  ZUR  BESCHREIBUNG 

VON 

JAPAN 

UND  DESSEN  NEBEN-  UND  SCHUTZLÄNDERN 
JEZO  MIT  DEN  SÜDLICHEN  KURILEN,  SACHALIN,  KOREA 

UND  DEN  LIUKIU-INSELN 

VON 

Ph.  Fr.  von  Siebold. 

HERAUSGEGEBEN  VON  SEINEN  SÖHNEN. 


ERSTER  BAND. 


— *3-  ZWEITE  AUFLAGE. 


WÜRZBURG  UND  LEIPZIG. 

VERLAG  DER  K.  U.  K.  HOFBUCHHANDLUNG  VON  LEO  WOERL. 

1897. 


Alle  Rechte,  besonders  das  Recht  der  Übersetzung,  Vorbehalten. 


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Erklärung  des  Titelbildes. 


ie  Deutung  eines  Gemäldes  anzugeben,  welches  hier,  gleichsam  über  der  Pforte  zu  einem 
noch  wenig  betretenen  Gebiete  der  Völkerkunde  aufgestellt,  unserem  Blicke  entgegentritt, 
sei  diesem  in  folgenden  Worten  ein  Führer  geboten,  der  die  Aufgabe  löse,  die  der  Kunst- 
freund an  den  Künstler  stellt,  wenn  dieser  aus  fremdem  Reiche  fremdartige  Gebilde  ihm 
vorführt. 

Aus  dem  Kreise  der  hier  vereinten  Sinnbilder  mag  wohl  unseren  ersten  Blick  die  Erscheinung 
des  vielarmigen  Waffenträgers  auf  sich  ziehen.  Der  Name  desselben  ist  Marisiten,  und  die  Mythe 
nennt  ihn  gewaltig,  beharrlich,  lebhaft  flammend. 

An  entgegengesetzten  Enden  Asiens  finden  wir  so  dasselbe  Idol,  welches  Mittelindien  zur  Wiege 
seines  Mythus  hat.  Dafs  dieses  Idol  aus  Indien  stamme,  bezeugt  die  auf  dem  Schilde  beigefügte  An- 
fangssilbe seines  Namens  in  der  alten  Schrift  Devanägarl;  auch  Gestalt,  Gewand  und  Rüstung  deuten 
dahin.  Die  heiligen  Bücher  stellen  es  als  Sinnbild  der  Macht  auf:  «Marisi,  son  ten»,  heifst  es,  «Marisb 
der  Verehrungswürdige,  Allmächtige,  ein  reinglänzend  Feuer  schwebt  er  nieder,  dieser  Himmelsgott, 
unschaubar,  unnahbar,  eine  Flamme  unverzehrbar,  ein  Wasser  unversiegbar».  Näher  bestimmt  ihn  sein 
Träger  und  Gefährte,  der  ihm  heilige  Eber,  Sinnbild  der  Stärke  und  des  kriegerischen  Mutes. 

Marisi  zur  Linken  erblicken  wir  den  hehren  Hö,  der  als  eine  glückbedeutende,  glückbringende 

Erscheinung  der  Volkssage  von  China  und  Nippon  angehört.  Ein  beliebtes  Bild  dient  er  allgemein 

zur  Verzierung  von  Kunsterzeugnissen,  bei  Malereien,  Bildhauer-  und  Erzarbeiten.  Aber  besonders 
merkwürdig  ist  uns  dies  Vogelbild  als  Bauzierrat  an  der  Gesichtsseite  gewisser  Hauskapellen,  wo  seine 
ausgebreiteten  Flügel  an  den  ägyptischen  Karnies  erinnern.  In  der  geflügelten  Gestalt,  Marisi  zur 
Rechten,  erscheint  Tengu;  er  ist  Wächter  des  Himmels,  Götterherold,  Beschützer  der  Kami  und  ihrer 
Mija.  Dieses  Bild  ist  dem  Sintödienste  entnommen,  wo  es  bald  unter  menschlicher,  bald  halbmensch- 
licher, bald  unter  Vogelgestalt  vorkommt.  An  den  Prachtthoren  der  Sintötempel,  wo  es  aufgestellt 
ist,  erscheint  Tengu  als  Wächter  gegen  böse  Geister,  den  von  da  ausgehenden  Feierzügen  wird  er  als 
Führer  vorgetragen,  und  es  ziert  bei  Volksfesten,  zu  Ehren  der  alten  Landesgötter,  seine  Larve  die 
Schutzgöttermasken. 

Aus  den  vielen  Nippon’schen  Volkssagen  sehen  wir  eine  hier  hervorgehoben:  es  ist  der  Kampf 

eines  Helden  mit  dem  achtköpfigen  Drachen,  — eine  That,  die  man  oft  auf  Votivtafeln,  in  Hallen  von 

Sintötempeln,  mit  grellen  Farben  dargestellt  findet,  und  die  noch  in  den  Erzählungen  der  Priester  des 
Tempels  bei  Atsuta  fortlebt,  der  dem  Andenken  des  Helden  von  Jamato  errichtet  ist.  Nach  diesen 
zeigte  sich  jährlich  ein  achtköpfig  Ungeheuer  auf  Jamato,  das  verheerend  hauste.  Nur  eine  Jungfrau 
aus  fürstlichem  Stamme,  ihm  zum  Opfer  dargebracht,  vermochte  seine  Wut  zu  besänftigen.  Endlich 
stiefs  ein  Held  Namens  Susano-ö  auf  das  feuersprühende  Ungeheuer,  bekämpfte  und  vernichtete  es. 
Er  entrifs  dem  Schweife  des  Drachen  das  Schwert,  genannt  Amano-mura-kumo,  welches  später  Jamato- 
take,  der  Sohn  des  Mikado  Keikö-tenwö  (71  v.  Chr.),  ein  Jüngling  von  ungewöhnlicher  Körperstärke 
und  seltenem  Mute,  führte.  Seine  Heldenthaten  bewahren  die  Jahrbücher;  sie  verewigen  seinen  Kampf 
gegen  die  Wilden,  welche  ihn  durch  Feuer  zu  vernichten  suchten,  von  dem  Helden  aber  selbst  durch 
das  Feuer  vernichtet  wurden,  welches  er  mit  dem  mitgebrachten  heiligen  Feuersteine  angezündet  hatte. 
Dieses  Schwert  wird  noch  heutiges  Tages  unter  den  drei  Reichskleinodien  aufbewahrt.  In  den  un- 
gewöhnlichen Thaten  dieses  Helden  wiederholt  sich  eine  Mythe,  welche  bis  dahin  in  dunklen  Bildern 


VI 


Erklärung  des  Titelbildes. 

der  Überlieferung  seiner  Zeitgenossen  vorscbwebte  und  wie  die  meisten  Volkssagen  eine  gewisse 
historische  Berechtigung  hat.  Der  feuersprühende  achtköpfige  Drache,  den  er  besiegte,  war  ein  Un- 
geheuer, dem  man  die  bisherigen  Verwüstungen  andichtete.  Man  glaubte  in  der  That  an  das  Dasein 
solcher  Geschöpfe  und  hielt  sie  für  Diener  der  Sonnengottheit,  welche  durch  das  Entsenden  derselben 
die  Menschen  züchtige.  Man  suchte  die  Gottheit  selbst  durch  Opfer  zu  versöhnen,  die  man  ihren  in 
Tiergestalt  erscheinenden  Gehülfen  entrichtete,  und  ein  edleres  Opfer  konnte  man  wohl  nicht  dar- 
bringen als  eine  schöne  fürstliche  Jungfrau. 

Diese  Fabel  erinnert  auch  an  Herkules  Kampf  mit  der  lernäischen  Hydra,  und  wenn  die 
Nippon’sche  Volkssage  beifügt,  dals  Kö-kano  sarnurö,  ein  Freund  des  Helden  von  Jamato,  mit  in  die 
Höhle,  den  Aufenthalt  des  Ungeheuers,  hinabstieg  und  mit  einer  Fackel  dem  Kämpfenden  beistand,  so 
knüpft  sich  hier  um  so  leichter  jene  griechische  Mythe  an,  die  einen  wälderanzündenden  lolaos  den 
treuen  Gefährten  des  Herkules  nennt.  Die  Felsenmasse,  gegen  die  sich  hier  des  Helden  Fufs  stemmt, 
liefse  sich  als  der  Fels  auslegen,  unter  dem  Herkules  die  Hydra  begrub. 

Umwölkt  und  in  undeutlicher  Ferne,  wie  die  Götter  und  Helden  im  Sagenkreise  der  Vorzeit 
sich  darstellen,  so  schweben  hier  diese  bildlichen  Darstellungen  über  Nippon.  Entnommen  dagegen 
dem  Kreise  der  Wirklichkeit,  treten  in  hellerem  Lichte  rundum  Schmuckbilder  hervor,  die  als  volks- 
tümliche Merkmale  anspielen  auf  Künste,  Wissenschaften,  Landwirtschaft  und  Industrie. 

Auffallend  mag  zunächst  dem  Altertumsforscher  das  vogelähnliche  Gefäfs  erscheinen  — ein  Ab- 
bild des  Tori-kame,  das  seit  uralter  Zeit  in  Menschengröfse  vor  der  Tempelwohnung  des  Mikado 
steht  — , ein  Zeuge  von  der  bildenden  Kunst  der  entferntesten  Vorzeit. 

Dem  Gefälse  gegenüber  erscheint,  von  Priestern  des  Sintödienstes  getragen,  eines  der  fünf  gött- 
lichen Musikinstrumente,  die  grofse  Trommel  (Kaku-tai-ko).  Einst  war  Ama-terasu-no-kami,  die  himmel- 
erleuchtende grofse  Gottheit,  plötzlich  verschwunden,  und  Nacht  lag  über  dem  Götterlande.  Von  den 
Menschen  beleidigt,  hatte  sie  sich  grollend  in  eine  Höhle  verborgen,  und  nur  dem  lieblichen  Tonspiele 
gelang  es,  sie  wieder  hervorzurufen,  zu  besänftigen  und  mit  den  Menschen  auszusöhnen.  — Einen  so 
erhabenen  Ursprung  giebt  Nippon  der  Tonkunst. 

Der  Fächer,  vom  weichen  bildsamen  Holze  des  Lebensbaumes  verfertigt  und  verziert  mit  immer- 
grünen Ranken,  war  ehemals  in  Japan  ein  Prunkstück  in  fürstlicher  Hand.  Einfach  noch  und  schmuck- 
los sehen  wir  ihn  am  Hofe  des  Kaisers  zur  Erinnerung  an  alte  Sitten  beibehalten,  während,  in  fort- 
schreitender Bildung,  Prachtliebe  sich  Seidenzeuge  und  Goldstoffe  zu  verschaffen  wufste. 

Mais,  das  vermeintliche  Geschenk  des  neuen  F estlandes,  kennt  schon  lange  der  Landmann  auf 
Nippon.  Kürbisse  und  Melonen,  diese  allen  Weltteilen  einheimisch  gewordenen  Gartenfrüchte,  baut 
dort  der  Gärtner  seit  undenklichen  Zeiten.  Sinnbildlich  mögen  diese  Naturerzeugnisse,  allgemein  be- 
kannt, den  auf  Nippon  blühenden  Land-  und  Gartenbau  andeuten;  sie  können  aber  auch  als  Zeugen 
eines  Verkehrs  gelten,  welcher  Völker,  wenngleich  durch  weite  Meere  geschieden,  in  frühester  Zeit 
verbunden  haben  mufste ! — 

In  dem  zierlichen  Bogen  wird  man  vielleicht  nur  eine  eigentümliche  alte  Art  dieser  Völkerwaffe 
zu  erkennen  glauben.  Doch  mehr  als  die  Form  einer  Waffe  wird  der  Sprachforscher  daran  finden. 
Er  wird  das  chinesische  Schriftzeichen  erkennen,  welches  den  Bogen  bedeutet,  entlehnt  aus  der  Reihe 
jener  Zeichen,  welche  der  Kindheit  der  Schrift  angehören;  eine  Kunst,  welche,  wie  sie  in  ihrem  reiferen 
Alter  erscheint,  im  Schmuckbildchen,  dem  Bogen  gegenüber,  dargestellt  ist. 

Lassen  wir  diese  Bilder  zurücktreten,  so  liegt  vor  uns  Nippon,  überragt  von  dem  merkwürdigen 
Feuerberge  Fusi,  von  der  aufgehenden  Sonne  beleuchtet,  — ein  friedliches  Inselland.  Munterer  Fleifs 
pflügt  seine  Thäler,  bebaut  die  hohen  Bergrücken.  Des  ungestörten  Besitzes  sicher,  reichen  Kunstfleifs 
und  Gewerbe  sich  die  Hand  und  beleben  mit  Segeln  die  hafenreichen  Küsten. 

Aus  der  bis  jetzt  ununterbrochenen  Reihe  seiner  Herrscher  sehen  wir  im  Vordergründe  Ten-tsi- 
Tenwö  ruhen,  in  der  Plrbfolge  der  neununddreifsigste  Mikado,  dessen  Herrschaft  in  die  zweite  Hälfte 
des  siebenten  Jahrhunderts  unserer  Zeitrechnung  fällt.  Nippon  dankt  diesem  Kaiser  das  Aufblühen  der 
Künste  und  Wissenschaften;  von  ihm  wurden  zuerst  öffentliche  Schulen  errichtet,  und  zu  Ehren  des 
chinesischen  Welt  weisen  Confucius  Tempel  erbaut.  Die  chinesische  Schrift,  früher  aus  Kudara,  einer 
Landschaft  des  benachbarten  Korea,  überbracht,  wurde  durch  ihn  allgemein  über  Japan  verbreitet. 
Auch  die  Landessprache  suchte  dieser  Fürst,  selbst  Dichter,  zu  veredeln,  und  sein  Verdienst  um  dieselbe 
setzt  ihn  noch  heutzutage  an  die  Spitze  der  hundert  Dichter  in  der  alten  Jamatosprache. 

Dem  Kaiser  zur  Seite  tritt  aus  der  Gruppe  geharnischter  Krieger  das  Bild  seines  Feldherrn,  des 
Sjögun,  hervor.  Es  ist  das  Bild  des  berühmten  Helden  Josimitsu  gewählt,  aus  dem  zwölften  Jahr- 


VII 


Erklärung  des  Titelbildes. 

hundert,  um  die  eigentümliche  alte  Waffenrüstung  der  Japaner  zu  zeigen  und  zugleich  einen  Sjögun, 
den  Beschützer  des  Mikado,  vorzuführen. 

Das  Bild  gegenüber  bezieht  sich  auf  das  Volk,  seine  Sitten  und  Gebräuche.  Es  stellt  einen  Auf- 
tritt aus  der  Neujahrsfeier  dar,  einen  Landesherrn,  wie  er  als  Hausvater  das  Glück  in  sein  Haus  ein- 
ladet und  Unheil  bannt.  Festlich  gekleidet,  durchschreitet  er  um  Mitternacht  das  Haus  und  wirft  nach 
allen  Seiten  geröstete  Bohnen.  «Hinaus»,  ruft  er,  «böser  Geist,  Schätze  herein!»  Ein  japanischer 
Maler  fafste  diesen  alten  Gebrauch  so  auf,  wie  es  im  Bilde  hier  wiedergegeben  ist.  Die  Versinnlichung 
des  bösen  Geistes  verdient  einen  Blick,  weil  es  der  Teufel  ist,  wie  ihn  die  Volkslehre  des  Buddhismus 
darstellt.  Hartnäckig  zögernd  läfst  ihn  der  Maler  entweichen  und  Reichtum  und  Schätze  an  seine 
Stelle  treten. 

Die  kleine  Kapelle,  welche  auf  einem  pyramidenförmigen  Gemäuer  hinter  dem  Vordergründe 
emporragt,  zeigt  uns  ein  Sintögrabmal  aus  früherer  Zeit.  Das  aus  rohbehauenen  Basaltsteinen  zusammen- 
gefügte Mauerwerk  gleicht  ganz  den  bekannten  cyklopischen  Mauern.  Tempel-  und  Festungsmauern 
in  Japan  sind  durchgehends  auf  diese  Art  gebaut.  Das  Säulenthor  führt  nach  dem  Grabmale  und  ist 
den  Tempeln  des  Sintödienstes  eigen.  Von  Holz,  Stein  oder  Erz  verfertigt,  erheben  sich  diese  Ehren- 
thore  oft  zu  einem  grofsgestaltigen  Säulenpaare,  und  die  Baukunst  erkennt  in  ihnen  eine  eigentümliche 
Säulenordnung. 

Im  Vordergründe  dieses  Gemäldes  sind  unter  anderen  noch  einige  bemerkenswerte  Gegenstände 
aufgestellt.  Den  vergleichenden  Altertumsforscher  wird  das  dreifüfsige  Gefäfs  anziehen.  Die  krokodil- 
ähnliche Verzierung  auf  dem  Deckel,  die  Schildkrötenköpfe  am  Fufsknie,  überhaupt  die  ganze  Form 
wird  ihm  nicht  gleichgültig  sein,  da  er  ähnliche  Gefäfse  auf  dem  Festlande  von  Asien  und  Amerika 
vorfindet.  In  Japan  dient  dasselbe  als  Rauchgefäfs  am  Opfertische  des  Hausschutzgottes. 

Das  gekrümmte  Juwel  (Magatama),  Schatz,  Schmuck  und  Geld  der  alten  Bewohner  Japans, 
liegt  neben  der  chinesischen  Münze  Hanriö,  die  unter  dem  chinesischen  Kaiser  Zin  Schi  hoäng-ti 
(220  vor  Chr.)  in  China  gegossen  und  von  chinesischen  Ansiedlern  in  frühester  Zeit  nach  Japan  ge- 
bracht worden  ist. 

Als  Tonmafs  finden  wir  hier  die  alte  Panflöte,  als  Kriegstrompete  die  Schnecke  der  Tritonen, 
und  unter  den  Kriegs-  und  Machtzeichen  liegt  das  Beil  der  römischen  Fasces.  Der  Magnet,  der  schon 
im  siebenten  Jahrhundert  in  den  japanischen  Jahrbüchern  als  ein  Rad,  das  den  Norden  anzeigt,  an- 
geführt ist,  erweist  sich  hier  als  aufsereuropäische  Erfindung. 

Die  öffentliche  Gottesverehrung  in  Japan  zu  versinnbildlichen,  nimmt  auf  diesem  Titelbilde 
Marisiten  eine  viel  zu  erhebliche  Stelle  ein,  da  dieser  erst  in  späterer  Zeit  mit  der  Lehre  des  Buddha  nach 
Japan  gebracht  wurde  und  daselbst  nur  als  eine  Nebengottheit  verehrt  wird.  Tensjö  daizin,  die 
himmelerleuchtende  grofse  Gottheit,  würde  ein  treffenderes  Sinnbild  gewesen  sein.  Merkwürdiger  und 
wichtiger  aber  erscheint  hier  Marisiten  dem  Altertumsforscher,  der  in  diesem  fremdgestalteten  Götter- 
bilde Ares,  Mavors,  jene  mächtige  Gottheit  der  alten  Skythen  und  Thracier,  jenen  Schutzgott,  der  mit 
pelasgischen  Horden  nach  Hellas  einwanderte,  den  Kriegsgott  Mars,  dessen  Söhne  die  Siebenhügelstadt 
gründeten,  zu  erkennen  glaubt.  Überhaupt  bilden  die  meisten  hier  dargestellten  Gegenstände  ergiebigen 
Stoff  zu  Vergleichungen  mit  den  Traditionen  anderer  Völker,  und  wenn  auch  bei  ihrer  Zusammen- 
stellung eine  übereinstimmende  sinnbildliche  Darstellung  nicht  beabsichtigt  worden,  läfst  sich  doch  das 
Ganze  leicht  in  Zusammenhang  fassen  und  das  Titelbild  sich  auch  sinnbildlich  auslegen. 

Einem  göttlichen  Krieger  verdankt  das  Reich  Dai  Nippon  seine  Entstehung;  denn  es  war  Zinmu 
Tenwö,  der  verklärte  Beherrscher  der  Menschen,  der  die  rohen  Stämme  zu  einem  Volke  vereinigte 
und  Ahnherr  einer  tausendjährigen  Herrscherreihe  wurde.  Als  Schutzgötter  walten  die  kaiserlichen  Vor- 
fahren fortwährend  über  Nippon,  dem  Sonnenaufgangslande,  und  wehren  Unheil  ab  mit  vielarmiger 
Kraft.  Hö,  der  Segen  des  Himmels,  sieht  mild  auf  die  friedlichen  Inseln  hernieder,  und  Tengu,  der 
himmlische  Wächter,  schwingt  über  dem  Götterlande  (Sin-koku)  das  Schwert  gegen  dessen  Feinde. 
Kühn  und  stark  vergegenwärtigt  Jamato  take  die  Heldenschar,  die  aus  einem  Volke  hervorgegangen 
ist,  das  sich  niemals  unter  fremde  Oberherrschaft  gebeugt  hat,  das  unbesiegt  geblieben  ist,  seitdem  es 
Ein  Volk  ist. 

Seht  hier  ein  glücklich  Land , über  dem  die  wohlthätige  Morgensonne  eines  hundertjährigen 
Friedens  verweilet,  — ein  Volk,  beschirmt  von  einer  durch  ihre  Tugenden  vergötterten  Herrscherreihe, 
bewahrt  durch  Wohlstand  und  Zufriedenheit  vor  unreifen  Neuerungen,  — glückliche  Bürger,  denen 
alte  Sitten  und  Gebräuche  zu  Gesetz  und  Lebensregel  geworden  und  in  unverfälschter  Volkstümlich- 
keit mit  jedem  Jahre  sich  erneuern!  So  deutet  das  Bild  und  setzt  ihm  die  vor  mehr  als  einem  Jahr- 


VIII 


Erklärung  des  Titelbildes. 


hundert  gesprochenen  Worte  unter:  «Vigent  — concordes  cives:  Cives  diis  suis  cultum,  legibus 

morem,  superioribus  observantiam,  paribus  officia  praestare  edocti:  Cives  morum,  artium,  virtutum  atque 
elegantiarum  omnium  genere  prae  ceteris  mortalibus  florentes:  Cives  intestinis  commerciis,  fundi  uber- 
tate,  corporum  robore,  animorum  vigore,  vitae  necessitatibus,  patriae  suae  tranquillitate  prosperrimi: 
qug  seu  pristinam  licentiam  suam  considerent,  seu  remotissimorum  temporum  historias  excutiant,  non 
reperiunt  feliciori  statu  Patriam,  quam  ubi  summi  Principis  arbitrio  moderata,  ab  exterarum  gentium 
communione  maxime  abstracta  et  occlusa  est !« 1 


1 Engelberti  Kaempferi  Amoenitatum  exoticarum  politico-physico  medicarum  fasciculi  V.  Lem- 
goviae  1712.  4.  Fase.  II,  pag.  502. 


Vorwort  zur  zweiten  Auflage. 


ein  Volk  hat  in  der  jüngsten  Zeit  so  sehr  die  Aufmerksamkeit  der  ganzen 
Welt  auf  sich  gelenkt  wie  das  der  Japaner.  Das  plötzliche  Auftreten 
einer  bisher  fast  unbeachteten,  nunmehr  einheitlich  ausgebildeten  Macht 
im  fernsten  Osten  war  die  gröbste  Überraschung,  welche  das  zu  Ende 
gehende  19.  Jahrhundert  dem  alternden  Westen  bereiten  konnte.  In 
Wirklichkeit  war  es  aber  nur  die  natürliche  Entwicklung  von  längst  vorhandenen 
Kulturelementen,  welche  in  dem  mit  jugendlicher  Lebenskraft  begabten  japanischen 
Volke  bis  jetzt  geschlummert  hatten  und  nur  eines  äufseren  Anstofses  bedurften,  um 
der  Welt  ein  nie  dagewesenes  Schauspiel  einer  nationalen  Wiedergeburt  zu  geben. 
Anerkannterweise  wirkten  hierbei  veredelnd  und  aufklärend  die  Keime  deutscher 
Wissenschaft  und  deutschen  Geistes  in  hervorragender  Weise  mit,  welche  schon  in 
dem  ersten  Drittel  dieses  Jahrhunderts  deutsche  Gelehrte,  namentlich  Ph.  Fr.  von 
Siebold,  dort  während  eines  siebenjährigen  Aufenthaltes  gesäet,  und  welche  seine 
Schüler  und  deren  Nachkommen  während  zwei  Generationen  mit  bewunderungs- 
würdigem Verständnisse  im  ganzen  Reich  einführten  und  verbreiteten.  Gerade  dieser 
Deutsche  war  es  aber  auch,  welcher  Japan  noch  unberührt  von  europäischen  Ein- 
flüssen in  seinem  eigentümlich  jungfräulichen  Zustand  kennen  lernte,  erforschen  und 
beschreiben  konnte,  ein  Vorzug,  welcher  durch  den  fortschrittlichen  Geist,  der  jetzt 
das  Inselreich  durchweht,  auf  immer  den  späteren  Forschungsreisenden  entzogen  ist. 

Darum  ist  aber  auch  das  Werk  Siebolds  «Nippon»  für  Japan  ein  Beweis  seiner 
damaligen  hohen  Gesittung,  ein  kulturhistorisches  Denkmal.  Der  kaiserliche  Hof  von 
Japan,  sowie  edle  Fürsten  und  Herren,  welche  stolz  auf  die  Vergangenheit  ihres  Vater- 
landes zurückblicken,  sind  es  gewesen,  welche  nicht  nur  den  Gedanken  einer  neuen 
Auflage  desselben  freudig  begrüfsten,  sondern  auch  durch  die  Bewilligung  namhafter 
Mittel  die  Ausstattung  des  Werkes  und  die  Wiedergabe  der  künstlerisch  vollendeten 
Illustrationen  des  «Nippon»  ermöglichten.  Was  einst  deutscher  Fleifs  und  deutscher 
Wissensdrang  gesammelt  und  bearbeitet,  wird  nun  durch  japanische  Hochherzigkeit 
und  Freigiebigkeit  erneuert. 

Dem  Verfasser,  welcher  unter  dem  damaligen,  nunmehr  längst  aufgegebenen 
System  politischer  Abgeschlossenheit  in  Japan  verfolgt,  gefangen  und  von  dort  ver- 
bannt ward,  wird  nun  nach  seinem  Tode  noch  die  Genugthuung  zu  teil,  dafs  sein 
Werk  mit  der  Unterstützung  des  kaiserlichen  Hofes,  des  kaiserlichen  Prinzen  Taru- 
hito  Arisugawa  und  der  Mitglieder  des  hohen  japanischen  Adels,  namentlich  der 


X 


Vorwort  zur  zweiten  Auflage. 


Herren  Marquis  Tokugawa  Azujosbi  zu  Mito  in  Hitachi,  Marquis  Kuroda  Naga- 
shige  zu  Fukuoka,  Marquis  Nabeshima  Naoshiro  zu  Hisen,  Marquis  Ikeda  Terutomo 
zu  Totori  in  Inaba,  Marquis  Date  Muneki  zu  Uwajima  in  Ijo,  Graf  Tsugaru  Inagaki 
zu  Hirosaki  in  Mutsu,  Graf  Omura  Jumio  zu  Omura  in  Hisen,  Graf  Ogasawara 
Tadajoshi  zu  Kokura  in  Busen,  Vicomte  Matsudaira  Shiusei  zu  Kamejama  in  Tamba, 
Vicomte  Morijoshi  Nagaoka  zu  Knmamoto  in  Higo,  aufs  neue  zur  Veröffent- 
lichung gelangt. 

Die  erste  Auflage  des  Nippon,  welche  im  Selbstverlag  des  Verfassers  in  Liefe- 
rungen erschien,  blieb,  wie  bekannt,  leider  unvollendet.  Es  ist  das  Bestreben  der 
Herausgeber  der  zweiten  Auflage  gewesen,  diese  Lücken  auf  Grund  der  hinterlassenen 
Aufzeichnungen  auszufüllen  und  somit  das  Werk  nach  dem  ursprünglichen  Entwürfe 
zu  vollenden.  Diese  Arbeit  wurde  durch  den  glücklichen  Umstand  erleichtert,  dafs 
unter  dem  hinterlassenen  Material  die  fehlenden  Teile  in  fast  vollendeter  Ausarbeitung 
vorgefunden  wurden,  sodafs  die  Herausgeber  blofs  die  letzte  Hand  anzulegen  brauchten. 
Gleichzeitig  wurde  aber  die  Original-Ausgabe  des  Nippon  einer  gründlichen  Durchsicht 
unterworfen,  wobei  aufser  den  von  Dr.  Hoffmann  bearbeiteten  Teilen,  die  Übersicht 
der  Entdeckungen  der  Europäer  im  Seegebiet  von  Japan,  die  Skizze  der  Hofreise, 
sowie  die  Anmerkungen  und  einige  kleinere  Abhandlungen  in  Wegfall  kamen.  In  der 
Schreibweise  der  japanischen  Wörter  wurde  das  System  des  Verfassers  beibehalten, 
wenn  es  auch  für  notwendig  erachtet  wurde,  einige  Abweichungen  zu  adoptieren, 
wie  z.  B.  an  der  Stelle  des  bisherigen  F ein  H tritt,  also  Hizen  statt  Fizen  und  Higo 
statt  Figo  geschrieben  wird,  während  L gleichmäfsig  durch  R ersetzt  wird  und  daher 
Harima  statt  Halima  zu  lesen  ist. 

Herr  L.  Vuijck,  Assistent  bei  dem  botanischen  Institut  in  Leiden,  hat  die  Güte 
gehabt,  die  Korrektur  der  botanischen  Namen  auf  Grundlage  der  dortigen  Herbarien 
vorzunehmen. 

Treu  den  Prinzipien  und  in  Übereinstimmung  mit  dem  Zweck  des  früheren 
Werkes  wird  dasselbe  ein  wahrhaftes  Bild  des  japanischen  Volkes,  seiner  Regierungs- 
form, Geschichte  und  Religion,  zur  Zeit  seiner  gröbsten  Originalität  geben.  Die  neue 
Auflage  bezwTeckt  also  nicht,  Japan  zu  schildern,  w7ie  es  heute  ist,  wo  seine  Einrich- 
tungen und  das  Volksleben  mehr  und  mehr  unter  den  Einflüssen  des  Westens  sich 
zersetzen  und  umbilden,  sondern  das  Werk  soll  das  alte  Japan,  wie  es  bis  zur  Mitte 
dieses  Jahrhunderts  lebte  und  strebte,  dem  Leser  vor  Augen  führen  und  dadurch  zu- 
gleich ein  Meilenstein  in  der  historischen  Entwicklung  Japans  werden.  Es  wird  den 
Ausgangspunkt  bezeichnen,  von  welchem  nach  vielhundertjährigem  Stillstände  das 
Reich  wieder  unter  dem  kaiserlichen  Scepter  vereint,  einen  grofsartigen  Aufschwung 
genommen.  Vergleiche  zwischen  einst  und  jetzt,  zwischen  den  Verhältnissen,  wie 
sie  unser  Vater  erlebt  und  beschrieben,  und  dem  heutigen  Japan  werden  den  Beweis 
liefern,  welch  weiten  Weg  dieses  Volk  in  so  kurzer  Zeit  zurückgelegt.  Je  enger 
und  rauher  die  Pfade  waren,  die  es  durchwanderte,  desto  gröfser  sind  die  Erfolge, 
den  Vaterlandsliebe,  Ausdauer  und  Opferwilligkeit  erzielt  haben. 

Würzburg,  November  1896. 


Alexander  Freiherr  von  Siebold.  Heinrich  Freiherr  von  Siebold. 


Philipp  Franz  von  Siebold. 

Eine  biographische  Skizze. 1 


hilipp  Franz  von  Siebold,  Oberst  beim  niederländisch -indischen  General- 
stab, der  gründlichste  Erforscher  Japans,  stammt  aus  einer  fränkischen 
Gelehrtenfamilie.  Er  wurde  zu  Würzburg  am  17.  Februar  1796  als  Sohn 
des  Professors  der  Medizin  und  Chirurgie  Johann  Georg  Christoph  von 
Siebold  geboren,  der  mit  Apollonia,  geb.  Lotz,  vermählt  war. 

Sein  Grofsvater  war  der  bekannte  Karl  Kaspar  von  Siebold,  den  seine  Zeit- 
genossen «Chirurgus  inter  germanos  princeps»  nannten  und  welcher  der  Stifter  einer 
Äskulapenfamilie  wurde,  die,  über  ganz  Deutschland  verbreitet,  der  medizinischen 
Wissenschaft  die  gröbsten  Dienste  geleistet  hat. 

Seine  erste  Erziehung  genofs  Philipp  Franz  von  Siebold,  dessen  Vater  schon  im 
Jahre  1798  gestorben  war,  unter  der  Obhut  seines  Oheims,  des  Domkapitulars  Lotz 
in  Würzburg.  Er  studierte  seit  1815  auf  der  Universität  seiner  Vaterstadt,  wo  er 
neben  der  Medizin  sich  mit  Naturwissenschaften,  Länder-  und  Völkerkunde  beschäf- 
tigte und  1820  die  medizinische  Doktorwürde  erlangte.  Er  war  der  Schüler  Döl- 
lingers,  des  Freundes  seines  Vaters  geworden,  in  dessen  Hause  er  mit  Oken,  Nees  von 
Esenbeck,  d’ Alton,  Pander,  Cretschmar,  Gärtner,  Sömmering  und  vielen  andern  Natur- 
forschern bekannt  wurde.  Im  Umgang  mit  diesen  Männern  wurde  seine  Vorliebe  für 
die  Naturwissenschaften  genährt  und  der  Wunsch,  aufsereuropäische  Länder  zu  be- 
suchen, geweckt. 

Als  flotter  Student  gehörte  er  dem  Corps  Moenania  an,  dem  er  zeitweise  als 
Senior  Vorstand  und  stets  die  wärmste  Anhänglichkeit  bewahrte.  Er  verstand  es  je- 
doch, ernstes  Studium  mit  dem  frischen  fröhlichen  studentischen  Treiben  zu  vereinen, 
und  seine  späteren  Leistungen  auf  dem  Gebiete  der  Naturwissenschaften,  der  Geo- 
graphie und  Ethnographie  geben  einen  glänzenden  Beweis  dafür,  dafs  er  seinen  Uni- 
versitätsstudien mit  grolser  Pflichttreue  nachgekommen.  Wir  besitzen  aus  dem  Jahre 
1818  ein  Schreiben  von  ihm  an  seinen  Onkel  Adam  Elias  von  Siebold,  in  welchem 


1 Vergleiche:  Denkwürdigkeiten  aus  dem  Leben  und  Wirken  von  Ph.  Fr.  von  Siebold  zur  Feier 
seines  hundertjährigen  Geburtstags,  zusammengestellt  von  seinem  ältesten  Sohne  Alexander  Freiherrn 
von  Siebold.  Würzburg  1896.  Verlag  von  Leo  Woerl. 


XIV 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


Bestimmung  näher;  denn  ich  gedenke  im  nächsten  Sommer  zu  promovieren.  Dafs 
ich  fleifsig  studiere,  und  meine  Herren  Professoren  mit  mir  zufrieden  sind,  wird  Ihnen 
mein  Herr  Oheim-Dechant  geschrieben  haben.  Man  wird  täglich  klüger,  und  so  sind 
auch  die  jugendlichen  Sprünge  aus  meinem  Kopfe.» 

In  demselben  Schreiben  erwähnt  er,  dafs  er  seit  i1/ 2 Jahren  bei  Hofrat  Döllinger 
wohne;  «ein  Mann,  unter  dessen  Leitung  ich  mich  sicher  zu  Ihrem  (seines  Onkels) 
Wohlgefallen  ausbilden  werde». 

Der  Schlufs  des  Schreibens  ist  charakteristisch:  «Ich  will  schliefsen  mit  dem 
wiederholten  Versprechen,  dafs  ich  dem  Namen  v.  Siebold  Ehre  machen,  und  wenn’s 
der  Himmel  will,  in  Würzburg  aufrecht  erhalten  werde». 

Wie  wenig  ahnte  er  damals,  dafs  statt  in  Würzburg  sein  Stern  ihm  im  fernen 
Osten  Asiens  aufgehen  werde,  aber  das  Versprechen,  dem  Namen  Ehre  zu  machen, 
hat  er  getreu  gehalten! 

Nachdem  von  Siebold  den  Doktorgrad  erlangt  hatte,  folgte  er  im  Jahre  1822  mit 
Erlaubnis  Seiner  Majestät  des  Königs  von  Bayern  einem  Rufe  nach  dem  Haag, 
wo  er  durch  Vermittlung  Haarbauers,  eines  Schülers  seines  Vaters,  Leibarzts  des 
Königs  der  Niederlanden  Wilhelm  I.,  am  21.  Juli  1822  durch  kgl.  Erlafs  zum 
Chirurgyn -Major  in  der  niederländisch-indischen  Armee  ernannt  wurde.  Es  wurde  ihm 
gleichzeitig  in  Aussicht  gestellt,  in  den  Kolonien  mit  Naturforschung  beauftragt  zu 
werden.  Nachdem  von  Siebold  noch  auf  kurze  Zeit  Paris,  Frankfurt  und  Bonn  besucht 
und  sich  mit  den  dortigen  Gelehrten  — - Cuvier,  Nees,  Abel  Remusat,  W.  v.  Schlegel, 
Cretschmär  u.  a.  — über  die  Ziele  seiner  Forschungen  beraten  und  in  literarischen 
Verkehr  gesetzt  hatte,  begab  er  sich  über  den  Haag  nach  Rotterdam  und  schiffte  sich 
am  23.  an  Bord  der  bereits  auf  der  Rhede  liegenden  «jongen  Adriane»  nach  Batavia 
ein.  Dieselbe  war  ein  gut  ausgerüstetes  Fregattenschiff  von  400  Tonnen,  befehligt 
von  Kapitän  Bonn,  einem  tüchtigen  Seemann.  Die  Schiffsequipage  belief  sich  auf 
29  Köpfe,  und  aufserdem  waren  noch  100  Soldaten,  4 Offiziere  und  einige  Frauen 
und  Kinder  an  Bord. 

Schon  während  dieser  Reise,  welche  um  das  Kap  der  guten  Hoffnung  ging, 
machte  von  Siebold,  wie  die  zurückgelassenen  Notizen  beweisen,  naturwissenschaftliche 
Studien,  die  er  nach  seiner  Ankunft  auf  Java  auf  das  eifrigste  fortsetzte.  Seine  An- 
kunft daselbst  erfolgte  Anfang  April  1823,  und  er  wurde  durch  Beschlufs  des  General- 
gouverneurs vom  18.  April  dem  5.  Artillerie -Regiment  zu  Weltefreden  zugeteilt. 
Es  bot  sich  ihm  aber  dort,  nach  kaum  einmonatlichem  Aufenthalt,  die  seltene  Gelegen- 
heit, das  bis  dahin  fast  ganz  unerforschte  Japan  kennen  zu  lernen.  Es  wurde  ihm  von 
dem  Generalgouverneur  Baron  van  der  Capellen  angeboten,  die  neue  nach  Japan  ab- 
gehende holländische  Mission  zu  begleiten  und  dort  in  der  Eigenschaft  als  Arzt  bei 
der  Faktorei  auf  Dezima  zu  bleiben  und  sich  im  Aufträge  der  Regierung  mit  wissen- 
schaftlichen, namentlich  aber  mit  naturwissenschaftlichen  Studien  zu  beschäftigen.  Der 
damalige  Zeitpunkt  war  für  die  Entwicklung  der  handelspolitischen  Interessen  Nieder- 
lands von  grofser  Bedeutung.  Als  Holland  nämlich  seine  Besitzungen  in  Ostindien 
nach  Schlufs  der  napoleonischen  Kriege  wieder  erhalten,  bestrebte  sich  die  nieder- 
ländische Regierung  auf  lobenswerte  Weise,  mit  den  neuen  Staats-  und  Handelsein- 
richtungen in  den  Kolonien  auch  etwas  für  die  Pflege  der  Wissenschaften  und  die 
Kenntnis  der  Länder  zu  thun,  welche  zu  den  niederländischen  Kolonien  gehören.  Der 
Generalgouverneur  hatte  bereits  eine  Reihe  von  neuen  Niederlassungen,  Pflanzungen 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


XV 


und  andere  nützliche  Einrichtungen  auf  Java  gegründet  und  war  bestrebt,  die  natur- 
wissenschaftlichen und  ethnographischen  Verhältnisse  der  verschiedenen  Schutzgebiete 
sowie  der  Völker  kennen  zu  lernen,  mit  welchen  Niederland  damals  im  Handelsver- 
kehr stand.  Besonders  Japan  hatte  die  Aufmerksamkeit  der  niederländisch -indischen 
Regierung  auf  sich  gezogen.  Dasselbe  war  für  sämtliche  europäische  Staaten  mit 
Ausnahme  von  Holland  bis  dahin  verschlossen  geblieben,  und  wenn  auch  der  Handel 
nicht  mehr  dieselben  Vorteile  einbrachte  wie  in  früheren  Jahren,  so  hoffte  man  den- 
noch aus  dem  noch  bestehenden  Monopol  einen  gröfseren  Nutzen  zu  ziehen.  Bei 
dem  Entwurf  zur  Verbesserung  der  Handelsbeziehungen  mit  Japan  war  die  nieder- 
ländische Regierung  zugleich  auf  Einrichtungen  bedacht,  die  der  Wissenschaft  dort 
förderlich  sein  könnten.  Man  wufste,  dafs  einzelne  Japaner  europäische  Wissenschaften 
schätzten,  dafs  das  Volk  überhaupt  wifsbegierig  und  mit  den  Niederländern  auf  Dezima 
in  gutem  Einvernehmen  stand.  Medizin,  Naturgeschichte  und  Mathematik  waren  bei 
den  Japanern  von  jeher  beliebt  und  ob  es  nun  aus  wissenschaftlichem  oder  einem 
andern  Eiteresse  geschah,  so  waren  gebildete  Personen  bei  der  niederländischen  Fak- 
torei denselben  stets  willkommen  gewesen,  und  Ärzte  besonders  wurden  gut  auf- 
genommen. Man  glaubte  daher,  durch  die  Sendung  eines  Arztes  und  Naturforschers 
auch  die  handelspolitischen  Absichten  zu  unterstützen.  Mit  Freuden  nahm  von  Siebold 
einen  Ruf  an,  der  so  ganz  seinen  Wünschen  entsprach  und  dem  Ziele,  das  er  sich 
bei  seiner  Reise  nach  Ostindien  vorgesteckt,  so  nahe  brachte.  Nachdem  er  noch  von 
seinem  Gönner,  dem  Generalgouverneur  Baron  van  der  Capellen,  auf  seinem  Land- 
sitze zu  Beutenzorg  Abschied  genommen  hatte,  besorgte  er  sich  eine  Anzahl  der 
nötigsten  physikalischen  und  mathematischen  Instrumente,  wobei  es  von  Interesse  ist 
zu  bemerken,  dafs  sich  darunter  eine  grofse  Elektrisiermaschine,  eine  Luftpumpe  und 
ein  galvanischer  Apparat  befanden,  womit  er  die  Aufmerksamkeit  der  Japaner  zu  er- 
wecken hoffte. 

Die  nach  Japan  bestimmten  Fahrzeuge  lagen  auf  der  Rhede  von  Batavia  bereit. 
Es  waren  dies  «de  drie  gezusters»  und  die  «Onderneming»  und  die  Abreise  war  auf 
den  28.  Juni  festgesetzt.  Der  Gesandte  und  Vorstand  des  niederländischen  Handels, 
Oberst  de  Stürler,  begab  sich  an  Bord  des  ersten  dieser  zwei  Schiffe,  und  sein  Stab, 
zu  dem  Siebold  gehörte,  schiffte  sich  mit  ihm  ein. 

Das  Reisejournal  Siebolds  enthält  über  diese  Reise  interessante  Notizen,  welche 
gleichzeitig  einen  Einblick  in  sein  innerstes  Seelenleben  gestatten.  «Seit  9 Monaten», 
heifst  es  an  einer  Stelle,  «habe  ich  Europa  verlassen,  5 Monate  auf  dem  weiten  Ozean 
zugebracht,  glücklich  das  Land  meiner  Bestimmung  erreicht;  als  Neuling  in  einem 
tropischen  Klima  ward  ich  von  einer  schweren  Krankheit  heimgesucht  und  befand  mich 
als  Militärarzt  öfters  mifsvergnügt.  Unerwartet  sehe  ich  mich  nun  diesen  Verhältnissen 
entrückt;  dem  Ziele,  das  ich  mir  bei  meiner  Reise  nach  Ostindien  vorgesteckt,  näher 
gebracht,  stand  ich  im  Begriffe,  nach  einem  so  merkwürdigen  Lande,  einem  der 
fernsten,  die  Europäer  besuchen,  hinzusteuern,  aber  leider  nicht  nach  einem  Lande, 
wo  diese  als  freie  Männer  leben,  nein,  nach  einem  Lande,  wo  die  Staatsklugheit  einer 
asiatischen  Nation  uns  abgeschlossen  hält  von  allem  freien  Verkehr  mit  Land  und  Volk. 

Doch  die  Beispiele  von  Enthusiasmus  und  Ausdauer,  welche  uns  die  Geschichte 

aus  dem  Leben  der  Naturforscher  und  Reisenden  aufbewahrt,  halten  meinen  Mut  auf- 
recht, und  wenn  die  reiche  aufgeregte  Einbildungskraft  eines  jungen  Reisenden  sich 
vorhält,  wie  diese  jede  Mühseligkeit  ertrugen  und  Gefahren  sich  hingaben,  dann  fühlte 


XVI 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


er  sich  unwiderstehlich  angetrieben,  dem  Orte  entgegenzueilen , wo  dem  Verehrer 
und  Beförderer  der  Wissenschaft  ein  Opferherd  lodert,  um  auch  da  seine  geringen 
Gaben  niederzulegen. » 

Mit  diesem  Vorsatze  verliefs  Siebold  Batavia  und  trat  die  mühselige  Reise  mit 
den  langsam  segelnden,  von  allerlei  tropischem  Ungeziefer  wimmelnden  Schiffen  bei 
schlechtem  Trinkwasser  und  noch  schlechterer  Kost  an. 

Die  gefahrvolle  Reise  erreichte  am  5.  August  ihren  Höhepunkt,  als  die  Schiffe 
an  der  Küste  von  Japan  in  einen  Cyklon,  der  in  den  dortigen  Gewässern  Taifun  ge- 
nannt wird,  geriet.  Die  Beschreibung  dieses  Sturmes,  welcher  das  Schiff  in  die  gröfste 
Gefahr  brachte,  finden  wir  im  Reisejournal  in  packenden  Zügen  niedergeschrieben. 1 

Glücklicherweise  widerstand  das  kräftig  gebaute  Schiff  dem  Anprall  der  Elemente 
und  führte  seine  Reisenden  am  11.  August  1823  nach  dem  Hafen  von  Nagasaki. 

So  war  Siebold  glücklich  am  Ziel  seiner  Wünsche  angelangt,  und  er  begab  sich 
sofort  an  die  Arbeit,  welche  nicht  nur  durch  das  Mifstrauen  der  Japaner  und  die 
despotische  Strenge,  mit  welcher  die  Niederländer  fast  von  allem  Verkehr  mit  den 
Eingeborenen  abgeschnitten  waren,  sondern  auch  durch  die  kleinlichen  Intriguen  und 
Eifersüchteleien  seiner  europäischen  Schicksalsgenossen  auf  Dezima  erschwert  wurde. 
Die  dortigen  japanischen  Dolmetscher,  welchen  die  holländische  Sprache  fast  ge- 
läufiger war  als  Siebold,  hatten  bald  Verdacht  geschöpft,  dafs  er  kein  National- 
holländer sei.  Bei  der  etwas  mangelhaften  Kenntnis  der  Geographie  jedoch  wurde 
den  Beamten  erklärt,  dafs  der  Unterschied  einfach  darin  bestände,  dafs  Siebold  kein 
Niederdeutscher  oder  Niederländer  sei,  sondern  ein  Hochdeutscher,  und  zum  Über- 
setzen dieses  Begriffs  bediente  man  sich  des  eigentümlichen  Ausdrucks  Jama  Hol- 
landa,  d.  i.  «Bergholländer  oder  wilder  Holländer». 

Über  Siebolds  Thätigkeit  in  Japan  besitzen  wir  eine  interessante  Urkunde  in 
dem  Schreiben,  welches  er  am  18.  November  1823  an  seinen  Onkel  Adam  Elias 
von  Siebold  richtete.  — Er  schreibt  u.  a. : «Ich  bin  glücklich  auf  Japan  angekommen 
und  verlebe  in  meiner  rastlosen  Thätigkeit  im  Felde  der  gesamten  Natur-  und  Heil- 
kunde die  angenehmsten  Tage  meines  Lebens.  Das  merkwürdigste  Land  der  Welt 
zu  untersuchen  ward  mir  demnach  zu  teil.  — — Im  nächsten  Jahre  werde  ich 
Ihnen  eine  interessante  Abhandlung  über  den  Zustand  der  Medizin,  Chirurgie  und 
Geburtshülfe  in  Japan  mitteilen  und  dieselben  jährlich  fortsetzen.  Ich  erwarte  einen 
Zeichner  aus  Europa,  der  mir  dabei  von  Nutzen  sein  wird.  Ich  habe  eine  Disser- 
tation geschrieben  «de  Historiae  naturalis  in  Japonia  statu»  etc.  Ich  habe  25  bis  jetzt 
in  keinem  Schreiben  über  Japan  als  daselbst  einheimisch  bemerkten  Tiere  beschrieben. 
— — — Ich  habe  noch  viele  zoologische  Entdeckungen  und  bei  weitem  mehr  bo- 
tanische (gemacht).  — — — Jch  halte  hier  wöchentlich  Vorlesungen  in  hollän- 
discher Sprache  über  Natur-  und  Heilkunde.  Unter  sechs  Jahren  verlasse  ich  Japan 
(nicht)  und  auf  keinen  Fall  eher,  als  bis  ich  eine  ausführliche  Beschreibung  von 
Japan,  ein  Museum  Japonicum  und  eine  Flora  geliefert  habe,  und  dann  glaube  ich, 
in  Europa  unserem  Namen  Ehre  zu  machen.»  Als  Postscriptum  erwähnt  er  be- 
scheiden: «Ich  habe  die  Vaccine  auf  Japan  eingeführt».  — Diese  für  Japan  uner- 
mefsliche  Wohlthat  wird  auch  durch  sein  Tagebuch  der  Reise  nach  Jedo  im  Jahre 
1826  bestätigt,  wo  er  verschiedene  Impfversuche  anstellte  und  die  Leibärzte  des 
Sjögun  mit  diesem  Verfahren  bekannt  machte. 

1 Vergleiche  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823.  Nippon,  2.  Auflage.  Seite  34. 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


XVII 


So  befand  sich  Siebold  inmitten  einer  ihm  zusagenden  Thätigkeit,  und  seine  Be- 
ziehungen zu  den  japanischen  Gelehrten  und  Ärzten  waren  die  denkbar  besten. 
Selbst  die  strengen  Regierungsbeamten  drückten  ein  Auge  zu  und  gestatteten  ihm  nach 
und  nach  täglich  den  Ausgang  von  Dezima,  wo  die  übrigen  Mitglieder  der  Faktorei 
inklusive  ihres  Vorstands  wie  Staatsgefangene  streng  bewacht,  nur  ein-  oder  zwei- 
mal des  Jahres  die  Insel  verlassen  durften  und  zwar  nur  unter  amtlicher  japa- 
nischer Aufsicht.  Siebold  erwarb  später  ein  heute  noch  im  Besitz  der  Fa- 
milie verbliebenes  Landhaus  zu  Narutaki,  selbstverständlich  unter  einem  japanischen 
Namen,  und  dort  versammelten  sich  seine  Schüler;  aus  allen  Landesteilen  strömten 
Kranke  hin,  und  dort  kamen  alle  Wifs-  und  Lernbegierigen  zusammen,  um  den  frem- 
den «Meester»,  wie  sie  ihn  nannten,  zu  sehen  und  zu  hören.  Es  war  eine  geistige 
Mission  im  wahren  Sinne  des  Wortes.  In  der  Chirurgie  hatte  er  sich  besonders 
der  Augenheilkunde  gewidmet  und  darin  Erfolge  erzielt.  Die  den  japanischen  Ärzten 
ganz  unbekannten  Staaroperationen,  wodurch  manchem  Erblindeten  das  Augenlicht 
wiedergegeben  wurde,  stempelten  Siebold  in  den  Augen  des  Volkes  zu  einem  wahren 
«Wunderdoktor»,  im  besten  Sinne  des  Wortes.  — Heute  noch  zirkulieren  im  Volks- 
munde die  fabelhaftesten  Legenden  über  Kuren,  die  er  vollbracht,  und  über  die  Zahl 
der  Menschenleben,  die  er  durch  seine  Geschicklichkeit  gerettet  hätte.  Da  viele 
seiner  Schüler  selbst  ältere  Mediziner  waren,  welche  bereits  einen  Kreis  von  eigenen 
Schülern  besafsen,  so  schwollen  die  Anhänger  der  neuen  wissenschaftlichen  oder,  wie 
sie  es  nannten,  der  holländischen  Schule  (im  Gegensätze  zur  chinesischen  Schule,  die 
von  ihnen  heftig  bekämpft  wmrde)  schneeballähnlich  an,  und  die  Wurzeln  dieser  Ver- 
einigung drangen  bis  in  die  entferntesten  Provinzen  und  Schutzländer  Japans.  So 
war  es  auch  nur  möglich,  dals  sich  die  während  eines  siebenjährigen  Aufenthalts  ge- 
säte Saat  verbreiten  und  in  den  Boden  eindringen  konnte.  Bis  in  die  jüngste  Zeit 
findet  man,  selbst  in  den  höchsten  Regierungskreisen,  noch  Männer,  welche  von 
Schülern  Siebolds  ihren  ersten  Begriff  über  europäisches  Wesen  und  abendländische 
Wissenschaft  erhielten,  und  diesen  Männern  verdankt  Japan  seinen  überraschenden  Um- 
schwung und  Fortschritt.  Siebold  besafs  aber  auch  in  seiner  vielseitigen  Bildung  die 
Elemente,  welche  die  wdfsbegierigen  Japaner  anzog,  und  in  seinem  leutseligen 
Wesen,  verbunden  mit  einer  sorgsamen  Rücksicht  auf  alles,  was  dem  Japaner  heilig 
und  hehr  ist,  Eigenschaften,  welche  ihm  den  Erfolg  sichern  mufsten.  Von  Anfang 
an  hatte  er  sich  zum  Prinzip  gemacht,  keinerlei  Entgelt  für  seine  Krankenbehandlung 
anzunehmen,  während  er  selbst  mit  Geschenken  aller  Art  freigiebig  vorging.  Die 
von  Natur  generös  angelegten  Japaner  konnten  und  wollten  nun  hierin  nicht  Zurück- 
bleiben und  überhäuften  ihn  mit  Geschenken,  die  aber  immer  einen  ethnographischen 
Wert  oder  wissenschaftliches  Interesse  haben  mufsten,  um  Annahme  zu  finden.  Wäh- 
rend nun  die  damalige  Regierung  auf  das  strengste  den  Verkauf  von  allen  die  Ver- 
waltung, Topographie  oder  Geschichte  des  Landes  betreffenden  Werken  an  Aus- 
länder untersagt,  auch  alle  auf  Religion,  Kriegskunst  und  das  Hof  leben  bezüglichen 
Gegenstände  als  sekret  erklärt  hatte,  eine  Verordnung,  welche  soweit  ging,  dafs  die 
Ausfuhr  von  Kultusgegenständen,  Waffen,  Münzen,  Karten  und  der  meisten  Bücher 
(mit  Ausnahme  solcher  ganz  unschädlichen  Inhalts)  verboten  wurde,  und  dafs  selbst 
bei  kleinen  Modellen  und  bei  Spielsachen  die  Miniatur waffen  bei  der  Ausfuhr  abge- 
nommen werden  mufsten,  gelang  es  Siebold,  in  dieser  Hinsicht  eine  aufserordentlich 
reichhaltige  Sammlung  zusammenzustellen.  Mancher  geheime  Wunsch  des  «Meesters» 

v.  Sieb  old,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


II 


XVIII 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


wurde  von  den  dankbaren  Schülern  und  Patienten  verraten,  und  die  «Dissertationen«, 
welche  die  auf  ein  Doktor-Zeugnis  aspirierenden  Studenten  machen  mufsten  und  zu 
denen  Siebold  das  Thema  angab,  enthielten  meistens  wissenschaftliche  Beiträge  zur 
Kenntnis  des  Landes,  seiner  Gesetze,  Geschichte,  Sitten  und  Gebräuche  (in  holländischer 
Sprache),  welche  sonst  von  den  amtlichen  Spionen  der  sogenannten  Ometskes  kaum 
durchgelassen  worden  wären.  Endlich  folgte  1826  die  Gesandtschaftsreise  nach  Jedo 
an  den  Hof  des  Sjögun,  der  damals  von  Ausländern  als  sog.  weltlicher  Kaiser,  als 
der  (de  facto)  Regent  des  Landes  anerkannt  war.  Siebold,  begleitet  von  einer  Anzahl 
seiner  ergebensten  Schüler  und  eines  vorzüglichen  Malers,  wurde  es  vergönnt,  diese 
interessante  Reise  mitzumachen. 

Am  15.  Februar  verliefs  die  Gesandtschaft  Nagasaki,  reiste  über  Simonoseki  und 
Osaka  nach  Kioto,  der  alten  Kaiserstadt,  und  traf  nach  einer  langen  Reise  zu  Land 
und  Wasser  in  Jedo  ein,  wo  die  Audienz  bei  dem  Sjögun  nach  dem  hergebrachten 
japanischen  Ceremoniell  stattfand,  nämlich  so,  dals  die  Niederländer  auf  den 
Knieen  liegend,  sich  vor  dem  Fürsten  verbeugen  mufsten,  der  dann  geruhte, 
die  mitgebrachten  Geschenke,  nach  japanischer  Auffassung  ein  Tribut,  huldvollst 
entgegenzunehmen.  Der  Aufenthalt  in  Jedo  war  zwar  kurz,  doch  genügte  er, 
um  mit  den  Leibärzten  des  Sjögun  Freundschaft  zu  schliefsen  und  die  Bekanntschaft 
verschiedener  Gelehrter  zu  machen,  unter  welchen  die  des  Hofastronomen  Takahasi 
Sakasajemon  später  für  diesen  wie  für  Siebold  selbst  verhängnisvoll  werden  sollte. 
Seitens  seiner  Schüler  war  bei  der  Regierung  der  Gedanke  angeregt  worden,  Siebold 
in  Jedo  nach  Abreise  des  Gesandten  zu  behalten,  und  obwohl  die  niederländische 
Regierung  bereits  vertraulich  ihre  Zustimmung  gegeben  hatte,  scheiterte  die  Sache 
im  letzten  Moment  an  der  Opposition  der  Arzte  der  chinesischen  Schule  und  an  dem 
Mangel  an  Verständnis  des  Gesandten,  der  überdies  noch  die  Taktlosigkeit  beging, 
sich  mit  den  höheren  Staatsbeamten  über  eine  Frage  von  untergeordneter  Bedeutung 
zu  Überwerfen.  Unberechenbar  wären  einerseits  die  Folgen  gewesen,  welche  zu 
damaligen  Zeiten  ein  dauernder  Aufenthalt  Siebolds  in  Jedo  gehabt  hätte,  andererseits 
wäre  er  vielleicht  ein  Opfer  seines  Forscherstrebens  geworden,  wenn  die  Katastrophe, 
welche  später  durch  Entdeckung  seiner  kartographischen  Arbeiten  in  Nagasaki,  einer 
entfernten  Provinzstadt,  ausgebrochen,  in  der  Hauptstadt  selbst  unter  den  Augen  des 
Sjögun  zur  Entscheidung  gekommen  wäre. 

Auf  der  Hin-  und  Rückreise  hatte  er  im  geheimen  bei  den  wichtigsten  geo- 
graphischen Punkten  die  Längen-  und  Breitenmessungen  vorgenommen  und  eine 
hydrographische  Aufnahme  der  Meerenge  von  Simonoseki,  der  japanischen  Dardanellen, 
mit  Hilfe  seiner  Schüler  veranstaltet.  Die  Beobachtungen  mittelst  Sextant  und 
Chronometer  wurden  den  Beamten  als  notwendig  zur  Regulierung  der  Reiseuhren 
erklärt  und  die  magnetischen  Instrumente  im  Hutfutter  mitgeführt.  Die  gröbsten 
Schwierigkeiten  boten  die  Lotungen  der  Meerestiefen  und  die  Höhenmessungen,  wobei 
die  Messung  des  Fusijama  durch  einen  seiner  Schüler  als  sehr  gravierend  bei  dem 
später  gegen  Siebold  wegen  Landesverrats  eröffneten  Verfahren  bezeichnet  wurde. 
Heutige  Reisende  machen  sich  keine  Idee  von  den  Schwierigkeiten,  welche  damals 
Forscher  in  Japan  zu  überwinden  hatten,  von  welchen  nicht  die  geringste  der  Mangel 
an  geigneten  Instrumenten  war,  so  dafs  Siebold  sich  z.  B.  erst  seinen  Höhenbarometer 
konstruieren  mufste,  was  ihm  endlich  nach  vieler  Schwierigkeit  gelang,  wie  in  einer 
Stelle  seines  Tagebuchs  erwähnt  wird. 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


XIX 


Nach  seiner  Rückkehr  nach  Nagasaki  ging  Sieb  old  mit  erneutem  Eifer  ans 
Werk.  Eine  grofse  Freude  bereitete  ihm  der  bereits  1825  auf  Dezima  angelegte 
botanische  Garten,  wo  er  die  von  der  Reise  mitgebrachten  Pflanzen  kultivierte  und 
dabei  namentlich  auch  die  Gebirgsflora  genau  kennen  lernte.  In  diese  Zeit  fallen 
wahrscheinlich  die  ersten  Sendungen  von  Theesamen  nach  Java,  wo  dieser  zuerst  in 
dem  Garten  von  Buitenzorg  angesät  und  später  in  den  indischen  Kolonien  verbreitet, 
für  den  niederländischen  Staat  eine  neue  Quelle  des  Reichtums  wurde.1  Da  die  Ver- 
schickung der  sehr  ölreichen  Samenkörner  bei  den  ersten  Versuchen  nicht  geglückt 
war,  versuchte  Siebold  dieselben  in  einer  Umhüllung  von  eisenhaltigem  Lehm  zu 
verpacken,  wodurch  die  Theenüsse  fast  luftdicht  abgeschlossen  wurden  und  infolge- 
dessen nicht  austrockneten.  Der  landwirtschaftliche  Kommissär  in  Batavia  berichtete 
u.  a.  im  Juni  1827,  dafs  aus  dem  von  Siebold  gesandten  Theesamen  bereits  2000 
bis  3000  junge  Pflanzen  im  besten  Wachstum  sich  befänden.  Von  diesem  Garten 
in  Dezima,  welcher  im  Jahre  1830  bereits  über  1400  Species  von  Pflanzen  enthielt, 
sind  die  meisten  von  Siebold  nach  Java  und  Holland  eingeführten  Pflanzen  ausgegangen; 
derselbe  hätte  wahrlich  ein  besseres  Los  verdient,  als  später  einfach  von  der  Faktorei- 
Verwaltung  ausgerottet  und  zu  Bauplätzen  verwertet  zu  werden.2  Die  botanischen 
und  naturhistorischen  Sammlungen,  welche  von  Siebold  während  seines  Aufenthaltes 
machte,  standen  kaum  gegen  die  ethnographischen  und  literarischen  zurück.  Eigens 
angestellte  Jäger  durchstreiften  die  Wälder,  und  von  ihm  instruierte  Assistenten  prä- 
parierten die  Bälge  und  Skelette  der  zoologischen  Beute.  Japan  war  aber  auch  da- 
mals eine  wahre  Fundgrube  für  den  Naturforscher  und  Siebold  behauptete  später, 
dafs  man  sich  dort  nur  zu  bücken  brauchte,  um  ungezählte  Schätze  vom  Boden 
aufzulesen.  * 

Seine  geographischen  Forschungen  hatten  zu  der  wichtigen  Entdeckung  geführt, 
dafs  die  Insel  Sachalin  oder,  wie  sie  die  Japaner  nennen,  Krafto  nicht  mit  dem 
Festlande  Asiens  zusammenhing,  wie  die  Entdeckungsreisenden  bis  dahin  angenommen 
hatten,  und  die  von  ihm  in  Jedo  in  der  Bibliothek  des  Sjöguns  aufgefundenen  Karten 
des  Amurgebietes  und  der  nördlichen  an  Japan  grenzenden  Länder  waren  derart,  dafs 
sie  eine  vollständige  Umwälzung  in  den  geographischen  Begriffen  über  die  Kon- 
figuration des  nordöstlichen  Asiens  verursachen  mufsten.  Zu  diesen  Arbeiten  hatten 
die  Aufnahmen  der  japanischen  Geographen  und  Entdeckungsreisenden  Mogami 
Tokunai  und  Mamia  Rinzo,  sowie  des  obenerwähnten  Hofastronomen  Takahasi  Sakusa- 
jemon  nicht  wenig  beigetragen.  Schon  waren  die  interessantesten  Karten  und  Auf- 
nahmen in  Händen  Siebolds,  und  er  selbst  mit  Hilfe  eingeborener  Dolmetscher  be- 

1 An  lebenden  Pflanzen  wurden  bis  1829  ca.  500  Species  und  800  Pflanzen  teils  abgeschickt, 
teils  von  v.  Siebold  selbst  auf  seiner  Heimreise  mitgenommen. 

2 Nach  einem  Bericht  v.  S.  an  die  niederländische  Regierung  hatte  er  von  1823  — 1828 
folgende  naturhistorische  Gegenstände  gesammelt  und  abgesandt: 


Säugetiere 

3 5 verschiedene 

Arten 

= 187  Präparate, 

V ögel 

188  » 

» 

— 827  Bälge. 

Reptilien 

28  » 

» 

= 166  Stück. 

Fische 

2 30  » 

= 540  Stück. 

Aulserdem  Sammlungen  von  Mollusken,  Krustaceen,  Insekten  u.  s.  w.  Die  botanische  Ausbeute 
belief  sich  auf  2000  Species  und  ca.  12000  Nummern  seines  Herbariums.  Aus  diesen  Baustoffen  sind 
die  Werke  Fauna  Japonica  mit  Mammalia,  Aves,  Pisces,  Reptilia  und  Crustacea  entstanden  und  die 
Flora  Japonica  in  2 Vol. 


II* 


XX 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


schäftigt,  die  Tagebücher  und  Notizen  der  Reisenden  zu  übersetzen,  als  durch  eine 
Verräterei,  deren  Urheber  nie  nachgewiesen  wurde,  die  Forschungen  Siebolds  der 
Regierung  zu  Jedo  denunziert  wurden. 

Es  trafen  auf  einmal  mehrere  unglückliche  Zufalle  zusammen.  Die  natur- 
historischen Sammlungen  waren  glücklich  an  Bord  gebracht  — sie  umfafsten  nicht 
weniger  wie  89  Kisten  — , aber  die  ethnographischen  wertvollen  Sammlungen  litten 
erst  durch  einen  fürchterlichen  Cyklon,  der  plötzlich  ausbrach,  und  nachher  durch 
die  gegen  Siebold  eingeleitete  Untersuchung.  Er  schreibt  darüber  unter  dem 
20.  Februar  1829: 

«Meine  Abreise  von  hier  nach  Batavia,  im  Anfänge  dieses  Winters  festgesetzt, 
wurde  durch  verschiedene  ungünstige  Ereignisse  verschoben  und  endlich  wiederum 
für  dieses  Jahr  gänzlich  vereitelt.  Ein  am  18.  September  1828  hier  stattgefundener 
fürchterlicher  Taifun,  desgleichen  seit  Menschengedenken  noch  keiner  in  diesem  Lande 
gewesen,  warf  das  Schiff  «Cornelius  Houtman»,  das  im  Hafen  von  Nagasaki  kaum 
einige  hundert  Faden  von  Dezima  vor  Anker  lag,  auf  den  Strand,  wovon  es  erst  im 
Monate  Dezember  mit  vielen  Anstrengungen  und  Kostenaufwande  abgekommen  und 
ausgebessert  worden  ist.  Unser  Dezima  und  die  Landschaften  des  südwestlichen 
Japans  wurden  schrecklich  verwüstet,  und  viele  tausend  Fahrzeuge  und  Menschen 
verunglückten.  Ganze  Dörfer  stürzten  zusammen  und  die  Anzahl  dadurch  verun- 
glückter Bewohner  ist  ansehnlich.  Auch  das  ganze  obere  Stockwerk  meines  Hauses 
wurde  ein  Raub  des  wütenden  Orkans,  der  mir  eben  so  viel  Zeit  liefs,  mit  meinen 
Leuten  in  den  unteren  Vorplatz  zu  flüchten,  wo  wir  zwischen  einigen  grofsen  Holz- 
kisten gelagert,  jeden  Augenblick  den  Einsturz  des  Hauses  erwarteten.  Auf  den 
Strafsen  war  auch  keine  Rettung  zu  suchen;  denn  hier  war  man  einem  Hagel 
von  Dachziegeln  und  anderen  Baumaterialien  ausgesetzt.  Dieser  Orkan  dauerte  von 
etwa  12  Uhr  mitternachts  bis  gegen  5 Uhr  morgens,  wo  der  anbrechende  Tag 
die  rund  um  uns  stattgefundenen  Verwüstungen  im  hellen  Lichte  zeigte.  Ein  grofser 
Teil  der  Mauern  unseres  Dezima  und  mehrere  Wohnungen  und  Packhäuser  waren 
eingestürzt,  und  fitst  die  meisten  Dächer,  Anlagen  und  Gärten,  unter  welchen  auch 
meinen  botanischen  Garten  ein  unglückliches  Los  traf,  zeigten  die  Spuren  einer 
fürchterlichen  Verwüstung.  Die  ganze  Landschaft,  welche  eben  in  der  üppigsten 
Vegetation,  in  welche  sie  der  Herbst,  hier  zu  Lande  ein  sich  wiederholender  Frühling, 
gekleidet,  prangte,  — erschien  jetzt  als  eine  dürre  Wüste,  und  die  so  bewunderte 
Kultur  dieser  Gefilde  trug  kaum  noch  Spuren  arbeitsamer  Landleute.  Die  See  war 
durch  den  Orkan  so  tief  aufgewühlt,  dafs  bis  zu  einer  Höhe  von  1200  Fufs  die  um- 
liegenden grünen  Gebirge  von  dem  dahingewehten  Seewasser  wie  gebrüht  erschienen, 
ein  Umstand,  der  mit  einem  Phänomen,  einer  feurigen  Lufterscheinung  nämlich,  von 
welcher  der  Horizont  die  ganze  Nacht  über  fürchterlich  leuchtete,  in  einem  sehr 
natürlichen  Zusammenhänge  stand  und  zu  erklären  ist  aus  den  die  Phosphorescenz 
der  See  begründenden  Geschöpfen,  die  himmelhoch  empor  geweht  wurden.  Die 
Heftigkeit  des  Windes  war  so  grofs,  dafs  ich,  der  es  wagte,  durch  meinen  Garten 
nach  der  Wohnung  meines  Freundes  de  Villeneuve,  wo  ich  Licht  zu  bemerken  und 
eine  Laterne  zu  erhalten  glaubte,  auf  Händen  und  Füfsen  zu  kriechen  und  mich  an 
den  entwurzelten  Bäumen  festzuhalten  genötigt  war.  Kurz  vor  der  Verwüstung  meines 
oberen  Stockwerkes,  wo  sich  meine  meteorologischen  Instrumente  befanden,  bemerkte 
ich  den  folgenden  Stand  derselben:  Barometer  28'  1",  Thermometer  77 0 Fahr.,  Hygro- 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


XXI 


meter  97 0 (das  Hygrometer  nach  Sausure  verfertigt).  Wind:  Orkan  SO.  — Am 
Morgen  des  Tags  zuvor  war  der  Standpunkt  derselben:  Barometer  ^29'  73 ",  Thermo- 
meter 76°  Fahr.,  Hygrometer  89°.  Wind:  mäfsig  O.  Himmel:  heiter.» 

Bewunderungswürdig  mufs  jedem  die  Ruhe  und  der  wissenschaftliche  Eifer  des 
Naturforschers  erscheinen,  der  im  Moment,  wo  sein  Haus  nahe  dem  Einsturze  ist, 
nicht  unterlassen  kann,  die  für  die  Meteorologie  wichtigen  Beobachtungen  zu  regi- 
strieren! — 

Ober  die  gegen  ihn  eingeleitete  Untersuchung  schreibt  von  Siebold  so  schonend 
wie  möglich  seiner  Mutter  in  demselben  Briefe: 

«Ich  habe  manchen  Verlust  bei  diesen  unglücklichen  Ereignissen  erlitten,  doch 
meine  Sammlungen,  die  bereits  gröfstenteils  eingepackt  waren,  sind  ziemlich  gut  er- 
halten. Ich  will  hier  auch  noch  kürzlich  berühren,  dafs  bereits  im  Frühjahr  1828 
am  26.  März  ein  heftiges  Erdbeben  stattgefunden  hat,  welches  mich,  der  bei  gewöhn- 
lichen Erdstöfsen  nicht  einmal  die  Feder  aus  der  Hand  legt,  über  Hals  und  Kopf 
aus  meinem  Hause  zu  flüchten  nötigte.  Doch  dies  alles  beugte  meinen  Mut 
noch  nicht,  als  noch  ein  anderes  Unglück  über  mich  gekommen.  Durch  einen 
Verrat  nämlich  wurde  am  Hofe  des  Kaisers  (Sjöguns)  bekannt,  dafs  ich  von 
dem  kaiserlichen  Bibliothekar  und  Astronomen  eine  Kopie  der  kaiserl.  Landkarten 
des  Reiches  erhalten  habe,'  eine  Angelegenheit  im  Auge  einer  so  kleingeistigen  Re- 
gierung und  Verfassung  vom  gröfsten  Gewicht.  Es  findet  daher  eine  strenge  Unter- 
suchung statt  — wobei  die  meisten  meiner  braven  japanischen  Freunde  in  strenger 
Gefangenschaft  sich  befinden  und  auch  mir  seit  zwei  Monaten  ein  Hausarrest  auf- 
gelegt ist  und  befohlen,  bis  zur  Beendigung  der  Untersuchung  in  Japan  zu  bleiben. 
Seit  diesem  verhängnisvollen  Tage  wurde  ich  unabgebrochen  von  dem  japanischen 
Statthalter  von  Nagasaki  verhört  und  zu  einem  Geständnisse  der  Angabe  derjenigen 
Japaner,  welche  mich  seither  in  meinen  wissenschaftlichen  Untersuchungen  unterstützt 
haben,  genötigt.  Doch  diese  Angabe  der  Namen  meiner  Freunde,  welche  mir  oft 
ganz  anspruchslos  so  viele  grofse  Dienste  seit  meinem  Hiersein  geleistet  haben,  blieb 
bis  heute  in  mir  verschlossen  und  wird  es  bleiben.»  — 

Wie  plötzlich  die  Gefahr  über  Siebold  hereingebrochen  und  mit  welcher  Stand- 
haftigkeit er  derselben  die  Spitze  bot  und  bei  der  gröfsten  Gefahr  mit  zähem 
Widerstand  darauf  bedacht  war,  die  für  die  Wissenschaft  errungenen  Entdeckungen 
zu  retten,  dabei  auch  in  mannhafter  Entschlossenheit  bereit  war,  jedes  Opfer  zur 
Rettung  seiner  Freunde  zu  bringen,  geht  aus  folgendem  Auszug  aus  seinem  Tage- 
buche hervor,  welches  jene  tragischen  Ereignisse  mit  scharfen  Zügen  beschreibt: 

Dezima,  den  16.  Dezember  1828. 

Mein  gelehrter  Freund  Josiwo  Tsujiro,  Unterdolmetscher  bei  der  Faktorei 
Dezima,  kommt,  wie  gewöhnlich,  vormittags  zu  mir,  um  bei  Übersetzungen  aus 
japanischen  Büchern  behilflich  zu  sein.  Heute  begann  er  einige  handschriftliche  Mit- 
teilungen über  Jezo  und  die  Kurilen,  welche  mir  der  verdienstliche  japanische  Reisende 
Mogami  Tokunai  zu  Jedo  mitgeteilt  hatte,  frei  aus  dem  Japanischen  in  holländischer 
Sprache  zu  diktieren.  Er  war  jedoch  dabei  sehr  zerstreut  und  schien  mir  sehr  übel 
aufgelegt  zu  sein,  was  mir  so  sehr  auffiel,  dafs  ich  ihn  über  die  Ursache  seines  un- 
gewöhnlichen Mifsmutes  fragte.  Ich  hatte  ihm  das  Versprechen  gegeben,  ihm,  wenn 
ich  Japan  verlassen  würde,  meinen  Taschenchronometer  zum  Andenken  zu  geben;  da 
nun  unsere  Abreise  nahe  war  und  ich  mein  Versprechen  noch  nicht  erfüllt  hatte, 


XXII 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


glaubte  ich  darin  den  Grund  seines  Unwillens  zu  erkennen  und  sagte  ihm  freundlich, 
indem  ich  die  Lade  meines  Schreibtisches  öffnete:  «Sehen  Sie,  da  liegt  Ihr  Chronometer, 
Sie  müssen  mir  ihn,  da  ich  noch  keine  gute  Uhr  habe,  noch  ein  paar  Tage  lassen». 

Meine  freundlichen  Worte  machten  auf  ihn  sichtbar  einen  rührenden  Eindruck, 
und  es  ging  in  seiner  Seele  eine  bemerkbare  Erschütterung,  ein  Kampf  mit  sich  selbst 
vor  — und  nach  diesem  Stillschweigen  warf  er  das  Buch,  welches  er  auf  dem  Stuhle 
zurückgelehnt  vor  sich  hielt,  auf  den  Schreibtisch  hin  und  sprang  auf  mit  den  Worten: 
«Jetzt  werde  ich  der  schlechteste  Japaner,  der  seinem  Kaiser  dient».  Und  ich  er- 
widerte ganz  ruhig:  «Und  ich  glaube,  Sie  sind  verrückt  geworden»;  «Nein»,  war 
seine  Antwort,  die  er  bestimmt  und  mit  Ernst  aussprach,  und  nach  einer  Pause  sagte 
er:  «Die  Sache  mit  den  Karten  ist  verraten,  ich  komme  soeben  — nachdem  ich  den 
Bluteid  geleistet  — vom  Stadthause,  wohin  mich  der  Gouverneur  rufen  liefs.  Man 
kennt  den  ganzen  Hergang,  weifs,  welchen  Anteil  ich  dabei  habe,  dafs  ich  Ihr  Ver- 
treter und  der  Freund  des  Hofastronomen  Takahasi  Sakusajemon  bin.  Ich  wurde 
verhaftet  und  nur  nach  geleistetem  Eid  entlassen,  um  wenigstens  die  Karten,  die  ich 
Ihnen  selbst  von  Jedo  mitgebracht  habe,  herbeizubringen  und  auszukundschaften,  ob 
und  wo  Sie  die  übrigen  Karten  und  andere  verbotene  Stücke  und  dergl.  bewahrt 
hätten.  Ich  hatte  selbst  den  Auftrag,  einige  verbotene  Bücher,  die  als  gravierende 
Beweismittel  hätten  dienen  können,  mitzubringen.» 

Dies  war  eine  wichtige  Enthüllung,  und  kein  Augenblick  zur  Rettung  meiner 
Freunde  und  meiner  literarischen  Schätze  zu  verlieren.  Wir  beschlossen,  um  Zeit 
zu  gewinnen,  dafs  Tsujiro  nachmittags  einige  der  japanischen  Karten,  die  ich  in  duplo 
besafs,  dem  Gouverneur  einstweilen  überbringen  und  versprechen  solle,  morgen 
auch  vielleicht  der  übrigen  Karten  habhaft  zu  werden.  Zugleich  versprach  ich,  ihm 
am  folgenden  Tage  auch  die  grofse  Karte  von  Jezo  und  Sachalin,  worauf  man  be- 
sonderen Wert  zu  legen  schien,  und  die  mir  Tsujiro  selbst  vom  Hofastronomen 
Takahasi  überbracht  hatte,  verabfolgen  zu  lassen.  Er  meinte,  dafs  alsdann  eine 
weitere  Untersuchung  unterbleiben  würde.  Mittlerweile  trat  mein  treuer  Begleiter 
auf  allen  meinen  Exkursionen  in  der  Umgebung  von  Nagasaki  und  mein  intimster 
Vertrauter  Inabe  Isiguro  ins  Zimmer.  Vor  ihm  gab  es  kein  Geheimnis.  Der  Vorfall 
überraschte  ihn  nicht  weniger  als  uns,  und  ihm  drohte  die  gleiche  Gefahr.  Er  war 
tief  erschüttert  und  zu  Thränen  gerührt,  der  wvackere  gutmütige  Mann.  Ich  versprach 
beiden,  selbst  unter  Aufopferung  meines  eigenen  Lebens,  für  ihre  Rettung  das  Mög- 
lichste zu  thun,  und  gebot  Vorsicht  und  Verschwiegenheit.  Sie  gingen,  und  nun 
war  ich  allein;  denn  ich  wagte  augenblicklich  nicht,  den  Vorfall,  dessen  Folgen  nicht 
zu  berechnen  waren,  irgend  einem  meiner  europäischen  Bekannten  anzuvertrauen, 
noch  weniger  eine  Anzeige  davon  beim  Direktor  der  Faktorei  zu  machen.  Die 
dringendste  Aufgabe  war  jetzt,  die  Karte  von  Jezo  und  den  Kurilen,  unstreitig  das 
wertvollste  geographische  Dokument,  welches  ich  von  dem  Hoiastronomen  erhalten 
hatte,  für  die  Wissenschaft  zu  retten.  Nachmittags  schlofs  ich  mich  in  mein  Arbeits- 
zimmer ein  und  vollendete,  ununterbrochen  die  Nacht  hindurch  bis  zum  Morgen 
arbeitend,  eine  getreue  Kopie  dieser  Karte  nebst  Textübersetzung,  eine  gleich  müh- 
same und  anstrengende  Arbeit,  w7ie  ich  sie  nie  in  so  kurzer  Zeit  zu  stände  gebracht 
habe,  eine  glücklich  gelungene  Probe  von  festem  Willen  und  zäher  Ausdauer.  In 
reger  Thätigkeit  w;ar  eine  Nacht  zugebracht,  die  unter  den  obwaltenden  Umständen 
doch  nur  eine  schlaflose,  eine  sorgen-  und  kummervolle  gewesen  wäre. 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


XXIII 


Am  nächsten  Tage,  dem  17.  Dezember,  kam  Tsujiro  gegen  10  Uhr  und  sagte, 
dafs  er  die  Karten  abgegeben  habe  und  angehalten  worden  sei,  auch  die  Karte  von 
Jezo,  die  er  mir  von  Jedo  mitgebracht,  unverzüglich  abzuliefern,  und  dafs  man  am 
nächsten  Morgen  eine  Haussuchung  bei  mir  vornehmen  werde;  er  riet  mir  zu- 
gleich, ich  solle  retten,  was  ich  könne.  Er  vertraute  mir  auch  an,  dafs  er  nun  seiner 
Verhaftung  entgegensehe.  Ich  übergab  ihm  die  Originalkarte,  und  er  verliefs  mich 
tief  ergriffen.  Mein  Freund  Isiguro  kam  nicht,  auch  kein  anderer  japanischer  Bekannter 
und  keiner  meiner  Schüler  fand  sich  ein.  In  einer  solch  schauderhaften  Einsamkeit 
mufste  ich  überlegen,  was  in  meiner  Lage  zu  thun  wäre.  Mein  Entschlufs  war  kurz: 
Alles,  was  zu  meiner  Beschreibung  vom  Reiche  Nippon  unumgänglich  nötig  war,  wie 
Handschriften,  Karten  und  Bücher,  wollte  ich  in  einer  grofsen  Blechkiste  verpacken 
und  so  gut  wie  möglich  verbergen,  und  zugleich  dem  Direktor  der  Faktorei,  Herrn 
G.  E.  Maylan,  über  den  Vorfall  berichten. 

Mit  der  Kopie  der  Karte  von  jezo  begab  ich  mich  zu  diesem  und  eröffnete 
ihm,  was  mir  am  folgenden  Tage  bevorstand.  Zugleich  überreichte  ich  ihm  die  Karte, 
in  einer  Rolle  versiegelt,  mit  der  Bitte,  dieses  wertvolle  Dokument  in  das  Archiv  der 
Faktorei  niederzulegen,  sowohl  um  es  zu  retten,  als  auch  im  Notfälle  den  Beweis  zu 
liefern,  dafs  meine  Handlungsweise  durch  die  Wichtigkeit  der  gemachten  geographischen 
Entdeckung  zu  entschuldigen  war.»  — 

Dies  war  der  Anfang  der  von  der  japanischen  Regierung  gegen  Siebold  ein- 
geleiteten Untersuchung,  welche  bald  sehr  ernste  Folgen  hatte.  Die  meisten  seiner 
Schüler  wurden  gefangen  genommen,  die  Gelehrten,  mit  denen  er  in  Jedo  korrespon- 
diert hatte,  verhört,  und  bei  Siebold  wiederholte  Haussuchung  gehalten,  wobei  eine 
Anzahl  von  verbotenen  gottesdienstlichen  und  anderen  wertvollen  Gegenständen  kon- 
fisziert wurde.  Die  Dienstboten  wurden  sämtlich  gefänglich  eingezogen  und  mittels 
der  landesüblichen  Tortur  auf  das  fürchterlichste  gequält. 

Die  niederländischen  Behörden,  denen  der  Vorfall  äufserst  ungelegen  kam, 
hüteten  sich  zu  intervenieren  und  überliefsen  Siebold  seinem  Schicksale.  Über  den 
Verlauf  der  Untersuchung  finden  wir  in  den  Unterlassenen  Briefen  Siebolds  ausführ- 
liche Notizen.  — Am  28.  Januar  1829  wurde  ihm  eröffnet,  dafs  er  das  Land  nicht 
verlassen  dürfe.  Am  nächsten  Tage  wairde  er  vor  den  Gouverneur  von  Nagasaki 
geführt  und  einem  strengen  Verhör  unterworfen,  wobei  er  alles  aufbot,  seine  Freunde, 
namentlich  den  kaiserlichen  Astronomen  Takahasi  Sakusajemon,  zu  retten.  Diese  Ver- 
höre wiederholten  sich  von  Zeit  zu  Zeit  und  zugleich  fanden  wiederholte  Durch- 
suchungen seiner  Wohnung  statt,  wobei  mancher  wertvolle  Gegenstand,  dessen  Besitz 
vielleicht  nicht  einmal  gegen  die  gesetzlichen  Bestimmungen  versciefs,  weggenommen 
wurde.  Die  Voruntersuchung  schien  die  japanischen  Behörden  auf  den  Gedanken  ge- 
bracht zu  haben,  dafs  ein  schweres  Staatsverbrechen,  vielleicht  der  Plan,  das  Land  an 
einen  auswärtigen  Feind  zu  verraten,  zu  Grunde  liege. 

Am  22.  Februar  bemerkte  man,  dafs  die  Insel  Dezima  durchWachtboote  beob- 
achtet wurde;  einige  Tage  darauf  wurden  die  Wachen  an  den  Thoren  verdoppelt, 
und  die  Magazine  auf  der  Insel,  worin  auch  ein  Teil  der  Sammlungen  Siebolds  auf- 
bewahrt war,  wurden  ebenfalls  auf  das  genaueste  durchsucht,  und  nach  und  nach  der 
wertvollste  Teil  seiner  Sammlungen,  auch  viele  seiner  literarischen  Schätze  und  Notizen 
konfisziert.  Gleichzeitig  kamen  wiederholt  Hiobsposten  von  Schülern  und  Freunden, 
welche  durch  die  Untersuchung  in  das  gröfste  Unglück  gestürzt  worden  waren. 


XXIV 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


Siebold  verwendete  einen  grofsen  Teil  seiner  Ersparnisse  dazu,  um  die  Not  der  Ge- 
fangenen zu  lindern  und  ihre  Familien  zu  unterstützen.  Er  hatte  beinahe  die  Hoff- 
nung verloren,  je  sein  Vaterland  wieder  zu  sehen;  denn  in  seiner  Erinnerung  tauchte 
jenes  blutige  Drama  auf,  welches  vor  Jahren  auf  Dezima  sich  abgespielt  hatte,  als 
einige  des  Schleichhandels  verdächtige  Japaner  am  Fufse  des  niederländischen  Flaggen- 
mastes in  Gegenwart  der  Niederländer  zur  Warnung  gegen  die  Übertretung  der  japa- 
nischen Verordnungen  hingerichtet  worden  waren. 

So  zog  sich  die  Untersuchung  durch  Monate  hin,  und  erst  im  Juni  1829  wurden 
einige  seiner  Diener  aus  dem  Gefängnisse  entlassen,  während  seine  Lieblingsschüler 
dort  zurückbehalten  wurden.  Nachdem  aber  die  fortgeführte  Untersuchung  keine 
neuen  belastenden  Beweise  für  den  angeblichen  Landesverrat  geliefert  hatte,  und  bei 
den  Japanern  selbst  sich  nach  und  nach  Stimmen  erhoben,  welche  in  Anbetracht  der 
vielen  Dienste,  welche  Siebold  als  Arzt  und  als  Gelehrter  dem  Lande  geleistet  hatte, 
um  Gnade  für  ihn  baten,  wurde  er  am  22.  Oktober  wiederum  vor  den  Gouverneur 
geführt,  welcher  ihm  namens  der  Regierung  mitteilte,  dafs  er  für  ewig  aus  dem  Lande 
verbannt  sei  und  dasselbe  bei  der  nächsten  Gelegenheit  verlassen  müsse. 

Was  während  dieser  Zeit  hinter  den  Coulissen  gespielt  hat,  und  wieviel  blutige 
Opfer  die  Untersuchung  unter  seinen  japanischen  Freunden  gefordert,  ist  Siebold  nie 
bekannt  geworden.  Der  Hofastronom  Takahasi  scheint  jedenfalls  dabei  ein  trauriges 
Ende  genommen  zu  haben,  obgleich  bestimmte  Nachrichten  fehlen.  Viele  von  Siebolds 
Freunden  schmachteten  lange  Jahre  im  Gefängnis.  Merkwürdigerweise  waren  es  aber 
gerade  die  Landesfürsten,  welche  im  Gegensätze  zu  der  Regierung  des  Sjögun  sich 
der  Verfolgten  annahmen.  Viele  seiner  Anhänger  fanden  ein  Asyl  bei  den  Daimios, 
namentlich  bei  den  Fürsten  von  Satzuma  und  Uwasima,  wo  sie  später  Schulen  und 
Lehranstalten  nach  europäischem  Muster  gründeten.  Siebold  verliefs  am  30.  Dezember 
Dezima  und  begab  sich  an  Bord  des  niederländischen  Schiffes  zur  Rückkehr  nach 
Batavia.  Tief  gerührt  war  er,  als  am  31.  früh  ein  kleines  Fischerboot  bei  seinem 
Schiffe  anlegte,  und  einer  seiner  besten  Freunde,  als  Fischer  verkleidet,  ihm  Lebewohl 
wünschte.  Heimlich  landete  Siebold  noch  einmal  beim  Fischerdorfe  Kosedo,  w7o  er 
einige  seiner  wieder  freigelassenen  Schüler  antraf  und  mit  schwerem  Herzen  sich  von 
ihnen  verabschiedete. 

Am  2.  Januar  1830  verliefs  er  Japan  und  kam  schon  am  28.  Januar  auf  der  Rhede 
von  Batavia  an.  Hier  gelang  es  ihm,  sich  bei  dem  Generalgouverneur  vollständig  zu 
rechtfertigen,  und  es  wurde  ihm  gestattet,  mit  den  Überresten  seiner  Sammlungen 
und  seinen  geretteten  Manuskripten  nach  den  Niederlanden  zurückzukehren. 

Am  5.  März  verliefs  er  Batavia  und  traf  am  7.  Juli  in  Vlissingen  ein. 

Als  die  Nachricht  von  seiner  Gefangenschaft  in  Europa  eingetroffen  w7ar,  galt  er 
seinen  Freunden  als  verloren,  und  bei  der  Annahme  der  japanischen  Behörden,  dafs 
er  im  Aufträge  einer  fremden  Regierung  gehandelt  habe,  wäre  es  auch  kein  Wunder 
gewesen,  wenn  er  seine  allzu  eifrige  Wifsbegierde  mit  seinem  Leben  hätte  bezahlen 
müssen. 

Tief  gerührt  w7ard  Siebold  durch  die  Mitteilung,  die  er  aber  erst  nach  seiner 
Rückkehr  erhielt,  dafs  König  Ludwdg  I.  von  Bayern,  als  er  von  Siebolds  Verhaftung 
Nachricht  erhalten  hatte,  auf  diplomatischem  Wege  sich  an  die  niederländische  Re- 
gierung gewendet  und  dieselbe  ersucht  hätte,  alle  zur  Verfügung  stehenden  Mittel  an- 
zuwenden, um  seinen  Unterthanen  der  japanischen  Gefangenschaft  zu  entreifsen. 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


XXV 


Der  Empfang,  welcher  ihm  in  Holland  zu  teil  wurde,  entschädigte  ihn  jedoch 
vielfach  für  die  erlittenen  Qualen,  und  die  niederländische  Regierung  gab  ihm  nicht 
nur  unbegrenzten  Urlaub  zur  Herausgabe  seiner  wissenschaftlichen  Werke  und  zur 
Ordnung  seiner  Sammlungen,  sondern  unterstützte  ihn  auch  auf  jede  mögliche  Weise 
und  überhäufte  ihn,  nachdem  die  Resultate  seiner  Forschungen  nach  und  nach  in  die 
Öffentlichkeit  gedrungen  waren,  mit  hohen  Ehren.  Erst  nachdem  er  einen  Teil 
seiner  wissenschaftlichen  Arbeiten  vollendet,  kehrte  er  auf  kurze  Zeit  zum  Besuche 
seiner  Verwandten  nach  Bayern  zurück,  wo  er  am  Hofe  zu  München  gleichfalls  eine 
ausgezeichnete  Aufnahme  fand. 

Nachdem  er  die  Aufstellung  seiner  Sammlungen  vollendet  hatte,  widmete  Sie- 
bold sich  ganz  der  literarischen  Thätigkeit:  der  Herausgabe  seiner  Werke  über  Japan. 
An  der  Spitze  steht  das  Nippon-Archiv  zur  Beschreibung  von  Japan  in  neun  Abtei- 
lungen. Ferner  nennen  wir  als  seine  Hauptwerke  die  Fauna  und  Flora  Japonica,  so- 
wie seinen  Atlas  des  Japanischen  Reichs.  Auf  seiner  Villa  bei  Feyden,  wo  er  sich 
neben  dem  neubegründeten  Jardin  d’Acclimatation  ein  Heim  geschaffen  hatte,  ent- 
wickelte sich,  wie  einst  auf  der  Villa  bei  Nagasaki,  ein  reges  wissenschaftliches  Feben. 
Seine  Mitarbeiter  bei  der  Flora  Dr.  J.  G.  Zuccarini  und  hei  der  Fauna  die  Herren 
C.  J.  Temminck  und  H.  Schlegel,  sowie  H.  de  Haan  unterstützten  ihn  bei  der  Heraus- 
gabe seiner  Prachtwerke,  während  für  den  chinesisch-japanischen  Teil  der  Chinese 
Ko-tsching-dschang  und  Dr.  Hoffmann  engagiert  waren.  Da  die  Werke  im  Selbst- 
verläge herauskamen,  erforderten  sie  aufserordentliche  Opfer  seinerseits,  welche  nur 
teilweise  durch  Subskription  seitens  der  verschiedenen  Regierungen  und  gelehrten 
Körperschaften  gedeckt  wurden,  während  für  Privatleute  meistens  der  Preis  für  die 
grofsen  Fachwerke  unerschwinglich  war.  ' In  der  wissenschaftlichen  Welt  machten  be- 
sonders seine  geographischen  Entdeckungen  viel  Aufsehen,  und  Siebolds  Karten,  welche 
nach  japanischen  Original-Aufnahmen  ausgearbeitet  waren,  waren  bis  auf  die  neueste 
Zeit  mustergültig  und  bildeten  sogar  die  Grundlage  für  die  englischen  Admiralitäts- 
karten. Auch  Siebolds  Mitteilungen  über  die  Neben-  und  Schutzländer  Japans,  näm- 
lich Jezo,  die  südlichen  Kurilen  und  Sachalin,  sowie  Korea  und  die  Fiukiu- Inseln 
eröffneten  den  Ethnographen  fast  gänzlich  unbekannte  Gebiete.  Die  philologische  Ab- 
teilung seiner  Werke,  welche  er  mit  Hülfe  des  Chinesen  Ko-tsching-dschang  heraus- 
gab, waren  wertvolle  Beiträge  zur  Kenntnis  der  japanisch-chinesischen  Ideographie 
und  enthielten  die  ersten  Angaben  über  koreanische  Schrift  und  Sprache,  wobei 
namentlich  das  Werk  «Tsian  dsü  wen»  sive  mille  literae  ideographicae;  Opus  Sinicum 
cum  interpretatione  Kooraiana  in  peninsula  Koorai  impressum  für  die  Sprachforschung 
einen  aufserordentlich  wuchtigen  Beitrag  abgab. 

Nebenbei  war  Siebold  auch  politisch  aufserordentlich  thätig,  und  in  seiner  Stellung 
als  Adviseur  für  japanische  Angelegenheiten  arbeitete  er  mit  Ausdauer  an  der  Eröff- 
nung Japans  für  den  Weltverkehr.  Sein  Ideal  wäre  es  gewesen,  die  niederländische 
Regierung  zu  einer  energischen  und  liberalen  Politik  hinzudrängen  und  durch  Hollands 
Einflufs  die  unabweisbar  gewordenen  Veränderungen  in  den  Beziehungen  Japans  zu 
den  Westmächten  ohne  zu  grofse  Erschütterung  zu  stände  zu  bringen,  eine  Politik, 
die  bei  der  niederländischen  Regierung  nicht  immer  genügend  gewürdigt  wurde.  Als 
später  die  amerikanische  Expedition  unter  Kommodore  Perry  sozusagen  unter  dem 
Druck  der  Geschützmündungen  die  Eröffnung  von  Japan  im  März  1854  durchsetzte, 
war  es  allerdings  Hollands  Verdienst  gewesen,  die  Japaner  auf  das  unvermeidliche 


XXVI 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


Schicksal  vorbereitet  und  dadurch  einen  Konflikt  vermieden  zu  haben,  aber  den  Ruhm 
der  Eröffnung  Japans  mufste  leider  Holland  nun  mit  anderen  mehr  energischen 
Mächten  teilen.  Es  war  übrigens  ein  nicht  hoch  genug  anzuerkennender  Schritt,  den 
der  König  der  Niederlande  unternahm,  als  er  an  den  de  facto  Regenten  von  Japan 
einen  Brief  schrieb,  um  ihm  anzuraten,  das  Land  dem  Fremdenverkehr  zu  eröffnen. 
Das  vom  15.  Februar  1844  datierte  Schreiben  dürfte  wohl  von  Siebold  redigiert 
worden  sein  und  enthielt  folgende  bedeutsame  Sätze : «Wir  haben  dem  Lauf  der  Zeit 
eine  ernste  Aufmerksamkeit  gewidmet.  Der  Verkehr  der  Völker  auf  Erden  nimmt 
mit  raschen  Schritten  zu;  eine  unwiderstehliche  Kraft  zieht  dieselben  gegenseitig  an. 
Durch  die  Erfindung  von  Dampfschiffen  werden  die  Entfernungen  immer  geringer. 
Das  Volk,  welches  bei  dieser  allgemeinen  Annäherung  sich  ausschliefsen  will,  wird 
mit  vielen  in  Feindschaft  geraten.  Es  ist  uns  bekannt,  dafs  die  Gesetze,  welche  die 
durchlauchtigsten  Vorfahren  Ew.  Majestät  dem  Reiche  Nippon  gegeben,  den  Verkehr 
mit  fremden  Völkern  beschränken.  Doch  der  Weise1  sagt:  „Wenn  die  Weisheit  auf 
dem  Throne  sitzt,  dann  thut  sie  sich  hervor  durch  Erhaltung  des  Friedens“.  — Wenn 
alte  Gesetze  durch  strenge  Handhabung  Anlafs  zur  Friedensstörung  geben,  dann  ge- 
bietet es  die  Vernunft  dieselben  zu  mildern.  Dies,  grofsmächtiger  Kaiser,  ist  denn 
auch  unser  freundschaftlicher  Rat;  mildert  die  Strenge  des  Gesetzes  gegen  den  Ver- 
kehr mit  Fremden,  damit  das  glückliche  Japan  nicht  durch  Kriege  verwüstet  werde.» 

Im  Jahre  1845  hatte  er  sich  mit  Helene  Ida  von  Gagern  vermählt  und  seine 
junge  Frau  nach  seiner  Besitzung  Nippon  bei  Leyden  heimgeführt.  Nur  kurz  dauerte 
der  Aufenthalt  in  Holland,  dessen  feuchtes  Klima  auf  die  Dauer  der  Gesundheit  Sie- 
bolds  nicht  zuträglich  war.  Er  richtete  wieder  seine  Blicke  nach  Deutschland  und 
entdeckte  am  Rhein  in  dem  alten  Kloster  St.  Martin  bei  Boppard  einen  ihm  zu- 
sagenden Ruhesitz,  wo  er  ungestört  seine  Studien  fortsetzen  und  seine  Werke  vollenden 
konnte.  Hier  genofs  er  auch  im  Spätherbst  seines  Lebens  an  der  Seite  seiner  gemüts- 
vollen  edlen  Gattin  das  glücklichste  Familienleben,  das  leider  nur  zu  oft  für  ihn  durch 
Reisen  nach  Holland  und  den  verschiedensten  Hauptstädten  Europas,  w7o  er  ein  gern 
gesehener  Gast  war,  unterbrochen  wurde.  Von  den  aus  dieser  Ehe  entsprossenen 
Kindern  haben  zwei  Söhne  ebenfalls  ihre  Laufbahn  nach  Japan  verlegt,  wo  sie  während 
eines  langjährigen  Aufenthalts  auf  politischem  und  diplomatischem  Gebiete  thätig  waren. 
Die  beiden  Töchter  verblieben  im  Vaterlande,  wo  die  ältere  mit  dem  Reichsfreiherrn 
Max.  von  Ulm -Erbach  und  die  jüngere  mit  dem  Königl.  Württemb.  General  der  In- 
fanterie Gustav  von  Brandenstein  vermählt  ist.  — Später  verlegte  Siebold  seinen  Wohnsitz 
nach  Bonn,  wohin  ihn  das  rege  wissenschaftliche  Leben  und  die  literarischen  Hilfsmittel 
der  Universität  zogen. 

Im  Jahre  1853  wurde  Siebold  nach  Rufsland  gerufen,  um,  wie  der  Minister  des 
Äufsern  sich  ausdrückte,  Auskunft  über  Fragen  zu  geben,  die  aufser  ihm  niemand 
beantworten  konnte.  Es  handelte  sich  um  die  Regulierung  wichtiger  Grenzfragen  mit 
China  im  Amurgebiet,  die  der  Generalgouverneur  von  Ostsibirien,  Graf  Murawiew, 
der  später  wegen  seiner  Erfolge  den  Titel  Amurski  erhielt,  für  die  Befestigung  der 
Macht  Rufslands  in  Ostasien  und  sein  Vordringen  bis  an  den  stillen  Ozean  im  Auge 
hatte.  Diesem  Staatsmann  gelang  es  nur,  mit  seinen  Ansichten  in  St.  Petersburg 
durchzudringen,  als  Siebold  auf  Grund  seiner  geographischen  Forschungen  den  Nach- 


1 Confucius. 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


XXVII 


weis  geliefert  hatte,  dafs  die  Pläne  Murawiews  nicht  nur  ausführbar,  sondern  auch 
China  gegenüber  diplomatisch  vertretbar  wären.  Diese  Vorarbeiten  führten  bekannt- 
lich zur  Anlegung  von  Forts  am  Amur  und  zum  Vertrage  von  Aigun,  wobei  China 
an  Rufsland  das  ganze  linke  Amurgebiet  abtrat  und  Rufsland  einen  enormen  Gebiets- 
zuwachs erhielt,  auf  dem  heute  seine  Machtstellung  in  Ostasien  begründet  ist.  Da 
die  Interessen  Hollands  in  keiner  Weise  mit  denen  Rufslands  kollidierten,  durfte 
Siebold  es  wagen,  ohne  spezielle  Erlaubnis  seiner  Regierung  den  Russen  die  Frucht 
seiner  Erfahrung  zur  Verfügung  zu  stellen,  und  in  einem  Schreiben  an  den  Prinzen 
Heinrich  der  Niederlande,  seinen  Gönner,  erklärt  er  auch  diesen  immerhin  verant- 
wortlichen Schritt  in  vollständig  befriedigender  Weise.  In  seinem  Schreiben  vom 
9.  März  1853  aus  St.  Petersburg  erwähnt  er:  «Als  ich  Ew.  Kgl.  Hoheit  bei  Anlafs 
des  neuen  Jahrs  mir  gestattete,  meine  Glückwünsche  darzubringen,  hatte  ich  keine 
Ahnung,  dafs  ich  bald  darauf  nach  St.  Petersburg  eine  Reise  unternehmen  würde. 
Gerade  zu  Neujahr  empfing  ich  vom  Minister  des  Äufsern  eine  halbamtliche  Auf- 
forderung nach  St.  Petersburg  zu  kommen.  „Afin  de  recevoir  de  ma  bouche  des 
renseignements  sur  une  question  qu’aucun  autre  Europeen  etait  ä meine  de  donnerV 
Ich  nahm  diese  Einladung  an  mit  der  Absicht,  dem  Ziele  näher  zu  kommen,  welches 
ich  mir  vorgesteckt  habe,  welches  Ew.  Kgl.  Hoheit  nicht  unbekannt  ist,  nämlich  auf 
friedlichem  Wege  Japan  dem  Weltverkehr  zu  eröffnen,  unter  Aufrechterhaltung  der 
alten  Vorrechte  und  der  bevorzugten  Stellung  Hollands  in  den  japanischen  Gewässern. 

Leider  hat  man  in  Holland  meinen  grofsartigen  Plan,  so  sehr  derselbe  auch 
seitens  Ew.  Kgl.  Hoheit  unterstützt  wurde,  nicht  verstanden,  während  dieser  doch  auf 
einer  festen  Grundlage  beruht,  auf  welcher  ich  dreifsig  Jahre  hindurch  mit  Ausdauer 
und  Einsicht  vorgearbeitet  habe.»  — — 

Siebolds  Hoffnung  beruhte  darauf,  durch  Rufsland  vom  Norden  aus  freund- 
schaftliche Beziehungen  mit  Japan  anknüpfen  zu  lassen,  und  auf  diese  Weise  Japan 
dem  Weltverkehr  zu  erschliefsen  und  so  auch  etwaige  Gewaltmafsregeln,  welche  Amerika, 
England  oder  Frankreich  gegen  Japan  unternehmen  könnten,  unmöglich  zu  machen. 

Der  Krimkrieg  und  der  Tod  des  Kaisers  Nikolaus  waren  Ursache,  dafs  Rufs- 
land auf  Jahre  hinaus  seiner  Expansions -Politik  entsagen  mufste;  inzwischen  kam  ihm 
Amerika  im  Jahre  1854  zuvor,  Japan  wurde  dem  Weltverkehr  erschlossen,  und  die 
Schranken  fielen.  Bei  dieser  Gelegenheit  gelang  es  der  Niederländischen  Regierung 
ebenfalls,  einen  günstigen  Vertrag  mit  dem  Taikun  (oder  Sjögun)  abzuschliefsen,  und 
durch  einen  Austausch  von  diplomatischen  Noten  wurde  auch  das  Verbannungsurteil 
gegen  von  Siebold  aufgehoben. 

Jetzt  erwachte  wieder  bei  dem  63  jährigen  Manne  frische  Jugendkraft,  und  nichts 
konnte  ihn  zurückhalten,  sein  geliebtes  Japan  noch  einmal  zu  besuchen.  Doch  da 
bei  der  Regierung  Bedenken  gegen  seine  sofortige  Verwendung  in  diplomatischer 
Eigenschaft  obwalteten,  mufste  er  vorerst  in  einer  handelspolitischen  Stellung  hinziehen, 
und  die  Niederländische  Handelsmaatfchappy  bot  dazu  die  Hand,  indem  sie  ihm  die 
Stellung  eines  Adviseurs  bei  ihrer  dort  neu  zu  errichtenden  Handels-Agentur  über- 
trug. I111  April  1859  verliefs  er  Bonn,  wo  seine  Familie  zurückblieb,  und  nahm  seinen 
damals  nur  1 3 1 /s jährigen  ältesten  Sohn  Alexander  mit  in  das  Land  seiner  Hoffnungen. 
Rührend  war  der  Abschied  von  seinen  Freunden  und  Gönnern,  und  manch  warmer 
Segenswunsch  begleitete  ihn  über  den  Ozean.  Der  Nestor  der  deutschen  Gelehrten, 
Alex,  von  Humboldt,  schrieb  ihm  unter  dem  Datum  vom  10.  April  1859  also: 


XXVIII 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


J’ai  ete  infiniment  touche  en  lisant  la  lettre  d’adieu  et  de  conge  que  si  pres  de 
votre  nouveau  depart  pour  le  Japon  vous  avez  publiee  sous  la  date  du  22  mars,  le 
28  mars  de  cette  annee  dans  l’Echo  Universel  des  Pays-Bas  No.  2456.  C’est  au 
plus  ancien  des  voyageurs  a exprimer  publiquement  combien  il  admire,  mon  eher 
et  illustre  confrere,  une  resolution  noblement  inspiree  par  ce  meme  devouement  pour 
les  Sciences,  qui  pendant  un  demi  siede  a porte,  par  votre  rare  activite  et  la  variete 
de  vos  connaissances,  des  fruits  si  eminents. 

II  n’y  a pas  une  partie  de  la  Geographie  physique,  qui  n’ait  profite  de  vos 
immenses  travaux  sur  EArchipel  du  Japon.  Nos  jardins  botaniques  sont  ornes  des 
plantes  que  vous  avez  introduites.  Vous  allez  sur  les  lieux  meines  continuer  et 
perfectionner  ces  magnifiques  travaux.  Puisse  votre  sante  si  chere  ä tous  ceux  qui 
prennent  de  Pinteret  au  progres  des  Sciences  physiques  resister  a des  nouvelles 
fatigues,  et  seconder  une  si  noble  entreprise  — tel  est  le  voeu  que  je  vous  adresse 
comme  un  de  vos  plus  anciens  et  affectueux  amis  et  admirateurs. 

Berlin,  10.  avril  1859. 

A.  de  Humboldt. 


Anfangs  April  1859  verliefs  er  Bonn  und  fuhr  über  Paris  nach  Marseille,  wo  er 
sich  an  Bord  des  englischen  Postdampfers  «Tiger))  einschiffte  und  über  Alexandrien, 
Suez,  Aden,  Point  de  Galle  nach  Singapore  fuhr,  von  wo  er  einen  Abstecher  nach 
Batavia  machte,  um  sich  beim  Generalgouverneur  zu  melden  und  mit  den  Direk- 
toren der  Handelsmaatschappy  Rücksprache  über  die  verschiedenen  Handelsfragen 
zu  nehmen. 

Später  fuhr  er  nach  Buitenzorg,  der  Residenz  des  Generalgouverneurs,  dessen 
Gast  er  einige  Tage  auf  diesem  in  prachtvoller  Höhe  gelegenen  tropischen  Paradiese 
war.  Nach  Singapore  zurückgekehrt,  fuhr  er  auf  einem  Segelschiffe  unter  russischer 
Flagge,  «Lucy  und  Harriet»,  unter  Kapitän  von  Huntein,  nach  Shanghai,  von  wo 
er  nach  kurzem  Aufenthalte  mit  einem  englischen  Dampfschiffe  nach  Nagasaki 
hinüberfuhr,  wo  er  in  der  Nacht  des  4.  August  ankam. 

Bald  verbreitete  sich  das  Gerücht  von  der  Ankunft  des  alten  «Meesters»,  und 
von  allen  Seiten  strömten  ehemalige  Schüler,  Freunde  und  Anhänger  herbei.  Es  gab 
rührende  Scenen  des  Wiedersehens,  aber  auch  traurige  Erinnerungen,  als  v.  Siebold 
nach  der  Schar  seiner  Freunde  frug,  deren  Zahl  durch  die  Zeit  und  Verfolgung 
stark  gelichtet  war. 

Einige  Tage  darauf  empfing  der  japanische  Gouverneur  Okabe  Suruga  no  Kami 
Siebold  im  Regierungspalais,  wo  er  einst  als  Gefangener  hatte  niederknieen  müssen. 
Es  entwickelte  sich  sofort  eine  freundschaftliche  Annäherung,  welche  zu  der  Erlaub- 
nis führte,  in  einem  Tempel  Hon-ren-si  sein  Absteigquartier  zu  nehmen,  welches  aber 
später  in  die  Villa  zu  Narutaki  verlegt  wurde. 

Siebold  nahm  seine  unterbrochenen  Studien  und  Forschungen  wieder  auf,  als 
ob  er  dieselben  nicht  dreifsig  Jahre,  sondern  nur  wenige  Monate  unterbrochen  hätte; 
die  Zahl  älterer  und  jüngerer  Schüler  wuchs  von  Tag  zu  Tag,  und  aufs  neue  drang 
sein  erspriefsliches  Wirken  in  immer  weitere  Kreise.  Selbst  seine  ärztliche  Thätig- 
keit,  die  so  lange  in  Europa  gefeiert  hatte,  mufste  er  wieder  ausüben  und  auch  in 
dieser  Hinsicht  hatte  er  Erfolg  und  Befriedigung. 

Politisch  umwölkte  sich  der  Horizont  mehr  und  mehr.  Die  vom  Sjögun,  der 
in  den  Verträgen  irrtümlich  Taikun  genannt  und  (de  facto)  als  Regent  des  Landes 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


XXIX 


betrachtet  wurde,  mit  den  Westmächten  abgeschlossenen  Verträge  waren  von  dem 
eigentlichen  Staatsoberhaupte,  dem  Mikado,  nicht  ratifiziert  worden,  und  eine  Koalition 
der  feudalen  Reichsgrofsen  hatte  sich  gebildet,  welche  die  Zulassung  der  Ausländer 
seitens  des  Sjögun  als  verfassungswidrig  erklärten  und  auf  diesen  Grund  hin  den- 
selben zu  stürzen  entschlossen  waren.  Schon  waren  Unruhen  in  verschiedenen 
Provinzen  ausgebrochen  — der  erste  Minister  des  Sjögun,  Ii  Kamono  Kami,  war 
kurz  vor  Siebolds  Ankunft  durch  Verschwörer  auf  offener  Strafse  ermordet  worden, 
und  das  ganze  Staatsgebäude  des  Sjögunats,  welches  durch  Usurpation  entstanden 
und  durch  ein  wunderbar  angelegtes  System  machiavellistischer  Staatskunst  sich 
Jahrhunderte  durch  erhalten  hatte,  schien  ins  Wanken  geraten  zu  sein.  Banden 
von  sogenannten  Ronins,  junge  Männer  aus  dem  Militäradel,  welche  bei  Auf- 
opferung ihres-  eigenen  Lebens  vor  keiner  That  zurückschreckten,  um  die  Regie- 
rung einzuschüchtern,  gefährdeten  das  Leben  der  Staatsbeamten  sowie  der  Fremden. 
Fast  täglich  drangen  Gerüchte  von  politischen  Morden  in  Siebolds  Einsamkeit,  und 
schliefslich  auch  die  Nachricht,  dafs  das  prachtvolle  Schlofs  der  Sjöguns  in  Jedo  ein 
Raub  der  Flammen  geworden  sei.  Wenige  Mitglieder  der  Regierung  waren  noch  im 
stände,  die  Situation  zu  übersehen;  man  brauchte  Gewalt  gegen  Gewalt,  die  Gefäng- 
nisse zu  Jedo  waren  angefüllt,  und  selbst  bis  in  seinen  höchsten  Kreisen  wurde  der 
Feudaladel,  welcher  der  Opposition  angehörte,  durch  Hausarrest  und  Degradation 
heimgesucht,  während  viele  Karos  und  Samurais,  d.  i.  Staatsräte  und  Militärs,  auf  Be- 
fehl der  Jedo-Regierung  mittelst  des  noch  allgemein  üblichen  Hara  Kiri  (Leibauf- 
schlitzen)  ins  Jenseits  befördert  wurden. 

Der  amerikanische  Legationssekretär  Heusken,  mehrere  russische  Offiziere,  zwei 
holländische  Schiffskapitäne,  sowie  andere  Europäer  waren  in  Jokohama  bereits  als 
Opfer  politischer  Morde  gefallen.  Die  Haltung  der  Vertragsmächte  wurde  immer 
drohender,  und  sie  verlangten  nicht  nur  Sicherheit  für  das  Leben  ihrer  Staats- 
angehörigen, sondern  auch  die  strikte  Ausführung  der  Verträge,  welche  die  ge- 
ängstigte  Regierung  des  Sjögun  unter  dem  Druck  der  Opposition  einzuschränken 
und  zu  umgehen  suchte.  Unter  diesen  Umständen  wurde  Siebold  im  Anfänge  des 
Jahres  1 8 6 1 im  Namen  des  Sjögun  nach  Jedo  berufen. 

Es  hiefs  zwar  ausdrücklich,  dafs  dies  zum  Zwecke  wissenschaftlichen  Unterrichts 
geschehe,  aber  es  liefs  sich  leicht  durchschauen,  dafs  auch  politische  Fragen,  nament- 
lich die  Erholung  von  Rat  in  den  verwickelten  europäischen  Beziehungen,  als  Beweg- 
grund gedient  hatten.  Siebold  entschlofs  sich  sofort,  den  Ruf  anzunehmen,  und 
wenige  Wochen  darauf  befand  er  sich  in  Jokohama,  dem  neueröffneten  Hafen,  von 
dem  er,  sobald  sein  Quartier  in  der  Hauptstadt  fertig  war,  dorthin  übersiedelte.  Das 
Palais  zu  Akabane,  wro  kurz  vor  ihm  die  preufsische  aufserordentliche  Gesandtschaft 
unter  Graf  Eulenburg  gewohnt  hatte,  ward  ihm  zum  Quartier  angewiesen.  Der 
herrschenden  Unsicherheit  wegen  war  eine  Abteilung  der  Leibgarde  des  Sjögun  zum 
Schutze  des  Palais  beordert,  und  auf  seinen  Spaziergängen  begleitete  ihn  stets  eine 
Anzahl  derselben  auf  Schritt  und  Tritt. 

Siebold  war  erst  wenige  Wochen  in  Jedo,  als  der  erste  Schlag  gegen  die 
Europäer  geführt  wurde,  In  der  Nacht  vom  4.  Juli  wrurde  die  englische  Gesandt- 
schaft von  einer  Bande  Ronins  überfallen.  Der  Gesandte  Sir  Rutherford  Alcock  war 
eben  von  einer  Landreise  zurückgekehrt  und  verbrachte  die  erste  Nacht  in  der  Haupt- 
stadt, als  er  und  die  Herren  seiner  Mission  plötzlich  um  Mitternacht  durch  dumpfe 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


Schläge  erweckt  wurden.  Bald  war  die  Thüre  des  Gesandtschaftspalais  erbrochen, 
und  die  Mordbande  mit  dem  Schwert  in  der  Hand  stürzte  auf  die  plötzlich  aus  dem 
Schlafe  geweckten  Engländer.  Fast  gänzlich  unbewaffnet,  hatten  sie  es  einer  gütigen 
Vorsehung  zu  danken,  dafs  sie  nicht  alle  abgeschlachtet  wurden.  Nur  der  Sekretär, 
Mr.  Oliphant,  wurde  schwer  und  der  Konsul  Morrison  leicht  verwundet,  und  nach- 
dem die  japanischen  Wachen  sich  von  der  ersten  Bestürzung  erholt  hatten,  kam  es 
zu  einem  mörderischen  Kampfe  mit  den  Angreifern,  von  denen  fünf  auf  dem  Platze 
blieben;  aber  auch  die  Wachen  selbst  hatten  schwere  Verluste  zu  beklagen,  da  sie 
im  Dunkel  der  Nacht  nicht  Freund  und  Feind  hatten  unterscheiden  können  und  sich 
selbst  gegenseitig  bekämpft  hatten. 

Kaum  hatte  Siebold  diese  Nachricht  erhalten,  als  er  sofort  auf  den  Schauplatz 
eilen  und  seine  Dienste  als  Chirurg  dem  Gesandten  zur  Verfügung  stellen  wollte. 
Aber  seine  Eskorte  liefs  ihn  nicht  aus  dem  Palais  heraus,  und  erst  gegen  Morgen 
durfte  er  zu  den  Engländern  eilen.  Die  Gesandtschaft  bot  einen  schauderhaften  An- 
blick; überall  Blutspuren  und  Zerstörung,  die  Betten  durchwühlt,  Thüren  und  Fenster 
zerschlagen,  Zeichen  eines  fürchterlichen  Kampfes  mit  der  blanken  Waffe.  Im  Vor- 
hofe lagen  die  verwundeten  Ronins,  welche  grofse  Augen  machten,  als  ein  fremder 
Arzt  sie  untersuchte,  und  in  den  Wachträumen  die  armen  Wachen,  manche  mit 
fürchterlichen  Säbelhieben,  die  ganze  Glieder  vom  Körper  getrennt  hatten. 

Siebold  eilte  zum  Staatsrat,  welcher  ihn  beinahe  flehentlich  beschwor,  seinen 
Einflufs  bei  den  europäischen  Staatsmännern  geltend  zu  machen,  um  einen  Krieg  mit 
England  zu  vermeiden.  Er  befand  sich  auf  diese  Weise  plötzlich  im  diplomatischen 
Fahrwasser,  welches  aber  leider  so  getrübt  war,  dafs  keine  Kunst  mehr  die  Regie- 
rung des  Sjögun  zu  retten  vermochte. 

Inzwischen  hatte  die  eigentümliche  Stellung,  die  Siebold  in  Jedo  nun  bekleidete, 
Bedenken  beim  niederländischen  diplomatischen  Agenten  erweckt.  Er  forderte  Sie- 
bold in  einem  Schreiben  auf,  sofort  Jedo  zu  verlassen,  da  er  ihn  sonst  des  nieder- 
ländischen Schutzes  für  verlustig  erklären  müsse.  Antwort  Siebolds  war,  dafs  er  sich 
unter  den  Schutz  der  japanischen  Regierung  stellen  würde  — - darauf  diplomatische 
Schritte  bei  der  japanischen  Regierung  und  Ersuchen,  Sieb  old  wegzuschicken.  Lange 
zögerte  die  Regierung,  aber  endlich  gab  sie  dem  Drängen  nach  und  ersuchte  ihn,  in 
Anbetracht  der  möglichen  Verwicklungen  mit  der  holländischen  Regierung  Jedo  zu 
verlassen.  Gleichzeitig  aber  kam  ein  Schreiben  des  Generalgouverneurs  von  Indien, 
der  ihn  amtlich  aufforderte,  nach  Java  als  Adviseur  für  japanische  Angelegenheiten, 
bei  einer  bedeutenden  Gehaltszulage,  sich  einzufinden,  mit  der  Aussicht,  von  dort  aus 
später  bald  als  diplomatischer  Vertreter  Niederlands  nach  Japan  zurückzukehren. 
Siebold,  der  einerseits  die  Unmöglichkeit  einsah,  unter  den  verwickelten  Verhältnissen 
der  Regierung  des  Sjögun  weiter  nützen  zu  können  und  andererseits  es  auch  als 
seine  Pflicht  erkannte,  seiner  Regierung  sich  auf  Befehl  zur  Verfügung  zu  stellen, 
reiste  sehr  bald  darauf  von  Jedo  ab,  um  sich  in  Java  beim  Generalgouverneur 
zu  melden. 

In  Java  angekommen,  fand  er,  dafs  man  ihn  absichtlich  oder  unabsichtlich  ge- 
täuscht hatte.  Nicht  nur  war  von  seiner  Ernennung  zu  einem  diplomatischen  Posten 
keine  Rede  mehr,  sondern  die  ganze  Leitung  der  japanischen  Beziehungen  war  in- 
zwischen vom  Kolonialamt  auf  das  Ministerium  des  Äufsern  übergegangen,  so  dafs 
der  ihm  in  Aussicht  gestellte  Posten  überhaupt  nicht  mehr  existierte. 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


XXXI 


Es  blieb  ihm  nichts  übrig  als  nach  Holland  zurückzukehren,  wo  er  tief  gekränkt 
mit  der  Regierung  eine  höchst  peinliche  Auseinandersetzung  hatte,  die  in  der  Ein- 
reichung eines  Entlassungsgesuches  ihr  Ende  fand.  So  kehrte  er  nach  seiner  Vater- 
stadt Würzburg  zurück  und  stellte  dort  zuerst  seine  prachtvolle  ethnographische  Samm- 
lung auf,  die  er  später  dem  bayerischen  Staat  abtrat,  welcher  sie  unter  den  Arkaden 
zu  München  aufstellen  liefs. 

Nebenbei  beschäftigte  sich  Siebold  mit  der  weiteren  Herausgabe  seiner  Werke, 
unterhielt  durch  Vermittlung  seines  Sohnes  eine  rege  Korrespondenz  mit  Japan  und 
fand  Gelegenheit,  bei  den  Grofsmächten  für  die  friedliche  Entwicklung  der  politischen 
Verwicklungen  zu  wirken  und  bei  mancher  bisher  unbekannt  gebliebenen  Gelegen- 
heit diplomatisch  in  die  ostasiatischen  Angelegenheiten  einzugreifen;  wie  z.  B.  bei 
Anlafs  der  aufserordentlichen  japanischen  Gesandtschaft  in  Paris.  Während  dieser 
Zeit  beschäftigten  seinen  Geist  zwei  Pläne,  welche,  zur  Ausführung  gelangt,  gewils 
einen  grofsen  Einflufs  auf  die  Gestaltung  der  Dinge  in  Japan  gehabt  hätten.  Der 
erste  war  die  Einführung  des  deutschen  Militärsystems  in  Japan  durch  die  Engagie- 
rung  einer  Anzahl  bayerischer  Offiziere  und  Unteroffiziere  als  Instrukteure  im  japani- 
schen Dienst,  eine  Aufgabe,  welche  leider  damals  Frankreich  sich  aneignete  und  zur 
Vermehrung  seines  politischen  Einflusses  ausbeutete,  und  das  zweite  Projekt  war  die 
Gründung  einer  grofsartigen  Handelsgesellschaft,  verbunden  mit  einer  Schule  für 
Handelswissenschaften  in  Nagasaki. 

Auf  das  eingehendste  verfolgte  Siebold  die  Entwicklung  der  neuen  Ära  in 
Japan.  Er  war  der  erste  und  wahrscheinlich  der  einzige  Europäer,  welcher  die  Trag- 
weite der  damaligen  politischen  Bewegung  erkannte  und  darauf  hinwies,  dafs  es  sich 
um  nichts  weniger  als  um  die  Restauration  des  Mikado  handelte.  Er  hielt  dafür,  dafs 
es  Sache  der  Mächte  sei,  beizeiten  durch  die  Anerkennung  des  legitimen  Souverains 
einen  blutigen  Bürgerkrieg  zu  verhindern,  da  aber  Frankreich  sich  auf  Seite  des 
Sjögun  gestellt  hatte,  Amerika  ihm  Waffen  und  Schiffe  lieferte,  England  und  fast 
sämtliche  andere  Vertragsmächte  eine  Flotte  gegen  den  Fürsten  von  Suwo  und  Nagato 
(Choshiu),  den  Vorkämpfer  des  Mikado,  ausgerüstet  hatten,  und  im  Begriffe  waren, 
die  Forts  von  Simonoseki  zu  bombardieren,  schien  es  Siebold  die  höchste  Zeit,  dafs 
die  einzig  neutral  gebliebene  Macht,  Rufsland,  interveniere.  In  einem  Schreiben  vom 
8.  Oktober  1863  an  den  Generaladjutanten  des  Kaisers  Ignatiew,  sowie  in  einer  ausführ- 
lichen Denkschrift  legte  er  seine  Ansichten  mit  bewunderungswürdiger  Klarheit  dar, 
deutete  die  kommenden  Ereignisse  an  und  zeichnete  die  Rolle  vor,  welche  Rufsland 
als  Friedensstifter  in  Ostasien  zu  spielen  hätte.  Leider  ohne  Erfolg;  denn  auch  in 
St.  Petersburg  hatte  man  die  Motive  der  japanischen  Umwälzung  nicht  erkannt  und 
legte  keinen  Wert  darauf,  den  politischen  Ereignissen  vorzugreifen.  Aber  als  Beweis 
diplomatischen  Scharfsinnes  und  einer  richtigen  Erkenntnis  der  politischen  Thatsachen 
bleibt  die  Denkschrift  auch  für  die  japanische  Geschichte  eine  wichtige  Urkunde. 

Keiner  der  an  Ort  und  Stelle  anwesenden  Diplomaten  oder  der  leitenden  Staats- 
männer Europas  hatten  den  Endzweck  der  schon  seit  Jahrzehnten  in  Japan  gährenden 
Bewegung  zu  erkennen  vermocht,  welche  Siebold  in  § 1 seiner  Denkschrift  kurz  und 
bündig  erklärt:  «II  s’opere  au  Japon  une  revolution,  la  restauration  de  Fanden  Empire 
et  le  retour  au  pouvoir  du  Mikado  actuel.  Par  la  mediation  unanime  de  toutes  les 
puissances  qui  ont  fait  des  traites  avec  le  Japon  cette  restauration  aurait  pu  etre  amenee 
en  paix  et  mise  a profit  tant  pour  leurs  interets  politiques  que  commerciaux.»  Im 


XXXII 


Philipp  Franz  von  Siebold 


Jahre  1863  hatten  sogar  nur  wenige  Japaner,  die  Führer  der  Bewegung  ausgeschlossen, 
erkannt,  um  was  es  sich  eigentlich  handelte,  so  dafs  es  den  europäischen  Diplomaten 
nicht  verargt  werden  kann,  wenn  sie  damals  noch  mit  Blindheit  geschlagen  waren. 

Diese  Pläne  sollten  Sieb  old  zum  dritten  Male  nach  Japan  führen,  wenn  ihn  nicht 
inmitten  der  Vorbereitungen  zu  dieser  Reise  der  Tod  in  München  am  18.  Oktober  1866 
seinen  grofsartigen  und  weitsichtigen  Plänen  entrissen  hätte.  Es  war  ihm  gestattet, 
in  seinem  Vaterlande  seine  letzten  Tage  zu  verleben  und  sein  letztes  Werk,  die  Auf- 
stellung seiner  ethnographischen  Sammlungen,  war  also  ein  Werk,  welches  demselben 
zu  gut  kam. 

Wo  die  Früchte  unermüdlicher  wissenfchaftlicher  Arbeit  und  hervorragende 
literarische  Werke  sprechenden  Beweis  für  die  Leistungen  eines  Forschers  liefern,  be- 
darf es  keiner  weiteren  Lobpreisung.  Auch  legen  die  Monumente  von  Stein  und  Erz, 
welche  Freunde  und  Verehrer  dem  Gelehrten  in  Europa  und  Japan  errichtet,  Zeugnis 
ab  für  die  übereinstimmende  Anerkennung  durch  die  Nachwelt.  Erst  vor  kurzem  gab 
die  gleichzeitig  hier  wie  dort  stattgefundene  Centenarfeier  der  Geburt  Siebolds  Ver- 
anlassung, die  geistige  Gemeinschaft  zu  erkennen,  welche  heute  den  Westen  mit  dem 
Osten  verbindet.  Diese  geschaffen  zu  haben,  dürfte  das  Hauptverdienst  Siebolds  sein. 
Welche  Bedeutung  seine  Wirksamkeit  auch  für  die  Lösung  der  universalgeschichtlichen 
Aufgabe,  der  Vermittlung  der  Kultur  unter  den  verschiedenen  Völkern  und  Welt- 
teilen gehabt  hat,  ist  so  treffend  durch  Prof.  Dr.  Henner,  Vorsitzenden  des  historischen 
Vereins  für  Unterfranken  und  Aschaffenburg,  in  seiner  Rede  am  25.  Februar  d.  J. 
hervorgehoben  worden,  dafs  wir  nicht  unterlassen  wollen,  folgendes  daraus  zum 
Schlüsse  anzuführen: 

«Der  Erdteil  Asien  galt  von  jeher  als  die  Wiege  der  Menschheit  und  zugleich 
als  der  Ausgangspunkt  aller  höheren  Kultur.  Von  dort  aus  wurde  sie  dann  nach 
unserem  Europa  verpflanzt,  und  von  hier  ergossen  sich  die  Ströme  dieses  Kultur- 
lebens wieder  nach  anderen  neu  entdeckten  Welten.  Allein  wie  alles  das  in  ewigem 
Kreisläufe  sich  bewegt,  so  hat  es  fast  den  Anschein,  als  ob  jene  alte  ehrwürdige  Wiege 
der  Menschheit,  Asien,  jahrhundertelang  wie  in  einem  Zauberschlaf  befangen,  nun- 
mehr in  eine  neue  Phase  der  Kulturentwicklung  treten  will,  und  zwar  ist  es  der 
äufserste  östliche  Vorposten  dieser  gewaltigen  Ländermasse,  das  japanische  Inselreich, 
welches  zum  Träger  und  Führer  dieses  erneuten  Aufschwungs  berufen  erscheint. 
Dieses  Reich  Japan  nun,  das  auch  jahrhundertelang  gegen  alles  Fremde  streng  sich 
abgeschlossen  hatte,  endlich  wdeder  neuen  Kultureinflüssen  von  aufsen  her  zugängig 
und  dadurch  eben  zur  Lösung  einer  solchen  Aufgabe  von  ganz  unabsehbarer  Tragweite 
fähig  gemacht  zu  haben,  das  war  in  erster  Linie  das  unsterbliche  Verdienst  Siebolds; 
gleichwie  er  dann  wieder  vor  dem  staunenden  Europa  das  farbenreiche  Bild  jener 
wunderbaren  Inselwelt  entrollte.  Er  hat  uns  die  entzückende  Flora  Japans  erschlossen 
und  dafür  diesem  Lande  die  Blüten  europäischen  Geisteslebens  vermittelt.  Wie  waren 
doch  unlängst  die  Augen  der  ganzen  Welt  mit  gespanntester  Aufmerksamkeit  auf 
jenen  gewaltigen  Ringkampf  gerichtet,  der  sich  im  östlichen  Asien  zwischen  China 
und  Japan  entsponnen  hatte;  wie  da  das  verhältnismäfsig  kleine  Japan  das  Reich  der 
Mitte,  das  Riesenreich  China  im  ersten  kühnen  Ansturm  niederwarf!  Das  wvar  eben 
die  Frucht  jener  inneren  Kulturarbeit  der  letzten  Menschenalter;  und  keine  Übertrei- 
bung ist  es  darum,  wenn  ich  sage:  jeder  neue  Sieg,  den  Japan  damals  errang,  war 
zugleich  auch  ein  Triumph  des  Namens  Siebold. » 


Philipp  Franz  von  Siebold. 


XXXIII 


Dafs  Siebold  der  intellektuelle  Urheber  des  in  Japan  stattgehabten  phänomenalen 
Aufschwungs  gewesen  ist,  haben  auch  seine  japanischen  Verehrer  auf  dem  Gedenk- 
stein zu  Nagasaki  für  die  Nachwelt  in  einer  Inschrift  verewigt.  Auf  diesem,  einem 
mächtigen  Monolithen,  haben  die  letzten  Überlebenden  seiner  Schüler,  die  hervorragendsten 
Staatsmänner  des  Reichs  und  Mitglieder  des  hohen  Adels  die  Worte  eingegraben: 
«Dafs  in  den  Jahren  des  Cyklus  Kaje  und  Ansei  die  Partei,  welche  die  Europäer 
aus  dem  Lande  zu  vertreiben  und  das  Reich  aufs  neue  abzuschliefsen  trachtete, 
nicht  den  Sieg  davongetragen  und  ein  glückliches  und  friedliches  Einvernehmen  mit 
Europa  zu  stände  kam,  ist  einzig  und  allein  das  Verdienst  der  Männer,  welche  Kenner 
und  Vertreter  der  europäischen  Wissenschaft  waren;  folglich  ruht  der  Ruhm  der 
grofsen  That,  der  Einführung  der  Civilisation  im  heutigen  Japan,  auf  Siebold,  dessen 
Andenken  dieser  Stein  gewidmet  ist». 

i 1 


\ 


v.  Sieb  old,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


III 


XXXIV 


Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Erklärung  des  Titelbildes V 

Vorrede  zur  zweiten  Auflage  IX 

Ph.  Fr.  v.  Siebold  (eine  biographische  Skizze) XIII 

Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 

Reisen. 

1)  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823 1 

Mit  einer  «Skizze  einer  geographisch-statistischen  Beschreibung  von  Banka))  und  einem  An- 
hang: «Eroberung  der  Insel  Formosa  (Taiwan)  durch  den  Chinesen  Koksenia  im  Jahre  1662». 

2)  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjögun  im  Jahre  1826 48 

Einleitung  zur  Reise  nach  Jedo  im  Jahre  1826 48 

Reise  von  Nagasaki  bis  Kokura 68 

Überfahrt  von  Kokura  nach  Simonoseki  und  Aufenthalt  daselbst 105 

Reise  von  Simonoseki  nach  Muro  und  Aufenthalt  daselbst • 130 

Landreise  von  Muro  nach  Osaka 146 

Aufenthalt  zu  Osaka  und  Kioto  (Miako) 157 

Reise  von  Kioto  bis  Jedo 164 

Aufenthalt  zu  Jedo 182 

Rückreise  von  Jedo  bis  Kioto 206 

Aufenthalt  zu  Kioto  und  Rückreise  nach  Osaka 213 

Aufenthalt  zu  Osaka 218 

Rückreise  von  Osaka  nach  Nagasaki - . 224 

Geographische  Übersicht  und  Entdeckungsgeschichte  von  Japan. 

3)  Name,  Lage,  Gröfse  und  Einteilung  des  Japanischen  Reiches 232 

4)  Entdeckung  von  Japan  durch  die  Europäer  und  deren  Beziehungen  zu  diesem  Reiche  bis  zum 

Beginne  des  XIX.  Jahrhunderts 235 

5)  Entdeckungsgeschichte  von  Japan.  Nach  Fernan  Mendez  Pintos  Erzählungen  und  Nachrichten 

der  Japaner 241 

6)  Beschreibung  der  Faktoreien  der  Niederländer  in  Japan,  Hirado  (Firato)  und  Dezima  ....  245 

7)  Verkehr  der  Japaner  mit  ihren  Nachbarn,  den  Chinesen,  Koreanern  und  einigen  andern  Völkern  252 

8)  Geschichtliche  Übersicht  der  geographischen  Forschungen  der  Japaner  über  ihr  eigenes  Land 

und  dessen  Neben-  und  Schutzlä'nder 255 

9)  Bemerkungen  zu  den  Karten  des  Japanischen  Reiches 277 

Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

1)  Über  die  Abstammung  der  Japaner  281 

2)  Erörterung  des  Schiefstehens  der  Augen  bei  den  Japanern  und  einigen  anderen  Völkerschaften  299 

3)  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst 303 

4)  Geschichte  der  Entwicklung  der  Volkskultur  und  Begründung  des  Sjögunats 361 

5)  Beiträge  zur  Kenntnis  der  japanischen  Rechtspflege 415 


XXXV 


Verzeichnis  der  Abbildungen. 


Titelbild. 

Portrait  des  Verfassers  aus  dem  Jahre  1866. 
Ansicht  des  Hafens  von  Nagasaki. 

Plan  von  Dezima,  der  letzten  niederländischen 
Faktorei. 

Tragsessel  und  Reisegepäck. 

Zug  der  niederländischen  Gesandtschaft. 

Japanische  Seeschiffe  und  Ruderboote. 

Der  grofse  Kampherbaum  bei  Sonogi. 

Die  Kapelle  des  Pferdepatrons  zu  Woda. 

Ansicht  der  Strafse  van  der  Capellen. 

Das  Denkmal  Josibe-se. 

Ansicht  von  Simonoseki  von  Takesaki  aus. 
Portrait  von  Isibasi  Sakusajemon,  Präsidenten  des 
Dolmetscher-Kollegiums  in  Nagasaki. 

Kostüme  des  Adels  am  Hofe  des  Mikado. 

Damen  am  Hofe  des  Mikado. 

Der  Tempel  Nisi-hon-gwanji  in  Kioto. 

Ansicht  des  Biwa-Sees. 

Die  Jahaki-Brücke. 

Krater  des  Fusijama. 

Ansicht  der  Landstrafse  im  Hakone-Gebirge. 
Portrait  der  Gemahlin  des  Sjögun. 

Portrait  des  Sjögun. 

Kostüme  des  Adels  am  Hofe  des  Sjögun. 

Aussicht  von  der  Brücke  Jetai  auf  den  Hafen  und 
die  Stadt  Jedo. 

Höherer  Offizier  in  Feuerwehr- Ausrüstung. 

Der  Strudel  Naruto. 

Abbildung  der  portugiesischen  Entdecker  Japans. 


Ansicht  von  Hirado,  der  ersten  niederländ.  Faktorei. 
Das  Japanische  Reich  mit  seinen  Neben-  und  Schutz- 
ländern (nach  einem  japanischen  Kupferstich). 
Vergleichende  Tabelle  der  Augen  bei  den  ver- 
schiedenen Rassen. 

Abbildung  Komakis,  eines  japanischen  Jünglings. 
Abbildung  Simoris,  eines  japanischen  Mädchens. 
Abbildung  eines  japanischen  Knaben. 

Abbildung  eines  kleinen  japanischen  Mädchens. 
Portrait  von  Ko-tsching-dschan,  einem  chinesischen 
Literaten. 

Bogen  und  Pfeile. 

Japanische  Bogenschützen. 

Die  Kaiserin  Zingo  kogo  und  ihr  Feldherr  Takenoutsi. 
Rüstungen,  namentlich  Schuppenpanzer  und  Helme. 
Rüstungen  und  Details  derselben. 

Säbel,  Schwerter  und  Dolche. 

Waffenbeschläge  und  Ornamente. 

Altere  Kriegsmaschinen. 

Streitwagen  und  Belagerungsmaschinen. 

Lanzen  und  Speere. 

Schiefsgewehr  und  grobes  Geschütz. 

Flaggen  und  Standarten. 

Verschiedene  Kriegsabzeichen. 

Schilde,  Leitern  und  anderes  Kriegsgerät. 
Pfeilspitzen  aus  der  Steinzeit. 

Waffen  aus  der  ältesten  Zeit. 

Verschiedene  Formen  von  Steinwaffen. 
Genealogische  Tafel  der  Sjögune. 

Strafen  und  Hinrichtungen. 


Beilagen : 

Grofse  Karte  des  Japanischen  Reiches. 

Tabelle  der  politischen  Einteilung  des  Japanischen  Reichs  zur  Zeit  des  Sjögunats. 


HI* 


Abteilung  I. 

Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Reisen. 


i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 

Niederland  seine  Besitzungen  in  Ostindien  wiedererhalten,  bestrebte 
sich  die  Regierung,  mit  den  neuen  Staats-  und  Handelseinrichtungen  in 
den  Kolonien  auch  Kunst  und  Wissenschaft  eifrig  zu  fördern;  unter 
dem  Schutze  und  der  Pflege  des  General -Gouverneurs  van  der  Capellen 
erblühten  diese  gleichzeitig  mit  den  neuen  Niederlassungen,  Pflanzungen 
und  vielen  andern  nützlichen  Einrichtungen. 

Professor  Reinward,  Dr.  Kühl  und  van  Hasselt,  später  auch  Dr.  Blume 
durchforschten  die  Sunda-  und  die  Gewürzinseln;  ersterer  war  mit  einer  reichen  Aus- 
beute nach  den  Niederlanden  zurückgekehrt,  Kuhn  als  Opfer  seiner  Anstrengungen 
gefallen,  und  die  beiden  letzteren  beschäftigten  sich  noch  auf  Java  mit  naturwissen- 
schaftlichen Forschungen,  als  Japan  die  Aufmerksamkeit  der  Niederländisch-Indischen 
Regierung  auf  sich  zog. 

Seit  vielen  Jahren  waren  von  dort  keine  bedeutenden  Nachrichten  mehr  ein- 
gegangen. — In  den  vorhergehenden  Kriegen  hatte  die  niederländische  Schiffahrt 
eine  Störung  erlitten,  und  andern  Nationen  war  jenes  Reich  unzugänglich  geblieben. 

Carl  Peter  Thunberg,  Arzt  bei  der  niederländischen  Gesandtschaft  am  Hofe  zu 
Jedo  (1775—76),  war  seit  E.  Kaempfer  der  einzige,  welcher  das  Innere  jenes  Landes 
bereist  und  über  dessen  Naturerzeugnisse  wertvolle  Nachrichten  mitgeteilt  hatte. 
Isaak  Titsingh,  Oberhaupt  des  niederländischen  Handels  daselbst  (1780 — 84),  hatte 
interessante  Notizen  über  Japan  und  einige  benachbarte  Länder  gesammelt  und  eine 
ansehnliche  Sammlung  ethnographischer  Gegenstände,  darunter  einige  brauchbare 
naturhistorische  Abbildungen,  mit  nach  Europa  gebracht;  viele  jedoch  von  seinen 
wertvollen  wissenschaftlichen  Schriften  und  ein  grofser  Teil  seiner  Sammlung  gingen 
durch  seinen  frühzeitigen  Tod  im  Auslande  (starb  zu  Paris  1812)  verloren. 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


1 


Abteilung  1.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


1 

Tilesius  und  von  Langsdorff,  welche  mit  von  Krusenstern  die  Reise  um  die 
Erde  machten  (1803 — 1806),  befanden  sich  unter  zu  eingeschränkten  Verhältnissen 
in  Japan,  als  dafs  sie  durch  Nachforschungen  die  Naturwissenschaften  bedeutend  hätten 
bereichern  können,  und  Golownin  konnte  als  Gefangener  blofs  eine  Geschichte  seiner 
Abenteuer  und  einige  zufällige  Beobachtungen  auf  seiner  unfreiwilligen  Reise  mitteilen. 

Aus  diesen  spärlichen  Quellen  flössen  in  den  letzten  fünfzig  Jahren  die  Nach- 
richten über  Japan.  Es  liefs  sich  daraus  ermessen,  mit  welchen  Hindernissen  und 
Schwierigkeiten  wissenschaftliche  Untersuchungen  in  Japan  verknüpft  sind,  und  aus 
dem,  was  Kaempfer,  Thunberg  und  Titsingh  geleistet,  konnte  man  entnehmen,  dafs 
noch  vieles,  hauptsächlich  in  den  einzelnen  Zweigen  der  Naturwissenschaften  und  der 
Länder-  und  Völkerkunde,  zu  erforschen  bliebe. 

Bei  dem  Entwürfe  zur  Verbesserung  des  Handels,  mit  Japan  war  das  Nieder- 
ländisch-Indische Gouvernement  zugleich  auf  Einrichtungen  bedacht,  die  der  Wissen- 
schaft dort  förderlich  sein  könnten.  Doch  war  man  zu  wenig  mit  der  Stimmung  der 
japanischen  Regierung  für  dergleichen  Unternehmungen  bekannt,  um  danach  die  Mafs- 
regeln  zu  entwerfen.  Man  wufste,  dafs  einzelne  Japaner  europäische  Wissenschaften 
schätzten,  dafs  sie  überhaupt  wifsbegierig  und  mit  den  Niederländern  auf  Dezima 
gegenwärtig  in  gutem  Verständnisse  seien.  Für  Medizin,  Naturgeschichte  und  Mathematik 
hatte  dieses  gebildete  Volk  von  jeher  Vorliebe,  und  es  waren,  ob  es  nun  aus  wissen- 
schaftlichem oder  einem  andern  Interesse  geschah,  wissenschaftlich  gebildete  Personen 
bei  der  niederländischen  Faktorei  den  Japanern  stets  willkommen.  Ärzte  besonders 
wurden  gut  aufgenommen.  Letzteren  verschaffte  die  Ausübung  ihrer  Kunst  die  Er- 
laubnis und  Gelegenheit,  mit  den  Einwohnern  in  nähere  Berührung  zu  kommen,  und 
zu  Nagasaki  und  auf  der  Reise  nach  Jedo  sah  man  sie  Vorrechte  geniefsen,  die,  bei 
einer  so  grofsen  Beschränkung  der  Ausländer  im  Reiche,  als  eine  aufserordentliche 
Begünstigung  angesehen  werden  mufsten. 

Bei  der  Faktorei  auf  Dezima  waren  Verbesserungen  des  Handels  und  zweck- 
mäfsigere  Einrichtungen  nötig  geworden.  Man  konnte  jedoch  nicht  unmittelbar  an 
Erweiterung  der  Handelsvorrechte  und  an  Erlangung  gröfserer  Privilegien  für  die  Kauf- 
leute denken,  und  das  Augenmerk  der  Niederländisch-Indischen  Regierung  ging  vorerst 
dahin,  den  Zustand  des  Handels  mit  Japan,  die  Nation  selbst,  ihre  Staatsverfassung 
und  die  Maximen  ihrer  Politik,  das  Land  und  dessen  Erzeugnisse  näher  kennen 
zu  lernen. 

Auch  bezweckte  man,  bei  Volk  und  Regierung  die  gute  Meinung  von  den  er- 
probten niederländischen  Freunden  aufs  neue  zu  bestärken  und  sich  durch  gute  Auswahl 
der  Handelsartikel  und  pünktliche  Führung  der  Handelsgeschäfte  zu  empfehlen.  Durch 
freundliches  Einverständnis  der  Beamten  der  Faktorei  mit  den  zunächststehenden  Ja- 
panern sollten  auch  deutlichere  Begriffe  von  europäischer  Kultur,  von  Kunst  und 
Wissenschaft  verbreitet  werden.  Bei  einem  solchen  Verfahren  liefs  sich  der  Beseitigung 
mancher  Hindernisse  im  Handel  entgegenfehen,  und  man  konnte  hoffen,  die  japanische 
Regierung  für  etwaige  Anträge  geneigt  zu  machen,  und  die  Härte  des  Gesetzes  über 
den  auswärtigen  Verkehr  zu  erweichen.  Johan  Wilhelm  de  Sturler,  Colonel  und 
Chef  der  Militärverwaltung  — ein  Staatsmann  von  ausgezeichneter  Bildung  — , wurde 
zum  Oberhaupt  des  niederländischen  Handels  in  Japan  ernannt. 

Da  die  medizinischen  und  naturhistorischen  Wissenschaften,  die  in  Japan  noch 
zurückgeblieben  sind,  dort  eine  äufserst  günstige  Aufnahme  finden,  und  man  eben 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  Im  Jahre  1823. 


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deshalb  dem  Arzte  der  niederländischen  Faktorei  mehr  Freiheit  vergönnt  und  ihm 
Gelegenheit  gegeben  sah,  zur  Ausführung  obigen  Planes  mitzuwirken,  fo  glaubte  man 
durch  die  Sendung  eines  Arztes,  der  auch  Naturforscher  war,  die  politischen  Absichten 
zu  unterstützen  und  zugleich  nützliche  Ergebnisse  für  die  naturhistorischen  und  ethno- 
graphischen Wissenschaften  zu  erzwecken. 

Dies  war  der  Beweggrund  für  die  Niederländisch-Indische  Regierung,  mir  den 
Antrag  zu  stellen,  als  Arzt  und  Naturforscher  Colonel  de  Sturler  bei  einem  so  aus- 
sichtsvollen Unternehmen  zu  begleiten.  Mit  Freuden  nahm  ich  einen  Ruf  an,  der  so  ganz 
meinen  Wünschen  entsprach  und  mich  dem  Ziele,  das  ich  mir  bei  meiner  Reise  nach 
Ostindien  vorgesteckt,  so  nahe  brachte.  Ich  begab  mich  vom  Hauptquartier  zu 
Weltevreden  nach  Buitenzorg,  dem  Landsitze  des  Generalgouverneurs  Baron  van 
der  Capellen,  wo  ich,  diesem  hohen  Gönner  der  Wissenschaften  näher  bekannt  ge- 
worden, einen  Entwurf  der  in  Japan  anzustellenden  Untersuchungen  und  der  zur  Aus- 
führung derselben  erforderlichen  Mittel  vorlegte. 

In  dem  gemäfsigten  Klima  des  Hochlandes  von  Java  erlangte  ich  bald  wieder 
meine  Kräfte,  die  durch  eine  kurz  vorher  überstandene  Krankheit  sehr  gesunken  waren, 
und  lebte  in  meinem  neuen  Berufe  von  neuem  auf,  mit  täglich  steigender  Lust  dem 
Zeitpunkt  unserer  Abreise  entgegensehend. 

Am  20.  Mai  1823  kehrte  ich  von  Buitenzorg  nach  Batavia  zurück.  Die  Re- 
gierung hatte  mich  bevollmächtigt,  die  nötigen  Bedürfnisse  für  die  Reise  und  für  die 
in  Japan  anzustellenden  Untersuchungen  in  Batavia  anzuschaffen,  und  es  glückte  mir, 
an  einem  von  Europa  so  weit  entfernten  Orte  die  nötigsten  physikalischen  und  mathe- 
matischen Instrumente  und  Bücher  zu  erwerben.  Eine  gröfsere  Elektrisiermaschine, 
eine  Luftpumpe  und  ein  galvanischer  Apparat  wurden  mitgenommen,  um  die  Aufmerk- 
samkeit der  wifsbegierigen  Japaner  zu  wecken  und  sie  mit  diesen  Instrumenten  und 
ihren  Wirkungen  näher  bekannt  zu  machen. 

Angenehm  ist  mir  die  Erwähnung  der  Teilnahme,  die  man  zu  Batavia  für  meine 
bevorstehende  Reise  allgemein  an  den  Tag  legte.  Die  Hülfe  und  Unterstützung  bei 
meiner  Ausrüstung  und  die  Herzlichkeit  der  Glückwünsche  liefsen  mich  eine  günstige 
Stimmung  für  mein  Unternehmen  erkennen  und,  während  mein  Mut  und  Eifer  sich 
erhöhten,  mit  angenehmen  Hoffnungen  der  Zukunft  entgegenfehen. 

Die  nach  Japan  bestimmten  Fahrzeuge,  de  drie  Gezusters  unter  Kapitän  A.  Jaco- 
metti  und  de  Onderneming  unter  Kapitän  H.  M.  Lelfs,  lagen  bereits  ausgerüstet  auf 
der  Rhede  von  Batavia.  Gewöhnlich  wird  die  Seereise  von  Batavia  nach  Japan  im 
Monat  Juni  angetreten,  wo  die  SW.-Mousson  und  die  in  der  chinesischen  und  japa- 
nischen See  herrschenden  SW. -Winde  die  Fahrt  begünstigen;  man  geht  gegen  das 
erste  Mondsviertel  unter  Segel,  um  auch  des  Nachts  bei  Mondschein  in  die  Strafse 
Banka  einlaufen  zu  können.  Der  Benützung  dieses  Zeitpunktes  standen  diesmal  amt- 
liche Hindernisse  entgegen,  und  von  einem  Tage  auf  den  andern  verschoben,  wurde 
endlich  die  Abreise  auf  den  28.  Juni  festgesetzt.  Colonel  de  Sturler  hatte  das 
Dreimastschiff  de  drie  Gezusters  gewählt,  und  wir  begaben  uns  am  Abend  des 
27.  an  Bord. 

Eine  zahlreiche  Gesellchaft  war  uns  gefolgt;  doch  der  sich  allmählich  erhebende 
Landwind  nötigte  sie,  nach  Batavia  zurückzueilen.  Unser  Ankerplatz  auf  der  Rhede 
war  beinahe  eine  geographische  Meile  vom  Lande  entfernt,  und  die  Untiefen  und  die 
bei  frischem  Winde  hohe  Brandung  machten  das  Landen  für  die  Boote  gefährlich.  I11 


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Abteilung  L Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


gemessenem  Ruderschlage  wogten  diese  dahin,  und  ein  wechselseitiges  Lebewohl  unter- 
brach die  Stille  des  Abends. 

Erschöpft  durch  die  bisherigen  Mühen  bei  der  Ausrüstung  zur  Reise  nach  einem 
Lande,  wo  man  oft  jahrelang  von  den  nötigsten  europäischen  Bedürfnissen  entblöfst  sein 
kann,  fand  ich  an  Bord,  bei  der  labenden  Kühle  der  Abendluft,  die  langentbehrte 
Ruhe  des  Körpers  wieder.  Aber  gerade  dieser  Übergang  von  Thätigkeit  zur  Mufse, 
dieser  eigene  Zustand  von  Sorglosigkeit,  worin  man  sich  mit  einem  Male  an  Bord 
eines  Schiffes  versetzt  findet,  indem  man  dem  regelmäfsigen  Gange  des  täglichen 
Einerlei  oder  dem  blinden  Ungefähr  überlassen,  abgeschnitten  von  allen  äufsern  Be- 
ziehungen, kaum  mehr  das  Recht  behält,  sich  seiner  früheren  Selbständigkeit  und  seines 
freien  Willens  zu  erinnern,  gerade  dieser  erzwungene  Müfsiggang  führt  unwillkürlich 
zu  tieferem  Nachdenken,  und  die  Seele,  schwankend  zwischen  Hoffnung  und  Eurcht, 
beschäftigt  sich  mit  den  mannigfaltigsten  Bildern  der  Zukunft. 

Seit  neun  Monaten  hatte  ich  Europa  verlassen  und,  nachdem  ich  fünf  Monate  auf 
dem  weiten  Ozean  zugebracht,  glücklich  das  Land  meiner  Bestimmung  erreicht;  als 
Neuling  in  einem  tropischen  Klima  ward  ich  von  einer  schweren  Krankheit  heimge- 
sucht und  empfand  auch  in  meiner  Stellung  als  Militärarzt  öfters  Mifsvergnügen.  Un- 
erwartet sah  ich  mich  nun  diesen  Verhältnissen  entrückt.  Dem  Ziele,  das  ich  mir 
bei  meiner  Reise  nach  Ostindien  vorgesteckt,  näher  gebracht,  stand  ich  im  Begriffe, 
nach  einem  so  merkwürdigen  Lande,  einem  der  fernsten,  die  Europäer  besuchen,  hin- 
zusteuern. — Aber  leider  nicht  nach  einem  Lande,  wo  diese  als  freie  Männer  leben, 
nein,  nach  einem  Lande,  wo  die  Staatsklugheit  einer  asiatischen  Nation  uns  abge- 
schlossen hält  von  allem  freien  Verkehre  mit  Land  und  Volk!  Hier  höre  ich  einen 
in  Reisen  so  ausdauernden  Kämpfer  ausrufen:  « Quid  non  mortalia  pectora  cogis  auri 
sacra  fames!»  — hier  einen  Thunberg  sich  hart  über  die  Strenge  der  Gesetze  be- 
klagen; ich  sehe  einen  Langsdorff  Trost  bei  einem  «philosophischen  Glase  Punsch» 
suchen,  und  selbst  einen  kaiserlich  russischen  Gesandten  auf  eine  seine  Würde  ver- 
letzende Weise  beschränkt.  Doch  die  Beispiele  von  Enthusiasmus  und  Ausdauer, 
welche  uns  die  Geschichte  aus  dem  Leben  der  Naturforscher  und  Reisenden  aufbewahrt, 
hielten  meinen  Mut  aufrecht,  und  wenn  die  ohnehin  aufgeregte  Einbildungskraft  eines 
jungen  Reisenden  sich  vorhält,  wie  diese  jede  Mühseligkeit  ertrugen  und  Gefahren 
sich  hingaben,  dann  fühlt  er  sich  unwiderstehlich  angetrieben,  dem  Orte  entgegen- 
zueilen, wo  dem  Verehrer  und  Beförderer  der  Wissenschaft  ein  Opferherd  lodert,  um 
auch  da  seine  geringen  Gaben  niederzulegen! 

[28.  Juni.]  Mit  grauendem  Morgen  wurden  die  Anker  gelichtet,  und  um  5 Uhr 
gingen  die  beiden  Schiffe  unter  Segel,  begrübst  von  den  auf  der  Rhede  liegenden 
Fahrzeugen.  Das  Knarren  der  Ankerwinden,  ein  greller  Metallschall,  wechselnd  mit 
dem  taktmäfsigen  Geschrei  der  Matrosen  während  des  Beisetzens  der  Segel,  das  da- 
zwischentönende Kommando  des  Schiffskapitäns,  wiederholt  durch  die  Steuerleute,  diese 
Bewegung  und  allgemeine  Thätigkeit  auf  dem  Schiffe  macht  auf  den  müfsigen  Passagier 
einen  eigenartigen  Eindruck,  und  die  Dämmerung  des  Morgens  auf  der  Rhede  von 
Batavia,  das  Entschleiern  einer  so  schönen  Landschaft  rund  umher  stimmt  auf  eine 
wunderbare  Weise  das  Gemüt.  Das  allmähliche  Erwachen  der  Thätigkeit  auf  den 
übrigen  Fahrzeugen,  das  Läuten  der  Schiffsglocken,  der  Schall  des  Tung-lo  zum 
Morgengebete  auf  den  chinesischen  Schiffen:  alles  dies  ruft  Empfindungen  hervor,  für 
welche  die  Sprache  keinen  Ausdruck  findet. 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


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Überhaupt  ist  der  Augenblick  der  Abreise  zu  Schiffe  ein  Zeitpunkt,  der  sich  dem 
Gedächtnisse  des  Reisenden  mit  unverwischbaren  Zügen  einprägt,  sowie,  bei  einer 
glücklichen  Zurückkunft,  mit  dem  Fallen  der  Anker  ein  augenblickliches  Vergessen 
aller  Leiden  eines  oft  jahrelangen  Schiffslebens  sich  einzustellen  pflegt. 

Gegen  10  Uhr  überfiel  uns  ein  heftiger  Windstofs,  dem  eine  Windstille  folgte. 
Plötzlich  und  mit  Heftigkeit  sich  erhebende  Winde  sind  im  indischen  Ozean  häufig, 
und  in  der  Nähe  des  Landes  und  besonders  zur  Zeit  der  NO.-Mousson  und  bei  Nacht 
von  schweren  Gewittern  begleitet.  Oft  kündigen  sich  diese  Fallwinde  nur  durch 
unbedeutende  Gewitterwölkchen  an,  dem  erfahrenen  Seemann  ein  warnendes  Zeichen, 
die  Segel  zu  vermindern.  Die  Windstille  hielt  an,  und  aus  Besorgnis,  vom  Strome 
zu  weit  westlich  getrieben  zu  werden,  gingen  wir  auf  17  Faden  SW.  von  dem 
Inselchen  Edam  zu  Anker.  Die  rund  um  uns  gelegenen  kleinen  Inseln  Alkmar,  Enk- 
huyzen,  Leyden,  Hoorn,  Amsterdam  und  Edam  gewährten  bei  dem  heitern  Abend 
einen  ergötzenden  Anblick. 

[29.  Juni.]  Die  nach  Japan  bestimmten  Schiffe  haben  den  Verhaltungsbefehl, 
beisammen  zu  bleiben  — eine  Anordnung,  die  in  so  gefahrvollen  Meeren,  wie  das  chi- 
nesische und  japanische,  viel  Gutes  hat  — , nur  wird  infolge  der  Ungleichheit  im  Segeln 
zweier  Fahrzeuge  die  Reise  aufgehalten,  und  bei  Stürmen  laufen  sie  bisweilen  Gefahr, 
einander  zu  übersegeln.  Unser  Schiff  — es  hatte  den  Oberbefehl  — gab  um  4 Uhr 
morgens  durch  einen  Kanonenschufs  das  Signal  zum  Lichten  der  Anker.  Gegen  Mittag 
hatten  wir  die  Tausend  Eilande  (Pulo  Seribu)  SW.  von  uns  in  Sicht,  von  denen  man  im 
Vorbeisegeln  dreifsig  unterscheiden  konnte.  (Das  nördlichste  50  35'  s.  B.)  Im 
Hintergründe  war  hohes  Land  von  Java  sichtbar  — das  Gebirg  Golgotha  im  Distrikte 
Bantam.  Abends  erblickten  wir  das  Eiland  de  Noorder  Wächter  und  hohes  Land  von 
Sumatra.  Wir  blieben  die  Nacht  über  unter  Segel. 

[30.  Juni.]  Das  hohe  Land  von  Java  und  von  Sumatra  ist  verschwunden;  wir 
befinden  uns  mittags  auf  40  30'  s.  B.  und  1060  23'  ö.  L.,  und  unsere  Aufmerksamkeit 
ist  auf  das  baldige  Erscheinen  des  Eilandes  Lucipara  und  der  Insel  Banka  gerichtet. 

[1.  Juli.]  Gegen  7 Uhr  erblickten  wir  NO.  von  uns  Land,  welches  wir  für 
Lucipara  hielten,  aber  bald  als  hohes  Land  der  Insel  Banka  erkannten.  Kurz  darauf 
konnten  wir  auch  Lucipara  NW.  zu  W.  auf  einen  Abstand  von  vier  Seemeilen  unter- 
scheiden, und  am  nordwestlichen  Horizont  kam  die  niedrige  Küste  von  Sumatra  zum 
Vorschein.  Lucipara  ist  ein  von  S.  nach  N.  etwa  eine  Seemeile  lang  sich  erstreckendes 
Eiland,  durch  einen  Hügel  auf  der  einen  und  eine  Anhöhe  auf  der  andern  Seite  er- 
kennbar, mit  Gebüsch  bewachsen  und  von  einem  breiten  Riff  umgeben.  Es  liegt 
unter  30  13'  s.  B.  und  106 0 10'  ö.  L.  und  ist  unbewohnt.  Die  am  Eingänge  der 
Strafse  von  Banka  befindlichen  Untiefen,  Bänke  und  Klippen  machen  das  Einlaufen  in 
die  Strafse  bei  Nacht  und  ohne  Mondschein  gefährlich;  wir  gingen  daher  in  einem 
Abstande  von  3/ 4 Meile,  Lucipara  in  ONO.,  vor  Anker. 

[2.  Juli.]  Wir  segeln  längs  der  Küste  von  Sumatra  in  die  Strafse  Banka  und 
setzen  unsern  Kurs  nahe  am  Strande  auf  5 — 7 Faden  Tiefe  fort.  Der  Strand  von 
Sumatra,  welchen  wir  in  einer  Entfernung  von  1/2  deutschen  Meile  entlang  liefen,  ist 
ganz  niedrig  und  üppig  mit  Bäumen  und  Gebüsch  bewachsen.  Auffallend  ist  die 
Gleichheit  der  Waldung,  die  längs  dem  Strande  hinzieht  und  von  ferne  wie  eine  gerade 
zugeschnittene  Hecke  aussieht.  Vom  Maste  aus  konnte  man  die  Klippen  an  der  Küste 
von  Banka  erkennen;  auch  sah  man  von  da  aus  einen  grofsen  Teil  des  Umfangs  der 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Schermers  droogte.  Zur  Vermeidung  dieser  Bank  steuert  man  NNW.  in  gerader  Linie 
mit  der  ersten  Spitze  von  Sumatra  nach  der  Lalary- Spitze  von  Banka  auf  den  Berg 
Permisang  zu.  Es  ging  hier  eine  starke  Strömung  im  Fahrwasser,  die  uns  innerhalb 
einer  Stunde  eine  gute  deutsche  Meile  weit  in  die  Strafse  hineintrieb.  Die  See  hatte 
stellenweise  eine  auffallend  gelbe  Farbe,  was  aus  einer  oder  der  andern  Lokalursache, 
aus  der  Art  und  Tiefe  des  Grundes  u.  dgl.  zu  erklären  ist.  Häufig  zogen  Fische 
vorbei,  und  an  wasserklaren  Stellen  der  Untiefen  konnte  man  ungemein  grofse  Schwert- 
fische (Xiphias)  und  Meeradler  (Myliobates)  wahrnehmen.  Gegen  Abend  erreichten 
wir  die  Permisang -Spitze  von  Banka  und  gingen  zwischen  dieser  und  der  zweiten 
Spitze  von  Sumatra,  auf  fünf  Faden,  vor  Anker. 

[3.  Juli.]  Kaum  waren  wir  an  der  Permisang-Spitze  und  der  zweiten  Spitze  von 
Sumatra  vorbeigesegelt,  als  uns  ein  Windstofs  aus  NW.  überfiel,  und  zugleich  am 
nördlichen  Horizont  eine  Wasserhose  erschien,  die  uns  einige  Minuten  lang  ein  fürch- 
terlich schönes  Schauspiel  gewährte*).  In  der  Ferne  zeigte  sich  das  Gebirge  Maras, 
welches  im  Norden  von  Banka  die  Klabat-Bai  begrenzt,  und  bald  kamen  an  der  West- 
küste von  Banka  die  Inselgruppen  Nanka  und  Mudong  zum  Vorschein.  Erstere  be- 
steht aus  vier,  letztere  aus  drei  Eilanden.  Westlicher  Wind  nötigte  uns,  über  Steuer- 
bord zu  wenden.  Nachmittags  sahen  wir  den  Berg  Benombing  und  gingen  des  Abends 
wieder  vor  Anker. 

[4.  Juli.]  Mit  Tagesanbruch  gehen  wir  unter  Segel  und  erblicken  nach  einigen 
Stunden  die  Bank  und  Klippe  Karang  Bram,  welche  wir  in  einer  Entfernung  von 
einer  geographischen  Meile  passieren.  Es  safs  darauf  das  Wrack  einer  Brigg,  die  vor 
kurzem  da  gestrandet.  Wir  segelten  an  der  vierten  Spitze  von  Sumatra  vorüber,  wo 
wir  die  Mündung  des  Flusses  von  Palembang  unterscheiden  konnten.  Dieser  beträcht- 
liche Strom  von  Sumatra,  welcher  in  dem  Gebirge,  das  Palembang  in  W.  und  SW. 
von  Benkulen  scheidet,  entspringt  und  mehrere  bedeutende  Flüsse  aufnimmt,  wird  von 
seinem  Ursprung  bis  zur  Stadt  Palembang  Musie  genannt.  Bei  Palembang  (20  58'  s.  B. 
und  105 0 ö.  L.)  erstreckt  sich  seine  Breite  auf  1200  Fufs,  bei  einer  Tiefe  von  5 bis 
7 Faden.  Er  soll  bis  nahe  an  seinen  Ursprung  hin  schiffbar  sein  und  hat  Ebbe  und 
Flut  bis  auf  eine  Tagreise  oberhalb  der  Stadt.  Die  Flut  findet  nur  von  Mitte  Mai 
bis  Mitte  November  statt,  und  während  der  übrigen  Zeit  wird  nur  Ebbe  bemerkt. 

*)  Diese  Erscheinung  ging  zu  schnell  vorüber,  als  dafs  sie  sich,  bei  ohnehin  bedecktem  Horizont, 
genauer  hätte  beobachten  lassen  und  es  sich  nicht  unterscheiden  liefs,  ob  es  eine  Wasser-  oder  eine  Wind- 
hose gewesen.  Da  ich  indes  früher  auf  der  Reise  von  Holland  nach  Batavia  beide  Erscheinungen 
näher  zu  beobachten  Gelegenheit  gehabt,  will  ich  einiges  davon  hier  berühren.  Die  Wasserhosen  sind 
bekannt,  weniger  die  Wftidhosen  - — Wirbelwinde.  Es  war  am  24.  Dezember  1822,  auf  der  Höhe  des 
Vorgebirges  der  guten  Hoffnung,  welches  wir  am  22.  passiert  hatten,  wo  wir  das  Phänomen  der 
letztem  zu  sehen  bekamen.  Der  seit  einigen  Tagen  stehende  NO. -Wind  war  plötzlich  umgesprungen, 
und  es  erhob  sich  ein  Sturm  aus  Westen,  mit  dem  zugleich  am  NO. -Horizont  mehrere  Wirbelwinde 
aufstiegen.  Sie  wälzten  heulend  und  brausend  aus  der  See  aufsprudelnde  schraubenförmig  sich  drehende 
Wassersäulen  fort,  an  deren  Spitze  neblichte  Dämpfe  ausströmten.  Es  waren  etwa  acht  dieser  Wasser- 
säulen in  NO.  zu  sehen,  sie  drehten  sich  gerade  auf  uns  zu,  und  die  nächste  trieb  unter  heftigem 
Heulen  etwa  1j 4 Meile  vor  uns  vorbei,  als  eine  andere,  unter  Steigerung  des  Sturmes  zum  Orkan,  sich  plötz- 
lich auf  uns  zudrehte,  und  noch  drei  ihr  folgten.  Sie  näherten  sich  mit  unbeschreiblichem  Brausen;  eine 
sprudelte  kurz  vor  dem  Bugspriet  hinweg  und  zerteilte  sich,  und  unser  Schiff  wurde  in  diesem  Augen- 
blicke mit  solcher  Gewalt  auf  die  Seite  geworfen,  dafs  das  Schiffsvolk  gröfstenteils  zu  Boden  fiel.  Aufser 
diesem  Windstofse  war  keine  andere  Erscheinung  — Blitz,  Donner,  Schwefelgeruch  u.  dgl.,  was  an- 
dere beobachtet  haben  wollen,  wahrzunehmen. 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


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Bei  Palembang  steigt  die  Flut  10 — 16  Fufs;  für  gröfsere  Schiffe  ist  es  daher  ratsam, 
mit  dieser  Flut  in  den  Flufs  einzusegeln.  Der  Musie  teilt  sich  unterhalb  Palembang 
in  drei  Arme,  deren  Hauptarm  bis  zu  seiner  Mündung  (20  15'  s.  B.)  den  Namen 
Sunsang  führt.  Er  kann  von  Kriegsschiffen  befahren  werden,  nur  ist  zur  Zeit  der 
Ebbe  die  Mündung  seicht.  Der  westliche  Nebenarm  heifst  Pontian  und  bei  seiner 
Mündung,  wo  er  sich  mit  dem  Lalang  vereinigt  und  um  vieles  breiter  als  der  Sun- 
sang ist,  nimmt  er  den  Namen  Banjer  assem,  d.  i.  Salzwasser,  an.  Ein  Nebenarm 
des  Pontian  vereinigt  sich  wieder  mit  dem  Sunsang  nahe  an  dessen  Mündung.  Der 
östliche  Nebenarm  des  Musie  ist  schwächer  und  wird  Upang  genannt;  er  kann,  sowie 
der  Pontian,  mit  gröfseren  Schiffen  nicht  befahren  werden  und  führt  daher  auf  den 
englischen  Karten  den  Namen  False  Entrance. 

Wir  waren  auf  der  Höhe  von  Müntok  und  fuhren  bei  einer  Tiefe  von  5 bis 
6 Faden  über  die  Bank,  welche  sich  von  O.  nach  W.  vor  der  Rhede  dieses  Ortes 
ausdehnt,  und  liefsen  gegen  Abend  vor  dem  Fort  von  Müntok  die  Anker  killen. 
Colonel  de  Sturler  begab  sich  sogleich  mit  dem  Schiffskapitän  ans  Land,  um  die 
Ladung  von  Zinn,  die  hier  eingenommen  werden  sollte,  zu  beschleunigen. 

Es  war  ein  herrlicher  Abend,  und  die  frische,  wohlduftende  Landluft,  welche  die 
Rhede  durchstrich,  erquickte  uns.  Vom  Verdeck  aus  konnten  wir  die  schöne  Aus- 
sicht so  recht  geniefsen.  Der  Ort  Müntok,  am  Fufse  des  Menombing  stufenweise  sich 
erhebend,  hat  eine  äufserst  anmutige  Lage:  Gebüsche  mit  lebhaftem  Farbengemische 
umgeben  die  einzelnen  Wohnungen,  und  längs  den  Anhöhen  und  über  die  jähen  Vor- 
berge des  Menombing  ziehen  üppige  Waldungen  hin,  mit  einzelnen  hervorragenden 
Palmen  das  Gemälde  der  Tropenlandschaft  bezeichnend.  Freundlich  erschienen  die 
Wohnungen,  und  hell  blinkten  die  roten  Dächer  des  Forts,  von  der  Abendsonne  be- 
leuchtet, während  ferne  Hügel  sanft  in  den  unbewölkten  Horizont  verflossen.  Alles 
dies  liefs  uns  einem  genufsreichen  Aufenthalte  auf  Banka  entgegensehen  und  hielt  die 
Lust,  ans  Land  zu  gehen,  mit  schönen  Hoffnungen  rege. 

[5.  Juli.]  Ein  heiterer  Morgen  begünstigte  mein  Vorhaben,  und  ich  begab  mich 
ans  Land.  Bei  niederem  Stande  der  See  ist  das  Landen  mit  Booten  äufserst  unbequem. 
Sie  bleiben  über  hundert  Schritte  vom  Strande  auf  Untiefen  sitzen,  und  man  ist  ge- 
nötigt, sich  auf  den  festen  Schultern  eines  Matrosen  oder  auf  einem  Tragsessel  durch 
Malaien  ans  Land  bringen  zu  lassen.  Der  Strand,  der  sich  dicht  an  Müntok  hinzieht, 
ist  morastig.  Der  Ort  selbst,  wir  wollen  ihn  das  Städtchen  Müntok  nennen,  lehnt 
sich  an  eine  sanfte  Erhebung,  die  zu  der  Anhöhe  führt,  worauf  das  Fort  liegt,  und 
ist  von  Chinesen  und  Malaien  bewohnt. 

Gleich  nach  meiner  Ankunft  suchte  ich  Stabsarzt  Fritze  auf,  und  traf  ihn  eben 
im  Krankenhause  beschäftigt.  Das  Spital  zu  Müntok  hat  eine  sehr  gesunde  Lage: 
es  ist  auf  einer  Hügelfläche  errichtet  und  wird  vom  Land-  und  Seewinde  durchstrichen. 
Die  Krankensäle  sind  von  Holz,  das  Gebäude  ist  einstöckig,  jedoch  geräumig  und 
trocken,  und  es  herrscht  eine  auffallende  Ordnung  und  Reinlichkeit  darin.  Es  kann 
über  hundert  Kranke  fassen,  indessen  beläuft  sich  gewöhnlich  die  Zahl  nicht  über 
sechzig.  Die  am  häufigsten  vorkommenden  Krankheiten  sind  Dysenterien,  Leber- 
affektionen, Fufsgeschwüre  und  eine  eigene  Art  Flechten  (Herpes)  und,  als  Folgen  der 
erwähnten  Unterleibskrankheiten,  hydropische  und  phthisische  Leiden.  Dr.  Fritze 
zeigte  mir  einige  kurz  vor  meiner  Ankunft  amputierte  Malaien.  Die  Amputation  des 
einen  war  durch  Beinfrafs  der  Fufszehen  und  des  Schienbeines  indiziert,  — eine  Folge 


8 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


vernachlässigter  Fufsgeschwüre.  Der  Stumpf  war  bereits  gut  geheilt,  und  da  die  Ab- 
lösung am  12.  Juni  geschehen,  so  mag  dieser  Fall  als  ein  Beweis  für  die  Meinung 
dienen,  dafs  Wunden  bei  indischen  Völkern  schneller  als  bei  uns  heilen.  Aufserdem 
beobachtete  ich  noch  einige  Formen  von  Syphilis  und  Augenentzündungen. 

Mittags  besuchte  ich  in  Gesellschaft  des  Residenten  de  la  Fontaine  das  Fort. 
Man  äufserte,  es  sei  im  Verhältnis  zu  seiner  kleinen  Besatzung  noch  zu  ausgedehnt, 
obgleich  es  bereits  auf  ein  Drittel  seiner  ursprünglichen  Gröfse  zurückgeführt 
worden.  Die  neu  errichtete  Kaserne  gefiel  mir  sehr.  In  Tropenländern  können 
dergleichen  Gebäude  nicht  geräumig  genug  angelegt  werden,  auch  müssen  für  den 
Luftzug  zweckmäfsige  Einrichtungen  angebracht  werden,  um  während  der  drückenden 
Hitze  des  Tages  und  der  oft  kühlen  Nächte  den  Soldaten  einen  zuträglichen  Aufent- 
halt zu  gewähren. 

Auf  den  andern  Tag  bereits  ward  unsere  Abreise  anberaumt,  und  so  konnte 
ich  das  Merkwürdigste  von  Banka,  seine  Zinngruben,  nicht  besuchen.  Crawefurd  und 
Horsfield  haben  darüber  einige  Nachrichten  mitgeteilt,  auch  hat  später  Diard  dieselben 
besucht  und  seine  Bemerkungen  darüber  der  holländischen  Regierung  vorgelegt. 
Einen  sehr  ausführlichen  Bericht  über  die  Zinngruben  von  Banka  habe  ich  der  Güte 
des  Generalgouverneurs  Baron  van  der  Capellen  zu  verdanken.  Er  wurde  auf  Befehl 
desselben  von  dem  Residenten  auf  Banka,  Colonel  de  la  Fontaine,  erstattet  und 
verdiente  seines  interessanten  Inhalts  wegen  in  seinem  ganzen  Umfange  bekannt  ge- 
macht zu  werden;  doch  der  Raum  eines  Reisetagbuches  erlaubt  mir  nur  einen  Auszug 
davon  aufzunehmen.  Der  Bericht  enthält  im  allgemeinen  einen  geschichtlichen  Über- 
blick des  Betriebes  der  Zinnbergwerke  auf  Banka,  von  der  Entdeckung  der  ersten 
Gruben  bis  auf  die  neueste  Zeit  (1823).  Mit  richtiger  Beurteilung  sind  die  früheren 
Thatsachen  aufgefafst,  und  auf  eigene  Erfahrung  gegründete  Vorschläge  zur  Ver- 
besserung des  Bergbaues  und  der  Verwaltung  gemacht.  Es  folgt  eine  Beschreibung 
der  neun  Grubenbezirke  und  ihrer  wichtigsten  Gruben,  des  Grubenbaues,  der  Zube- 
reitung der  Erze  und  der  Hüttenarbeit,  und  den  Schlufs  machen  einige  nützliche  Mit- 
teilungen über  Dienst  und  Pflicht  der  Grubenaufseher  und  der  Bergleute,  über  deren 
Unterhalt,  Lebensweise  und  Sitten.  Eine  ausführliche  Beschreibung  der  einzelnen 
Gruben  des  Bezirkes  von  Müntok,  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Mächtigkeit 
und  des  jährlichen  Ertrages,  erhöht  den  statistischen  Wert  dieser  Abhandlung. 

Indem  wir  das  Interessanteste  daraus  mitteilen,  entschuldigen  wir  mit  den  bereits 
erwähnten  Gründen  das  Abgebrochene  der  Darstellungsweise. 

De  la  Fontaine  stimmt  der  Sage  bei,  dafs  man  um  das  Jahr  1710  nach 
einem  Brande  zufällig  durch  Vorgefundenes  geschmolzenes  Zinn  auf  das  Dasein  dieses 
Metalles  aufmerksam  gemacht  worden  sei.  Der  Sultan  von  Palembang  liefs  hierauf 
den  Bergbau  auf  Banka  betreiben,  und  unter  seinem  Schutze  liefsen  sich  viele  chine- 
sische Familien  nieder,  durch  die  der  Bergbau  über  die  ganze  Insel  verbreitet  und 
unter  der  Aufsicht  eines  Beamten  des  Sultans  betrieben  wurde.  Anfangs  hatten  die 
chinesischen  Bergleute  unter  gewissen  Privilegien  die  Gruben  in  Pacht,  bis  der  Sultan, 
den  Vorteil  einsehend,  den  Grubenbau  auf  eigene  Rechnung  betreiben  liefs  und  die 
Aufsicht  darüber  besondern  Agenten  anvertraute.  Diese  Agenten,  man  nannte  sie 
Tikos,  standen  in  grofsem  Ansehen;  sie  vertraten  die  Person  des  Sultans  und  ver- 
fügten über  Habe  und  Leben  der  Chinesen,  denen  nicht  einmal  das  Recht  zustand, 
eine  Klage  vor  den  Sultan  zu  bringen.  Sie  hatten  gewöhnlich  ihren  Sitz  auf  Palem- 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


9 


bang  und  liefsen  ihr  Amt  auf  Banka  durch  ihre  Bevollmächtigten  versehen,  die 
von  den  Chinesen  Kongsi  (Kung-dsü  — Herr)  genannt  wurden.  Die  Eingebornen 
von  Banka,  bekannt  unter  dem  Namen  Orang  gunong  (Bergbewohner),  standen 
unter  dem  Befehle  eines  besondern  Beamten  des  Sultans,  welcher  den  Titel 
D jerang  führte. 

Während  der  Oberherrschaft  des  Sultans  von  Palembang  über  Banka  hatte  die 
Verwaltung  der  Zinngruben  folgende  Einrichtung.  In  der  Nähe  der  Gruben  befand 
sich  eine  befestigte  Anlage,  welche  dem  Kongsi  und  einem  grofsen  Teile  der  chine- 
sischen Bergleute  zum  Wohnplatze  diente  und  die  Magazine  für  Lebensmittel,  Geräte 
und  Werkzeuge  enthielt.  Die  auf  den  Küsten  von  Banka  hausenden  Seeräuber  veran- 
lafsten  solche  Mafsregeln.  Die  Bergleute  und  Hüttenarbeiter  erhielten  monatlich  Vor- 
schüsse an  Geld  und  Lebensmitteln,  wodurch  sie  oft  in  bedeutende  Schulden  gerieten, 
wofür  die  Gesamtzahl  der  Arbeitsleute  einer  Grube,  gleichsam  als  eine  Gilde,  gut  stand. 
Mit  dem  chinesichen  Neujahre  wurde  Abrechnung  gehalten  und  nach  Verhältnis  des  Er- 
trages des  gewonnenen  Zinnes  jedem  Arbeiter  sein  Anteil  zuerkannt.  Am  Schlüsse  der 
Abrechnung  blieb  der  gröfste  Teil  der  Arbeiter  in  Schulden,  während  die  Kongsi  und 
ihre  Bevollmächtige!',  die  Tikos,  welche  gewöhnlich  auch  die  Lieferung  der  Lebensmittel, 
Geräte  und  dgl.  besorgten,  bedeutende  Vorteile  genossen.  Häufig  trieben  die  Kongsi 
auch  Schleichhandel  mit  dem  Zinne  und  überliefsen  dann  den  dazu  behülflichen  Ar- 
beitern notwendigerweise  einige  Vorteile.  Bei  kleineren  Gruben  liefs  man  sich  nur 
mit  einem  Häuptling  der  Arbeitsleute  in  Vorschubs-  und  Lieferungsgeschäfte  ein  und 
rechnete  auch  allein  mit  diesem  ab.  Die  Preise  des  Zinns  waren  in  den  ver- 
schiedenen Gruben  nicht  gleich  angesetzt,  und  man  mufs  sich  in  der  That  ver- 
wundern, wie  bei  einer  so  willkürlichen  Anordnung  noch  eine  einheitliche  Ver- 
waltung möglich  war. 

Bei  Aufsuchung  neuer  Gruben  ward  den  Bergleuten  zur  Ermunterung  eine  be- 
sondere Belohnung,  Tyap  genannt,  ausgesetzt,  und  die  Kongsi  nahmen,  im  Lalle  eines 
ungünstigen  Ausschlages,  den  Verlust  auf  sich. 

Die  Zinngruben  im  Bezirke  von  Müntok,  namentlich  die  von  Rangam,  Belu  und 
Klabat,  und  die  in  den  Bezirken  Blinju,  Sun-ge'i  Liat,  Tampillang,  Pankal  Pinang,  Ma- 
rawang  und  Jebus,  welche  unter  dem  Sultan  von  Palembang  zuerst  eröffnet  worden 
waren,  sollen  eine  ungeheure  Menge  Zinn  geliefert  haben.  Etwa  vierzig  Jahre  nach 
ihrer  Entdeckung  (1750)  wird  ihr  Ertrag  auf  66000  Pikol  und  dreifsig  Jahre  später 
noch  auf  30000  Pikol  angegeben.  Bei  dem  Vertrage,  den  die  Vereinigte  Nieder- 
ländisch-Ostindische Compagnie  im  Jahre  1777  mit  dem  Sultan  von  Palembang  abschlofs, 
machte  sich  dieser  verbindlich,  jährlich  25  000  Pikol  Zinn  zu  liefern;  als  die  Engländer 
von  der  Insel  Besitz  nahmen  (17.  Mai  1812),  ergaben  die  Minen  nur  noch  10000 
Pikol.  Vielerlei  Ursachen  mögen  diesen  Verfall  des  Bergbaues  herbeigeführt  haben; 
ein  Hauptgrund  war  wohl  die  Erschöpfung  ergiebiger  Gruben;  schlechte  Verwaltung 
und  Gesetzlosigkeit,  Mifsbrauch  von  Privilegien  und  Verträgen,  Mangel  genügenden 
Schutzes  gegen  Einfälle  der  Seeräuber  kamen  hinzu. 

Bei  der  Besitznahme  von  Banka  führte  das  englische  Gouvernement  ein  neues 
Verwaltungssystem  ein  und  setzte  besondere  Inspektoren  über  die  Grubenbezirke.  Die 
Anwerbung  von  1587  Chinesen  von  Canton  und  die  kräftige,  thätige  Verwaltung  des 
Grubenbaues  bewirkten  einen  von  Jahr  zu  Jahr  steigenden  Ertrag  desselben.  Nach 
der  Angabe  des  Majors  Court  belief  sich  derselbe 


l 


IO 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


im 

Jahre 

1813 

auf 

7 

299 

Pikol 

81/* 

Cattis 

)> 

» 

1814 

» 

*9 

149 

» 

3V/4 

)) 

» 

1815 

» 

25 

190 

)> 

40 

» 

» 

1816 

26 

670 

» 

76'h 

» , 

somit  in  vier  Jahren  auf  78309  Pikol  6D/4  Cattis. 

Nach  Abtretung  der  Insel  Banka  an  das  Niederländisch-Indische  Gouvernement 
(2.  Dezember  1816)  brachten  die  Zinngruben,  deren  Verwaltung  dieselbe  wie  unter 
den  Engländern  blieb,  bis  zum  Aufstande  des  Sultans  von  Palembang  (1820 — 21),  eine 
gleich  ansehnliche  Ausbeute.  Infolge  des  Krieges  wurde  der  Bergbau  in  einigen  Be- 
zirken gelähmt  und  somit  der  Ertrag  vermindert.  Im  Jahre  1822  belief  sich  übrigens 
derselbe  wieder  auf  3323487  Pfund  oder  26587  Pikol,  und  im  Jahre  1823  auf 
3382317  Pfund  oder  27058  Pikol. 

Das  Zinnerz  kommt  auf  der  Insel  Banka  fast  überall  vor,  und  nicht  unpassend 
nennt  sie  Radermacher  einen  Berg  von  Zinnsand.  Allenthalben  sind  reiche  Lager- 
stätten entdeckt  und  Gruben  eröffnet.  Das  englische  Gouvernement  teilte  Banka  bei 
der  Besitznahme  in  sieben  Minendistrikte,  welche  Einteilung  bis  heute  blieb.  Sie 
sind:  1.  Müntok,  2.  Jebus,  3.  Blinju,  4.  Sungei-Liat,  5.  Marawang,  6.  Pankal-Pinang 
und  7.  Toboaly.  Colonel  de  la  Fontaine  legte  dem  Generalgouverneur  einen  Plan 
der  Insel  nach  dieser  Einteilung  vor,  mit  Angabe  der  Sitze  der  Bezirksverwaltung  und 
der  Lage  der  vorzüglichsten  Gruben,  die  er  bei  seiner  Inspektionsreise  1823  be- 
sucht hatte. 

Das  Zinnerz  (etain  oxyde)  kommt  auf  Banka  als  spatiges  (Zinnstein,  etain  oxyde 
cristallise),  selten  als  faseriges  Zinnerz  (komisch  Zinnerz,  etain  oxyde  concretionne) 
vor  und  zwar  in  Diluvial-Ablagerungen.  Die  Zinnsteine  werden  in  den  Gruben  von 
Jebus  und  Klabat  als  braune,  schwärzliche  Krystalle  von  der  Gröfse  eines  kleinen 
Enteneies  gefunden.  Am  häufigsten  findet  sich  das  Zinnerz  als  Zinnsand  (etain  oxyde 
granulaire);  die  Körner  sind  oft  sehr  klein,  und  da  die  Gangmasse  aus  einer  feinen, 
verschiedenfarbigen  Erde  besteht,  wird  sie  von  den  niederländischen  Grubenaufsehern 
schlechthin  Zinnerde  (tinaarde,  etain  oxyde  terreux)  genannt.  Man  unterscheidet  weifse, 
graue,  gelbe,  rötliche  und  schwärzliche  Zinnerde.  Die  Erzlager  finden  sich  am  häufigsten 
in  Thälern,  wo  sie  meist  in  horizontalen  Schichten  nach  dem  Zuge  der  Thalsohle 
streichen.  In  hügelichten  Strecken  wird,  nach  Mafsgabe  der  Vertiefung  oder  Erhöhung 
des  Terrains,  ein  Fallen  derselben  bemerkt.  Die  Lager  kommen  gewöhnlich  nicht 
tiefer  als  25  engl.  Fufs  vor,  und  die  Ablagerung  der  diluvianischen  Gebilde  trifft  man 
in  folgenden  Verhältnissen  an:  Unter  einer  meistens  nicht  über  i1/ 2 Fufs  mächtigen 
Lage  von  Dammerde  folgt  ein  schwarzer  Thon,  8 Fufs  mächtig,  darunter  ein  grauer 
Thon  mit  Sand  untermengt,  dessen  Stärke  gegen  4 Fufs  beträgt,  und  nach  diesem 
halb  durchscheinender  grober  Sand,  der  auf  einem  an  6 Fufs  mächtigen,  reinen  weifsen 
Thon  ruht.  Diese  Folge  der  Lagerung  ist  bisweilen  einigen,  wiewohl  nicht  wesent- 
lichen Änderungen  unterworfen.  Unter  dieser  letzten  Ablagerung  findet  sich  das  Erz- 
lager. Die  Gangart  ist  zusammengesetzt  und  das  Zinnerz  mit  Sand,  Thonerde,  Bruch- 
stücken von  Granit  und  andern  primitiven  Felsenarten  vermengt.  Besteht  die  Gangart 
aus  einer  gelblichen  Erde,  so  wird  das  Erz  für  sehr  ergiebig  gehalten,  erfordert  aber 
beim  Schmelzen  einen  hohen  Grad  Hitze;  von  geringerer  Güte  ist  das  Erz,  welches 
mit  einer  weifsen,  kalkartigen  Erde  vorkommt.  Ein  feines  Zinnerz  liefert  die  Gangart 
batu  alus  — eine  schwärzliche  Thonerde  — , das  beste  und  reinste  wird  in  Gangmassen 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


1 1 

mit  roter  Erde  gefunden.  Ist  das  Erzlager  von  einer  roten,  gelben  oder  weifsen  Erde 
überlagert,  und  finden  sich  darunter  kleine  Bruchstücke  von  Bergkry stall,  dann  läfst 
sich  auf  vieles  und  gutes  Erz  schliefsen,  und  die  chinesischen  Bergleute  nennen  diese 
Gangmasse  eine  lebende.  Das  Auf  hören  eines  Erzlagers  wird  durch  eine  Schicht  reinen, 
weifsen,  zerreiblichen  Thones  angezeigt. 

Das  Zinnerz  auf  Banka  wird  durch  Waschen  gewonnen,  und  die  Seifenwerke 
daselbst  werden,  wie  überhaupt  der  Bergbau  in  Ostindien,  durch  die  Chinesen  betrieben. 
Diese  besitzen  darin  einige  Geschicklichkeit,  wissen  die  Lagerstätten  des  Zinnerzes 
aufzufinden,  die  Gruben  mit  Vorteil  zu  betreiben,  das  Erz  zu  fördern  und  aufzu- 
bereiten und  mit  vielem  Scharfsinne  Wasserleitungen  anzubringen.  Sie  sind  Chinesen, 
und  darum  bis  auf  den  heutigen  Tag  bei  ihrer  alten,  einmal  angenommenen  Ver- 
fahrungsweise  geblieben;  auch  haben  sie  die  üble  Gewohnheit,  die  Grube  zu  verlassen, 
sobald  sie  zu  tief  und  das  Fördern  des  Erzes  zu  mühsam  wird.  Es  ist  dies  ein 
grofser  Nachteil  für  den  Bergbau  auf  Banka,  da  ohnehin  schon  eine  grofse  Anzahl 
Gruben  erschöpft  ist. 

Am  vorteilhaftesten  ist  die  Eröffnung  der  Gruben  in  den  Thälern;  denn  die 
Erzlager  sind  hier  am  mächtigsten,  und  die  Wasserleitungen,  welche  zur  Förderung 
und  Aufbereitung  unumgänglich  nötig  sind,  können  am  leichtesten  angelegt  und  unter- 
halten werden.  Wasser  ist  eines  der  Hauptbedürfnisse  beim  Betriebe  der  Gruben,  und 
der  Mangel  daran  oft  mehrere  Monate  hindurch  die  einzige  Ursache  ihres  Verfalles. 
Wegen  Wassermangels  können  die  meisten  Gruben  blofs  ein,  höchstens  zwei  Drittel 
des  Jahres  betrieben  werden. 

Die  Lagerstätte  des  Zinnerzes  sucht  man  mittelst  eines  20 — 22  Fufs  langen  Berg- 
bohrers zu  entdecken,  wobei  man  zugleich  deren  Beschaffenheit,  Mächtigkeit  und 
Tiefe  erforscht.  Man  gräbt  hierauf,  in  Abständen  von  5 — 6 Lachter,  einige  Gruben 
von  etwa  12  Fufs  Tiefe  und  3 Fufs  Durchmesser,  in  welche  ein  Bergknappe  hinab- 
steigt und  mit  dem  Bohrer  die  Erzschicht  näher  untersucht.  Die  weifse  Thonerde, 
auf  welcher  die  Sohle  des  Erzlagers  ruht,  dient  als  untrügliches  Zeichen  seiner 
Mächtigkeit. 

Zeigt  sich  die  untersuchte  Stelle  zur  Anlegung  einer  Grube  ergiebig  genug,  so 
fällt  man  Holz  — die  Berge  und  Thäler  der  Insel  sind  dicht  mit  Waldungen  bedeckt 
— schafft  das  für  Bau  und  Wasserleitung  brauchbare  beiseite  und  verbrennt  das 
übrige  zu  Kohlen.  Mittlerweile  wurde  das  Zimmerzeug  und  Bergbaugerät  herbei- 
gebracht,  und  die  Bergleute  bauen  sich  Wohnhütten,  deren  Wände  sie  mit  Baumrinde, 
die  Dächer  mit  Schilf  (allang-allang)  bekleiden.  Hierauf  schreitet  man  zur  Anlegung 
der  Wasserbehälter  und  Wasserleitungen.  Die  Unentbehrlichkeit  des  Wassers,  sowohl 
zum  Waschen  und  Schlämmen  der  Erze,  als  für  den  Bedarf  tieferer  Gruben  (barit  kolon), 
machte  die  Chinesen  in  dergleichen  Anlagen  erfinderisch.  Die  Lage  der  Teiche,  worin 
sie  Bäche,  Quellen  und  Regen  auffangen,  und  der  Fall  des  Wassers  ist  durchgehends 
vortrefflich  gewählt;  nur  ist  die  Bauart  derselben  nicht  haltbar  genug.  Vom  Wasser- 
behälter führen  zwei  Leitungen  das  nötige  Wasser  zum  Treiben  eines  Rades  bei 
der  Grube  und  zur  Waschung.  Das  unnütze  Gestein  oder  der  taube  Berg  wird, 
bei  Eröffnung  der  ersten  Grube,  mittelst  einer  Haue  aufgeräumt  und  in  Körben  von 
Rohtang  (bonkie),  deren  die  Bergleute  je  zwei  an  einem  Stocke  auf  den  Schultern 
tragen,  zu  Tage  gefördert.  Es  ist  dies  eine  langsame  und  sehr  ermüdende  Arbeit, 
die  immer  beschwerlicher  wird,  je  tiefer  man  kommt.  Zwei  Baumstämme  mit  treppen- 


12 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


artigen  Einschnitten  dienen  als  Stiegen,  die  eine  zum  Auf-,  die  andere  zum  Absteigen, 
und  es  herrscht  ungestörte  Ordnung  und  Thätigkeit.  So  arbeitet  man  bis  auf  das 
Dach  des  Erzlagers  hinein,  worauf  man  auf  dieselbe  Weise  die  aus  feiner  Thonerde, 
Sand  und  Bruchstücken  von  Gestein  zusammengesetzte  Gangart  zu  Tage  bringt  und  in 
der  Nähe  des  bandhar  — der  Wasserleitung  zum  Waschen  und  Schlämmen  — niederlegt. 

Häufig  findet  Einsturz  der  Gruben  statt,  was  meistens  eine  Folge  der  zu  senk- 
rechten Lage  der  Wände  und  der  schwachen  Verzimmerung  ist. 

Bei  anhaltendem  Regen  verursacht  das  Wasser,  welches  durch  Ritze  und  Spalten 
in  die  Gruben  dringt,  grofse  Beschwerden  und  bedarf  zu  seiner  Entfernung  besonderer 
Anstalten.  Man  bedient  sich  hierzu  einer  höchst  einfachen,  aber  haltbaren  Maschine. 
Ei  der  Nähe  der  Grube  befindlich,  besteht  sie  aus  einem  überschlägigen  Wasserrade 
von  mittlerer  Gröfse,  über  dessen  Wellbaum  eine  Schnur  mit  Brettchen  läuft,  die  genau 
in  eine  viereckige  oder  runde  hölzerne  Röhre  passen.  Unter  dem  Wasser  in  diese 
hineingezogen,  führt  jedes  Brettchen  beim  Durchgang  eine  Masse  Wasser  mit  herauf, 
das  dann  durch  die  Mündung  oben  abläuft.  Nach  Umständen  werden  zwei  und 
mehrere  dergleichen  Schöpfmühlen  bei  einer  Grube  angebracht. 

Die  Gruben  werden  nach  der  Tiefe,  in  welcher  das  Erzlager  sich  findet,  benannt 
und  heifsen  kolon,  kulit  oder  kulit-kolon,  d.  i.  tiefe,  oberflächliche  oder  halbtiefe,  nach 
welchem  Verhältnisse  sich  auch  ihr  Betrieb  (barit)  richtet. 

Die  Förderung  des  Zinnerzes  geschieht  demnach  in  Tagwerken  und  im  all- 
gemeinen nach  der  eben  angegebenen  Weise;  doch  bringt  die  Art  der  Grube,  je 
nachdem  sie  barit  kolon  oder  kulit  ist,  der  weitere  Betrieb  eines  aufgefundenen  Erz- 
lagers auf  einem  und  demselben  Felde,  durch  EröfFnung  einer  zweiten  und  folgenden 
Grube,  und  der  gröfsere  oder  kleinere  Umfang  einer  geöffneten  Grube  einige  Abän- 
derung in  die  erwähnte  Methode.  De  la  Fontaines  Mitteilungen  hierüber  scheinen 
mir,  so  kunstlos  auch  der  Bergbau  auf  Banka  betrieben  wird,  ein  zu  wichtiger  Beitrag 
für  die  Bembaukunde  zu  sein,  um  nicht  das  Wesentlichste  davon  anzuführen. 

Wir  haben  uns  bereits  bekannt  gemacht  mit  dem  Betriebe  einer  ersten  Grube, 
und  zwar  eines  barit  kolon  auf  einer  neuentdeckten  und  nach  Fällung  und  Wegschaffung 
des  Holzes  bestimmten  Markscheidung.  Der  Umfang  einer  solchen  Grube  richtet  sich 
nach  der  Zahl  der  Arbeiter,  welche  man  dabei  verwenden  will.  Eine  Grube  für  20 
Bergleute  beträgt  gewöhnlich  70 — 80  Fufs  in  der  Länge  und  30 — 35  in  der  Breite,  und 
nach  diesem  Verhältnisse  ist  der  Umfang  gröfserer  oder  kleinerer  Gruben  bemessen. 
Ei  der  ersten  Kolon-Grube  geschieht  die  Förderung  der  Erze  durch  Handarbeit;  bei  der 
Eröffnung  einer  zweiten  und  folgenden  jedoch,  neben  der  verlassenen  oder  erschöpften, 
bedient  man  sich  des  Wassers,  um  einen  Teil  der  über  den  Erzlagern  befindlichen 
Schichten  unnützer  Gesteine,  Sand  und  Erde  wegzuschaffen.  Zu  diesem  Zweck  legt 
man  an  einer  erhabenen  Stelle  einen  Wasserbehälter  an,  von  dem  aus  ein  Graben  über 
die  zu  betreibende  Stelle,  5 — 6 Fufs  tief,  nach  der  alten  Grube  geführt  wird.  Das 
mit  reifsender  Gewalt  herabströmende  Wasser  nimmt  den  Abraum  mit  sich  fort,  den 
die  längs  des  Grabens  an  der  zu  fördernden  Stelle  mit  Ablösen  beschäftigten  Arbeiter 
hineinwerfen,  während  andere  die  in  den  Kanal  gefallenen  gröfseren  Stücke  mit  Hauen 
zerschlagen.  Bei  der  alten  Grube  verschafft  man  dem  einströmenden  Wasser  an  einer 
geeigneten  Stelle  Abflufs.  Durch  dies  einfache  Verfahren  läfst  sich  in  einem  Tage 
mehr  tauber  Berg  wegräumen,  als  sonst  bei  gleicher  Zahl  Arbeiter  in  zehn  Tagen. 
Doch  kann  man  auf  diese  Weise  nur  bis  auf  eine  Tiefe  von  6—7  Fufs  die  Grube 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


13 


leeren,  und  man  mufs  alsdann  wieder  zur  ersterwähnten  Förderung  durch  Hand- 
arbeit schreiten. 

Nicht  immer  findet  sich  das  Erzlager  in  der  oben  bestimmten  Tiefe,  und  zuweilen 
sind  zwei  Ablagerungen  vorhanden,  wo  dann  die  zweite  durchgehends  die  mächtigere 
ist.  Bei  den  mehr  nach  oben  gelegenen  Erzlagern,  den  sogenannten  barit  kulit,  ge- 
schieht die  Wegschaffung  der  Ablagerung  über  denselben  wie  bei  barit  kolon;  aber 
die  Gangmasse  selbst  wird  auf  eine  vorteilhaftere  Weise  gewonnen;  denn  das  Fördern 
und  Aufbereiten  wird  zugleich  bewerkstelligt,  indem  der  erwähnte  Kanal  bei  der  Weg- 
schwemmung  des  tauben  Berges  zugleich  zur  Schlämmung  des  Erzes  dient.  Eine 
mehr  horizontale  Verlängerung  desselben  mindert  dann  seinen  Fall  und  verhindert  da- 
durch die  Mitfortfüh-rung  des  Erzes.  Der  reichlichere  Gewinn  des  Erzes  bei  geringerem 
Kostenaufwand  giebt  so  den  Kulit-Gruben  den  Vorzug  vor  den  Kolon-Gruben;  vier 
bis  sechs  Bergleute  können  bei  ersteren  mehr  ausrichten  als  zwölf  bis  zwanzig 
bei  letzteren. 

Die  Kulit-kolon-Gruben  sind  durch  diese  Benennung  schon  bestimmt;  man  ver- 
steht darunter  die  Gruben,  wo  die  Erzlager  in  mittlerer  Tiefe  sich  finden.  Sie  werden 
auf  ähnliche  Weise  wie  die  Kolon-Gruben  gebaut. 

Aufser  diesen  drei  Arten  des  Grubenbaues,  womit  sich  ausschliefslich  die  Chinesen 
beschäftigen,  ist  noch  eine  eigene  Verfahrungsart  zu  erwähnen,  deren  sich  die  Ein- 
gebornen  von  Banka,  die  Orang  gunong,  zur  Gewinnung  des  Zinnerzes  in  den  Ge- 
birgen bedienen.  Sie  graben  drei  Schächte,  etwa  drei  Lachter  tief  und  drei  Fufs  im 
Durchmesser,  einen  neben  dem  andern;  in  den  einen  fährt  ein  Mann  hinein  und  sucht 
durch  einen  horizontalen  Gang  (Stollen)  die  drei  Schächte  zu  verbinden;  diese  Stollen 
werden  verzimmert,  doch  so  nachlässig  und  schwach,  dafs  häufig  Arbeiter  darin  be- 
graben werden.  Die  erzhaltige  Gangart  wird  in  Körben  zu  Tage  gefördert  und  in 
einem  Bache  in  der  Nähe  weiter  aufbereitet.  Dieser  Grubenbau,  man  nennt  ihn  ralen, 
beschäftigt  viele  Hände  und  liefert  wenig  Erz.  Da  er  jedoch  bei  der  Aufförderung 
kein  Wasser  nötig  hat,  so  kann  er  das  ganze  Jahr  hindurch  betrieben  werden.  Die 
Orang  gunong  finden  teilweise  durch  diesen  Betrieb  ihren  Unterhalt,  weswegen  man 
ihn  bis  jetzt  noch  duldet;  denn  er  benachteiligt  die  Grubendistrikte  ungemein,  und 
die  chinesischen  Bergleute  klagen,  dafs  man  das  Fleisch  verzehrt  und  ihnen  die  Knochen 
übrig  gelassen  habe.  Zur  Regenzeit  gewinnen  auch  die  Bankanen  und  die  Malaien, 
welche  im  Gebirge  wohnen,  Zinnerz  aus  den  Bergbächen,  indem  sie  dieselben  eindämmen 
und  an  dem  neuen  Ausflusse  das  Erz  in  Sieben  von  Bambus  oder  von  Rotang  auf- 
fangen, es  reinigen  und  schmelzen.  Sie  nennen  dies  sekon.  Die  Bergbäche  sind  zur 
Regenzeit  reich  an  Erz;  man  glaube  jedoch  nicht,  dafs  sie  es  aus  Gängen  im  Innern 
der  Berge  mit  sich  führen;  durch  ungemeine  Anschwellungen  in  dieser  Jahreszeit 
treten  sie  aus  ihrem  Bette,  verwüsten  Landstriche  und  reifsen  so  das  Erz  aus  seiner 
Lagerstätte  mit  sich  fort. 

Wir  kommen  nun  zur  Aufbereitung  und  Schmelzung  des  Erzes.  Der  bandhar, 
dessen  wir  bereits  erwähnt,  ist  ein  aus  starken  Brettern  abschüssig  gebauter  Wasser- 
trog, von  4 1/-2  Fufs  Breite,  während  seine  Länge  von  der  Gröfse  oder  Mächtigkeit 
einer  Grube  abhängt.  Ein  Kanal  setzt  ihn  mit  der  Wasserleitung  in  Verbindung,  und 
im  allgemeinen  gleicht  diese  Einrichtung  den  bei  unserem  Hüttenbau  üblichen  Schlämm- 
gruben. Die  Chinesen  wissen  dem  bandhar  einen  solchen  Fall  zu  geben,  dafs  Sand, 
Erde  und  die  leichtern  fremdartigen  Teile,  welche  der  Gangmasse  beigemengt  sind, 


14  Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 

vom  einströmenden  Wasser  weggeschlämmt  werden,  während  die  Erzteile  sich  nieder- 
schlagen,  und  hierauf  beruht  ihr  ganzes  Verfahren  beim  Scheiden  des  Erzes.  Die 
Gangmasse  wird  in  den  bandhar  geschüttet  und  von  mehreren  Arbeitern  so  lange 
umgerührt,  zerstofsen  und  aufgeschaufelt,  bis  die  fremdartigen  Stoffe  abgesondert  und 
durch  den  Strom  weggeführt  sind,  und  das  Erz  hinlänglich  gereinigt  erscheint.  Häufig 
finden  sich  in  der  Gangmasse  Bruchstücke  von  Quarz  und  andern  tauben  Gesteinen, 
die  ihrer  Schwere  wegen  sich  nicht  wegschwemmen  lassen;  man  siebt  daher  die  Gang- 
masse in  einem  Siebe,  das  halb  unter  Wasser  im  bandhar  angebracht  ist,  und  sondert 
die  gröberen  Überbleibsel  aus.  Gewöhnlich  häuft  man  das  geschiedene  Erz  so  lange 
im  bandhar  an,  bis  eine  hinlängliche  Menge  zum  Schmelzen  vorhanden  ist.  Da  das 
Schmelzen  immer  zur  Nachtzeit  geschieht,  rechnet  man  nach  Nachtwerken,  und  der 
bandhar  ist  danach  abgeteilt.  Ein  Nachtwerk,  4V2  Fufs  im  Viereck,  fafst  gewöhnlich, 
wenn  es  iQ  Eufs  mit  Erz  gefüllt  ist,  40 — 42  Pikol  Erz,  welches  geschmolzen  etwa 
die  Hälfte  an  Zinn  liefert. 

Die  Schmelzöfen  werden  aus  fettem  Lehm  verfertigt.  An  einem  beliebigen  Orte 
wird  eine  Masse  dieser  Erde  zu  einem  7 — 9 Fufs  langen,  4 — 6 breiten  und  4x/2  — 5 
Fufs  hohen,  viereckigen  Block  geformt,  durch  einen  geübten  Arbeiter  mit  einem  eigenen 
Werkzeuge  von  oben  ein  Loch  hineingebohrt  und  der  Block  zu  einem  Schmelzofen 
ausgehöhlt.  Das  Bohrloch  dient  zum  Einbringen  der  Holzkohlen  und  des  Erzes ; am 
Fufse  des  Ofens  ist  eine  Öffnung  angebracht,  woraus  das  geschmolzene  Zinn  in 
ein  Becken  abfliefst,  und  weiter  nach  oben  ein  Zugloch.  An  der  erhabensten  Seiten- 
wand ist  ein  Blasbalg  in  wagrechter  Lage,  dessen  Konstruktion,  äufserst  einfach,  auf 
der  Theorie  der  Luftpumpe  beruht.  Ein  dicker,  ausgehöhlter  Baumstamm  dient  als 
Cylinder,  und  an  beiden  Enden  sind  mit  Handgriffen  versehene  Pumpstangen,  wodurch 
zwei  Arbeiter  die  Maschine  in  Betrieb  setzen.  In  der  Nähe  des  Ofens  sind  zwei 
Gruben  gegraben  und  mit  Lehm  ausgeschlagen,  wovon  die  eine  für  die  Formen  der 
Zinnblöcke,  die  andere  als  Wasserbehälter  zum  Abkühlen  der  beim  Schmelzen  nötigen 
Werkzeuge  dient.  Die  ganze  Werkstätte  schützt  ein  Dach.  Ist  der  Ofen  mit  Kohlen 
gefüllt  und  einige  Stunden  hindurch  gehörig  erhitzt,  so  wird  nach  und  nach  das  Erz 
hineingeschüttet,  wobei  man  auf  das  richtige  Verhältnis  der  Erzmasse  zu  den  Kohlen 
acht  giebt  und  die  Hitze  nicht  zu  hoch  steigen  läfst.  Die  Formen,  in  welche  man 
das  flüssige  Metall  mittelst  eiserner  Schöpflöffel  aus  dem  Becken  giefst,  müssen  mit 
Sorgfalt  verfertigt,  und  die  dazu  verwendete  Thonerde  gut  von  Sand  u.  dgl.  gereinigt 
sein,  weil  sie  sonst  zerspringen,  und  der  Zinnblock  sich  darin  festsetzt.  Bei  einem 
Ofen  sind  gewöhnlich  neun  Arbeiter  beschäftigt.  Die  Zinnschlacke,  Asche  und  was 
sonst  beim  Schmelzen  vom  Erze  zurückbleibt,  wird  mit  Hämmern  zerschlagen,  mehr- 
mals gewaschen  und  aufs  neue  geschmolzen.  Die  Ausbeute  dieser  Überreste  beträgt 
noch  Q3  des  beim  ersten  Gusse  gewonnenen  Zinnes.  Das  bei  uns  gebräuchliche 
Pochen  des  Erzes  kennen  sie  nicht. 

Die  zum  Schmelzen  nötigen  Kohlen  werden  gewöhnlich  aus  dem  Holze,  das  sich 
an  dem  Orte  der  Grube  oder  in  deren  unmittelbarer  Nähe  vorfindet,  auf  ähnliche 
Weise  wie  in  unseren  Kohlenbrennereien  gewonnen. 

Die  Mitteilungen  de  la  Fontaines  über  die  Verwaltung  der  Gruben,  über 
Dienst  und  Pflicht  der  Aufseher  übergehen  wir,  da  sie  zunächst  die  Regierung  von 
Niederländisch -Indien  angehen,  und  wollen  scbliefslich  noch  einen  flüchtigen  Blick 
auf  die  Bergleute  selbst,  ihre  Lebensart,  Sitten  und  Gebräuche  werfen.  Da  es  auf 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


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Banka  gröfstenteils  Chinesen  sind,  so  können  wir  uns  dabei  eine  Vorstellung  machen, 
wie  sich  dies  Volk  weit  und  breit  durch  Ostindien  forthilft  und  Kolonisten  liefert, 
deren  Arbeitsamkeit  und  Emsigkeit  in  Handel  und  Gewerbe  bewundernswert  ist, 
soviel  auch  ihre  Selbstsucht,  ihr  Eigennutz  und  Wucher,  überhaupt  der  sinnliche 
Charakter  dieser  Nation  zu  tadeln  übrig  läfst. 

Die  Arbeitsleute  einer  Grube  bilden  gleichsam  eine  Familie  unter  dem  Vorsitze 
eines  Oberhauptes.  Jeder,  der  nicht  in  der  Grube  arbeitet,  hat  sein  besonderes  Ge- 
schäft, der  eine  ist  Koch,  der  andre  Gärtner,  der  sorgt  für  das  Geflügel,  dieser  kauft 
ein,  jener  fällt  Holz.  Mit  Anbruch  des  Tages  wird  das  Signal  zur  Arbeit  gegeben  — 
gewöhnlich  thut  dies  der  Koch,  der  sich  einer  eigenen  Trommel  dazu  bedient.  Man 
frühstückt  und  geht  an  die  Arbeit;  wer  zu  spät  kommt,  mufs  eine  Geldbufse  erlegen. 
In  der  Grube  halten  zwrei  Mann  die  Nachtwache  und  sind  verpflichtet,  durch 
Trommelschlag  ihre  sämtlichen  Genoflen  bei  Unglücksfällen  zu  Hülfe  zu  rufen, 
namentlich  bei  Beschädigung  des  Räderwerkes,  Einsturz  der  Gruben  oder  Diebstahl. 
Von  5x/2  Uhr  morgens  wird  gewöhnlich  bis  11  Uhr  gearbeitet,  dann  anderthalb 
Stunden  geruht  und  die  Arbeit  bis  3 Uhr  nachmittags  wieder  aufgenommen,  worauf 
man  etwas  geniefst  und  bis  zu  Sonnenuntergang  fortarbeitet.  Ich  führe  absichtlich 
diese  Tagesordnung  an,  zum  Beweise  der  Arbeitsamkeit  dieser  Leute  unter  einem 
heifsen  Himmelsstrich,  fast  unter  der  Linie,  und  auf  einer  Insel,  die  ihres  ungesunden 
Klimas  wegen,  namentlich  in  den  sumpfigen  Niederungen  und  an  den  durch  Fällung 
der  Wälder  urbar  gemachten  Stellen,  berüchtigt  ist.  Allgemein  herrscht  Ordnung  und 
Ruhe,  und  bei  einer  Anzahl  von  60 — 80  Arbeitern  fallen  verhältnismäfsig  wenig 
Streitigkeiten  vor.  Dies  gute  Einverständnis  hängt  viel  vom  Häuptlinge  ab,  w7ozu  man 
stets  einen  verständigen  und  thätigen  Mann  zu  wählen  pflegt. 

Die  unverheirateten  Männer  bewohnen  eine  gemeinschaftliche  Wohnung,  eine 
Kaserne,  aus  unbehauenem  Holze,  die  Wände  mit  Baumrinde,  das  Dach  mit  Schilf 
bekleidet.  Die  Verheirateten  wohnen  getrennt  in  ähnlich  gebauten  Hütten.  Bei  einer 
jeden  Grube  ist  ein  besonderes  Gebäude  errichtet  und  mit  möglichster  Sorgfalt  aus- 
geschmückt und  unterhalten,  oft  mit  feinen  Matten  belegt  und  mit  bemalten  Tapeten 
behängt.  Es  dient  als  Tempel,  Rathaus,  Zeughaus  und  Speisesaal;  man  nennt  es 
kung-schi. 

An  einem  Altäre  ist  das  Bildnis  des  Laodsü  aufgestellt,  meistens  eine  Gemälde- 
rolle, worauf  dieser  Religionsstifter  in  grellen  Farben  abgebildet  ist;  ein  ewiges  Licht 
und  Rauchkerzchen  werden  davor  unterhalten.  Am  Eingang  dieser  Halle  ist  ein  hei- 
liger Baum  gepflanzt,  worunter  man  die  Opfer  niederlegt. 

Die  Nahrung  der  chinesischen  Bergleute  ist  einfach:  Reis,  gesalzene  und  ge- 
trocknete Fische  und  Gemüse  sind  die  gewöhnliche  Speise;  Wildbret  von  Schweinen 
und  Hirschen,  welche  sich  zahlreich  in  den  Wäldern  finden,  wird  häufig  genossen. 
Beliebt  ist  das  tsiu,  ein  aus  Reis  abgezogenes,  geistiges  Getränk.  Verheiratete  führen 
ihre  eigene  Wirtschaft,  die  Ehelosen  essen  an  einem  gemeinschaftlichen  Tische.  Reis, 
Salz,  Ol,  Tabak,  Eisen,  Stahl,  Kattun  und  andere  Zeuge  u.  dgl.  werden  den  Bergleuten 
aus  den  Gouvernementsmagazinen  von  den  Grubenaufsehern  auf  Kredit  geliefert  und 
können  daher  als  die  vorzüglichsten  Artikel  der  Einfuhr  betrachtet  werden.  Der  Reis 
wird  ihnen  zu  fl.  6.18,  das  Salz  zu  fl.  4 und  das  Ol  zu  fl.  33  der  Pikol  angerechnet. 

Von  den  zahlreichen  chinesischen  Jahresfesten  werden  einige  der  vorzüglichsten 
gefeiert.  Das  Neujahrsfest  (sin  nien),  welches  gewöhnlich  in  den  Februar  fällt,  und 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


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das  sogenannte  Laternenfest  (fang  schui  tang)  im  Oktober  zum  Andenken  der  Ver- 
storbenen werden  festlich  begangen.  Essen,  Trinken  und  Spiel  sind  dabei  die  Haupt- 
sache, und  man  macht  grofsen  Aufwand.  Aufserd em  finden  noch  Gelegenheitsfeste 
statt,  wie  bei  Eröffnung  einer  neuen  Grube,  bei  Hochzeiten  und  bei  der  Heimkehr 
eines  Chinesen  nach  seinem  Vaterlande. 

[6.  Juli.]  In  dem  liebenswürdigen  Familienkreise  des  Stabsarztes  Fritze  hatte 
ich  den  gestrigen  Abend  angenehm  zugebracht,  und  durch  seine  Mitteilungen  über 
Banka,  dessen  Erzeugnisse  und  Bewohner  konnte  ich  in  meinem  Tagebuche  manche 
Lücke  ausfüllen,  welche  sonst  wegen  des  so  kurzen  Aufenthaltes  offen  geblieben  wäre. 

Über  Banka  sind  einzelne  gute  und  wichtige  Nachrichten  bekannt  geworden, 
doch  aus  zu  verschiedenartigen  Quellen  geflossen,  als  dafs  man  sie  zu  einem  brauch- 
baren Ganzen  vereinigen  könnte,  ohne  sie  durch  eigene  Erfahrung  an  Ort  und  Stelle 
geprüft  oder  durch  urkundliche  Belege  vervollständigt  zu  haben.  Hauptsächlich  fehlt 
es  bis  jetzt  an  bewährten  statistischen  Berichten.  Aufser  der  oben  erwähnten  Abhand- 
lung de  la  Fontaines  habe  ich  Baron  van  der  Capellen  noch  die  Mitteilung  eines 
andern  Berichtes,  mit  Karten  und  Plänen  ausgestattet,  zu  verdanken.  Von  dem 
Königl.  Niederländischen  Ministerium  der  Kolonien  wurde  mir  auch  eine  brauch- 
bare chorographische  Karte  dieser  Insel,  aufgenommen  im  Jahre  1819,  zur  Verfügung 
gestellt;  eine  neuere  Land-  und  Seekarte  erhielt  ich  von  Lieutenant  Colonel  de  Sturs, 
und  einen  Plan  der  Strafse  Banka  von  Herrn  Verkerk  Pistorius.  Diese  Materialien  zu- 
sammen machten  mir  es  möglich,  die  bisher  über  Banka  bekannt  gemachten  Nach- 
richten näher  zu  prüfen  und  in  Verbindung  mit  meinen  eigenen  Beobachtungen  zu- 
sammenzustellen. 


Skizze  einer  geographisch -statistischen  Beschreibung  von  Banka. 


Lage,  Gröfse.  Banka  liegt  im  Osten  von  Sumatra,  von  105°  iT  bis  1060  52' 
ö.  L.  von  Greenwich  und  i°  28'  30"  (Tanjong  Munkoda)  bis  3°  6'  (SW.  - Spitze, 
auf  den  niederl.  Seekarten  genannt  vuile  hoek)  s.  B.  Die  Insel  erstreckt  sich  gegen 
NW.,  ziemlich  gleichlaufend  mit  der  niedrigen  Küste  von  Sumatra,  von  der  sie 
durch  die  8 bis  18  Seemeilen  breite  Strafse  Banka  geschieden  ist.  Banka  ist  etwa 
30  geographische  Meilen  lang,  9 bis  15  breit  und  hat  einen  Flächeninhalt  von  367,01 
geographischen  Quadratmeilen. 

Physische  Beschaffenheit.  Das  Land  ist  hügelig,  mit  einzelnen  hohen  Bergen; 
die  höchsten  aus  primitiven  Felsenarten,  vornehmlich  granitischen  Gesteinen  bestehend; 
in  den  niedrigeren  ruhen  auf  dem  Granit  häufig  Lager  von  Roteisenstein.  Das  an- 
geschwemmte Land  längs  den  Küsten  und  in  den  zahlreichen  Thälern  erscheint  in 
Ablagerungen  mit  Bruchstücken  von  Granit,  Quarz,  Bergkrystall,  Roteisenstein,  Sand 
und  Thonerde  von  verschiedener  Farbe;  der  Boden  ist  rauh,  hart  und  sandig  und  an 
einzelnen  Stellen  in  den  Niederungen  mit  einer  schwärzlichen  Erde  — ausgetrocknetem 


Schlamme  — bedeckt.  Das  Gestade,  welches  sich  in  sanft  abgerundeten  Hügeln 
hinzieht,  ist  hoch,  senkt  sich  gegen  die  Westseite,  und  der  Strand  ist  stellenweise, 
besonders  zwischen  dem  Sungei  Mündoo  und  Sungei  Banka  Kotta,  morastig.  Die 
Thäler,  welche  nach  allen  Richtungen  die  Hügel  durchziehen,  breiten  sich  im  Innern 
der  Insel  — in  den  Bezirken  Toboaly  und  Koba  im  Süden,  und  in  den  Bezirken 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


Müntok  und  Blinju  im  Norden  — zu  beträchtlichen  Tiefebenen  aus  und  werden  von 
zahlreichen  Wasserrinnen  durchzogen,  welche  in  der  Regenzeit  mächtig  anschwellend 
als  reifsende  Waldbäche  in  die  See- stürzen  und  Sand  und  Gerolle  mit  sich  führen, 
wodurch  ihre  Mündungen  verseichten;  die  wenigsten  sind  daher  schiffbar.  Ein  üppiger 
Pflanzenwuchs,  dichte,  immergrüne  Waldungen  bedecken  die  Berge  und  Hügel,  welche 
von  der  See  aus  einen  reizenden  Anblick  gewähren  und  eine  angenehme  Abwechse- 
lung gegen  die  einförmige,  niedrige  Küste  von  Sumatra  bieten. 

Berge,  Vorgebirge.  Die  vorzüglichsten  Berge  auf  Banka  sind:  der  Gunong 
Maras,  der  im  Norden  der  Insel  (unter  i°  53'  s.  B.  und  105°  52'  ö.  L.)  die  Bai 
von  Klabat  begrenzt  und  dessen  Seehöhe  auf  3000  Fufs  angegeben  wird.  Im  Süden 
zeigt  sich  das  St.  Paul-Gebirg  (Gunong  Pajang)  fernhin  dem  Seefahrer,  und  auf  der 
Westküste  dienen  die  Berge  Gunong  Banka,  Permisang  und  Menombing  bei  der 
Durchfahrt  der  Strafse  als  Wegweiser.  Letzterer,  unter  105°  14'  ö.  L.  und  20  o' 
s.  B.,  ist  für  die  Seefahrer  ein  wichtiger  Punkt;  sein  Gipfel  ist  weithin  sichtbar.  Auf 
der  Ostküste  bildet  das  Brekat-Gebirg,  die  Berge  Mankol,  Marawang  und  das  Hügel- 
land von  Rogo  und  Bukit  Belong  die  bedeutendsten  Erhebungen.  Mit  Ausnahme  des 
Maras  übersteigen  die  Gebirge  Bankas  nicht  eine  Höhe  von  1500  Fufs  über  dem 
Meere.  Von  vulkanischen  Ausbrüchen  findet  sich  auf  der  Insel  keine  Spur,  obgleich 
dieselbe  nicht  frei  von  Erdbeben  ist.  Der  Ausbruch  des  Gunong  Tombora  auf  der 
weitentlegenen  Insel  Sumbawa  verkündigte  sich  hier  durch  fernem  Kanonendonner 
ähnliche  Schläge. 

Die  merkwürdigsten  Vorgebirge  und  Landspitzen  sind  das  Vorgebirg  Tanjong 
Dapur  — - vuile  hoek  nach  niederl.  Seekarten  — unter  30  6'  s.  B.,  die  südlichste 
Spitze  von  Banka,  erkennbar  durch  das  nahe  dabei  liegende  Inselchen  Pulo  Dapur; 
das  Tanjong  Prekat  — ein  hohes  Land,  die  östlichste  Spitze  der  Insel  unter  2°  35' 
s.  B.  und  1060  25'  ö.  L.,  das  Tanjong  Rijah  unter  i°  55'  s.  B.  und  1060  14'  ö.  L. 
und  Tanjong  Tuan  unter  1 0 38'  s.  B.,  beide  auf  der  Ostküste  gelegen.  Die  nördlichste 
Spitze  der  Insel  ist  Tanjong  Munkodo  unter  i°  28'  30"  s.  B.;  Tanjong  Piniosa  und 
Tanjong  Malalu  bilden  den  Eingang  in  die  Bai  von  Klabat.  Ferner  sind  zu  bemerken 
Tanjong  Gunting  unter  i°  43b  Tanjong  Ular  und  Tanjong  Bersiap,  die  westlichste  Spitze 
unter  20  2'  s.  B.  und  105°  1 iy  ö.  L.  Das  Tanjong  Kalian  unter  20  5'  s.  B.  und  1050  12'  ö.  L. 
und  Tanjong  Pangon  (Latavy  point  nach  engl.  Seekarten)  unter  2°  47'  s.  B.  und 
105°  54'  ö.  L.  sind  bei  der  Durchfahrt  der  Strafse  Banka  die  wichtigsten  Punkte 
der  W.-Küste  dieser  Insel. 

Gewässer.  Banka  ist  reich  an  Quellen  und  Wasserrinnen,  welche  längs  den 
Senkungen  der  Hügel  in  die  Thäler  herabfliefsen,  sich  zu  Waldbächen  vereinigen, 
aber  meistens  in  den  Versandungen  der  Küste  verloren  gehen.  Auf  der  Westküste 
sind  blofs  die  beiden  Flüsse  Sungei  Mündo  und  Sungei  Banka  Kotta  schiffbar;  die  übrigen 
Bäche  sind  nach  kurzem  Laufe  an  ihren  Mündungen  versandet.  Der  gröfste  Flufs 
ist  der  Sungei  Warawang  auf  der  Ostküste,  der  aus  mehreren  Bächen  entsteht,  wo- 
von einige  in  den  Gebirgen  Maras  und  Mankol  entspringen.  Aufserdem  verdienen 
noch  der  Sungei  Jebus  im  Norden  der  Insel  und  der  Sungei  Antun  und  Laijang, 
welche  sich  in  die  Bai  von  Klabat  ergiefsen,  erwähnt  zu  werden.  Seen  kommen  auf  Banka 
nicht  vor,  wohl  aber  Sümpfe,  welche  sich  zur  Regenzeit  in  den  Tiefebenen  ausbreiten. 

Baien  und  Buchten.  Die  Bai  von  Klabat,  sowie  die  von  Jebus,  Sungei  Liat, 
Marawang  und  Pankal  Pinang  bilden  gute  Häfen,  und  die  Buchten  an  den  Mündungen 

v.  Sieb  old,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


mehrerer  Bäche  dienen  bei  hoher  See  und  zur  Regenzeit,  wo  sie  ziemlich  breit  und 
tief  sind,  Seeräubern  und  Schmugglern  als  Hinterhalt. 

Das  Klima  dieser  Insel,  obwohl  sie  beinahe  unter  dem  Äquator  liegt,  ist  noch 
ziemlich  gemäfsigt.  Die  Nächte  sind  sehr  kühl,  und  am  Tage  steigt  das  Thermo- 
meter nicht  über  88°  Fahrh.  Die  Land-  und  Seewinde,  welche  regelmäfsig  wechseln, 
sind  für  die  Mannschaften  der  auf  den  Rheden  und  in  den  Baien  liegenden  Schiffe 
erquickend.  Regen  fällt  häufig,  ausgenommen  die  Monate  Mai  bis  August  — die  Zeit 
des  SO.-Mousson,  wo  Hitze  und  Trockenheit  herrschen.  Während  des  NW.- 
Mousson,  von  November  bis  Februar,  finden  heftige  Regen  und  schwere  Gewitter 
statt,  und  Wetterleuchten  wird  fast  jeden  Abend  wahrgenommen.  Beim  Wechsel  der 
Moussons  ist  die  Witterung  unbeständig:  auf  dem  Lande  wechselt  Trockenheit  mit 
Regen,  auf  der  See  Stille  mit  Stürmen.  Im  allgemeinen  ist  das  Klima  gesund;  nur 
Müntok  und  die  morastigen  Gegenden  auf  der  Westseite  hält  man  für  ungesund. 

Produkte.  Aufser  dem  Zinn,  dem  wichtigsten  Erzeugnisse  Bankas,  findet  sich 
noch  Eisen,  und  zwar  in  den  Bezirken  Pankal  Pinang,  Pako,  Banka  Kotta  und  am 
Berge  Permisang,  doch  werden  die  Gruben,  die  unter  der  Regierung  des  Sultans  von 
Palembang  viel  und  gutes  Eisen  geliefert  haben  sollen,  gegenwärtig  nicht  betrieben. 
Silber  wurde  vor  kurzem  im  Bezirke  Müntok  entdeckt,  und  Gold  kommt  in  geringer 
Menge  in  der  Gegend  von  Pankal  Pinang  vor.  Die  Diamanten,  welche  nach  Rader- 
macher  bei  Sunge'i  Puti  gefunden  wurden,  waren  wahrscheinlich  Bergkrystalle,  die  von 
ausgezeichneter  Schönheit  in  der  Gangmasse  der  Zinngruben  Vorkommen. 

Die  Insel  ist  fast  gänzlich  von  Wald  bedeckt  und  liefert  vortreffliche  Holz- 
arten, nur  die  Gewürzinseln  und  das  Innere  von  Sumatra  mögen  Banka  hierin  über- 
treffen. Ebenholz  (kaju  arrang),  Adlerholz  (kaju  guru),  Sassafras  (medang  sahang) 
und  Rotang  werden  in  Überflufs  gefunden.  Aus  dem  Merantee,  einem  bei  60  Fufs 
hohen  und  5 Fufs  dicken  Baume,  werden  Bretter  gesägt,  und  das  Holz  des  Mengrawan 
batu  zum  Häuserbau  verwendet.  Aus  der  Frucht  des  Menyalin  wird  Zucker,  aus  der 
des  Penaga  Öl  bereitet;  der  an  120  Fufs  hohe  Tjing-al-itam  liefert  Harz  (dammar 
mata  kutsing),  und  mit  der  Rinde  des  Sama  und  Tingie  färben  die  Eingeborenen 
Kattun  und  ihre  Fischnetze.  Letzterer  giebt  eine  dauerhafte  schwarze  Farbe. 

De  la  Fontaine  führt  in  seinem  Berichte  57  Arten  Nutzholz  an,  worunter 
mehrere  Bäume  von  100 — 120  Fufs  Höhe  und  4 — 5 Fufs  Dicke.  Es  befinden  sich 
darunter  gutes  Zimmerholz  und  vortreffliche  Holzarten  zu  Hausgeräten.  Holzkohlen, 
ein  grofser  Bedarf  für  die  Bergwerkszwecke  auf  der  Insel,  sind  von  vorzüglicher  Güte. 
Einige  Bäume  und  Sträucher  tragen  schmackhafte  Früchte,  man  findet  Kokosnüsse, 
Pompelmus  und  Ananas.  Der  Kaffeebaum  kommt  bei  Müntok  gut  fort,  und  in 
früheren  Zeiten  wurde  Pfeffer,  Baumwolle  (kapas),  Gambir,  Tabak  und  Zuckerrohr 
angebaut.  Mit  Ausnahme  von  diesem,  welches  zu  hoch  aufschiefst  und  weniger  saft- 
reich  als  auf  Java  ist,  könnte  die  Kultur  obiger  Gewächse  mit  Vorteil  betrieben 
werden.  Eine  merkwürdige  Erscheinung  ist  es,  dafs  bei  der  Üppigkeit  der  Vegetation, 
welche  sich  in  den  Wäldern  zeigt,  der  Land-  und  Gartenbau  nur  kärglich  lohnt.  Der 
Reisbau,  so  kümmerlich  und  unzweckmäfsig  er  auch  von  den  Eingeborenen  betrieben 
wird,  ist  jetzt  noch  der  einzige  Zweig  des  Landbaues.  Da  man  aber  jährlich  durch 
Fällung  und  Niederbrennung  des  Holzes  frische  Felder  zum  Anbau  des  Bergreises 
anlegen  mufs,  um  eine  nur  etwas  erträgliche  Ernte  zu  gewinnen,  so  werden  dadurch 
die  Waldungen  sehr  beschädigt;  die  Anlegung  von  Feldern  zum  Anbau  des  Wasser- 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


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reises  ist  nicht  anzuraten,  weil  dadurch  das  für  den  Grubenbau  nötige  Wasser  zu 
sehr  vermindert  werden  würde.  Eine  zweite  Ernte  auf  einem  und  demselben  Berg- 
reisfeld ist  fast  unmöglich;  die  Ursache  davon  soll  im  Boden  liegen,  der  zu  wenig 
Dammerde  und  zu  viel  Gestein  und  Erzteile  enthält  und  sich  an  unbeschatteten  Stellen 
zu  viel  erhitzt  und  daher  austrocknet.  Von  den  Chinesen  werden  hie  und  da  Yams- 
wurzeln, Bataten,  Cadjangbohnen  und  Betel  angebaut.  Erdäpfel  geraten  schlecht, 
und  unsere  Getreide-  und  Gemüsearten  wachsen  kaum  einige  Hand  hoch  über  die  Erde 
und  verderben  alsbald. 

Von  Säugetieren  finden  sich  auf  Banka  wenige  Spezies:  Hirsche  kommen  zahl- 
reich in  den  Waldungen  vor;  seltener  sind  Schweine,  das  Zwergreh,  eine  Art  Tiger- 
katze, einige  Eichhörnchen  und  das  Schuppentier.  Grofse  Fledermäuse  sieht  man 
häufig  in  der  Strafse  Banka  von  einer  Küste  zur  andern  flattern.  Die  Vögel,  über 
die  mir  wenig  bekannt  wurde,  soll  Banka  mit  dem  benachbarten  Sumatra  gemein 
haben.  Auf  der  SO. -Küste  werden  efsbare  Vogelnester  gefunden.  Es  kommt 
eine  kleine  Art  Schlangen  vor,  die  sehr  giftig  ist,  und  eine  gröfsere,  wahrscheinlich 
ein  Schlinger,  deren  Galle  von  den  Chinesen  als  Arzneimittel  hoch  geschätzt  wird. 

Aufserordentlich  fischreich  sind  die  Küsten  der  Insel:  die  gemeinsten  Fische 
sind  der  Ikan  pirang,  der  Rusip  und  Platyang.  Der  erste  kommt  in  solcher  Menge 
vor,  dafs  der  monatliche  Fang  im  Bezirke  Müntok  auf  drei  Millionen  Stück  berechnet 
wird.  Der  Trepang  und  verschiedene  seltene  Fische  werden  in  der  Klabat-Bai 
gefangen  und  das  bekannte  Seegras  Agar-Agar  längs  dem  Strande  aufgesucht.  Rind- 
vieh- und  Pferdezucht  kennt  der  Bankane  nicht;  blofs  die  dortigen  Europäer  halten 
zu  ihrem  Vergnügen  und  Gebrauche  Pferde,  Rinder  und  Büffel,  und  diese  kommen 
gut  fort;  nicht  so  die  Schafe  und  Ziegen,  die  bald  nach  ihrer  Ankunft  an  Auszehrung 
sterben.  Man  hat  Versuche  gemacht,  das  Rindvieh  frei  in  den  Waldungen  laufen  zu 
lassen,  aber  durch  die  Nachstellungen  der  Orang  gunong  wurde  es  wieder  ausgerottet. 
Schweine  und  Hunde,  welche  letztere  von  den  Bankanen  für  unrein  gehalten  werden, 
werden  hie  und  da  gegessen.  Man  hält  Hühner,  Enten,  selten  Gänse.  Unter  dem 
Geflügel  herrscht  zu  Zeiten  eine  auffallende  Sterblichkeit,  und  ohne  Einfuhr  von 
Palembang  würde  man  daran  Mangel  haben.  Honig  und  Wachs  suchen  die  Orang 
gunong  in  den  Wäldern  auf,  müssen  es  aber  für  einen  geringen  Preis  ihren  Häupt- 
lingen abgeben. 

Einwohner.  Die  Bevölkerung  von  Banka  besteht:  1.  aus  den  Eingeborenen  — 
Orang  gunong,  auch  Orang  darat  genannt  — , 2.  aus  handeltreibenden  Chinesen  und 
Malaien  und  3.  aus  chinesischen  Bergleuten.  Noch  könnte  man  eine  4.  Klasse,  die 
Orang  laut,  Seeleute  und  Küstenbewohner,  im  Gegensätze  der  Bergbewohner,  und  als 
5.  die  Sklaven  annehmen.  Die  ganze  Bevölkerung  kann  man  auf  22000  Seelen 
berechnen,  obgleich  sich  die  Zahl  der  Köpfe  bei  der  Volkszählung  im  Jahre  1823  nur 
auf  17861  belief. 

In  früherer  Zeit  war  Bankas  Bevölkerung  stärker  und  belief  sich  nach  zuver- 
lässigen Berichten  in  der  blühenden  Periode  des  Bergbaues  auf  sechzig-  bis  siebzig- 
tausend Seelen.  Die  Ursache  einer  so  auffallenden  Verminderung  war  ein  Aufstand  vor 
etwa  dreifsig  Jahren  im  Kampong  Müntok  gegen  den  Sultan  von  Palembang.  Reiche 
Kaufleute  und  Malaien,  Kolonisten  von  Palembang,  zwar  gering  an  Zahl,  doch  mächtig 
durch  Reichtum  und  Einflufs,  führten  mit  den  übrigen  Bewohnern  von  Banka  und  mit 
Palembang  Krieg.  Sie  riefen  den  Sultan  von  Lingga  zu  Hülfe,  und  die  zahlreichen 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Fahrzeuge  der  berüchtigten  Lingganen  übten  nun  Raub  und  Verwüstung  längs  den 
Küsten  Bankas  und  führten  die  Bewohner  als  Sklaven  mit  sich  fort.  Nach  Wieder- 
herstellung der  Ruhe  entwichen  die  Aufrührer  mit  ihrem  Anhänge,  um  der  Rache 
ihres  Herrn  zu  entgehen,  von  Müntok  nach  Lingga  und  andern  Orten.  Auf  Lingga 
leben  bis  heute  noch  viele  Hunderte  dieser  Flüchtlinge,  denen  der  dortige  Sultan  die 
Rückkehr  verweigert  Audi  die  Blattern  haben  früher  grofse  Verheerung  unter  den 
Einwohnern  von  Banka  angerichtet. 

Die  Orang  gunong  sollen  von  Java  stammen.  Sie  sind  kleiner  und  feiner  ge- 
baut als  die  Javanen,  auch  etwas  dunkler  von  Farbe;  in  ihrem  Bau  prägt  sich  übrigens 
viel  Ebenmafs  aus,  und  auf  der  Ostküste  trifft  man  einen  hübschen  Schlag  Männer 
und  Frauen.  Sie  sprechen  die  Sundasprache  in  derselben  Mundart,  die  auf  Palembang 
üblich  ist.  Der  Bankane  lebt,  im  Vergleiche  mit  dem  Javanen,  noch  in  einem  Zu- 
stande von  Wildheit,  in  roher  Einfalt,  ist  schüchtern,  unterwürfig,  friedliebend,  genüg- 
sam, sorglos  und  frei  von  den  auf  den  Sundainseln  herrschenden  Untugenden  des 
Spieles  und  der  Opiumberauschung.  Blofs  bei  den  Häuptlingen  stellen  sich  zuweilen 
diese  üblen  Gewohnheiten  unter  der  Maske  einer  Sittenverfeinerung  ein,  indem  sie 
die  Laster  der  Grofsen  von  Palembang  nachahmen. 

Die  Orang  gunong  führen  keine  sefshafte  Lebensweise,  doch  überschreiten  sie 
die  Grenzen  des  Bezirkes  nicht,  dem  sie  angehören.  Ihre  Betriebsweise  des  Reisbaues 
veranlafst  dies  unstäte  Leben.  Zur  Saatzeit  suchen  sie  in  den  Waldungen  ein  taug- 
liches Feld  zur  Anlegung  eines  Bergreisfeldes,  schlagen  da  ihre  Wohnungen,  Hütten 
von  Baumstämmen,  Rinde  und  Schilf  auf,  füllen  und  verbrennen  das  Gehölze  und  besäen 
die  gewonnene  Stelle.  Die  eingeheimste  Ernte  wird  sorglos  und  gastfrei  in  einigen 
Monaten  verzehrt,  und  dann  leben  sie,  wenn  keine  andern  Mittel  vorhanden,  von 
Wurzeln,  Früchten  und  Kräutern,  bis  sie  wieder  ein  frisches  Feld  aufsuchen  und 
sich  da  mit  neuen  Hoffnungen  niederlassen.  Diejenigen,  welche  durch  irgend  ein 
Gewerbe  noch  etwas  zu  verdienen  wissen,  kaufen  sich  Reis  und  andere  Bedürf- 
nisse. Trockenheit  vereitelt  oft  die  Ernte,  und  die  Unbemittelten  müssen  sich  kümmer- 
lich nähren. 

Die  Bergbewohner  stehen  unter  Häuptlingen,  die  aus  ihrer  Mitte  hervorgehen. 
Man  unterscheidet  folgende  Rangstufen,  die  erblich  vom  Vater  auf  den  Sohn  über- 
gehen: Depati,  Krio,  Batin  und  Lillinggan.  Die  drei  ersten  standen  zur  Zeit  der 
Herrschaft  des  Sultans  von  Palembang  unter  diesem  oder  seinem  Stellvertreter  in 
Müntok;  die  letzten,  ähnlich  den  Mandors  auf  Java,  sind  blofs  Gerichtsdiener  im  Dienste 
der  ersteren. 

Die  Oberhäupter  sind  wenig  gesittet,  herrschen  noch  immer,  wie  zu  Zeiten  des 
Sultans,  sehr  eigenmächtig  und  stehen  blofs  dem  Namen  nach  unter  dem  Befehle  des 
niederländischen  Residenten.  Sie  sind  kleine  unabhängige  Fürsten  unter  dem  Schutze 
des  Niederländisch-Indischen  Gouvernements.  Das  Recht  der  Leibesstrafe  steht  ihnen 
über  ihre  Unterthanen  nicht  zu,  wrohl  aber  das  einer  Geldbufse.  Dieses,  der  Tiban 
(ein  Wucher  mit  Lebensmitteln  und  andern  Bedürfnissen)  und  der  Frondienst  sind 
die  Quellen  ihrer  Bereicherung.  Selten  liefern  sie  Verbrecher,  ausgenommen  Mörder, 
dem  niederländischen  Residenten  aus,  da  sie  selbst  dieselben  vorteilhafter  mit  einer 
Geldbufse  bestrafen. 

Die  Bergbewohner  gelten  zwar  für  Anhänger  des  Islam,  haben  jedoch  keine 
gottesdienstlichen  Feierlichkeiten  und  auch  keine  Priester.  Der  Älteste  und  Erfahrenste 


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Reisen,  i.  Reise  von- Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 

eines  Kampong  vertritt  die  Stelle  der  letztem  unter  dem  Namen  Ketip.  Sie  sind 
äufserst  abergläubisch  und  fürchten  böse  Geister.  Wenn  z.  B.  bei  Fällung  eines  Baumes 
einer  oder  der  andere  erkrankt,  halten  sie  den  Baum  für  besessen  und  lassen  sich  auf 
keine  Weise  zur  Wiederaufnahme  der  Arbeit  bewegen.  Heiraten  werden  nach  einem 
einfachen  Gebrauche  geschlossen:  diejenigen,  welche  sich  gefallen,  fragen  den  Häupt- 
ling um  die  Heiratserlaubnis,  stofsen  in  Gegenwart  von  Zeugen  die  Köpfe  aneinander, 
bringen  den  Tag  mit  Essen  und  Vergnügungen  zu  und  sind  Mann  und  Frau.  Das 
Herkommen,  dafs  die  Braut  vom  Bräutigam  eine  Mitgift  erhält,  besteht  hier  wie  auf 
Java;  dieselbe  ist  aber  unbedeutend. 

In  früheren  Zeiten  wurde  ein  Teil  der  Hinterlassenschaft  eines  Orang  gunong, 
mochte  es  Gold  oder  Geld  sein,  mit  der  Leiche  begraben;  jetzt  ist  diese  Sitte  wegen 
häufiger  Plünderung  der  Gräber  aufgegeben  worden. 

Aufser  den  chinesischen  Bergleuten,  deren  wir  bereits  ausführlich  erwähnten, 
haben  sich  auf  Banka  auch  Gewerbe  und  Kleinhandel  treibende  Chinesen  und  Malaien, 
die  von  Fischfang  leben,  niedergelassen  und  wohnen  sämtlich  in  Kampongs. 

Die  Chinesen  haben  ihren  heimatlichen  Fleifs  auf  diese  Insel  verpflanzt.  Für 
den  Bergbau  sind  sie  unentbehrlich  geworden,  und  Industrie  und  Handel,  so 
unbedeutend  der  letztere  auch  ist,  hat  man  ihrer  Betriebsamkeit  und  dem  dieser 
Nation  eigenen  Handelsgeiste  zu  danken.  Sie  leben  mäfsig  und  sparsam  und  mit 
einzelnen  Ausnahmen  in  Dürftigkeit.  Überhaupt  herrscht  bei  den  Bewohnern,  Chinesen 
wie  Malaien,  wenig  Wohlstand;  der  gröfste  Teil  ist  arm,  und  dennoch  kennt  man 
keine  Bettler  — ein  Umstand,  der  sich  aus  einer  lobenswerten  wechselseitigen  Unter- 
stützung erklären  läfst.  Die  Orang  laut,  aus  einer  Vermischung  verschiedener  rna- 
laischer  Stämme  der  benachbarten  Inseln  entstanden,  wohnten  und  hausten  ehedem 
längs  den  Küsten,  wo  sie  Fischfang  und  Seeraub  trieben.  Gegenwärtig  hat  das  Nieder- 
ländisch-Indische Gouvernement  sie  in  Dienst  genommen  und  den  Distrikten  von  Jebus, 
Blinju  und  Tampillang  zugeteilt,  wo  man  sie  gegen  Seeräuberei  und  Schmuggelhandel 
kreuzen  läfst.  Ihre  Zahl  wird  auf  139  Köpfe  angegeben.  Sklaven  befanden  sich  1823 
nur  166  in  Müntok.  Banka  ist  ein  Verbannungsort  für  Sträflinge,  deren  Zahl  sich  auf 
235  belief,  von  denen  53  zu  Ketten  verurteilt  waren.  Noch  ist  eine  Klasse  un- 
glücklicher Menschen  zu  erwähnen,  solcher  nämlich,  welche  wegen  Zahlungs- 
unfähigkeit als  Unterpfand  in  Sklavenstand  gehalten  werden;  es  sind  meistens  Palem- 
banger  und  sie  werden  auf  Banka  blofs  von  den  Malaien  gehalten.  Die  Zahl  der  Euro- 
päer beschränkt  sich  auf  die  niederländischen  Beamten  und  die  Besatzung  und  beläuft 
sich  gewöhnlich  auf  500  bis  600  Köpfe. 

Produktion,  K u n s t f 1 e i fs  und  H a n d e 1.  Der  Bergbau  kann  als  der  vor- 
züglichste Erwerbszweig  der  Bevölkerung  von  Banka  angesehen  werden;  ihm  folgen 
Fischfang  und  Holzschlag.  Landbau  und  Viehzucht  verdienen  kaum  erwähnt  zu  werden. 
Gewerbe  beschäftigen  viele  Hände,  namentlich  die  Zahl  der  Schmiede  und  Zimmer- 
leute ist  grofs.  Der  Kunstfleifs  erzeugt  wenige  Produkte  und  beschränkt  sich  einzig 
auf  Müntok,  wo  die  Frauen  einige  Seiden-  und  Baumwollenzeuge  weben,  Gold  sticken 
und  andere  Handarbeiten  verfertigen.  Die  bedeutendsten  Artikel  der  Einfuhr  sind 
Reis,  Öl,  Salz  und  Eisen.  Der  Hauptartikel  der  Ausfuhr,  das  Zinn,  ist  Monopol  der 
Niederländisch-Indischen  Regierung,  und  dessen  Stapelplatz  Batavia;  nach  einem  Ver- 
trage liefern  die  chinesischen  Bergleute  den  Pikol  Zinn  für  6 Piaster  an  die  Gruben- 
inspektoren, nur  in  einigen  Distrikten  werden  8 Piaster  dafür  gezahlt.  Der  Kleinhandel 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


ist  unbedeutend,  und  was  der  Fischfang  einträgt,  wird  für  den  Ankauf  der  Lebensbe- 
dürfnisse verbraucht,  welche  von  Palembang,  Lingga,  Java  u.  a.  O.  herbeigebracht 
werden.  Geld  ist  wenig  vorhanden,  so  grofse  Summen  auch  das  Niederländische 
Gouvernement  in  Umlauf  bringt.  Teils  geht  es  für  die  Einfuhr  der  täglichen 
Bedürfnisse  aus  dem  Lande,  teils  legen  es  die  sparsamen  Chinesen  zurück  und  senden 
es  nach  ihrem  Vaterlande;  da  ferner  die  Orang  gunong  gerne  Silbermünzen  als 
Kleinodien  behalten,  und  aus  Besorgnis,  ihrer  beraubt  zu  werden,  sie  in  den  Wäldern 
vergraben,  so  bleiben  bedeutende  Summen  tot  liegen  oder  gehen  verloren.  Alle  in 
Ostindien  gangbaren  Münzen  sind  es  auch  auf  Banka.  Die  Piaster  sind  sehr  beliebt, 
gelten  fl.  2,6  Ind.  Cour,  und  werden  oft  mit  einem  Aufgeld  von  15  — 25  p.  c. 

eingewechselt.  Noch  hat  man  zinnerne  Scheidemünzen,  nach  Art  der  chinesischen 

Kupferpfennige  durchbohrt,  deren  60  einen  Gulden  gelten.  Die  Pächter  der  Spiel- 
banken haben  das  Recht  sie  zu  schlagen  und  müssen  sie  auch  einwechseln;  sie  sind 

nur  in  dem  Bezirke,  wo  sie  geprägt  wurden,  gangbar. 

Bei  der  Erwägung  der  unermefslichen  Schätze,  welche  Banka  enthält,  und  die 
seit  mehr  als  einem  Jahrhunderte  eine  reiche  Quelle  des  Wohlstandes  für  Eingeborne 
und  Ansiedler  abgeben  mufsten,  wird  man  sich  durch  das  unerfreuliche  Gemälde, 
welches  ich  soeben  von  dem  häuslichen  Wohlstände  der  Bevölkerung,  von  dem 
Handel  und  der  Kultur  des  Landes  aufstellte,  nicht  wenig  betroffen  fühlen.  Unwill- 
kürlich wird  sich  die  Frage  nach  der  Ursache  einer  so  allgemeinen  Dürftigkeit  auf- 
drängen, und  man  wird  diese  wohl  dem  Systeme  des  Monopols  zuschreiben,  wovon 
man  ohnehin  in  der  Staatswirtschaft  der  Kolonien  einen  so  ungünstigen  Eindruck  erhält. 
Die  Niederländisch-Indische  Regierung  hat  den  Alleinhandel  des  Zinnes  von  Banka, 
den  früher  der  Sultan  von  Palembang  und  nach  ihm  (1812)  die  Briten  getrieben,  seit  1816 
ebenfalls  beibehalten.  Die  Natur  und  der  Charakter  der  Eingebornen  und  der  Ansiedler, 
die  Lage  und  Beschaffenheit  der  Insel  und  das  eigene  Interesse  liefsen  die  Regierung 
diese  Mafsregel  ergreifen  und,  nach  einer  Reihe  von  Erfahrungen,  für  unabänderlich 
erklären.  Landbau  und  Viehzucht,  Gewerbe  und  Kunstfleifs  können  nicht  genug  Frei- 
heit und  Vorrechte  erhalten,  aber  Fischfang,  Jagd  und  Fällen  der  Holzbestände  müssen 
schon  von  Staats  wegen  Beschränkungen  erleiden,  sollen  sie  eine  fortwährende  Quelle  des 
Staatsreichtums  abgeben.  So  müssen  die  Schätze,  welche  die  Natur  im  Boden  eines  Landes 
niedergelegt  hat,  von  Staats  wegen  um  so  mehr  gesichert  werden,  je  offener  sie  zu 
Tage  liegen  und  je  leichter  sie  die  Beute  unzubefriedigender  Habsucht  werden  können. 
Dies  ist  der  Fall  mit  den  Zinngruben  auf  Banka,  und  wer  kann  die  Folgen  berechnen, 
wenn  man  einer  so  volkreichen  Ansiedlung  von  Glücksuchern  — den  ebenso  emsigen 
als  gewinnsüchtigen  Chinesen  — unter  begünstigenden  Vorrechten  einen  unbeschränkten 
Betrieb  des  Bergbaues  überliefse? 

Dafs  es  den  Wohlstand  der  Einwohner  begünstigen  würde,  Müntok  zum  Stapel- 
platz des  Zinnes  zu  machen  und  somit  den  Handel  zu  beleben,  davon  hat  sich  die 
Regierung  überzeugt  und  geeignete  Mafsregeln  getroffen.  Auch  sind  durch  de  la 
Fontaine  zweckmäfsige  Vorschläge  zur  Begünstigung  des  Fischfanges,  der  Waldkultur 
und  der  Landwirtschaft  gemacht  worden.  Eine  weitere  Ausdehnung  der  Reiskultur 
wurde  für  ungeeignet  erklärt  und  auf  die  des  Kaffees,  Pfeffers  und  Gambirs 
hingewiesen,  mit  welchem  Erfolge,  ist  mir  unbekannt. 

Geschichte,  Name.  Schon  im  ersten  Jahrhundert  der  Schiffahrt  der 
Europäer  nach  Ostindien  zog  Banka  die  Aufmerksamkeit  derselben  auf  sich,  jedoch 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


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nicht  durch  verlockende  Erzeugnisse  oder  Schätze,  denn  damals  war  es  nur  von  den 
Orang  gunong  bewohnt,  denen  der  Reichtum  an  Metall  ein  wertloses  Gestein  war, 
sondern  weil  man  zwischen  dieser  Insel  und  Sumatra  einen  Weg  nach  Malakka,  Siam, 
China  und  Japan  gefunden  hatte.  Das  Inselchen  Lucipara  und  der  Berg  Memombing 
waren  die  Wegweiser  für  portugiesische  und  holländische  Schiffe.  Jedoch  die  durch 
Klippen  und  Untiefen  an  sich  gefährliche  Strafse  wurde  es  damals  noch  mehr,  da  sie 
den  erbitterten  Nebenbuhlern  des  ostindischen  Handels  zum  Hinterhalt  diente,  um 
einander  aufzulauern. 

Linschoten  bezeichnet  auf  seiner  allgemeinen  Karte  von  Ostindien  Banka  mit 
dem  Namen  Chinabata,  in  seiner  Reisebeschreibung  nennt  er  es  Banka;  auch  Wter- 
wyck  nennt  es  Sinapate.  Der  Name  Banka  scheint  übrigens  schon  damals  allgemein 
angenommen  gewesen  zu  sein.  Im  Jahre  1668  nahm  die  V.  N.  O.  Kompagnie  die 
damals  von  einem  Sultan  beherrschten  Inseln  Banka  und  Bileton  unter  ihren  Schutz. 
Einige  Jahre  darauf  kamen  beide  an  den  Sultan  von  Palembang.  Seit  1710,  wo  das 
Zinn  entdeckt  wurde,  siedelten  sich  auf  Banka  Chinesen  an,  welche  der  Sultan  zuerst 
von  der  Insel  Siantin  (?)  aus  dem  Gebiete  von  Dschahor  berief,  und  von  dieser  Zeit 
an  spielte  Banka  eine  nicht  unbedeutende  Rolle.  1777  wufste  die  Kompagnie  sich 
den  Alleinhandel  des  Zinnes  durch  einen  Vertrag  mit  dem  Sultan  von  Palembang  zu 
verschaffen.  Der  damals  regierende  Sultan  war  durch  den  Beistand  der  Niederländer 
auf  den  Thron  gelangt;  ein  Nachfolger  aus  dieser  Linie  war  jedoch  undankbar  genug, 
18 11  auf  verräterische  Weise  den  niederländischen  Residenten  zu  Palembang  samt 
allen  Niederländern  im  Fort  ermorden  zu  lassen.  Die  Briten  rächten  den  Gräuel,  er- 
oberten Palembang  und  setzten  den  Bruder  des  Sultans  auf  den  Thron,  der  in  einem 
Vertrage  vom  20.  Mai  1812  mit  dem  Oberst  Gillespie  Banka  und  Billeton  an  die 
Briten  abtrat.  Es  erhielt  nun  den  Namen  Herzog  von  Yorks  Insel.  1816  wurde  es 
den  Niederländern  zurückgegeben. 

Einteilung,  Topographie.  Banka  ist  gegenwärtig  in  neun  Grubenbe- 
zirke geteilt:  1.  Müntok,  2.  Jebus,  3.  Blinju,  4.  Sunge'i  Liat,  5.  Marawang,  6.  Pankal 
Pinang,  7.  Toboaly,  8.  Kotta  Waringie  und  9.  Koba.  Bei  den  Eingebornen  und  der 
inländischen  Regierung  jedoch  gilt  noch  die  frühere,  unter  dem  Sultan  von  Palem- 
bang eingeführte  Einteilung  in  Depati  und  Batin  oder  in  Gebiete  von  kleinen  Fürsten 
und  Häuptlingen. 

Das  Städtchen  Müntok,  von  den  Briten  unrichtig  Minto,  Muntow  genannt,  ist 
der  Hauptort  der  Insel,  Sitz  des  Niederl.  Residenten  und  Hauptquartier  der  Besatzung. 
Es  liegt  auf  der  NW. -Spitze  der  Insel,  am  Fufse  des  Menombing,  und  lehnt  sich 
an  einen  Vorberg,  von  einem  kleinen  Bache  durchflossen  und  einem  Fort  beherrscht. 
Dieses  und  die  Wohnung  des  Residenten,  der  Beamten  und  Offiziere,  sowie  das 
Krankenhaus  liegen  sehr  anmutig  auf  einer  Hügelfläche,  die  Wohnung  des  Hafen- 
meisters und  die  Gouvernements-Magazine  sind  am  Strande,  wo  sich  auch  ein  Bazar 
(Markt)  und  mehrere  Kramläden  befinden.  Müntok  ist  von  Chinesen  und  Malaien 
bewohnt.  Die  ersteren  nähren  sich  von  Gewerben  und  Kleinhandel,  letztere  gröfsten- 
teils  von  Fischfang.  1823  zählte  die  Bevölkerung  2676  Köpfe,  darunter  549  Chi- 
nesen, 1961  Malaien  und  166  Sklaven.  Der  Handel  ist  hier  noch  am  lebhaftesten, 
beschränkt  sich  jedoch  auf  die  täglichen  Lebensmittel,  auf  Krämerwaren  und  Bedürfnisse 
für  den  Bergbau;  am  bedeutendsten  ist  der  Fischhandel.  Es  bestehen  hier  Schulen 
für  Malaien  und  Chinesen,  auch  haben  sich  einige  Priester  arabischer  Abkunft  nieder- 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


gelassen.  Das  unweit  Müntok  am  Tanjong  Kaliang  von  den  Briten  angelegte  Fort 
Nugent  wurde  seiner  ungesunden  Lage  wegen  verlassen;  auch  Müntok  hat  in  der  letztenZeit 
durch  verheerende  Epidemien  einen  üblen  Ruf  bekommen.  Das  Fort  Nugent,  eine 
geographische  Meile  westlich  von  Müntok  auf  der  Spitze  Kalian,  1822  von  den  Eng- 
ländern angelegt,  wurde  bereits  kurz  nach  seiner  Erbauung,  der  grofsen  Sterblichkeit 
wegen,  welche  unter  der  Besatzung  einrifs , verlassen.  Wie  man  mir  erzählte , soll 
diese  Sterblichkeit  nach  der  Fällung  des  umliegenden  Gehölzes  entstanden  sein.  Auch 
Müntok  ist  sehr  ungesund  und  war  einigemal  beinahe  ausgestorben.  Kurz  nach 
unserer  Abreise  raffte  eine  Epidemie  den  verdienstvollen  Colonel  de  la  Fontaine  mit 
Gemahlin  und  Kindern  dahin.  Seine  Wohnung,  geräumig  und  luftig,  auf  einer 
Anhöhe  von  200  Fufs  über  der  Meeresfläche  erbaut,  hielt  ich  doch  damals  für 
gesund,  und  die  schönen  Anlagen,  welche  sich  eine  Stunde  weit  längs  dem  Vorberge 
des  Menombing  hinzogen,  schienen  mir  sie  zu  einem  angenehmen  Aufenthaltsorte 
einer  so  würdigen  und  lieben  Familie  zu  machen.  — Auf  einem  Spaziergange  in  der 
Umgebung  von  Müntok  fiel  mir  die  Wärme  nicht  sehr  lästig,  und  auf  der  Rhede 

stand  das  Thermometer  auf  84°  Fahr.  — Nach  Müntok  ist  Banka  Kotta  im  Bezirke  von 

Koba  auf  der  Südwestküste  der  Insel  am  Flusse  gleichen  Namens  der  ansehnlichste 
Handelsort.  Die  zahlreiche  Bevölkerung  in  der  Umgegend  und  der  Flufs  Banka  Kotta, 
welcher  tief  ins  Innere  des  Landes  für  kleine  Fahrzeuge  schiffbar  ist,  begünstigen 
den  Verkehr.  Aufserdem  verdienen  noch  die  Hauptorte  der  Bezirke,  Sitze  der  Gruben- 
aufseher, bemerkt  zu  werden,  welche  dieselben  Namen  wie  die  Bezirke  führen.  Die 
Ortschaften  sowie  die  meisten  Wohnungen  der  Malaien  liegen,  der  häufigen  Streif- 
züge der  Seeräuber  wegen,  tief  landeinwärts.  Rund  um  Banka  liegen  eine  Menge 
Eilande,  deren  viele  nur  unbedeutende  Felsen  sind.  Bemerkenswert  sind  Pulo  Lepor 
(die  SO. -Spitze,  Entrance  point,  unter  30  2'  s.  B.  und  1060  54'  ö.  L.),  Dapur 
und  die  Gruppen  Mudong  und  Nanka.  Nach  Erasmus  Gower,  Befehlshaber  des 
Schiffes  Lion,  worauf  sich  Lord  Macartney  befand,  liegt  die  Rhede  der  südlichsten 
Insel  der  Nankagruppe  unter  20  22'  s.  B.  und  105°  40'  ö.  L.;  nach  Horsburgh 

liegen  die  Nankainseln  unter  20  25'  s.  B.  und  105 0 40'  ö.  L.  Man  kann  sich 

da  mit  Brennholz  versehen  und  gemächlich  gutes  Wasser  einnehmen;  auch  ist  Luci- 
para  (unter  30  13'  s.  B.  und  1060  10'  ö.  L.),  der  Leuchtturm  unserer  Seefahrer,  zu 
erwähnen. 


[6.  Juli.]  In  Gesellschaft  des  Herrn  Fritze  hatte  ich  am  Morgen  einen  Spazier- 
gang in  Müntoks  Umgebungen  gemacht.  Wir  standen  eben  im  Begriffe,  einen  Ritt 
längs  der  neuen  Strafse  nach  Rangang  zu  machen,  um  die  dortigen  Zinngruben  zu 
besuchen,  als  uns  um  10  Uhr  ein  Signalschufs  an  Bord  rief.  Die  Herren  de  la  Fon- 
taine, Stabsarzt  Fritze  und  mehrere  Offiziere  und  Beamten  begleiteten  uns  an  den 
Strand,  wo  man  eifrigst  Anstalten  traf  zum  Empfange  des  Viceadmirals  Melville 
Carnee,  der  mit  Sr.  M.  Fregatte  Euridice  am  vorigen  Abend  auf  der  Rhede  ange- 
kommen war.  Auf  dem  sonst  so  öden  Strande  herrschte  diesmal  rege  Thätigkeit. 
Von  der  Euridice  landeten  Schaluppen,  unsere  Boote  waren  mit  Einnehmen  von 
Wasser  und  Lebensmitteln  beschäftigt,  Malaien  durchwateten  die  Untiefe  mit  Sänften 
und  Lasten,  und  in  steifem  Gepränge  nahete  bald  der  Aufzug  des  Vizeadmirals, 
während  hier  das  Schiffsvolk  in  einzelnen  Gruppen  traulichen  Abschied  nahm  von 
Landsleuten,  deren  Bekanntschaft  es  kaum  erst  gemacht  hatte.  Diese  Scenen  ver- 


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Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


breiteten  ein  malerisches  Leben  über  den  Strand,  auf  dem  ich  mit  meinem  Freunde 
Fritze  einherwandelte.  Fs  waren  Augenblicke,  die  einen  tiefen  Eindruck  auf  mich 
machten,  mir  unvergefslich  blieben;  denn  hier  schlofs  ich  Freundschaft  mit  einem 
Manne,  dessen  biederen  Charakter  und  wissenschaftliche  Bildung  ganz  Niederländisch 
Indien  schätzt,  eine  Freundschaft,  die,  in  Glück  und  Unglück  erprobt,  bis  auf  den 
heutigen  Tag  fortbestand.  Fritze  war  es,  der  mich  bei  meiner  Zurückkunft  auf  Java 
(1830)  von  meinen  dortigen  Bekannten  zuerst  besuchte,  der  meine  durch  traurige 
Schicksale  zerrüttete  Gesundheit  pflegte  und  herstellte  und  meine  baldige  Rückkehr 
aus  Indien  durch  seinen  Einflufs  bethätigte.  — Mein  warmes  Andenken  sei  ihm  einst- 
weilen Dank! 

Ungern  verliefs  ich  so  bald  die  Insel,  welche  mir  einen  so  angenehmen  Aul- 
enthalt gewährte  und  so  viel  Merkwürdiges  darbot,  und  ich  würde  die  Beschleunigung 
meiner  Abreise  noch  heute  auf  das  tiefste  bedauern,  hätten  mich  nicht  die  Mit- 
teilungen wertvoller  Materialien  vom  Ministerium  der  Kolonien  und  vorzüglich  von 
Baron  van  der  Capellen  in  den  Stand  gesetzt,  meine  abgebrochenen  Beobachtungen 
zu  einem  geographisch-statistischen  Gemälde  dieser  Insel  auszuarbeiten. 

Wir  waren  nun  wieder  an  Bord,  wohin  uns  die  Willkür  des  Kapitäns  gerufen 
hatte,  und  verloren  müfsig  den  Tag  auf  der  Rhede,  den  wir  in  so  nützlicher  Weise 
bei  der  vorgehabten  Exkursion  hätten  verbringen  können. 

Seereisen  auf  einem  Kauffahrteischiffe  gleichen  den  Landreisen  auf  Dampf-  und 
Eilwägen.  Beide  Fuhrwerke  bezwecken,  viele  Passagiere  und  Güter  mit  möglichster 
Schnelligkeit  von  einem  Orte  zum  andern  zu  bringen,  und  die  meisten  Schiffer, 
welche  wir  erfahrene  Seeleute  nennen,  sind  auch  in  ihrer  Art  ähnlich  den  im 
Dienste  ergrauten  Postführern.  Beide  verstehen  ihren  Dienst,  und  ihre  vorzüglichsten 
Eigenschaften  bestehen  in  Pünktlichkeit  und  Ortskenntnis.  Inseln,  Vorgebirge,  Häfen 
sind  dem  einen,  was  dem  andern  Wegweiser,  Schlagbäume  und  Posthäuser.  Merk- 
würdigkeiten werden  von  beiden  als  alltägliche  Erscheinungen  nicht  mehr  bemerkt. 
— Genug,  um  sich  in  die  Lage  eines  Reisenden  zu  denken,  der  unter  solchen  Ver- 
hältnissen sich  einen  wissenschaftlichen  Wirkungskreis  zu  eröffnen  sucht! 

Bei  der  alten  V.  N.  O.  Kompagnie  hatte  man  besondere  Instruktionen  — Weg- 
weiser für  die  Fahrt  in  den  indischen  Gewässern  — , welche  den  Schiffsoberhäuptern 
als  strenge  Richtschnur  mitgegeben  wurden.  Über  die  Fahrt  nach  Japan  sind  noch 
dergleichen  im  Comptoir  auf  Dezima  vorhanden.  Sie  sind  gut  abgefafst  und  ent- 
halten einzelne  nützliche  Mitteilungen.  In  neuerer  Zeit  haben  sich  in  dieser  Beziehung 
vor  allen  Kapt.  Voorman  und  Oberst  Bezemer,  welcher  im  Jahre  1826  Japan  be- 
suchte, sehr  verdient  gemacht.  Mit  ihren  Anweisungen  vereinigte  Verkerk  Pistorius, 
dessen  freundschaftlicher  Beistand  bei  meinen  mathematischen  Arbeiten  über  Japan 
bereits  an  einem  andern  Orte  erwähnt  wurde,  seine  eigenen  Beobachtungen  auf  einer 
siebenmaligen  Reise,  und  ich  hoffe,  durch  die  Mitteilung  einer  gründlichen  Anweisung  zur 
Fahrt  nach  Japan,  von  einem  so  erfahrenen  Seemanne  bearbeitet,  einen  wuchtigen 
Beitrag  für  die  Schiffahrt  zu  liefern. 

[7.  Juli.]  Wir  verlassen  morgens  die  Rhede.  Zur  Vermeidung  der  Klippe 
Friederik  Henderik  segeln  wir  auf  6 — 7 Faden  längs  der  Küste  von  Banka  an  der 
Spitze  Kalian  vorbei. 

[8.  Juli]  segeln  wir  zwischen  Pulo  Tuju  (d.  i.  die  sieben  Inseln)  und  Pulo  Taija 
hindurch. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


[9.  Juli.]  Mit  Tagesanbruch  bekommen  wir  in  einem  Abstande  von  25  Seemeilen 
die  Bergspitzen  von  Pulo  Lingga  zu  Gesicht  und  passieren  abends  unter  105°  24'  ö.  L. 
die  Linie.  Der  im  S.  von  Lingga  befindliche  Berg  zeichnet  sich  durch  seinen  jäh 
emporsteigenden  Gipfel  aus,  der  sich  in  zwei  Spitzen  teilt,  die  von  ferne  wie  Pyra- 
miden aussehen.  Auf  englischen  Seekarten  heifst  er  Asses  Ears  Peak.  Die  Insel 
Lingga  ist  in  ethnographischer  Hinsicht  äufserst  merkwürdig,  da  ihre  früheste  Be- 
völkerung, von  dem  ursprünglich  auf  Sumatra  einheimischen  malaischen  Volksstamme 
ausgegangen,  Typus,  Sprache,  Sitten  und  Gebräuche  dieser  später  über  den  ganzen 
indischen  Archipel  verbreiteten  Rasse  bis  auf  den  heutigen  Tag  am  reinsten  bewahrt 
hat.  Die  vielen  kleinen  Inseln  bei  Lingga  und  Bintan  dienen  Seeräubern  als  Hinter- 
halt. Schwachbemannte  Segel  mögen  auf  dieser  Höhe  auf  ihrer  Hut  sein. 

[10.  Juli.]  Heute  segelten  wir  an  der  Doggersbank  vorbei  und  befanden  uns 
mittags  unter  o°  45'  n.  B.  und  105°  38'  ö.  L.  Eingetretene  Stille  hemmt  unsern  Lauf. 

So  unangenehm  und  langweilig  dem  Seemann  Stillen  sind,  da  er,  der  Unthätig- 
keit  abhold,  sich  nur  nach  räumendem  Winde  sehnt,  so  willkommen  und  günstig  sind 
sie  dem  Beobachter  der  Natur.  Mannigfaltige  Gegenstände,  die  früher  der  Lauf  der 
Wellen  verschlang,  erscheinen  nun  auf  der  Fläche  der  See  und  beschäftigen  seine 
Aufmerksamkeit.  So  sieht  er  mächtige  Fischzüge  die  See  durchziehen,  verfolgt  von 
Scharen  gefräfsiger  Möven,  Seeschwaiben,  Sturmvögel  und  Alcatraces.  Dort  wogen 
in  m eilen  weiter  Entfernung  Cetaceen  und  unterbrechen  durch  aufsprudelnde  Wasser- 
strahlen den  bei  der  Ruhe  der  Wellen  gleichsam  erweiterten  Horizont;  hier  treiben 
auf  dem  Wasserspiegel  Quallen,  Holothurien  und  farbenreiche  Mollusken.  Am 
Ruder  des  Schiffes  lauert  der  Hai,  und  ihm  zur  Seite  zeigt  sich  sein  Lootse. 
Raubgierige  Doraden  jagen  den  über  die  Oberfläche  der  See  flüchtenden  fliegenden 
Fischen  nach;  die  augurischen  Tropikvögel  schwirren  um  die  Masten,  und  die  schnell- 
flieeende  Fregatte  verliert  sich  in  die  endlose  Ferne.  Diese  Naturscenen  wechseln 
mit  jedem  Tage,  verschieden  nach  Jahreszeit  und  Himmelsstrich.  In  majestätischer 
Stille  geht  am  scharfbegrenzten  Gesichtskreise  die  Sonne  auf  und  nieder  und  rötet 
das  Gewölke,  welches,  oft  die  einzige  Erscheinung  zwischen  Himmel  und  Wasser, 
stundenlang  das  Auge  beschäftigt  und  mit  alpenartigen  Gebilden  die  Einbildung  täuscht. 

[11.  Juli.]  Es  herrscht  Windstille,  kein  erfrischend  Lüftchen  weht.  Die  See  er- 
scheint spiegelglatt,  und  doch  ist  sie  nicht  ruhig;  sie  wogt  nur  langsamer,  in  gröfseren 
Flächen,  die,  vom  Bord  aus  betrachtet,  zu  einer  Ebene  zusammenfhefsen,  während  das 
Schiff  selbst  in  abgemessenen  Zwischenräumen  schwerfällig  schwankt. 

[12.  Juli.]  Anhaltende  Windstille.  Vortreffliche  Witterung.  Die  Hitze  lästiger; 
das  Thermometer  zeigt  im  Schatten  84° — 86°  Fahrh.,  das  Barometer,  seit  der  Fahrt 
in  der  Strafse  Banka  ohne  bemerkenswerte  Veränderung,  steht  durchgehends  auf 
29"  9"'.  — Die  frischen,  heiteren  Morgen  und  die  kühlen  Abende  entschädigen  uns 
für  die  schwülen  Mittagsstunden,  und  nachts  sich  einstellende  Brisen  fördern  etwas 
den  Lauf  des  Schiffes. 

Während  der  Windstille  hatte  ich  Gelegenheit,  Seeschlangen,  welche  auf  dieser 
Höhe  häufig  Vorkommen,  zu  beobachten  und  einiger  derselben  habhaft  zu  werden. 
Oft  lagen  sie  unbeweglich  auf  dem  Spiegel  der  See,  streckten  dann  den  Kopf  empor, 
bewegten  den  Schwanz,  schwammen  einige  Sekunden  in  wellenförmiger  Bewegung 
auf  der  Oberfläche  hin,  verschwanden  in  die  Liefe  und  kamen  an  einer  andern  Stelle 
wieder  zum  Vorschein.  Gewöhnlich  schwimmen  sie  nicht  schnell,  Die  hier  unter 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


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i°  29'  n.  B.  und  1050  31'  ö.  L.  sehr  häufig  vorkommende  Seeschlange  ist  Hydro- 
phis  Pelamys,  die  eine  Gröfse  von  i1/2  bis  2 Fufs  erreicht.  Vom  Boote  aus  gelang 
es  mir,  eine  derselben  mit  einem  Netze  aus  dem  Wasser  zu  heben,  und  an  Bord  der 
Onderneming  wurde  eine  schöne,  gelbgefleckte  Varietät  derselben  mit  einem  Schöpf- 
eimer gefangen.  Diese  Varietät  ist  hier  äufserst  selten.  Unter  den  vielen  Pelamys, 
welche  ich  deutlich  vom  Schiffe  aus  unterscheiden  konnte,  bemerkte  ich  blofs  eine 
einzige  derartige.  An  der  Westküste  von  Borneo  soll  sie  häufiger  Vorkommen,  und  an  Bord 
unseres  Schiffes  war  eine  ganz  ähnliche  Art  in  Arak  bewahrt,  die  man  kurz  vorher 
auf  der  Rhede  von  Pontiana  gefangen  hatte.  Die  Pelamys  gehört  zu  den  Giftschlangen. 
Ihrem  Elemente  entrissen,  im  Boote  oder  auf  dem  Decke,  waren  die  Gefangenen  un- 
behülflich  und  liefsen  sich  von  den  Matrosen  mit  Händen  greifen,  ohne  sie  zu  ver- 
letzen. — Fischzüge  (eine  grofse  Art  Scomber),  Seeschwalben  und  Doraden  beschäf- 
tigten unsere  Aufmerksamkeit. 

[13.  Juli.]  Mittags  unter  2°  48'  11.  B.  und  1040  50'  ö.  L.  Gegen  Abend  be- 
kamen wir  in  NO.  die  südliche  von  den  Anambasgruppen  (South  Anambas)  und  in 
N.  die  Sattelinsel  (Saddle  island)  zu  Gesicht,  am  folgenden  Morgen  Pulo  Domar, 
die  mittlere  und  die  nördliche  Anambasgruppe  (Middle-,  North-Anambas)  und  die 
Inseln  Pulo  Aor,  Pisang  und  Timoan.  — Das  hohe  Land  der  drei  letzteren  ist  auf 
7 — 8 geogr.  Meilen  sichtbar.  Aor  und  Pisang  sind  leicht  zu  erkennen,  ersteres  an 
zwei  spitzen,  letzteres  an  zwei  stumpfen  Berggipfeln,  und  das  ausgedehnte  Gestade 
des  nordwestlich  liegenden  Timoan  kennzeichnet  sie  noch  deutlicher. 

Flauer  SW. -Wind  wechselt  mit  leichten  Brisen  und  Gewitterschauern.  Der  Wind 
wird  allmählich  ständig  und  frischer.  Wir  steuern  NNO.  und  NO.,  um  Pulo  Condore 
zu  Gesicht  zu  bekommen,  und  machen  6 Seemeilen  die  Stunde. 

[17.  Juli.]  Unter  6°  46'  n.  B.,  105°  23'  ö.  L.  Es  zeigt  sich  eine  grofse 
Schildkröte,  Chelonia  viridis.  — Später  beobachtete  ich  diese  Chelonia  unter  290 
n.  B.,  und  von  japanischen  Fischern  wird  sie  zuweilen  an  den  Küsten  von  Kiushiu 
bis  zum  330  n.  B.  gefangen. 

[18.  Juli.]  Am  Morgen  erblicken  wir  endlich  Pulo  Condore  im  nordwestlichen 
Gesichtskreise,  in  einer  Entfernung  von  24  Seemeilen,  und  begegnen  einem  chinesischen 
Fahrzeug.  Diese  Fahrzeuge,  bekannt  unter  dem  Namen  Dschonken  (eigentlich 
heifsen  sie  yang-tschuan , was  im  südchinesischen  Dialekt  wie  yong-schon,  auch 
shong-schon  lautet  und  Seeschiff  bedeutet),  sind  plump  und  roh  gezimmert  und 
kommen  an  Gröfse  unsern  Kauffahrern  von  250  — 300  Lasten  nahe.  Galerie  und 
Spiegel  sind  sehr  hoch,  und  da  sie,  bei  flachem  Kiele,  keinen  bedeutenden  Tief- 
gang haben,  scheinen  sie  selbst  gröfser  als  unsere  Kauffahrer,  wiewohl  sie  kaum  die 
Hälfte  der  Ladung  fiissen.  Aufser  dem  geräumigen  Verdecke,  einer  Art  Galerie  und 
der  Kajüte,  welche  zugleich  als  Tempel  dient,  bieten  sie  für  Reisende  wenig  Gemäch- 
lichkeit, zumal  oft  an  drei-  bis  achthundert  chinesische  Glücksucher  darauf  von  ihrem 
Vaterlande  nach  Java  hinübergebracht  werden.  Sie  sind  schlecht  unterhalten,  und  es 
herrscht  grofse  Unreinlichkeit  auf  ihnen.  Sie  führen  zwei  schwere,  dicke  Masten,  die 
aus  mehreren  Stücken  mittelst  eiserner  Ringe  zusammengesetzt  sind.  Eben  so  plump 
sind  die  Segel  von  Bambusmatten.  Die  Kabeltaue  sind  von  Rohtang,  die  dünneren 
aus  dem  netzförmigen  Gewebe  der  Blattstiele  der  Besenpalme  (Chamaerops  excelsa) 
und  die  Anker  von  Holz.  Diese  chinesischen  Handelsschiffe  führen,  gleich  den  unsern, 
ihre  eigenen  Namen  und  sind  mit  einer  Equipage  von  90 — 100  Köpfen  bemannt. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Auf  weiteren  Reisen  dienen  ihnen  Portugiesen  von  Macao  als  Steuerleute;  sonst  haben 
sie  ihre  eigenen,  die  den  Kurs  des  Schiffes  blofs  mit  dem  Kompas  und  nach  den  ihnen  be- 
kannten Küsten  und  Inseln  bestimmen.  Man  hört  häufig  von  Verunglückung  der  Dschonken 
in  den  indischen  Gewässern,  und  da  sie  das  einmal  beigesetzte  grofse  Segel  nicht  leicht  ein- 
nehmen und  nur  langsam  vermindern  können,  schlagen  sie  bei  Fallwinden  leicht  um. 

Pulo  Condore  ist  eigentlich  eine  Gruppe  von  kleinen  Inseln,  deren  gröfste  etwa 
2 geogr.  Meilen  lang  und  H/2  breit  ist.  Ein  1800  Fufs  hoher  Pik  macht  sie  leicht 
kenntlich  und  läfst  ihre  geographische  Lage  mit  keiner  andern  Insel  verwechseln.  Sie 
liegt  nach  Horsbourgh  unter  8°  40'  n.  B.  und  1060  42'  ö.  L.  — Wir  steuern  nun 
westlich  nach  Pulo  Sapatu,  welches  wir  am 

[19.  Juli]  mit  Tagesanbruch  entdeckten.  Diesen  malaischen  Namen  erhielt  die 
Insel  von  der  Ähnlichkeit  ihres  von  ferne  gesehenen  Landes  mit  einem  chinesischen 
Schuhe.  Sie  liegt  nach  Horsbourgh  unter  io°  o'  n.  B.  und  109°  2'  30"  ö.  L. 

Wir  trafen  hier  eine  Menge  Seevögel,  worunter  ein  Albatros,  und  zwar  von  der 
Art,  welche  als  die  chinesische  beschrieben  wird  (Diomedea  fuliginosa,  Lath.).  Er  war 
von  der  Gröfse  einer  Gans.  — Über  die  Arten  und  Varietäten  dieser  Riesen  unter 
den  Seevögeln,  welche  uns  bereits  die  Seefahrer  des  sechzehnten  Jahrhunderts  unter 
dem  spanischen  Namen  Alcatraz  beschrieben,  ist  man  noch  nicht  einig.  Auf 
meinen  Seereisen,  wo  ich  diese  merkwürdigen  Seevögel  unter  verschiedenen  Himmels- 
strichen beobachtete  und  mehrere  derselben  schofs  und  untersuchte,  wurden  mir  die 
folgenden  bekannt. 

Die  Diomedea  chlororyncos,  Lath.,  die  gemeinste  von  allen.  Ich  traf  sie  in 
Menge  im  Atlantischen  Ozean  unter  28°  n.  B.  und  io°  w.  L.  von  Greenw.,  und  in 
der  Südsee  unter  40°  n.  B.  bis  zu  den  Inseln  St.  Paul  und  Amsterdam,  auf  welcher 
Höhe  sie  in  Gesellschaft  mit  der  Diomedea  melanophrys,  Temrn.,  vorkam.  Letztere 
steht  der  D.  chlororyncos  sehr  nahe,  unterscheidet  sich  übrigens  von  ihr  durch  einen 
schwarzen  Streifen  über  dem  Auge.  Auf  der  erwähnten  Insel  wurde  sie  von  Boie 
und  Maklot  erlegt. 

Seltener  scheint  in  neuerer  Zeit  die  Diomedea  exulans,  Lath.,  zu  werden.  Dieser 
Riesen- Alcatraz,  den  die  Seeleute,  seiner  auffallenden  Gröfse  und  seines  Erscheinens 
am  Kap  wegen,  den  kapischen  Hammel  (Mouton  du  Cap)  nennen,  erschien  uns  am 
Kap  und  folgte  uns  bis  auf  einige  Grade  östlich  von  den  Inseln  St.  Paul  und  Amster- 
dam. Er  unterscheidet  sich  schon  im  Fluge  durch  seine  Gröfse,  seinen  weifsen 
Schnabel  und  seine  weifsen  Füfse  von  den  übrigen  Arten.  Seine  Farbe  wechselt  und 
scheint  nach  Geschlecht  und  Alter  verschieden  zu  sein.  Ich  bemerkte  zwei  Varietäten. 
Von  der  einen  erlegte  ich  einen,  der  mit  ausgebreiteten  Flügeln  10  Pariser  Fufs  mafs. 
Die  erste  Abart,  die  eigentliche  D.  exulans,  zeichnet  sich  durch  ihr  weifses  Gefieder 
aus;  nur  die  Weibchen  sind  auf  dem  Rücken  graubraun.  Die  andere  Abart,  welche 
allem  Anscheine  nach  die  Diomedea  spadicea,  Lath.,  ist,  kommt  an  Gröfse  der 
D.  exulans  gleich.  Ihr  blendend  weifser  Kopf  und  weifser  Schnabel  bei  schwärzlich 
braunem  Rücken,  schmutzig  grauem  Bauche  und  aufsen  schwärzlichen,  innen  weifs- 
lichen  Flügeln  lassen  sie  nicht  verkennen;  möglich,  dafs  es  eine  eigene  Art  ist. 

Die  Diomodea  fuliginosa,  Lath.,  beobachtete  ich  einigemal  in  der  chinesischen, 
selten  in  der  Südsee.  In  Japan  erhielt  ich  ein  auf  der  Küste  von  Satsuma  geschossenes 
Individuum  dieser  Art.  Bei  mäfsiger  Gröfse  ist  sie  durch  den  schwarzen  Schnabel  und 
die  schwarzen  Füfse  vom  Schiff  aus  leicht  kenntlich. 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


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Als  eine  sehr  merkwürdige  Varietät  der  D.  brachyura  erkannte  Temminck 
einen  Alcatraz,  dessen  ich  im  Jahre  1826,  während  meiner  Reise  nach  Jedo,  an  der 
Ostküste  Nippons  habhaft  wurde.  Temminck  hält  ihn  für  ein  sehr  altes  Individuum 
der  D.  brachyura. 

Der  Alcatraz  folgt  oft  Wochen  lang  einem  Schiffe , verläfst  es  auf  einige  Tage 
und  sucht  es  wieder  auf.  Einen  weifsköpfigen  Alcatraz,  dem  ich  einmal  eine  Schwung- 
feder durchschossen  hatte,  die  dann  herabhängend  ihn  von  den  übrigen  unterschied, 
sahen  wir  in  der  Südsee  mehrere  Wochen  lang  uns  folgen.  Der  Hunger  treibt  diese 
gefräfsigen  Vögel  dazu.  Aufser  einigen  kleinen  Sepien  fand  ich  meistenteils  Schiffs- 
abfälle in  ihrem  Magen.  Das  Vorkommen  von  Weichtieren  in  demselben  ist  jedoch 
kein  Beweis,  dafs  sie  keine  Fische  fressen;  auf  dem  grofsen  Ozean  kommen  sie  eben 
nicht  oft  dazu,  diese  zu  erbeuten. 

[20.  Juli.]  Mittags  unter  ii°  59'  n.  B.  und  1120  ö.  L.  Der  Wind  bleibt 
ständig  — - wir  haben  den  SW. -Passat.  Ganz  nahe  bei  unserem  Schiffe  ein  grofses 
Seetier;  es  folgt  uns  eine  Zeit  lang,  ist  an  20  Fuls  lang,  dunkelgrau  und,  der  grofsen 
Rückenfinne  nach  zu  urteilen,  ein  Nordkaper.  Man  kann  die  Fuftlöcher  — zwei 
länglichrunde  Öffnungen  auf  dem  Kopfe  — deutlich  erkennen.  Es  schöpft  in  Zwischen- 
räumen unter  starkem  Brausen  Luft;  die  ausgespritzten  Wasserstrahlen  sind  jedoch 
unbedeutend. 

[21.  Juli.]  Heute  besucht  uns  eine  Hausschwalbe,  und  auf  dem  grofsen  Maste 
wird  eine  Art  Sula  gefangen. 

[22.  Juli.]  Es  läuft  eine  sehr  hohe  See  — ein  Zeichen,  dafs  wir  auf  der  Maccles- 
field-Bank  sind;  unsere  Mittagsbeobachtungen  bestätigen  es  ( 1 6°  18'  n.  B.,  1130 
17'  ö.  L.).  D ie  Entdeckung  dieser  Bank  schreibt  sich  das  englische  Schiff  Macclesfield 
im  Jahre  1701  zu.  Aber  bereits  früher  war  sie  den  Holländern  unter  dem  Namen 
de  Rooyaart  (rote  Erde)  bekannt,  ein  nicht  unpassender  Name,  da  der  Korallenfels, 
welcher  sie  bildet,  von  schöner,  rosenroter  Farbe  ist.  Nach  Horsbourgh  breitet  sich 
diese  Bank  von  150  17'  bis  160  21'  n.  B.  und  etwa  70  Seemeilen  von  O.  nach  W. 
aus.  Gröfstenteils  steht  25  — 50  — 80  Faden  Wasser,  und  nur  an  einigen  Stellen  ist 
sie,  doch  nicht  unter  8 Faden,  untief.  Als  Korallengrund  wird  sie  mit  der  Zeit  noch 
gefährlich  werden. 

[24.  Juli.]  Aus  Besorgnis,  auf  die  Praters-Klippe  zu  laufen,  hatte  man  bereits 
gestern  abend  die  Segel  gemindert.  Mit  Tagesanbruch  erschreckte  uns  nicht  wenig 
der  Ruf:  Brandung  in  NNW.!  — wir  waren  kaum  noch  einige  Seemeilen  von  dieser 
gefährlichen  Klippe  entfernt.  Ein  Kanonenschufs  warnte  die  Onderneming,  welche 
vorausgesegelt;  wir  hielten  NO.  an  und  kamen  glücklich  vorbei.  Vom  Decke  aus 
konnte  man  eine  grofse  Strecke  dieses  Korallenriffs  übersehen.  Kapt.  Rofs,  welcher 
dasselbe  besuchte,  hat  die  NO. -Spitze  auf  20°  47'  n.  B.  und  1160  53'  45"  ö.  L.  und 
die  NW. -Spitze  auf  20°  45'  n.  B.  und  1160  42'  15'  ö.  L.  und  seinen  Ankerplatz 
auf  der  W. -Seite  auf  20°  43'  n.  B.  und  1160  41'  45"  ö.  L.  bestimmt. 

[25.  Juli.]  Seit  einigen  Tagen  ist  der  Gesichtskreis  mit  Nebel  bedeckt,  und  es 
erheben  sich  starke  Stofswinde. 

Von  Juni  bis  August  herrschen  in  der  chinesischen  See,  in  der  Strafse  von  For- 
mosa und  im  Japanischen  Golf  steife  SW. -Winde  und  schwere,  im  W.  und  SW.  auf- 
kommende Gewitter  mit  Platzregen.  Sie  wachsen  oft  zu  fürchterlichen  Orkanen  an, 
welche  uns  unter  dem  Namen  Typhon  bekannt  sind.  Es  sind  die  Täi  füng,  d.  h. 


3o 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


grofse  Winde  — Stürme,  nach  dem  Ausdrucke  der  chinesischen  Seeleute,  wie  bereits 
Linschoten  erwähnt. 

Am  Mittag  unter  220  41'  n.  B.  Wir  halten  auf  die  Küste  von  China  an,  um 
Land  zu  entdecken  und  unsere  Lage  zu  berichtigen.  Gegen  Abend  sahen  wir  hohes 
Land.  Man  befürchtete  Sturm,  und  das  Fallen  des  Barometers  auf  29"  2'"  bestärkte 
unsere  Mutmafsung.  Es  wurden  die  nötigen  Vorkehrungen  getroffen,  und  um  der 
Küste  von  China  nicht  zu  nahe  zu  kommen,  östlich  gesteuert.  Wir  führen  die  Nacht 
über  kleine  Segel;  den  Kurs  N.,  NO.,  O.  zu  N.;  loten  24  — 25  Faden  und  bekommen 
um  Mitternacht  die  Langgosa-Inseln  in  N.  1/ 2 W.  zu  Gesicht,  in  einer  Entfernung  von 
13  Seemeilen.  Das  Inselpaar  Langgosa  erstreckt  sich  von  SO.  nach  NW.;  die  süd- 
östliche Insel  ist  die  gröfsere,  die  nordwestliche  ein  kleiner,  runder  Hügel.  Beide 
liegen  etwa  12  Seemeilen  von  der  chinesischen  Küste,  die  gröfsere  unter  230  31'  n.  B. 
und  1 1 70  44'  ö.  L.  In  einem  Abstande  von  10  Meilen  findet  man  gewöhnlich  auf 
22  Faden  groben,  weifsen  Sandgrund  mit  Bruchstückchen  gelblicher  und  weifser  Muscheln. 

[26.  Juli.]  Gegen  Morgen  nehmen  wir  den  Kurs  NW.,  um  Land  zu  entdecken, 
sehen  chinesische  Fahrzeuge  und  gegen  Abend  Land  — die  Küste  von  China.  Passieren 
die  Onosainseln  — zwei  niedrige  Eilande. 

[27.  Juli.]  Mit  Tagesanbruch  hohes  Land  in  SO.  zu  O.  in  einer  Entfernung 
von  24  Seemeilen.  Es  ist  die  NW. -Spitze  von  Formosa.  — Traurige  Gefühle  er- 
griffen uns  beim  Anblicke  der  Gestade  dieser  Insel,  deren  Naturschönheit  und  angenehme 
Lage  den  Namen  Illia  fermosa  rechtfertigen,  den  sie  von  ihren  Entdeckern  erhielt. 
Welche  Fruchtbarkeit  verrät  die  vulkanische  Formation  der  mit  üppigen  Waldungen 
bedeckten  Hügel  und  Berge!  Welch  vorteilhafte  Umrisse  zeigt  uns  das  Gemälde 
ihrer  Bewohner  und  Erzeugnisse  aus  dem  ersten  Jahrhundert  der  Entdeckung!  Und 
eine  solche  Besitzung,  eben  so  schön  als  wichtig,  ging  für  uns  verloren,  um  einem 
chinesischen  Piraten  zur  letzten  Freistatt  zu  dienen!  Beklagenswert  ist  das  damalige 

o o 

Zusammentreffen  von  Mifsgriffen,  Arglist  und  Ränken,  und  unverantwortlich  der  Verlust. 
Nicht  unpassend  hat  unter  dem  Titel  Verwaerloosde  Formosa  ein  niederländischer 
Schriftsteller  die  Geschichte  davon  überliefert. 

Die  Nachrichten  ausgenommen,  welche  uns  früher  die  Niederländer,  sodann  die 
französischen  Missionäre,  welche  1714  diese  Insel  bereisten,  Malte  Brün  nach  nieder- 
ländischen und  J.  Klaproth  nach  chinesischen  Quellen  mitgeteilt  haben,  wissen  wir 
wenig  von  dieser  Insel.  Unbesucht  liegt  ein  Feld,  das  für  Naturwissenschaften,  für 
Länder-  und  Völkerkunde  nicht  unwichtige  Beiträge  liefern  könnte!  — Einen  kurzen, 
geschichtlichen  Blick  auf  diese  Insel,  insbesondere  auf  ihre  Eroberung  durch  den 
Chinesen  Koksenjah,  geben  wir  im  Anhang. 

[28.  Juli.]  Morgens  bekamen  wir  die  Nordspitze  von  Formosa  zu  Gesicht;  doch 
bei  dem  schnellen  Laufe  unseres  Schiffes  verschwanden  die  hohen  Gestade  dieser  Insel 
bald  wieder  hinter  dem  umwölkten  Gesichtskreis.  Fischzüge,  Sturmvögel,  Alcatraze 
und  Wasserschlangen  beschäftigten  den  Tag  über  unsere  Aufmerksamkeit;  wir  sahen 
häufig  Schmetterlinge  vorbeifliegen,  um  so  auffallender,  da  wir  wenigstens  zwölf 
geographische  Meilen  vom  Lande  entfernt  waren.  — Weit  zahlreicher,  doch  nicht  so 
unterhaltend  war  die  Fauna,  die  wir  selbst  an  Bord  hatten.  Unser  Schiff,  das  sich 
einige  Jahre  in  Ostindien  herumgetrieben,  hatte  sie,  bei  den  vielfältigen  Ladungen, 
besonders  mit  dem  Brennholze  und  Zucker,  als  unangenehme  Zugabe  mit  aufgenommen. 
Nicht  selten  besuchten  Skorpione,  Tausendfüfser  und  anderes  dergleichen  Ungeziefer 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


3 1 

unsere  Schlafstätten,  und  zu  einer  wahren  Plage  waren  uns  die  Schaben  (Blatta 
orientalis),  von  denen  das  Schih'  zu  tausenden  wimmelte.  Ihr  ekelhafter  Geruch,  der 
sich  allen  von  ihnen  berührten  Gegenständen  mitteilt,  macht  diese  Gäste  ganz  uner- 
träglich. Durch  nichts  liefsen  sie  sich  vertreiben,  und  selbst  das  stärkste  Cajeputöl 
blieb  wirkungslos.  Das  einzige  Mittel  zu  ihrer  Verminderung  fand  man  noch  darin,  sie 
in  Porzellangefäfsen  zu  fangen,  die  man  zur  Hälfte  mit  Wasser  gefüllt  und  am  Rande 
mit  in  Rotwein  aufgelöstem  Zucker  bestrichen  hatte.  Überall  waren  dergleichen 
Fallen  aufgestellt ! 

[29.  Juli.]  Es  gelingt  dem  Steuermann  mit  einer  Harpune  eine  über  vier  Fufs 
lange  Wasserschlange  zu  durchbohren  — ein  merkwürdiger  Zufall.  Bereits  seit  einigen 
Tagen  hatten  wir  diese  grofse  Art  Wasserschlangen  bemerkt.  Die  erlegte  war  eine 
Hydrophis  striata.  Aufser  dieser  Art  und  der  oben  erwähnten  Pelamys  kommt  in 
der  Chinesischen  See  noch  die  Hydrophis  colubrina  (Platurus  fasciatus)  vor,  am 
häufigsten  an  den  Küsten  der  Liukiuinseln,  wo  man  sie  Fingt  und  getrocknet  als 
ein  berühmtes  Arzneimittel  nach  China  und  Japan  versendet. 

Mittags  unter  28°  6‘  n.  B.  und  1240  5'  ö.  L.  — Ein  schwüler  Abend.  Die 
Luft  ist  feucht  bei  heiterm  Himmel,  und  über  der  See  ein  Geruch,  wie  er  sich  beim 
Trocknen  der  Wäsche  verbreitet.  Das  Thermometer  auf  84°  Fahrh.;  das  Barometer 
ohne  V eränderung. 

[30.  Juli.]  Es  geht  ein  starker  Strom,  der  uns,  wie  aus  den  Mittagsbeobach- 
tungen hervorging,  in  24  Stunden  um  34'  nach  Norden  und  i°  36'  nach  Osten  vor- 
ausgesetzt hatte.  Wir  befinden  uns  mittags  unter  28°  30'  n.  B.  und  1240  48'  ö.  L. 
— - Das  Barometer  fällt  auf  29"  2'";  der  Wind  weht  frisch  aus  OSO.  — Wir  be- 
fürchten Sturm. 

[1.  August.]  Heftige  Windstöfse  aus  OSO.  Gegen  Abend  steife  Kühle;  es 
läuft  eine  hohe  See;  die  Wellen  werden  immer  kürzer  und  bilden  rund  um  das 
Schiff  gleichsam  eine  Brandung,  die  ein  lästiges  Stampfen  verursacht.  Wind  und 
Strom  sind  sich  entgegen ; daher  diese  Erscheinung.  — Diese  gefährliche  See  bleibt 
stehen  bis  zum 

[4.  August],  wo  wir  am  Abend  in  Nordost  Land  entdeckten,  welches  wir  für 
die  sogenannten  Meaximainseln  hielten. 

Bereits  Jan  Huygen  van  Linschoten,  der  verdienstvolle  Seefahrer  des  16.  Jahr- 
hunderts, beschrieb  uns  diese  unter  dem  Namen  Meaxuma  und  Puloma.  Er  bestimmte 
die  Lage  auf  ungefähr  10 — 12  Meilen  SSW.  von  den  Gotöinseln,  auf  310  40'  n.  B., 
und  giebt  davon  folgende  Beschreibung: 

«Een  hoogh  steyl  afghebiekt  land:  maer  niet  te  groot,  hebbende  opt  opperste 
van  dien  twee  mammen,  ende  alsmen  daer  by  ghenaeckt,  soo  salmen  terstont  een 
ander  lanckwerpender  lant  sien,  wesende  vlack  ende  effen  boven  op,  hebbende  van 
tusschen  beyde  twee  groote  met  veel  cleyne  clippen  by  een  ligghen,  in  Fitsoen  als 
Orghelen». 

Vergleicht  man  damit  die  Ansicht,  welche  ich  selbst  davon  aufgenommen  habe, 
so  lassen  sich  die  bezeichneten  Inseln  nicht  verkennen.  Die  beiden  erwähnten  orgel- 
förmigen  Felsen  veranlafsten  später  englische  Seefahrer,  der  Gruppe  den  Namen  Asses 
Ears  (Eselsohren)  beizulegen,  unter  welcher  Benennung  sie  auch  auf  Arrowsmiths 
Karte  aufgenommen  wuirde.  Bei  den  Niederländern  behielt  sie  den  Namen  Meaxuma, 
häufiger  Maxima,  und  wurde  unter  verschiedenen  Breitenbestimmungen  in  den  Karten 


32 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


der  alten  V.  N.  O.  Kompagnie  aufgeführt,  meistenteils  zwischen  31°  48'  bis  310  57' 
n.  B.  — Kapitän  G.  Herklots,  welcher  im  Jahre  1806  mit  dem  Schiffe  Visurgus  von 
Batavia  nach  Japan  segelte  und  Gelegenheit  fand,  diese  Inseln  genauer  kennen  zu 
lernen,  bestimmte  die  nördlichste  und  gröbste  derselben  auf  3 2°  o'  n.  B.  und  1 45 0 
28'  24"  Länge  östlich  vom  Pik  auf  Teneriffa,  oder  128°  44'  21"  ö.  L.  von  Green- 
wich. Nach  den  englischen  Karten  liegen  die  Asses  Ears  unter  32°  2'  30"  n.  B.  und 
128°  36'  30'-'  L.  östl.  v.  Gr.;  und  nach  den  Beobachtungen  an  Bord  der  drie  Ge- 
zusters  liegt  die  südlichste  der  Meaximainseln  unter  310  58'  n.  B.  und  128°  43'  L. 
östl.  v.  Gr.  Die  ganze  Gruppe  besteht  aus  vier  Eilanden,  wovon  das  gröbste  und 
nördlichste  Taka,  das  südlichste  Kusakaki  und  die  beiden  kleineren  Osima  und  Mesima 
heifsen.  Vom  letzteren  mag  sich  wohl  die  Benennung  Meaxima  herleiten  lassen;  wir 
wollen  daher  diese  Inselgruppe  fortan  die  Mesimagruppe  nennen.  Osima  will  sagen 
Mannsinsel,  Mesima  Fraueninsel.  Herklots  und  Broughton  wollen  fünf  Inseln  gesehen 
haben.  Admiral  von  Krusenstern  hielt  die  Kosikigruppe  für  die  Mesimainseln;  eine 
Verwechslung,  die  zu  einigen  Irrtümern  Anlafs  gab,  welche  nun  durch  die  hier  mit- 
geteilte Erörterung  gehoben  werden. 

In  Hinsicht  auf  die  in  S.,  SW.  und  SO.  von  Japan  liegenden  Inseln  herrscht 
noch  eine  grenzenlose  Verwirrung,  die  sich  jedoch  durch  Vergleichung  der  japanischen 
Karten  mit  den  Reisehandbüchern  früherer  niederländischer  Seefahrer  gröfstenteils  auf- 
klären  läfst.  Bezüglich  der  an  der  S.  und  SW.-Küste  von  Japan  im  Fahrwasser  liegenden 
Inseln  will  ich  vorläufig  bemerken,  dafs  die  sogenannten  Pinaclesinseln  und  die  später 
von  Broughton  und  Colnet  gesehene  Inselgruppe  dieselbe  ist,  welche  uns  Linschoten 
unter  dem  Namen  As  seze  Yrmas,  die  sieben  Geschwister,  beschrieben  hat,  und  welche 
auf  den  neuen  japanischen  Karten  als  Nana  sima,  d.  i.  die  sieben  Inseln,  bezeichnet 
sind.  Diese  nebst  einigen  mehr  südlich  und  westlich  gelegenen  Eilanden  wwrden  wir 
unter  der  Benennung  Linschoten-Archipel  näher  kennen  lernen. 

[5.  August.]  Mit  Tagesanbruch  wird  in  SO.  von  uns  ein  Wrack  entdeckt;  wir 
halten  darauf  an  und  erkennen  ein  Fahrzeug  ohne  Mast  und  Segel,  vor  zwei  Ankern 
treibend.  Anfangs  hielten  wir  es  für  eine  chinesische  Dschonke,  entdeckten  jedoch 
bald  aus  einer  Notflagge,  die  es  führte,  dafs  es  ein  japanisches  Fahrzeug  sei.  Aufser 
Stand,  auch  nur  das  kleinste  Segel  zu  führen,  wurde  es  bei  dem  anhaltend  wehenden 
ONO. -Winde  immer  weiter  vom  Lande  weggetrieben.  Wir  drehten  bei  und  setzten, 
ungeachtet  des  steifen  Windes  und  der  hohen  See,  eine  Schaluppe  aus,  um  den  Un- 
glücklichen in  ihrer  verzweiflungsvollen  Lage  unsere  Hülfe  anzubieten.  Kapitän  Jaco- 
metti  führte  selbst  das  Boot,  und  es  gelang  ihm  unter  grofser  Anstrengung  das  Wrack 
zu  erreichen.  Die  Japaner  empfingen  die  ihnen  bekannten  Holländer  als  ihre  Retter, 
und  die  Unmöglichkeit  einsehend,  mit  ihrem  mastlosen,  lecken  Fahrzeuge  noch  Land 
zu  erreichen,  entschlossen  sie  sich,  auf  unser  Schiff  überzugehen. 

Es  könnte  auffallend  erscheinen,  wie  die  Japaner  unter  solchen  Umständen  sich 
noch  besinnen  konnten,  die  angebotene  Rettung  anzunehmen.  Wenn  wir  jedoch  den 
Charakter  der  Japaner,  ihre  Gesetze  und  die  Verantwortlichkeit,  welche  Beamte  und 
Offiziere  tragen,  näher  kennen  gelernt  haben  werden,  so  wird  es  uns  sogar  wundern, 
dafs  ein  japanischer  Schiffer,  sein  Fahrzeug  verlassend,  bei  Fremdlingen  Aufnahme  suchte. 

Die  Onderneming  war  indessen  näher  gekommen,  und  der  wackere  Kapitän 
Lells  eilte  gleichfalls  mit  einem  Boote  zu  Hülfe.  Man  verteilte  das  japanische  Schiffs- 
volk, welches  sich  auf  24  Köpfe  belief,  in  die  beiden  Boote,  nahm  einige  Lebens- 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1825. 


35 


mittel,  als  Reis,  eingesalzenes  Schweinefleisch,  Sake,  Tabak  nebst  Waffen  und  Gepäck 
an  Bord  und  verliefs  das  Wrack,  nachdem  man  auf  dringendes  Bitten  des  japanischen 
Schiffers  ein  Loch  in  dessen  Boden  gehauen  hatte;  denn  für  die  Japaner  hätte  es 
keine  Entschuldigung  gegeben,  wenn  je  ihr  verlassenes  Schiff  an  den  Küsten  ihres 
Landes  gestrandet  wäre.  — Es  mufste  sinken,  um  den  Schritt,  den  die  Unglücklichen 
zu  ihrer  Rettung  wagten,  nur  einigermafsen  zu  entschuldigen.  — 

In  gespannter  Erwartung  standen  wir  auf  dem  Verdecke,  die  Blicke  auf  unsere 
braven  Seeleute  gerichtet,  die  mit  der  hochlaufenden  See  zu  kämpfen  hatten.  Bald 
schwankte  die  Schaluppe  an  unserer  Seite.  Neugierig  sahen  wir  auf  die  fremden  Gäste, 
die  nun  der  Reihe  nach  auf  dem  Verdeck  erschienen.  Sie  grüfsten  sehr  höflich, 
standen  erstaunt  und  bewunderten  als  Seeleute  zuerst  das  Fahrzeug,  welches  dem 
Sturme,  dem  sie  erlagen,  getrotzt.  Es  waren  die  ersten  Japaner,  die  wir  sahen,  und 
ihr  gewandtes  Auftreten  und  gebildetes  Benehmen  erregte  unser  Erstaunen.  Ihr  Anzug, 
ihre  Waflen  und  anderen  Geräte,  kurz  alles,  was  von  ihnen  an  Bord  kam,  beschäftigte 
unsere  Aufmerksamkeit,  und  bald  waren  wir  mit  ihnen  in  Gebärdesprache  verwickelt. 
Sie  waren  zwar  beruhigt,  und  der  unerwartete  Wechsel  ihres  Zustandes  schien  ihnen 
zu  behagen;  doch  die  Schreckbilder  überstandener  Gefahr  und  die  Spuren  tagelanger 
Anstrengung  sprachen  noch  deutlich  aus  ihren  Gesichtszügen.  Ihre  ganze  Haltung,  der 
vernachlässigte  Anzug,  alles  trug  das  Gepräge  der  verzweiflungsvollen  Lage,  wTorin  diese 
Seeleute  gewesen.  Sie  wufsten  sich  jedoch  bald  in  ihr  Los  zu  finden,  liefsen  sich  ihren 
Saketrank  und  Tabak  vortrefflich  schmecken  und  plauderten  mit  lebhafter  Bewegung. 
Nun  breiteten  sie  ihre  mitgebrachten  Matten  auf  das  Verdeck,  jeder  holte  seinen  Reise- 
koffer hervor,  und  es  begann  eine  für  uns  merkwürdige  Scene,  eine  japanische  Toilette. 
Vor  allem  mufsten  wir  ihre  Geschicklichkeit  im  Selbstrasieren  der  Haupthaare  bewundern. 
— Der  Japaner  schert  Bart  und  Scheitel,  und  unterläfst  dies  nur  im  Unglücke,  wie  bei 
Sterbefällen,  Krankheiten,  in  Gefangenschaft  u.  s.  w.  Bei  dem  eigentümlichen  Kopf- 
putze geben  ihm  die  frischgewachsenen,  struppigen  Scheitelhaare  ein  wildes  Aussehen, 
was  bei  einigen  Individuen  hier  jedoch  mehr  ins  Drollige  ging,  da  sie  sich  das  Zöpf- 
chen  abgeschnitten  hatten,  um  es  nach  glücklich  bestandener  Gefahr  dem  Schutzgotte 
der  Seefahrer  zu  opfern  — ein  japanisches  Seemannsgelübde.  Reinlich  gekleidet  spa- 
zierten sie  nun  auf  dem  Verdecke  umher  und  schienen  in  eine  neue  Welt  versetzt. 
Die  Gegenstände,  die  sie  umgaben,  weckten  ihre  Neugier  und  boten  ihnen  Stoff  zur 
Unterhaltung. 

Die  vorläufige  Bekanntschaft  mit  Japanern  mufste  uns  recht  angenehm  sein,  und 
die  zufällige  Rettung  einer  so  zahlreichen  Schiffsequipage  wTar  für  uns  ein  nicht  un- 
wichtiges Ereignis,  da  es  uns  bei  der  japanischen  Regierung  zur  Empfehlung  dienen 
konnte. 

Wir  suchten  uns  nun  über  das  Schicksal  unserer  Gäste  näher  zu  erkundigen  und  er- 
fuhren, dafs  sie  aus  Satsuma,  der  südlichsten  Landschaft  der  Insel  Kiusiu,  waren,  und 
im  Dienste  ihres  Fürsten  mit  einer  Ladung  Reis,  Zucker  und  andern  Kaufmannsgütern 
von  den  Liukiuinseln  zurückkehren  wollten,  durch  Gegenwind  aber  zu  weit  westlich 
von  den  Küsten  von  Satsuma  getrieben,  im  Sturm,  der  sie  vor  einigen  Tagen  über- 
fallen, Mast,  Segel  und  Anker  verloren,  und  so  in  die  gefährliche  Lage  geraten  waren, 
in  der  wir  sie  trafen.  Es  war  der  Sturm,  von  dem  wdr  vom  1.  bis  4.  August  deut- 
liche Spuren  gefühlt  hatten. 

Wir  befanden  uns  mittags  unter  310  20 ' n.  B.  und  128°  24'  ö.  L. 

v.  Sieb  old,  Nippon  I.  2.  Anfl. 


3 


34 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Einem  plötzlichen  Fallen  des  Barometers  folgte  bald  eine  grofse  Veränderung  in  der 
Atmosphäre,  indem  sich  der  Gesichtskreis  mit  dichtem  Gewölke  überzog,  und  ein 
frischer  NO. -Wind  immer  steifer  wurde.  Unsere  Seeleute  machten  sich  auf  den  Sturm 
gefafst.  Man  legte  SO.  bei  und  barg  schleunig  die  Segel,  was  die  heftigen  Windstöfse, 
welche  Segel  und  Tauwerk  zerrissen,  kaum  mehr  zuliefsen.  Der  Wind  wurde  immer 
heftiger;  - — es  wehte  ein  fliegender  Sturm.  Die  Nähe  des  Landes  und  starke  Strömung 
machten  unsere  Lage  in  einer  wenig  bekannten  See  bedenklich.  Wir  waren  genötigt, 
das  Vormars-  und  das  Focksegel  fest  zu  machen  und  das  Schiff  vor  dem  Sturmbesan- 
segel  treiben  zu  lassen. 

Der  Sturm  hatte  übrigens  seine  Höhe  noch  nicht  erreicht;  das  Barometer  hei 
von  29"  5"'  bis  auf  28"  2'".  Jetzt  heulte  der  Wind  fürchterlich,  die  See  lief  hoch, 
und  da  die  Wellen  kurz  waren,  verursachten  sie  ein  gefährliches  Stampfen  und  Schlagen 
mit  gewaltigem  Anprall  gegen  die  Seiten  des  Schiffes.  Die  Nacht  brach  ein,  und 
mit  ihr  wurde  der  Sturm  noch  heftiger.  Es  war  nicht  mehr  möglich,  freien  Fufses 
auf  dem  Verdecke  zu  stehen;  die  Stimmen  verloren  sich  auf  einige  Schritte,  und  das 
Sprachrohr  gab  nur  unverständliche  Laute.  Nur  die  weifsen  Gipfel  liefsen  noch  die 
Wogen  vom  Gewölke  unterscheiden.  Die  Schiffsjungen  und  jüngeren  Matrosen  mufsten 
vom  Verdecke  abtreten,  die  stärksten  und  herzhaftesten  bleiben.  Gegen  11  Uhr  wütete 
ein  Orkan,  ein  oben  erwähnter  Taifun,  von  Platzregen  begleitet,  der  wie  Hagel  auf 
die  Mannschaft  herabfiel  und  unerträglich  wurde.  Unaufhörlich  schlug  die  See  über 
das  Verdeck  hin;  die  Boote,  Wasserfässer  und  was  auch  noch  so  gut  darauf  befestigt 
war,  rissen  los,  und  die  Verschanzung  am  Steuerbord  wurde  zertrümmert.  Das  Schiff 
blieb  oft  minutenlang  bis  an  die  grofse  Lucke  unter  Wasser.  Es  waren  Augenblicke, 
wo  man  zweifelte,  ob  es,  mit  seinem  Vorsteven  in  die  See  gesunken,  sich  wdeder  er- 
heben werde.  Die  Masten  krächzten  fürchterlich,  und  der  ganze  Rumpf  erbebte  mit 
ihnen.  Nun  wurden  die  Beile  herbeigeholt,  und  man  hielt  sich  jeden  Augenblick 
bereit,  die  Masten  zu  kappen,  fest  überzeugt,  dafs  mit  stehenden  Masten  das  Schiff 
nicht  lange  mehr  einem  solchen  Orkan  widerstehen  werde.  Zu  unserer  gröbsten  Ver- 
wunderung stand  in  den  Pumpen  nicht  mehr  als  16  Zoll  Wasser. 

Im  Innern  des  Schiffes  hatten  wTir  mit  dem  Orkan  nicht  weniger  zu  kämpfen 
als  unsere  braven  Steuerleute  und  Matrosen  auf  dem  Verdecke,  wto  sie  mit  bewun- 
derungswürdiger Ausdauer  der  Wut  zweier  Elemente  trotzten.  Die  Lage  war,  wto 
man  sich  auch  befand,  verzweifelt.  In  der  Kajüte  und  in  den  Kabinen  wrar  zwar  alle 
Vorsorge  für  Befestigung  der  Geräte  u.  dgl.  getroffen,  doch  vergebens.  Bei  dem 
schrecklichen  Schwanken,  Steigen  und  Fallen  des  Schiffes  rifs  alles  los;  Stühle,  Bänke, 
Tische,  Kisten  und  Koffer  rollten  durcheinander,  und  nichts  gewährte  mehr  einen  festen 
Haltpunkt.  Abgemattet  durch  das  beständige  Herumwerfen,  der  frischen  Luft  beraubt, 
ohne  Licht,  waren  wir  in  der  Kajüte  gelagert.  Jeder  suchte  bald  hier  bald  dort  einen 
festen  Haltpunkt  zum  Ruhplatz,  von  dem  er  wieder  unversehens  mit  einem  losgerissenen 
Geräte,  aus  einem  Eck  ins  andere,  seinen  Reisegefährten  auf  den  Leib  rollte. 
Taumelig  vom  Schwanken  schlummerte  man  unwillkürlich  minutenlang,  träumte  von 
Verunglückung  und  Rettung,  bis  man  wieder  durch  den  Anschlag  der  Wellen,  durch 
das  Ächzen  und  Knarren  des  Rumpfes  aufgeschreckt,  nur  im  Gedanken  an  den  bald 
erscheinenden  Tag  Hoffnung  und  Trost  suchte.  In  solcher  Lage  befanden  wir  uns, 
als  der  Kapitän  verstört  in  die  Kajüte  trat  und  stumm  gegen  unsere  Fragen  mit 
augenscheinlicher  Resignation  sich  auf  die  gemeinschaftliche  Ruhestätte  niederwarf. 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


35 


Dies  Benehmen  eines  Mannes,  den  wir  als  einen  wackeren  Seemann  kannten,  mufste 
uns  peinlich  berühren.  Wir  ahnten  von  nun  an  das  Schlimmste,  und  es  verschwand 
die  geringe  Hoffnung,  die  wir  noch  hatten.  In  dergleichen  Fällen  ist  Ungewifsheit 
eine  wahre  Marter:  ich  raffte  mich  auf  und  wand  mich  die  Treppe  empor,  wo 
mir  beim  Öffnen  der  Thüre  der  Orkan  entgegenwütete.  — Alles  brauste.  Man 
ward  augenblicklich  betäubt,  und  es  verging  einem,  in  Wahrheit  gesagt,  Hören  und 
Sehen.  Man  mufste  alle  Kraft  zusammennehmen,  um  sich  nur  aufrecht  und  fest  zu 
halten.  — Es  war  eine  schwarze  Nacht,  der  Gesichtskreis  enge,  und  fürchterlich  leuch- 
teten Feuerstreifen  und  die  weifsen  Gipfel  der  Wogen,  die  mit  gewaltigem  Anschlag 
sich  brechend  über  das  kahle  Verdeck  hinzischten.  Das  Steuerruder  hatte  man  längst 
festgebunden.  Alles  war  verwüstet  und  öde,  und  diese  Leere  auf  dem  Verdecke  und 
in  den  Masten,  die  blofs  noch  das  stehende  Tauwerk  und  ein  kleines  Sturmsegel 
führten,  machten  den  denkbar  traurigsten  Eindruck.  Ein  Drittel  des  Verdecks  war 
beständig  unter  Wasser.  Grofse  Sturzseen  schlugen  darüber  weg,  und  das  Schiff  schien 
zeitweise  unter  den  Wellen  begraben.  Auf  Augenblicke  traten  Windstillen  ein, 
um  so  fürchterlicher,  da  der  Orkan  dann  noch  wütender  mit  plötzlichen  Windstöfsen 
in  sie  hereinstürzte.  Dies  machte  den  Aufenthalt  auf  dem  Decke  gefährlich,  und  ich 
verliefs  es  auf  wiederholtes  Anraten  der  Steuerleute.  Der  Gedanke,  bei  Verunglückung 
des  Schiffes  mit  den  vielen  Menschen,  die  sich  in  der  Kajüte  befanden,  einen  gemein- 
samen Todeskampf  kämpfen  zu  müssen,  war  mir  unerträglich.  Ich  suchte  in  meine 
Schlafstätte  zu  kommen,  befestigte  mich,  so  gut  ich  konnte,  auf  dem  Ruhebette  und 
ergab  mich  unter  lebhaften  Erinnerungen  an  alles,  was  mir  Liebes  und  Wertes  im 
Vaterlande  zurückgeblieben,  dem  Schicksale.  Erschöpft  fiel  ich  alsbald  in  Schlaf,  aus 
dem  mich  der  Ruf  vom  anbrechenden  Tag  erweckte. 

[6.  August.]  Es  brauste  noch  immer  der  Sturm;  doch  waren  die  Stofswinde 
seltener  und  minder  heftig  geworden.  Das  Barometer  war  auf  29"  T"  gestiegen. 
Einen  schauerlich  schönen  Anblick  gewährte  die  himmelhohe  See  bei  der  Morgen- 
dämmerung. Aller  Aufmerksamkeit  war  nun  auf  das  Sichtbarwerden  der  Onderneming 
gespannt,  und  wir  erblickten  sie  auf  einmal  ganz  nahe  vor  uns,  kaum  eine  Seemeile 
entfernt.  Sie  erschien  wie  auf  dem  Gipfel  eines  schäumenden  Berges  schwebend, 
und  ich  sage  nicht  zuviel,  wenn  ich  versichere,  in  dieser  Stellung  augenblicklich  den 
Kiel  des  Schiffes  und  gleich  darauf  kaum  mehr  die  Spitze  der  Masten  gesehen  zu 
haben.  Wir  waren  über  das  Schicksal  der  Onderneming  beruhigt.  Der  Wind  be- 
gann sich  zu  mindern,  während  das  Barometer  auf  29"  3"'  stieg.  Die  See  lief  aufser- 
ordentlich  hohl,  wir  liefsen  daher  das  Schiff  noch  vor  dem  SSO. -Wind,  welcher 
stehender  wurde,  treiben,  drehten  gegen  Mittag  bei  und  suchten  die  Mesimagruppe 
wieder  auf. 

Unterdessen  kommen  unsere  Reisegenossen  auf  dem  Verdecke  zusammen,  auch 
unsere  Japaner  finden  sich  ein.  Bald  ist  die  Neugier  befriedigt,  und  jeder  sucht  sich 
ein  Plätzchen,  um  in  Ruhe  die  frische  Luft  zu  geniefsen,  während  das  rastlos  thätige 
Schiffsvolk  sich  mit  den  dringendsten  Ausbesserungen  beschäftigt. 

Die  Strapazen  des  Schiffsvolkes  bei  dergleichen  Unfällen  auf  See  sind  nicht  zu 
beschreiben,  und  oft  ist  es  unbegreiflich,  wie  Menschen  sie  aushalten  können.  Auf 
einigen  mir  wohlbekannten  Gesichtern  hatte  die  anhaltende  Anstrengung  eine  solche 
Veränderung  hervorgebracht  — so  verzerrte  Züge  von  Verzweiflung  und  Erschöpfung 
zurückgelassen,  dafs  ich  sie  auf  den  ersten  Anblick  kaum  wieder  erkannte. 


3^ 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Das  Wetter  heiterte  sich  auf;  das  Barometer  zeigte  29"  5'".  Des  Nachts  Ge- 
witterschauer und  häufiges  Wetterleuchten. 

[7.  August.]  Mit  Tagesanbruch  Land  in  Sicht  — die  Mesimagruppe,  deren 
gröbste  Insel  wir  auf  einem  Abstande  von  16  Seemeilen  SW.  zu  W.  x/2  W.  peilten. 
Der  Wind  wehte  frisch  aus  SSO.,  und  wir  entdeckten  abends  schon  hohes  Land  von 
Japan  und  erkannten  bald  Kap  Nomo  ONO.  in  einer  Entfernung  von  24  Seemeilen. 
Schwere  Gewitterschauer,  welche  die  Nacht  über  sich  einstellten,  machten  uns 
wegen  der  Nähe  des  Landes  besorgt;  wir  hielten  davon  ab  und  lavierten  mit 
kleinen  Segeln. 

[8.  August.]  Wir  peilten  Kap  Nomo  SO.  zu  O.  und  bemerkten,  dafs  uns  die 
Strömung  während  der  Nacht  zu  weit  nördlich  gebracht  hatte,  um  bei  flauem  SW.- 
Winde  die  Bai  von  Nagasaki  einlaufen  zu  können.  Wie  die  Mesimagruppe  zum 
Aufsuchen  der  SW. -Küste  von  Japan,  so  ist  Kap  Nomo  zum  Einlaufen  in  die  Bai 
von  Nagasaki  der  wichtigste  Orientierungspunkt.  Dieses  Kap  (Nomosaki)  bildet  mit 
einer  gerade  im  Norden  gegenüberliegenden  Spitze,  dem  Osaki,  die  Bai,  worin 
mehrere  Klippen,  Felsen  und  Eilande  und  am  östlichen  Ende  der  Hafen  und  die  Stadt 
Nagasaki  liegen.  Nomosaki,  unter  320  35'  n.  B.  und  1290  43'  ö.  L.  von  Greenw., 
ist  ein  etwa  487  Meter  hohes  Vorgebirge  auf  einer  südwestlich  sich  erstreckenden, 
schmalen,  bergigen  Landzunge  und  kenntlich  durch  seine  schroffen  Felsenwände, 
seine  abgerundete  Krone  und  einen  tiefen  Sattel,  womit  es  in  die  Anhöhen  der  Land- 
zunge übergeht.  Das  dicht  daran  liegende  Inselchen  Kawasima  und  die  nordwestlich 
hervorragenden  Felsen  — die  Japaner  nennen  sie  Mitsu-se,  die  Niederländer  «de  hen 
met  de  kuikens»  — kennzeichnen  es  noch  mehr.  Der  höchste  Gipfel  der  vielen  Hügel 
und  Berge  dieser  Landzunge  ist  der  Ivawara  jama  (Ziegelberg),  welcher  sich  632 
Meter  über  die  Meeresfläche  erhebt.  Das  Gestade  des  westlichen  Teiles  der  Insel 
Kiusiu  bildet  mit  dem  Hochlande  der  Gotögruppe  einen  Halbkreis,  der  den  ganzen 
westlichen,  nördlichen  und  östlichen  Horizont  einnimmt. 

Wir  genossen  vom  Schiffe  aus  eine  köstliche  Aussicht.  Lebhaft  grüne  Hügel 
und  bebaute  Bergrücken  schmücken  den  Vordergrund,  hinter  dem  sich  in  scharfen 
Umrissen  bläuliche  Gebirgsgipfel  erheben.  Dunkle  Felsen  unterbrechen  hin  und  wieder 
den  Spiegel  der  See,  und  von  der  Morgensonne  beleuchtet,  schimmern  die  schroffen 
Felsenwände  der  nahen  Küste  in  vielfachem  Farbenwechsel.  Die  stufenweis  bebauten 
Vorberge  der  nächsten  Inseln,  blinkend  weifse  Häuser  und  einzelne  Tempeldächer, 
die  grofsartig  zwischen  Cedern  hervorragen,  und  zahlreiche  Wohnungen  und  Hütten 
längs  dem  Strande  und  in  den  Buchten  gewähren  einen  wahrhaft  entzückenden  Anblick. 
Wir  liefsen  dabei  die  Gelegenheit  nicht  unbenutzt,  von  unsern  Japanern  einige  Er- 
klärungen zu  erhalten,  die  uns  denn  auch,  so  gut  als  möglich,  das  Merkwürdigste 
zeigten.  Auffallend  war  es  uns,  dafs  die  schönen,  weifsen  Häuser,  welche  wir  für 
Wohnungen  der  Vornehmen  hielten,  Magazine  sind,  deren  Mauern  man  zur  Ver- 
wahrung gegen  Brand  mit  einem  aus  Muschelkalk  bereiteten  Mörtel  bekleidet.  Segel- 
fahrzeuge und  Fischerkähne  belebten  den  Eingang  in  die  Bai.  Auf  den  Zuruf  unserer 
japanischen  Gäste  kamen  mehrere  Fischer  heran  und  boten  uns  ihre  Beute  mit  einer 
Leutseligkeit  und  Freigebigkeit  an,  die  uns  von  seiten  dieser  gewöhnlichen  Leute 
überraschte.  Sie  waren  äufserst  freundlich,  und  man  konnte  es  ihnen  ansehen,  dafs 
es  ihnen  Freude  machte,  ihre  geretteten  Landsleute  und  uns  mit  Fischen  zu  beschenken. 
Sie  weigerten  sich,  Geld  und  andere  Geschenke  von  Wert  anzunehmen,  und  baten 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


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sich  nur  einige  leere  Weinflaschen  aus.  Die  gemeinen  grünen  Weinflaschen  sind  in 
Japan  sehr  gesucht.  Ich  will  Seefahrer  darauf  aufmerksam  machen,  da  sie  noch  das 
zweckmäfsigste  Tauschmittel  mit  japanischen  Fischern,  die  man  auf  See  trifft,  abgeben. 
Geld  und  andere  europäische  Waren  würden  solchen  Leuten  als  Schleichgüter  Vor- 
kommen und  sie  eher  abschrecken  als  anlocken. 

Die  Fischerfahrzeuge  gefielen  uns.  Sie  kamen  uns  einfach  und  zweckmäfsig  vor 
und  zeichneten  sich  besonders  durch  ihre  Reinlichkeit  aus.  Sie  sind,  wie  die  japa- 
nischen Fahrzeuge  überhaupt,  von  Cedern-  und  Kampherholz,  selten  von  Tannen-  oder 
Fichtenholz  gebaut,  die  Bretter  und  Balken  mit  hölzernen  und  kupfernen  Nägeln  und 
Klammern  zusammengefügt  und  die  Seiten  und  der  Schnabel  mit  kupfernen  Beschlägen 
verziert,  die,  durch  das  Seewasser  grün  angelaufen,  von  dem  geschabten,  weifsen 
Flolze  gut  abstechen.  Man  teert  in  Japan  die  Schiffe  nicht.  Das  Hinterteil  ist  ab- 
gestumpft, und  die  Seitenwände  laufen  nach  vorn  in  einen  sehr  spitzen  Schnabel  aus, 
welcher  die  Wellen  durchschneidet  und  den  Kahn  im  Gleichgewichte  haltend,  den 
mangelnden  Kiel  ersetzt.  Am  Hinterteile  ist,  wie  gewöhnlich,  das  Ruder  angebracht 
und  dreht  sich  in  einem  starken  Querbalken  von  Kampherholz.  Etwa  einen  Fufs  über 
dem  Boden  befindet  sich  ein  zweiter  Boden,  der  mit  Matten  belegt  und  sehr  reinlich 
gehalten  wird.  Die  Fischer  bedienen  sich  nach  Umständen  der  Riemen  oder  der 
Segel.  Erstere  sind  von  Eichenholz,  lang  und  schmal  und  aus  zwei  Stücken  zusammen- 
gesetzt, und  man  rudert,  indem  man  sie  fortwährend  unter  Wasser  hält,  auf  eine 
Weise,  die  das  Fahrzeug  ungemein  schnell  vorwärts  bringt.  Auf  gröfseren  Fahrzeugen 
braucht  man  mehrere  Riemen  zu  beiden  Seiten,  bei  kleineren  blofs  einen  am  Hinter- 
teile, welcher  zugleich  die  Stelle  des  Steuerruders  vertritt.  Der  Mast,  der  nach  Belieben 
weggenommen  werden  kann,  steht  in  der  Mitte  und  führt  ein  Segel  von  Baumwollen- 
stoff,  am  häufigsten  von  Strohmatten.  Der  Anker  ist  einfach  von  Holz  und  wird  mit 
einem  Steine  beschwert.  Bezüglich  der  Art  und  Weise  des  Fischfangs  und  der  dabei 
benützten  Geräte  will  ich  hier  vorläufig  bemerken,  dafs  man  sich  bei  einem  Volke, 
welches  sein  vorzüglichstes  Nahrungsmittel  seit  Jahrhunderten  aus  dem  Meere  schöpft, 
den  Fischfang  als  einen  zu  hoher  Vollkommenheit  gebrachten  Gewerbszweig  denken  darf. 

Die  Fischer  selbst  gingen,  mit  Ausnahme  einer  Schambinde,  gröfstenteils  nackt, 
den  Kopf  mit  einem  Tuch  umwunden  oder  mit  einem  Strohhut  bedeckt.  Einige  trugen 
kurze  Kittel  von  farbigem  Kattun.  Eine  eigene  Art  Mäntel  vom  Gewebe  der  Besen- 
palme hielten  sie  bereit,  um  sich  bei  Regen  und  Sturm  damit  zu  schützen.  Es  waren 
meistenteils  starke  und  untersetzte  Leute  von  weizengelber  Farbe,  die  an  den  der 
Sonne  am  meisten  ausgesetzten  Stellen  ins  Kupferrote  überging.  Nicht  alle  hatten 
dieselbe  Hautfarbe,  und  die  weifseren,  die  sonst  wohl  mehr  bekleidet  gehen,  liefsen 
sich  als  Leute  besseren  Standes  erkennen. 

Zu  unserem  Vergnügen  und  zum  Verdrusse  der  Seeleute  hielt  die  Windstille  an. 
Mit  dem  Abende  kamen  immer  mehr  Fischer  an  die  Seite  unseres  Schiffes,  und  wir 
unterhielten  uns  mit  ihnen  bis  in  die  Nacht,  sahen  sie  mit  Netzen,  Angeln  und  Stech- 
gabeln fischen,  und  da  sie  während  der  Nacht  bei  hellem  Feuer,  welches  auf  eigenen 
Rösten  an  den  Seiten  der  Boote  angesteckt  wird,  den  Fischfang  trieben,  so  gewährten  uns 
die  vielen  Feuerflammen  über  und  in  dem  Spiegel  der  See  ein  herrliches  Schauspiel. 
Auf  einigen  hohen  Bergen  der  Küste  wurden  Wachfeuer  unterhalten  und  kamen  uns  bei 
der  Strömung  der  See  als  Feuerwarten  zu  statten.  Wir  wollten  vor  Anker  gehen,  mufsten 
jedoch,  da  wir  nicht  weniger  als  80  bis  90  Faden  loteten,  lavierend  unter  Segel  bleiben. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


38 

[9.  August.]  Bereits  am  frühen  Morgen  kamen  einige  Fahrzeuge  mit  japanischen 
Offizieren  an  unser  Schiff  und  brachten  Papiere  vom  Oberhaupte  des  niederländischen 
Handels  auf  Dezima.  Sie  enhielten  einige  allgemeine  Fragen  über  den  Namen  des 
Schiffes  und  des  Kapitäns,  über  Anzahl  und  Verhältnisse  des  Personals  an  Bord  u.  dgl. 
Wir  liefsen  alsbald  unsere  Geheimflagge,  welche  wir,  nebst  besonderen  Verhaltungs- 
befehlen beim  Anlaufen  der  japanischen  Küste,  zu  Batavia  erhalten  hatten,  wehen  und 
salutierten  die  niederländische  Flagge  auf  der  Insel  Iwö  sima  (ilha  dos  cavallos).  Die 
Flagge  wird  auf  der  Anhöhe  dieser  Insel  in  der  Absicht  aufgesteckt,  um  uns  dieses 
Eiland  und  somit  den  Eingang  in  die  Bai  anzuzeigen. 

Endlich  gelang  es  uns,  die  Nordspitze  dieses  Eilandes  zu  umsegeln,  worauf 
mehrere  japanische  Offiziere  und  Dolmetscher  an  Bord  kamen,  um  die  offiziellen 
Papiere  und  einige  von  der  Equipage  als  Geiseln  in  Empfang  zu  nehmen.  Sie  mel- 
deten uns,  dafs  bald  ein  vornehmer  japanischer  Offizier,  ein  sogenannter  «Opperban- 
jost»,  und  einige  niederländische  Abgeordnete  der  Faktorei  an  Bord  kommen  würden. 
Seit  dem  Vorfälle  mit  dem  englischen  Kriegsschiffe  Phaedon  unter  Kapitän  Pellew 
im  Jahre  1808,  welcher  unter  holländischer  Flagge  einsegelte  und  die  an  Bord  ge- 
kommenen Holländer  gefangen  genommen  hatte,  braucht  die  japanische  Regierung  die 
Vorsicht,  ehe  der  erwähnte  Offizier  und  die  niederländischen  Abgeordneten  sich  auf 
das  Schiff  begeben,  einige  Personen  der  Equipage  als  Geiseln  abzufordern  und  nach 
Dezima  bringen  zu  lassen.  Auch  müssen  seit  der  Zeit  die  holländischen  Schiffe  erst 
eine  Weile  auf  der  Rhede  bei  der  Insel  Takaboko  (Papenberg)  angesichts  der 
fürstlichen  Wachen  vor  Anker  gehen. 

Bei  dem  SO. -Winde  konnten  wir  unmöglich  weiter  in  die  Bai  einsegeln.  Wir 
erhielten  daher  Bugsierfahrzeuge,  wohl  mehr  als  sechzig  der  eben  beschriebenen 
Fischerboote.  Doch  schwere  Ruckwinde  nötigten  uns  wieder  vor  Anker  zu  gehen. 
Es  kamen  nun  mehrere  bedeckte  Fahrzeuge  zum  Vorschein  und  legten  sich  um  uns 
vor  Anker;  es  waren  sogenannte  Wachtschiffe.  Es  sind  kleine,  unbedeutende  Fahr- 
zeuge, welche  wohl  zur  Beobachtung,  aber  nicht  zu  Schutz  und  Wehr  dienen  können. 
Sie  führten  eigentümliche  Flaggen  — länglich  viereckige  Standarten  an  Bambusstangen, 
mit  Wappen  und  Aufschriften  in  chinesischer  Schrift.  Am  Abende  wurden  sie  mit 
vielfarbigen  Laternen  beleuchtet,  und  eine  ähnliche  Beleuchtung  sahen  wir  auch  an 
mehreren  Stellen  der  Bai,  da  nämlich,  wo  sich  Wachen  und  Batterien  befanden. 
Leider  machten  heftige  Windstöfse  und  Regengüsse  diesem  schönen  Schauspiele  bald 
ein  Ende. 

[10.  August.]  Gegen  Mittag  kam  der  erwartete  «Gobanjosi»,  d.  h.  Kommissär 
der  Hafenwache,  den  wir  mit  vieler  Höflichkeit  empfingen  und  in  der  Kajüte 
bewirteten.  Ihn  begleiteten  einige  Dolmetscher,  die  mich  nicht  wenig  in  Verlegenheit 
setzten,  da  sie  die  holländische  Sprache  geläufiger  als  ich  sprachen  und  einige  bedenk- 
liche Fragen  mein  Vaterland  betreffend  an  mich  richteten.  Unglücklicherweise  war 
einige  Jahre  zuvor  ein  belgifcher  Arzt,  weil  man  ihn  in  Japan  nicht  verstehen  konnte, 
auf  Befehl  der  japanischen  Regierung  von  der  niederländischen  Faktorei  abgewiesen 
worden.  Auch  dem  schwedischen  Naturforscher  Thunberg  hatte  man,  wie  bekannt, 
anfänglich  grofse  Schwierigkeiten  gemacht.  Indes  eine  glückliche  Übersetzung  des 
Wortes  Hochdeutfcher  mit  Jamahollanda,  i.  e.  Bergholländer,  hatte  mich  für  die  Japaner 
bald  nationalisiert. 

Nach  kurzer  Unterredung  mit  Colonel  de  Sturler  und  dem  Schiffskapitän  liefs 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


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der  Gobanjosi  die  schiffbrüchigen  Japaner  vor  sich  kommen  und  leitete  eine  Unter- 
suchung mit  einem  förmlichen,  schriftlichen  Verhör  ein. 

Man  verbuchte  darauf  aufs  neue  mit  einigen  Hundert  Bugsierfahrzeugen  uns 
weiter  zu  bringen,  doch  des  heftigen  Gegenwindes  wegen  vergebens;  wir  gingen  auf 
29  Faden  wieder  vor  Anker.  Wir  peilten  Takaboko  O.  z.  S.  in  einem  Abffande  von 
zwei  Seemeilen.  Es  versammelten  {ich  nun  immer  mehr  Fahrzeuge  um  uns,  und  bald 
kamen  auch  die  niederländischen  Abgeordneten  mit  einer  Empfehlung  vom  Oberhaupte 
und  die  Lieferanten,  die  sogenannten  Comparadores,  mit  köstlichen  Früchten  und  Ge- 
müsen an  Bord.  Wir  brachten  den  Nachmittag  recht  angenehm  zu,  und  alles  umher, 
neu  und  fremd,  gab  uns  reichlichen  Stoff  zur  Unterhaltung.  Am  Abend  genossen  wir 
ein  herrliches  Schaufpiel,  wovon  wir  tags  zuvor  nur  das  Vorspiel  gehabt  hatten.  Ein 
stiller  Sommerabend  begünstigte  die  Beleuchtung,  von  welcher  ringsum  die  Landschaft 
und  die  von  Lahrzeugen  wimmelnde  Bai  erglänzten. 

Die  niederländifchen  Schiffe  werden,  bis  sie  im  Hafen  vor  Nagasaki  vor 
Anker  liegen,  als  Schiffe  fremder  Nationen,  auf  Kriegsfufs  behandelt.  Die  ganze 
Besatzung  der  Bai  ist  unter  den  Waffen,  und  die  Wachen,  Batterien  und  eine  Menge 
kleiner  Kriegsschiffe  sind  mit  Flaggen,  Waffen  und  Kriegszeichen  geschmückt  und 
werden  die  Nacht  über  beleuchtet.  Diese  Mafsregeln  dauern  bei  ungünstigem  Winde 
oft  mehrere  Tage  und  verursachen  der  japanischen  Regierung  ansehnliche  Kosten. 
Es  ist  daher  ganz  unnötig,  wenn  unsere  Schiffskapitäne  beim  Einbugsieren  in  den 
Hafen  die  Japaner  zur  Eile  auffordern;  es  liegt  von  selbst  im  Interesse  diefer,  die 
holländischen  Schiffe  so  schleunig  als  möglich  an  den  Ort  ihrer  Bestimmung  zu 
bringen. 

Bereits  einige  Monate  vor  der  Ankunft  der  niederländischen  Schiffe  werden  auf 
Kap  Nomo,  auf  dem  Berge  bei  dem  Fischerdorfe  Kosedo  und  auf  einer  Anhöhe  nahe 
bei  Nagasaki  Wachen  aufgestellt,  die  mit  Fernrohren  nach  fremden  Segeln  ausspähen. 
Schon  ihr  Name  Tömibansjo  (fernhin  sehende  Wache)  bezeichnet  ihren  Zweck.  Sie 
stehen  untereinander  in  Verbindung  und  geben  sich  mit  Flaggen  und  Kanonenschüssen 
Signale.  Kaum  zeigt  sich  ein  fremdes  Fahrzeug  auf  der  Höhe  von  Kap  Nomo,  so  trifft 
schon  auf  Dezima  die  Nachricht  davon  ein.  Auch  auf  hohen  Berggipfeln  hat  man 
Vorkehrungen  getroffen,  um  bei  aufserordentlichen  Ereignissen  durch  Feuer  Zeichen 
zu  geben.  Eine  zu  solchem  Zwecke  gebaute  Feuerstätte  sah  ich  auf  dem  Berge  Hok- 
wa-san  in  der  Umgebung  von  Nagasaki. 

Die  zahlreichen  Batterien  auf  den  Inseln  und  längs  den  Küsten  der  Bai  be- 
streichen meistens  den  Eingang  in  die  innere  Bai,  der  selbst  noch  auf  beiden  Seiten 
durch  starke  Batterien  und  eine  ansehnliche  Besatzung,  die  sogenannten  kaiserlichen 
Wachen  verteidigt  wird.  Die  Einfahrt  ist  sehr  eng,  und  man  hält  seit  1808  eine 
Kette  bereit,  um  sie  im  Notfall  zu  sperren.  Diese  Vorkehrung  ist  wenig  bekannt  und 
wird  geheim  gehalten,  doch  hörte  ich,  dafs  die  Kette  im  Schiffsmagazin  Ofunakura 
bei  Nagasaki  auf  bewahrt  würde. 

Nagasaki  ist  eine  der  fünf  Städte,  welche  unmittelbar  unter  der  Regierung  des 
Sjögun  stehen  — die  übrigen  sind  Jedo,  Miako,  Osaka  und  Sakai;  gleichwohl  wird 
die  Bewachung  der  Bai  und  des  Hafens  den  Fürsten  von  Hizen  und  Tsikuzen  an- 
vertraut, welche,  im  Oberbefehle  jährlich  abwechselnd,  eine  Anzahl  kleiner  Kriegs- 
fahrzeuge und  etwa  tausend  Mann  Besatzung  an  Ort  und  Stelle  unterhalten.  Die 
Stadt  Nagasaki  steht  mit  ihrem  Gebiete  unter  einem  Rentmeister  und  einem  Bürger- 


Ansicht  des  Hafens  von  Nagasaki 


40 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


41 


meister,  welche  dem  Statthalter  des  Sjögun  untergeben  sind.  Die  in  Fig.  1 gegebene 
Ansicht,  des  Hafens  und  der  Bai  von  Nagasaki  und  der  in  Fig.  2 vorliegende  Plan 
von  Dezima  werden  den  Lefer  vorläufig  mit  der  Topographie  diefer  Gegenden  näher 
bekannt  machen. 

Den  ersten  Plan  der  Stadt  und  Bai  Nagasaki  hat  uns  E.  Kaempfer,  und  zwar 
nach  einer  japanifchen  Karte  mitgeteilt,  von  der  in  neuerer  Zeit  (1802,  1821),  unter 
dem  Titel  Hizen  Nagasaki  su  bessere  Auflagen  zu  Nagasaki  erschienen  sind.  Auch 
die  französischen  Missionäre  in  China  haben  nach  den  Mitteilungen  chinesischer  See- 
leute die  Skizze  eines  Planes  von  diesem  Hafen  und  der  Stadt  geliefert  — ober- 
flächliche Umrisse  ohne  hydrographischen  Wert.  Eine  sehr  brauchbare  Karte  des 
Eingangs  in  die  Bai  wurde  nach  einem  Manuskript  der  N.  V.  O. -Kompagnie  im  Jahre 


Fig.  2.  Plan  von  der  niederländischen  Faktorei  Dezima  im  Jahre  1828. 

1794  zu  London  herausgegeben.  Schade,  dafs  Admiral  von  Krusenstern  während 
seines  Aufenthaltes  in  Japan  mit  dieser  und  der  erwähnten  japanischen  Karte  nicht 
bekannt  war,  sonst  würde  der  Plan,  den  uns  dieser  grofse  Seefahrer  mitgeteilt,  bei 
weitem  richtiger  und  vollkommener  geworden  sein.  Nichts  ist  für  Ausländer  in  Japan 
mit  mehr  Schwierigkeiten  verbunden  als  Arbeiten  dieser  Art.  Das  Schicksal,  welches 
mich  ihretwegen  traf,  mag  dies  bewähren,  und  zugleich  die  Spärlichkeit  geographi- 
scher und  hydrographischer  Mitteilungen  über  Japan  von  seiten  der  Niederländer  ent- 
schuldigen. 

Die  in  meinem  Atlas  gegebenen  Pläne  der  Bai  von  Nagasaki  und  der  Umgebung 
sind  das  Resultat  meiner  vieljährigen  im  geheimen  gemachten  Beobachtungen  auf 
meinen  Exkursionen  in  dieser  Gegend,  wobei  mir  meine  Freunde  Verkork  Pistorius 
und  Manuel  behülflich  waren. 

[11.  August.]  Die  Onderneming,  welche  wir  seit  der  Umseglung  des  Cap  Nomo 
aus  dem  Gesicht  verloren  hatten,  holt  uns  ein  und  legt  sich  dicht  neben  uns  vor 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Anker.  — Der  anhaltend  ungünstige  Wind  vereitelt  alle  Bemühungen  der  Japaner, 
uns  in  den  Hafen  zu  bringen.  Am  Abend  und  die  Nacht  hindurch  wird  die  Bai 
wieder  beleuchtet,  während  Kriegsmusik  und  der  taktmäfsige  Gesang  der  Ruderer  auf 
den  sich  ablösenden  Wachtschiffen  die  feierliche  Stille  unterbrechen. 

Endlich  machte  es  eine  Windstille  möglich,  mit  festgemachten  Segeln  uns  in  den 
Hafen  bugsieren  zu  lassen.  Wir  erreichen  alsbald  den  Eingang  bei  den  erwähnten 
Wachen,  wo  wir  sofort  im  Hintergründe  der  Bai  die  Stadt  Nagasaki  erblicken; 
vor  ihr  das  künstlich  geschaffene  Inselchen  Dezima  mit  der  hochflatternden  nieder- 
ländischen Flagge.  Eine  Menge  Fahrzeuge,  worunter  chinesische  Dschonken  her- 
vorragen, beleben  den  Hafen,  und  längs  den  Vorbergen  um  die  Stadt  erheben  sich 
zahlreiche  grofsartige  Tempelgebäude.  — Wir  begrüfsen  nun  nach  vorgeschriebenem 
Gebrauche  mit  einem  Salut  die  Wachen,  welche  mit  wappenreichen  Schanzkleidern, 
Fahnen  und  Waffen  prangen.  Die  Bai  wird  immer  lebhafter,  je  näher  wir  der  Stadt 
kommen,  und  bietet  dem  Auge  auf  beiden  Seiten  die  mannigfaltigsten  Ansichten  dar. 
Die  Windstille  und  ein  heiterer  Himmel  vereinigen  sich,  die  Landschaft  im  schönsten 
Glanze  zu  zeigen.  Welch’  einladende  Ufer  mit  ihren  freundlichen  Wohnungen!  Welch’ 
fruchtbare  Hügel,  welch’  hehre  Tempelhaine!  Diese  lebhaft  grünen  Berggipfel,  wie 
malerisch  erscheinen  sie  in  ihrer  vulkanischen  Gestaltung!  Mit  welcher  Üppigkeit 
ragen  an  den  Abhängen  immergrüne  Eichen,  Cedern  und  Lorbeerbäume  empor! 
Welche  Thätigkeit,  welchen  Fleifs  verkündet  hier  die  durch  Menschenhand  gleichsam 
gezähmte  Natur!  Es  zeugen  dafür  jene  schroffen  Felsenwände,  an  denen,  stufenweis 
den  jähen  Vorbergen  abgewonnen,  Getreidefelder  und  Gemüsegärten  angelegt  sind;  es 
zeugen  dafür  die  Gestade,  deren  cyklopische  Mauern  der  Willkür  eines  feindlichen 
Elements  feste  Grenzen  setzen. 

Schon  sehen  wir  die  Mauern  von  Dezima  und  erkennen  die  Glasfenster  und 
grünen  Jalousien.  Wir  sind  am  Ziele  — der  Anker  fällt.  Kanonenschüsse  verkünden 
der  Stadt  die  Ankunft  der  niederländifchen  Schiffe. 

Bereits  früher  Athen  wir  ein  grofses  Thor  an  der  SW.- Seite  Dezimas  sich  öffnen 
und  Vorbereitungen  zu  unserem  Empfange  sich  entwickeln.  Jetzt  zeigte  sich  ein  fest- 
licher Zug,  der  uns  die  Ankunft  des  Oberhauptes  des  niederländischen  Handels,  des  Ritters 
J.  Cock  Blomhoff  verkündete,  und  bald  hatten  wir  die  Ehre,  diesen  Herrn  in  Begleitung 
eines  Sekretärs  und  anderer  niederländischer  und  japanischer  Beamten  der  Faktorei  an 
Bord  zu  empfangen. 

Die  steifen  Höflichkeitsbezeugungen  dieser  Herren  unter  sich  und  gegen  vor- 
nehme Japaner  und  die  altmodische  Tracht,  worin  uns  unsere  Landsleute  entgegen- 
traten — gestickte  Sammtröcke  und  schwarze  Mäntel,  Federhüte,  Stahldegen  und 
ein  spanisches  Rohr  mit  grofsem,  goldenen  Knopfe  — - machten  auf  uns  eben  nicht 
den  günstigsten  Eindruck.  Doch  seit  einigen  Tagen  durch  den  Umgang  mit  japani- 
schen Beamten  der  Faktorei  und  mit  niederländischen  Abgeordneten  einigermafsen 
mit  dem  auf  Dezima  herrschenden  Ton  bekannt  geworden,  fanden  wir  uns  in  das 
Ceremoniell  des  XVII.  Jahrhunderts  und  schickten  uns  zum  glänzenden  Einzug  in 
Dezima  an. 


Per  varios  casus,  per  tot  discrimina  rerum 
Tendinitis  in  Latium. 


Visg'il. 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


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A n h a n g. 

Eroberung  der  Insel  Formosa  (Taiwan)  durch  den  Chinesen  Koksenia 

im  Jahre  1662. 

Koksenia,  der  ursprünglich  den  Namen  Tsching  tsching  kung  führte,  war  der  Sohn 
eines  chinesischen  Kaufmanns  Tsching  dschi  lung  aus  Fukian,  seine  Mutter  ein  japa- 
nisches Freudenmädchen  aus  Hirado,  wo  sein  Vater  sich  früher  aufgehalten  hatte. 
Während  die  Mandschu  China  unterjochten,  verlegte  sich  Tsching  dschi  lung  (sonst 
Equan  oder  Yquan  genannt),  nachdem  er  durch  Handel  reich  geworden,  auf  Freibeuterei, 
wurde  von  seinem  Kaiser  zum  Befehlshaber  eines  Geschwaders  gegen  die  Mandschu 
ernannt,  und  suchte  später  selbst  zu  Lande  deren  Fortschritte  zu  hemmen,  bis  er  durch  List 
in  die  Gewalt  seiner  Feinde  geriet.  Dadurch  erbitterter,  trat  Tsching  tsching  kung,  der 
seinen  Vater  auf  allen  Feldzügen  begleitet  hatte,  als  Streiter  gegen  die  fremde  Ober- 
herrschaft auf  und  nahm  den  Namen  Koksenia,  eigentlich  Kue  sing  ye,  das  wäre: 
Herr  von  Landesfamilien,  an.  Er  suchte  auch  Japan  in.  den  Streit  zu  ziehen; 
doch  sein  Anerbieten  (1658)  fand  dort  kein  Gehör.  Nach  dem  Untergang  der 
Dynastie  Ming  behauptete  er  sich  noch  als  hartnäckiger  Gegner  der  Mandschu,  bis  er 
durch  Übermacht  vom  festen  Lande  vertrieben,  auf  seine  Flotte  beschränkt  wurde. 
Er  hielt  sich  zwar  noch  auf  Hia  men  und  erkämpfte  manche  Vorteile;  doch  die  Be- 
denklichkeit seiner  Lage  zwang  ihn  endlich,  einen  Zufluchtsort  aufserhalb  Chinas  zu 
suchen,  und  Taiwan  wurde  nun  sein  Ziel. 

Hier  hatte  seit  1624  die  Niederländische  Ostindische  Compagnie  festen  Fufs 
gefafst  und  an  der  Westseite  Formosas  auf  einer  Düneninsel,  die  mit  dem  Lande 
einen  geräumigen  Hafen  bildet,  das  Fort  Zeelandia  erbaut.  Eine  Stadt  gleichen 
Namens,  meist  von  eingewanderten  Chinesen  bewohnt,  erhob  sich  daneben,  und 
einige  Festungswerke  sicherten  die  wichtigsten  Punkte  umher.  Mehrere  Dörfer  ent- 
standen, und  die  Eingeborenen  fügten  sich  willig  dem  Verkehr  mit  den  Europäern, 
von  denen  sie  Bildung  und  selbst  das  Christentum  annahmen.  Ein  blühender  Handel, 
begünstigt  durch  die  Lage  und  Erzeugnisse  dieser  schönen  Insel,  verbreitete  reges 
Leben,  Kultur  und  Wohlstand.  So  war  Formosa  eine  der  bedeutendsten  Besitzungen 
der  Compagnie  geworden.  Es  eignete  sich  aber  auch  zu  einem  Vereinigungs- 
punkt der  niederländischen  Seemacht,  um  dem  Handel  der  Spanier  und  Portugiesen 
auf  Makao  leichter  Schranken  zu  setzen,  während  es  durch  seine  geographische  Lage 
zur  Verbindung  von  Ostindien  mit  den  Küsten  des  nordöstlichen  Asiens  — mit  China 
und  Japan  — wie  geschaffen  schien.  Selbst  dem  noch  schlummernden  Handel  im  grofsen 
Ozean  und  längs  den  nordwestlichen  Küsten  von  Amerika  öffnete  sein  Besitz  hoffnungs- 
reiche Aussichten. 

Koksenias  Absicht  auf  Formosa  blieb  den  Niederländern  nicht  lange  verborgen, 
und  von  vielen  Seiten  liefen  Warnungen  ein.  Bereits  im  Jahre  1646  machte  man 
von  Japan  aus  auf  Koksenias  Plan  aufmerksam,  und  ein  Jesuit  brachte  aus  China  1652 
die  Bestätigung  dieses  Gerüchtes  nach  Batavia.  Der  Aufstand  der  Chinesen  auf  For- 
mosa in  demselben  Jahre  zeigte  den  Niederländern,  dafs  sie  von  seiten  dieser 
zahlreichen  Ansiedelung  nichts  weniger  als  Beistand  zu  erwarten  hätten.  1854 — 55 
wiederholten  sich  die  Gerüchte  von  China  her,  und  Koksenia  verbot  1656  seinen 
Landsleuten  bereits  die  Fahrt  nach  Taiwan.  Die  Warnungen  der  Regierung  von 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Batavia  (1657),  die  Versicherung  vieler  aus  China  geflüchteten  Einwohner,  dafs  Koksenia, 
bei  einem  schlimmen  Ausgang  seiner  Unternehmungen  auf  dem  Festlande,  die  Eroberung 
I aiwans  beschlossen  habe,  die  plötzliche  Auswanderung  vieler  Chinesen  von  Formosa, 
als  Koksenias  Absichten  endlich  ruchbar  wurden:  alles  dies  liefs  den  Gouverneur  und 
den  Rat  von  Taiwan  am  baldigen  Erscheinen  dieses  Feindes  nicht  mehr  zweifeln.  Man 
traf  Anstalten  zur  Gegenwehr  und  verlangte  Unterstützung  von  Batavia.  Doch  auch 
Koksenia  wurde  von  diesen  Rüstungen  unterrichtet  und  suchte  nun  durch  klug  be- 
rechneten Aufschub  die  Niederländer  wieder  einzuschläfern.  Mit  friedliebender  Maske 
täuschte  er  den  Rat  von  Taiwan,  und  gerade  derjenige,  dem  ihre  Beschützung  auf- 
getragen war,  machte  die  bedrohte  Niederlassung  noch  wehrloser.  Van  der  Lahn 
war’s,  der  im  Juli  1660  mit  einer  Flotte  von  Batavia  auslief,  um  Formosa  gegen  den 
drohenden  Überfall  zu  decken.  Um  die  Ausrüstung  der  Flotte  nicht  vergebens  unter- 
nommen zu  haben,  hatte  ihm  die  Compagnie,  im  Falle  das  Gerücht  wegen  Koksenia 
sich  nicht  bestätigen  sollte,  die  Eroberung  der  reichen  portugiesischen  Besitzung  Makao 
aufgetragen.  Die  Aussicht  auf  ein  so  glänzendes  Unternehmen,  das  ihm  persönlich  auch 
reicheren  Gewinn  versprach,  liefs  van  der  Lahn  keine  Gefahr  für  Formosa  sehen,  und 
da  der  verdienstvolle  Gouverneur  Coyett  und  der  Rat  von  Taiwan  auf  sein  Verlangen, 
die  Flotte  nach  Makao  zu  entlassen,  nicht  eingehen  wollten,  kehrte  er,  entzweit  mit 
ihnen,  nach  Batavia  zurück  und  bot  zu  Coyetts  Sturz  alle  Künste  der  Verläumdung 
auf.  Er  fand  Gehör,  der  Beschuldigte  blieb  unverteidigt,  und  auf  Batavia  wurden  alle 
für  Formosa  getroffenen  Vorsichtsmafsregeln  als  unnötig  widerrufen.  — Koksenia  war 


inzwischen  bereits  auf  Formosa  gelandet.  — 

Am  31.  April  1661  mit  Tagesanbruch  zeigte  sich  seine  Flotte  vor  Taiwan,  lief 
zwischen  Zeelandia  und  Provintia  in  den  geräumigen  Hafen  ein,  und  während  ein 
Teil  der  Schiffe,  zwischen  den  beiden  Forts  ankernd,  deren  Verbindung  aufhob, 
setzte  der  andere,  unter  dem  Beistand  der  ansässigen  Chinesen,  die  Kriegshaufen  ans 
Land.  Es  war  das  Werk  von  zwei  Stunden.  Die  Besatzung  von  Zeelandia  suchte  wohl 
dem  weitern  Vordringen  der  Feinde  durch  mutige  Ausfälle  Schranken  zu  setzen,  mufste 
jedoch  der  Übermacht  eines  Heeres  von  zwanzigtaufend  geübten  Kriegern  weichen. 
Das  niederländische  Schiff'  Hector  wurde  im  Kampfe  mit  den  feindlichen  Dschonken  in 
die  Luft  gesprengt,  und  die  drei  noch  übrigen  Fahrzeuge  bahnten  sich  unter  Wundern 
von  Tapferkeit  den  Weg  in  die  offene  See,  den  besten  Teil  der  niederländischen 
Streitkräfte  mit  sich  fortführend.  Die  ersten  Versuche  der  Gegemvehr  zu  Wasser 
und  zu  Land  waren  mifsglückt;  Koksenia,  der  aus  der  chinesischen  Ansiedelung  einen 
Zuwachs  von  etwa  25000  Mann  erhalten,  sah  sich  noch  an  demselben  Tage  als 
Herrn  des  Landes,  da  auch  die  eingeschüchterten  Eingebornen  sich  willig  dem  Be- 
fehle des  Siegers  fügten.  Er  forderte  Zeelandia  und  Provintia  zur  Übergabe  auf.  Die 
Niederländer  boten  ihm  eine  Ablösungssumme,  wogegen  er  Formosa  wdeder  räumen 
sollte:  aber  Koksenias  politische  Lage  machten  ihm,  wie  er  erklärte,  den  ungeteilten 
Besitz  seiner  neuen  Freistätte  zur  Notwendigkeit.  Nicht  die  Bereicherung  mit  den 
Schätzen  der  Compagnie  war  sein  Zweck.  Er  gestand  den  Niederländern  freien 
Abzug  zu  und  bot  ihnen  selbst  seine  Dschonken  zur  Überführung  ihrer  Güter  und 
Kriegsgeräte  nach  Batavia  an.  Doch  seine  Vorschläge  wurden  zurückgewiesen , und 
die  Niederländer  beschlossen,  das  Eigentum  ihrer  Herren  und  Meister  treu  zu  behaupten. 
Doch  das  Fort  Provintia,  von  Kriegs-  und  Lebensmitteln  entblöfst,  ergab  sich  bereits  am 
4.  Mai,  und  Koksenia  wendete  jetzt  seine  ganze  Macht  gegen  Zeelandia.  Ein  Teil  seines 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


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Heeres  landete  an  der  südlichen  Spitze  der  grofsen  Düneninsel,  während  eine  Abteilung 
der  Flotte  an  der  Ostseite  des  Forts  vor  Anker  ging.  • Die  Stadt  wurde  verlassen; 
alles  flüchtete  ins  Fort. 

Ein  schneller  Angriff  in  den  ersten  Stunden  der  Überraschung  hätte  sofort  zu 
Koksenias  Vorteil  entscheiden  können:  doch  einen  Tag  um  den  andern  zögernd,  liefs 
er  seinen  Gegnern  Zeit,  alle  ihnen  zu  Gebot  stehenden  Verteidigungsmittel  ins  Werk 
zu  setzen.  Endlich  ani\  25.  Mai  eröffneten  die  Chinesen  aus  sechsundzwanzig  Kanonen, 
die  sie  in  der  Nacht  vorher  ohne  Schanzen  auf  freiem  Felde  aufgestellt,  das  Feuer 
und  bestürmten  das  Fort.  Doch  ein  heftiger  Kugelregen  wies  sie  zurück  und  streckte 
gliederweise  die  ohne  Deckung  Kämpfenden  nieder.  Ein  Ausfall  der  Niederländer 
vollendete  ihre  Verwirrung,  und  es  erfolgte  eine  allgemeine  Flucht.  Doch  konnte  das 
Häuflein  der  Besatzung  diesen  Vorteil  nicht  weiter  verfolgen  und  mufste,  in  Gefahr 
vom  Fort  abgeschnitten  zu  werden,  sich  mit  der  Zerstörung  der  verlassenen  feindlichen 
Geschütze  begnügen.  Ein  zweiter  späterer  Ausfall  hatte  gleichen  Erfolg. 

Solche  Gegenwehr  hatte  Koksenia  von  der  geringen  Besatzung  nicht  erwartet. 
Von  seinem  Heere  war  ein  bedeutender  Teil  gefallen,  und  seine  Streitkräfte  schienen 
ihm  zur  Feststellung  seiner  Herrschaft  auf  Formosa  nötiger,  als  dafs  er  sie  ferner  vor 
den  Wällen  eines  Forts  aufopfern  sollte,  welches  er  auch  durch  Hunger  zur  Übergabe 
zwingen  konnte.  Er  begann  am  1.  Juni  mit  der  Einfchliefsung  von  Zeelandia. 

Inzwischen  hatten  Coyetts  Feinde  in  Batavia  ihre  Ränke  durchgesetzt,  die 
Verleumdungen  van  der  Lahns,  Clenks  und  Verburghs  Glauben  gefunden,  und 
am  21.  Juni  1661  war  der  Advokat-Fiskal  H.  Clenk  unter  Segel  gegangen,  um  Coyett 
seines  Postens  zu  entsetzen.  Zwei  Tage  später  kam  die  Yacht  Maria,  eines  von  den 
drei  Schiffen,  welche  bei  dem  Seegefechte  vor  Taiwan  durch  die  Dschonken  ent- 
kommen waren,  nach  Batavia  und  überbrachte  die  unerwartete  Botschaft  von  dem 
Überfalle  Formosas.  Die  Ränke  wurden  jetzt  entlarvt,  Coyetts  Absetzung  widerrufen, 
und  ein  anderer  Advokat  und  Justizrat,  J.  Caeuw,  zu  Zeelandias  Entsatz  abgeschickt. 
Doch  sein  Vorgänger  behielt  raschen  Vorsprung  und  erschien  am  30.  Juli  auf  der 
Höhe  von  Taiwan  mit  fliegenden  Wimpeln:  als  er  zu  seiner  Überraschung  die  feind- 
lichen Dschonken  im  Hafen  und  auf  dem  Kastell  die  Kriegsflagge  erblickte.  Er 
sandte  an  Coyett  das  Schreiben  der  Ungnade  seiner  Regierung,  kündigte  sich  selbst 
als  dessen  Nachfolger  an,  steuerte  aber  trotz  den  wiederholten,  dringenden  Auf- 
forderungen zum  Antritte  seines  Amtes  nach  dem  sichern  Japan,  wo  er  sich  mit 
empörender  Schamlosigkeit  als  Landvogt  von  Taiwan  ankündigte  und  mit  Ehren  über- 
häufen liefs. 

Die  unter  Caeuw  ausgesandte  Hülfsflotte  langte  am  12.  August  auf  der  Rhede 
von  Taiwan  an.  Ihr  Erscheinen  brachte  den  Belagerten  neue  Hoffnung  und  ver- 
breitete Schrecken  im  Lager  der  Feinde:  doch  Wind  und  Wellen  verhinderten  die 
Landung,  und  Caeuw  suchte  wieder  die  offene  See  auf.  Auch  er  verschwand.  Die 
Erscheinung  der  niederländischen  Flotte  machte  Koksenia  nicht  wenig  bestürzt,  da  er 
sich  nun  von  Batavia  aus  bedroht  sah;  doch  ein  Sturm  warf  ein  Schiff  dieser 
Flotte  an  den  Strand  von  Formosa  und  verriet  dem  chinesischen  Heere,  dafs 
der  Zustand  der  zu  seinem  Verderben  ausgerüsteten  Flotte  diesmal  minder  furcht- 
bar war. 

Caeuw  kehrte  am  10.  September  nach  Formosa  zurück  und  ging  unter  den 
Kanonen  von  Zeelandia  vor  Anker.  Die  Niederländer  unternahmen  einen  Angriff  zu 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Wasser  und  zu  Land.  Gegenwind  vereitelte  ersteren,  und  auch  der  Versuch,  den 
Feind  aus  seinen  Verschanzungen  auf  Baxemboy  zu  vertreiben,  schlug  fehl.  Dieser 
heldenmütige  Widerstand,  so  wenig  Vorteil  er  übrigens  den  Belagerten  brachte,  ver- 
breitete Mutlosigkeit  und  Mifsvergnügen  im  chinesischen  Heere,  und  Koksenias  Lage 
war  ebenso  bedenklich  und  unsicher,  als  die  der  Belagerten  bedrängt  und  elend;  da 
boten  die  in  China  siegreichen  Mandschu  den  Niederländern  unerwarteten  Beistand 
an.  Neue  Hoffnung  hob  den  Mut  der  auf  Zeelandia  Ausdauernden,  während  der 
trotzige  Belagerer  mit  finsterer  Stirne  auf  sein  gegen  ihn  bewaffnetes  Vaterland 
hinüberblickte. 

Das  Anerbieten  einer  so  mächtigen  Hülfe  von  aufsen  war  wohl  niemanden  er- 
wünschter als  dem  Advokaten  und  Justizrat  Caeuw,  dessen  sehnlichster  Wunsch  es 
war,  einen  so  unerfreulichen  Schauplatz  zu  verlassen.  Bereits  früher  hatte  er  seine 
Rückkehr  nach  Batavia  in  Vorschlag  gebracht,  um  von  dort  aus  den  Belagerten  durch 
Fürsprache  zu  nützen,  und  wenige  Tage  vorher  selbst  um  die  Ehre  angehalten, 
die  Frauen  und  Kinder  der  Niederländer  dahin  zu  führen.  Jetzt  trug  er  sich  als 
Gesandter  an  den  mandschuischen  Statthalter  von  Fukian  an  und  fand  den  Rat  will- 
fährig. Die  Rettung  seiner  Landsleute,  die  Ehre  seiner  Nation,  die  Wohlfahrt  des 
Handels  seiner  Compagnie  wurden  ihm  anvertraut,  und  er  verliefs  mit  fünf  Segeln 
die  unheimliche  Rhede  von  Taiwan.  Für  den  Fall  eines  Sturmes  waren  ihm  die 
Pescadores  zum  Verweilen  angewiesen;  kaum  in  offene  See  gekommen,  eilte  er  den 
Pescadores  zu  und  verweilte  dort.  Den  Aufforderungen  und  Beschwörungen  seiner 
Offiziere  setzt  er  geheime  Instruktionen  entgegen,  findet  endlich  für  nötig,  die  Anker 
zu  lichten  und  steuert  nach  den  Niederlassungen  seiner  Landsleute  in  — Siam,  wo  er 
stolz  unter  allen  Zeichen  des  Sieges  auftritt,  und  als  diese,  besser  unterrichtet,  ihn  auf 
seine  Pflicht  hinweisen,  kehrt  er  nach  Batavia  zurück,  wo  er  mit  einem  Kriegsrapport 
seine  Thaten  krönt. 

Während  Caeuw  bei  den  Pescadores  verweilte,  waren  drei  seiner  Schiffe  wiegen 
erlittener  Beschädigung  nach  Formosa  zurückgekehrt,  die  nach  ihrer  Ausbesserung 
wieder  nach  den  Pescadores  zurückeilten.  Caeuw  war  verschwunden  und  hatte  die 
Nachricht  von  seiner  Abfahrt  nach  Batavia  hinterlassen.  Diese  Botschaft  benahm  den 
Belagerten  die  letzte  Hoffnung.  Sie  sahen  die  niederländische  Compagnie  durch  Ränke 
hintergangen,  sich  selbst  von  den  eignen  Landsleuten  verraten:  kein  Wunder,  wenn 
Krankheit  und  Elend  den  tapferen  Sinn  der  Verlassenen  zu  tiefer  Mutlosigkeit  herab- 
stimmten. Überläufer  machten  endlich  Koksenia  mit  dem  Zustande  der  Besatzung  und 
den  Schwächen  der  Festungswerke  bekannt;  er  eröffnete  drei  Batterien  gegen  das  Fort, 
erstürmte  die  Redoute  Utrecht  und  beherrschte  von  da  aus  Zeelandia.  Noch  dachte 
der  hochherzige  Coyett  an  Widerstand,  entschlossen  an  der  Spitze  der  Seinen  sich 
bis  aufs  äufserste  zu  halten;  doch  die  Erwägung  ihrer  Ohnmacht,  ohne  Aussicht  auf 
Entsatz,  überzeugte  die  Niederländer,  dafs  ihnen,  auch  wenn  sie  einen  nächsten  Sturm 
noch  abgewiesen,  fernere  Gegenwehr  unmöglich  sei.  Verleumdet,  verraten,  ver- 
lassen übergab  endlich  Coyett  in  einer  ehrenvollen  Kapitulation  am  i.  Februar  1662 
Zeelandia  dem  Eroberer  und  zog  mit  dem  Rest  der  Seinen  nach  Batavia  — einem 
traurigen  Lose  entgegen.  Nach  zweijähriger  Haft  wurde  er,  der  Ehre  und  Habe  be- 
raubt, auf  eine  der  Bandainseln  verbannt,  bis  endlich  nach  zwölf  Jahren  seine  Kinder 
und  Freunde  in  Holland  durch  Verwendung  bei  dem  Prinzen  von  Oranien  seine  Be- 
freiung erlangten. 


Reisen,  i.  Reise  von  Batavia  nach  Japan  im  Jahre  1823. 


47 


Nach  dem  Abzug  der  Niederländer  war  Koksenia  unumschränkter  Herr  von 
Formosa.  Er  gründete  an  der  Stelle  des  heutigen  Taiwan  fu  die  Hauptstadt  seines 
neuen  Reiches,  das  er  Tung  ning,  östliche  Ruhe,  nannte,  und  nahm  seine  Residenz 
in  dem  wiederhergestellten  Zeelandia,  das  nun  den  Namen  Ngan  ping  tsching  erhielt. 
Er  starb  im  ersten  Jahre  von  Khang  hi  (1662).  Sein  Sohn  und  Nachfolger  Tsching 
King  Ma'i  nahm  zugleich  Besitz  von  den  Pescadores.  Eine  im  Jahre  1664  gegen 
Taiwan  ausgesandte  Expedition  von  seiten  Chinas  mifslang.  In  den  Jahren  1674, 
1678  unternahm  Tsching  King  Ma'i  verheerende  Einfälle  in  China.  Er  starb  1681 
und  hinterliefs  einen  minderjährigen  Sohn,  Tsching  Khe  Schang.  Als  Yao,  mand- 
schuischer  Statthalter  von  Fukian,  den  Chinesen  auf  Formosa  Amnestie  und  Wieder- 
einsetzung in  ihre  früheren  Verhältnisse  in  China  anbot,  kehrte  ein  grofser  Teil  der- 
selben in  die  Heimat  zurück.  Yao  sandte  hierauf  eine  Flotte  gegen  Formosa,  die 
Pescadores  wurden  genommen,  und  Tsching  Khe  Schang,  um  einem  Angriffe  zuvor- 
zukommen, unterwarf  sich  der  in  China  herrschenden  Dynastie.  Er  wurde  in  die 
Nähe  von  Peking  versetzt  mit  dem  Titel  eines  Wang  (Fürsten).  Seitdem  ist  Taiwan 
der  Provinz  Fukian  einverleibt. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjögun  im  Jahre  1826. 

Einleitung1  zur  Reise  nach  Jede  im  Jahre  1826. 

Übersicht.  Vorbereitung  zur  Reise.  — Plan  zu  einer  Verlängerung  des  Aufenthaltes  in  Jedo.  — 
Begünstigung  von  seiten  der  Niederl. -Indischen  Regierung.  — Gutes  Verständnis  mit  Japanern,  ungünstige 
Stimmung  des  Gesandten.  — Personal  der  niederländischen  Gesandtschaft.  — Schilderung  der  japa- 
nischen Dolmetscher  und  anderer  Begleiter.  — Bediente.  — Ausrüstung  mit  Reisegerätschaften  und 
Instrumenten.  — Vorrechte  der  niederländischen  Gesandten.  — Unpassender  Gebrauch  japanischer 
Insignien  für  einen  europäischen  Gesandten.  — Art  der  Reisebeförderung;  Beschreibung  der  Sänften, 
Reisekoffer,  Packpferde  und  Packochsen,  Sänften  und  Lastträger.  — Chausseen  und  Poststrafsen.  — 
Meilenzeiger,  Meilen.  — Reisebücher,  Wegweiser.  — Postwesen,  Taxordnung  für  Träger  und  Pferde.  — 
Brief-  und  Eilposten.  — Feuer-  und  Raketensignale.  — Gasthöfe  und  Herbergen.  — Bäder.  — Thee- 
häuser  u.  s.  w.  — Grenzwachen.  — Brücken.  — Schiffahrt  und  Schiffahrtskunde,  Schiffbau,  Schiffs- 
werften, Seehäfen.  — Flufsschiffahrt.  — Kanäle.  •—  Dämme. 

on  der  Reise  nach  Jedo,  welche  auf  das  Jahr  1826  anberaumt  war,  liefsen 
sich  bei  meiner  Sendung  nach  Japan  interessante  Ergebnisse  für  die  Natur- 
wissenschaften wie  für  die  Länder-  und  Völkerkunde  erwarten;  um  so 
mehr,  da  mir  ein  mehr  als  zweijähriger  Aufenthalt  auf  Dezima  Zeit 
und  Gelegenheit  zu  all  den  Vorbereitungen  geboten  hatte,  die  zur  Lösung 
einer  solchen  Aufgabe  nötig  waren.  Es  galt  aus  der  bevorstehenden  Reise  jeden  nur 
möglichen  Vorteil  zu  ziehen,  und  mein  ganzes  Streben  ging  nun  dahin,  mich  im  voraus 
mit  allem,  was  das  Interesse  eines  Reisenden  in  Anspruch  nimmt,  bekannt  zu  machen. 

Von  der  Geographie  des  Landes,  von  der  Sprache  der  Einwohner,  von  ihren 
Sitten  und  Gebräuchen  hatte  ich  mir  Kenntnis  durch  den  Umgang  mit  gebildeten 
Japanern  verschafft.  Wenn  auch  meine  eigenen  Exkursionen  vorerst  nur  über  einen 
kleinen  Teil  von  Kiusiu  — über  die  Umgegend  von  Nagasaki  sich  erstreckten,  so 
machten  mich  doch  mit  den  Naturerzeugnissen  der  entferntesten  Provinzen  kundige 
Ärzte  bekannt,  die,  um  meinen  Unterricht 'in  den  Natur-  und  Heilwissenschaften  zu 
geniefsen,  aus  allen  Gegenden  des  Reiches  herbeikamen  und  ihren  Lehrer  mit  Na- 
turalien und  mit  Abbildungen  naturhistorischer  Gegenstände  und  Büchern  beschenkten. 
Meine  Schüler  beeiferten  sich,  Sammlungen  von  lebenden  und  getrockneten  Pflanzen, 
Tiere  und  Mineralien  aus  allen  Teilen  des  Reiches  herbeizuschaffen,  und  Hunderte 
von  Kranken,  die  der  Ruf  des  neu  angekommenen  Arztes  nach  Nagasaki  lockte, 
suchten  sich  durch  Überreichung  seltener  oder  in  ihren  Augen  merkwürdiger  Natur- 
erzeugnisse der  thätigen  Hülfe  desselben  zu  versichern.  — Zum  Sammeln  der 
Seetiere  bot  der  Hafen  von  Nagasaki  eine  Gelegenheit,  wie  man  sie  kaum  besser 
wünschen  kann.  Was  sich  nur  immer  an  Fischen,  Krabben  u.  dgl.  auf  den  Fisch- 
märkten vorfand,  wurde  Gegenstand  meiner  Beobachtung  und  der  Untersuchung 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


49 


meiner  wifsbe gierigen  Schüler.  Auch  einige  Jäger  hatte  ich  in  Dienst  genommen, 
um  Vögel  und  Säugetiere  für  mich  zu  erlegen,  und  andere  Leute  wurden  zum  Aul- 
suchen der  Insekten  abgerichtet.  Auf  Dezima  legte  ich  einen  botanischen  Garten  aq, 
der  infolge  meiner  vielseitigen  Verbindungen  bald  an  tausend  Arten  japanischer  und 
chinesischer  Gewächse  zählte.  So  kam  ich  zur  Kenntnis  der  Fauna  und  der  Flora  der 
japanischen  Inseln,  und  selbst  von  Jezo  und  den  Kurilen  erhielt  ich  durch  einen  vor- 
nehmen Japaner,  den  ich  von  einer  gefährlichen  Krankheit  geheilt  hatte,  eine  be- 
deutende Sammlung  naturhistorischer  und  ethnographischer  Gegenstände. 

Die  über  das  Land  und  dessen  Erzeugnisse  erlangten  Kenntnisse,  sowie  meine 
Erfahrungen  über  den  Kulturzustand  des  Volkes,  über  Handel  und  Gewerbe,  Staats- 
und bürgerliche  Einrichtungen  u.  s.  w.  nach  allen  Seiten  zu  erweitern,  war  jetzt  der 
Hauptzweck  der  bevorstehenden  Reise  nach  Jedo.  Da  jedoch  die  Beschränkungen  auf 
derselben  meinen  Forschungen  nicht  die  Ausdehnung  und  Freiheit  versprachen,  die 
ich  in  ihrem  Interesse  wünschen  mufste,  so  fafste  ich  den  Plan,  nach  Ablauf  unserer 
Gesandtschaft  noch  einige  Zeit,  und  zwar  auf  Staatskosten  in  Jedo  zu  bleiben,  unter 
dem  Vorwände,  den  kaiserlichen  Ärzten  Unterricht  in  der  Natur-  und  Heilkunde  zu 
erteilen,  um  dann  unter  günstigeren  Verhältnissen  später  das  Innere  des  Reiches  zu 
bereisen.  Der  Einflufs  des  Statthalters  von  Nagasaki  und  einiger  hoher  Gönner  in 
Jedo,  sowie  der  günstige  Ruf,  der  mir  als  Arzt  und  Naturforscher  vorausgegangen, 
liefsen  mich  um  so  zuverlässiger  erwarten,  die  Regierung  in  Jedo  werde  auf  diesen 
Plan  eingehen,  als  die  Vorteile,  die  den  Japanern  daraus  zuflossen,  von  zu  hoher  Wich- 
tigkeit für  sie*  selbst  waren. 


Die  Niederländisch-Indische  Regierung,  der  ich  dieses  Vorhaben  mitteilte,  willigte 
nicht  nur  ein  und  erteilte  mir  Verhaltungsbefehle,  worin  die  Gegenstände  meiner 
besonderen  Forschungen  näher  bezeichnet  waren,  sondern  ermächtigte  selbst  den 
Vorsteher  der  Faktorei  und  Gesandten  Job.  Willem  de  Sturler,  die  Kosten  meines 
etwaigen  Aufenthaltes  in  Jedo  und  meiner  weiteren  Reisen  aus  der  Indischen  Kasse 
zu  bestreiten.  Auch  ersuchte  sie  den  Gesandten,  mich  in  diesem  Plane  sowohl  als  in 
meinen  wissenschaftlichen  Unternehmungen  überhaupt  durch  seinen  Einflufs  kräftig  zu 
unterstützen. 

Einer  ähnlichen  grofsmütigen  Entschliefsung  der  Niederländisch -Indischen  Re- 
gierung hatte  ich  die  Bewilligung  meines  Gesuches  um  einen  Gehülfen  und  einen 
Zeichner  zu  verdanken.  Die  Herren  Heinrich  Bürger  und  Karl  Hubert  de  Villeneuve 
wurden  nach  Japan  gesendet.  • Herrn  Bürger,  früher  Apotheker  bei  unsern  Hospitälern 
auf  Java,  übertrug  ich  nun  die  Fächer  der  Physik,  Chemie  und  Mineralogie,  die  er 
mit  besonderer  Vorliebe  betrieb,  während  Herr  de  Villeneuve,  der  zugleich  als  Be- 
amter bei  der  Faktorei  angestellt  war,  sich  mit  Zeichnen  beschäftigte.  Beide  Herren 
haben  sich  im  Verlaufe  meiner  Forschungen  rühmlichst  bewährt. 

Die  niederländischen  Schiffe  — es  dürfen  jährlich,  wie  bekannt,  nur  zwei  zum 
Handel  kommen  — waren  im  Dezember  1825  mit  ihrer  Rückladung  nach  Batavia 
abgegangen,  und  Dezima  und  seinen  Bewohnern  die  eintönige  Ruhe  wiedergegeben, 
die  zur  Handelszeit,  gewöhnlich  von  August  bis  Dezember,  noch  durch  mancherlei 
Arbeiten  und  Geschäfte  unterbrochen  wird,  als  wir  mit  den  Anstalten  zu  unserer 
Hofreise  begannen.  Die  Verhältnisse,  unter  denen  diese  Reise  gemacht  wird,  sind 
eigentümlicher  Art.  Einerseits  werden  die  Niederländer  als  Fremdlinge  beschränkt 
und  stehen  unter  einer  Aufsicht,  die  ängstlich  jeden  Schritt  bewacht;  andererseits  aber 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2,  Aufl. 


4 


5° 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


hängt  auch  vieles  von  unserem- Benehmen,  besonders  von  dem  Einverständnisse  mit 
unsern  Führern  ab.  Manches  liefse  sich  zu  unserem  Vorteile  ändern  und  auch  die 
unserer  Freiheit  gesetzten  Schranken  könnten  überwunden  werden,  wenn  auch  nicht 
auf  offiziellem  Wege,  doch  unter  der  Hand  — an  der  «Binnenkant»,  wie  es  unsere 
japanische  Dolmetscher  im  Gegensatz  von  «Buitenkant»  nennen. 

Mit  unsern  japanischen  Reisegefährten  war  ich  gut  bekannt  und  mit  einigen 
selbst  befreundet;  kleine  Gefälligkeiten,  die  ich  ihnen  gerade  jetzt,  wo  sie  sich  auch  zur 
Reise  zu  rüsten  hatten,  erwies,  machten  sie  noch  entgegenkommender,  und  ich  täuschte 
mich  nicht,  wenn  ich  mir  von  ihrer  Dienstwilligkeit  vieles  für  die  bevorstehende  Reise 
versprach.  Auch  mit  dem  Kuinin,  dem  Führer  der  Mission,  der  bereits  im  August 
von  Jedo  nach  Nagasaki  gekommen  war,  suchten  mich  meine  japanischen  Freunde 
bekannt  zu  machen,  und  als  sie  ihn  bei  mit  einführten,  bot  ich  alles  auf,  auch  sein 
Interesse  für  meine  Person  und  mein  wissenschaftliches  Unternehmen  zu  erwecken. 
Von  seiten  der  Japaner  also,  unter  deren  Geleite  wir  die  Reise  machten,  fand  ich 
Anlafs,  mir  das  Beste  zu  versprechen  — Erweiterung  der  beschränkten  Verhältnisse, 
Gelegenheiten  zu  naturhistorischen  und  anderweitigen  Forschungen  und,  soviel  sie  ver- 
mochten, selbst  eine  hülfreiche  Hand. 

Nicht  so  waren  die  Erwartungen,  die  ich  mir  von  seiten  unsers  Gesandten,  des 
Colonels  de  Sturler  machen  konnte;  denn,  ich  mufs  es  mit  Wehmut  gestehen,  gerade 
der  Mann,  der  auf  Java  so  warmen  Anteil  an  meiner  Mission  genommen  und  sie 
mit  so  viel  Eifer  unterstützt  hatte,  zeigte  sich  jetzt,  in  Japan  selbst,  nicht  blofs  gleich- 
gültig oder  kalt  gegen  alles,  was  mein  Unternehmen  betraf,  sondern  suchte  es  geradezu 
durch  eine  Kette  von  Hindernissen  zu  lähmen  oder  doch  zu  erschweren.  Ob  die 
Ursache  dieser  ungünstigen  Stimmung  in  den  Anordnungen  unserer  Regierung  zu  suchen 
war,  die  meinen  Wirkungskreis  erweiternd  und  mir  mehr  Selbständigkeit  in  meinen 
wissenschaftlichen  Forschungen  gebend , vielleicht  seinem  Interesse  zu  nahe  traten, 
wenn  nicht  seine  eigenen  Pläne  durchkreuzten,  oder  ob  Kränklichkeit  und  Mifsmut 
über  den  minder  günstigen  Ausschlag  seiner  zur  Verbesserung  des  Handels  gemachten 
Vorschläge  diese  Veränderung  hervorrief,  vermag  ich  nicht  zu  entscheiden.  Wie  dem 
auch  sei:  es  bleibt  ihm  dennoch  das  Verdienst  unbenommen,  welches  er  zuerst  um 
meine  Sendung  und  Ausrüstung  zu  einer  Untersuchung  Japans  hatte,  und  dieses  er- 
kenne ich  hier  mit  Dankbarkeit  an.  Hätte  Herr  de  Sturler  das  schöne  Ziel  seiner 
eigenen  Bestimmung,  die  Absichten,  welche  die  Regierung  damit  verband,  unver- 
rückt im  Auge  behalten  und  mit  Ausdauer  verfolgt,  so  würde  sein  Aufenthalt  in 
Japan,  seine  Mission  an  den  Hof  zu  Jedo,  wie  auch  seine  übrigen  Schritte  zur 
Förderung  des  Handels  und  Erlangung  gröfserer  Freiheiten,  mit  dem  Erfolge  gekrönt 
worden  sein,  den  sie  unstreitig  verdienten;  sie  hätten  in  der  Geschichte  des  nieder- 
ländischen Handels  mit  diesem  Fände  eine  glänzende  Epoche  gebildet. 

Aus  dem  Vorausgegangenen  haben  wir  ersehen,  dafs  das  Personal  der  Hofreise 
unsererseits  nur  aus  drei  Mitgliedern  bestand,  aus  dem  Vorsteher  der  Faktorei  als 
Gesandten,  aus  einem  Sekretär  und  dem  Arzte.  Es  wäre  sehr  zu  wünschen  gewesen, 
dafs  mich  sowohl  Herr  Bürger  als  de  Villeneuve  hätten  begleiten  dürfen;  aber  für 
diesmal  war  es  unmöglich;  und  nur  mit  vielen  Umständen  brachte  ich  es  noch  dahin, 
dafs  es  Herrn  Bürger  gestattet  wurde,  die  Reise  unter  dem  Titel  eines  Sekretärs  mit- 
zumachen. Uber  den  Personenstand  der  japanischen  Begleiter  erlaube  ich  mir  nun 
noch  einige  Bemerkungen  einffiefsen  zu  lassen.  Wenn  die  Umrisse,  worin  ich  meinen 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


5 1 


Lesern  die  Dolmetscher  vorstelle,  welche  im  Verlaufe  unserer  Reise  unter  verschiedenen 
Verhältnissen  auftreten  werden,  nicht  sonderlich  viel  Einnehmendes  an  sich  tragen,  so 
will  ich  im  voraus  bemerken,  dafs  man  Leute  einer  Klasse,  die  seit  Generationen  im 
Umgang  mit  Europäern  manches  Gute,  aber  bei  weitem  mehr  Schlechtes  übernommen 
haben,  nicht  mit  den  eigentlichen  Japanern  verwechseln  darf,  wie  diese,  aufserhalb 
des  Verkehrs  mit  Fremden,  ihrer  Landesart  gemäfs  erzogen  und  gebildet  dastehen  — 
ein  Unterschied,  den  wir  immer  ins  Auge  hissen  müssen,  wenn  von  Dolmetschern 
und  solchen  Japanern,  die  mit  uns  auf  Dezirna  verkehren,  die  Rede  ist. 

Als  Oberdolmetscher,  welcher  eine  Hauptrolle  auf  dieser  Reise  spielt,  die  Kasse 
führt  und  gemeinschaftlich  mit  dem  Kuinin  die  politischen  und  diplomatischen  Ange- 
legenheiten betreibt,  folgte  uns  Sujenaga  Sinsajemon,  ein  hoher  Fünfziger,  von  guter 
Erziehung  und  einiger  wissenschaftlicher  Bildung.  Er  war  sehr  erfahren  in  den 
Handelsgeschäften  mit  den  Niederländern,  mehr  noch  in  den  damit  verbundenen 
Mifsbräuchen,  gewandt  im  japanischen  Geschäftsgänge,  klag,  ja  selbst  pfiffig,  dabei 
höflich  bis  zur  Schmeichelei,  hatte  elegante  Formen  und  war  äufserlich  nett;  übrigens 
sparsam  ohne  karg  zu  sein  und  eitel  ohne  Anmafsung.  Sinsajemon  hatte  die  Dol- 
metscherbahn, wie  die  meisten  seiner  Kollegen  auf  Dezirna,  als  Knabe  betreten,  sich 
an  ausländische  Sitten  gewöhnt  und  sprach  und  schrieb  ein  gutes  Dolmetscherhol- 
ländisch. Zur  Zeit  der  russischen  Gesandtschaft  unter  von  Resanoff  und  von  Krusenstern 
1804—1805,  und  besonders  bei  dem  Vorfälle  mit  Lord  Pellew  1809,  hatte  er  seiner 
Regierung  gute  Dienste  geleistet,  stand  daher  bei  den  Statthaltern  von  Nagasaki  in 
Ansehen  und  lebte  in  recht  guten  häuslichen  Verhältnissen.  Er  war  von  kleiner 
Gestalt  und  hager,  hatte  eine  etwas  gebogene  Nase,  ungewöhnlich  grofse  Augen 
und  ein  spitzes  Kinn.  Seine  scharf  gezeichneten  Gesichtszüge  traten  um  so  auf- 
fallender hervor,  da  sich  auch  bei  dem  ernstesten  Gespräche  sein  Mund  zu  jenem 
Lächeln  verzog,  wmdurch  sich  gewöhnlich  erkünstelte  Freundlichkeit  äufsert.  Seine 
gelbliche  Gesichtsfarbe  spielte  ins  Erdfahle,  und  der  geschorne  Scheitel  war  zur 
glänzenden  Glatze  geworden,  auf  der  das  nach  oben  gerichtete  Zöpfchen  dünn  und 
steifgesalbt  ruhte. 

Der  Unterdolmetscher  hiefs  Iwase  Jasiro.  Er  war  ein  angehender  Sechziger 
und  glich  in  Gestalt  und  Manieren  viel  unseren  Sinsajemon.  Eine  stark  gebogene 
Nase,  kleine,  mit  schlaffen  Lidern  bedeckte  Augen,  ein  langes  Kinn,  der  Mund  gleich- 
sam durch  eine  Lähmung  des  linken  Lachmuskels  zu  einem  beständigen  Lachen  ver- 
zerrt, grofse  Ohren  und  eine  Anschwellung  des  Kehlkopfes  machen  die  charakteri- 
stischen Züge  seiner  Gesichtsbildung  aus.  Er  kannte  seinen  Dienst,  hatte  viel  Dienst- 
eifer und  hielt  streng  am  alten  Herkommen.  Er  war  kriechend  höflich,  dabei  schlau  bis 
zur  List,  die  er  hinter  der  Maske  der  Redlichkeit  verbarg,  machte  die  tiefsten  Bücklinge 
und  beschleunigte  seinen  Schritt  im  Dienst-  und  Komplimenteneifer  bis  zum  Trabe. 

Iwase  Jasitsiro,  sein  Sohn,  hatte  viel  Ähnlichkeit  mit  dem  Vater,  nur  dafs  dieser 
schwach  aus  Krankheit  und  Alter  und  jener  ein  abgelebter  Jüngling  war.  Er  war 
übrigens,  was  man  sagt,  ein  guter  Mensch,  der  seinem  Vater  im  Komplimentenmachen 
wenig  nachgab  und  auf  alles  mit  dem  Jaworte  «He»  beantwortete.  Er  wufste  zu  leben 
und  war  kein  Verächter  des  weiblichen  Geschlechts,  in  dessen  Gesellschaft  er  immer 
noch  launige  Einfälle  hatte.  Gegen  uns  zeigte  er  sich  sehr  dienstfertig  und  liels  sich 
im  täglichen  Leben  gut  verwenden.  Er  reiste  diesmal  auf  seines  Vaters  Kosten,  um 
dessen  Handelsgeschäfte  zu  besorgen. 


52 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Als  Privatdolmetscher  des  Gesandten  begleitete  uns  ein  gewisser  Nomura  Hatsutaro, 
unstreitig  einer  der  talentvollsten  und  geschicktesten  unter  den  damals  mit  uns  in  Be- 
rührung stehenden  Japanern.  Er  befafs  gründliche  Kenntnisse  in  seiner  Muttersprache, 
wie  auch  im  Chinesischen  und  Holländischen,  kannte  sein  Land,  dessen  Verfassung, 
Sitten  und  Gebräuche  und  war  sehr  gesprächig  und  munter.  Sein  Vater  war  Ober- 
dolmetscher, aber  aufser  Dienst;  und  da  der  Sohn,  so  lang  der  Vater  lebt  und  vom 
Staate  Besoldung  bezieht,  unentgeltlich  dienen  mufs,  so  hatte  Hatsutaro  ein  geringes  Ein- 
kommen, wiewohl  er  dessen  um  so  mehr  bedurfte,  da  er  ein  ziemlich  lockerer  Geselle 
war.  Kredit  hatte  er  wenig,  Schulden  viel;  kleine  Handelsspekulationen  mit  einzelnen 
niederländischen  Beamten  verschafften  ihm  noch  einige  Existenzmittel.  Er  selbst  kannte 
den  Wert  des  Geldes  nicht,  und  für  Geld  that  er  doch  alles.  Mit  seiner  Anstellung  bei 
uns  war  er  sehr  zufrieden  und  liefs  sich  zu  allem  gebrauchen,  wenn  er  nur  seinen 
Vorteil  dabei  sah.  Er  war  von  grofser,  hagerer  Statur,  blatternarbig,  hatte  ein  breites, 
rundes  Gesicht,  eingedrückte  Nase,  ein  krankhaft  verkürztes  Kinn  und  grofsen  Mund 
mit  aufgeworfener  Oberlippe,  wobei  die  hervorstehenden  Zähne  die  Häfslichkeit  seiner 
Gesichtsbildung  vollendeten. 

Die  angesehenste  Person  des  japanischen  Geleites  ist  der  Kuinin,  auch  Goban 
sjo  si  genannt,  und  auf  Dezima  unter  dem  Namen  Opperbanjoost  bekannt.  Unter  seinem 
Befehle  stehen  drei  Offiziere  niedern  Ranges,  nämlich  ein  Funaban  oder  Schiffswächter, 
so  genannt,  weil  er,  wenn  die  holländischen  Schiffe  in  der  Bai  von  Nagasaki  vor 
Anker  liegen,  die  Wache  hat,  und  zwei  Tsjo  si,  d.  h.  Strafsenmeister,  welche  eigentlich 
die  Dienste  unserer  Polizeidiener  versehen.  Letztere  sind  den  Bewohnern  Dezimas 

l 

unter  dem  Namen  Banjoosten  bekannt,  während  dort  für  die  genannten  Schiffswächter 
der  Titel  Onderbanjoost  gebräuchlich  ist.  Der  Statthalter  von  Nagasaki  hat  gewöhnlich 
zehn  Kuinin,  meistens  Polizeioffiziere  aus-Jedo,  in  seinem  Dienste  und  läfst  die  amt- 
lichen Geschäfte  durch  sie  versehen.  Sie  werden  nicht  vom  Staate  bezahlt,  und  die 
Besoldung,  die  sie  von  ihrer  Behörde  beziehen,  ist  ganz  gering,  um  so  reichlicher 
aber  sind  die  Nebeneinkünfte,  die  sie  — per  fas  et  nefas  — geniefsen.  Während  der 
Handelszeit  versehen  sie  abwechselnd  den  Dienst  auf  Dezima;  und  da  sie  in  wichtigen 
Angelegenheiten  die  Person  des  Statthalters  vertreten,  so  haben  sie  viel  Einffufs  auf 
unsere  persönliche  Freiheit  sowie  auf  den  Handel.  Über  die  Ein-  und  Ausfuhr  haben 
sie  gleiche  Vollmacht  wie  unsere  Obermautbeamten  und  somit  den  Schlüssel  zum 
Schleichhandel  in  Händen,  den  sie  denn  auch,  im  Einverständnis  mit  dem  Sekretär 
des  Statthalters  und  den  sogenannten  Herren  Oberbürgermeistern  (Matsi  tosi  jori),  nicht 
wenig  begünstigen.  Ein  solcher  Beamter  des  Statthalters  war  der  Kuinin,  der  uns  auf 
dieser  Reise  folgte.  Seine  Behörde  erteilt  ihm  strenge  Verhaltungsbefehle,  für  deren 
Vollziehung  verantwortlich,  er  ein  Tagebuch  führen  und  bei  der  Zurückkunft  seinem 
Vorgesetzten  vorlegen  mufs.  Auch  die  übrigen  uns  begleitenden  Offiziere  sowie  die 
Dolmetscher  sind  verpflichtet,  Tagebücher  zur  gegenseitigen  Kontrolle  anzulegen. 
Sie  führen  daher,  als  Muster  und  um  ja  im  alten  Geleise  zu  bleiben,  die  Journale 
* von  früheren  Hofreisen  mit  sich,  die,  in  zweifelhaften  Fällen  zu  Rate  gezogen,  Auf- 
schlufs  geben. 

Unsern  Kuinin  — sein  Name  war  Kawasaki  Genso  — lernten  wir  als  einen  ein- 
sichtsvollen, wackern  Mann  kennen,  und  die  untergeordneten  Offiziere  benahmen  sich 
nach  seinem  Beispiele.  Aufser  den  genannten  Dolmetschern  und  Offizieren  folgten 
uns  vier  Schreiber  (Hfsja),  zwei  Trofsmeister  (Saisjo),  ein  Aufseher  der  Träger,  sieben 


Reisen. 


2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Bediente  und  zwei  Köche  in  unserm  Dienste  und  einunddreifsig  Bediente  und  ein  Koch 
im  Dienste  der  japanischen  Beamten:  also  zusammen  ein  Geleit  von  57  Japanern. 

Unsere  Bedienten  waren  treue  und  zuverlässige  Leute.  Sie  hatten  von  Jugend 
auf  auf  Dezima  gedient,  und  die  älteren  von  ihnen,  die  mehrmals  unter  früheren 
Vorstehern  diese  Reise  mitgemacht  hatten,  besafsen  einen  bewunderungswürdigen  Takt 
im  Reisen  und  waren  mit  allem,  was  den  Dienst  und  das  Ceremoniell  angeht,  sehr 
bekannt;  auch  sprachen  und  schrieben  sie  ein  verständliches  Holländisch. 

Zum  Beistände  bei  meinen  Untersuchungen  nahm  ich  noch  einige  Personen  mit, 
an  deren  Spitze  ich  Ko  Riosai  anführe,  den  ich  seit  zwei  Jahren  unter  meine  eifrigsten 
Schüler  zählte.  Er  war  ein  junger  Arzt  aus  Awa  auf  der  Insel  Sikoku  und  beflifs  sich 
vorzüglich  der  Augenheilkunde.  Was  mich  jedoch  zu  seiner  Wahl  bestimmte,  waren 
seine  ebenso  gründlichen  als  ausgebreiteten  Kennntisse  in  der  japanischen  Pflanzen- 
kunde, seine  Gewandtheit  in  der  chinesischen  und  holländischen  Sprache  und  seine 
Anhänglichkeit  und  Treue.  Er  leistete  mir  grofse  Dienste,  und  ich  habe  ihm  viele 
und  wichtige  Mitteilungen  zu  verdanken.  Als  Maler  folgte  mir  Tojoske,  ein  sehr 
geschickter  Künstler  aus  Nagasaki,  der  besonders  im  Pflanzenzeichnen  eine  ungemeine 
Fertigkeit  besafs  und  auch  in  Porträt-  und  Landschaftsmalerei  angefangen  hatte,  der 
europäischen  Weise  zu  folgen.  Hunderte  seiner  Zeichnungen  sprechen  in  meinem 
Werke  für  seine  Verdienste,  Zum  Pflanzentrocknen,  zum  Bereiten  der  Tierfelle 
u.  dgl.  benützte  ich  Benoske  und  Komaki,  zwei  meiner  Diener,  die  ich  zu  der- 
gleichen Arbeiten  ausgebildet  hatte.  Aufser  diesen  Leuten  folgte  mir  noch  ein 
Gärtner  und  drei  meiner  Schüler  — die  Ärzte  Kesaku,  Sjögen  und  Keitaro,  welche, 
da  sie  keine  Erlaubnis  erhalten  konnten,  mich  als  Gehülfen  zu  begleiten,  unter  dem 
Namen  von  Bedienten  der  erwähnten  Dolmetscher  die  Reise  mitmachten.  Sie  waren 
arm,  und  ich  unterstützte  sie  nach  Mafsgabe  ihrer  Dienste.  Gern  hätte  ich  einige 
Jäger  mitgenommen,  da  ich  deren  mehrere  in  der  Gegend  von  Nagasaki  im  geheimen 
im  Dienst  hatte;  aber  Jagen  und  Schiefsen  ist  uns  auf  der  Reise  streng  verboten. 

Was  nun  unsere  Ausrüstung  zur  Reise  angeht,  waren  wir  mit  allem,  was  zu  den 
Bequemlichkeiten  und  Bedürfnissen  des  häuslichen  und  geselligen  Lebens  gehört, 
reichlich  versehen.  Unser  Gesandter  liefs  moderne  Möbel,  prachtvolles  Tafelservice, 
Silber  und  Krystallgläser  mitnehmen;  und  auch  wir,  Herr  Bürger  und  ich,  waren  mit 
Luxusartikeln  und  vorzüglich  solchen  Gegenständen,  die  sich  zu  Geschenken  eigneten, 
versehen  und  gut  für  unsere  Zwecke  ausgerüstet.  Aufser  einem  Barometer  und  Torri- 
cellischen  Glasröhren  zu  Höhenmessungen,  Hygrometer  und  Thermometer  führten 
wir  einen  Chronometer  von  Hatton  und  Harri g,  London,  einen  Sextant,  ebenfalls  in 
London  verfertigt  und  mit  einem  Nonius  versehen,  worauf  man  15  Sekunden  ablesen 
konnte,  einen  künstlichen  Horizont  und  Bussolen  11.  dgl.,  wrie  auch  einen  elektrischen  und 
galvanischen  Apparat  und  mehrere  zusammengesetzte  Mikroskope  mit  uns,  letztere  nebst 
einem  kleinen  Fortepiano  blofs  in  der  Absicht,  japanische  Gelehrte  und  Anhänger  euro- 
päischer Künste  und  Wissenschaften  damit  bekannt  zu  machen.  Dazu  kam  noch  eine  gut 
eingerichtete,  tragbare  Apotheke  und  die  gebräuchlichsten  chirurgischen  Instrumente. 

Bei  einem  so  gebildeten  Volke  wie  die  Japaner,  bei  denen  man  so  viel  auf 
Förmlichkeit  und  äufsern  Glanz  sieht,  ist  es  unstreitig  notwendig,  dafs  eine  Gesandt- 
schaft mit  Würde  und  europäischer  Pracht  auftrete  und  so  nicht  allein  ihre  Nation 
repräsentiere,  sondern  auch  deren  Sittenverfeinerung  und  Fortschritte  vergegenwärtige, 
um  so  mehr,  wenn  aufser  ihrer  Nation  keiner  andern  der  Zutritt  im  Reiche  gestattet 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


ist.  Aber  gerade  das  Zusammentreffen  zweier  zivilisierter  Nationen,  die  einander  mehr 
aus  politischem  als  kommerziellem  Interesse  entgegenkommen,  macht  bei  dem  auf- 
fallenden Gegensätze  ihrer  Sitten  und  Gebräuche  die  Stellung  und  jeden  Schritt  des 
Abgeordneten  um  so  bedenklicher.  Seine  Handlungen,  sobald  sie  auf  Volkstümlich- 
keit und  Nationalcharakter  Bezug  haben,  kann  er  nicht  vorsichtig  genug  erwägen, 
nicht  klug  genug  gestalten,  ehe  sie  einer  öffentlichen  Kritik  ausgesetzt  werden. 

Ehe  ich  die  Gesandtschaft  von  Dezima  scheiden  lasse,  scheint  es  mir  nötig, 
einige  allgemeine  Betrachtungen  über  die  verschiedenen  Arten  in  Japan  zu  reisen,  über 
Strafsen  und  Brückenbau,  Gasthöfe,  Bedienung,  Reisegeräte,  Insignien  u.  s.  w.  voraus- 
zuschicken, um  meine  Leser  mit  Gegenständen  bekannt  zu  machen,  deren  im  Verlauf 
der  Reise  häufig  Erwähnung  geschieht. 

Wohl  in  keinem  asiatischen  Lande  ist  das  Reisen  so  an  der  Tagesordnung  wie 
in  Japan.  Die  fortwährenden  Züge  der  Landesfürsten  aus  ihren  Provinzen  nach  Jedo 
und  zurück,  der  lebhafte  Binnenhandel,  zu  dessen  Stapelplatz  Osaka  aus  allen  Land- 
schaften des  Reiches  Käufer  und  Verkäufer  strömen,  und  endlich  noch  die  religiösen 
Wallfahrten,  die  so  ungemein  im  Schwünge  sind:  alles  das  verursacht  ein  Leben  und 
Treiben  in  diesem  abgeschlossenen  Inselreiche,  als  ob  es  dadurch  sich  zu  entschädigen 
suchte  für  seine  sonstige  Ruhe  und  Isoliertheit.  Indessen  hat  wohl  nichts  so  viel  zur  Er- 
leichterung des  Reisens  in  Japan  beigetragen  als  gerade  jene  politische  Einrichtung,  welche 
die  Landesfürsten  verpflichtet,  die  eine  Hälfte  des  Jahres  in  Jedo,  die  andere  in  ihrer 
Provinz  zuzubringen.  Da  ihre  Ankunft  in  der  Hauptstadt,  ihre  erste  Aufwartung  so- 
wie ihre  Abschiedsaudienz  bei  Hofe  und  selbst  die  Abreise  für  jeden  so  genau  fest- 
gesetzt sind,  dafs  sie  einen  eigenen  Artikel  im  Staatsalmänach  abgeben,  so  mufsten 
alle  die  Einrichtungen  ins  Leben  treten,  die  jetzt  dem  Reisenden  eine  Sicherheit  und 
Bequemlichkeit  verschaffen,  wie  man  sie  in  andern  asiatischen  Ländern  wohl  vergebens 
suchen  dürfte. 

Was  die  Züge  dieser  Grofsen  angeht,  werden  wir  auf  unserer  Reise  Gelegen- 
heit haben,  mehrere  näher  kennen  zu  lernen.  Unser  Zug  gleicht  im  allgemeinen 
denen  der  Landesfürsten;  wie  denn  auch  unsere  Gesandten  gleiche  Auszeichnungen 
und  Vorrechte  mit  ihnen  geniefsen.  Nur  ist  der  Gebrauch  sonderbar,  den  sie  davon 
machen;  sei  es,  weil  sie  nicht  gern  die  einmal  bestehenden  alten  Gebräuche  ab- 
schaffen wollen,  oder  sich  einbilden,  allgemein  bekannte  Auszeichnungen  verschafften 
ihnen  mehr  Ehre  beim  Volke  als  etwaige  europäische,  deren  Bedeutung  dem  ge- 
meinen Haufen  fremd  ist.  Kurz,  unser  Zug  wird  eine  Nachahmung  der  fürstlichen 
Aufzüge,  wenngleich  die  dortigen  Insignien  fürstlicher  Würde  — Piken,  Bögen, 
Pfeile,  Schiefsgewehre,  ein  Harnischkoffer,  Feldhut  und  Handpferd  mit  kostbarem 
Sattel  und  Zeug  — uns  abgehen.  Die  niederländischen  Gesandten  greifen  zwar  zu 
einem  Ersätze  und  lassen  sich  einen  grofsen  Sonnenschirm  in  Sammetfutterale,  einen 
Stahldegen,  ein  spanisches  Rohr  mit  goldenem  Knopfe,  zwei  kostbar  gestickte  Pan- 
toffeln und  einen  Schreibschrank  nebst  einer  Theemaschine  und  einigen  andern  Reise- 
gerätschaften feierlich  nachtragen;  ob  aber  dieses  entsprechende  Abzeichen  für  den 
Gesandten  einer  europäischen  Nation  sind,  darüber  mag  der  Leser  selbst  urteilen. 

Die  Sänften  und  Träger  spielen  in  Japan  dieselbe  Rolle  wie  Kutschen  und 
Pferde  bei  uns,  deren  Stelle  sie  denn  auch,  da  das  Terrain  keine  andere  Einrichtung 
zuläfst,  ganz  vertreten.  Nur  in  einigen  ebenen  Landstrichen  bedient  man  sich  zum 
Fortschaffen  der  Lasten  plumper  Wägen,  übrigens  werden  alle  Frachten  durch  Träger, 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


5^ 


Lastpferde  oder  Lastochsen  verführt.  Der  Sanften  giebt  es  mehrere  Arten,  die  nach 
Rang  und  Stand  unterschieden  werden.  Obenan  stehen  die  sogenannten  Norimonos, 
d.  h.  wörtlich  Fahrzeuge.  Sie  vertreten  die  Stelle  unserer  Staatswagen  und  blofs 
der  Adel,  Staatsbeamte,  Priester,  Ärzte  und  vornehme  Damen  dürfen  sich,  altem 
Herkommen  gemäfs,  ihrer  bedienen.  Die  Abbildung  einer  solchen  Staatssänfte  be- 
findet sich  auf  Fig.  3 a und  b.  Sie  ist  ein  viereckiges,  aus  Flechtwerk  und  lackiertem 
Holze  verfertigtes  tragbares  Häuschen  mit  einem  lackierten  Holzdache,  über  das  ein 
langer,  mehr  oder  weniger  gebogener  Tragstock  läuft  und  durch  ein  metallnes  Be- 
schlag gehalten  wird.  An  der  linken  Seite,  wo  das  Dach  sich  aufschlagen  läfst,  ist 
eine  Schiebthüre,  welche,  sowie  die  Seite  gegenüber,  ein  Fenster  hat,  das  durch  einen 
mit  Papier  oder  Seide  überzogenen  Rahmen  geschlossen  und  von  aufsen  durch  zierlich 
aus  Bambus  verfertigte  Jalousien  verhängt  werden  kann.  Ein  ähnliches  Fenster  ist 
häufig  auch  nach  vorne  angebracht.  In  diesem  Kasten  sitzt  der  Reisende  auf  dem 
flachen  Boden,  auf  untergelegten  Polstern,  Matten,  Bären-  oder  Tigerfellen,  wobei 
sich  der  Japaner,  von  Jugend  auf  an  das  Sitzen  mit  unterschlagenen  Beinen  gewöhnt, 
ganz  behaglich  befindet;  auch  unter  uns  können  kleinere  Personen  sich  noch  da- 
rein finden,  da  sie  Raum  genug  zum  Ausstrecken  .ihrer  Füfse  haben;  aber  für 
gröfsere,  die  darin  tagelang  aufrecht  sitzen  müssen  in  einer  Lage,  wobei  die  ausge- 
streckten Beine  mit  dem  Rücken  einen  rechten  Winkel  bilden,  wird  eine  solche  Sänfte 
zur  wahren  Folterbank.  Im  Innern  sind,  wie  in  unsern  Reise  wagen,  mehrere  Be- 
quemlichkeiten angebracht,  worunter  eine  Tabaksgerätschaft  und  ein  Speisekästchen, 
zwei  Bedürfnisse,  die  nach  japanischer  Sitte  nicht  fehlen  dürfen.  Die  Weise,  wie 
die  Japaner  ihre  Sänften  tragen,  scheint  für  die  Sicherheit  des  Reisenden  gut  be- 
rechnet; denn  die  Erhebung  über  den  Boden  ist  so  gering,  dafs  das  Ausgleiten  oder 
der  Fall  eines  Trägers  nicht  leicht  Gefahr  bringen  kann.  Für  ein  Norimono  sind  zwei 
Träger  nötig,  indes  kann  ihre  Anzahl  nach  Umständen  bis  auf  acht  vermehrt  werden. 
Von'  ihrem  Gange  hängt,  wie  bei  Reitpferden,  die  Annehmlichkeit  der  Bewegung  ab. 
Die  plumpen  Bauern  längs  der  Strafse  durch  Kiusiu  stiefsen  uns  wie  ihre  steifen 
Lastpferde,  und  wir  wurden  zu  Lande  seekrank  vom  Schaukeln  und  Stofsen,  während 
die  geübten  Träger  auf  der  grofsen  Landstrafse  von  Kioto  bis  Jedo  unsere  Nori- 
monos  so  stet  und  sanft  trugen,  dafs  man  darin  lesen,  schreiben  und  schlafen  konnte. 
An  den  Höfen  der  Fürsten  sind  die  Norimonos,  besonders  die  der  Frauen,  prächtig 
gearbeitet.  Feines  Flechtwerk  aus  Bambus,  schwarz-  und  goldlackiertes  Holzwerk, 
silberne  und  vergoldete  Beschläge  bilden  ihren  Schmuck,  und  die  Anzahl  der  Träger,  sei 
es,  dafs  sie  wirklich  tragen  oder  zur  Abwechslung  nebenher  gehen,  bezeichnet  den  Rang. 

Auf  dieselbe  Weise  gebaut,  nur  kleiner  und  weniger  kostbar  sind  die  Sänften 
zweiten  Ranges,  die  sogenannten  Kemon  kago.  Offiziere  und  Beamten  bedienen  sich 
ihrer,  und  die  Länge  des  Tragstockes  und  seine  stärkere  oder  geringere  Biegung  dient 
als  Unterscheidungszeichen  ihres  Ranges.  Man  braucht  zwei,  selten  vier  Träger  dazu. 

Die  Kagos  sind  aus  Flechtwerk  und  leichtem  Holze  verfertigte  Tragsessel,  und  die 
Sjuk’kagos  blofse  Körbe,  aus  Bambus,  Weiden  oder  andern  biegsamen  Holzarten  ge- 
flochten und  mit  Henkeln  versehen,  durch  welche  ein  einfacher  runder  Tragstock  ge- 
steckt wird.  Der  Reisende  sitzt  frei  darin,  wie  in  einer  Wagschale,  hat  wenig  Ge- 
mächlichkeit und  ist  der  Witterung  ausgesetzt. 

Die  gröfseren  Reisekoffer  Tab.  3 c — ihr  Name  ist  Naga  motsi  d.  h.  lange  Behälter 
— sind  länglich  viereckige,  hölzerne,  selten  aus  Flechtwerk  verfertigte  Kisten,  welche 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Zug  der  niederländischen  Gesandtschaft. 


58 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


mittelst  eines  Gestelles  am  Boden  und  eines  über  den  Deckel  laufenden  Stockes,  der 
durch  eiserne  Henkel  und  mit  Stricken  befestigt  wird,  tragbar  gemacht  sind.  Bei  fest- 
lichen Aufzügen  benützt  man  dergleichen  kostbar  lackiert,  mit  vergoldeten  Beschlägen 
und  dem  Wappen  des  Eigentümers.  Man  trägt  darin  durchgängig  die  Geschenke 
und  namentlich  den  Brautschatz. 

Kleinere,  länglich  viereckige  Reisekoffer,  die  ein  Träger  paarweis  an  einem  Stocke 
auf  seinen  Schultern  trägt,  heifsen  Rjö  kake,  d.  i.  Doppelhänger  Fig.  3 d.  Sie  bestehen  aus 
Flechtwerk  und  leichtem  Holze  und  sind  lackiert.  Sorgfältiger  gearbeitet,  lackiert  und 
beschlagen  sind  die  Koffer  Hasami  bako  Fig.  3 e,  welche  blofs  einzeln  an  einem  Stocke 
vornehmen  Beamten  und  höheren  Personen  vor-  oder  naclmetivmen  werden.  Wir 

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führen  sie  nicht  auf  der  Reise,  aber  wohl  wenn  wir  bei  Hofe  oder  bei  dem  Statt- 
halter von  Nagasaki  unsere  Aufwartung  machen.  In  den  angeführten  Koffern  pflegt 
man  hauptsächlich  solche  Gegenstände  unterzubringen,  auf  deren  Transport  man  gröfsere 
Sorgfalt  verwendet  haben  will;  anderes  Gepäck,  das  eine  rauhere  Behandlung  verträgt, 
wird  in  Bambus-  oder  Weidenkörbe  gepackt  Fig.  3 f ? die  man  mit  Matten  oder  einem  in 
Öl  oder  Fohe  getränkten  Papiere  (abura  kami,  sibi  kami)  umwindet  und  auf  Fastpferde 
oder  Ochsen  ladet,  woher  auch  ihre  Benennung  Dani,  d.  i.  Gepäck  für  Fasttiere. 
Zum  Bergen  der  gleichfalls  aus  geöltem  Papiere  oder  aus  Stroh  verfertigten  Regen- 
mäntel, der  Faternen  und  anderer  leichten  Reisegeräte  führt  man  mit  dem  genannten 
Papiere  überzogene  Bambuskörbe  mit  sich.  Sie  heifsen  Kappa  kago,  Regenkleider- 
körbe, und  sind  mit  einem  Deckel  versehen,  worauf  man  gewöhnlich  den  Strohhut, 
welchen  man  gegen  Regen  und  Sonnenschein  braucht,  befestigt. 

Vornehme  Japaner  nehmen  auf  Reisen  ein  eigenes  Gerät  mit  sich,  das  aus  zwei 
an  einem  Tragstocke  befestigten  Kästchen  besteht  und  zur  Bereitung  des  beliebten 
Theetrankes  dient.  Es  heifst  Tcha-bento  und  verdient  seiner  Einfachheit  und  Zweck- 
mäfsigkeit  wegen  unsere  Aufmerksamkeit.  Bereits  E.  Kämpfer  hat  uns  eine  sehr  um- 
ständliche Beschreibung  davon  gegeben.  Die  Führung  des  Tcha-bento  ist  ein  Vor- 
recht der  Standespersonen;  und  in  dieser  Bedeutung  prunkt  es,  nebst  dem  erwähnten 
Schranke,  im  Gefolge  des  Gesandten.  Ein  nützlicheres  Gerät  begleitet  die  Sänfte  des 
Arztes  — seine  Reiseapotheke.  Was  man  noch  an  Gepäck  mitführt,  wird  entweder 
in  gröfsere,  längliche  Pakete,  in  Form  der  Nagamotsi  verpackt  und  wie  diese  von 
Trägern  getragen  oder  als  Dani  auf  Pferde  oder  Ochsen  geladen.  Auf  Pferde,  die 
blofs  mit  zwei  Dani  bepackt  sind,  legt  man  gewöhnlich  noch  Betten  und  Decken, 
worauf  sich  der  Reisende,  wie  auf  Polstern  und  Matten,  setzt  und  unbekümmert 
die  Feitung  des  Pferdes  einem  Knechte  überläfst,  der  es  am  Zaume  führt.  Die  zu 
diesem  Dienste  gesattelten  Pferde  heifsen  Kara-siri,  leere  Rücken.  Unsere  Bedienten 
folgen  uns  meistens  auf  diese  Weise;  übrigens  pflegen  Krämer  und  überhaupt  Ge- 
schäftsleute mit  Gepäck  auf  solchen  Pferden  zu  reisen.  Noch  eine  besondere  Art,  zu 
Pferde  zu  reisen,  will  ich,  ihrer  Eigentümlichkeit  wegen,  nicht  übergehen.  Ein 
Pferd  trägt  nämlich,  gleich  unsern  Eseln,  zwei  Körbe,  in  deren  jedem  eine  Person 
sitzt,  während  eine  dritte  auf  dem  Sattel  Platz  nimmt  und  das  Pferd  lenkt.  Eine  solche 
Reisegesellschaft  nennt  man  Sampokosin.  Es  sind  meistens  Eandleute,  welche  so  ihre 
Pilgerfahrten  machen. 

Pferde  und  Ochsen  sind  die  einzigen  Fasttiere,  deren  man  sich  in  Ermanglung 
des  Fuhrwesens  für  den  lebhaften  Binnenhandel  bedient.  Auf  den  Heerstrafsen  nimmt 
man  zum  Fasttragen  blofs  Hengste  und  Stiere;  zum  landwirtschaftlichen  Gebrauche, 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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zum  Pflügen,  Holz-  und  Getreidetragen  aber  auch  Kühe  und  Stuten.  Der  Tragsattel 
besteht  aus  zwei  Sattelbögen,  die  durch  einige  Latten  verbunden  sind.  Für  Ochsen 
werden  diese  Sattelgerippe  aus  Eichen-  oder  Buchenholz  roh  verfertigt;  für  Pferde 
aber  rot  angestrichen  und  mit  Messing  beschlagen.  Diese  Sättel  ruhen  auf  zwei  mit 
Haaren  ausgestopften  Polstern  von  Binsenmatten  und  werden  bei  Pferden  durch  einen 
Brustriemen,  Bauchgurt  und  Schwanzriemen,  bei  Ochsen  durch  Strohseile,  welche  als 
Bauchgurt,  Brust-  und  Hinterriemen  dienen,  befestigt;  jedoch  so  locker,  dafs  der  be- 
ladene Sattel  mehr  durch  das  Gleichgewicht  der  Last  und  den  steten  Gang  des  Tieres 
als  durch  Riemen  und  Stricke  gehalten  wird.  Dafs  durch  diese  Einrichtung  weniger 
Reibung  statthat  und  die  Lasttiere  zwangloser  gehen,  unterliegt  keinem  Zweifel.  Die 
Pferde  haben  Halfter  und  Trense,  die  Ochsen  ein  Strohseil  mehrmals  um  den  Hals 
gewunden  und  einen  Ring  durch  die  Nase,  der  durch  einen  zu  beiden  Seiten  über 
die  Wangen  laufenden  Strick  mit  dem  Halsband  in  Verbindung  steht.  Am  Nasenringe, 
der  aus  einer  Ranke  des  Dolichos  hirsutus  geflochten,  ist  das  Leitseil  befestigt.  Das 
Geschirr  wird  überdies,  wie  bei  unsern  Fuhrmannspferden,  mit  Schellen  und  klirren- 
den Metallplatten  behängen,  die  Last  aber  mit  Stricken,  die  durch  die  Latten  des 
Sattels  laufen,  festgeschnürt.  Die  Führer  thun  das  so  geschickt,  dafs  auf  einen  Zug 
die  ganze  Ladung  losgeht,  was  beim  Stürzen  schwerbeladener  Tiere  seinen  Vorteil 
haben  mag. 

Der  Gebrauch  der  Hufeisen  besteht  in  Japan  nicht.  Man  bekleidet  die  Hufe 
der  Pferde  und  Ochsen  mit  Schuhen  von  Reisstroh,  die  überall  längs  den  Strafsen 
neben  ähnlichen  Socken  für  Reisende  zum  Kauf  hängen.  Für  ein  Terrain  wie  das 
von  Japan,  wo  oft  nur  schmale  Stege  und  selbst  Treppen  über  die  Gebirge  führen, 
ist  diese  Hufbekleidung  nicht  unzweckmäfsig;  vor  Ausgleiten  gesichert,  erklimmen  die 
Lasttiere  damit  die  steilsten  Höhen,  und  schonen  dabei  auf  scharfem  Gestein  die  Hufe. 
Pferde  und  Ochsen  leitet  ein  Führer  an  der  Trense  oder  am  Nasenringe,  wobei  er 
sie  durch  Zuruf,  selten  mit  Schlägen  antreibt. 

Der  Träger  haben  wir  bereits  an  einigen  Stellen  erwähnt  und  sie  als  Last-  und 


Sänftenträger  kennen  gelernt.  Ihre  Abhärtung,  Ausdauer  und  Gewandtheit,  sowie 
auf  der  andern  Seite  ihre  Mäfsigkeit  verdienen  Bewunderung  und  Lob.  Zum  Last- 
tragen geben  sich  kräftige  Männer  aus  der  geringeren  Volksklasse  her;  zum  Tragen 
der  Sänften  gehört  aber  schon  ziemliche  Übung,  ein  leichter  Gang  und  eine  kräftige 
Brust,  da  diese  Leute  an  manchen  Tagen  10 — 15  Ri  (circa  40 — 60  Kilometer)  zurück- 
legen müssen,  während  der  Lastträger  mit  jeder  Station  wechselt.  Sie  traben  auf 
ebenen  Wegen  in  kleinen  abgemessenen  Schritten  fort,  deren  sie  gewöhnlich  hundert 
in  einer  Minute  machen.  Der  gemeine  Lastträger  kleidet  sich  sehr  dürftig.  Er  trägt  an 
den  Füßen  meistens  Strohschuhe  (Sori)  und  eine  Art  Gamaschen  (Kjafu)  von  Baum- 
wollenzeug, Stroh  oder  Baumbast,  und  führt  einen  langen  Stock,  worauf  er  beim  Aus- 
ruhen die  Last  absetzt.  Die  Sänftenträger  vornehmer  Personen  sind  gleichförmig  ge- 
kleidet; sie  tragen  Strohschuhe,  Gamaschen,  Strohhüte  und  ein  Oberkleid  von  schwarzem 
oder  dunkelblauem  Baumwollenstoff;  um  die  Hüfte  eine  farbige  Binde,  unter  die  sie  das 
Hinterteil  des  Kleides  aufschürzen.  Auf  Brust,  Rücken  und  Ärmeln  führen  sie  das 
Wappen  ihres  Herrn.  Es  ist  auffallend,  dafs  die  sonst  so  abgehärteten  Japaner  sich 
so  empfindlich  gegen  Nässe  zeigen,  dafs  man  auch  bei  dem  wärmsten  Sommerregen 
ganze  Züge  in  Regenmäntel  von  geöltem  Papiere  oder  Stroh  gehüllt  sieht.  Hin  und 
wieder  mochte  es  Bedürfnis  sein;  nun  aber  ist  es  zu  einer  so  allgemeinen  Sitte  ge- 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


worden,  dafs  man  es  für  unschicklich  aufnehmen  würde,  wenn  ein  vornehmer  Herr 
sein  Gefolge  auch  bei  einem  unbedeutenden  Regenschauer  ohne  die  geölten  Mäntel 
gehen  liefse. 

Chausseen  und  Nebenstrafsen  wurden  durch  den  lebhaften  Handelsverkehr  der 
Provinzen  unter  sich  und  durch  die  Wechselzüge  der  Grofsen  nach  Jedo  und  zurück 
schon  in  früher  Zeit  hervorgerufen,  während  die  Reiseart  mit  Lasttieren  und  Trägern 
eine  Reihe  zweckmäfsiger  Einrichtungen  nötig  machte.  Bereits  im  Jahre  250  unserer 
Zeitrechnung  erwähnen  die  japanischen  Jahrbücher  der  Anlegung  von  Poststrafsen  in 
den  Landschaften  des  Reiches.  Es  war  jene  Periode,  wo  die  Heldin  Jingu  ihre  Völker 
gegen  Sinra  führte.  In  den  Jahren  Wado  (708 — 714),  wo  mehrere  Veränderungen 
in  der  Einteilung  des  Reiches  stattfanden,  wurde  die  Strafse  durch  Sinano  und  Mino 
angelegt,  die  gegenwärtig  den  Namen  Kisodsi  führt.  Seitdem  wurden  die  Landschaften 
der  drei  grofsen  Inseln  zur  besseren  Verbindung  durch  zahlreiche  Wege  und  Strafsen 


nach  allen  Richtungen  durchschnitten.  Da  die  Wege  blofs  für  Fufsgänger  und  Last- 
tiere, also  nicht  für  schwere  Eracht-  und  Postwägen  dienen  müssen,  wie  bei  uns,  so 
hat  man  bei  ihrer  Anlegung  mit  weit  weniger  Schwierigkeiten  zu  kämpfen,  und  auch 
der  Unterhalt  ist  nicht  so  kostspielig.  Der  Boden  wird  geebnet,  einige  Zoll  hoch  mit 
kleinen  Steinen,  Geschiebe  oder  Kies  belegt,  dann  festgestampft  und  dem  Fufsgänger 
durch  Bestreuen  mit  Sand  zuträglich  gemacht.  In  Gebirgen,  wo  an  steilen  Ab- 
hängen sich  keine  Strafse  anbringen  läfst,  hilft  man  sich  mit  Treppen,  deren  Stufen 
niedrig  aber  breit  sind,  so  dafs  Lasttiere  und  Träger  mit  voller  Sicherheit  auf-  und 
absteigen.  Die  Strafsen,  in  der  Regel  breit,  sind,  wo  das  Terrain  es  erlaubt,  zu 
beiden  Seiten  mit  schattenreichen  Bäumen,  als  Tannen,  Cypressen,  Thujen  u.  dgh,  be- 
setzt, auch  nach  Erfordernis  mit  Wassergräben,  Dämmen  und  Wasserleitungen  ver- 
sehen. Sie  werden  auf  Kosten  der  Landesfürsten,  durch  deren  Gebiet  sie  führen, 
unterhalten  und  stehen  unter  der  Aufsicht  der  Rentmeister  (Odaikwan)  und  der 
Ortsvorsteher  (Soja).  Wegen  des  häufigen  Zusammentreffens  grofser  Züge  hat  man 
ordnungshalber  die  Regel  angenommen,  dafs  jeder  sich  auf  die  linke  Wegseite 
hält  und  den  andern  rechts  passieren  läfst,  was  man  auch  auf  grofsen  Brücken 
beobachtet. 

Die  japanischen  Meilenzeiger  bestehen  meistens  aus  zwei  zu  beiden  Seiten  des 
Weges  aufgeworfenen  Hügelchen,  worauf  eine  Tanne  oder  orientalische  Celtis  gepflanzt 
ist.  Man  heilst  sie  Itsi-ri  dsuka,  das  ist  Hügelchen  einer  Meile.  Kleinere  Abstände 
werden  nach  Strafsen  (Matsi  oder  Tsjö)  auf  Steinen  angegeben,  wfle  auch  die  Mark- 
scheiden und  Wegweiser. 

Die  japanische  Meile  (Ri  oder  Li)  besteht  aus  36  Strafsen;  28,20  Ri  gehen,  nach 
Angabe  der  Hofastronomen  zu  Jedo,  auf  einen  Äquatorgrad.  Die  japanischen  Ri,  die  man 
nicht  mit  den  chinesichen  und  koreanischen  verwechseln  darf,  sind  also  etwas 
gröfser  als  die  französischen  lieues  de  poste  von  2000  Toisen  (28,54  einen  Grad).*) 
In  einigen  Landschaften  hat  man  noch  die  alten  Meilen  zu  50  Strafsen,  deren  wir  einige 
auf  unserer  Reise  zurücklegen  werden.  Sonderbar  ist  der  Gebrauch,  dafs  Strecken, 
welche  von  der  als  unrein  ausgestofsenen  Klasse  Jeta  bewohnt  werden,  auch  wenn 
sie  stundenlang  sind,  nicht  zur  Entfernung  eines  Ortes  vom  andern  gezählt  werden, 
aber  auch  nicht  für  den  Transport  in  Berechnung  kommen.  Die  Ortsentfernungen 


*)  Von  dem  kaiserlich  japanischen  statistischen  Bureau  wird  jetzt  die  Ri  zu  3,9273 
und  die  Strafse  (Tsjö)  zu  1,0909  Hektometer  gerechnet.  Anmerkung  zur  2.  Aufl. 


Kilometer 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


6l 


auf  der  grofsen  Insel  Nippon  werden  sämtlich  von  der  grofsen  Brücke  in  Jedo,  der 
sogenannten  Nipponbasi,  an  gerechnet. 

Ein  notwendiger  Reisebedarf  sind  in  Japan  die  verschiedenartigen  Wegkarten 
und  die  Reisebücher.  Man  bedient  sich  ihrer  weit  häufiger  und  allgemeiner  als  in 
Europa.  Sie  sind  zwecknaäfeig  abgefafst  sowohl  für  Land-  als  Seereisen  und  enthalten 
nebst  den  Reisekarten  und  Meilenweisern  eine  gedrängte  Übersicht  der  für  einen 
japanischen  Reisenden  wissenswürdigsten  Punkte,  als:  Angaben  des  Reisebedarfs,  Pferde- 
und  Trägertaxen,  Formeln  der  Pässe,  die  Namen  der  berühmtesten  Berge  und  Wall- 
fahrtsorte, Regeln  der  Wetterkunde,  Tabellen  der  Ebbe  und  Flut,  chronologische 
Übersichtstafeln  u.  dgl. ; selbst  ein  Abrifs  der  gebräuchlichsten  Mafsstäbe  und  sogar 
eine  aus  aufstellbaren  Papierstreifen  verfertigte  Sonnenuhr  ist  darin  angebracht. 

Wir  wenden  uns  nun  zu  einem  andern  Gegenstände,  der  gleichfalls  unsere  Auf- 
merksamkeit verdient,  nämlich  zu  dem  Postwesen  und  den  Grenzwachen.  Die  Ge- 
schichte erwähnt  die  Einführung  beider  Anstalten  unter  der  Regierung  des  Mikado 
Kötoku  im  Jahre  646  unserer  Zeitrechnung , gleichzeitig  mit  anderen  wichtigen 
Staatseinrichtungen.  Sämtliche  Landschaften  des  Reiches  erhielten  damals  eigene 
Provinzialbeamte,  und  die  Notwendigkeit  einer  engeren  Verbindung  mit  der  Haupt- 
stadt scheint  den  Anlafs  zur  Errichtung  regelmäfsiger  Poststationen  gegeben  zu  haben. 
Gegenwärtig  befinden  sich  längs  den  besuchtesten  Strafsen  durch  das  ganze  Reich 
Posthäuser,  die  zum  Einstellen  und  Wechseln  der  Lasttiere  und  Träger  eingerichtet 
und  durchgängig  mit  einer  geräumigen  Halle  versehen  sind.  Sie  heifsen  Jeki-ten,  Post- 
stationen, oder  auch  Muma-dsuki,  Pferdestationen.  Da  der  Unterhalt  der  Menschen  und 
Pferde,  deren  ein  einziger  Zug  eines  Grofsen  oft  Hunderte  erfordert,  für  einen  einzigen 
Unternehmer  zu  schwierig  ist,  so  wird  das  Lasttragen  und  Unterhalten  der  Lasttiere  ein 
Erwerbszweig  des  ganzen  Ortes,  wo  sich  das  Posthaus  befindet,  und  das  letztere  ist 
blofs  das  Lokal,  wo  unter  amtlicher  Aufsicht  und  mit  Sicherheit  und  Pünktlichkeit  dem 
Reisenden  die  nötige  Hülfe  verschafft  und  der  Verkehr  durchs  Land  geleitet  wird. 

Wie  das  Gewicht  der  Lasten,  so  finden  wir  auch  den  Preis  für  Lasttiere  und 
Träger  nach  einer  obrigkeitlichen  Taxordnung  mit  Rücksicht  auf  örtliche  Umstände 
festgesetzt.  Die  volle  Last  (Itsi-dä)  eines  Packpferdes  (Koma)  wird  zu  36  Kuanme, 
das  Gepäck  für  ein  schwer  bepacktes  Reitpferd  (Norikake)  zu  10 — 18,  für  ein  Kara- 
siri  oder  leicht  bepacktes  Reitpferd  zu  3 — 6,  und  die  Last  für  einen  Träger  (Ninzoku) 
zu  5 Kuanme  angenommen,  wTobei  der  Frachtlohn  (Datsin)  sich  nach  dem  Verhält- 
nisse richtet,  dafs  ein  Lastträger  die  Hälfte  und  ein  Karasiri  zwei  Drittel  des  für  ein 
Lastpferd  angesetzten  Normalpreises  kostet.  Das  Gewicht  Kuanme  beträgt  1750  g, 
oder  7Ü2  alte  niederl.  Pfund,  oder  61j4  jap.  Kin;  letzteres  ist  bei  den  Niederländern 
unter  dem  Namen  Katje  bekannt.  Da  die  Taxe  nach  dem  Terrain  angeschlagen  wird 
und  in  gebirgigen  Strecken,  wfie  auch  in  der  Nähe  der  Hauptstädte  sich  bedeutend 
steigert,  so  läfst  sich  für  die  Meile  kein  allgemein  fester  Preis  annehmen.  Nach  einem 
japanischen  Reisebuche  neuester  Zeit  werden  von  Nagasaki  bis  Jagami  — eine  Ent- 
fernung von  3 Ri  — 166  Mon,  von  da  4 Ri  weiter  bis  Isahaja  206,  und  für  1 Ri 
von  Todoroki  bis  Dajiro  41  Mon  für  ein  Lastpferd  bezahlt.  Die  Gesamtausgabe  für 
die  57  Ri  von  Nagasaki  bis  Kokura  wird  auf  2 Tail  3 Monme  39  Mon  angegeben. 
Der  niederländischen  Gesandtschaft  im  Jahre  1826  berechnete  man  für  ein  Pferd 
nebst  Führer  von  Nagasaki  bis  Kokura  3 Tail  2 Pun  (fl.  6,4  Cent),  von  Hiogo 
bis  Osaka  4 Monme  3 Pun  7 Rin  (fl.  0.86)  und  von  Kioto  bis  Jedo  8 Tail 


6 2 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen 


6 Monme  6 Pun  (fl.  17.12).  Die  Entfernung  der  beiden  letztgenannten  Städte  be- 
trägt 125  Ri,  wonach  sich  für  1 Ri  oder  französische  lieue  de  poste  im  Durchschnitt 
gegen  13  Cent  oder  9 Kr.  rh.  als  der  Preis  für  die  Miete  eines  Lastpferdes  mit  einem 
Führer  ergiebt.  Aus  der  Vergleichung  eines  Reisetaschenbuches  von  1752  mit  einem 
von  1804  geht  hervor,  dafs  in  den  genannten  früheren  Jahren  der  Frachtlohn  von 
Station  zu  Station  um  22  Mon  tiefer  stand. 

Die  Brief-  und  Eilposten  haben  ihren  Centralpunkt  in  Osaka,  als  der  ersten 
Handelsstadt  des  Reiches,  von  wo  aus  sie  namentlich  nach  den  beiden  Hauptstädten 
Kioto  und  Jedo,  nach  den  Residenzen  der  Landesfürsten,  und  endlich  nach  Nagasaki, 
als  dem  Handelsplatz  für  Fremde,  lebhaft  verkehren.  Sie  gehen  regelmäfsig  den  7., 
17.  und  27.  jedes  Monats  von  Osaka  nach  Nagasaki  und  den  8.,  18.  und  28.  nach 
Kioto  und  Jedo.  Nach  Kioto  findet  sich  bei  der  geringen  Entfernung  aufserdem 

auch  täglich  Gelegenheit.  Nach  Nagasaki  gehen  diese  Posten  in  sieben  Tagen,  und 

zwar  zu  See  in  einem  kleinen,  gutsegelnden  und  mit  vielen  Ruderern  besetzten  Fahr- 
zeuge bis  Simonoseki  und  Kokura,  von  wo  aus  die  Briefe  durch  Läufer  bis  an 
den  Ort  ihrer  Bestimmung  gebracht  werden.  Der  Läufer  trägt  das  mit  Wachs- 
tuch überzogene  Briefpäckchen  an  einem  Stocke  befestigt  und  läuft  laut  rufend  die 
nächste  Station  an,  wo  es  einem  andern  übergeben  und  ohne  niedergelegt  zu  werden 
weitergebracht  wird.  Bei  wichtigen  Papieren  werden  aus  Vorsorge  für  Unfälle  zwei 
solcher  Boten  genommen.  Ihr  japanischer  Name  ist  Hikijaku  vom  chinesischen 
Hikeo,  d.  i.  geflügelte  Füfse.  Aufser  diesen  regelmäfsigen  Posten  können  jederzeit 
Eilposten  abgefertigt  werden,  deren  Kosten  nach  Verhältnis  der  Jahreszeit  und 
Witterung  verschieden  sind.  Von  Osaka  bis  Nagasaki  zahlt  man  100  bis  200 

Gulden.  Die  Handelsgeschäfte  in  Osaka  und  namentlich  der  Handel  mit  Reis 

und  getrockneten  Fischen,  welcher  ganz  so  wie  unser  Effektenhandel  betrieben  wird, 
sind  es,  was  die  Eilposten  vorzüglich  beschäftigt. 

Hier  wären  noch  jene  Einrichtungen  zu  erwähnen,  welche,  nach  Art  der  Tele- 
graphen, zur  schnellen  Verbreitung  einer  wichtigen  Nachricht  dienen.  Es  sind  die 
Feuerherde  (Hö  kwa  dai),  welche  sich  auf  den  höchsten  Bergen  im  ganzen  Reiche 
befinden  und  auf  denen  bei  Ereignissen  von  höchster  Wichtigkeit  für  den  Staat,  wTie 
Landung  einer  fremden  Macht,  Feuersignale  gegeben  werden.  Bei  weniger  wuchtigen 
Vorfällen  bedient  man  sich  der  Raketen,  wrelche  in  der  chinesischen  und  japanischen 
Kriegskunst  seit  ältester  Zeit  bekannt  sind. 

In  den  Ortschaften,  wo  sich  Posthäuser  befinden,  sind  Gasthöfe  und  Herbergen 
mit  verschiedenen  Einrichtungen  zur  Bequemlichkeit  und  zum  Vergnügen  der  Reisenden. 
Die  Wirtshäuser  ersten  Ranges  sind  die  Tatsi  oder  nach  allgemeinerem  Ausdrucke 
Honjin.  Fürsten  und  andere  vornehme  Reisende  kehren  darin  ein,  während  Leute 
geringeren  Standes  die  Jadojas  oder  Nachtherbergen  aufsuchen.  Auf  der  Reise 
werden  wir  beide  näher  kennen  lernen.  Unsere  Gesandtschaft  bezieht  die  Honjin; 
sind  diese  aber  besetzt,  so  übernachtet  sie  auf  Kiusiu  in  buddhistischen  Tempeln 
und  längs  des  Tokaido  in  Jadojas. 

Bäder,  und  zwar  sehr  heifse,  sind  ein  allgemeines  Bedürfnis;  die  Reisenden,  be- 
sonders die  Träger,  bedienen  sich  ihrer  täglich.  In  jedem  Wirtshause  befinden  sich 
Badestuben  für  vornehme  und  geringe  Gäste,  und  meistens  sind  noch  öffentliche  Bade- 
häuser in  der  Nähe.  Die  Theehäuser  (Tchaja)  und  die  Bordelle  (Zjorö-ja)  sind  bis 
tief  in  die  Nacht  geöffnet,  und  schöne  Zitherspielerinnen  (Gbsja)  und  Freudenmädchen 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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(Zjorö),  an  einigen  Orten  auch  niedliche  Putzhändlerinnen  wissen  die  Reisenden  zu 
unterhalten. 

Die  Grenzwachen,  Seki  oder  Kwanmon,  sind  meistens  an  solchen  Punkten  er- 
richtet, wo  Strafsen  aus  einer  Landschaft  in  die  andere  führen.  Die  drei  Hauptposten 
der  Art,  die  sogenannten  San  kwan,  waren  in  früherer  Zeit  der  Pals  Seta  oder  Afu- 
saka  in  Omi,  Fuha  in  Mino  und  Suzuga  in  Ise,  und  von  der  letztgenannten  Grenz- 
wache aus  hatte  man  eine  Einteilung  des  Reiches  in  ein  östliches  und  westliches,  in 
Kwantö  und  Kwansai  angenommen.  Gegenwärtig  gelten  die  Pafswachen  Hakone, 
Arai,  Fukasimi,  Matsudo,  Nagagawa  und  das  an  der  westlichen  Seite  des  Einganges 
in  die  Bai  von  Jedo  liegende  Uragawa  als  die  Schlüssel  zur  Hauptstadt  Jedo. 

Das  gebirgige  Terrain  des  Landes  mit  den  vielen  reifsenden  Strömen,  sodann 
auch  der  Umstand,  dafs  so  volkreiche  Städte  wie  Jedo  und  Osaka  an  den  Mün- 
dungen grofser  Flüsse  sich  ausbreiten  und  nach  allen  Richtungen  von  Kanälen  durch- 
schnitten sind,  läfst  an  sich  schon  auf  eine  bedeutende  Anzahl  grofser  Brücken 
schliefsen,  und  es  darf  uns  also  nicht  auffallen,  wenn  die  Gesamtzahl  grofser  Brücken 
durchs  ganze  Reich  auf  239  angegeben  wird.  Osaka  allein  hat  deren  79,  Jedo  75. 
Nach  ihrer  Bauart  lassen  sich  die  Brücken  einteilen  in : 

Steinerne  (Isi-basi),  die  meistens  in  einem  einzigen  Bogen  über  schmale  Flufs- 
arme  und  über  Bäche  gesprengt  sind,  jedoch  aufser  Nagasaki,  wo  die  breiteste  13  Ken 
(fast  25  Meter)  beträgt,  selten  Vorkommen. 

Hölzerne  Brücken  aus  Cedern  (Cupressus  japonica),  Ulmen  (Ulmus  kejaki)  und 
Thujen  (Thuja  binoki).  Sie  ruhen  auf  hölzernen  Pfeilern,  die  eine  steinerne  Grund- 
lage haben,  und  führen  über  die  breitesten  Flüsse.  Die  gröfste  ist  die  zu  Okasaki, 
welche  397  Meter  lang  ist. 

Faufbrücken,  die  gewöhnlich  zur  Regenzeit  über  angeschwollene  Waldbäche, 
meistens  an  deren  Mündung  in  die  See,  geschlagen  werden.  Säcke,  aus  Bambus  ge- 
flochten und  mit  Steinen  gefüllt,  werden  dabei  zu  Brückenköpfen  aufgeschichtet,  und 
starke  Holzböcke  ins  Flufsbett  gesetzt,  über  die  Bretter  und  Baumäste  gelegt  und  mit 
Sandsäcken  beschwert  werden. 

Hängebrücken  nach  indischer  Art  und  natürliche  Felsenbrücken  finden  sich  im 
hohen  Gebirge  einiger  Fandschaften.  Hohe  Felsen  werden  auf  dem  Wege  nach  dem 
Krater  des  Fusiberges  auch  mittelst  eiserner  Ketten  bestiegen,  und  in  der  Landschaft 
Hida  hat  man  die  Verbindung  zweier  Felsen  durch  ein  gespanntes  Seil  bewerkstelligt, 
an  dem  sich  ein  beweglicher  Korb  befindet.  Schlag-  oder  Zugbrücken  (Hiki-basi) 
kommen  blofs  in  Festungswerken  vor.  In  einigen  Landschaften  Nippons  befinden 
sich  auch  Schiffbrücken  (Funa-basi).  Die  bei  Tojama  in  Jettsiu  über  den  dort  an  763 
Meter  breiten  Kantsu  gawa  besteht  aus  52  Kähnen,  die  an  einer  eisernen  Kette  be- 
festigt und  mit  Brettern  belegt  sind.  Ähnliche  sind  bei  Fukui  in  Jetsizen  und  zu 
Sano  in  Kötsuke. 

Den  Anfang  des  Brückenbaues  setzen  die  japanischen  Geschichtsbücher  in  das 
vierzehnte  Jahr  des  Mikado  Nintoku  (326  unserer  Zeitrechnung).  Im  Jahre  612 
erwähnen  sie  eines  Einwanderers  aus  Haksai,  der  sich  auf  den  Bau  der  Brücken 
verstand  und  mehrere  Fandschaften  damit  versah.  Unter  seiner  Leitung  sollen 
an  180  gröfsere  und  kleinere  zu  stände  gekommen  sein,  worunter  die  Kake-basi  von 
Kiso  und  die  Hamanano-basi  in  Tötomi  namhaft  o;emacht  werden.  Auch  dem 
buddhistischen  Priester  Tosco,  der  gegen  Ende  des  siebenten  Jahrhunderts  eine  Reise 


4 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


nach  China  unternommen  hatte,  wird  die  Erbauung  mehrerer  Brücken,  worunter  die 
zu  Ucisi  in  der  Landschaft  Jamasiro,  zugeschrieben. 

Die  Schiffahrt  und  Schiffahrtsk  unde  können  in  einem  Lande,  wo  der  Seehandel 
blofs  auf  die  Befahrung  der  eigenen  Küsten  beschränkt  ist,  und  zwar  durch  Gesetze, 
die  sogar  für  die  Bauart  der  Schiffe  eine  allgemeine  Regel  festsetzen,  nur  wenig  Lort- 
schritte  gemacht  haben.  Dessenungeachtet  finden  wir  diese  Küstenfahrt  auf  einer 
gleichen  Stufe  der  Vollkommenheit  wie  den  inländischen  Handel,  den  sie,  zumal  in 
einem  so  buchten-  und  hafenreichen  Lande,  bei  weitem  mehr  begünstigt  als  den  Trans- 
port zu  Lande,  der  denn  auch  nur  da  besteht,  wo  keine  Verbindung  zu  Wasser 
stattfindet. 

Bereits  in  den  Sagen  der  Vorzeit  wird  der  Gebrauch  der  Schiffe  erwähnt.  Auch 
baute  der  erste  Mikado  Zinmu  (667  v.  Chr.)  Kriegsfahrzeuge,  womit  er  seinen  Er- 
oberungszug gegen  die  Hauptinsel  unternahm.  Mehr  allgemein  und  in  das  Leben  des 
Volkes  eingreifend  scheint  die  Schiffahrt  jedoch  erst  unter  dem  Mikado  Suzin  ge- 
worden zu  sein,  indem  dieser  81  v.  Chr.  einen  Befehl  ergehen  liefs,  zur  Erleichterung 
des  Verkehrs  der  Küstenbewohner  durchs  ganze  Reich  Barken  zu  bauen.  Gegen 
Ende  des  zweiten  Jahrhunderts  war  die  japanische  Llotte  bedeutend  genug,  zahlreiche 
Heerhaufen  nach  der  Halbinsel  Korea  überführen  zu  können. 

Allem  Anschein  nach  waren  die  früheren  japanischen  Lahrzeuge  eine  Nachahmung 
der  koreanischen,  womit  .die  Japaner,  nach  Angabe  ihrer  Jahrbücher,  43  v.  Chr.  be- 
kannt wurden.  Auch  die  Abbildungen  japanischer  Schiffe  aus  früherer  Zeit,  wie  man 
sie  in  Tempeln  auf  Votivbildern  findet,  sprechen  für  diese  Ansicht.  Es  hat  sich 
übrigens  eine  eigentümliche  Bauart  ausgebildet,  welche  bis  auf  den  heutigen  Tag 
weniges  von  der  chinesischen  und  nichts  von  der  europäischen  Schiffbaukunde  über- 
nommen hat,  so  gute  Gelegenheit  auch  die  Japaner  seit  Jahrhunderten  hatten,  beide 
kennen  zu  lernen. 

Die  japanischen  Schiffe  (Lig.  5)  sind  von  Gedern-,  Tannen-  und  Kampherholz 
gebaut,  selten  werden  Lichten,  Ulmen  oder  andere  Holzarten  dazu  genommen,  Das 
Eigentümliche  ihrer  Bauart  macht  ein  kaum  merklicher  Kiel,  der  Mangel  an  Rippen, 

t 

offene  Spiegel  und  das  in  einen  Schnabel  auslaufende  Vorderteil  aus.  Der  Mast  ist 
aus  mehreren  Stücken  zusammengesetzt  und  führt  ein  einziges  grofses  Segel, 
Nägel  und  Beschläge  sind  von  Kupfer,  und  den  Rumpf  schützt  man  durch  Brennen 
vor  Würmern,  da  man  die  Anwendung  des  Teers  nicht  kennt.  Das  Tauwerk  ist 
von  Hanf  oder  von  den  Lasern  der  Lächerpalme,  Chamaerops  excelsa,  auch  häufig 
von  Reisstroh,  während  man  zu  den  Segeln  Kattun  und  auf  kleineren  Schiffen  auch 
blofs  Binsenmatten  nimmt. 

Die  Anker,  die  von  Eisen  und  vierarmig  sind,  gleichen  den  holländischen 
Dreggen.  Auf  leichten  Lahrzeugen  bedient  man  sich  statt  der  Anker  blofs  hölzerner 
Haken,  die  mit  einem  Steine  beschwert  werden.  Die  Kauffahrteischiffe  sind  8 bis 
18  Ken  (cirka  14  bis  32  Meter)  lang  und  verhältnismäfsig  bis  zu  4 Ken  breit,  und 
können  an  150  Tonnen  Ladung  einnehmen.  Die  vorzüglichsten  Schiffswerften  sind 
zu  Osaka,  Sakai  und  Hiogo. 

Die  Küsten  sind  reich  an  Seehäfen,  worunter  Nagasaki,  Simonoseki,  Hiogo, 
Sakai,  Jedo,  Isinomaki  und  Aomori  — die  beiden  letzten  im  nördlichen  Teile  Nip- 
pons, im  Bezirke  Tsugaru  — für  gröfsere  Schiffe  die  vorzüglichsten  sind.  Am  meisten 
besucht  wird  der  Hafen  von  Osaka,  in  den  jedoch  seiner  Untiefe  wegen  nur  kleinere 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826 


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Fig.  5.  Japanische  Seeschiffe  und  Ruderboote. 


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Nippon  I 


5 


66 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Kauffahrer  einlaufen  können.  In  den  Seehäfen  befinden  sich  Bureaux  (Ton  ja),  wo 
die  Geschäfte  für  Schiffahrt  betrieben,  Hafengeld  und  andere  Abgaben  entrichtet,  wie 
auch  Frachten  und  Frachtbriefe  besorgt  werden.  Auch  fehlt  es,  wenigstens  in  den 
bedeutenderen,  nicht  an  Wachthäusern  und  Hafenmeistern,  die  ein  wachsames  Auge 
auf  die  Ein-  und  Ausfuhr  haben. 

Von  gleich  hoher  Wichtigkeit  für  den  Handel  und  Verkehr  ist  die  Schiffahrt  auf 
den  Flüssen  und  Landseen.  Der  Flufs  Jodo  gawa,  der  seinen  Ursprung  aus  dem 
grofsen  Landsee  in  Omi  nimmt  und  den  Mittelpunkt  des  Handels,  Osaka,  in  Ver- 
bindung bringt  mit  den  Landschaften  Omi,  Jamasiro,  Kawatsi,  ja  selbst  mit  Tanba 
und  Ika,  vermittelt  im  Herzen  Nippons  den  lebhaftesten  Handel.  So  auch  der  Sumida 
gawa  und  der  Naka  gawa,  die  als  vielarmige  Strafsen  der  Zufuhr  für  das  volkreiche 
Jedo  dienen,  während  andere  Flüsse,  wie  der  Oi  gawa,  Seto  gawa,  Abe  gawa,  zwar 
nicht  durch  Schiffahrt,  aber  doch  durch  ihren  lebhaften  Verkehr  auf  ihren  Fähren  er- 
giebige Erwerbsquellen  abgeben. 

Die  Flufsfahrzeuge  sind,  je  nachdem  es  die  Natur  des  Flusses  oder  ihre  Be- 
stimmung mit  sich  bringt,  verschieden  in  ihrer  Bauart,  stimmen  jedoch  im  allgemeinen 
darin  überein,  dafs  sie,  bei  Mangel  des  Schnabels,  einen  flachen  Boden  haben,  mit 
dem  die  Seitenwände  unter  einem  rechten  Winkel  zusammenlaufen.  Sie  sind  plumper 
und,  mit  Ausnahme  der  Lustfahrzeuge  und  Jachten,  nicht  so  zierlich  wie  die  Seefahr- 
zeuge, deren  Reinlichkeit  man  auch  an  ihnen  vermifst.  Die  Fahrzeuge  werden  im 
allgemeinen  eingeteilt  in: 

1.  Kriegsfahrzeuge,'  Jukusa  fune,  mit  zwei  Verdecken  und  einem  Hüttendeck  am 
Hinterteil,  oder  blofs  mit  einem  Verdeck  und  ohne  Hüttendeck. 

2.  Wachschiffe,  Ban  fune,  kleine,  auf  dem  Vorderteile  mit  einer  Hütte  ver- 
fehene  Barken,  die  zur  Bewachung  der  Häfen  und  Baien  dienen  und  mitunter  Mi 
okuri  genannt  werden,  und  dann  solche,  welche  auf  die  offene  See  fahren  können 
und  von  ihrer  Ähnlichkeit  mit  den  Walfischfängern,  wie  diese,  Kudsira  fune,  Wal- 
fischschiffe heifsen. 

3.  Kauffahrteischiffe,  Akinai  fune.  (Fig.  5,  1,  2,  3.)  Man  unterscheidet  sie 
in  Nord-  und  Südfahrzeuge.  Die  ersteren,  auf  -welchen  man  nach  dem  nördlichen 
Japan  und  nach  Jezo  Handel  treibt,  sind  gröfser  und  mit  einem  höheren  Spiegel  ver- 
sehen; unter  den  letzteren  begreift  man  die  sogenannten  Sakai  fune,  deren  Verschan- 
zung  zur  Seite  Öffnungen  hat,  und  die  Inaka  fune,  woran  diese  fehlen.  Beide  Arten 
sind  am  Spiegel  offen  und  haben  ein  Zwischendeck  und  eine  Hütte  auf  dem  Verdeck. 

4.  Holzschifte,  Isawa  fune,  kleine,  niedere  Fahrzeuge  zum  Transport  des  Brenn- 
holzes und  anderer  Güter.  Sie  haben  nur  einen  Raum  für  die  Ladung  und  eine  Stroh- 
hütte auf  dem  Verdeck. 

5.  Fischerfahrzeuge,  worunter  die  Walfischfänger  (Kudsira  fune),  Thunfisch- 
Finger  (Katsuwo  fune)  und  die  gewöhnlichen  Fischerbarken  (Tsuri  fune)  (Fig.  5,  4) 
begriffen  werden.  Zum  Versande  lebender  Fische  hat  man  noch  besondere  Fahr- 
zeuge nach  Art  der  Isawa  fune,  worin  der  mittlere  Teil  des  Raumes  durch  eine 
vergitterte  Öffnung  am  Boden  mit  dem  Wasser  in  Verbindung  steht.  Sie  heifsen 
Ikisu  fune. 

6.  Lustfahrzeuge,  Asobi  fune,  in  Baien  und  auf  Flüssen. 

7.  Fahrzeuge  auf  Landseen  und  Flüssen,  Kawa  fune,  die  sich  in  Lastschiffe 
(Tsumi  fune)  und  in  Fähren  (Watasi  fune)  unterscheiden. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


6' 


Schliefslich  glauben  wir  noch  der  Kanäle  erwähnen  zu  müssen,  die  man  teils 
für  die  Schiffahrt,  teils  zum  Schutze  des  Landbaues  angelegt  hat.  Unter  den 
ersteren  zeichnet  sich  der  Kanal  Ondoseto  in  der  Landschaft  Aki  aus,  der  das  jetzige 
Eiland  Kurabasi  110  sima  von  der  Insel  Nippon  scheidet  und  so  eine  gerade  Strafse 
nach  der  Handelsstadt  Hirosima  bildet.  Unter  den  letzteren  sind  die  eingedeichten 
Bette  zu  verstehen,  welche  reifsende  Flüsse  durch  fruchtbare  Ebenen  leiten. 

Die  Gegend  um  Hiogo,  welcher  Ort  gleichsam  der  See  abgewonnen  ist,  bietet 
dem  Reisenden  häufig  Beispiele  dieser  Art  dar,  wo  hundertjähriger  Fleifs  den  Ver- 
wüstungen der  Bergflüsse  .Schranken  gesetzt  hat. 

Betrachten  wir  nun  den  Reisenden  selbst,  so  finden  wir  ihn  nach  dem  Zweck 
seiner  Reise,  nach  der  Art  und  Weise,  wie  er  reist,  und  seinem  Stande  gernäfs  aus- 
gerüstet, in  allem  aber  sich  streng  an  seine  Landessitte  haltend.  Gewisse  Vorberei- 
tungen finden  bei  Reisen  unter  Leuten  höheren  wie  niederen  Standes  statt,  und  es 
wird  niemand  eine  Reise  antreten,  ohne  vorher  die  Tempel  seiner  Heimat  besucht 
und  sich  und  die  Seinen  dem  Schutze  der  Gottheit  anempfohlen  zu  haben.  Bei  einem 
Abschiedsschmause  versammelt  der  Abreisende  noch  einmal  Verwandte  und  Freunde 
um  sich  und  erhält  von  jedem  ein  Reisegeschenk,  Mijage,  zur  Erinnerung  an  den 
ehrwürdigen  Brauch  jener  alten  Zeit,  wo  man  dem  in  die  Fremde  Ziehenden 
Produkte  der  Heimat  mitgab,  um  sie  auswärts  gegen  andere  zu  vertauschen;  woher 
auch  noch  die  heutige  Sitte  stammt,  dafs  der  Reisende  mit  passenden  Gegengeschenken 
heimkehrt. 

Von  der  Art  zu  reisen  selbst  gilt  wohl  für  kein  Land  so  sehr  als  für  Japan  der 
Ausspruch,  dafs,  je  geringer  einer  von  Geburt  und  Stand,  desto  freier  und  unab- 
hängiger er  auf  Reisen  sich  befindet.  Der  Vornehme  in  Japan  sieht  sich  so  streng 
an  Herkommen  und  Etikette  gebunden,  dafs  sein  freier  Wille  gar  nicht  mehr  in 
Betracht  kommt.  Kleidung,  Gefolge,  Reisegerät,  Insignien,  Wege,  Tagreisen,  Mittags- 
mahl, Nachtlager,  sogar  die  Ruheplätze  und  Belustigungsorte  sind  im  voraus  nach 
Mafsgabe  seines  Standes  bestimmt.  Die  jährlichen  Llof-  und  Heimreisen  der  Landes- 
fürsten sind  also  für  diese  eben  so  umständliche  als  kostspielige  Unternehmungen.  Man  hat 
zwar  in  neuerer  Zeit  bezüglich  des  Gefolges  beträchtliche  Einschränkungen  getroffen; 
aber  der  äufsere  Prunk  wurde,  wie  ihn  die  verjährte  Etikette  vorschreibt,  noch  un- 
verändert beibehalten. 

Eigentliche  Reisekleider  tragen  nur  Fufsgänger  und  Reiter;  alles,  was  in  Sänften 
reist,  bleibt  standesgemäfs  gekleidet.  Die  Reisekleidung,  Nöfuk  oder  Feldkleid  genannt, 
besteht  in  einer  Hose  (Momohiki),  Gamaschen  (Kjafu),  einem  kurzen  Oberkleide 
(Hanten),  einem  hinten  geschlitzten  Mantel  (Busuki),  einem  Strohhut,  selten  einem 
lackierten  Hut  (Kasa)  und  den  mehrerwähnten  Strohschuhen  (Söri).  Dabei  trägt  der 
Reisende  aus  dem  Bürgerstande  einen  Säbel,  der  aus  dem  Adel-  oder  Militärstand 
aber  deren  zwei  von  ungleicher  Länge.  Es  ist  das  zugleich  das  allgemeine  Abzeichen 
des  Militärs  und  der  Polizeidiener,  und  es  gehen  so  bewaffnet  die  uns  begleitenden 
Banjösi  und  die  Soldaten,  welche  uns  in  einigen  Landschaften  von  den  Fürsten,  deren 
Gebiet  wir  durchziehen,  als  Ehrenwache  beigesellt  werden. 

Nach  diesen  allgemeinen  Betrachtungen,  die  dem  Leser  die  Übersicht  des  Ganzen 
wie  auch  die  Würdigung  mancher  Einzelheiten  im  Verlaufe  der  Reise  erleichtern 

o ö 

werden,  wollen  wir  wieder  nach  Dezima  zurückkehren,  wo  wir  die  Gesandtschaft 
reisefertig  finden.  Das  Gepäck  wird  zum  Teil  in  die  Barke  geladen,  die  es  über  See 


68 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


nach  Simonoseki  bringt,  zum  Teil  wird  es  bereit  gehalten,  am  nächsten  Tage  über 
Land  zu  folgen. 

Einige  Offiziere  verfügen  sich,  altem  Herkommen  gemäfs,  noch  in  unsere  Woh- 
nungen, um  die  Sachen,  die  wir  mitzunehmen  gedenken,  zu  untersuchen,  ob  sich  etwa 
verbotene  Güter  darunter  befinden.  Es  geschieht  solches  jedoch  nur  oberflächlich,  und 
man  begnügt  sich,  ein  Siegel  darauf  zu  legen,  welches  auf  der  ersten  Station  wieder 
abgenommen  wird. 

Mit  Anbruch  des  15.  Februars  1826  erwarteten  wir  die  japanischen  Reise- 
gefährten, die  uns  von  Dezima  abholen  mufsten.  Herr  Bürger  und  ich  konnten  uns 
Glück  wünschen,  dafs  uns,  als  Deutschen,  das  seltene  Los  zu  teil  ward,  ein  so  merk- 
würdiges Land  zu  bereisen.  Wir  waren  gut  vorbereitet  und  mit  Enthusiasmus  für 
unsere  Sache  beseelt;  und  wenn  ich  je  mit  Mut  und  ernsten  Vorsätzen  zu  einem 
Unternehmen  mich  durchdrungen  fühlte,  so  war  es  jetzt,  wo  der  anbrechende  Tag 
mir  das  Innere  eines  Landes  aufzuschliefsen  versprach,  welches  mich  ein  besonderer 
Drang  unter  den  von  der  Heimat  entferntesten  hatte  aufsuchen  lassen. 


Reise  von  Nagasaki  bis  Kokura. 

Übersicht.  Abreise  von  Dezima.  — Abschied  von  den  japanischen  Freunden  im  Tempel 
Ifukusi.  — Sige  Dennosin , ein  alter  Bekannter  Thunbergs.  — Winterflor  der  Landschaft.  — Be- 
merkungen über  das  Klima  der  japanischen  Inseln.  — Der  Berg  Nagasaki  töge.  Aussicht  auf  den 
Vulkan  Wunzen.  Beschreibung  dieses  Feuerberges  und  seines  Ausbruches  im  Jahre  1792.  — Erd- 
beben. — Die  heifsen  Quellen  auf  Kiusiu.  — Das  Dorf  Jagami.  Gastfreundliche  Aufnahme  in  einem 
Buddhatempel.  Die  buddhistische  Sekte  Ikko  sju;  Priester,  Tempel  und  Gottesdienst  derselben.  — 
Ankunft  und  Übernachten  in  Isahaja.  Der  Golf  von  Simabara.  — Theebau.  — Die  Stadt  Omura. 
Perlenfischerei  daselbst.  Perlenmuscheln  und  Perlen.  — Der  Riesenhuflattig.  — Über  Kinderblattern. 

— Die  Bai  von  Omura.  — Der  alte  Kampherbaum  bei  Ninose.  — Uresino,  seine  Heilquelle  und 
Badeanstalt.  Geologische  Bemerkungen.  — Die  Heilquelle  zu  Tsukasaki.  - — Porzellanerde.  — Der 
heilige  Baum  zu  Woda.  — Über  Lanzasschrift,  die  heilige  Schrift  der  Buddhisten.  — Steinkohlen- 
gruben bei  Wukumoto.  — Fruchtbare  Ebenen  mit  Reisfeldern  bei  Saga,  der  Hauptstadt  der  Landschaft 
Hizen.  — Der  Kanal  Sentono  futsi.  — Der  Hülfsgott  Dsizö.  — Der  Flecken  Kansaki.  Ausgebreitete 
fruchtbare  Ebene  im  Flufsgebiete  des  Tsikugo  gawa.  Gewinnung  einer  zweimaligen  Ernte  von  Reis- 
feldern. Der  Wachsbaum;  Lichter  von  Baumwachs.  — Fege-,  Getreide-  und  Stampfmühlen.  — Geo- 
graphische Lage  von  Todoroki.  — Lehngüter  des  Fürsten  der  Insel  Tsusima  im  Gebiete  von  Hizen. 

— Der  japanische  Senf.  — Die  japanische  Flufsotter.  — Eine  seltsame  Naturaliensammlung  zu  Jamaije. 

— Das  Gebirg  Hija-midsutöge.  — Schilderung  der  Vegetation  auf  den  japanischen  Inseln  in  den 
vier  Jahreszeiten.  Von  der  Umgestaltung  des  Urbildes  der  Landschaft  durch  Landbau  und  Anpflanzung 
ausländischer  Gewächse.  — Gebrauch  der  Strohschuhe  für  Menschen  und  Tiere.  — Fasanen.  — Ein 
Kretin.  Gesichtsbildung  der  Bewohner  des  Innern  von  Kiusiu.  Fruchtbare  Ebene  am  Flusse  Asija 
gawa.  Wilde  Enten,  Gänse,  Kraniche,  sinnreiche  Weise  sie  zu  fangen.  — Künstlich  angelegte  Seen 
zur  Bewässerung  der  Reisfelder.  — Die  Stadt  Kokura. 

[15.  Februar.]  Unsere  japanischen  Begleiter  erschienen  mit  einem  zahlreichen 
Gefolge  auf  Dezima,  wo  sich  bereits  in  aller  Frühe  Träger  und  Knechte  mit  Pack- 
pferden eingefunden  hatten.  Freunde  und  Bekannte  aus  der  Stadt  versammelten  sich, 
um  von  uns  Abschied  zu  nehmen  und  uns  mit  einer  geringfügigen,  aber  herzlich 
gemeinten  Gabe  — dem  herkömmlichen  Mijage  — zu  beschenken.  Wer  nur  Erlaubnis 
erhalten  konnte,  kam  in  die  Faktorei,  und  eine  Menge  Volkes  drängte  sich  aus  Neu- 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


6 9 


gierde  und  freundschaftlichem  Interesse  nach  der  Jedostrafse,  wo  der  Eingang  derselben 
liegt.  Der  Zug  brach  endlich  auf.  Träger  und  Pferde  bildeten  den  Vortrab.  Wir  folgten 
und  gingen,  stattlich  gekleidet,  unter  dem  Geleit  unserer  Landsleute  und  vieler  japanischen 
Beamten  und  Offiziere  hinter  den  Sänften  einher,  die  uns  feierlich  vorangetragen  wurden. 
Nach  einer  kurzen  Strecke  auf  dem  Hafenplatz  O-hato  angekommen,  nahmen  wir 
Abschied  von  unsern  zurückbleibenden  Landsleuten,  bestiegen  die  Sänften  und  zogen 
mitten  durch  die  Stadt  nach  dem  Tempel  Ifukusi.  Unsere  Abreise  nach  dem  Hofe 
ist  ein  Festtag  für  die  Bewohner  von  Nagasaki.  Die  Strafsen,  durch  die  wir  kamen 
(es  sind  die  Strafsen  Soto-ura,  O-mura,  Hon-ko-sen,  Sakura,  Kutsu-san  und  Sin- 
daiku),  und  ihre  Häuser  waren  mit  Zuschauern  angefüllt,  die  uns  höflich  begrüfsten 
und  Glückwünsche  zuriefen.  Bei  dem  Tempel  Ifukusi  machte  der  Zug  Halt,  und  wir 
begaben  uns  mit  unsern  Begleitern  in  eine  Halle  desselben;  diese,  um  sich  dem 
Schutze  des  himmlischen  Geistes,  Tenzin,  anzuempfehlen;  wir,  um  unsere  Reise- 
gefährten und  die  Freunde,  welche  uns  bis  hierher  das  Geleit  gegeben,  nach  Landes- 
sitte mit  Sake  zu  bewirten.  Dieses  allgemein  beliebte  Getränk  ist  kein  gebranntes 
Wasser,  wofür  man  es  gewöhnlich  hält,  sondern  ein  aus  Reis  gebrautes  Bier.  Man 
trinkt  es  warm,  aus  flachen  Schalen  von  lackiertem  Holz  oder  Porzellan,  welche  man 
sich  wechselseitig  unter  steifen  Höflichkeitsbezeigungen  zureicht  und  mit  besondern 
Zuspeisen  begleitet.  Diese,  die  sogenannten  Sakana,  bestehen  in  getrockneten  oder 
gesalzenen  Fischen  und  Früchten,  in  Rettichen  und  andern  Wurzeln,  Champignons,  Ge- 
bäck und  Eierspeisen,  die  in  kleine  Stückchen  geschnitten  und  in  zierlicher  Ordnung 
auf  lackierten  oder  porzellanenen  Schüsseln  aufgetragen  werden.  Belustigungen  jeder 
Art  beginnen  oder  enden  meistens  mit  Sakegelagen. 

Unter  unsern  japanischen  Freunden  befand  sich  ein  gewisser  Sige  Dennozin, 
Sohn  jenes  Sige  Setsujemon,  welcher  im  Jahre  1776  Thunberg  auf  der  Reise  nach 
Jedo  begleitet  hatte.  Dennozin  erinnerte  sich  noch  lebhaft  des  berühmten  Natur- 
forschers. Öfters  zeigte  er  mir  in  seinem  Garten  den  durch  Thunberg  aus  dem 
Hakone-  Gebirge  mitgebrachten  Wacholderbaum,  den  er,  damals  ein  Jüngling, 
hatte  pflanzen  helfen,  und  bewahrte  mit  einer  rührenden  Anhänglichkeit  an  den  Freund 
und  Lehrer  seines  Vaters  eine  Sammlung  durch  Thunberg  bestimmter  Pflanzen  als 
einen  Familienschatz.  Er  bekleidete  ein  ansehnliches  Amt  bei  unserer  Faktorei,  so 
wenig  empfehlend  auch  sein  Titel  Metsuke  — Spion  — in  unsern  Ohren  klingen  mag. 
Die  Liebhaberei  für  Pflanzenkunde  hatte  er  von  seinem  Vater  geerbt,  und  auf  meinen 
botanischen  Exkursionen  um  Nagasaki  war  dieser  ehrwürdige  Mann  häufig  mein  Ge- 
fährte. Auch  durch  seinen  amtlichen  Einflufs  erwies  er  mir  grofse  Dienste,  und  ich 
zähle  ihn  unter  die  Braven,  welche  mir  während  des  letzten,  traurigen  Jahres  meines 
dortigen  Aufenthaltes  Beweise  von  Freundschaft  gegeben,  die,  wenn  man  sie  mit  der 
Zeit  vernehmen  wird,  auf  den  japanischen  Nationalcharakter  das  vorteilhafteste  Licht 
werfen.  — Wir  tranken  recht  herzlich  Abschied  und  zogen  durch  ein  Spalier  ange- 
sehener Leute,  welche  uns  bis  hierher  gefolgt  waren,  durch  die  ländliche  Vorstadt 
Sakura-baba  und  längs  eines  anmutigen  Thaies  weiter. 

Die  Landschaft  war  noch  im  Winterkleide.  Nur  einzelne  blühende  Pflaumen- 
bäume (Prunus  Mume)  und  Mispeln1  und  die  mit  Rübensaat  bestellten,  sich  all- 
mählich färbenden  Felder  verkündeten  das  herannahende  Frühjahr,  während  immer- 


1 Mespilus  japonica  Thunb.  (Bifa). 


7° 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


grüne  Eichen1,  Lorbeeren2,  Stechpalmen3,  wilde  Kamelien4,  aus  entlaubtem 
Gebüsche  hervorragende  Pomeranzenbäume5,  noch  mit  Früchten  beladen,  einzeln- 
stehende Palmen6  und  Bambusbüsche7  das  Wintergemälde  eines  gemäfsigten, 
mehr  südlichen  Erdstriches  bezeichneten.  — Es  hatte  nachts  gefroren  und  etwas  ge- 
schneit; aber  am  Mittag  stieg  das  Thermometer  auf  57°  Fahrenheit  — eine  unge- 
wöhnlich hohe  Temperatur  für  diese  Jahreszeit.  Nach  einem  Durchschnitt  von  drei 
Jahren  war  am  15.  Februar  die  Temperatur  dieser  Gegend  morgens  41°,  mittags 
50°,  nachts  47°. 

Wenn  wir  unter  einem  Himmelsstrich  von  32°  n.  B.  von  Frost,  Eis  und  Schnee 
sprechen,  wollen  wir  auf  die  geographische  Lage  der  japanischen  Inseln  aufmerksam 
machen  und  auf  eine  bereits  häufig  gemachte  und  neuerdings  von  Alexander  von  Hum- 
boldt bestätigte  Beobachtung  hinweisen,  dafs  nämlich  im  Vergleiche  mit  dem  westlichen 
Europa  der  asiatische  Kontinent  sowohl  im  Osten  wie  im  Innern  unter  denselben  Breite- 
graden um  vieles  kälter  ist,  auch  abgesehen  von  einer  gröfseren  oder  geringeren  Erhebung 
über  die  Meeresfläche.  Aber  Japan,  kann  man  mir  entgegnen,  müfste  doch,  da,  wie 
bekannt,  ein  Inselklima  milder  ist,  gerade  wärmer  sein  als  die  unter  derselben  Paral- 
lele liegenden  Länder  vom  Festlande  des  westlichen  Europas  und  Asiens?  Dies  wäre 
auch  thatsächlich  der  Fall,  wenn  nicht  das  in  einem  so  hohen  Grade  kalte  Festland 
von  Asien,  im  Westen  und  Norden  die  japanischen  und  kurilischen  Inseln  umgebend, 
seinen  mächtigen  Einflufs  auf  diese  ausübte.  Die  Nähe  dieses  Festlandes  und  die  zu 
gewissen  Jahreszeiten  von  daher  wehenden  N.-  und  NW. -Winde  bilden  die  Ursache, 
welche  die  Temperatur  dieser  Inseln  so  auffallend  herabstimmt,  vornehmlich  auf  der 
westlichen  und  nordwestlichen  Seite.  Da  sinkt  am  Seestrande  unter  32°  n.  B.  das 
Thermometer  auf  30°  bis  29°  Fahrh.  Wasser  gefriert  einige  Linien  dick,  und 
es  fällt  Schnee,  der  einige  Tage  lang  liegen  bleibt;  unter  36°  gefrieren  Teiche  (der 
See  Suwa  in  Sinano)  und  unter  38°  bis  40°  n.  B.  Flüsse,  so  dafs  man  darüber  gehen 
kann.  Auf  der  Insel  Tsusima  (34°  12'  n.  B.,  1290  15'  ö.  L.  Gr.)  gedeiht  kein  Reis- 
bau mehr,  bei  Mats  mae  auf  Jezo  (41°  38'  n.  B.,  140°  2 6'  ö.  L.)  bringt  Weizen  nur 
eine  spärliche  Ernte,  und  auf  Kap  Soja  endlich  (45°  2T  n.  B.,  142°  49'  ö.  L.)  ziehen  sich 
die  rohen,  abgehärteten  Aino  in  Höhlenwohnungen  zurück,  um  sich  der  Strenge  des 
Winters  zu  erwehren.  Dagegen  erfreuen  sich  eines  milderen  Klimas  die  südöstlichen 
und  östlichen  Küsten,  geschützt  durch  hohe  Bergketten,  die  in  nördlicher  und  nord- 
östlicher Richtung  die  drei  grofsen  Inseln  Kiusiu,  Sikoku  und  Nippon  durchziehen. 
Da  kommen  von  31°  bis  34°  n.  Br.  schon  Palmen,  Musen,  Scitamineen,  Myrten, 
Melastomen,  Bignonien  u.  dgl.  Südpflanzen  fort,  und  an  einigen  Stellen  gedeiht  das 
Zuckerrohr  und  liefert  Reis  eine  zweimalige  Ernte  im  Jahre;  ja  die  Gegend  um  Sendai 
auf  der  Ostküste  von  Nippon  (38°  16'  n.  B.,  140°  56'  ö.  L.)  ist  so  fruchtbar  an 
Reis,  dafs  diese  Landschaft,  obgleich  die  nördlichste,  die  Vorratskammer  von  Jedo, 


1 Quercus  glauca  Thunb.  (Ara  kasi),  Q_.  acuta  Thunb.  (Aka  kasi). 

2 Persea  indica  Spr.  (Inu  gusu),  Tetranthera  glauca  Wall.  (Siro  tamu),  T.  japonica  Spr.  (Hama 
bifa),  Cinnamomum  pedanculatum  Ne  es  (Jabu  nikkei). 

3 Ilex  latifolia  Thunb.  (Tarajo  I.  integra),  Thunb.  (Motsinold),  I.  rotunda  Thunb.  (Tori  raotsi),  I.  Siroki, 

4 Camellia  japonica  L.  (Tsubaki),  C.  Sasan  kua  Thunb. 

5 Citrus  Daidai  ( = C.  Aurantium,  L.). 

6 Chamserops  excelsa  Thunb.  (Sjurö),  Cycas  revoluta  Thunb.  (Sotets). 

7 Bambusa  Matake,  B.  Möso,  Ludolfia  glaucescens  Willd.  (Kin  mei  tsiku). 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


71 


der  volkreichsten  Stadt  Japans,  genannt  wird.  Dieser  Unterschied  der  Temperatur 
auf  der  West-  und  Ostküste  Japans  zeigt  sich  am  auffallendsten  während  der  kälteren 
Jahreszeit,  in  den  Monaten  Januar  und  Februar.  Wir  finden  da,  z.  B.  auf  Dezima 
(320  45'  n.  B.,  1290  5T  ö.  L.)  450  Fahrh.  und  zu  Jedo  (350  4T  n.  B.,  1 3 90  42° 
ö.  L.)  56°  Fahrh.;  also  unter  einem  beinahe  30  mehr  nördlich,  aber  90  5'  östlicher 
gelegenen  Erdstrich  eine  um  ii°  höhere  Temperatur.  Aber  während  dieser  zwei 
Wintermonate,  aus  deren  Beobachtung  diese  Resultate  gezogen  sind,  waren  auch  die 
dem  asiatischen  Festlande  zugekehrten  Küsten  37  Tage  lang  einem  kalten  W.-, 
NW.-  und  N.-Wind  ausgesetzt.  Aus  diesem  Umstande  läfst  sich  nun  auch  die 
Erscheinung  erklären,  dafs  auf  der  Westküste  von  Nippon  unter  dem  36.°  dasWeifse 
Gebirg  (Siro-jama)  schon  auf  einer  Seehöhe  von  etwa  2500  Metern  mit  ewigem 
Schnee  bedeckt  ist,  während,  kaum  einen  Grad  südlicher,  auf  der  Südostküste  der 
Eusiberg  mit  seinem  3793  Meter  hohen  Gipfel  monatelang  unbeschneit  emporragt. 

In  der  heifsesten  Jahreszeit,  im  Juli  und  August,  wo  die  S.-  und  SO. -Winde 
vorherrschen,  hebt  sich  dieses  Mifsverhältnis  der  Temperatur  zu  der  geographischen 
Breite  der  Orte,  und  auf  Dezima  ist  der  mittlere  Thermometerstand  79°  und  zu  Jedo 
76°  Fahrh.  Auf  den  S.-  und  SO. -Küsten,  die  jetzt  von  den  Winden  bestrichen  werden, 
steht  das  Thermometer  selten  höher  als  85°;  an  den  S.-  und  SW.- Küsten  von  Kiusiu 
jedoch,  besonders  in  den  vor  Winden  geschützten  Baien,  oft  auf  90 0 bis  98°,  ja  zu- 
weilen auf  ioo°  Fahrh. 

Soviel  im  allgemeinen  über  das  Klima  der  japanischen  Inseln,  um  unsere  Leser 
vorläufig  damit  bekannt  zu  machen. 

Eine  Tannenallee  führt  an  den  Fufs  des  steilen  Nagasakitöge,  auf  dessen  Koppe, 
Sintöge,  eine  Herberge  liegt,  die  wir  bald  erreichten.  Die  Gebirge  der  Umgegend  von 
Nagasaki,  wie  überhaupt  der  SW. -Teil  von  Kiusiu,  sind  vulkanischer  Formation.  Am 
Fufse  des  genannten  Berges  beobachtete  Herr  Bürger  Porphyrschiefer,  auf  dem  Gipfel 
Basaltkuppen  von  porphyrartiger  Struktur  und  mit  Hornblende  gemengt. 

Das  Gehölz  dieser  Gegend  bilden  Eichen1  und  Lorbeerarten,  Cypressen,  Lebens- 
bäume2, Ahorne3,  Myrten4,  Stechpalmen,  Aralien5,  Reben6  und  Himbeersträuche7,  die 
Eurya8,  Deutzia9,  Ligustrum10,  Viburnum11  und  mehrere  Elaeagnusarten12  bis  auf  eine 
Seehöhe  von  300  bis  350  Meter,  wo  sich  dann  Kiefern,  Heidelbeeren,  Andromeden 
und  Azaleen  darunter  mengen13. 

Auf  der  andern  Seite  des  Passes  öffnet  sich  auf  dem  Hinabwege  bald  eine  weite 


1 Aufser  den  schon  erwähnten  noch  Quercus  Konara  und  Q.  Nara,  Q_.  serrata  Thunb.  (Kanugi). 

2 Cupressus  japonica  Thunb.  (Sugi),  Thuja  Hinoki. 

3 Acer  septemlobum  Thunb.  (Monhzi). 

4 Myrtus  laevis  Thunb.  (Kuroki). 

5 Aralia  pentaphylla  Thunb.  (Ukogi),  A.  japonica  Thunb.  (Jatste),  A.  sinensis  L.  (Dara),  A.  Mitste. 

6 Vitis  flexuosa  Thunb . (Jebitsuru),  V.  Jamabudö,  Cissus  Tsuta. 

7 Rubus  palmatus  Thunb. (Ko -itsigo),  R.  molucanus  L.  (Fuju-itsigo),  R.  trifidus  Thunb.  (Kadsi-itsigo)  etc. 

8 Eurya  japonica  Thunb.  (Hisa-kaki),  E.  montana  Sieb,  et  Zuec. 

9 Deutzia  scabra  Thunb.,  D.  crenata  (Utsuki). 

10  Ligustrum  japonicum  Thunb.  (Nezumi  rnotsi),  L.  Ibota. 

11  Viburnum  macrophylhim  Thunb.  (Haksati  bok),  V.  dilatatum  Thunb.  (Gamazumi). 

12  Elaeagnus  pungens  Thunb.  (Natsu-gumi),  E.  glabra  Thunb.  (Jama-gumi). 

13  Pinus  silvestris  L.  ?,  Vaccinium  ciliatum  'Thunb.  (Hana-kirinoki) , V.  bracteatum  Thunb. 
(Wakurawa),  V.  Jairtpm  Thunb.  (Iwa-nasi)  Andromeda  Dödan,  Azalea  japonica  A.  Gray  (Jama-tsutsuzi). 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Aussicht.  Rechts  zeigt  sich  der  Golf  von  Simabara,  an  dessen  Strand  die  anmutigen 
Fischerdörfer  Hirni  und  Aha  sich  befinden,  und  im  Hintergrund  der  Vulkan  Wunzen; 
links  dehnt  sich,  von  fruchtbaren  Hügeln  umgeben,  die  Bai  von  Omura  aus,  und 
in  gerader  Richtung  vorwärts  erhebt  sich  das  Tara-Gebirg,  dem  sich  die  Berge  O- 
i-jama,  Kamiki-jama  und  Kunimi-jama  anschliefsen  und  in  doppelter  Kette  die  Land- 
schaft Hizen  in  NW.-Richtung  durchziehen.  Man  konnte  das  Inselchen  Makisima, 
welches  Aha  gegenüber  liegt,  deutlich  sehen.  Die  Insel  hat  eine  längliche,  eiförmige 
Gestalt,  einige  Buchten  liegen  an  der  SW. -Seite,  und  sie  erstreckt  sich  etwa  eine  Seemeile 
lang,  von  Süden  nach  Norden.  Später  (1827)  fand  ich  Gelegenheit,  die  Lage  derselben 
vom  Berge  Mitsjama  bei  Nagasaki  genauer  zu  bestimmen,  wobei  sich  folgende 
Kompafsobservationen  ergaben:  Die  S. -Spitze  von  Makisima  S.  37 0 O.,  die  N. -Spitze 
S.  470  O. 

Der  Wunzendake  (der  Name  bedeutet  Pik  der  heifsen  Quellen)  war  noch  bis 
zur  Hälfte  mit  Schnee  bedeckt  und  sein  Gipfel  umwölkt.  Dieser  noch  thätige  Feuer- 
berg auf  der  Halbinsel,  welche  den  östlichen  Teil  von  Hizen,  den  Distrikt  Takaku, 
bildet  und  Simabara,  Inselgefilde,  heilst,  liegt  beinahe  in  der  Mitte  derselben,  etwas 
nordöstlich,  und  erhebt  sich  1253  Meter  über  die  Meeresfläche.  Nur  durch  eine 
niedrige,  zwischen  Sonogi  und  Aitsu  kaum  1 Ri  breite  Landenge  mit  dem  Hizen’schen 
Distrikte  Sonogi  zusammenhängend,  erstreckt  sich  diese  Halbinsel  in  nierenförmiger 
Gestalt  von  32 0 33'  bis  320  51'  n.  B.  und  von  130°  12'  bis  30'  ö.  L.  von  Greenw. 
und  ist  etwa  2^4  deutsche  Meilen  lang  und  D/4  breit.  Die  Japaner  geben  ihre  Länge 
zu  13  und  ihre  Breite  zu  8 Ri  an,  verstehen  aber  darunter  die  Länge  des  Weges, 
welcher  unter  Krümmungen  über  Berg  und  Thal  hinzieht  und  die  entgegengesetzten 
Punkte  verbindet.  Von  der  erwähnten  Landenge  an  erhebt  sich  das  Land  in  sanfter 
Steigung  zu  mehreren  kegelförmigen  Bergspitzen,  aus  deren  Mitte  der  Wunzendake  in 
Form  einer  abgestumpften  Pyramide  hervorragt.  Von  der  Anhöhe  bei  dem  Fischer- 
dorfe Hirni  auf  der  Ostseite  des  Passes  konnte  man  in  der  Richtung  S.  18 0 O.  deut- 
lich drei  solcher  Berggipfel  zur  Linken  und  vier  zur  Rechten  unterscheiden,  welche, 
mit  Ausnahme  des  südlichsten,  der  platt  ist,  ganz  das  Gepräge  vulkanischen  Ursprungs 
an  sich  tragen.  Seit  einem  fürchterlichen  Ausbruch  im  Jahre  1792  ist  der  Wunzen- 
dake den  Bewohnern  dieser  Gegend  ein  Schreckbild  geworden.  Sein  schroffes, 
wüstes  Aussehen,  der  eingestürzte  weite  Krater,  aus  dem  fortwährend  Rauch  und 
Dampf  ausströmen,  die  sich  zu  nebelichten  Wolken  ansammeln,  verkünden  weithin, 
dafs  einst  grofse  Verheerungen  aus  diesem  Feuerschlunde  hervorgegangen  und  neue 
mit  jedem  Tage  zu  befürchten  sind.  Und  diese  Besorgnis  erscheint  um  so  be- 
gründeter, wenn  man  dem  Küstenlande,  das  in  zerrissenen  Formen  diesen  Feuerherd 
umgiebt,  genähert,  eingestürzte  Bergmassen  aus  der  See  hervorragen  und  neue  Krater 
da  gebildet  sieht,  wo  nicht  Landmasse  genug  vorhanden  war,  um  dem  Ausbruche  des 
im  Innern  kochenden  vulkanischen  Fluidums  Widerstand  zu  leisten,  und  alsbald  die 
zahlreichen  siedheifsen  Quellen  gewahr  wird,  die  sich  rund  um  den  Abhang  des  Ge- 
birges ergiefsen.  Die  Gefahr  neuer  Zerstörung  wird  um  so  drohender  durch  die 
fortwährenden  Erderschütterungen,  die  oft  zu  heftigen  Erdbeben  sich  steigern  und 
von  Ausbrüchen  alter  und  neuer  Krater  begleitet  werden. 

Erst  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  hat  sich,  soviel  wir  geschichtlich  wissen, 
der  Wunzendake  thätig  gezeigt.  Aber  ohne  Zweifel  war  er  es  bereits  ein  Jahrtaufend 
früher;  denn  unter  der  Regierung  des  Mikado  Monmu,  im  Jahre  701,  wurde  dem 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Geiste  dieses  Berges  eine  Kapelle  am  Seestrande  erbaut,  worin  ihm  die  Bewohner 
der  Umgegend  die  Erstlinge  ihrer  Ernten  zum  Opfer  brachten.  Im  Sinne  des  alten 
Kamidienstes  konnte  eine  solche  Verehrung  nur  die  Versöhnung  des  zürnenden  Berg- 
geistes zum  Zwecke  haben,  was  sonach  auf  vorgeschichtliche  Ausbrüche  und  Ver- 
heerungen hindeutet.  Doch  wir  haben  den  Beweis  einer  früheren  Thätigkeit  dieses 
Vulkans  nicht  blofs  in  den  Sagen  der  Vorzeit  oder  in  den  Annalen  der  neueren 
Geschichte  zu  suchen;  ihn  liefert  die  ganze  Formation  der  Halbinsel,  und  die  Ge- 
staltung des  bei  weitem  gröfseren  Teiles  von  Kiusiu,  mit  den  zahlreichen,  teils  er- 
loschenen, teils  thätigen  Vulkanen,  wo  jährlich  noch  aus  alten  und  neuen  Essen 
Ausbrüche  stattfinden,  spricht  dafür.  Der  Wunzendake  ist  nur  eine  der  intermittieren- 
den Quellen  des  unterirdischen  Feuerstromes,  der  von  den  molukkifchen  Inseln  aus 
durch  die  Philippinen,  durch  Liukiu  und  das  japanische  Inselmeer  hinzieht,  sich  längs 
den  Kurilen  bis  nach  Kamtschatka  erstreckt  und  in  des  Nordens  ewigem  Eise  erlischt. 

Von  dem  geschichtlich  beglaubigten  ersten  Ausbruch  des  Wunzendake  im  Jahre 
1792  läfst  sich  folgendes  berichten.  Es  war  am  18.  des  ersten  Monats  des  vierten 
Kwansei-Jahres  (1792),  um  5 Uhr  nachmittags,  als  auf  einmal  der  Gipfel  des  Wunzen 
einsank,  und  Dämpfe  und  Rauch  zum  Vorschein  kamen.  Bald  darauf,  am  6.  des 
folgenden  Monats,  fand  ein  Ausbruch  des  am  östlichen  Hange  gelegenen  Berges 
Bi'wonokubi,  etwa  ein  halb  Ri  von  seinem  Gipfel  statt.  Am  2.  des  dritten  Monats 
erfolgte  ein  heftiges  Erdbeben,  welches  auf  ganz  Kiusiu  gefühlt  wurde  und  Simabara 
mit  solchen  Stöfsen  erschütterte,  dafs  man  sich  nicht  auf  seinen  Füfsen  halten  konnte. 
Schrecken  und  Bestürzung  waren  allgemein.  Ein  Erdftofs  folgte  dem  andern,  und 
unaufhörlich  warf  der  Vulkan  Steine,  Asche  und  Lava  aus,  welche  meilenweit  die 
Umgegend  verheerten.  Am  1.  des  vierten  Monats,  um  Mittag,  erfolgte  aufs  neue  ein 
Erdstofs,  der  sich  immer  heftiger  wiederholte.  Die  Häuser  stürzten  ein,  und  unge- 
heuere Felsenmassen,  vom  Berge  herabrollend,  zerschmetterten  alles,  was  ihnen  im 
Wege  lag.  Unter  der  Erde  und  in  der  Luft  liefs  sich  dem  Kanonendonner  ähnliches 
Krachen  hören,  als  plötzlich,  während  einer  eben  eingetretenen  Ruhe,  da  man  die 
Gefahr  vorüber  glaubte,  ein  gewaltsamer  Ausbruch  des  Mjöken-jama  am  nördlichen 
Abhang  des  Wunzendake  erfolgte.  Ein  grofser  Teil  dieses  Berges  sprang  in  die 
Luft,  mächtige  Felsenmassen  stürzten  in  die  See  und  kochendes  Wasser  drang  ge- 
waltsam aus  den  Spalten  des  geborstenen  Berges  und  strömte  der  See  zu,  die  gleich- 
zeitig den  niederen  Strand  überschwemmte.  Das  Zusammentreffen  beider  Wasser 
bewirkte,  merkwürdig  genug,  eine  Erscheinung,  welche  die  erste  Bestürzung  noch 
vergröfserte.  Es  bildeten  sich  Wasserwirbel,  ähnlich  den  Wasserhosen,  welche  alles, 
worüber  sie  wegzogen,  von  Grund  aus  vernichteten.  Die  Zerstörung,  welche  das 
Erdbeben  und  der  Ausbruch  des  Wunzendake  mit  seinen  Nebenessen  in  diesem  Jahre 
auf  Simabara  und  der  gegenüberliegenden  Küste  von  Higo  angerichtet,  soll  nicht  zu 
beschreiben  gewesen  sein.  In  der  Stadt  Simabara  und  ihren  Umgebungen  waren  alle 
Gebäude  eingestürzt,  nur  das  Castell,  dessen  Mauern,  nach  Art  der  cyklopischen,  aus 
kolossalen  Steinblöcken  bestanden,  hatte  der  allgemeinen  Zerstörung  getrotzt.  Die 
Küste  von  Higo  war  durch  die  Verheerung  so  verändert,  dafs  man  sie  kaum  wieder 
erkennen  konnte.  Dreiundfünfzigtaufend  Menfchen  follen  an  jenem  Tage  verunglückt 
fein.  Nach  folchen  Vorfällen  mufste  der  Japaner  in  Erdbeben  und  vulkanischen  Aus- 
brüchen die  fürchterlichste  der  sieben  Plagen  seines  Landes  erkennen. 

Auch  auf  Dezima  verspürt  man  fitst  jährlich  Schwankungen  des  Bodens.  Am 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 

io. Oktober  1825  schreckte  uns  ein  Erdstofs  aus  unserer  nächtlichen  Ruhe,  und  wiederholte 
Erderschütterungen  erfolgten  am  23.  und  24.  desselben  Monats.  Am  heftigsten  indessen 
war  das  Erdbeben,  welches  am  Abend  des  26.  Mai  1828  statthatte.  Der  erfte  Stofs, 
der  wohl  eine  Minute  anhielt,  war  so  heftig,  dafs  man  den  Einsturz  der  Häuser  be- 
fürchtete, wie  denn  wirklich  die  Mauer  um  Dezima,  die  übrigens  ziemlich  schwach 
war,  an  mehreren  Stellen  zusammenbrach.  Die  aufgescheuchten  Vögel,  Raben  und 
Sperlinge,  flatterten  im  Finftern  herum,  und  ihr  Geschrei  tönte  um  so  schauerlicher, 
da  in  der  ganzen  Natur  eine  Todesstille  herrschte;  ich  habe  diese  nebst  trockener 
Luft  und  heiterem  Himmel  jedesmal  während  eines  Erdbebens  in  Japan  bemerkt. 
Der  morastige  Kanal,  welcher  Dezima  von  der  Stadt  scheidet,  und  der  Strand  gaben 
einen  ungewöhnlich  übeln  Geruch  von  sich,  der  indessen  nicht  als  Entwickelung  unter- 
irdischer Gase,  sondern  als  Folge  der  durch  die  Erschütterung  in  grofser  Menge  frei- 
gewordenen Sumpfausdünstung  anzunehmen  ist.  Unbedeutende  Erderschütterungen 
fühlte  man  noch  die  Nacht  hindurch.  Am  heftigsten  soll  dieses  Erdbeben  auf  der 
Insel  Amakusa,  etwa  8 deutsche  Meilen  südöstlich  von  uns,  gewesen  sein,  und  wir 
erfuhren,  dafs  man  in  der  Nähe  dieser  Insel  in  der  See  ein  einem  feuerspeienden 
Berge  ähnliches  Phänomen  beobachtet  habe.  Zu  gleicher  Zeit  stürzte  auf  der  Insel 
Takarasima,  etwa  40  deutsche  Meilen  SW.  von  Nagasaki,  eine  Steinkohlengrube  ein, 
und  auf  dem  Kap  Nomo,  etwa  4 deutsche  Meilen  von  uns,  rollte  ein  steinerner  Götze 
von  einem  Hügel  ins  Thal  hinab.  Auch  der  Wunzendake  zeigte  Bewegungen.  Den 
ganzen  Sommer  über  hielten  leichte  Erschütterungen  an,  wiederholte  Eruptionen  des 
Wunzen  fanden  statt,  und  es  erfolgten  heftige  Ausbrüche  des  Feuerberges  Aso  in  der 
Landschaft  Higo  (320  48' n.  B.,  1 3 1 0 30'  ö.  L.  v.  Gr.)  und  des  Mitake  auf  dem  Insel- 
chen Sakurasima  in  der  Landschaft  Satsuma  (310  36'  n.  B.,  13 1°  40'  ö.  L.  v.  Gr.). 
Selbst  auf  Nippon,  und  zwar  in  der  Stadt  Jedo  und  deren  Umgegend,  also  in  der  Nähe 
des  erloschenen  Vulkans  Fusi  und  des  noch  thätigen  Asama-jama  (in  der  Parallele  des 
350  und  370  n.  B.  und  unter  1 3 9 0 30'  ö.  L.  v.  Gr.)  wurden  starke  Erdstöfse  gefühlt. 
Wir  können  sonach  in  einer  Ausdehnung  von  mehr  als  8 Länge-  und  7 Breitegraden  eine 
gleichzeitige  Äufserung  vulkanischer  Thätigkeit  nachweisen,  welche,  wenn  uns  alle 
Ereignisse  längs  der  oben  bezeichneten  Reihe  von  Feuerbehältern  bekannt  wären,  sich 
wohl  noch  weiter  verfolgen  liefse.  Dafs  auf  Kamtschatka  im  Jahre  1828  ein  Ausbruch 
des  Awatscha  statthatte,  mag  hier  Erwähnung  finden.  Nach  einer  Bemerkung,  die 
mir  glaubwürdige  Japaner  mitteilten,  treten  vulkanische  Ausbrüche  meistenteils  um 
die  Zeit  der  Springflut  ein,  und  auf  Erdbeben  und  Eruptionen  folgt  jederzeit  eine 
Überschwemmung  durch  ungewöhnlich  hohe  Flut.  Auch  will  man  bei  Erdbeben  ein 
dumpfes  unterirdisches  Getöse,  ähnlich  dem  Heulen  des  Sturmes,  bemerkt  haben. 
Schwefelige  und  salpeterige  Dämpfe  wird  man  bei  gewöhnlichen  Erderschütterungen 
nicht  gewahr.  Dafs  man  auch  auf  den  Schiffen  Erdbeben  fühlt,  ist  auch  in  Japan  eine 
ausgemachte  Sache.  Die  japanischen  Wetterpropheten  wollen  nach  der  Tageszeit,  wo 
das  Erdbeben  eintritt,  atmosphärische  Veränderungen  mit  Zuverlässigkeit  Voraussagen; 
so  soll  z.  B.  ein  Erdbeben  um  12  Uhr  mittags  oder  um  Mitternacht  Seuchen,  um 
2 und  6 Uhr  nach  Mitternacht  Sturm,  um  4 und  8 Uhr  morgens  und  abends  trockene 
Witterung  verkünden.  Der  einfältige  Landmann  glaubt  lest  daran,  während  er  die 
Ursache  der  Erschütterung  einem  riesigen  Walfisch  zuschreibt,  der  so  gewaltig  gegen 
die  Küste  anschlage.  Was  übrigens  die  Ansichten  der  wissenschaftlich  gebildeten 
Japaner  von  dergleichen  Naturerscheinungen  angeht,  erkennen  sie,  nach  der  chinesi- 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826 


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sehen  Naturphilosophie,  darin  einen  Kampf  der  ätherischen  Stoffe  mit  den  irdischen, 
und  erst  in  neuerer  Zeit  hat  unsere  wissenschaftliche  Theorie  bei  ihnen  Eingang 
gefunden. 

Aus  den  erwähnten  Mitteilungen  meiner  Schüler  will  ich  hier  noch  einiges  über 
die  Lage  und  das  Vorkommen  der  vorzüglichsten  heifsen  Quellen  des  Wunzen  und 
einiger  andern  Vulkane  auf  Kiusiu  folgen  lassen,  und  dazu  die  Resultate  der  Unter- 
suchungen, welche  Herr  Bürger  über  die  Eigenschaften  und  Bestandteile  der  Mineral- 
wässer angestellt  hat,  anführen. 

Die  heifse  Quelle  Ko-dsigoku,  d.  h.  die  kleine  Hölle,  am  südlichen  Abhang  des 
Wunzendake,  auf  einer  Seehöhe  von  538  Meter,  sprudelt  an  einer  Stelle  von  beiläufig 
20  [J  Ken  (1  Ken  = 1,8182  Meter)  in  mehreren  Strahlen,  mit  Geräusch  und  Blasen 
werfend,  aus  dem  felsigen  Boden  hervor,  und  stürzt  sich,  ohne  irgend  ein  Becken  zu 
bilden,  in  einzelnen  Rinnen  den  Abhang  des  Berges  hinab.  Dafs  das  hervorsprudelnde 
Wasser  den  Siedpunkt  hat,  beweist  der  von  meinen  Schülern  angestellte  Versuch,  Eier 
in  wenig  Minuten  darin  hart  zu  kochen.  An  der  Quelle  sieht  das  Wasser  gelblich 
aus,  was  von  dem  Niederschlag  von  Eisenoxydhydrat,  womit  die  Steine  bedeckt  sind, 
herrührt.  Das  Gras  umher  war  dürr  und  hatte  ein  verbranntes  Aussehen.  Die 
Farbe  des  an  der  Quelle  geschöpften  und  einige  Tage  in  Porzellankrügen  auf  be- 
wahrten Wassers  war  vom  gewöhnlichen  reinen  nicht  verschieden  und  krystallhell, 
der  Geruch  eisenhaltig,  der  Geschmack  herb,  zusammenziehend,  tintenartig;  das  speci- 
fische  Gewicht  1,010.  Aus  den  mit  Reagentien  angestellten  Versuchen  ging  hervor, 
dafs  in  diesem  Wasser  kohlensaures  Eisenoxydul,  Schwefelsäure  und  ein  wenig  Salz- 
säure enthalten  ist;  es  gehört  sonach  zu  den  Stahlwässern. 

Am  nördlichen  Abhang  des  Wunzendake  entspringt  die  Quelle  O-dsigoku  (die 
grofse  Hölle)  auf  einer  Seehöhe  von  562  Meter.  Die  Stelle  ihres  Ursprungs  ist  be- 
deutend gröfser  als  die  der  ebenerwähnten  südlichen  Quelle,  und  mehrere  hundert 
Strahlen  siedheifsen  Wassers  kommen  aus  dem  felsigen  Boden  zum  Vorschein.  Die 
im  Wasser  liegenden  Steine  sind  ebenfalls  mit  Eisenoxydhydrat  belegt;  auch  findet 
man  hin  und  wieder  einen  Ansatz  von  Schwefel.  Die  Pflanzen  und  Gebüsche  in  der 
Nähe  sehen  schwarz,  wie  verbrannt,  aus.  Das  Wasser  ist  weifs,  durchscheinend,  der 
Geruch  eisenartig,  der  Geschmack  stark  zusammenziehend,  säuerlich  tintenartig,  das 
specifische  Gewicht  1,015.  Ei  diesem  Wasser  ist,  wie  aus  einer  qualitativen  Analyse 
hervorging,  das  Eisen  durch  Schwefelsäure  aufgelöst  enthalten,  und  vorwaltendes 
schwefelsaures  Eisenoxydul  macht  in  Verbindung  mit  andern  gewöhnlichen  schwefel- 
sauren und  etwas  salzsauren  Salzen  dessen  Bestandteile  aus.  Es  gehört  daher  als 
Eisenwasser  zu  den  Vitriol-  oder  Alaunwässern.  — Berüchtigt  wurden  diese  beiden 
Höllen  in  den  Tagen  der  Christenverfolgung,  wo  sie  zur  Marterbank  der  im  Glauben 
beharrenden  Japaner  dienen  mufsten. 

Am  Fufse  des  Wunzendake,  dicht  am  östlichen  Strande  von  Simabara,  befindet 
sich  noch  eine  durch  ihre  Heilkraft  berühmte  Quelle,  welche  nach  dem  nahe  gelegenen 
Fischerdorfe  Wobama-  genannt  wird.  Sie  ist  eine  einzelne  Quelle  und  hat  das  Eigen- 
tümliche, dafs  sie  zur  Zeit  der  Flut  von  der  See  bedeckt  wird.  Ohne  Geräusch  und 
Aufwallung  quillt  sie  aus  dem  steinigen  Boden  und  wird  von  da  in  eine  nahe  Bade- 
anstalt geleitet.  Ihre  Temperatur  ist  etwa  90 0 Fahrh.  (25,78°  R.),  die  Farbe  klar 
und  durchsichtig  wie  reines  Wasser.  Sie  hat  keinen  Geruch,  wohl  aber  stark  salzigen 
Geschmack,  Das  specifische  Gewicht  ist  1,035.  Nach  der  Untersuchung  des  Herrn 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Bürger  ist  diese  Quelle  eine  salinische,  da  sie  nur  schwefelsaure  und  salzsaure  Salze 
aufgelöst  enthält. 

Von  den  heifsen  Quellen  des  Vulkans  Aso  in  der  Landschaft  Higo  sind  uns 
nachfolgende  bekannt  geworden: 

Die  Quelle  von  Totsino-ki  d.  h.  unter  den  Kastanienbäumen.  Sie  entspringt 
am  westlichen  Abhang  dieses  Vulkans,  quillt  ruhig,  nur  spärlich  Blasen  werfend,  aus 
dem  felsigen  Boden  und  sammelt  sich  in  einem  Behälter,  aus  dem  sie  zu  einer  nahen 
Badeanstalt  geleitet  wird.  Die  Temperatur  des  hervorquellenden  Wassers,  welches 
vollkommen  klar,  geschmack-  und  geruchlos  ist,  steht  nicht  viel  höher  als  die  er- 
wähnte Bädertemperatur  von  etwa  90 0 Fahrh.  Die  Fassung  des  einige  Fufs  tiefen 
Behälters  ist  dick  mit  kohlensaurem  Kalk  bedeckt,  und  das  Wasser  enthält,  wie  sich 
aus  der  Analyse  ergab,  vorzüglich  schwefelsaure  und  Spuren  von  salzsauren  Salzen. 

Die  Quelle  Dsigoku  oder  die  Hölle,  eine  sehr  heifse  Quelle  am  westlichen  Ab- 
hang des  Aso-jama,  entspringt  unweit  der  vorigen  an  einer  felsigen  Stelle  von  etwa 
10  Ken  Umfang,  wo  sie  in  mehreren  Strahlen,  siedheifs  und  eine  Menge  Blasen 
werfend,  hervorsprudelt.  Sie  soll  in  ihrer  äufseren  Erscheinung,  sowie  in  ihren  phy- 
sischen Eigenschaften  mit  der  Quelle  O-dsigoku  am  Wunzen  übereinstimmen,  wie 
denn  auch  die  Analyse  ähnliche  Bestandteile  des  Wassers,  nämlich  schwefelsaures 
Eisenoxydul  in  Verbindung  mit  schwefelsauren  und  einer  geringen  Quantität  salzsaurer 
Salze,  aufweist. 

Die  Quelle  Taruki-tama,  d.  h.  Krystall  vom  (Dorfe)  Taruki,  befindet  sich  am 
südlichen  Abhang  des  Aso,  in  der  Nähe  des  Dorfes  Taruki,  wohin  sie  in  eine  Bade- 
anstalt geleitet  wird.  Sie  kommt  ohne  Geräusch  und  Blasen  zum  Vorschein,  hat  die 
gewöhnliche  Bädertemperatur  und  einen  säuerlich  tintenartigen  Geschmack,  enthält 
schwefelsaures  Eisenoxydul  und  etwas  Schwefel-  und  salzsaure  Salze,  und  ist  also 
ebenfalls  ein  Stahlwasser. 

Die  Quelle  zu  Juno-tani.  Sie  entspringt  am  Fufse  des  Vulkans  Aso,  im  Dorfe 
Juno-tani,  d.  h.  dem  Thale  der  warmen  Quelle,  ist  siedheifs,  von  tintenartigem 
Geschmack  und  enthält  schwefelsaures  Eisenoxydul  in  den  gewöhnlichen  Verbin- 
dungen der  beschriebenen  Quellen  des  Aso.  Die  im  Dorfe  errichtete  Badeanstalt 
wird  häufig  besucht. 

In  der  Nähe  dieses  Feuerberges,  in  den  nicht  weit  voneinander  gelegenen  Ort- 
schaften Jamaja,  Tsimura  und  Hirajama  befinden  sich  noch  mehrere  Heilquellen, 
welche  Schwefel-  und  salzsaure  Salze  enthalten.  Auch  das  Bad  O barna  am  Strande 
von  Higo,  welches  blofs  lauwarm  und  ein  gewöhnliches  Quellwasser  ist,  das  etwas 
Erdsalze  aufgelöst  enthält,  wird  zur  Sommerzeit  häufig  besucht. 

Vom  Vulkan  Kirisima  entstehen  zwei  warme  Quellen:  Die  Heilquelle  des 
Dorfes  Iwotani  (Schwefelthal),  am  südöstlichen  Fufse  des  Kirisima,  die  in  der  Nähe 
eines  Bergbaches,  wahrscheinlich  eines  Armes  des  Iwagawa,  siedheifs  mit  Brausen 
hervorbricht,  einen  eisenartigen  Geruch,  zusammenziehenden  Nachgeschmack  und  ähn- 
liche Bestandteile  wie  die  Stahlwässer  des  Aso  hat,  und  in  deren  Umgebung  sich  viel 
Eisenvitriol  absetzt,  und  die  Quelle  Dönoju  (Tempelbad)  am  Abhang  des  Kirisima, 
an  einer  mit  Bambus  bewachsenen  Stelle.  Sie  ist  lauwarm  und  zeigt  blofs  schwache 
Spuren  von  Schwefel-  und  salzsauren  Salzen.  Mehrere  ihrer  Heilkräfte  wegen  be- 
rühmte warme  Quellen  befinden  sich  noch  am  Fufse  des  Feuerberges  Mitake  auf  dem 
Inselchen  Sakura  sima  im  Süden  der  Landschaft  Satsuma,  desgleichen  in  der  Land- 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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schaft  Bungo,  in  der  Nähe  des  noch  thätigen  Tsurumi-jama  und  des  erloschenen  Juno- 
jama.  Die  Heilquellen  von  Uresino  und  Take  wo  in  Hizen  werden  wir,  da  wir  sie 
in  kurzem  selbst  besuchen,  an  Ort  und  Stelle  näher  beschreiben. 

Es  war  ein  stiller,  heiterer  Wintertag.  Um  die  schöne  Aussicht  freier  zu  ge- 
niefsen,  legten  wir  eine  grofse  Strecke  des  Weges  zu  Fufs  zurück.  Unsere  Begleiter, 
die  beiden  Unterbanjosten  und  einige  Dolmetscher,  sahen  es  ungern,  da  sie,  anstands- 
halber uns  Gesellschaft  leistend,  auf  die  Gemächlichkeit  ihrer  Sänften  verzichten 
mufsten.  Man  konnte  ihnen  ansehen,  dafs  sie  recht  müde  wurden.  Als  wir  Jagami, 
wo  unser  Mittagsmahl  angesagt  war,  vor  uns  hatten,  ersuchten  sie  uns  höflich,  unsere 
Sänften  zu  besteigen,  mit  der  Bemerkung,  ein  Einzug  zu  Fufs  schicke  sich  nicht  für 
Herren  unseres  Standes.  Schon  vor  dem  Dorfe  kam  uns  der  Wirt  oder,  wie  ihn  die 
Dolmetscher  nannten,  der  Hospes  entgegen  und  empfing  uns  unter  einer  Menge  von 
Bücklingen  und  Höflichkeitsbezeigungen,  welche  letztere  sich  indessen  blofs  auf  die 
oftmalig  wiederholte  Silbe  He!  und  ein  zischendes  Atemholen  beschränkten,  worauf 
er  in  geschäftigem  Trabe  dem  Zuge  vorauseilte,  um  uns  an  der  Pforte  eines  Buddha- 
tempels, den  man  in  Ermanglung  eines  anständigen  Gasthauses  zu  unserm  Empfang 
eingerichtet  hatte,  aufs  neue  zu  bewillkommen.  Bereits  unterwegs  hatten  wir  bemerkt, 
dafs  die  Landstrafse  erst  kürzlich  ausgebessert  worden  war;  im  Dorfe  fanden  wir 
den  Weg  gekehrt  und  nach  dem  Tempel  hin  frisch  mit  Sand  bestreut,  und  kleine 
zugespitzte  Sandhaufen  waren  zu  beiden  Seiten  des  Tempelthores  errichtet.  Wir 
traten  in  ein  geräumiges  Seitenzimmer  des  Tempels,  das  mit  neuen  Matten  belegt 
war,  und  waren  nicht  unangenehm  überrascht  durch  eine  ganz  nach  europäischem 
Geschmack  gedeckte  Tafel,  Stühle  und  andere  uns  wohlbekannte  Geräte,  die  mit 
den  Quartiermachern  der  Gesandtschaft  gewöhnlich  vorausgehen.  Wir  fanden  uns  wie 
zu  Hause.  Es  liefsen  darauf  die  Priester  sich  anmelden  und  sandten  nach  Landessitte 
ein  kleines  Geschenk,  zierliches  Zuckergebäck,  das  auf  eigentümlichen,  einfach  aus 
Cedernholz  verfertigten  Täfelchen  (Kasi  bon)  vorgesetzt  wurde. 

Die  Priester  dieses  Tempels  waren  von  der  Sekte  Ikko-sju.  Sie  hatten,  wie  alle 
Buddhapriester,  kahlgeschorne  Köpfe  und  trugen  schwarze  Röcke  mit  langen  weiten 
Ärmeln,  um  die  Hüften  mit  einem  Stricke  gegürtet.  Ihre  Sekte,  die  auch  Sjödo  sin- 
sju  d.  i.  neue  Sekte  des  Sjödo  liehst,  ist  die  aufgeklärteste,  beliebteste  und  zahlreichste 
in  Japan.  Ihr  Stifter,  der  Bonze  Sinran,  war  ein  Japaner  aus  einer  angesehenen  Familie 
(geb.  1174,  gest.  1264),  der  sich  früher  zum  Glauben  der  Sekte  Tendai  bekannt 
hatte.  Die  Priester  der  Sekte  Ikko-sju,  wie  auch  die  Jama-busi  oder  Bergpilger, 
sind  die  einzigen  der  buddhistischen  Sekten,  denen  das  Heiraten  und  der  Genufs  des 
Fleisches  erlaubt  ist. 

Die  innere  Einrichtung  der  Ikko-sju  Tempel  ist  sehr  einfach.  Mehrere,  gewöhn- 
lich drei  bis  fünf  an  einander  stofsende  Säle,  durch  Schiebthüren  verschliefsbar  und 
mit  Binsenmatten  belegt,  bilden  eine  Halle,  worin,  dem  Eingang  gegenüber,  oft  auch 
auf  der  linken  Seite,  der  zierlich  geschnitzte  Altar  steht,  dessen  Platz  aufser  der  Zeit 
des  Gottesdienstes  durch  ein  Gitter  verschlossen  wird  wie  in  katholischen  Kirchen 
der  Chor.  Auf  dem  Altar  steht  eine  Art  Tabernakel,  Butsdan  oder  Gottessitz  ge- 
nannt, worin  hinter  einem  Vorhänge  auf  einem  vergoldeten,  die  heilige  Lotusblume 
vorstehenden  Fufsgestell  ein  vergoldetes  Bild  des  himmlischen  Amida  thront.  Zu  beiden 
Seiten  stehen  kleine  Epitaphien,  Ihai  genannt,  die  in  Goldschrift  den  Namen  des  Stifters 
des  Tempels  oder  sonst  um  die  Religion  verdienter  Personen  tragen,  und  auf  eigen- 


7§ 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


tümlichen  rot  lackierten  Opfertischen  von  geschmackvollem  Schnitzwerk  werden  dem 
Amidabilde  Opfer  vorgesetzt.  Sie  bestehen  meistens  in  vegetabilischen  Efswaren,  be- 
sonders in  Reis  und  Reiskuchen,  aber  auch  in  Rauchkerzchen  und  Blumen.  Zu  den 
Seiten  des  Hauptaltars  befinden  sich  gewöhnlich  zwei  Nebenaltäre,  die  hier  sehr  ein- 
fach waren.  Links  — die  Ehrenseite  bei  den  Japanern  — hing  das  Bildnis  des 
heiligen  Sinran,  und  ein  kleiner  Opfertisch  mit  einer  Vase  blühender  Pflaumen  nebst 
mehreren  Opferschalen  voll  Reis  und  anderen  Opfergaben  standen  davor.  Rechts 
befand  sich  ein  kleineres  Butsdan,  worin  man,  wie  ich  vernahm,  ein  kostbares  Ihai 
mit  dem  Namen  eines  verstorbenen  Kaisers  bewahrt,  das  nur  am  Jahrestage  seines 
Hinscheidens  dem  Volke  zur  Verehrung  gezeigt  wird. 

Aufserdem  bemerkte  man  gottesdienstliche  Bücher  (kiö),  Schellen  (rei)  und 
andere  Schall  Werkzeuge  (do-bats)  auf  den  gepolsterten  Matten,  auf  denen  die  Priester 
ihr  Gebet  verrichten,  und  ein  Ewiglicht  brannte  im  Chore.  Mit  Ausnahme  des  Bild- 
nisses des  himmlischen  Arnida  war  keine  Spur  des  Bilderdienstes,  in  den  der  niedere 
Buddhakultus  entartet  ist,  zu  sehen;  auch  von  aufsen  trug  das  Gotteshaus  keines  der 
symbolischen  Zerrbilder,  die  bei  andern  Sekten  so  häufig  sind.  Schlicht  und  einfach 
ist  der  Kultus  dieser  Sekte,  deren  Stifter  das  grofse  Verdienst  hat,  die  durch  tausend- 
jährigen Mifsbrauch  und  durch  Betrug  entstellte  Lehre  des  Buddha  gereinigt,  und 
dem  einzigen  Gott,  wenn  auch  unter  dem  uns  heidnisch  klingenden  Namen  Amida 
— - der  Aufnehmende,  Helfende,  Rettende  — , in  Japan  Tempel  errichtet  zu  haben, 
wo  nicht  verstockte  Mönche  durch  sinnbetäubende  Symbole,  mystische  Ceremonien 
und  eine  Reihe  mannigfaltig  gestalteter  Götzen  zum  Volke  sprechen,  sondern 
wo  ein  Weltgeistlicher,  bekannt  mit  den  Pflichten  des  Bürgers  und  Familien- 
vaters, als  Freund  und  Lehrer  in  die  Mitte  seiner  Brüder  tritt  und  ihr  Fürsprecher 
bei  Gott  wird,  dem  er  unter  seinem  Dache  einen  irdischen  Ruheplatz  gebaut,  dem 
unter  seiner  Obhut  ein  gemeinschaftlicher  Opferherd  lodert.  — Die  Sekte  Ikko-sju 
ist  daher  auch  die  einzige  des  Buddhakultus,  w7elche  unter  dem  aufgeklärten  Teile  der 
Nation  Achtung  genieist,  die  einzige,  merkwürdig  genug,  welche  trotz  den  Bemühungen 
anderer  Mönche  auch  bei  den  Ainos  auf  Jezo  Eingang  gefunden  hat.  Denkt  man  sich 
den  Charakter  dieser  einfachen  Naturmenschen  in  ihrer  unverfälschten  Urwüchsigkeit, 
unter  ihrer  patriarchalischen  Verfassung  lebend,  so  kann  man  es  nur  der  Glaubens- 
lehre selbst  zuschreiben,  dafs  sie  da  einen  so  günstigen  Eindruck  machte. 

Unser  Gesandter  dankte  den  Priestern  lür  ihre  Gastfreundschaft  und  überreichte 
ihnen,  weil  es  so  herkömmlich,  ein  kleines  Geschenk.  Wir  hatten  uns  in  Gesellschaft  eines 
der  Dolmetscher  das  Mittagsmahl  munden  lassen  und  setzten  nun  die  Reise  nach  Isa- 
haja  fort.  Bei  unserm  Einzug  in  Jagami  hatten  sich  die  Bewohner  des  Dorfes  ver- 
sammelt, um  die  nach  dem  Hofe  ziehenden  Holländer  zu  sehen,  und  der  Zulauf 
wurde  immer  stärker.  Die  Volksmasse  bildete  jedoch  ein  Spalier,  durch  das  wir  un- 
gehindert fortzogen,  nicht  wenig  erbaut  durch  ihr  stummes  Anstaunen  und  bescheidenes 
Benehmen.  Gut  unterhaltene  Alleen  und  Wege  führten  längs  Reisfeldern  und  Hügeln 
über  die  Landenge,  die  im  Westen  durch  die  Bai  von  Omura,  im  Osten  durch  die 
von  Isahaja  und  im  Süden  durch  die  Bucht  von  Eunatsu  gebildet  wird,  nach  Isahaja,  wo 
wir  unter  Laternenschein  gegen  acht  Uhr  ankamen  und  gleichfalls  in  einem  Tempel 
der  erwähnten  Buddhasekte  untergebracht  wurden.  Bald  nach  unserer  Ankunft  erhielten 
wir  einen  Besuch  vom  Kuinin  und  dem  Oberdolmetscher,  die  uns  zur  ersten  Tagreise 
Glück  wünschten  und  den  Reiseplan  für  den  folgenden  Tag  besprachen. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Die  eben  genannten  Baien  gehören  zu  dem  grofsen  Golf  von  Simabara,  dessen 
wir  bereits  öfters  erwähnt  haben.  Die  niederländischen  Seefahrer  zu  Anfang  des 
17.  Jahrhunderts  bezeichn eten  mit  diesem  Namen  den  grofsen  Meerbusen,  der  auf 
der  Westküste  von  Kiusiu  tief  ins  Land  einbiegt  und,  begrenzt  von  den  Landschaften 
Higo,  Tsikugo  und  Hizen,  ein  weites  Becken  bildet,  das  die  Halbinsel  Simabara,  die 
Inseln  Amakusa,  Kami-  und  Simo-togi,  Ojano  und  Nagasima  und  noch  viele  andere 
kleine  Eilande  und  Felsen  aufnimmt.  Die  durch  die  Christenverfolgung  in  traurigem  An- 
denken stehende,  durch  ihren  hoben  Vulkan,  den  Wunzendake,  weit  von  der  See  aus  er- 
kennbare Halbinsel  Simabara  gab  diesem  Golf  ihren  Namen.  Passender  würde  man  den- 
selben, da  er  bei  weitem  die  gröfste  Bucht  an  der  Küste  von  Kiusiu  ist,  Golf  von  Kiusiu 
nennen,  hätte  diesen  Namen  nicht  bereits  die  Bai  von  Nagasaki  erhalten.  Einige 
Geographen  nannten  vorzugsweise  die  Bucht,  welche  die  Westküste  von  Simabara 
mit  der  Südküste  von  Hizen  bildet,  Bai  von  Simabara  und  gaben  der  im  Norden  von 
Simabara  sich  ausbreitenden  Bucht  den  Namen  Bai  von  Arima,  ebenfalls  nach  einem 
auf  der  Nordostküste  von  Simabara  gelegenen  Orte,  der  bei  der  erwähnten  Christen- 
verfolgung zerstört  worden  ist.  Der  Name  Arima  findet  sich  nicht  mehr  auf  japa- 
nischen Originalkarten,  und  wir  wollen  ihn,  indem  wir  die  ganze  Bucht  als  Golf  von 
Simabara  bezeichnen,  hiermit  der  Vergessenheit  übergeben.  Um  in  diesem  ausge- 
breiteten Meerbusen  sich  leichter  zurechtfinden  zu  können,  glaubte  ich,  den  verschie- 
denen kleineren  Buchten,  welche  zu  Häfen  und  Rheden  dienen  oder  zu  den  Mündungen 
bedeutender  Flüsse  führen,  die  besonderen  Namen  geben  zu  müssen,  die  man  auf  der 
Karte  von  Kiusiu  verzeichnet  finden  wird.  Es  sind  die  landesüblichen,  an  die  ich  mich 
streng  gehalten  habe.  Zu  den  vorzüglichsten  dieser  Buchten  gehören  im  Norden  die 
Bucht  von  Saga,  im  Osten  die  von  Kumamoto,  die  Bai  von  Jatsiro,  im  Westen  die 
Bai  von  Isahaja  und  die  Buchten  von  Mogi,  von  Funatsu  und  Wobama.  In  die  nörd- 
lichen und  östlichen  Buchten  des  Golfes  können  gröfsere  Schiffe  nur  durch  die  Strafse 
gelangen,  welche  vom  Kap  Hajasaki  auf  Simabara  und  vom  Kap  Tamase-saki  der 
Insel  Amakusa  gebildet  ward.  Im  Jahre  1638  am  23.  Februar  passierte  das  holländische 
Schiff  de  Rijp,  geführt  von  Nikolaas  Koekebakker,  diesen  Kanal  — ■ wohl  das  einzige 
europäische  Schiff,  das  ihn  je  befuhr,  aber  leider  von  den  Japanern  zur  Belagerung 
der  in  der  Festung  von  Simabara  eingeschlossenen  Christen  geprefst. 

[16.  Febr.]  Wir  brachen  um  7 Uhr  auf,  setzten  über  Jeisjo-gawa,  ein  Flüfs- 
chen,  das  im  Taragebirg  entspringt  und  sich  bei  Isahaja  in  die  See  ergiefst,  und  zogen 
den  Strand  entlang  auf  einem  sehr  anmutigen  Wege  nach  der  Stadt  Omura.  Zwischen 
Isahaja  und  dem  Weiler  Susuda  wird  viel  Thee  gebaut,  und  ganze  Felder  sind  regel- 
rnäfsig  mit  dessen  Stauden  bepflanzt.  Um  Nagasaki  findet  sich  zwar  auch  der  Thee- 
strauch  häufig,  aber  nicht  in  förmlichen  Pflanzungen,  sondern  hier  und  da  in  einzelnen 
Büschen  über  die  Felder  zerstreut,  oder  längs  den  Rainen  in  Hecken  gezogen. 

An  der  Markunn  des  Gebietes  von  Omura  erschienen  zwTei  Offiziere,  um  die 
Gesandtschaft  zu  begrüfsen  und  den  Zug  wreiter  zu  begleiten.  Sie  waren  im  Feldkleide 
(Nofuku),  trugen  zwei  Säbel  und  schwarzlackierte,  mit  dem  Wappen  des  Fürsten  ver- 
zierte Kriegshüte  (Kassa). 

Da  wir  noch  vor  dem  Mittag  in  Omura  eintrafen,  nahmen  wir  Sonnenhöhe 
und  stellten  Fängenbeobachtungen  mit  dem  Chronometer  an. 

Die  Stadt  und  Festung  Omura  liegt  nach  unsern  Beobachtungen  unter  32 0 
55'  27"  n.  B.  und  130°  F ö.  F.  von  Gr  een  w.,  unweit  der  nach  ihr  benannten  Bai. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Sie  ist  in  40  Strafsen  verteilt  und  zählt  20  000  Einwohner.  Der  Fürst  Kadsusanos’ke, 

welcher  ein  jährliches  Einkommen  von  27970  Kok,  etwa  335400  Gulden,  bezieht, 

hält  hier  sein  Hoflager.  Der  Ort  ist  besonders  wegen  der  Perlenfischereien  berühmt, 

wovon  der  Fürst  alleiniger  Inhaber  ist.  Der  vorzüglichste  Fundort  der  Perlenmuscheln 

in  der  Bai  von  Omura  soll  Utsiumi  sein,  wo  sie  in  einer  Tiefe  von  2 — 20  Faden, 

angewachsen  an  Felsen  und  Gestein,  Vorkommen  und  durch  Taucher  gefischt  werden, 

¥■ 

welche  frei  oder  an  einem  Seile  von  einem  Boote  aus  sich  in  die  See  stürzen  und 
mit  bewundernswürdiger  Fertigkeit  die  Muscheln  aus  der  Tiefe  holen.  Man  sagt,  je 
tiefer  sie  säfsen,  um  so  gröfser  seien  ihre  Perlen.  Die  Muschel,  welche  in  Japan  die 
echten  Perlen  liefert,  wird  am  häufigsten  in  der  Bai  von  Omura,  in  der  von  Owari 
und  an  den  Küsten  der  Fandschaften  Ise  und  Satsuma  gefunden  und  heilst  Sode-kai, 
Ärmelmuschel,  von  der  eigentümlichen  Verlängerung,  welche  sich  am  Schlosse  befindet. 
Auch  wird  sie  von  einem  Orte  in  Owari,  wro  man  sie  wahrscheinlich  zuerst  entdeckte 
oder  fischte,  Akoja-kai,  Muschel  von  Akoja,  genannt.  Sie  gehört  zur  Gattung  Mele- 
agrina  und  kommt  der  M.  albina  sehr  nahe,  hat  übrigens  eine  mehr  gewölbte  Schale 
und  niemals  über  drei  Zoll  im  Durchmesser.  Sie  gleicht  sehr  viel  der  kleinen  Abart 
von  M.  albina,  welche  bei  den  Sundainseln  vorkommt  und  auf  den  Gesellschaftsinseln 
bei  Otahiti  von  Lesson  und  Garnot  gesammelt  wurde.  Man  irrt  sich,  wrenn  man 
diese  Perlenmuscheln,  w7eil  sie  so  klein  sind,  für  junge  Individuen  hält;  in  Japan 
werden  sie  niemals  gröfser  gefunden. 

Die  Japaner  bezeichnen  die  Perlen  im  allgemeinen  mit  dem  Namen  Kai-no  tama, 
d.  i.  Muscheledelsteine,  und  nennen  die  im  Handel  vorkommende  beste  Art  Sin-zju 
(chin.  Dschin-dschü),  was  echte  Perle  bedeutet.  Sie  unterscheiden  zwei  Sorten  der 
echten  Perlen,  die  Gintama  oder  Silber-Edelsteine  — weifse  Perlen,  und  die  Kintama 
d.  i.  Gold-Edelsteine  — goldgelbe  ins  Rosenfarbige  spielende,  w7elche  seltener  und 
wirklich  von  ausnehmender  Schönheit  der  Farbe  und  des  Glanzes  sind,  und  von  der 
Gröfse  einer  kleinen  Erbse  mit  2 Koban,  ungefähr  fl.  24,  bezahlt  werden. 

Aufser  diesen  kommen  noch  mehrere  andere  Perlensorten  vor,  da  man  in  Japan 
auch  aus  verschiedenen  anderen  Muscheln  dergleichen  gewinnt,  wie  aus  der  Haliotis 
tubifera  (Awabi),  der  Venus  Hamaguri,  Venus  Sizimi  und  einer  Art  Pinna  (Ikai), 
deren  Perlen  meistens  ins  Grünliche  spielen  und  klein  sind.  Die  Sin-zju  sind  übrigens 
auch  in  Japan  offizinell  und  werden  von  chinesischen  und  japanischen  Ärzten  bei 
Augenleiden,  Ohrenschmerzen,  Krämpfen  und  anderen  Krankheiten  empfohlen. 

Die  Muscheln  speist  man  roh  und  gesotten.  Ein  Aufseher  der  Perlenfischerei 
des  Fürsten  überraschte  uns  beim  Nachtisch  mit  einer  Schüssel  frischer  Muscheln, 
welche  wir  roh  und  gebraten  kosteten  und  schmackhaft  fanden.  Herr  Bürger  hatte 
dabei  das  schmerzliche  Glück,  auf  eine  Perle  von  der  Gröfse  eines  Hirsekorns  zu 
beifsen.  Der  Aufseher  schien  sehr  erfahren  in  der  Perlenfischerei  und  versicherte  uns, 
dafs  sich  die  Perlen  meistens  zwischen  der  Membrane  und  den  Muskeln  des  Mantels 
des  Tieres,  d.  i.  in  dem  Teile,  womit  das  Tier  an  den  Schalen  festsitzt  (die  Japaner 
nennen  ihn  Kai-no  liasira,  Stütze  oder  Stamm  der  Muschelschale),  fänden,  wovon  ich 
mich  auch  kürzlich  überzeugt  habe.  Die  schönen  runden  Perlen  finden  sich 
immer  an  dieser  Stelle  des  Mantels,  auch  sind  die  Fischer  dieser  Sache  so  gewifs, 
dafs  sie  nur  da  die  Perlen  suchen. 

In  dem  niedlichen  Hausgarten  unseres  Wirtes  war  ein  Huflattich,  Tussilago,  ge- 
pflanzt, dessen  gröfse  glänzende  Blätter,  die  im  Winter  ausdauern,  diese  Art  zu  einer 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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schönen  Zierpflanze  machen.  Ich  sandte  eine  Pflanze  davon  für  den  botanischen 
Garten  nach  Dezima,  wo  sie  im  Spätherbste  blühte.  In  unserer  Flora  wird  sie  als 
Tussilago  gigantea  prangen.  Später  teilte  mir  einer  meiner  Freunde,  der  Arzt  Wuda- 
gawa  Joan  zu  Jedo,  ein  Blatt  dieses  Riesenhuflattichs  mit,  das  1 Meter  im  Durchschnitt 
mafs.  Gröfser  noch  sollen  sie  in  der  Landschaft  Dewa  bei  Akita  werden,  und  der 
japanische  Maler  Hokusai  liefert  in  seinem  Bilderbuche  eine  Skizze,  wie  Landleute 
unter  den  grofsen  Blättern  dieser  Pflanze  sich  vor  dem  Regen  schützen. 

Von  Omura  führt  die  Strafse  Tsiwata  längs  der  Bai  am  steilen  Abhange 
einer  Hügelreihe  bis  zum  Gohori  gawa  (Bezirksbache)  nahe  bei  seiner  Mündung  in 
die  Bai;  er  ist  ein  Waldbach,  der,  untief,  aber  bisweilen  sehr  reifsend,  hier  in  zwei 
Armen  sich  in  die  See  ergiefst.  Grofse  Basaltsteine  sind  quer  durch  das  Bett  gelegt, 
über  welche  die  Träger  und  Lasttiere  hinschreiten;  sein  linkes  Ufer  ist  durch  starke 
cyklopische  Mauern  und  mehrere  Reihen  aus  Bambus  geflochtener  und  mit  Steinen  ge- 
füllter Säcke  geschützt.  Wir  genossen  eine  herrliche  Aussicht  auf  die  Bai  von  Omura  und 
zogen  längs  einer  meilenlangen  Allee  von  Kirschbäumen  — sie  führt  den  Namen  Hökon- 
hara  — durch  zwei  Dörfer,  Jekusiura,  wo  viele  Papiermacher  wohnen,  und  Matsubara,  das 
durch  seine  Eisenhämmer  berühmt  ist  und  Gewehre,  Messer  und  andere  Eisen  waren 
liefert.  Vor  einem  dieser  Dörfer  waren  mehrere  Strohseile,  wie  man  mir  sagte,  von 
den  Bergpilgern  Jamabusi  zur  Abwehr  ansteckender  Krankheiten  gezogen.  Der  religiöse 
Gebrauch  solcher  Schutzseile,  Jaku  joke-no  sime  genannt,  ist  nicht  selten;  sie  waren  hier 
gegen  die  Blattern  gespannt,  welche  in  der  Nachbarschaft  herrschten.  Im  Distrikt  Omura 
bestehen  gegen  Ansteckungen  dieser  Krankheit  äufserst  strenge  Maisregeln,  wodurch 
derselbe  oft  ein  Jahrzehnt  von  ihren  Verheerungen  verschont  bleibt.  Sobald  diese 
Seuche  in  den  umliegenden  Distrikten  um  sich  greift,  wird  hier  eine  strenge  Quaran- 
täne eingeführt,  und,  im  Falle  die  Blattern  in  einer  Ortschaft  ausbrechen,  alles,  was 
damit  behaftet  ist,  in  eine  entlegene  Gebirgsgegend  geschafft  und  da  bis  zur  voll- 
kommenen Heilung  verpflegt.  Dieser  Verbannung  zu  entgehen,  wandern  oft  ganze 
Familien  mit  ihren  Kranken  in  benachbarte  Gebiete  aus,  um  da  Obdach  und  bessere 
Pflege  zu  suchen.  Auf  einem  Spaziergang  bei  Nagasaki  begegnete  ich  einmal  einem 
Zuge  solcher  Rekonvalescenten,  die  wieder  in  ihre  Heimat  zurückkehrten.  Es  befinden 
sich  mehrere  bejahrte  Leute  darunter,  die  auch  diese  Krankheit  gehabt  hatten.  Sie 
sahen  alle  leidend  und  kummervoll  aus  und  hatten  den  gröbsten  Teil  ihrer  Familien 
verloren.  Abgelegene  Inseln,  unter  andern  die  Gotöinseln  im  SW.  von  Kiusiu,  bleiben 
oft  lang  von  dieser  Seuche  verschont.  Fafst  sie  aber  an  solchen  Orten  einmal  festen 
Fufs,  dann  ist  die  Verheerung  um  so  schrecklicher,  und  ich  erinnere  mich,  dafs  wir 
das  von  Fischern  bewohnte  Inselchen  Takasima,  am  Eingang  der  Bai  von  Nagasaki, 
bis  auf  einige  Greise  ganz  ausgestorben  fanden.  Die  Blattern,  Höso,  sind  erst  gegen  die 
Mitte  des  achten  Jahrhunderts  nach  Japan  gekommen,  wo  sie  bald  durchs  ganze  Reich 
sich  verbreiteten  und  ungeheure  Verheerung  anrichteten.  Nach  einer  Stelle  des  japa- 
nischen Werkes  Wa-sisi  brachten  Leute,  die  sich  von  Kiusiu  nach  Siraki  (oder  Sinra,  einer 
der  vier  alten  Staaten  auf  der  koreanischen  Halbinsel)  begeben  hatten,  im  Jahre  735  diese 
Seuche  vom  asiatischen  Festlande  mit  herüber.  In  Städten  und  Dörfern  wird  jetzt 
allgemein  die  Vorsich tsmafsregel  beobachtet,  durch  einen  an  der  Thüre  ausgesteckten 
Bambuswedel  anzuzeigen, ■ dafs  Blatternkranke  im  Hause  liegen. 

Wir  übernachteten  zu  Sonogi,  einem  Hafenorte  an  der  Omura’schen  Bai,  von 
wo  man  eine  weite  Aussicht  auf  den  grofsen  Goll  geniefst,  den  die  Niederländer,  die 

v.  Sieb  old,  Nippon  I.  2.  Aufl.  6 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


ehemals  (1661)  auf  ihren  Zügen  nach  dem  Hofe  gewöhnlich  darüber  setzten,  zuerst  die 
Bai  von  Omura  genannt  haben.  Dieser  Golf  breitet  sich  in  südöstlicher  Richtung  im 
Herzen  der  Landschaft  Hizen  aus,  ist  ungefähr  6 Ri  lang  und  von  der  Fähre  Tokitsu 
bis  Omura  4 Ri  breit  und  steht  im  Nordwesten  mit  der  See  in  Verbindung  durch  die 
Strafse  Hariwo-seto,  die,  kaum  V2  Ri  breit,  durch  die  Vorgebirge  Susaki  und  Kabuto 
saki  des  Distriktes  Sonogi  gebildet  wird.  Vulkanische  Gebirge,  die  sich  350  bis  600 
Meter  über  die  Meeresfläche  erheben,  schliefsen  dieses  Becken  ein,  und  mehrere  kleine 
Eilande  erheben  sich  im  Südwesten.  Die  Küste  Usino-ura  auf  einer  gröfseren  Insel  liegt, 
gleichsam  als  Schutzwehr  gegen  die  mit  der  Flut  gewaltsam  eindringende  See,  inner- 
halb der  erwähnten  Strafse.  Fruchtbare  Reisfelder  — angeschwemmtes  Land,  von 
zahlreichen  Wasserrinnen  und  Bergbächen  bewässert,  säumen,  abwechselnd  mit  Schilf, 
Arundo  nitida  (Josi  take),  Erianthus  Kacmpferi  (Masubo  suzuki)  den  Strand,  und 
Dörfer,  Weiler  und  Fischerwohnungen  beleben  die  Buchten,  und  zahlreiche  Fahrzeuge 
pflügen  den  ruhigen  Wasserspiegel.  Die  Schiffahrt,  besonders  von  Tokitsu  nach  Sonogi, 
ist  äufserst  lebhaft  und  begünstigt  den  Handel  von  Nagasaki  ins  Innere  von  Kiusiu 
ungemein.  Schade,  dafs  die  Bai,  gegen  den  Strand  hin  untief,  nicht  mit  gröfseren 
Schiffen  befahren  werden  kann. 

[17.  Febr.]  Von  Sonogi  schlängelt  sich  der  Weg  durch  ein  Thal  nach  Ninose, 
einem  Weiler,  der  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert  berühmt  ist  wegen  eines  unge- 
heuren Kampherbaumes.  Bereits  Kämpfer  erwähnt  diesen  im  Jahre  1691  und  schätzt 
seinen  Umfang  auf  sechs  Faden.  Eine  genaue  Messung  schien  mir  der  Mühe  wert, 
und  meine  wackeren  Schüler  halfen  mir  den  Stamm  dicht  über  der  Erde  messen. 
Sein  Umfang  betrug  16,884  Meter,  was  einen  Durchschnitt  von  5,374  Meter  und  einen 
Flächeninhalt  von  22,675  [_]  Meter  giebt.  Er  ist  ausgehöhlt,  wie  er  es  schon  zu 
Kämpfers  Zeit  war,  und  von  der  südöstlichen  Seite  ganz  offen.  Nur  ein  etwa  8 Fufs 
hohes,  abgestorbenes  Wurzelstück  steht  noch  vor  dem  Eingang  in  die  Höhlung,  welche, 
da  8 japanische  Matten  darin  ausgebreitet  nebeneinanderliegen  können,  einen  Flächen- 
inhalt von  14,577  Q Meter  hat.  Die  Angabe  also,  dafs  fünfzehn  Menschen  darin  stehen 
können,  ist  nicht  übertrieben.  Die  Höhlung  zieht  sich  hoch  in  den  Stamm  hinauf, 
der  indessen  noch  sehr  gesunde,  starke  Äste  und  eine  weitausgebreitete,  dichtbelaubte 
Krone  hat.  Es  ift  der  echte  Kampherbaum,  Cinnamomum  Camphora,  wovon  in  den 
südlichen  Landschaften  Japans  der  Kampher  gewonnen  ward.  Ein  armer  alter  Mann, 
der  sich  in  der  Nähe  eine  Hütte  gebaut  hatte  und  durch  Erzählungen  von  diesem 
Wunderbaume  sich  Almosen  verdient,  belehrte  uns,  dafs  der  Baum  aus  dem  Wander- 
stabe des  in  Japan  gefeierten  Weltweisen  Kobodaisi  entsprossen  sei.  Wollen  wir  diese 
Sage  auch  nicht  ganz  verbürgen,  so  ist  es  doch  nicht  allein  wahrscheinlich,  dafs  dieser 
Riesenbaum  aus  so  alter  Zeit,  dem  achten  Jahrhundert,  stammt  (denn  der  genannte 
Schriftsteller  war  774  geboren),  sondern  es  wird  selbst  annehmbar,  wenn  wir  berück- 
sichtigen, dafs  er  schon  vor.  mehr  als  135  Jahren  zu  folcher  Gröfse  gelangt  und  hohl 
wie  jetzt  war.  Die  Kampherbäume  erreichen  ein  sehr  hohes  Alter  und  wachsen  zu 
ungeheuerem  Umfange  des  Stammes  und  der  Krone,  welch  letztere,  von  fern  gesehen, 
viel  von  der  Gestalt  unserer  ehrwürdigen  deutschen  Eichen  hat.  Auch  einige  andere 
Bäume  Japans  sind  durch  ihre  Gröfse  in  besonderen  Ruf  gekommen,  wie  die  grofse 
Tanne  Jatatsi-no  matsu  in  der  Landschaft  Kai,  und  die  ungeheure  Salisburia  Ginko  in 
Kadsusa,  die  über  10  Fufs  im  Durchmesser  haben  soll.  Auch  die  japanische  Ceder 
(Cupressus  japonica)  erreicht  eine  aufserordentliche  Dicke;  ich  sah  welche  von  mehr 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


als  5 Fufs  Diameter.  Eine  treue  Abbildung  des  alten  Riesenbaumes  von  Sonogi  folgt 
in  Fig.  6.  Der  Stamm  war  rundum,  so  weit  man  an  ihn  hinaufreichen  konnte,  mit 
Zettelchen  voll  von  Namen,  Sprüchen  und  anderen  Inschriften  behängen,  wozu  wir  noch 
eines  in  holländischer  Sprache  fügten.  Einer  meiner  Schüler  fchrieb  auf  Japanisch  den 
gemessenen  Umfang  darauf  und  machte  so  dem  Märchen  ein  Ende,  dafs  der  Baum 
unmefsbar  sei,  das  heilst  nicht  wegen  seiner  Dicke,  sondern  wegen  des  Abhangs,  der 
auf  der  nördlichen  und  nordöstlichen  Seite  den  Zugang  erschwert. 

Wir  setzten  unsere  Reise  nach  Uresino  fort  und  besuchten  nach  dem  Mittagsmahle 
seine  berühmte  Heilquelle.  Sie  befindet  sich  am  Eufse  eines  Berges  auf  einem  Gips- 
lager und  sprudelt  in  einem  darin  ausgehauenen,  etwa  6 Fufs  langen,  2 Fufs  tiefen  Bassin, 


Fig.  6.  Der  grofse  Kampherbaum  bei  Sonogi. 


siedheifs  und  Blasen  werfend,  hervor.  Auf  dem  Boden  bemerkt  man  aufwallenden  Sand, 
worin  sich  beständig  Blasen  entwickeln,  und  die  Fassung  ist  mit  einer  Decke  kohlen- 
sauren Kalkes  belegt.  Das  in  die  Badeanstalt  zu  leitende  Wasser  sammelt  sich 
in  einem  kleineren,  tieferen  Behälter  an  der  Seite  des  Bassin,  und  das  überflüssige 
läuft  durch  einen  Abgufs  in  einen  vorbeifliefsenden  Bach  ab.  Die  Farbe  des  Wassers 
ist  von  der  des  reinen,  gewöhnlichen  nicht  verschieden,  vollkommen  klar  und  durch- 
sichtig; der  Geruch  ist  schwach,  schwefelicht  (nicht  schwefelwasserstoffartig),  der 
Geschmack  süfslich,  das  spezifische  Gewicht  0,995.  Die  Temperatur  des  hervor- 
quillenden  Wassers  ist  74  bis  75°  R.,  und  Eier  waren  in  einigen  Minuten  hart  ge- 
sotten. Herr  Bürger,  der  diese  Quelle  chemisch  untersuchte,  erhielt  folgende  Resul- 
tate: «Kalkwasser  verursachte  keine  Trübung;  essigsaures  Blei  machte  es  stark  opalisieren; 
sclwvefelsaures  Eisenoxydul  bewirkte  eine  grünliche  Farbe;  konzentrierte  Säuren  brachten 
keine  Luftblasen;  Gallustinktur  und  eisenblausaures  Kali  keine  Veränderung  hervor; 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


salzsaurer  Baryt  veranlafste  einen  starken  weifsen  Niederschlag  und  salpetersaures  Silber 
machte  dasselbe  opalisieren».  Es  geht  daraus  hervor,  dafs  in  diesem  Wasser  haupt- 
sächlich schwefelsaure  und  etwas  salzsaure  Salze  aufgelöst  enthalten  sind.  Merk- 
würdig ist  das  Vorkommen  natürlichen  Schwefels  in  Gipslagern  unweit  der  Quelle. 
Die  Quelle  selbst  wie  die  ganze  Badeanstalt  und  eine  beträchtliche  Strecke  des  Baches 
waren  mit  Dampf  bedeckt,  und  alles  Laub  in  der  Nähe,  namentlich  ein  grofser  Kampher- 
baum,  gelb  gefärbt.  In  dem  Bache,  nicht  weit  vom  Einflüsse  des  heifsen  Wassers, 
findet  sich  häufig  eine  Art  Abramis,  von  den  Japanern  Hae  oder  Hai  genannt.  Weiter 
abwärts,  etwa  12  bis  16  Meter,  wurden  folgende  Fische  gefangen:  Cyprinus  auratus 
(Kin  funa),  C.  auratus,  Var.  (Kuro  funa),  C.  Siro  funa,  C.  Gobio  (Sjö'-toku);  Leuciscus 
Abura-hae,  L.  Siro-hae;  Cobitis  fossilis,  Var.  (Do  sjö);  Silurus  glanis?  (Namadsu) 
und  Periophthalmus  Donbo. 

Den  Eingeborenen  ist  es  verboten  hier  zu  fischen,  da  die  Fische  dem  Schutz- 
patron der  Heilquelle  geweiht  sind. 

Die  Badeanstalt  ist  sehr  einfach.  Sie  besteht  aus  drei  einstöckigen,  mit  Schindeln 
gedeckten  Hallen,  wovon  die  zwei  gröfseren  drei,  die  kleinere  eine  Badestube  ent- 
halten. I11  drei  dieser  Stuben  sind  zwei  Bäder,  in  den  übrigen  nur  eins  angebracht. 
Die  Bäder  sind  ausgemauerte  Behälter,  sechs  Tufs  lang  und  halb  so  breit,  in  die  man 
nach  Belieben  heifses  und  kaltes  Wasser  lassen  kann.  Gewöhnlich  werden  sie  blofs 
mit  heifsem  gefüllt,  das  man  bis  auf  die  gewünschte  Temperatur  sich  abkühlen  läfst. 
Am  Eingang  in  die  Anstalt  steht  ein  Häuschen  für  Aufseher  und  Wächter,  und  im 
Vorhofe  ein  Gartenhäuschen  für  die  Badegäste.  Den  Gebrauch  der  Bäder  von  Uresino 
empfehlen  die  japanischen  Arzte  in  chronischen  Hautkrankheiten  und  als  Nachkur  der 
Blattern  und  Masern,  bei  Schwäche  in  den  Organen  der  Bewegung  — Lähmung,  bei 
Gicht,  Rheumatismus  u.  dgk,  und  der  niedere  Preis  von  5 bis  10  Mon  für  ein  Bad 
(500  Mon  gehen  etwa  auf  einen  Gulden)  macht  es  auch  dem  wenig  Bemittelten  leicht, 
sich  ihrer  zu  bedienen. 

Die  Umgegend  von  Uresino  trägt,  wie  die  ganze  Strecke,  die  wir  zum  Teil 
schon  durchzogen,  in  starken  Zügen  das  Gepräge  vulkanischer  Bildung.  Kegelförmig 
gestaltete  Berge  begrenzen  rundum  den  Horizont  und  ragen  wie  hohe  Dome  hier  und 
dort  in  der  Ferne  empor,  und  allenthalben  liegen  abnorme  Felsgebilde  zu  Tage,  die 
als  ältere  und  neuere  vulkanische  Formationen  noch  deutliche  Spuren  ihres  früher 
.flüssigen  Zustandes  und  der  gewaltsamen  Empordrängung  aus  der  Tiefe  zeigen. 

Einige  Stunden  weiter  von  Uresino  liegt  der  Badeort  Tsukasaki,  zu  dem  der 
Weg  über  drei  hohe  Berge,  die  man  die  drei  Steigen,  San-saka,  nennt,  führt.  Die 
heifse  Quelle  bei  Tsukasaki,  die  auch  unter  dem  Namen  Bad  von  Takewo  bekannt 
ist  und  am  Fulse  des  Berges  dieses  Namens  liegt,  zeigte  im  allgemeinen  ähnliche 
physische  und  chemische  Eigenschaften  wie  die  zu  Uresino;  nur  war  ihre  Temperatur 
blofs  40°  R.  Das  Bassin  ist  gröfser,  und  die  Badestuben  sind  bequemer  einge- 
richtet. Unser  Gesandter  und  wir  erhielten  die  Erlaubnis,  im  Bade  der  Fürsten  von 
Hizen  zu  baden.  Man  bediente  sich  hölzerner  Badewannen,  in  die  das  Wasser  vom 
Brunnen  getragen  wurde.  Die  Reinlichkeit,  welche  da  herrschte,  war  zu  bewundern 
und  ging  so  weit,  dafs  man  das  ohnehin  #krystallhelle  Wasser  vorher  durch  feine 
Haarsiebe  seihte.  Tsukasaki  ist  ein  hübsches  Städtchen  und  wird  von  vielen  Bade- 
gästen besucht,  da  die  Heilquelle,  welche  in  ähnlichen  Leiden  wie  die  zu  Uresino 
gebraucht  wird,  weit  wirksamer  sein  soll.  Unterwegs  bemerkten  wir  häufigen  Thee- 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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bau  und  viele  Töpferarbeiten.  Die  Plantagen  von  Uresino  sind  durchs  ganze  Reich 
berühmt  und  liefern  einen  vorzüglichen  grünen  Thee.  Man  bereitet  ihn  nämlich  hier 


vorzugsweise  durch  Wasserdämpfe,  wodurch  er  seine  grüne  Farbe  behält. 

Die  Porzellanerde,  welche  man  hier  wie  überhaupt  in  der  Landschaft  Hizen 
findet,  ist  von  ausgezeichneter  Güte.  Es  ist  dieselbe,  welche  im  16.  und  17.  Jahr- 
hundert das  noch  heutzutage  in  Europa  beliebte  alte  japanische  Porzellan  lieferte.  Die 
damals  blühenden  Fabriken  sind  jedoch  gröfstenteils  verfallen,  da  sie  gemäfs  einem 
zwischen  der  alten  Vereinigten  Niederländisch-Ostindischen  Compagnie  und  der  japa- 
nischen Regierung  zu  Nagasaki  bestehenden  Kontrakt  ihre  Waren  zu  den  in  früheren 
Zeiten  festgesetzten  Preisen  fortliefern  mufsten,  die  später  zu  gering  waren,  um  gute 
Waren  dafür  liefern  zu  können.  Dafs  die  Porzellanerde,  woraus  die  feinen  Geschirre 
gemacht  wurden,  nicht  mehr  gefunden  werde,  ist  eine  Erdichtung. 

[18.  Februar.]  Wir  brachen  um  6 Uhr  morgens  auf  und  zogen  längs  weit  aus- 
gebreiteten Reisfeldern  — sie  waren  stellenweise  mit  einige  Linien  dickem  Eise  be- 
deckt — nach  dem  Dörfchen  Takahasi  und  über  Kitakata  nach  Woda.  Wir  sahen 
heute  mehr  Vögel  als  auf  den  vorhergehenden  Tagereisen,  w7o  wir  blofs  einige 
Finken,  Bachstelzen,  Amseln,  Raben  und  Sperlinge  bemerkt  hatten.1  Es  waren  dies- 
mal meistenteils  wilde  Gänse,  Enten  und  Kraniche,  die  in  der  Ebene  sich  nieder- 
gelassen hatten,  um  auf  den  unter  Wasser  stehenden  Reisfeldern  Nahrung  zu  suchen. 
Auf  der  Landstrafse  überraschte  uns  die  heimische  Elster  (Kasasai)2,  welche  sonst  in 
Japan  selten  ist.  Man  nennt  sie  auch  Tsjözen  karasu  oder  koreanische  Raben,  da  sie 
gewöhnlich  vom  asiatischen  Festlande  aus  über  Korea  nach  Japan  zieht. 

Herr  Bürger  und  ich  waren  mit  einem  Banjoosten,  dem  Dolmetscher  Jasitsiro  und 
einigen  meiner  Schüler  dem  Zuge  bis  nach  Woda  vorausgegangen,  um  mit  Mufse  einen 
berühmten  geheiligten  Baum  zu  besichtigen.  Es  ist  ein  grofser  Kampherbaum,  welcher 
am  Eingänge  des  Dorfes  steht  und  eine  weit  ausgebreitete,  dichtbelaubte  Krone  hat. 
Der  Stamm  ist  bis  an  die  Äste  durch  eine  angebaute  hölzerne  Kapelle  bedeckt,  die,  dem 
gemischten  Baustile  des  Rjö-bu-sintö3  angehörend,  reich  mit  Schnitzwerk  versehen 
ist  und  ein  ausgeschweiftes  Schindeldach  hat.  Das  Tempelchen  steht  auf  Pfosten,  die  eine 
cyklopische  Mauerunterlage  haben,  und  eine  Steintreppe  führt  an  der  Seite  ins  Innere, 
wo  man  eine  dreiköpfige,  vielarmige  Götterfigur  in  den  Stamm  des  Baumes  einge- 
hauen sieht.  Vor  ihm  stehen  die  gewöhnlichen  Opfergeräte,  Blumen,  Räuchergefäfse 
und  eine  Lampe  auf  einem  einfachen  hölzernen  Tischchen.  Der  Batö  kwanwon  oder 
pferdeköpfige  Schutzheilige,  denn  diesen  soll  das  Bild  vorstellen,  sitzt  mit  gekreuzten 
Beinen  auf  einer  Lotusblume,  und  aus  dem  aufrechtstehenden  Kopfhaare,  gerade  auf 
dem  Scheitel,  ragt  ein  Pferdekopf  hervor,  der  übrigens  so  unkenntlich  ist,  dafs  er  dem 
sonst  so  scharfsehenden  Kämpfer  als  ein  Kalbskopf  vorkam.  Eine  Abbildung  des  Ab- 
gottes und  des  Baumes  ist  Eig.  7 gegeben.  Im  Werke  Butsu-sjö  tsu-wi  = Gallerie  der 
Götterbilder  wird  derselbe  unter  den  sieben  Schutzheiligen  angeführt.  Er  heifst  dort 
auch  Batö  kwanwon  und  ist,  wenn  auch  in  der  Zahl  seiner  Arme  und  in  den  Symbolen, 


1 Unter  diesen  erkannten  wir  unsere  europäischen  Arten  als:  Fringilla  montifringilla  (Aosi), 
F.  montana  (Nosuzume),  Embriza  aureola  (Kawarahiwa),  Turdus  varius  (Tsugumi),  Motacilla  lugu- 
bris  (Sekiro-sekirei),  Corvus  corax  (Hasibuto-karau),  C.  frugilegus  (Sado-karasu). 

2 Garrulus  pica  (Kasasai). 

3 Unter  Rjö-bu  sintö  versteht  man  die  durch  Verbindung  des  Beddhismus  mit  dem  Sintoismus 
entstandene  Glaubenslehre.  Note  zur  2.  Auflage. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


die  sie  halten,  einige  Abweichungen  Vorkommen,  ohne  Zweifel  derselbe,  den  wir  in 
dem  Baume  vorfanden.  Das  genannte  Pantheon  sagt  von  ihm:  «Der  gute  Einflufs 
und  die  Nützlichkeit  dieses  Verehrungswürdigen  ist  unermefslich,  indem  er,  der  Be- 
deutung seines  Namens  nach,  namentlich  auf  der  Pferde  Wasser  und  Gras  bedacht 
ist,  und  was  er  übrigens  w-eifs,  dem  nichts  gleich  ist»,  und  die  Mönche  legen  den 
leichtgläubigen  Landleuten  den  Sinn  dieser  Stelle  so  eindringlich  aus,  dafs  sie  in  dem 
Pferdeköpfigen  den  Patron  ihrer  Pferde  erkennen  und  von  allen  Seiten  her  wallfahren, 
um  für  sich  und  ihre  Tiere  eine  gedruckte  Zusicherung  seines  Beistandes  zu  holen. 
Dieser  Hülfs-  oder  Ablafszettel,  welcher  nach  japanischer  Lesart  «Batö  kwan  se  won 
bu  mon  bin  san  sju  san»  lautet,  scheint  übrigens  seinem  Inhalte  nach  — die  Worte 


Fig.  7.  Die  Kapelle  des  Pferdepatrons  zu  Woda. 


bedeuten:  «Das  Gesamte  vom  pferdeköpfigen  Schutzpatron,  mit  gehörigen  Abteilungen 
in  33  Heften  abgefafst»  — nur  der  Titel  eines  auf  den  Heiligen  bezüglichen  Buches 
zu  sein,  der  den  unwissenden  Landleuten  gleichsam  als  Prospektus  der  Litteratur, 
woraus  die  Mönche  heilsamen  Rat  für  ihre  Hülfsbedürftigen  schöpfen,  in  die  Hand 
gegeben  wird. 

Über  dieser  Lormel  in  chinesischer  Schrift,  welche  unter  den  Buddhisten  in  Japan 
die  allgemeine  ist,  stehen  in  einem  monstranzähnlichen  Schilde  einige  Buchstaben 
der  alten  Pan-  oder  Landsasschrift,  aus  welchen  ich  die  Silben  ha  ja  won  ka  ja  ent- 
zifferte. Auch  auf  der  Mitte  des  Zettels  steht  ein  roter  Stempel  mit  dem  Landsa- 
buchstaben  A.  Diese  alte  Schrift  der  Buddhisten,  welche  bei  den  Ghinesen  Fandsü, 
bei  den  Tibetanern  Hlajik,  bei  den  Mongolen  Estrün  Ussük  heilst  und  bei  den  beiden 
letzteren  Völkern  den  bestimmteren  Namen  Landsa  oder  Landsha  hat  (Lanka  der 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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alte  Name  von  Ceylon),  führt  in  Japan  den  Namen  Sittan.  Sie  kam  mit  dem 
Buddhakultus  dahin  und  ist  noch  bei  einigen  Sekten,  namentlich  den  Singon  und 
Tendai,  wie  bei  den  Schamanen  (Schramani)  in  China,  Tibet  und  der  Mongolei  ge- 
bräuchlich. Selten  sind  gottesdienstliche  Bücher  ganz  in  dieser  Schrift  abgefafst;  nur 
einzelne  Wörter,  Sprüche  und  Götternamen  werden  damit  bezeichnet  und  dienen  den 
Mönchen  beim  gemeinen  Haufen  als  mystische  Aushängschilde  tiefer  Gottesgelehrtheit. 
Die  ursprüngliche  Form  dieser  Schrift  hat  durch  vielfältiges  Abschreiben  von  Chinesen, 
Tibetanern,  Mongolen  und  Japanern  eine  bemerkenswerte  Veränderung  erlitten;  ebenso 
ihre  Aussprache  durch  Umschreibung  mit  chinesischen,  tibetanischen,  mongolischen  und 
japanischen  Schriftzeichen.  Man  glaubte  daher  in  der  Landsaschrift  eine  vom  Dewana- 
gari  ganz  verschiedene  und  in  den  von  den  Tibetanern  und  Chinesen  mit  ihren 
Schriftzeichen  umschriebenen  Wörtern  einen  eigentümlichen  Dialekt  der  Sanskrit- 
sprache zu  entdecken,  welcher  sich  aus  der  frühesten  Zeit  der  Trennung  der  Bud- 
dhisten von  den  Brahmanen  herschreibe.  Eugene  Burnouf  hat  jedoch  die  Identität  der 
Fansprache  mit  dem  Sanskrit  bereits  nachgewiesen,  und  bei  Vergleichung  eines  Alpha- 
bets der  japanischen  Sittanbuchstaben  mit  dem  der  Fan-  oder  Landsaschrift  der  chine- 
sischen und  tibetanischen  Schamanen,  welches  I.  J.  Schmidt  nach  einem  chinesischen 
Originale  mitgeteilt  hat,  läfst  sich  die  Ähnlichkeit  in  den  Grundzügen  dieser  Schrift- 
arten nicht  verkennen,  und  die  Identität  der  chinesich -tibetanischen  und  japanischen 
Landsaschrift  mit  dem  Dewanagari  um  so  weniger  bezweifeln,  als  das  tibetanische 
Hlajik  und  das  mongolische  Estrün  Ussük  eine  wörtliche  Übersetzung  des  Wortes 
Dewanagari  (Schrift  der  reinen  Geister)  ist,  und  auch  in  japanisch-chinesischen  Wörter- 
büchern Sittan  mit  ((Buchstabenschrift  aus  Hindustan»  erklärt  wird.  Unser  japa- 
nisches Sittan  hat  jedoch  das  Eigene,  dafs  bei  ihm  die  am  Dewanagari  und  dem 
chinesisch-tibetanischen  Landsa  scharf  bezeichneten  Köpfe  in  den  mehrzügigen  Buch- 
staben zusammenfliefsen  und  zwar  so,  dafs  man  bei  vielen  Buchstaben  die  Köpfe 
kaum  mehr  bemerkt,  während  sie  bei  einigen  gar  nicht  Vorkommen.  Die  Weise,  wie 
das  Sittan  von  den  Japanern  geschrieben  wird,  nämlich  in  senkrechten  Kolumnen  von 
der  Rechten  zur  Linken,  mag  zur  Verschmelzung  der  Köpfe  mit  den  Schriftzügen 
beigetragen  haben. 

Man  mufs  sich  jedoch  an  dieser  Schreibweise  nicht  stofsen.  Die  Japaner  sagen 
selbst  von  ihrem  Sittan,  dafs  die  Buchstaben  ursprüglich  horizontal,  von  der  Rechten 
zur  Linken,  geschrieben  wurden;  auch  hat  man  Beispiele,  dafs  die  Chinesen  waag- 
rechte tatarische  Schriften  senkrecht  schreiben.  Das  Sittansvllabar  besteht  aus  50  Buch- 
staben, gerade  wde  das  Landsa  und  das  Dewanagari.  Die  Erfindung  dieser  Schrift 
wird  dem  Buddhisaw^a  Rjumjo  (Lung  meng),  dem  XIV.  Patriarchen  des  Buddhisten 
und  Stifter  der  Sekte  Singon  (Dsching  jan)  in  Hindustan  (starb  212  v.  Chr.)  zuge- 
schrieben. Diese  Sekte  kam  ums  Jahr  648  aus  Süd-Indien  nach  China  und  von  da 
717  nach  Japan  und  verdankte  hier  ihre  Ausbreitung  vorzüglich  dem  um  Religions- 
lehre und  andere  Wissenschaften  verdienten  Oberpriester  Kobodaisi  (geboren  775 
n.  Chr.).  I11  dieser  Zeit  läfst  sich  die  Einführung  des  Sittan  in  Japan  nachweisen. 
Kobodaisi  war  der  Schöpfer  des  japanischen  Syllabars  Hirakana,  bei  dessen  Einrichtung 
er  sich  an  die  Fanbuchstaben  gehalten  haben  soll,  gleichwie  der  tibetanische  Schrift- 
gelehrte  Tongmi  Ssambhoda,  welcher  im  Jahre  632  zur  Erlernung  des  Dewanagari 
aus  Tibet  nach  Indien  gesendet  wurde,  nach  dem  Typus  der  Landsaschrift  für  sein 
Vaterland  eine  Schrift  bildete,  welche  jetzt  unter  dem  Namen  Wudshan,  ((Buchstaben 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


mit  einem  Kopie»,  im  Gegensätze  des  nach  dem  indischen  Bharula  geformten  Wumin, 
«ohne  Kopf»,  als  die  allgemein  gebräuchliche  bekannt  ist. 

Bezüglich  des  oben  erwähnten  Schutzheiligen  Ba  tö  kwan  won  bemerke  ich 
noch,  dafs  im  dritten  Heft  des  buddhistischen  Pantheon,  p.  13,  noch  ein  anderes  Bild 
vorkommt,  welches  vielarmig,  mit  ähnlichen  symbolischen  Geräten  als  Bogen,  Pfeil, 
Schwert  und  Scepter  dargestellt  ist,  aber  nur  einen  Kopf  hat,  auf  dessen  Scheitel 
gleichfalls  ein  Pferdekopf  aus  den  aufstrebenden  Haaren  hervorragt.  Es  w7ird  unter 
den  «neun  Glanzgestirnen»  als  H6  jao  sing  oder  das  «feurig  glänzende  Gestirn»  ange- 
führt. Es  ist  dies  die  chinesische  Benennung  des  Planeten  Mars,  in  welchem  man  im 
Sinne  der  Buddhisten,  den  Jaksibuts  (chin.  Jo  szi  fu)  oder  heilkundigen  Gott  verehrt.1 

Bei  Wukumoto  besuchten  wir  eine  Steinkohlengrube.  Die  Kohlen  wurden 
durch  einen  Schacht  zu  Tage  gefördert,  der  als  eine  120  Stufen  tiefe  Treppe  sanft 
abwärts  führt.  Es  waren  Blätterkohlen  (Houille  feuilletee),  welche  in  dünnen  Schichten 
mit  Schieferthon  ab  wechselten.  Bis  auf  etwa  sechzig  Treppen  abwärts,  denn  tiefer 
erlaubten  uns  unsere  japanischen  Begleiter  nicht  hinabzusteigen,  war  die  Mächtigkeit 
der  Schichten  unbeträchtlich  und  betrug  nur  einige  Zoll;  tiefer  sollen  sie  jedoch  eine 
Stärke  von  mehreren  Fufs  haben,  was  man  auch  aus  den  gewonnenen  Kohlen  ent- 
nehmen konnte.  An  mehreren  Stellen  waren  kleine  viereckige  Schächte  zur  Wasser- 
lösung getrieben,  welche  zwar  langsam,  aber  auf  eine  sehr  einfache  Weise  vor  sich 
geht,  indem  das  Wasser  durch  einen  an  einem  Hebel  befestigten  Eimer,  wie  bei  unsern 
Ziehbrunnen,  aus  der  Grube  geschafft  wird.  Da  die  Kohlen  von  starkem  bituminösen 
Gehalt  sind,  werden  sie  gewöhnlich  zu  Koks  ausgebrannt,  was  gleich  am  Fundorte 
und  in  freien  Meilern  geschieht. 

Vor  uns  im  Osten  und  Nordosten  breitet  sich  eine  unabsehbare  Ebene  mit 
Reisfeldern  aus;  von  Nordwest  bis  Südwest  begrenzen  die  Berge  Ten-san,  Funa- 
jama,  Hiagu-dake,  Kurofige-jama  und  das  mit  Schnee  bedeckte  Taragebirge  den 
Gesichtskreis,  und  im  Süden  ragt  noch  immer  der  Wunzen  mit  seinem  weifsen 
Gipfel  empor. 

Die  Landleute  waren  mit  Pflügen  der  Reisfelder  und  Ableitung  des  Wassers 
beschäftigt.  Man  pflügt  hier  mit  Pferden,  was  in  der  Gegend  von  Nagasaki  seltener 
geschieht,  da  man  dort  wegen  des  bergigen  Terrains  mehr  den  Handpflug  (Tsudsu- 
suki)  benützt.  Um  das  Wasser  von  niederen  Reisfeldern  in  höhere  zu  schaffen,  bedient 
man  sich  eines  tragbaren  Rades  (Midsu-kuruma)  mit  einer  äufserst  einlachen  Vor- 
richtung — ein  in  der  That  nützliches  Gerät,  das  wir  später  noch  näher  kennen 
lernen  werden. 

Wir  kamen  über  eine  grofse  steinerne  Brücke,  die  Takabasi  des  Flusses  Taka- 
gawa,  zogen  rechts  an  der  Festung  Oki  vorbei  und  hielten  Mittag  in  einem  Tempel 
zu  Usitsu,  einem  freundlichen  Dorfe  unweit  der  See.  Der  Weg  führt  bei  Rjuwö 
an  einer  Anhöhe  vorbei,  auf  der  ein  Teich  zur  Bewässerung  der  Reisfelder  ange- 
legt ist.  Dergleichen  Teiche  (Midsu-tame)  findet  man  überall  in  Landstrichen,  wo 
viel  Reisbau  ist.  Sie  sind  gewöhnlich  an  den  Abhängen  der  Gebirgszüge,  auf  einer 
Seehöhe  von  100  bis  250  Meter,  an  platten,  reichlich  von  Quellen  genährten  Stellen 
angebracht  und  mit  Dämmen  und  Schleusen  versehen.  Von  den  Schleusen  führen 
Wasserleitungen  zu  den  Reisfeldern,  die  um  so  leichter  bewässert  werden  können,  da 


Im  Nippon  Pantheon,  Tab.  IX,  Fig.  5,  ist  eine  Abbildung  davon  gegeben. 


1 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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sie  stufenweise  längs  den  Thälern  hinabziehen  und  in  den  Ebenen  sich  ausbreiten. 
Solche  Wasserbehälter  stehen  durchgängig  unter  amtlicher  Aufsicht  und  werden  sorg- 
fältig unterhalten.  Nur  mit  Erlaubnis  der  Ortsvorsteher  (Soja)  darf  das  benötigte 
Wasser  abgelassen  werden,  und  ein  Pegel  (Midsu-hakari)  an  der  Öffnung  der 
Schleuse  dient  zur  Abmessung  des  Bedarfs.  In  einem  so  volkreichen  Lande  wie  Japan, 
wo  der  Reis  die  Hauptnahrung  bildet,  sind  dergleichen  Mafsregeln  nötig,  um  bei 
eintretender  Trockenheit  dem  Mifswachs  vorzubeugen.  Die  Ebene,  welche  wir  heute 
durchzogen,  ist  reichlich  von  Bächen  und  Flüssen  durchschnitten,  welche  jedoch  nicht 
mehr  der  raschen  Bahn,  wie  die  Natur  sie  angewiesen,  folgten,  sondern  langsam  in 
den  Betten  hinrieselten,  auf  welche  eine  tausendjährige  Kultur  sie  eingeschränkt  hatte. 

Wir  erreichten  nun  Saga,  die  Hauptstadt  des  Fürstentums  Hizen,  unter  330  15'  n.B. 
und  130°  18'  ö.  L.  v.  Greenw.  Diese  grofse,  volkreiche  Stadt,  wohl  die  ansehnlichste 
auf  Kiusiu,  ist  mit  ihren  Vorstädten  21/2  Ri  lang  und  etwa  1 Ri  breit;  ihre  zahl- 
reichen Strafsen  durchkreuzen  sich  regelmäfsig  nach  den  vier  Weltgegenden.  Die 
Hauptstrafse,  durch  die  wir  zogen,  ist  breit  und  gut  unterhalten;  die  Häuser,  teils 
Kaufläden,  teils  von  Gewerbsleuten  bewohnt,  sind  jedoch  niedrig  und  unansehnlich. 
Mehrere  Bäche  und  Kanäle  durchschneiden  die  Stadt,  worunter  der  grofse  Kanal  Sen- 
dö-no-futsi,  d.  h.  Kanal  der  Schiffer,  welcher  von  hier  aus  an  12  deutsche  Meilen  weit 
bis  Fukuoka  geführt,  den  Golf  von  Simabara  mit  der  Nordsee  verbindet  und  den 
Binnenhandel  von  Kiusiu,  der  in  Saga  seinen  Hauptstapelplatz  hat,  sehr  begünstigt. 
Auf  der  Brücke,  welche  über  diesen  Kanal  führt,  steht  eine  kolossale  eherne  Bildsäule 
eines  Dsizö  oder  Schutzheiligen,  der  den  Namen  Fö  kwö  wö  (Fang  kwang  wäng), 
«Glanz  verbreitender  König»,  führt,  und,  nach  dem  buddhistischen  Pantheon,  trame  wo 
furasi  go  kok  zjö-ziu-sesime  tamaü»  «Regen  fallen  und  die  fünf  Getreidearten  gedeihen 
läfst».  — Ein  nicht  unpassendes  Bild  für  die  Brücke  eines  Kanales,  auf  dem  die 
Früchte  des  Landbaues  einer  so  ausgebreiteten  Ebene  der  Hauptstadt  zugeführt 
werden. 

Der  regierende  Fürst  von  Hizen  residiert  hier  in  einem  Schlosse,  das  die  Stadt 
beherrscht.  Er  stammt  aus  der  alten  Familie  Nabesima  und  führt  den  Titel  Matsu- 
daira  Hizen-no  kami.  Sein  jährliches  Einkommen  beläuft  sich  auf  etwa  357000  Kokn, 
etwa  4284000  Gulden. 

Unser  Zug  durch  die  Stadt  dauerte  über  eine  Stunde.  Die  Strafsen  waren  ge- 
drängt voll  von  Zuschauern,  unter  denen  man  sehr  viele  Leute  mit  zwei  Säbeln  — 
Soldaten  und  Beamte  des  Fürsten  — bemerkte.  Es  herrschte  übrigens  grofse  Ordnung, 
und  die  Kreuzwege  waren  durch  Strohseile  abgesperrt,  hinter  welchen  die  Neugierigen 
dichte  Spaliere  bildeten.  An  beiden  Thoren  waren  die  Wachen  ausgerückt  und  salutierten 
mit  einem  tiefen  Bückling,  was  auf  uns,  die  wir  an  unsere  Truppen  unter  Gewehr 
dachten,  einen  nicht  gerade  vorteilhaften  Eindruck  machte.  Die  japanischen  Krieger 
ersetzen  indessen  den  Mangel  militärischer  Haltung  dadurch,  dafs  sie  während  der 
Dienstaktion  ein  martialisch-grimmiges  Gesicht  annehmen,  und  ihre  geharnischten  Ritter 
tragen  sogar  statt  des  Visirs  Larven  von  fürchterlichem  Aussehen,  die  wohl  mehr 
als  der  dahinter  versteckte  Held  dem  Gegner  Schrecken  einflöfsen,  dem  Inhaber  aber, 
auf  ähnliche  Art  wie  in  den  altgriechischen  Schauspielen,  unwandelbar  den  gesetz- 
mäfsigen  Typus  der  Tapferkeit  verleihen. 

Mit  einbrechendem  Abend  durchzogen  wir  die  fruchtbare  Ebene  von  Sakaibara 
bis  Kansaki,  wo  wir  wieder  in  einem  Tempel  der  Sekte  Ikkosju  übernachteten. 


9° 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


[19.  Februar  ] Kansaki  ist  ein  freundlicher  Ort  von  etwa  tausend  Häusern,  in 
acht  Strafsen  geteilt.  Er  ist  ein  Ri  lang,  und  diese  beträchtliche  Länge  bei  verhält- 
nismälsig  kleiner  Häuserzahl  erklärt  sich  dadurch,  dafs  diese  nur  eine  doppelte  Reihe 
bilden,  eine  Bauart,  die  allen  Dörfern  und  Flecken  eigen  ist  und  sie  von  Städten, 
deren  Straften  sich  durchkreuzen,  unterscheidet.  Bei  unserer  Abreise  verbreitete  sich 
das  Gerücht,  dafs  unserm  Oberdolmetscher  Sinsajemon  nächtlicherweile  seine  Kasse 
gestohlen  worden  sei.  Dieses  Ereignis  machte  auf  uns  einen  um  so  unangenehmeren 
Eindruck,  da  es  unsern  Zahlmeister  betraf,  und  somit  auf  dessen  Generosität,  von  der 
wir  uns  manche  Bequemlichkeit  auf  der  Reise  versprochen  hatten,  jetzt  nicht  mehr 
zu  rechnen  war.  Öffentlich  wurde  nichts  Näheres  über  diesen  Diebstahl  bekannt. 
Sinsajemon  gestand  mir  jedoch  im  Vertrauen,  dafs  ihm  wirklich  eine  bedeutende  Summe 
entwendet  worden.  Seinen  Verlust  liefs  er  uns  übrigens  auf  keine  Weise  fühlen,  und 
wenn  dessen  nicht  weiter  erwähnt  wurde,  so  möchte  ich  es  der  Besorgnis  zuschreiben, 
der  Vorfall  werde,  wenn  ruchbar  geworden,  dem  Bestohlenen  nur  als  Nachlässigkeit 
ausgelegt  werden  und  ihm  am  Ende  noch  eine  Strafe  zuziehen.  — Das  ist  wenigstens 
die  japanische  bureaukratische  Auffassung.  — Wir  genossen  einen  herrlichen  Morgen  bei 
einer  Temperatur  von  48°  Fahrh.,  und  es  folgte  ein  schöner  Frühlingstag.  Zur  Rechten 
breiteten  sich  fruchtbare  Reisfelder  bis  an  die  Ufer  des  Tsikugogawa  aus,  der  eine  natür- 
liche Grenze  von  Hizen  und  Tsikugo  bildet.  Er  entspringt  in  den  Gebirgen  des  west- 
lichen Teiles  von  Bungo,  durchfliefst,  von  zahlreichen  Bächen  genährt,  Tsikugo  und 
ergiefst  sich  zwischen  den  Städten  Saga  und  Janagawa  unter  etwa  33  0 10'  n.  B.  in  zwei 
Mündungen  in  den  Golf  von  Simabara.  Er  ist  der  gröbste  Flufs  auf  Kiusiu,  und 
sein  Gebiet,  welches  sich  links  an  das  des  Janagawa,  rechts  an  das  des  Kasagawa 
bei  Saga  anschliefst,  bildet  die  ausgebreitetste  Tiefebene  von  Kiusiu  und,  wenn  man 
die  Ebenen  des  Jodogawa-Gebietes  in  der  Landschaft  Sets,  des  Sinanogawa  in  Jetsigo 
und  des  Kisogawa  in  Owari  auf  Nippon  ausnimmt,  wohl  selbst  von  ganz  Japans. 
Auch  soll  diese  Gegend  die  fruchtbarste  im  ganzen  Reiche  sein,  und  nach  Kämpfers 
Urteil  würde  sie  selbst  den  Vorzug  vor  dem  fruchtbaren  Medien  verdienen,  wenn 
Viehzucht  und  Obstbau  hier  in  gleichem  Mafse  wfie  der  Landbau  blühten.  — Im 
Norden  ziehen  sich  die  Grenzgebirge  von  Hizen  und  Tsikuzen  hin,  und  im  Südosten 
zeigen  sich  in  weiter  Ferne  die  Spitzen  der  Bergkette,  welche  Tsikugo  von  Bungo  und 
Higo  scheidet.  Die  Gipfel  der  höheren  Berge  waren  mit  Schnee  bedeckt,  was  unter 
einer  Breite  von  etwa  32 — 340  auf  eine  Höhe  von  etwa  1200  — 1500  Meter 
schliefsen  läfst. 

Von  den  Reisfeldern  gewinnt  man  hier  eine  zweimalige  Ernte.  Man  häuft  im 
Spätherbst  die  Erde  zu  drei  Fufs  breiten  Beeten  auf  und  besät  sie  in  quer  laufenden 
Zeilen  mit  Frühgerste,  oft  auch  mit  Weizen.  Die  so  besäten  Beete  erheben  sich  als 
üppige  Rasenbänke  aus  dem  überschwemmten  Felde  und  gewähren  dem  Auge  einen 
wohlthätigen  Ruhepunkt.  Die  Frühgerste,  welche  sehr  häufig  in  Japan  gebaut  wird, 
ist  eine  Art  mit  nackten  Körnern,  teils  mit  zwei-,  teils  mit  sechszeiligen  Ähren.1  Sie 
reift  bereits  zu  Anfang  Juni,  und  das  umgestürzte  und  durch  die  Stoppeln  und  Grün- 
düngung mit  Nährstoffen  bereicherte  Land  wird  dann  sogleich  mit  Reis  bepflanzt  und 
bringt  sofort  eine  zweite  Ernte.  — An  Abhängen  und  sanften  Anhöhen  trifft  man 
hier  häufig  den  Wachsbaum.  Es  ist  das  bekannte  Rhus  succedaneum  (Hasenoki), 

1 Hordeum  hexastichon  var.  spica  flavescente,  seminibus  nudis.  Hordeum  vulgare  var.  spica 
purpurascente,  seminibus  nudis.  Sie  heifst  daher  auch  Hadaka  mugi,  d.  i.  nackte  Gerste. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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aus  dessen  Früchten  ein  Fett  geprefst  wird,  welches,  gehörig  zubereitet,  an  Güte  dem 
Wachse  der  Bienen  nahekommt  und  allgemein  im  Lande  zu  Kerzen  verwendet  wird. 
Bei  dem  so  häufigen  Gebrauche  der  Wachskerzen,  denn  Talglichter  fehlen  gänzlich, 
macht  dieses  Baumwachs  einen  bedeutenden  Handelsartikel  aus.  In  neuerer  Zeit 
wurde  es  auch  ein  Artikel  der  Ausfuhr  nach  Java  und  Europa,  und  der  geringe  Preis 
— etwa  70  Gulden  der  Zentner  — machte  es  sehr  gesucht,  zumal  die  Kaufleute  es 
für  animalisches  Wachs  hielten.  Man  erkannte  es  jedoch  bald  als  ein  Pflanzenfett, 
das  zu  Lichtern  in  der  Art,  wie  wir  sie  haben,  verwendet,  viel  Qualm  von  sich  gab,  und 
seitdem  ist  weniger  Nachfrage  danach.  Die  Japaner  haben  diesen  Mifsstand  durch  die 
Struktur  ihrer  Kerzen  beseitigt.  Sie  nehmen  zum  Dochte  nicht  einen  aus  Baumwollen- 
faden  gedrehten  dichten  Körper,  sondern  einen  hohlen  Cylinder  aus  Papier,  den  sie 
mit  dem  Mark  der  Binse  Juncus  effusus  (jap.  Wi)  umwinden,  und  mit  roher  Seide, 
die  sich  leicht  anhängt,  befestigen.  Der  Qualm  zieht  sich  in  den  Cylinder  und  wird 
so  beim  Brennen  auf  eine  ähnliche  Weise  wie  bei  den  Astrallampen  verzehrt.  Der 
Wachsbaum  gedeiht  am  besten  in  den  südlichen  und  südöstlichen  Landstrichen  und 
wird  gleich  unsern  Obstbäumen  hier  und  da  auf  den  Feldern  in  angemessenen  Zwischen- 


räumen angepflanzt.  Er  hat,  abgesehen  von  den  gefiederten  Blättern,  welche  der 
Familie  der  Terebinthaceen  eigen  sind,  den  Habitus  und  etwa  die  Gröfse  unsers  wilden 
Apfelbaumes.  I111  Spätherbst  verliert  er  seine  Blätter,  und  die  Landleute  behängen 
dann  seine  Äste  dicht  mit  grofsen  Rettichen,  die  sie  zum  Einsalzen  welken  lassen,  wo- 
durch dergleichen  Bäume  eine  drollige  Figur  erhalten  und  von  unserm  unkundigen 
Schiffsvolke  nicht  selten  für  Rettichbäume  gehalten  werden. 

Mittlerweile  langten  wir  im  Weiler  Kokeno  an,  der  durch  eine  Art  Nudeln,  aus 
Buchweizen  bereitet,  bei  den  Reisenden  berühmt  geworden  ist.  Es  sind  dies  die  Soba- 
kiri  oder  Buchweizenschnitzel,  eine  sehr  nahrhafte  Speise,  die  mit  einer  Sauce  von  Söju, 
Senf,  spanischem  Pfeffer  und  Zwiebeln  einen  angenehmen  Geschmack  hat.  Die  Land- 
leute bedienen  sich  für  ihr  Getreide  hier  allgemein  einer  Art  Fegemühle,  die  ganz  nach 
Art  der  unsrigen  eingerichtet  ist,  und  ich  erinnere  mich,  gehört  zu  haben,  dafs  dieses 
nützliche  landwirtschaftliche  Gerät  durch  die  Niederländer  eingeführt  worden.  Man 
nennt  es  Kometosi,  d.  i.  Gerstensieb,  auch  Momi-kuruma,  Fegemühle.  — Wir  be- 
sahen hier  auch  eine  Getreidemühle,  die  äufserst  einfach  gebaut  war.  Sie  besteht  aus 
einem  Schöpfrad,  am  Ende  des  Wellbaumes  mit  einem  Kammrad  versehen,  welches 
in  ein  hölzernes  Getriebe,  das  den  Läufer  oder  obern  Mühlstein  bekränzt,  eingreift 
und  ihn  dreht.  Das  Getreide  wird  auf  den  Läufer,  der  einen  erhabenen  Rand  hat, 
aufgeschüttet,  läuft  dann  durch  ein  darin  befindliches  Loch  auf  den  Bodenstein,  wird 
zwischen  beiden  Steinen  zerrieben  und  sammelt  sich  als  Schrot  in  einem  Kasten,  der 
den  Bodenstein  rund  umgiebt.  Das  Schrot  wird  hierauf  in  einem  eigenen  Kasten  ge- 
beutelt, und  die  noch  Mehl  enthaltende  Kleie  nochmals  gemahlen.  Das  Gerinne  ist 
ebenfalls  einfach:  eine  hölzerne  Rinne  leitet  das  Wasser  auf  das  oberschlächtiue  Rad, 
dessen  Schöpfer  sich  füllen  und  dasselbe  bewegen.  Das  Mühlgebäude  ist  mit  einem 
Strohdache  gedeckt,  und  das  Mahlwerk  steht  offen  darin.  Windmühlen  hat  man  in 
Japan  nicht,  wohl  aber  Hand-  und  Rofsmühlen. 

Hizen  ist  berühmt  wegen  der  feinen  Porzellanerde,  welche  daselbst  gegraben  und 
verarbeitet  wird.  Überall  auf  den  Strafsen  sieht  man  Töpfer  mit  dem  Trocknen  ihrer 
Geschirre  beschäftigt.  Sehr  einfach  und  sinnreich  sind  die  Stampfmühlen,  worin  das 
Kaolin  (verwitterter  Feldspat),  ein  ziemlich  hartes  Gestein,  feingestolsen  wird.  Ein 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


20 — 25  Fufs  langer  Baumstamm  ist  an  seinem  etwa  zwei  Fufs  dicken  unteren  Ende 
trogförmig  ausgehauen  und  am  oberen  Ende  mit  einem  Stampfer  versehen,  der  hammer- 
förmig, von  Holz,  und  unten  mit  Eisen  beschlagen  ist.  Der  Baum  hat  an  seinem  Schwer- 
punkt, etwa  in  der  Mitte,  eine  Axe,  worauf  er  sich,  wie  eine  Baumschaukel,  auf  und  nieder 
bewegen  läfst.  Füllt  sich  der  Trog  mit  Wasser,  so  sinkt  er,  und  der  am  entgegengesetzten 
Ende  angebrachte  Hammer  hebt  sich  so  lange  in  die  Höhe,  bis  der  Trog,  der  durch  das  ein- 
fliefsende  Wasser  das  Übergewicht  bekommt,  sich  entleert  und  schnell  aufwippt,  wodurch 
der  Hammer  mit  seiner  vollen  Schwerkraft  in  einen  aus  Basalt  oder  Granit  gehauenen 
Mörser  fällt  und  die  darin  befindliche  Porzellanerde  zermalmt.  — 

Bei  Metabara  führt  der  Weg  durch  ein  anmutiges  Tannenwäldchen,  welches  in 
der  Ferne  aus  den  flachen  noch  unbesäten  Reisfeldern  wie  eine  Oase  im  Sandmeere 
hervortrat.  F11  Dorfe  Nakabara,  wo  wir  Halt  machten,  sah  ich  ganze  Hecken  von 
Weigela  japonica  (Mumesaki  utsugi),  — wohl  einer  der  schönsten  Sträucher  im  Lande. 
Auch  wuchs  da  häufig  eine  Art  Hollunder,  Sambucus  pubescens  (Kuzunoki),  der  un- 
serm  S.  racemosa  sehr  ähnlich  ist.  Die  jüngeren  Blätter  der  Kampherbäume  hatten 
vom  seitherigen  Froste  gelitten.  Es  scheint,  dafs  dieser  Baum  den  mehr  südlichen 
Landstrichen  angehört.  Unweit  Tatsiarai  zeigte  man  uns  einen  Berg,  den  Tatsiaraitöge,  wo 
in  alter  Zeit  Räuber  gehaust,  von  denen  man  uns  gräfsliche  Geschichten  erzählte.  Gegen 
Mittag  erreichten  wir  Todoroki  und  nahmen  Sonnenhöhe.  Eine  astronomische  Bestimmung 
dieses  Fleckens  ist  um  so  wichtiger,  da  in  seiner  Nähe  die  Grenzen  der  drei  Fürstentümer 
Hizen,  Tsikuzen  und  Tsikugo  zusammenstofsen.  Nach  unseren  Beobachtungen  liegt  Todo- 
roki unter  330  2T  n.  B.  Herr  Bürger  und  ich  waren  dem  Zuge  vorangeeilt,  um  unge- 
störter unsere  Beobachtungen  anstellen  zu  können.  Doch  kaum  hatten  wir  unsere 
Sextanten  zum  Vorschein  gebracht,  als  einige  Polizeidiener  auf  uns  zukamen  und  sich 
nach  unserem  Vorhaben  erkundigten.  Wir  halfen  uns  diesmal  mit  der  glücklich  ge- 
fundenen Ausrede,  dafs  unser  Gesandter  zur  pünktlichen  Einhaltung  des  Reiseplans 
uns  aufgetragen  habe,  mittels  astronomischer  Instrumente  jeden  Mittag  seine  Reiseuhr 
zu  richten.  Unsere  Beschäftigung  erregte  die  Neugier  des  Volkes,  das  uns  immer 
dichter  einschlofs.  Es  herrschte  eine  feierliche  Stille,  und  auf  den  Gesichtern  wech- 
selten Staunen  und  Ehrfurcht.  Sahen  wir  doch  beständig  mit  blofsen  und  bewaffneten 
Augen  nach  der  Sonne,  dem  Gestirne,  dessen  schöpferische  Kraft  vergöttert  wird,  und 
später  nach  ihrem  Widerscheine  in  einem  künstlichen  Horizont,  einem  Spiegel,  wie 
er  als  Sinnbild  der  Reinheit  auf  dem  Altar  der  Sonnengottheit  steht.  Unser  Nori- 
mono  kam  mit  dem  Chronometer  leider  zu  spät  nach,  um  auch  die  Länge  dieses 
Ortes  zu  bestimmen.  Da  uns  jedoch  aus  den  Mitteilungen  der  Hofastronomen  zu 
Jedo  die  Länge  der  Städte  Saga  und  Janagawa  bekannt  ist,  und  in  den  japanischen 
Wegweisern  die  Entfernungen  der  Ortschaften  genau  angegeben  sind,  so  läfst  sich  die 
Länge  von  Todoroki  auf  130°  30'  ansetzen.  Die  Landschaft  wird  hier  bergiger  und 
in  NW.  zieht  eine  hohe  Gebirgskette  hin,  der  Köngen jama,  Harijama,  Josigawa 
take,  Sakomorijama,  welche  die  Grenze  von  Hizen  und  Tsikuzen  bilden. 

Von  Uresino  bis  Usitsu  bemerkte  Herr  Bürger  Thon  und  Mergelschiefer,  von 
Usitsu  bis  Kansaki  Thonflötze  mit  Steinkohlenlagern  in  dünnen  Schichten,  mit  Thon- 
schiefer wechselnd;  von  Kansaki  bis  hierher  und  weiter  bis  Dasiro  kommt  häufig 
Feldspat  vor,  und  die  Porzellanerde  bildet  ganze  Stücke  des  Gebirges.  Es  ist  die- 
selbe, welche  auf  der  Insel  Amakusa  in  Granitfelsen  bricht  und  ihrer  Güte  wegen  sehr 
geschätzt  wird. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Nachdem  wir  noch  ein  Ri  zurückgelegt,  kamen  wir  zu  Dasiro,  dem  Grenzorte 
der  Fürstentümer  Hizen  und  Tsikuzen,  an.  Kaempfer  berichtet,  dafs  das  Gebiet  dieses 
Ortes  zu  seiner  Zeit  der  Fürst  von  Tsusima  zu  Lehen  erhalten  habe.  Das  verhält  sich 
auch  wirklich  so.  Der  Bezirk  Kii,  wozu  Dasiro  mit  21  Dörfern  gehört,  wie  noch  einige 
andere  Ländereien  auf  Kiusiu,  wurden  damals  als  Domänen  eingezogen  und  dem  Fürsten 
von  Tsusima  zu  Lehen  gegeben,  da  ihm  bei  der  neuen  Reichsverfassung  ein  jähr- 
liches Einkommen  von  100,000  Kok  zuerkannt  war,  welche  Rente  die  unfruchtbare 
Insel  Tsusima,  auf  der  nur  wenig  Weizen,  Hirse  und  Buchweizen  gebaut  wird  und 
kein  Reifs  gedeiht,  nicht  aufbringen  konnte.  Die  japanische  Politik  hat  daher  diesem 
Fürsten  nebst  dem  Alleinhandel  mit  Korea  noch  Ländereien  auf  Kiusiu  angewiesen, 
um  sich  der  Treue  des  Inhabers  eines  Platzes  zu  versichern,  der  durch  seine  Lage 
und  Verbindung  mit  Korea  gleichsam  einen  Wachturm  gegen  etwaige  kriegerische 
Unternehmungen  vom  asiatischen  Festlande  her  bildet. 

An  der  Grenzscheide  wurde  unsere  Gesandtschaft  von  einigen  Offizieren  des 
Fürsten  von  Tsikuzen  bewillkommt,  welche  uns  ferner  das  Geleit  gaben.  Das  Land 
ist  hier  ebener  und  sehr  fleifsig  angebaut.  Bei  Haruda  viel  Rübsamen-  und  Senfbau. 
Der  japanische  Senf  ist  von  vorzüglicher  Güte,  und  sein  Geschmack  hat  viel ' vom 
englischen  und  russischen;  möglich,  dafs  letzterer  auch  von  derselben  Pflanzenart, 
nämlich  Sinapis  sinesis  (Karasi),  gewonnen  wird,  was  insofern  wahrscheinlich  ist, 
als  er,  wie  viele  andere  Sämereien,  aus  China  über  Kiachta  in  Rufsland  eingeführt 
worden  sein  kann. 

Seit  unserer  Abreise  von  Dezima  war  mir,  aufser  ein  paar  Wieseln  und  Hasen, 
kein  wildes  Säugetier  zu  Gesicht  gekommen.  Heute  überraschte  mich  eine  Flufsotter,  die 
sich  dicht  vor  mir  in  einen  Bach  stürzte.  Die  japanische  Flufsotter  [Kawa-uso]  ist  unsere 
gemeine  Fischotter  (Lutra  vulgaris,  Erxl.),  von  gleicher  Gestalt  und  Gröfse,  nur  mit 
dem  Unterschiede,  dafs  sie  auf  dem  Rücken  dunkler  braun  ist,  und  am  Bauche,  an 
der  Brust  und  Kehle  die  Haare  ins  Grauliche  spielen.  Unser  japanisches  Tier  wird 
übrigens  nicht  so  dunkelbraun  wie  die  Flufsotter  in  Kanada  (Lutra  canadensis, 
F.  Cuv.),  und  bildet  so  eine  offenbare  Übergangsform  der  europäischen  Art  in  jene, 
welche  der  nördlichen  Halbkugel  der  neuen  Welt  angehört.  — Der  Kawa-uso  be- 
wohnt die  Ufer  der  Flüsse  und  Seen  und  steigt  von  da  in  kleinere  Bäche.  Zuweilen 
hält  er  sich  auch  an  der  Seeküste  bei  den  Mündungen  grofser  Flüsse  auf.  Er  nährt 
sich  von  Fischen,  selten  von  Krabben,  ranzt  im  Januar  und  wirft  ein  oder  zwei, 
selten  mehr  Junge.  Die  Fischotterbälge  sind  ein  Artikel  der  Ausfuhr  nach  China, 
und  die  chinesischen  Kaufleute  bezahlen  sie  mit  4 bis  6 Gulden.  Auch  die  Japaner 
verstehen,  wie  die  sibirischen  Völker  und  die  Pelzjäger  auf  den  Kurilen  und  Aleuten, 
die  Bälge  auf  eine  Weise  abzustreifen,  dafs  nichts  daran  verschnitten  wird,  indem  sie 
vom  Maule  aus  die  Haut  über  den  Kopf  bis  zur  Schwanzspitze  abziehen.  Der  Balg 
wird  mit  einer  Mischung  von  Asche,  Alaun  und  Salz  gefüllt  und  an  der  Luft  getrocknet. 

Zu  Jamaije,  wo  wir  übernachteten,  bekamen  wir  bald  die  Kuriositäten  dieses  Ortes 
zu  sehen,  vor  allem  eine  abenteuerliche  Mineraliensammlung,  die  aus  verschiedenen,  in 
den  Augen  der  Japaner  seltenen  Fossilien  bestand,  welche  in  der  Umgegend  und  auf 
dem  benachbarten  Berge  Homandake  gesammelt  worden  waren.  Sie  enthielt  unter 
andern  ungeheure  Stücke  gemeinen  Quarzes,  Bergkrystalle  und  stalaktitische  Formen 
von  weifsem  ins  Rötliche  spielenden  Kieselschiefer  mit  eingesprengtem  Roteisenstein 
und  ein  grofses  Stück  Holzstein,  an  welchem'  sich  die  Textur  und  Absonderungs- 


94 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


flächen  gut  erhalten  hatten.  Auch  mehrere  Versteinerungen  zeigte  man  uns,  wo- 
runter einige  sogenannte  Riukotsu  oder  Knochenstücke  von  einem  Drachen  der  Vorwelt 
und  einen  Stein,  den  man  für  eine  Schildkröte  ausgab.  Erstere  waren  Elefantenknochen, 
letzterer  ein  zweifelhaftes  Fossil,  das  durch  häufiges  Begiefsen  ganz  verwittert  und 
unkenntlich  geworden  war.  Denn  die  in  bizarren  Gruppen  nach  japanischem  Ge- 
schmacke  zusammengestellten  Gesteine  waren  eingemauert  und  bildeten  an  der  Seite  des 
Zimmers  einen  Felsenhügel,  den  man  kurz  vor  der  Besichtigung  mit  einigen  Eimern 
Wasser  begofs,  um  die  Seltenheiten,  vom  Staube  gereinigt,  in  vollerem  Glanze  zu  zeigen. 

Jamaije  — der  Name  bedeutet  Berghäuser  — liegt  6 Ri  östlich  von  Fukuoka, 
der  Haupt-  und  Residenzstadt  des  Fürstentums  Tsikuzen.  Die  Wohnung,  in  der  wir 
übernachteten,  war  ein  dem  Fürsten  gehörendes  Fandhaus,  welcher  es  auf  seiner  jähr- 
lichen Reise  nach  dem  Hofe  zu  Jedo,  sowie  auf  der  Rückkehr,  bezieht.  Unser 
Gesandter  bewohnte  die  Appartements  des  Fürsten,  zwei  Zimmer,  deren  Reinlich- 
keit und  Nettigkeit  fast  übertrieben  erschien.  Das  eine  Zimmer  vertrat  die  Stelle 
eines  Antichambre  unserer  Grofsen  und  stand  durch  Schiebthüren  mit  dem  andern, 
das  zum  Wohn-  und  Schlafraum  diente,  in  Verbindung.  Die  Wandgesimse  und 
das  Deckengetäfel  waren  von  ausgesuchtem  Cedernholze  gearbeitet  und  fein  geschliffen, 
die  Wände  äufserst  glatt  aus  Muschelkalk  aufgeführt,  in  dem  einen  Zimmer  pfirsich- 
blütfarben,  im  andern  ockergelb.  Beide  Gemächer  wurden  durch  sechs  Schiebthüren 
getrennt,  die  nach  aufsen  mit  geblümtem,  nach  innen  mit  Goldpapier  überzogen 
waren.  Sie  hatten  schwarzlackierte  Ränder  und  statt  unserer  Schlösser  runde  Be- 
schläge von  vergoldeter  Bronze.  Diese  Thüren  konnten  weggenommen  und  beide 
Zimmer  vereinigt  werden.  Den  Fufsboden  bedeckten  feine  gepolsterte,  mit  damastenen 
Rändern  besetzte  Binsenmatten,  und  der  des  Wohnzimmers  war  etwa  einen  Fufs 
höher.  Eine  einen  halben  Fufs  dick  gepolsterte  Matte  lag  in  der  Mitte  des- 
selben und  diente  dem  Fürsten  zum  Sitze.  Die  Fenster  beider  Zimmer  waren  dem 
Fufsboden  gleich  und  nach  Landessitte  leicht  von  Holz  gearbeitet,  die  Rahmen  braun 
lackiert  und  statt  der  Glastafeln  mit  weifsem  Papier  bespannt.  Sie  gingen  in  ein 
kleines,  geschmackvoll  angelegtes  Hausgärtchen,  in  dessen  Hintergründe  eine  kleine 
Kapelle  (Mi ja)  und  zwei  steinerne  Laternen  aus  dem  Gebüsche  hervorragten.  In 
einem  Ecke  des  Antichambre  befand  sich  ein  kleines,  mit  SclmitzwTerk  verziertes  Ge- 
mach, mit  einer  Thüre  nach  der  Zimmerseite  und  vergitterten  Fensteröffnungen. 
Es  hatte  Ähnlichkeit  mit  einem  Chor  in  den  Kirchen  der  Nonnenklöster,  indem 
man  wohl  hinaus,  aber  nicht  hinein  sehen  konnte,  oder  auch  mit  einem  Beichtstühle; 
denn  in  dem  kleinen  Raume  wairde  einem  sehr  enge  ums  Herz.  Dieses  eigentümliche 
Gemach  war  für  den  dienstthuenden  Kammerherrn  bestimmt,  der  da  ungestört 
und  ungesehen  auf  die  Winke  seines  Herrn  lauern  kann.  — Unweit  Jamaije  ist  der 
berühmte  Wallfahrtsort  Dai-sai-fu,  dem  Ten-man-gu  geweiht.  Mehrere  aus  dem  Ge- 
folge begaben  sich  noch  am  Abend  unserer  Ankunft  dahin,  um  ihre  Andacht  zu 
verrichten. 

1 20.  Februar.]  Ein  sehr  beschwerlicher  Bergweg  führt  von  Jamaije  ins  Ge- 
birge, welches  hier  unter  dem  Namen  Ikedajama,  Hömandake  von  300  bis  zu 
700  Meter,  dem  Hijamidsu  töge  (Berg  des  kalten  Wassers)  sich  erhebt.  Am  Fufse 
des  Hömandake  wechselt  Gneis  mit  Gips  und  bildet  das  Grundgebirg,  durch  welches 
Granit,  der  in  mächtigen  Blöcken  an  den  Abhängen  der  engen  Thalsolen  hervorragt, 
emporsteigt.  Der  Granit  ist  von  einer  sehr  schönen,  grobkörnigen  Art. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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An  den  gegen  Süden  und  Südost  gelegenen  Vorbergen  hatte  die  wohlthätige 
Sonne  bereits  einzelne  Frühlingsherolde  der  japanischen  Flora  hervorgelockt;  Veilchen, 
Cinerarien,  Anemonen,  Löwenzahn1,  Arum  ringens  (Musasi  afumi),  Perdicium  tomen- 
tosum  (Sen-bon-jari)  und  unsere  Luzula2  fingen  an  zu  blühen. 

Auf  den  japanischen  Inseln  durchläuft,  wie  bei  uns,  die  Vegetation  eine  vierfache 
Periode,  und  die  Landschaft  erscheint  jedesmal  in  einem  der  Jahreszeit  entsprechenden 
Gewände.  Aber  der  Wechsel  der  Jahreszeiten  unterscheidet  sich  dort  von  dem  eines 
nördlichen  Himmelsstriches  dadurch,  dafs  der  Übergang  des  Sommers  in  den  Herbst 
und  dieses  in  den  Winter  nicht  so  scharf  bezeichnet  ist,  als  der  vom  Winter  zum 
Frühling.  Denn  die  unter  rauhem  Nordwind  und  Schneegestöber  eingeschlummerte 
Vegetation  erwacht  plötzlich,  und  in  wenig  Wochen  kleidet  die  Landschaft  sich  in 
ein  reizendes  Frühlingsgewand.  Die  erwähnten  Frühlingsherolde  gesellen  sich  nun 
[Februar  | zu  den  bereits  früher  [Januar  ] in  Gärten  blühenden  Aprikosen  (Anzu),  Ca- 
mellien3,  Mispeln  und  Cornelkirschen;  es  folgen  im  März  Kerrien,  Weigela,  Corylopsis4, 
Seidelbast,  Jasmin,  Primeln  und  Loniceren5,  der  frühzeitige  Stachyurus0,  die  ameri- 
kanische Cercis  (Hana  zuwo),  Hamamelis,  Calycanthus  und  Astragalus7  und  zahlreiche 
Arten  und  Spielarten  von  Pflaumen,  Kirschen  und  Pfirsichen8  und  schmücken,  durch- 
webt von  zarten  und  bunten  Blättern  der  Ahorne9,  Haine,  Gärten  und  Hecken.  Die 
immergrünen  Lorbeer-,  Stechpalmen-,  Myrten-  und  Eichenarten  erneuern  im  April  ihre 
Blätter,  und  zahlreiche  Kätzchenbäume  vertauschen  ihre  Blüten  gegen  Laub.  Die 
Wälder  prangen  im  mannigfaltigen  Gemische  dunkeln  und  hellen  Grünes  mit  hartem 
und  sanftem  Laube,  und  blühende  Azaleen,  Deutzien,  Euryen,  Hydrangeen10,  Mag- 
nolien und  Paeonien11,  Viburnum-,  Evonymus-,  Crataegus-  und  Rubusarten12  und 
die  prachtvolle  Paulownia13  erheitern  den  Blick  düsterer  Cedern  und  Lebensbäume, 


1 Viola  Patrinii  PC.  (Sumire),  V.  japonica  Langsd.  (Komarae  suiiie),  Cineraria  japonica  Thunb. 
(Sawawo  guruma),  Anemone  cernua  Thunb.  (Sjak  masaiko),  Taraxacum  sinense  Dec.  (Tanbö). 

2 Luzula  L.  (Suge). 

3 Camellia  japonica  L.  (Tsubaki),  C Saasan  kwa;  Erioboihrya  japonica  Lin  dl.  (Bifa);  Cornus 
mascula  L.  Var.  jap.  (San  sju  ju). 

4 Kerria  japonica  Dec.  (Jama  buki),  K.  tetrapetala  (Siro  jamabuki);  Diervilla  japonica  Dec. 
(Mumesaki  utsugi),  D.  Coraeensis  Dec.  (flore  albo  Siro  utsugi,  flore  rubro  Beni  utsugi),  D.  versicolor 
(Tani  utsugi),  D.  Hakone  (Hakone  utsugi);  Corylopsis  spicata  Sieb,  et  Zucc.  (Awo  momi). 

5 Daphne  odora  Thunb.  (Dsin  tsjö  ke),  D.  Gen  kwa,  D.  papyracea  Wall.  (Mits  mata).  Jasminum 
fruticans  L.  (Obai),  Primula  sinensis  Lour.  (Kakko  so),  P.  cortusioides  L.  (Sakura  so)  ; Lonicera  chinensis 
Wats.  (Nintö);  Xylostium  japonicum  Sieb.  (Kin  gin  bok)  ; Caprifolium  uniflorum? 

6 Stachyurus  praecox  Sieb,  et  Zucc.  (Kifusi). 

7 Hamamelis  Mansak.  Chimonanthus  fragrans  Lindl.  (Robai),  Astragalus  (Mure  suzume). 

8 Prunus  Mume,  Cerasus  Sakura,  C.  Jama  sakura,  C.  Ito  sakura,  C.  Hikan  sakura;  Amygdalus 
persica  (Momo). 

9 Acer  septemlobum  Thunb.  (Momizi),  A.  japonicum  Thunb.  (Mei  gets  momizi),  A.  dissectum  Thunb. 

10  Azalea  indica  L.  (Tsudsusi),  A.  Jodogawa,  A.  japonica  (Jama  tsudsusi).  Deutzia  crenata  Sieb,  et  Zucc., 

D.  scabra  Thunb.  (Utsugi),  D.  gracilis  Sieb,  et  Zucc.  (Hirne  utsugi).  Eurya  japonica  Thunb.  (Fisa  kaki), 

E.  multiflora  Sieb.,  E.  littoralis  Sieb,  et  Zucc.  (Iso  fisakaki).  Hydrangea  virens  Thunb.  (Jama  dösin), 
H.  hirta  Sieb.  (Jama  asisai),  H.  paniculata  Sieb.  (Norino  ki),  H.  Thunbergi  (Ama  tsja),  PI.  acuminata. 

11  Magnolia  obovata  Thunb.  (Mokren),  M.  Hönoki,  M.  Ivobus  DC.,  Paeonia  albiflora  Pall.  (Jama  sjakjak). 

12  Viburnum  plicatum  Thunb.  (Temari),  V.  macrophyllum  Thunb.  (Hak  san  bok),  V.  dilatatum 
'Thunb.  (Gama  zumi).  Evonymus  Thunbergianus  BL,  E.  Sieboldianus  Bl.  (Nisiki  gi),  E.  Tsuri  bann. 
Crataegus  glabra  Thunb.  (Kana  me),  C.  laevis  Thunb.  (Kama  tsuka),  C Sansasi.  Rubus  palmatus  Thunb. 
(Koitsigo),  R.  triphyllus  Thunb.  (Nawa  sira  itsigo),  R.  trifidus  Thunb.  (Gadsi  itsigo). 

13  Paulownia  imperialis  Siebold  et  Zuccarini  (Kiri  noki). 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


des  Taxus  und  Podocarpus1  und  anderer  Nadelhölzer  und  verbergen  die  noch  laub- 
losen Terebinthaceen 2 und  den  durch  tausend  Hände  entblätterten  Theestrauch.  Im 
jungen  Grün  steigen  dann  [Mai]  hoffnungsvoll  die  jungen  Cerealien3  auf  den  Hügel- 
feldern empor,  und  der  frühreifende  Rübsamen,  der  noch  vor  kurzem  das  frisch- 
gepflügte’ Ackerland  mit  goldenem  Saum  umzog,  senkt  verbleichend  seine  schweren 
Stengel.  Die  Arbeitsamkeit  des  Landmannes  wetteifert  mit  der  Zeugungskraft  der 
Natur.  Durch  bewundernswürdigen  Fleifs  der  vulkanischen  Zerstörung  abgewTonnen, 
ziehen  sich  an  den  Hängen  der  Berge  stufenweise  Felder  hinan,  die  sorgfältig  unter- 
haltenen Gärten  gleichen  — ein  Werk  tausendjähriger  Kultur,  das  den  Reisenden  in 
Erstaunen  setzt. 

Allmählich  wird  das  Laub  der  Bäume  dichter  im  Juni,  es  überschattet  die  ver- 
blühenden Sträuche,  und  das  in  immer  dunklern  Abstufungen  sich  erhebende  Grün 
verkündet  die  Ankunft  des  Sommers.  Eine  brütende  Wärme  treibt  nun  im  Juli  aus 
dem  Wurzelstocke  des  Bambusrohres  riesenhafte  Sprossen  hervor,  welche  zur  Seite 
der  Mutterpflanze  so  üppig  aufwachsen,  dafs  sie  diese,  die  kaum  von  den  Stürmen 
des  Herbstes  und  Frösten  des  Winters  sich  erholt  hat,  bald  an  Gröfse  übertreffen;  wie 
unter  einem  Tropenklima  breiten  einzelnstehende  Palmen  und  Musen  ihre  Blätter 
aus,  als  wollten  sie  den  Menschen,  dem  sie  aus  wärmeren  Ländern  hierher  gefolgt, 
durch  ein  schattenreiches  Dach  beschützen,  und  Orangen,  Osmanthus,  Tuberosen, 
Orchideen4  und  andere  gewürzhaft  riechende  Pflanzen  blühen,  ihre  ermatteten  Pfleger 
mit  Wohlgerüchen  zu  erquicken.  Prächtige  Liliengewächse  und  in  Purpur  prangende 
Gelosien  und  Amarante5  schmücken  die  Gärten,  und  Lippen-  und  Larvenblumen6, 
Winden  und  Malven  zieren  das  Feld,  und  der  heilige  Lotus  erhebt  seine 
schwimmenden  Blätter  und  bedeckt  sumpfige  Stellen  mit  schönen  Blumen.7  Die  ganze 
Natur  schmachtet  jetzt  bei  einer  Hitze  von  oft  mehr  als  95 — ioo°  Fahrh.  (28  — 30° 
R.).  Die  edleren  Gewächse  ringen  mit  rankendem  und  kriechendem  Unkraut: 
zahlreiche  Arten  von  Polygonum,  Achyranthes,  Phyllanthus;  Cissus,  Chenopodium, 
Commelina8,  und  üppige  Gräser  — Arten  von  Cyperus,  Panicum,  Cynosurus  — ver- 


1 Cupressus  japonica  Thunb.  (Sugi),  Thuja  Hino  ki,  Taxus  Inu  kaja,  Podocarpus  macrophylla 
Wall  (Maki). 

2 Rhus  succedanea  L.  (Hazenoki),  R.  Fusino  ki.  Xanthoxylum  horridum  Dec.  (Fuju  san  sjö), 
F.  Inu  sansjö. 

3 Triticum  vulgare  L.  (Ko  mugi).  Hordeum  hexastichon  L.  (Oho  mugi),  H.  vulgare  L (Mugi),, 
H.  Fadaka  mugi. 

4 Citrus  Daidai  Bieb.,  C.  nobilis  Lour.  (Mikan),  C.  japonica  Thunb.  (Kinkan).  Osmanthus  fragrans 
Lour.  (Mok  sei),  O.  aquifolium  Sieb,  et  Zucc.  (Hirahi).  Epidendron  ensatum  A.  Rieh,  et  Gal.  (Ran), 
Dendrobium  moniliforme  Siu.  (Sekkok). 

5 Lilium  longiflorum  Thunb.  (Liukiu  juri),  L.  speciosum  Thunh.  (Kanoko  juri).  Celosia  cristata 
L.  (Keitö).  Amarantus  tricolor  L.  (Momizi-sö),  A.  purpureus  Otto  (Ha  keitö). 

6 Salvia  japonica  Thunb.  (Koma  todome),  Nepeta  japonica  Willd.  (Dankik);  Mentha  Hakka  Sieb., 
Lamium  garganicum  L.  (Wodorisö),  Stachys  Seiran,  Leonurus  Sibirica  L.  (Mehasiki),  Clinopodium 
vulgare  L.  (Kuruma  bana),  Ocymum  Jamahakka,  Prunella  vulgaris  L.  (Utsubo  kusa),  Pedicularis  Taburiso. 

7 Ipomaea  japonica  R.  S.  (Hirugaho).  Gossypiutn  indicum  Laut.  (Wata).  Hibiscus  manihot  L. 
(Tororo).  Nelumbium  speciosum  Willd.  (Hasu). 

8 Polygonum  barbatum  L.  (Ketade),  P.  sagittatum  L.  (Mizo-soba),  P.  Inu  tade,  P.  multiflorum  Lam. 
(Itadori).  Achyranthes  aspera  L.  (Inoko  dsutsi),  Phyllanthus  niruri  L.  (Tsja  bukuro).  Cissus  penta- 
phylla  Willd.  (Tsuta),  C.  labrusca  (Kanebu).  Chenopodium  album  L.  (Siroza).  Commelina  polygama 
Roth.  (Tsuju  gusa). 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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drängen  die  verblühten  edleren  Kräuter  und  Staudengewächse  längs  trockenen  Rainen 
und  den  Ufern  versiegter  Quellbäche  und  wuchern  im  Ackerfelde. 

Die  mit  Ungeduld  erwartete  Regenzeit  tritt  ein.  Sie  benutzend,  jätet  und  ver- 
pflanzt der  Landmann,  säet  Hirse  und  gewinnt  dem  weniger  fruchtbaren  Boden  noch 
eine  zweite  Ernte  ab.  Gerste  und  Weizen  wurden  bereits  im  Juni  geerntet  und  an  ihrer 
Stelle  Reis,  Bataten,  das  efsbare  Arum  und  Solanum,  Tabak,  das  Färberpolygonum1  u.  dgl. 
gepflanzt.  In  den  Thälern  reift  der  Reis,  und  an  den  sonnigen  Hängen  der  Hügel  bringen 
Kürbisse  und  Melonen2  saftige  Früchte,  und  die  Hülsengewächse3  trockene  Schoten. 

Wohl  einen  Monat  und  darüber  bis  zum  August  erscheint  im  äufseren  Pflanzenleben 
keine  auffallende  Veränderung;  blofs  hie  und  da  zeigt  sich  noch  eine  spätblühende  Staude 
oder  ein  Baum  — Clerodendron,  Hibiscus,  Bignonia,  Lagerstroemia4,  und  Arten  von 
Patrinia,  Eupatorium,  Prenanthes5,  und  einzelne  blühende  Kräuter  der  früher  erwähnten 
Gattungen  sehen  mit  mattem  Grün  aus  dem  gelben  Grase  hervor.  Baumfrüchte  und 
Samen  reifen,  die  Reisfelder  erbleichen,  und  wo  im  Frühling  Veilchen  und  Ane- 
monen blühten,  zeigen  sich  jetzt  im  September  Strahlblumen,  Glocken,  Gentianen  und 
einzelne  Schirmpflanzen6. 

Die  Blätter  der  frühzeitigen  Amygdaleen  fangen  im  Oktober  an  zu  welken,  die 
der  Dattelpflaume 7 fallen,  und  die  lichteren  Zweige  prangen  mit  rotgelben  Früchten. 
Einige  frühblühende  Staudengewächse,  die  mehrerwähnte  Forsythia,  Deutzia,  Kerria, 
Rosen  und  Jasmin  bringen  jetzt  noch  zum  zweiten  Male  einzelne  Blüten  und  zieren, 
mit  den  beliebten  Spielarten  von  Chrysanthemum,  Herbstanemone,  Riesenhuflattich  und 
Astern8  die  Gärten.  Einige  Gattungen  Gräser,  wie  Erianthus,  Andropogon,  Anthe- 
steria9,  entwickeln,  was  merkwürdig  ist,  im  Spätherbst  noch  Blüten,  und  zwar  noch 
auf  einer  Seehöhe  von  oft  mehr  als  600  bis  800  Meter,  wto  sie  die  Gipfel  der  Berge 
mit  üppigem  Grün  kleiden.  Auch  die  zahlreichen  Spielarten  von  Pomeranzen,  Cedern 
und  einigen  andern  Nadelhölzern  erneuern  in  dieser  Jahreszeit,  oft  noch  bei  ziemlich 
kühlen  Nordwestwinden,  ihre  Blätter,  als  geschehe  es,  um  in  dem  frisch  angelegten 

1 Oryza  sativa  L.  (Kome),  Caladium  esculentum  Vent.  (Imo),  Batatas  edulis  Chois.  (Liukiu  imo), 
Solanum  esculentum  Dunal.  (Nasubi),  Nicotiana  sinensis  Fisch.  (Tabako),  Polygonum  sinense  L.  (Awi). 

2 Cucumis  sativus  L.  (Kiuri),  C.  Conomon  Thunb.  (Siro  uri),  Lagenaria  hispida  Sering.  (To  gwa), 
C.  Citrullus  L.  (Sui  kwa),  Cucurbita  Pepo  L.  (Böbura). 

3 Phaseolus  Adsuki,  Soja  hispida  Mönch.  (Daidsu),  Lablab  vulgaris  Sani  (In  gen  mame),  Canavalia 
incurva  Dec.  (Nata  mame),  Dolichos  umbellatus  Thunb.  (Sazaki). 

4 Clerodendron  trichotomum  Thunb.  (Kusagi),  C.  squamatum  Wahl.  (Tö  kiri).  Hibiscus  mutabilis 
Thunb.  (Fujü),  H.  Syriacus  L.  (Mukuge).  Bignonia  grandiflora  Jacq.  (Nösen  kadsura).  Lagerstroemia 
japonica  (Saru  suberi). 

5 Patrinia  villosa  Juss.  (Wotoko  mesi),  P.  rupestris  Juss.  (Womina  mesi).  Eupatorium  japonicum  (Fudsi 
bakama),  E.  japonicum  Thunb.  (Hijo  dori  hana).  Prenanthes  debilis  Thunb.  (Tsuru  nigana),  P.  Nigana. 

6 Adenophora  verticillata  Tisch.  (Tsuri  kane  ninsin),  Wahlenbergia  marginata  Dec.  f.  (Hirne); 
Gentiana  Sasarindö,  Ophelia  japonica  Griseb.  (Senburi),  Serratula  tinctoria  L.  (Mijako  azami),  Bidens 
pilosa  L.  (Kitsneno  ja),  Artemisia  Mo  gsa  Dec.,  A.  Jomogi,  A.  japonica  (Wotoko  jomogi),  Carpesium 
cernuum  (Gan  ku  bi  so),  Tussilago  japonicum  (Tsuba  buki),  Inula  japonica  Thunb.  (Wokurma), 
Solidago  virgaurea  L.  (Akino  kirinsö),  Aster  scaber  Thunb.  (Sira  jamagiku),  Daucus  gingidium  L. 
(Ja'bu  ninzin),  Peucedanum  japonicum  Thunb.  (Botan  böfü). 

7 Diospyros  Kaki  L.  f. 

8 Chrysanthemum  indicum  L.  (Kiku),  Chr.  Jama  giku.  Anemone  japonica  Sieb,  et  Zucc.  (Kifune  kiku). 
Aster  indicus  L.  (Jomena),  A.  hispidus  Thunb.  (Jama  siro  giku),  A.  Kon  giku. 

9 Erianthus  japonicus  Beauv.  (Tokiwa),  E.  repens  Beauv . ? (Kaja).  Andropogon  crinitum  Thunb. 
(Tsjözen  gari  jasu).  Anthesteria  Harguens  Willd.  (Wogaru  kaja). 

v.  Siebold,  Nippon  I,  2.  Aufl. 


7 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Kleide  den  Winter  besser  zu  ertragen.  Vor  dem  mächtigen  Einflufs  der  Sonne  ge- 
schützt, entwickeln  nun  die  Pflanzen  mit  Knollenwurzeln  um  so  kräftiger  ihre  der 
Erde  ungehörigen  Teile,  die  Wurzeln;  weifse  und  gelbe  Rüben,  Rettige  und  Erdäpfel 
gedeihen  jetzt  am  besten. 

Das  sich  rötende  Laub  der  Wachsbäume  und  Ahorne  verkündet  endlich  die 
sinkenden  Kräfte  der  Natur.  Ein  grofser  Teil  Bäume  und  Sträuche  verliert  die  Blätter, 
die  Stengel  perennierender  Staudengewächse  verdorren.  [November.]  Nur  einzelne 
Chrysanthemen,  Kamelien,  Thee,  Tazetten  und  Rosen1  blühen  noch  in  Gärten  und 
auf  dem  Felde.  Aus  liebten  Gehölzen  blicken  die  roten  und  schwarzen  Beeren  der 
Lorbeerbäume  und  Stechpalmen  und  einzelne  Apfelsinen  hervor,  und  Leber-  und  Laub- 
moose blühen  an  schroffen  Felsen,  an  den  Stämmen  entlaubter  Bäume.  — Schon 
wochenlang  sind  die  Gipfel  hoher  Berge  mit  Schnee  bedeckt;  es  herrscht  ein  kalter 
Nordwestwind;  es  friert,  schneit,  hagelt.  — Aber  nur  kurze  Zeit  dauert  der  Winterschlaf 
höherer  Gewächse.  Schon  zu  Anfang  Januar  regen  sich  einige  Bäume  und  Kräuter,  und 
man  sieht  ein  gesegnetes  Jahr  angekündigt,  wenn  bereits  am  Neujahrstage  ein  blühender 
Zweig  des  Prunus  Mume  oder  ein  Adonis2  den  Altar  der  Hausgötter  schmückt. 

Ein  mehr  als  tausendjähriger  Verkehr  mit  dem  benachbarten  asiatischen  Fest- 
lande, vorzüglich  mit  China,  Korea  und  den  mehr  südlich  gelegenen  Liukiuinseln, 
hat  die  japanische  Flora  mit  vielen  auswärtigen  Nutz-  und  Zierpflanzen  bereichert, 
und  das  Bild  einer  bewohnten  Landschaft  trägt  unverkennbar  ein  fremdes,  durch 
Kunst  veredeltes  Gepräge.  Wo  wir  jetzt  an  den  Abhängen  der  Hügel  stufenartige 
Beete  mit  Cerealien  und  Gemüsen  emporsteigen  sehen,  da  wucherte  früher  hohes 
Gras  — Arten  von  Erianthus,  Ischaemum,  Anthesteria,  Cenchrus,  Imperata  und  An- 
dropogon3,  durchflochten  von  rankenden  Zweigen  des  Similax,  Dolichos,  Celastrus, 
der  Clematis,  Kadsura  und  Lonicera4,  der  Dioscorea-  und  Asclepiasarten5 6.  Wo  jetzt 
die  Theestaude  die  mit  Rübsamen,  Tabak,  Färberpolygonum,  Saflor,  Mohn,  Sesamum, 
Hanf  und  Baumwolle3  bestellten  Felder  umzäunt,  wuchsen  einst,  in  buntem  Ge- 
mische, Elaeagnus,  Viburnum,  Spiraea,  Hydrangeen,  Euryen,  Callicarpa,  Rhamnus, 
Rubus,  Crataegus,  Lespedeza,  Lycium  und  Styraxarten 7.  Wo  der  Reis  stundenweite 

1 Rosa  semperflorens  Curt.  (Sikizaki  ibara). 

2 Adonis  volgensis?  Steven  (Fukzju  so). 

3 Ischaemum  Karu  kaja,  Pennisetum  compressum  R.  Br.  (Tsikara  siba),  Saccharum  Thunbergii  Retz 
(Tsi  gaja). 

4 Smilax  pseudochina  L.  (Siwo  de),  S.  Saru  tori  iwa  bara.  Dolichos  hirsutus  Thunb.  (Kuzu). 
Celastrus  articulatus  Thunb.  (Tsuru  mume  modoki),  C.  punctatus  Thunb.  Clematis  paniculata  Thunb. 
(sen  nin  so),  C.  japonica  Thunb.  (Botan  tsuri),  Kadsura  japonica  Thunb.  (Sane  kadsura). 

5 Dioscorea  septemloba  Thunb  (Tokoro),  D.  japonica  Thunb.  (Jama  imo).  Asclepias  japonica 
Funa  wara  so),  A.  Suzuzaiko,  A.  Ijo  kadsura. 

6 Ervsimum  perfoliatum  Crantz  (Abura  na).  Carthamus  tinctorius  L.  (Kure  nai).  Papaver 
somniferum  L.  (Kesi)  Sesamum  orientale  L.  (Goma).  Cannabis  sativa  Thunb.  var.  indica?  Gossypium 
indicum  Lam.  (Wata). 

7 Elaeagnus  pungens  Thunb.  (Natsugumi),  E.  crispa  Thunb.  (Nawa  siro  gumi),  E.  glabra  Thunb. 
(Jama  gumi).  Viburnum  cuspidatum  Thunb.  (Jama  demari),  V.  erosum  Thunb.  (Kobano  guma  sumi), 
V.  dilatatum  Thunb.  (Gama  sumi)  und  die  bereits  früher  angeführten  Arten.  Spiraea  chamaedrifolia 
L.  (Iwa  kasa),  S.  japonica  Sieb.  (Suzu  kake).  Hydrangea  virens  Thunb .,  H.  acuminata,  H.  hirta  Sieb., 
H.  serrata  Dcc.  Callicarpa  japonica  Thunb.  (Mimura  saki),  C.  lanata  L.  (Jabu  mura  saki)  Rhamnus 
Sonoki.  Rubus  idaeus  L.  (Kusa  itsigo)  und  die  vorerwähnten  Rubus-  und  Crataegusarten.  Lespedeza 
villosa  Pen  's.  (Goma  hagi).  L.  sericea  Benth.  (Medo  hagi),  L.  heterocarpa  (Hagi),  L.  striata  Hook. 
(Jabuzugusa)  Serissa  foetida  Commerz.  (Hak  tsö).  Styraxj  aponicum  Sieb,  et  Zucc.  (Tsisanoki),  S.  scabrum. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Ebenen  mit  einfarbigem  Grün  überzieht,  standen  Sümpfe,  bedeckt  mit  Nelumbium 
und  Euryale,  Potamogeton,  Pontederia,  Alisma,  Trapa  und  andern  Hydrocharideen 1, 
während  Schilf  und  Riedgräserarten  — Sparganium,  Typha,  Zizania,  Erianthus,  Eeer- 
sia  und  Kyllinga2  — die  einsamen  Ufer  säumten;  oder  Flüsse  und  Bergbäche  breiteten, 
noch  frei  waltend,  ihre  Betten  aus,  an  deren  Ufern  Arten  von  Bambus3,  Ficus,  Croton, 
Boehmeria  und  Procris4  üppig  sprofsten.  Auf  dem  angeschwemmten  Boden  wucherten 
Commelinen,  Chenopodien,  Polygoneen,  Solanum,  Fumarien  und  Ranunkeln,  und 
Panzeria,  Saururus,  Veronica,  Houttuynia,  Hydrocotyle 5 6,  und  Arten  von  Sedum,  Astra- 
galus, Hypericum,  Potentilla,  Ruellia,  Carpesium,  Fuphorbia,  Prenanthes,  Artemisia 
und  andere  Strahlblumen0  bedeckten  Anger  und  Hügel.  Aus  den  Wildnissen  um 
Tempel  und  Klöster  schuf  der  ordnende  Geist  bezaubernde  Haine,  die  er  mit  bunten 
Azaleen,  Kamelien,  Paeonien  und  prachtvollen  Lilien  und  Orchideen7  schmückte;  und 
am  öden  Strande,  von  armen  Fischern  gepflegt,  wuchsen  süfse  Kastanien  und  efsbare 
Eicheln  zu  Wäldchen  auf,  die  Hütten  ihrer  Pflanzer  freundlich  beschattend.  — Erst 
durch  die  kulturelle  Thätigkeit  mehrerer  Geschlechter  haben  die  japanischen  Land- 
schaften ihren  nunmehrigen  Charakter  erhalten.  Apfelsinen,  Granatäpfel,  Pfirsiche, 
Aprikosen,  Äpfel,  Birnen  und  Quitten,  wie  noch  manche  mit  dem  Attribute  Japonica 
bezeichnete  Pflanze8  sind  fremden  Ursprungs,  und  man  kann  annehmen,  dafs  von 
etwa  fünfhundert  Nutz-  und  Zierpflanzen  mehr  als  die  Hälfte  eingeführt  ist. 

Je  tiefer  wir  ins  Gebirge  kamen,  um  so  beschwerlicher  wurden  die  Wege  durch 
anhaltenden  Regen.  Menschen  und  Tiere  waren  zu  bedauern,  wiewohl  die  Gewandt- 

1 Euryale  ferox  Salisb.  (Onibasu).  Potamogeton  Gansisai.  Pontederia  vaginalis  L.  Alisma  Sen  dai  tak 
sja.  Trapa  natans  L.  (Hizi).  Limnobium  Spongia  Rieh.  (Totsi  kagami)  Sagittaria  sagittifolia  L (Kuwai). 

2 Arundo  nitida  H.  B.  (Josi  take).  Cyperus  Kaja  tsuri  und  mehrere  noch  unbestimmte  Arten. 
Sparganeum  Osaka  katsuri.  Typha  angustifolia  L.  (Gatna).  Zizania  clavulosa  Michx,  Leersia  hispida 
(Naruko  hije),  Kyllinga  monocephala  L.,  K triceps  L.  f. 

3 Bambusa  Ma  take,  B.  Me  take,  B.  Si  wo  tsiku,  B.  Ja  take,  B.  Moso,  B.  Ha  tsiku  und 
viele  andere. 

4 Ficus  erecta  Thunb.  (Inu  biwa),  F.  stipulata  Thunb.  (Itabi);  F.  Mokkö  bok.  Rottlera  japonica 
Spr.  (Akame  gasiwa).  Boehmeria  frutescens  Thunb.  (Jabumawo).  B.  spicata  Thunb.  (Aku  so). 
Procris  Janagi  itsigo 

5 Aufser  den  früher  genannten  noch  Chenopodium  virgatum  Tlmnb.  (Hama  aka  so),  Schoberia 
maritima  Meyer  (Mats  na).  Solanum  nigrum  L.  (Inuhödsuki).  Corydalis  racemosa  Pers.  (Kike  man), 
C.  japonica  (Murasaki  ke  man),  C.  decumbens  Pers.  (Ten  go  sak)  Ranunculus  japonicus  Thunb.  (Kin 
pö  ke),  R.  ternatus  Thunb.  (Tagarasi),  R.  gregarius?  Brot.  (Kitsneno  botan).  Panzeria  siberica  Hort. 
(Mehasiki).  Saururus  cernuus  L.  (Kata  siro).  Veronica  arvensis  L.  (Inu  fuguri),  V.  anagallis  L. 
(Kawa  dsisja).  Houttuynia  cordata  Tlmnb.  (Doku  dami).  Hydrocotyle  (Tsubo  gusa),  H.  Tsidome  gusu. 

6 Sedum  telephioides  Michx,  S.  japonicum  (Mitsu  urusi),  S.  Man  nen  so.  Astragalus  lotoides 
Lam.  (Kenge  bana).  Hypericum  erectum  Thunb.  (Woto  giri  so),  H.  japonicum  Thunb.  Potentilla 
grandiflora  L.  (Kizi  musiro),  P.  Kawa  saiko.  Ruellia  japonica  Thunb.  (Kitsneno  goma),  Carpesium 
abrotanoides  L.  (Jabu  tabako).  Fuphorbia  helioscopia  L.  (Todai  gusa),  E.  thymifolia  L.  (Nisiki  so). 
Gnaphalium  japonicum  Thunb.  (Tsidi  ko  gusa),  Helichrysum  arenarium  Mönch.  (Motsihana).  Conyza 
japonica  Less.  (Tama  dsiwö),  Erigeron  scandens  Thunb.}  (Zju  bun  so),  und  aufser  den  erwähnten 
Wermutarten  noch  Artemisia  capillaris  Sieb.  (Kawara  jomogi),  Myriogyne  minuta  Less.  (Hana  firiso). 

7 Nebst  den  oben  schon  genannten  noch  Camellia  serrata  (Noko  kiri  tsubaki),  C.  lanceolata 
Seem.  (Hosoba  tsubaki).  Paeonia  Moutan  Sims.  (Botan). 

8 Ich  will  hier  nur  folgende  anführen:  Berberis  Miccia  Haniilt.,  Filium  japonicum  Thunb., 
Rhodea  jap.,  Eriobotrya  jap.  Lind/.,  Cydonia  jap  Pers.,  Clerodendron  fragrans  Willd.,  Sinapis  jap.  Thunb., 
Citrus  jap.,  Senecio  jap.,  Cornus  jap.  Thunb.,  Chelidonium  jap.  Thunb , Kerria  jap.  Dec.,  Aconitum 
uncinatum  L. 


100 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


heit  und  Sicherheit  bewundernswert  ist,  womit  sie  die  schmalen,  steilen,  schlüpfrigen 
Steige  erklimmen.  Ohne  die  früher  erwähnte  Fufsbekleidung  würde  es  ihnen  unmög- 
lich sein,  auf  solchen  Wegen  Lasten  fortzuschaffen.  Die  Strohschuhe  sind  daher  in 
diesem  Lande  ein  Bedürfnis,  das  durch  lederne  Schuhe  und  Hufeisen  nicht  zu  er- 
setzen ist.  Meine  Schüler  und  Bedienten  erklommen  die  jähsten  Hänge,  um  Flechten 
und  Moose  zu  sammeln,  und  hingen  oft  festen  Fufses  an  schroffen  Felsen,  wie  eine 
indische  Anolis. 

Wir  rasteten  in  der  Herberge  auf  dem  Rücken  des  Hijamidsu  töge  und  nahmen 
Erfrischungen  ein.  Nach  altem  Herkommen  bewillkommne  der  Wirt  die  Gesandt- 
schaft mit  einem  Geschenke,  bestehend  in  einigen  zierlich  auf  eine  kleine  Tafel  von 
Cedernholz  gelegten  Fasanen  und  Eiern,  und  lud  uns  zu  einem  Sakegelage  ein.  Wir 
trafen  hier  auch  unsere  japanischen  Offiziere  und  Dolmetscher,  und  der  Wirt  und  die 
Wirtin  mit  ihren  Töchtern,  festlich  geputzt,  bedienten  uns  mit  ungemeiner  Gastfreund- 
lichkeit. Bei  dergleichen  Schmäusen  spielen  eigentlich  die  wichtigste  Rolle  die  Herren 
Dolmetscher;  denn  der  Faden  der  Unterhaltung  spinnt  sich  durch  ihre  Vermittlung; 
und  da  ihr  Hauptstreben  dahin  geht,  sich  bei  ihrem  Herrn  Oberbanjösten  auf  Kosten 
ihrer  Gäste  zu  insinuieren,  so  bieten  sie  alle  ihre  Gewandtheit  auf,  uns  zu  Höflich- 
keiten gegen  diesen  Herrn  zu  bewegen,  die  nicht  selten  die  Würde  einer  Gesandt- 
schaft verletzen.  Ich  kann  nicht  umhin,  auf  diesen  Zug  der  Dolmetscher  hier  aufmerk- 
sam zu  machen,  da  er,  wenn  nicht  zur  teilweisen  Entschuldigung,  doch  zur  Beleuch- 
tung eines  früheren  Vorfalles  dienen  kann,  über  den  Admiral  von  Krusenstern  und 
von  Langsdorf  ihre  Mifsbilligung  scharf  ausgedrückt  haben.  Ich  meine  jenen  Auftritt, 
als  der  Vorsteher  des  niederländischen  Handels  bei  dem  russischen  Gesandten  an 
Bord  der  Nadesta  einen  Besuch  abstattete  und,  auf  einen  sehr  unhöflichen  Wink  eines 
Dolmetschers  hin,  sich  erst  nach  dem  Sitze  des  an  Bord  anwesenden  Oberbanjösten 
verfügte  und  tief  verbeugte,  ehe  er  dem  Gesandten  seine  Aufwartung  machte.  - — 
Einmal  an  Bord  konnte  unter  den  gegebenen  Umständen  der  Vorsteher,  es  war 
Herr  H.  Doeff,  nicht  anders  handeln,  ohne  bei  den  Japanern  Anstofs  zu  erregen. 
Aber  bekannt  mit  dem  Geiste  seiner  Umgebung,  hätte  er  sich  zuvor  mit  den  Japanern 
über  das  Ceremoniell  bei  dieser  Aufwartung  verständigen  sollen;  und  sicher  würde 
man  von  ihrer  Seite  nichts  verlangt  haben,  was  der  Würde  des  Vertreters  der  nieder- 
ländischen Nation  nicht  entsprochen  hätte.  Die  sogenannten  Oberbanjösten  sind,  ich 
will  es  nochmals  wiederholen,  die  grofsen  Herren  nicht,  wofür  man  sie  auf  Dezima 
gelten  läfst.  Nur  geschäftiger  Diensteifer  und  der  Dolmetscher  kriechende  Schmeichelei 
bestrebt  sich,  besonders  Fremden  gegenüber,  einen  Nimbus  der  Hoheit  um  sie  zu 
verbreiten,  auf  den  sie  selbst  wohl  niemals  Anspruch  machen  würden.  Unser  Ober- 
banjöst  Kawasaki  Gensö  aber  war  ein  sehr  bescheidener  Mann,  und  gegen  uns  äufserst 
zuvorkommend.  Er  bewies  mir  selbst  die  Aufmerksamkeit,  den  Wirt  zu  beauftragen,  die 
selteneren  Gewächse  des  Gebirges  für  mich  bis  zu  unserer  Wiederkehr  sammeln  zu  lassen. 

Wir  stiegen  den  nordöstlichen  Abhang  des  Gebirges  hinab  und  wurden  zu  Utsi- 
no,  einem  Dorfe  am  Fufse  des  Gebirges,  auf  ähnliche  Weise  wie  oben  in  der  Her- 
berge beschenkt  und  bewirtet.  — Aufser  wilden  Kamelien,  einigen  Kätzchenbäumen, 
Euryen  und  mehreren  Arten  Sassafras1  blühten  im  Gebirge  der  Acorus  gramineus 
(Seki  sjö)  an  Quellbächen,  und  an  feuchten  Felsenwänden  eine  Art  Chrysosplenium, 

1 Corylus  americana  Michx.  (Fasi  bami),  Ainus  Harinoki-  Sieb.,  Salix  Kawa  janagi  Sieb.,  Sassa- 
fras praecox?  (Awa  buki),  S.  glauca  (Mura  datsi).  Lindera  umbellata  Thunb. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


IOI 


Mercurialis,  Sium,  Arum,  eine  Draba  und  Cardamine1.  Die  wilden  Kamelien  waren 
oft  20  bis  25  Puls  hoch,  und  ihr  Stamm  6 bis  8 Zoll  dick;  sie  machten  stellenweise 
Partien  des  Waldes  aus,  und  ihre  vielen  dunkelroten  Blüten  gewährten  gerade  um 
diese  Jahreszeit  einen  überaus  schönen  Anblick.  Die  Blüten  sind  einfach  und  nur 
halb  geöffnet. 

Als  wir  an  einem  jungen  Schlage  vorübergingen,  überraschte  uns  ein  Fasan,  der 
mit  einem  Geräusch  wie  unsere  Birkhühner  aufflog.  Ob  es  der  Jamadori  oder  ein  Kisi 
war,  konnten  wir  nicht  unterscheiden.  Beide  sollen  sich  übrigens  häufig  in  diesem 
Gebirge  vorfinden.  Herr  Temminck,  den  ich  unter  die  Mitarbeiter  meiner  Fauna 
japonica  zähle,  hat  in  seinem  grofsen  ornithologischen  Werke  diese  Vögel,  welche 
ich  bereits  im  Jahre  1826  von  Japan  aus  ans  Reichsmuseum  gesendet,  ersteren  unter 
dem  Namen  Phasianus  versicolor,  letzteren  als  Ph.  Sömmeringii  abgebildet  und  be- 
schrieben. Der  Jamadori,  d.  h.  Bergvogel,  lebt  nur  tief  im  Gebirge,  was  schon  sein 
Name  sagt,  und  ist  seltener  als  der  Kisi;  sein  langer  Schwanz,  wie  sein  einfarbiges 
rotbraunes  und  goldschillerndes  Gefieder  unterscheidet  den  Hahn  der  ersteren  Species 
von  dem  der  letzteren,  der  in  Gestalt  und  Farbe  unserem  gemeinen  Fasane  gleicht. 
Beide  Arten  wählen  junge  lichte  Schläge  zu  ihrem  Frühlingsaufenthalt.  Die  Henne 
zieht  sich  jedoch  nach  der  Balzzeit  in  dichtes  Gehölz  zurück,  wo  sie  unter  dem  Ge- 
sträuch, am  liebsten  an  mit  Moos  und  Farren  bewachsenen  Stellen,  ihr  Nest  baut 
und  bis  zu  15  Eier  legt.  Zur  Abendzeit  hört  man  die  Hähne,  welche,  abgesondert 
von  den  brütenden  Hennen,  auf  Saatfeldern  Nahrung  suchen,  häufig  balzen.  Nicht 
unpassend  sagt  daher  ein  japanischer  Dichter: 

Haruno  no  asaru  Kisi,  sono  tsuma  koini, 

Onoga  arigawo  hitoni  sire  tsutsu. 

«Im  Frühlingsgefilde  Nahrung  suchend  verrät  der  Kisi,  aus  Liebe  zu  seinem 
Weibchen,  seinen  Aufenthalt  den  Menschen.» 

Im  Frühjahr  und  Sommer  bieten  ihnen  Getreide  und  Sämereien  reichliche  Nah- 
rung, im  Herbst  und  Winter  nähren  sie  sich  von  Beeren  und  Baumknospen.  Um 
diese  Jahreszeit  fand  ich  die  Magen  beider  Arten  gröfstenteils  mit  den  Beeren  der  japa- 
nischen Eurya  gefüllt,  durch  deren  blaues  Pigment  die  innere  Magenhaut  ganz  gefärbt 
war.  Gold-  und  Silberfasane  sind  in  Japan  nicht  einheimisch  und  werden,  wie  bei 
uns,  nur  zum  Vergnügen  gehalten;  sie  vermehren  sieb  aber  gut  und  sind  in  Menge 
zu  haben.  Ihr  Vaterland  ist  wohl  China. 

Zu  Nagawo  — einem  Dorfe  zwischen  Utsino  und  Iidsuka,  am  Fufse  eines 
nordöftlichen  Zweiges  des  Hijamidsu  töge  — fiel  mir  die  sonderbare  Gesichtsbildung 
eines  achtzehnjährigen  Japaners,  Namens  Otosjuro,  auf.  Seine  Nase  war  so  klein 
und  seine  Stirn  trat  so  stark  hervor,  dafs,  wenn  man  vom  Kinn  aus  eine  Linie  zur 
Stirne  zog,  die  Nasenspitze  dahinter  zurückblieb.  Er  hatte  ein  einfältig  kindisches, 
aber  gutmütiges  Benehmen,  eine  unentschiedene  Knabenstimme,  nur  einzelne  Milch- 
haare an  der  Stelle  des  Bartes,  der  Augenbrauen  u.  s.  w.  und  war,  bis  auf  zwei 
Backenzähne  der  oberen  Kinnlade,  zahnlos.  Der  Junge  war  von  gesunden  Eltern 
gezeugt  und  befand  sich  wohl,  obgleich  er  ein  sehr  schwächliches  Aussehen  hatte. 
Es  liefs  sich  in  dieser  krankhaften  Verunstaltung  ein  dem  Kretinismus  ähnlicher  Zu- 
stand erkennen.  Die  Bewohner  dieser  Gegend,  welche  das  innerste  Hochland  von 


1 Chrysosplenium  Iwabotan,  Mercurialis  perennis  L.  Var.  jap.  (Jama  awi),  Sium  decumbens 
Thunb.  (Kusa  ninzin),  Arum  ringens  Thunb.,  Draba  muralis  L.,  Cardamine  scutata  Thunb.  (Tagarasi). 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Kiusiu  bildet,  sind  übrigens  ein  rüstiger  Menschenschlag,  der  sich  durch  eine  plattere, 
breitere  Gesichtsbildung,  eine  kleinere,  breitere  Nase,  gröfseren  Mund  und  dickere 
Lippen  von  den  Bewohnern  der  südlichen  Küsten  dieser  Insel  unterscheidet.  Das 
weibliche  Geschlecht  ist  sehr  anmutig.  Die  jungen  Mädchen  haben  eine  feine  weifse 
Haut,  lebhaftes  Rot  auf  den  Wangen,  und  ein  sehr  volles  Gesicht.  Ihre  Nase  ist  an 
der  Wurzel  tiefer  eingedrückt,  der  Abstand  der  inneren  Augenwinkel  gröfser,  und  die 
Jochbeine  stehen  mehr  hervor,  wodurch  jene  eigentümliche  Stellung  der  Augen,  ihr 
fcheinbares  Schiefstehen,  auffallender  wird,  als  ich  es  bei  anderen  Japanern  beob- 
achtet habe. 

Bei  Iidsuka  endigt  das  Gebirge,  und  es  öffnet  fich  eine  weite  Ebene  mit  frucht- 
baren Reisfeldern,  bewässert  von  den  Bächen  Nagawogawa,  Setogawa  und  Musuje- 
gawa.  Diese  Bäche,  3 bis  9 Meter  breit,  entspringen  in  dem  eben  von  uns  durch- 
zogenen Gebirge  und  vereinigen  sich  in  der  Bergkette,  welche  Tsikuzen  von  Buzen 
scheidet,  unweit  Nogata  mit  dem  Sakaigawa  zu  einem  an  90  Meter  breiten  Flusse, 
der  dann  den  Namen  Nogatagawa  führt,  und  ergiefsen  sich  bei  Kap  Asija  unter 
dem  Namen  Asijagawa  in  die  See.  Ich  mufs  hier  bemerken,  dafs  ein  und  derselbe 
Bach  oder  Flufs  von  seinem  Ursprung  bis  zur  Mündung  oft  in  ganz  kurzen  Abständen 
verschiedene  Namen  erhält,  gewöhnlich  von  den  Ortschaften,  an  denen  er  vorbeifliefst; 
ein  Umstand,  den  man  bei  der  Beschreibung  grofser  Flüsse  wohl  zu  berücksichtigen 
hat.  — Zu  Iidsuka,  einem  Flecken  von  etwa  zweihundert  Häusern  am  rechten  Ufer 
des  Nagawogawa,  hielten  wir  Mittag,  setzten  hierauf  bei  Nogata  über  den  Flufs 
dieses  Namens  und  kamen  gegen  Mitternacht  in  Kojanose  an. 

[21.  Febr.]  In  Kojanose  brachte  man  Steinkohlen  zur  Feuerung,  und  wir  er- 
fuhren, dafs  diese  im  Sumijakijama,  oder  «Kohlenbrenner- Gebirge»,  welches  sich 
am  rechten  Ufer  des  Nogatagawa  hinzieht,  gefunden  werden.  Wir  hatten  da  am 
vorhergehenden  Abend  an  mehreren  Stellen  Rauch  aufsteigen  sehen.  Anhaltendes 
Regenwetter  nötigte  mich  heute  in  meinem  Norimono  zu  bleiben,  was  mir  um  so 
ungelegener  kam,  da  ich  immer  die  gröbste  Strecke  des  Weges  mit  meinen  Schülern 
gern  zu  Fufs  zurücklegte.  Die  Landschaft  von  Kojanose  ist  eben.  Die  Felder  waren 
mit  Frühgerfte  (Hordeum  hexastichon,  Var.  sem.  nudis)  besäet,  auf  ähnlichen  Beeten 
wie  bei  Kansaki.  Scharen  wilder  Gänse,  Enten  und  Raben  besuchten  die  Saat,  und 
hie  und  da  hatten  sich  Züge  von  Kranichen  niedergelassen.  Um  diese  Jahreszeit  thun 
diese  Zugvögel  der  Saat  viel  Schaden,  weswegen  auch  allenthalben  auf  den  Feldern 
Vogelscheuchen  angebracht  sind,  die,  sehr  einfach,  aus  viereckigen  Brettchen,  an  denen 
hölzerne  Schägel  befestigt  sind,  bestehen.  An  gespannten  Seilen  aufgehängt,  werden 
sie  vom  Winde,  oft  auch  von  Menschen  bewegt.  Man  heifst  sie  Naruko  (Klappern), 
Tori-odosi  Vogelscheuchen,  auch  Kangasi.  So  leer  auch  sonst  während  des  Sommers 
die  dichtbewohnten  Landstriche  an  Standvögeln  sind,  so  häufig  finden  sich  im  Früh- 
jahre Zugvögel  ein,  und  die  Jagd  auf  Federwild  ist  um  diese  Zeit  sehr  ergiebig,  be- 
sonders an  Enten,  Gänsen  und  Kranichen,  wovon  auch  die  meiden  in  Europa  bekannten 
Arten  hier  Vorkommen.1  Die  Jagd  mit  Falken  und  Feuergewehren  ist  in  den  meisten 
Landschaften  den  Bauern  verboten.  Sie  stellen  daher  mit  Garnen,  Schlingen  und 


1 Die  Stockente  (Anas  boschas),  die  Quackente  (A.  clangula),  die  Pfeifente  (A.  penelope),  die 
Kriechente  (A.  crecca);  die  Löffelente  (A.  clypeata),  die  Schneegans  (Anser  hyperboreus),  die  Blafsen- 
gans  (A.  albifrons). 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Leimruthen  den  lästigen  Gästen  nach.  Eine  äufserst  einfache  und  sinnreiche  Art, 
wilde  Enten  und  Gänse  auf  Saatfeldern  zu  fangen,  zog  hier  meine  Aufmerksamkeit 
auf  sich.  An  4 bis  6 Fufs  hohen  Pfählen  sind  in  sehr  spitz  zulaufenden  Winkeln 
Leinen  gespannt,  die  bei  der  geringsten  Berührung  von  der  Spitze  des  Pfahles  ab- 
springen.  Berührt  nun  das  Federwild,  das  man  gewöhnlich  noch  durch  Lockvögel 

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herbeizieht,  beim  Einfallen  oder  plötzlichen  Aufsteigen,  zufällig  die  mit  Vogelleim 
bestrichene  Leine,  so  löst  sich  diese  und  klebt  sich  ans  Gefieder.  Der  Vogel,  im 
Fluge  gestört,  verliert  das  Gleichgewicht,  fällt  zu  Boden  und  verwickelt  sich  bald  so, 
dafs  er  leicht  eine  Beute  des  herbeigeeilten  Jägers  wird.  Auf  diese  Weise  wird  auch 
den  schlausten  Zugvögeln  mit  Erfolg  nachgestellt,  und  nicht  selten  geraten  Kraniche, 
Löffelgänse,  Ibis  u.  dgl.  in  Gefangenschaft.  Man  nennt  dieses  die  Entenjagd  mit  hohen 
Leinen  (Takanawa). 

Der  Fleifs  und  die  Gefchickliehkeit,  womit  Reisfelder  und  Wasserleitungen  an- 
gelegt waren,  lenkte  auch  hier  unsere  Bewunderung  auf  sich.  Man  war  eben  be- 
schäftigt, den  Damm  eines  Teiches,  wie  wir  einen  früher  schon  beschrieben  haben, 
auszubessern.  Er.  wurde  reget, mäfsig  und  breit  von  Letten  aufgeführt  und  mit  Farren, 
Weiden  und  anderen  Sträuchen  bepflanzt,  was  ihn  dauerhaft  machte  und  ein  hübsches 
Aussehen  gab. 

Von  Tsjanobara  kann  man  die  See  und  bei  heiterem  Himmel  das  hohe  Land 
der  Landschaft  Nagato  auf  Nippon  sehen.  Der  Weg  führt  von  hier  über  Isisaka 
bergan  nach  Kurosaki,  wo  man  eine  herrliche  Aussicht  auf  die  Insel  Kukinosima 
hat.  Sie  ist  eigentlich  ein  hohes  Vorgebirge,  welches  im  Osten  durch  eine  tiefe  Bucht 
der  See,  Fukano-umi  und  im  Westen  durch  einen  Arm  des  erwähnten  Asijagawa, 
gleichsam  durch  einen  Kanal,  vom  Festlande  abgeschnitten  wird.  Beim  Dorfe  Kii- 
midsu,  an  der  Grenze  von  Tsikuzen  und  Buzen,  empfingen  uns  einige  Offiziere  des 
Fürsten  von  Buzen  und  gaben  uns  wie  gewöhnlich  das  Geleit.  Die  Grenzscheide  ist 
durch  zwei  an  beiden  Seiten  der  Strafse  errichtete  Steine  angezeigt.  Noch  eine  kurze 
Strecke,  und  wir  erreichten  Haramats;  die  Vorstadt  von  Kokura,  gröfstenteils  von 
Soldaten  und  Bedienten  des  Fürsten  bewohnt-  Die  Häuser  hatten  ein  recht  freund- 
liches Aussehen;  sie  waren  klein  und  durchgehends  mit  niedlichen  Gärtchen  und  leben- 
den Zäunen  von  Bambus,  Epheu  und  Cypressen  umgeben. 

Ein  massives  Thor  führt  in  die  Stadt  Kokura,  welche  durch  einen  Wassergraben 
und  eine  mit  Schiefsscharten  versehene  Mauer  von  der  Vorstadt  geschieden  ist. 
Innerhalb  des  Thores  standen  Posten  und  in  einem  offenen,  mit  Waffen  und 
militärischen  Insignien  verzierten  Wachhause  safsen  in  steifer  Haltung  die  Befehls- 
haber. Die  Strafse  war  mit  Zuschauern  gefüllt;  es  herrschte  grofse  Ordnung,  an- 
ständiges Benehmen  und  eine  Stille,  die  eher  einem  Leichenbegängnis  als  dem  Ein- 
züge eines  fremden  Gesandten  entsprach.  Wir  zogen  über  eine  grofse  hölzerne  Brücke 
auf  einen  freien  Platz  und  stiegen  unweit  davon  an  der  Herberge  aus,  wo  wir  vom 
Wirte  und  einigen  anderen  Personen  aufs  höflichste  empfangen  wurden. 

Gleich  nach  unserer  Ankunft  liefs  sich  der  fürstliche  Botschafter  anmelden,  und 
da  unser  Gesandter  ihn  noch  nicht  empfangen  konnte,  genossen  Herr  Bürger  und  ich 
die  Ehre  den  Besuch  zu  empfangen.  Wir  fanden  uns  aber  nicht  wenig  getäuscht,  als  wir 
in  der  erwarteten  hohen  Person  weiter  nichts  als  den  Thorwächter  des  Schlosses,  und 
noch  dazu  einen  recht  einfältigen  Menschen  vor  uns  sahen,  der  uns  aufser  der  Meldung, 
dafs  der  Fürst  gegenwärtig  nicht  im  Lande,  sondern  am  Hofe  zu  Jedo  sei,  nichts 


104 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Erhebliches  mitzuteilen  wufste.  Unsere  Dolmetscher  suchten  sich  dessenungeachtet 
seiner  Protektion  zu  empfehlen  und  liefsen  ihn  unsere  verschiedenen  Liqueure  und 
Weine  kosten.  Er  fand  sie  überaus  köstlich  und  zollte  unserer  Lebensweise  einen 
an  Begeisterung  grenzenden  Beifall.  Er  verliefs  uns  mit  dem  Versprechen,  die  Frei- 
gebigkeit der  Holländer  — bei  seinem  Hofe  zu  melden,  und  unser  Gesandter  beschenkte 
ihn  dem  Herkommen  gemäfs  noch  mit  einer  langen  irdenen  Tabakspfeife  und  etwas 
Rauchtabak,  womit  er  äufserst  zufrieden  seinen  Rückweg  antrat. 

[22.  Febr.]  Meine  Schüler  und  Bedienten,  die  ich  beauftragt  hatte,  sich  in  der 
Stadt  nach  Naturalien  umzusehen,  brachten  Kraniche,  wilde  Enten,  eine  Eule,  Finken 
und  Meisen,  Fische,  efsbare  Muscheln  u.  dgh,  welche  sie  auf  den  Märkten  und  bei 
Fischern  und  Wildhändlern  aufgebracht  hatten.  Es  fand  sich  darunter  der  gemeine 
Kranich  (Grus  cinerea),  der  Riesenkranich  (Grus  leucogeranos,  Grus  gigantea,  Vieill.) 
und  eine  mir  damals  noch  unbekannte  Art,  von  den  Japanern  Kurotsuru,  schwarzer 
Kranich,  genannt.  Die  Kraniche  sind  in  Japan  sehr  verehrt  und  häufig  auf  Gemälden, 
Vasen  und  gottesdienstlichen  Geräten  als  Sinnbild  des  Glückes  abgebildet.  Die  Kranich- 
jagd ist  eigentlich  dem  Sjögun  und  fürstlichen  Personen  Vorbehalten,  und  wird  von 
diesen  in  besonderen  Gehegen  mit  Falken  oder  Bogen  ausgeübt.  Dafs  der  Sjögun 
jährlich  einen  höchst  eigenhändig  erlegten  Kranich  dem  Mikado  feierlich  zum  Ge- 
schenke schickt,  ist  ein  altes  Herkommen,  von  Geschichtsschreibern  wie  von  Dichtern 
verewigt.  Das  Jagdverbot  wird  übrigens  in  den  weit  vom  Hofe  abgelegenen  Land- 
schaften nicht  so  ganz  streng  befolgt.  Die  Kraniche  sind  ein  sehr  gesuchtes  Wild- 
bret, und  man  bereitet  davon  bei  grofsen  Gastmählern  eine  Suppe  und  speist  das  ge- 
sottene Fleisch  — ein  thranig  schmeckendes  Gericht,  welches  dem  europäischen 
Gaumen  nicht  behagt , wie  sehr  es  auch  von  den  Eingeborenen  für  eine  aus- 
gesuchte Leckerspeise  gehalten  wird.  Die  Kraniche  werden  daher  sehr  teuer,  das 
Stück  mit  12  bis  20  Gulden  bezahlt.  Man  kann  sich  daher  leicht  denken,  wie  ange- 
nehm ich  unsere  Herrn  Oberbanjösten  und  die  Dolmetscher  überraschte,  als  ich  ihnen 
meine  abgestreiften,  mageren  Vögel  zum  Geschenke  gab.  Unter  den  übrigen  Vögeln 
waren  die  seltene,  schöne  Fächerente  (Anas  galericulata),  die  uralische  Eule  (Strix 
uralensis)  und  der  gehaubte  Steifsfufs  (Podiceps  cristatus).  Aufser  der  efsbaren 
Venusmuschel  (Hamaguri)  brachte  man  hier  eine  Art  Messerscheide,  Made  kai  ge- 
nannt, zu  Markte. 

Gegen  Mittag  machten  wir  einen  Spaziergang  durch  die  Stadt  und  stellten  auf 
der  Brücke,  über  die  wir  tags  zuvor  gekommen  waren,  einige  Kompafsobservationen 
an,  um  die  Lage  der  Insel  Hikusima  und  einiger  kleinen  Eilande  und  Felsen, 
welche  sich  im  Westen  der  Kiusiu  von  Nippon  scheidenden  Strafse  ausbreiten,  fest- 
zustellen. Von  der  Brücke  aus  hatten  wir  eine  freie  Aussicht  auf  die  erwähnte  Strafse. 
Vor  uns  zur  Rechten  in  N.  und  NNO.  hatten  wir  die  Insel  Hikusima,  hinter  der 
das  Hochland  von  Nagato  auf  Nippon  hervorragte.  Zur  Linken  in  NNW.  erhob  sich 
die  Inselgruppe  Rokuren  und  in  NW.  die  Inselchen  Osima,  Mesima,  welche  auch 
Futdsima,  d.  i.  die  Zwillingsinseln  genannt  werden.  Der  Flufs,  über  den  die  Brücke 
führt,  fliefst  hier  bei  seiner  Mündung  von  S.  nach  N.  Die  Einwohner  von  Kokura 
nennen  ihn  Harimotogawa  und  Murasakigawa;  auf  den  japanischen  Karten  hat  er 
jedoch  die  Namen  Kamogawa  (Entenflufs)  und  Siwagawa,  welchen  letzteren  ich  bei- 
behalten, da  er  auf  den  neuesten,  von  den  Hofastronomen  zu  Jedo  verfertigten  Karten 
vorkommt.  An  seiner  Mündung  ist  dieser  Flufs  sehr  untief  und  hat  stellenweise  kaum 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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einen  Faden  Wasser;  daher  wurde  von  seinem  linken  Ufer  aus  vor  kurzem  ein  etliche 
hundert  Schritte  langer  Damm  in  die  See  hineingeführt,  um  die  Ausströmung  zu 
verlängern  und  dadurch  die  Versandung,  welche  sich  zu  einer  ausgebreiteten  Bank 
anhäufte,  wegzuräumen. 

Wir  wünschten  auf  unserem  Spaziergange  auch  das  Schlofs  des  Fürsten,  welches 
jenseits  des  Flusses  liegt,  zu  besichtigen  und  schlugen  den  Weg  dahin  ein.  Doch 
kaum  bekamen  wir  dessen  weifse  Mauern  und  hohe  Türme  in  Sicht,  als  einige 
Offiziere  uns  entgegen  eilten  und  unsere  Begleiter,  die  beiden  Tsjösi,  ersuchten  um- 
zukehren. Wir  durchzogen  noch  einige  Strafsen  dieses  Stadtteiles,  bis  unsere 
Aufseher  aus  Gemächlichkeit  oder  Besorgnis  bei  dem  sich  mehrenden  Zulauf  es  für 
gut  hielten,  uns  nach  der  Herberge  zurückzuführen. 

Kokura,  die  Hauptstadt  von  Buzen  und  Sitz  des  regierenden  Fürsten  dieser  Land- 
schaft, breitet  sich  zu  beiden  Seiten  des  kleinen  Flusses  Siwagawa  längs  einer  Bucht 
am  westlichen  Eingänge  der  Strafse  aus,  welche  Kiusiu  von  Nippon  scheidet,  und  die 
wir  unter  dem  Namen  Strafse  van  der  Capellen  bald  näher  kennen  lernen  werden. 
Der  auf  dem  linken  Flufsufer  gelegene  Teil  bildet  mit  dem  Schlosse  die  eigentliche 
alte  Stadt,  welche  durch  einen  Graben,  Wall  und  Mauern  von  der  Vorstadt  Hara- 
mats  geschieden  ist  und  ein  längliches  Viereck  bildet.  Das  Schlofs,  dessen  Türme  im 
Süden  der  alten  Stadt  aus  einem  Walde  hoher  Bäume  hervorragen,  ist  auf  ebenem 
Boden  erbaut,  und  liegt  nach  der  Angabe  der  mehrerwähnten  japanischen  Astronomen 
unter  330  53'  30"  n.  B.  und  130°  50'  ö.  L.  v.  Gr.  Es  soll  gut  befestigt  sein,  wie 
es  sich  von  einem  so  wichtigen  militärischen  Punkte  wie  Kokura  nicht  anders  er- 
warten läfst.  Auch  die  Stadt  ist  an  der  Seeseite  durch  hohe  cyklopische  Mauern  und 
Dämme,  auf  denen  die  Häuser  stehen,  geschützt,  und  selbst  der  in  die  See  auslau- 
fende Damm  mag  an  manchen  Stellen  in  der  Absicht,  den  Hafen  und  den  westlichen 
Eingang  in  die  Strafse  zu  verteidigen,  angelegt  worden  sein.  Die  alte  Stadt  wird 
durch  die  bereits  erwähnte,  etwa  hundert  Schritte  lange  Brücke  mit  dem  am  rechten 
Ufer  gelegenen,  bei  weitem  gröfseren  Stadtteile  verbunden,  welcher,  mit  Einschlufs 
der  Vorstadt  Nagahama,  über  1 Ri  weit  längs  dem  Strande  hinzieht  und  über  72  Ri 
breit  ist.  Zu  Kämpfers  Zeit  war  der  Wohlstand  Kokuras  in  Verfall.  Jetzt  befindet 
sich  die  Stadt  wieder  in  blühendem  Zustande;  inländischer  Handel,  Gewerbe  und 
Landbau  verschaffen  den  Einwohnern  — ihre  Zahl  wird  auf  16000  angegeben  — ein 
gutes  Fortkommen.  In  den  Vorstädten  jedoch,  wo  die  Soldatenfamilien,  Bedienten 
und  Trabanten  des  Fürsten  wohnen,  scheint  dies  nicht  der  Fall  zu  sein;  die  vielen 
Kranken,  die  von  daher  meine  Hülfe  in  Anspruch  nahmen,  verrieten  durch  die  Art 
ihrer  Leiden  — meistens  chronische  Haut-  und  Augenkrankheiten  — eingewurzelte 
Syphilis  und  von  alten  Unterleibs-  und  Brustleiden  herrührende  Kachexien,  dafs  die 
netten  Wohnungen,  die  wir  bei  unserem  Einzug  bewundert  hatten,  nur  Armut  und 
Elend  bergen. 

Der  regierende  Fürst,  aus  dem  Hause  Ogasawara,  hat  ein  jährliches  Einkommen 
von  150000  Kok  Reis,  ungefähr  1,800000  Gulden. 


Überfahrt  von  Kokura  nach  Simonoseki  und  Aufenthalt  daselbst. 

Übersicht.  Abreise  von  Kokura.  — Blick  auf  das  Städtchen  Dairi.  — Fahrt  durch  die 
Strafse  van  der  Capellen.  — Hydrographische  Untersuchungen.  — Das  Felsendenkmal  Josibese.  — 
Ankunft  und  Empfang  zu  Simonoseki.  — Doktor  Kosai.  — Begrüfsungsgeschenke  in  Naturalien;  Heike- 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Krabben,  Krebsaugen , Keulenschwämme.  Meridian  und  Polhöhe  von  Simonoseki.  — Tempel  des 
Amida.  Aussicht.  — Die  historischen  Denkmäler  des  Hauses  Heike.  — Überfahrt  nach  Kap  Hajatomo. 
— Peilungen.  — Holländische  Soiree  bei  Bürgermeister  van  den  Berg;  sein  Kuriositäten-Kabinet. 
Ärztliche  Konsultationen.  — Der  Kuinin  und  seine  Wifsbegierde.  — Ausflug  nach  Danoura.  — Der 
Japaner  und  die  freie  Natur.  — Dissertationen  und  Diplome.  — Ausflug  nach  Takesaki  und  Imaura, 
hydrographische  Bestimmungen.  — Mitteilungen  über  den  Walfischfang.  — Die  Hofreisebarke.  — 
Der  Leibarzt  von  Futsiu.  — Anempfehlung  neuer  Medikamente  und  des  Kaffees.  — Der  Abschied 
von  Simonoseki.  — Ritter  J.  C.  Blomhoff  und  der  Fürst  von  Nakatsu.  Blick  auf  Simonoseki.  — 
Beschreibung  der  Stadt. 


Die  Versandungen  an  der  Mündung  des  Siwagawa  gestatten  blofs  kleinen  Fahr- 
zeugen, und  auch  diesen  nur  bei  hohem  Wasser,  bei  Kokura  ein-  und  auszulaufen. 
Fleute,  den  22.  Februar,  trat  nach  12  Uhr  die  Flut  ein.  Wir  verliefsen  daher  gegen 
Mittag  unsere  Herberge  und  zogen  mit  unserm  Gefolge  und  von  einigen  Offizieren 
des  regierenden  Fürsten  und  unserem  Wirte  begleitet,  nach  dem  Hafen,  wo  einige 
kleine  Fahrzeuge  für  uns  bereit  lagen. 


Bei  günstiger  Witterung  setzt  man  in  gerader  Richtung  von  Kokura  nach 
Simonoseki  über,  eine  Entfernung  von  3 Ri,  welche  man  in  einigen  Stunden  zurück- 
legt. Bei  stürmischem  Wetter  zieht  man  die  kürzere  und  leichtere  Überfahrt  vom 
Städchen  Dairi  aus,  das  2 Ri  östlich  von  Kokura  dicht  am  Strande  liegt,  vor.  Es 
führt  eine  Tannenallee  dahin  durch  die  Fischerdörfer  Akasagamura  und  Sinmatsi  — 
ein  sehr  angenehmer  Spaziergang.  Auch  Cock  Blomhoff  machte  ihn  1818,  stieg 
bei  Dairi  in  einem  Lusthause  des  Fürsten  von  Kokura  ab  und  unterhielt  sich  dort 
mit  seinen  Reisegefährten  bei  einer  Schale  Sake. 

Das  Städtchen  Dairi  hat  seinen  Namen,  der  eigentlich  den  Mikado -Palast  be- 
zeichnet, einem  historischen  Ereignis  zu  verdanken,  das  sich  im  Jahre  1185  zugetragen 
und  die  Gegend  von  Kokura  und  Simonoseki  berühmt  gemacht  hat.  Deshalb  be- 
suchten auch  gewöhnlich  die  niederländischen  Gesandten  Dairi  und  benutzten  die 
Gelegenheit,  ihre  japanische  Begleitung  an  einem  so  hoch  gefeierten  Orte  zu  bewirten. 

Der  Japaner  ist  Enthusiast  für  sein  Vaterland  und  stolz  auf  die  Grofsthaten  seiner 
Ahnen;  der  gebildete  wie  der  gemeine  Mann  hat  eine  unbegrenzte  Anhänglichkeit  an 
die  alte  Dynastie  der  Mikados  und  hält  viel  auf  den  alten  Kultus,  die  alten  Sitten  und 
Gebräuche.  Der  Fremde  empfiehlt  sich  daher  ungemein,  wenn  er  der  Volkstümlichkeit 
der  Japaner  schmeichelt,  ihre  Religion,  ihre  Sitten  und  Gebräuche  in  Ehren  hält  und  den 
Sagen  der  Vorzeit,  den  Lobpreisungen  ihrer  vergötterten  Helden  geneigtes  Gehör  widmet. 

Diese  schwache  Seite  des  Japaners  kannten  die  alten  Niederländer  sehr  gut  und 
wufsten  sie  auszunützen.  Auch  wurden  die  Handelsbegünstigungen,  welche  in  neuerer 
Zeit  H.  Doeft  und  J.  C.  Blomhoff  erwirkten,  auf  diesem  einfachen  Wege  erlangt.  — Unser 
Gesandter,  Colonel  de  Sturler,  handelte  nach  andern  Maximen;  Diesmal  hatten  unsere 
japanischen  Reisegefährten  eine  trockene  Überfahrt. 

Bereits  vor  unserer  Abreise  von  Dezima  hatte  ich  nach  japanischen  Karten  und 
Wegweisern  eine  Skizze  des  Kanals,  welcher  Kiusiu  von  Nippon  scheidet,  entworfen, 
in  der  Absicht,  diese  bis  jetzt  so  wenig  bekannte,  für  die  Geographie  und  Seefahrt 
gleich  wichtige  Strafse  bei  unserer  Durchfahrt  zu  untersuchen.  Dies  war  nun  meine 
heutige  Aufgabe.  Der  Gefälligkeit  unserer  japanischen  Begleitung,  der  Mithülfe  meiner 
Freunde  zu  Simonoseki  und  namentlich  meinem  unvergefslichen  Gönner,  dem  Hof- 
astronomen Takahasi  Sakusajemon,  habe  ich  es  zu  verdanken,  dafs  ich  einige  hydro- 
graphische Beobachtungen  und  einen  ausführlichen  Plan  dieser  StrafsQ  mitteilen  kann. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Ansicht  der  Strafse  van  der  Capellen. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Es  sind  dies  die  ersten  Nachrichten,  welche  wir  von  dieser  seit  mehr  als  zwei  Jahr- 
hunderten von  Europäern  besuchten  Stelle  der  japanischen  Inseln  erhalten.  Die  An- 
sicht der  Strafse  ist  auf  Tab.  io  mitgeteilt. 

Herr  Bürger  und  ich  hatten  uns  zu  den  Dolmetschern  und  Offizieren  gesellt, 
welche  auf  dem  Vorderteil  des  Schiffes  Platz  genommen  hatten.  Erstere  wufsten  nur 
zu  gut,  was  wir  mit  unseren  Beobachtungen  mittels  des  Kompasses  und  Senkbleies 
beabsichtigten,  stellten  sich  aber  gegen  den  Kuinin,  der  sich  von  Amts  wegen  nach 
unserer  Beschäftigung  erkundigte,  recht  unwissend  und  legten  solche  als  eine  unschäd- 
liche Neugierde  unsererseits  aus.  Auch  der  Kuinin  begriff,  was  wir  verrichteten, 
begnügte  sich  jedoch  mit  diesem  Bescheide,  wodurch  er  einer  weiteren  Untersuchung 
überhoben  wurde. 

Auskundschaftung  des  Landes,  Nachforschung  über  Staats-  und  Kirchenverfassung, 
Kriegswesen  und  andere  politische  Verhältnisse  und  Einrichtungen  sind  Fremdlingen 
aufs  strengste  untersagt,  und  die  schärfsten  Gesetze  verbieten  den  Unterthanen,  ihnen 
darüber  Mitteilungen  zu  machen  oder  gar  auf  irgend  eine  Weise  bei  ihren  Nach- 
forschungen behülf  lieh  zu  sein.  Unsere  japanischen  Begleiter  auf  der  Reise  nach  dem 
Hofe  werden  zur  genauen  Beobachtung  solcher  Verordnungen  eidlich  verpflichtet,  und 
strenge  genommen  dürfen  und  können  sie  uns  keinen  Schritt  über  die  Schranken  des 
buchstäblichen  Gesetzes  erlauben,  ohne  ihre  eigene  Existenz  aufs  Spiel  zu  setzen. 
Diese  Leute  jedoch,  welche  durch  die  Berührung  mit  gebildeten  Europäern  den  Kreis 
ihrer  politischen  Ansichten  erweitert  haben  und  nur  zu  gut  die  Engherzigkeit  solcher 
Vorkehrungen  von  seiten  ihrer  Regierung  einsehen  lernten,  halten  sich  in  den  meisten 
Fällen  blofs  an  die  Form  des  Gesetzes  und  sehen  uns,  wo  es  nur  immer  möglich  ist, 
durch  die  Finger.  Ohne  eine  solche  Nachsicht  wäre  dem  Fremden  auf  Japan  jede 
wissenschaftliche  Forschung  rein  unmöglich,  denn  streng  genommen  ist  ihm  jede 
Berührung  mit  Land  und  Volk  untersagt.  Unser  Kuinin  hatte  indessen  seine  Pflicht  gethan, 
und  die  Erklärung  seiner  Kollegen  konnte  ihm  genügen  und  zur  Beruhigung  dienen. 

Mittlerweile  waren  wir  über  die  Bank  gerudert,  welche  sich  vor  der  Mündung 
des  Siwagawa  in  einem  Halbkreise  ausbreitet.  Das  Senklot  zeigte  stellenweise  nur 
i Faden  Wasser;  weiter  in  den  Kanal  hinein  segelnd,  fanden  wir  3,  5,  7 und  8 Faden. 
Jetzt  wTaren  wir  ungefähr  in  der  Mitte  der  Durchfahrt  zwischen  Kokura  und  der 
Insel  Hikusima  und  bekamen  die  SO. -Spitze  von  Simonoseki  zu  Gesicht,  wrelche  wir 
mit  der  SO. -Spitze  (Kap  Kibune)  von  Hikusima  N.  220  O.  peilten;  im  Westen 
hatten  wir  die  Nordspitze  der  unterhalb  Kokura  gelegenen  Insel  Kukinosima.  Längs 
dem  Kap  Kibune  bemerkten  wir  Klippen,  und  vor  uns  lag  in  einer  Entfernung  von 
einer  halben  Seemeile  der  Felsen  Josibese  mit  einer  Gedächtnissäule,  wrelche  den 
Namen  Josibe  verewigt.  So  hiefs  ein  Schiffer,  welcher  den  berühmten  Taiko  Hidejosi1 
auf  der  Überfahrt  hier  in  Lebensgefahr  brachte  und  der  verdienten  Strafe  dadurch 
entging,  dafs  er  sich  durch  Leibaufschlitzen  das  Leben  nahm.  Diese  freiwillige 
Todesart,  kühn  und  unmittelbar  nach  vollbrachter  Missethat  ausgeführt,  sühnt  im  Auge 
der  Japaner  die  schwersten  Verbrechen  und  bringt  dem  Thäter  Ruhm  statt  Schande. 

1 Taiko  Hidejosi.  Eigentlicher  Name  Hidejosi  (Taiko  ist  eine  Rangbezeichnung) ; er  gehört  zu 
den  militärischen  Regenten  Japans,  welche  die  Stellung  des  legitimen  Kaisers  (Mikado)  zu  einem 
Schatten  herabdrückten  (1594—1634).  Von  niedriger  Herkunft  gelang  es  ihm  bis  zur  Würde  eines 
Kwanbaku  oder  Reichskanzlers  emporzusteigen;  er  veranlafste  den  bekannten  Feldzug  gegen  Korea  und 
dessen  Schutzmacht  China.  Note  z.  2.  Aufl. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826.  109 

Ein  Windstofs  brachte  uns  dem  Felsen  näher.  Eine  Menge  Seevögel,  meist 
Möven  und  Seeraben,  umschwärmten  das  Felsendenkmal,  das  eben  von  einer  dunkeln 
Wolke  beschattet,  aus  der  schäumenden  Brandung  hervorragte.  Ein  schauerlicher 
Anblick,  besonders  wenn  man  daran  die  Sage  knüpft,  dafs  sich  hier  zeitweise  der 
Geist  des  hochherzigen  Seemanns  zeige. 

Das  Denkmal  an  sich  ist  äufserst  einfach.  Man  sieht  eine  auf  der  Mitte  des 
schroflen  Felsen  ruhende,  etwa  2,50  Meter  hohe,  viereckige  Säule,  mit  einem  vier- 
seitigen, pyramidenförmigen  Aufsatz,  ohne  Inschrift  (Abbildung  Fig.  9).  Ruder- 
schiffe, überhaupt  kleine  Fahrzeuge  lassen  den  Josibese  rechts  liegen  und  halten  auf 


Fig.  9.  Das  Denkmal  Josibese. 

das  niedrige,  dicht  mit  Gebüsch  bewachsene  Inselchen  Funasima  (auch  Ganriusima 
genannt)  an.  Auf  dieser  Durchfahrt  hat  man  nicht  über  3 Faden  Wasser,  und  bei 
Funasima  steht  kaum  1 Faden.  Zwischen  Josibese  und  dem  Strande  bei  Dairi  ist  der 
Kanal  tiefer,  6 bis  8 Faden.  Gröfsere  Fahrzeuge  ziehen  diesen  Weg  vor  und  lassen 
sich  mit  dem  Strome,  der  bei  der  Ebbe  NNO.  und  bei  der  Flut  in  entgegengesetzter 
Richtung  geht,  durchtreiben.  Unterhalb  des  Josibese,  zwischen  dem  Städtchen  Dairi 
und  dem  Kap  Kibune,  ist  der  Kanal  am  engsten  und  nicht  über  eine  Seemeile 
breit.  Wir  wollen  ihn  den  Südkanal  nennen,  denn  die  Strafse  hat,  wie  wir  später 
erfahren  werden,  noch  einen  zweiten  Ausgang,  der  von  der  Nordspitze  von  Hikusima 
und  dem  Kap  Wotohana  unterhalb  Simonoseki  gebildet  wird.  Dieser,  der  Nord- 
kanal, führt  auf  den  japanischen  Karten  den  Namen  Kosedo,  d.  i.  kleiner  Kanal; 


er 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


ist  kaum  eine  Strafse  (etwa  1 14  Meter)  breit  und  blofs  für  kleine  Schiffe  paffierbar. 
Auch  geht  da  ein  reifsender  Strom,  und  die  Durchfahrt  ist  um  so  gefährlicher,  da 
Hsidie  Küste  von  kuima  voller  Klippen  ist. 

Sobald  man  an  dem  Inselchen  Funasima  vorbeigerudert  ist,  erweitert  sich  der  Ge- 
sichtskreis, und  die  Küste  von  Buzen  vereinigt  sich  gleichsam  mit  der  von  Nagato  und 
Hikusima  zu  einem  herrlichen  Panorama.  Im  Norden  breitet  sich  die  freundliche  Hafen- 
stadt Simonoseki  mit  ihren  tempelreichen  Hügeln  aus,  und  in  NO.,  wo  das  Vor- 
gebirge Hajatomo  den  Eingang  der  Strafse  zeigt,  schimmern  die  rotbemalten  Dächer 
der  Kamihalle  Mekarino  jasiro.  Den  östlichen  Strand,  der  sich  stufenweise  bis  zu 
dem  Dairijama  erhebt,  schmücken  niedliche  Dörfer  und  einzelne  Fischerwohnungen, 
und  im  Westen  unterbricht  die  felsige,  zerrissene  Küste  von  Hikusima,  im  Hinter- 
gründe von  blauen  Gebirgen  der  Landschaft  Nagato  begrenzt,  den  Gesichtskreis. 
Ringsum  tragen  terrassenförmig  angebaute  Flächen  der  Hügel  und  Bergabhänge  das 
Gepräge  alter  Kultur,  und  weifs  und  blau  gestreifte  Segel  und  zahlreiche  Fischerkähne 
beleben  den  Spiegel  des  weiten  Seebeckens.  Das  «Kasin  josi»,  der  muntere  Refrain 
einer  japanischen  Barkarole,  ertönt  nahe  und  fern,  und  auch  unsere  Seeleute  stimmen 
mit  ein.  Jetzt  erschallt  das  dumpfe  Geläute  des  sich  im  NO.  z.  N.  zeigenden  Amida- 
Tempels  — es  schlägt  die  vierte  japanische  Stunde,  2 Uhr  nachmittags.  Noch  einige 
Ruderschläge,  und  es  öffnet  sich  der  Eingang  der  Strafse,  den  zwei  kleine  Eilande, 
Mansju  und  Kansju,  gleichsam  als  Piloten  anzeigen.  — Mehr  als  zwei  Jahrhunderte 
blieb  diese  Strafse  unbeachtet  von  den  Niederländern,  welche  sie  auf  jeder  Reise  nach 
Jedo  befahren  haben.  Doch  von  nun  an  soll  sie  ihnen  ein  Denkmal  werden,  und 
Jahrhunderte  möge  an  diesem  schroffen  Felsen  der  Ruf  widerhallen:  «Hier  die  Strafse 
van  der  Capellen!»1 

Aller  Aufmerksamkeit  war  nun  auf  die  vor  uns  liegende  Hafenstadt  Simonoseki, 
Fig.  10,  gerichtet.  Gruppen  von  Masten  zeigten  den  Ankerplatz  der  japanischen 
Fahrzeuge,  während  der  Gesandtschaft  die  bei  einer  hohen  Treppe  auf  dem  Kai  auf- 
gepflanzte niederländische  Flagge  den  Ort  verkündete,  wo  der  Bürgermeister  mit 
anderen  Freunden  der  Niederländer  sie  erwartete,  um  sie  gastfreundlich  in  seine  Be- 
hausung einzuladen. 

Während  ihres  Aufenthaltes  zu  Simonoseki  wird  die  Gesandtschaft  in  der  Woh- 
nung eines  der  beiden  Bürgermeister  beherbergt,  die  sich  wechselweise  in  diese  Ehre 
teilen.  Diesmal  wohnten  wir  bei  Sahosama,  dessen  geräumiges  Hotel  sich  in  der 
Strafse  Nabe  matsi,  dicht  an  dem  Kai,  wo  wir  ausgestiegen,  befindet.  Wir  wurden 
von  dem  Hausherrn  und  seiner  Familie  sehr  freundschaftlich  aufgenommen  und  anständig 
logiert.  Bald  nach  unserer  Ankunft  liels  sich  bei  dem  Gesandten  der  andere  Bürger- 
meister  anmelden  — ein  enthusiastischer  Anhänger  der  Niederländer,  der  sich  als 
solchen  gleich  durch  seine  Visitenkarte  ankündigte;  denn  sie  führte  die  Aufschrift: 
van  den  Berg. 

[23.  Febr.]  Bereits  in  der  Frühe  besuchten  mich  einige  meiner  Schüler,  darunter 
der  Arzt  Kosai.  Dieser  junge  Mann,  welcher  sich  seit  einiger  Zeit  auf  die  holländische 
Sprache  und  das  Studium  der  Medizin  nach  der  europäischen  Schule  verlegte,  hatte, 
um  sich  unter  der  Leitung  einiger  meiner  tüchtigsten  Schüler,  namentlich  des  Arztes 


1 Also  genannt  zu  Ehren  des  General-Gouverneurs  von  Niederl.  Indien  Baron  van  der  Capellen, 
unter  dessen  Verwaltung'  Ph.  Fr.  von  Siebold  zur  Erforschung  von  Japan  entsandt  wurde.  Note  z.  2.  Aufl. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Ansicht  von  Simonoseki  von  Takesaki  aus. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Minato  Tsjöan  aus  Jedo  und  Mima  Zunzö  aus  der  Landschaft  Awa  und  des  gelehrten 
Dolmetschers  Josiwo  Gonoske  auszubilden,  im  vorigen  Jahre  sich  zu  Nagasaki  auf- 
gehalten und  dadurch  nicht  unbedeutende  medizinische  Kenntnisse  gesammelt. 
Seit  kurzem  in  seine  Vaterstadt  zurückgekehrt,  fand  er  liier  an  den  Freunden  der 
Niederländer,  den  Herren  van  den  Berg  und  van  Dalen  (so  taufte  heute  Colonel  de 
Sturler  unseren  Hospes  Sahosama)  eine  tüchtige  Stütze  und  hatte  gegenwärtig  die 
ausgebreitetste  Praxis  in  der  Stadt.  Kösai  und  meine  übrigen  Schüler  brachten  mir  nach 
Landessitte  Begrüfsungsgeschenke,  welche  in  einigen  ihnen  merkwürdig  erscheinenden 
Naturalien  und  sonstigen  Erzeugnissen  ihres  Landes  bestanden.  Darunter  befanden  sich 
eine  seltene  wilde  Ente  (Anas  tadorna),  Seekrabben  (Dorippe  callida,  sima  und  quadri- 
dens),  Seepferdchen  und  Seenadeln  und  eine  neue  Art  Flufskrebse  (Astacus  Japonicus), 
nebst  vielen  getrockneten  Pflanzen,  Keulenschwämmen  und  Mineralien.  Alle  diese 
Naturerzeugnisse  waren  in  den  Augen  meiner  japanischen  Freunde  grofse  Seltenheiten. 
Die  Dorippearten  hält  das  Volk  für  Metamorphosen  jener  Helden  des  Stammes  Heike, 
wrelche  während  eines  Seetreffens  bei  Danoura  im  Jahre  1185  hier  in  den  Wellen  ihr 
Grab  gefunden;  sie  heifsen  daher  auch  Heike  gani,  oder  Heike-Krabben.  Es  gehört 
wirklich  nicht  viel  Phantasie  dazu,  in  den  symmetrischen  Erhabenheiten  und  Eindrücken 
des  Rückenschildes  dieser  Tiere  menschliche  Gesichtszüge  zu  erkennen.  (Vergl.  Fauna 
Japonica,  Crustacea,  Tab.  XXXI,  Fig.  1,  2,  3.)  Krebsaugen  sind  ein  bedeutender 
Artikel  der  Einfuhr  in  Japan,  und  sie  stehen  oft  hoch  im  Preise.  Zu  meiner  Zeit 
schwankte  der  Preis  für  das  japanische  Pfund  (Kin)  zwischen  12  bis  27  Gulden.  Die 
Entdeckung  eines  Flufskrebses,  der  dieses  kostbare  Mittel  liefert,  war  also  eine  Sache 
von  grofser  Wichtigkeit  für  meine  Schüler.  Diese  Crustacee  kommt  übrigens  dort  zu 
selten  vor,  um  das  entdeckte  Surrogat  in  hinreichender  Menge  zu  liefern;  häufiger 
soll  es  sich  in  den  Flüssen  von  Jezo,  also  im  Norden  des  japanischen  Reiches  finden. 
Auch  in  den  Keulenschwämmen  glaubten  meine  Freunde  ein  Wunder  der  Natur  zu 
sehen;  sie  wachsen  nämlich  auf  toten,  in  Fäulnis  übergegangenen  Larven  von  Insekten, 
besonders  von  Cicaden  und  Raupen  und  fassen  so  fest  darauf  Wurzel,  dafs  die  aus- 
getrocknete Larve  gleichsam  mit  dem  Schwamme  verwachsen  zu  sein  scheint.  Sie 
sind  unter  dem  Namen  Kaso  totsiu,  d.  i.  im  Sommer  Pflanze,  im  Winter  Insekt, 
bekannt,  und  man  hält  sie  für  ein  Mittelding  zwischen  Pflanze  und  Insekt. 

Mein  Gegengeschenk  bestand  heute  in  einer  guten  Dosis  Geduld,  womit  ich  die 
Krankengeschichten  anhörte,  welche  einige  meiner  Schüler  niedergeschrieben  hatten 
und  nun  in  Beisein  der  Patienten  ablasen. 

Gegen  Abend  kam  mein  japanischer  Maler  Tojoske  von  Takesaki  zurück,  wohin 
ich  ihn  gesendet  hatte,  um  eine  Ansicht  vom  westlichen  Teile  der  Stadt  Simonoseki 
aufzunehmen.  Das  sehr  gut  gelungene  Bild  ist  auf  Fig.  10  mitgeteilt.  Ich  selbst 
benutzte  einen  günstigen  Augenblick  und  machte  vom  Thore  unseres  Gasthauses,  . 
welches  nach  dem  Hafen  geht,  einige  Kompafsobservationen  und  fand  das  oben  er- 
wähnte Städtchen  Dairi  S.  90  W.  und  die  Ostspitze  von  Funasima  S.  21  °W.  Diese 
beiden  Kompafsstriche  führe  ich  absichtlich  an,  w^eil  sie  bei  der  Überfahrt  zur  Be- 
stimmung des  Kurses  dienen  können. 

[24.  Februar.]  Günstiges  Wetter  zu  Observationen.  Wir  nehmen  morgens 
Längeobservationen  mittels  des  Chronometers  und  mittags  die  Sonnenhöhe.  Eine 
Reihe  von  29  Observationen,  welche  wir  heute  und  die  fünf  folgenden  Tage  machten, 
liefs  uns  den  Meridian  der  Stadt  Simonoseki  auf  130°  52'  15"  ö.  L.  und  deren  Pol- 


Reise’n.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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höhe  zu  330  56'  30''  n.  B.  bestimmen.  Nach  den  Beobachtungen  der  Japaner  liegt 
Kokura  unter  33 0 53'  30"  nördlicher  Breite  und  130°  50'  östlich  von  Greenw.  Die 
Entfernung  der  beiden  Orte  beträgt  demnach  5'  15",  was  mit  der  gewöhnlichen 

japanischen  Angabe  auf  3 Ri  übereinstimmt;  es  gehen  nämlich  2 8 1 / 5 Ri  auf  einen 

Grad  zu  15  deutschen  Meilen. 

Für  den  Nachmittag  wurde  ein  Spaziergang  in  Gesellschaft  unsers  Gastherrn  nach 
dem  berühmten  Tempel  des  Amida  besprochen,  und  wir  erhielten  von  unserem  Kuinin 
die  Erlaubnis,  von  dort  nach  dem  Kap  Hajatomo,  dem  nördlichsten  Punkte  von  Kiusiu, 
überzusetzen,  jedoch  unter  der  ausdrücklichen  Bedingung,  dafs  nichts  davon  in  dem 
Tagebuche  des  Gesandten  erwähnt  werde;  denn  es  sei  gegen  seine  (des  Kuinin) 
Instruktion,  wenn  er  die  ihm  anvertrauten  Niederländer  ohne  Anfrage  und  besondere 

Erlaubnis  auf  das  vom  Wege  abgelegene  fremde  Gebiet  eines  Fürsten  bringe.  Diese 

Gefälligkeit  hat  später  unserem  Kuinin  grofse  Unannehmlichkeiten  verursacht.  Unser 
Besuch  zu  Hajatomo  erregte  Aufsehen  und  wurde  vom  Fürsten  von  Buzen  so  übel  auf- 
genommen, dafs,  wie  wir  fpäter  erfuhren,  unser  braver  Gastherr,  weil  er  als  Magistratsherr 
(Tosijori)  und  wichtigste  Amtsperson  zu  Simonoseki  uns  dahin  begleitet  hatte,  mit  einem 
Jahre  Hausarrest  bestraft  worden  ist. 

Unser  Gesandter  war  mit  seinem  Gefolge  und  Herrn  Bürger  nach  dem  Tempel- 
hof vorausgegangen,  während  ich  absichtlich  mit  dem  Maler  Tojoske  und  einigen 
Schülern  und  Vertrauten  zurückblieb,  um  Beobachtungen  zur  Bestimmung  der  wich- 
tigsten Punkte  des  Planes  der  Strafse  van  der  Capellen  anzustellen.  Dazu  bot  sich 
auf  der  grofsen  Steintreppe,  w7elche  zum  Tempelhofe  führt,  und  von  wro  man  eine 
freie  Aussicht  auf  die  Strafse  und  die  Bai  hat,  die  schönste  Gelegenheit. 

Der  Amidä-Tempel  nebst  einigen  anderen  Kapellen  und  dem  Kloster  liegt  auf 
einer  Anhöhe  am  östlichen  Ende  der  Stadt,  und  man  gelangt  dahin  durch  eine 
meistens  von  Fischern  und  Landleuten  bewohnte  Strafse,  welche  Amida-matsi  heifst. 
Zwei  breite  steinerne  Treppen  und  eine  schmale  Stiege  führen  zum  geräumigen 
Tempelhof,  worin  der  dem  Amida  geweihte  Haupttempel,  einfach  von  Holz  erbaut 
und  mit  einem  Strohdache  gedeckt,  die  Kapelle  des  Mikado  Antok  und  einige  andere 
Mijas  [Sinto-Tempel],  das  Kloster,  ein  Glockenhaus,  Laternen  und  Denkmäler  stehen, 
überschattet  von  alten,  hohen  Tannen  und  Fichten,  Lorbeerbäumen,  süfsen  Kastanien 
und  immergrünen  Eichen.  Ein  anmutiges  Wäldchen  schliefst  sich  dem  Tempelhain 
an  und  zieht  sich  die  im  Hintergründe  desselben  gelegene  Anhöhe  hinan. 

Vom  Tempelhofe  aus  geniefst  man  eine  herrliche  Aussicht  auf  die  von  Fahr- 
zeugen belebte  Bai  und  die  Gestade  des  Fürstentums  Buzen,  das  mit  dem  Bezirke 
Kiku  die  Nordspitze  der  Insel  Kiusiu  ausmacht.  Die  mit  Klippen  und  Felsen  besäte 
Küste  zieht  von  Dairi  an  in  NO. -Richtung  hin.  Beim  Dorfe  Monsi  oder  Monsu 
liegt  die  tiefe  Bucht  gleichen  Namens.  Die  Landzunge  läuft  in  das  Vorgebirg  Haja- 
tomo aus,  welches  mit  dem  gegenüber  liegenden  Kap  Majeta  den  Eingang  in  die 
Strafse  van  der  Capellen  bildet.  Es  war  gerade  Flut,  und  die  Ostsee  stürzte  mit 
reifsendem  Strome  herein,  sich  in  SSW. -Richtung  in  den  ruhigen  Spiegel  der  Bai 
verlierend.  Kap  Hajatomo  peilten  wir  N.  83°  O.  und  Dairi  S.  150  W.  Die  Gegend 
zwischen  Dairi  und  Monsi,  nicht  mit  Unrecht  Kusawara,  die  Kräuterau  genannt,  ist 
in  der  That  eine  reizende  Landschaft.  Uns  gegenüber  breitet  sich  das  Dorf  Monsi 
im  Hintergründe  der  Bucht  aus,  und  am  Fufse  des  Vorgebirges  erhebt  sich  auf  cy- 
klopischen  Felsenmauern  die  Kamihalle  Mekarino  jasiro,  von  alten  Cedern  und  immer- 

v.  Sieb  old,  Nippon  I.  2.  Aufl.  8 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


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grünen  Eichen  beschattet.  Auf  unserer  Seite  hatten  wir  zur  Linken  die  Fischerdörfer 
Danoura  und  Majetamura,  welche  sich  längs  dem  Strande  hinziehen,  und  zur  Rechten 
die  Stadt  mit  ihren  vielen  mit  Tempeln  und  Tempelhainen  geschmückten  Hügeln. 
Einer  dieser  Hügel,  der  Kamejama,  bildet  einen  bedeutenden  Vorsprung  gerade  an 
der  Mündung  des  Mimosusogawa  und  gewährt  kleinen  Fahrzeugen  einen  sicheren 
Ankerplatz.  Auf  diesem  Hügel  steht  der  Kamihof  des  Hatsiman  Daimjözin,  und  am 
Fufse  desselben,  dicht  an  der  See,  ein  Wachthaus  (Bansjo),  wo  Reisende  und  Schiffer, 
wenn  sie  kommen  und  gehen,  ihre  Pässe  vorzeigen  müssen.  Es  beherrscht  dieser 
Punkt  die  ganze  Stadt,  das  Flüfschen  und  die  Bai. 

Wir  suchten  nun  unseren  Gesandten  auf  und  kamen  noch  zur  rechten  Zeit,  um 
die  Heiligtümer  und  denkwürdigen  Schätze  des  Tempels,  welche  in  einem  eigenen 
Gebäude  auf  bewahrt  werden,  mit  ihm  zu  besichtigen.  Nachdem  wir  den  Haupttempel, 
worin  man  Amida  verehrt,  und  die  Kapelle  Tsinzjuno  mija,  worin  Pilger  ihr  Gebet 
zum  Hatsiman  Mjözin  verrichten,  besucht  hatten,  führte  man  uns  in  die  Kapelle,  die 
dem  Mikado  Antoku  heilig  ist.  Ein  junger  sehr  gesprächiger  Priester  enthüllte  hier 
die  Bildsäule  des  siebenjährigen  Antoku,  welche,  mit  zwei  anderen  Statuen  in  Hof- 
tracht zur  Seite,  hinter  dem  Vorhang  auf  einem  Altäre  stand.  Er  zündete  Lampen 
und  Räucherwerk  an  und  las  uns  nun  das  tragische  Ende  des  Hauses  Heike  vor.  In 
dem  Successionskriege  der  Häuser  Heike  und  Gensi  wurden  nämlich  die  Anhänger 
Heikes,  welche  die  Sache  des  Antoku  verteidigten,  zu  Itsinotani  in  der  Landschaft 
Setsu  von  Minamoto  Jositsune  geschlagen  und  von  Jasima,  wo  sie  sich  befestigt  hatten, 
vertrieben,  zogen  sie  sich  mit  dem  jungen  Mikado  bis  in  die  Gegend  von  Kokura, 
wo  jetzt  das  Städtchen  Dairi  liegt,  zurück.  Hier  und  zu  Akamagaseki,  so  hiefs  ehe- 
mals Simonoseki,  legten  sie  Befestigungen  an,  aber  vom  siegreichen  Jositsune  verfolgt, 
sahen  sie  sich  endlich  genötigt,  bei  dem  Dorfe  Danoura  dem  Feinde  die  Spitze  zu 
bieten.  Die  Schlacht  ging  für  sie  verloren,  und  dem  Fahrzeuge,  worauf  sich  Antoku 
mit  seiner  Pflegmutter  Nijeno  ama  befand,  ward  die  Flucht  abgeschnitten,  und  die 
Rettung  des  jungen  Mikado  war  unmöglich.  In  diesem  verzweiflungsvollen  Augen- 
blicke sprang  die  heldhafte  Nijeno  ama,  mit  dem  Prinzen  in  ihren  Armen,  in  die  See 
unter  dem  Ausruf:  «Durchs  Meer  will  ich  dich  an  einen  Hof  bringen,  wto  man  ewige 
Freuden  geniefst».  Ihr  folgten  die  treuen  Diener,  und  alle  ertranken  mit  ihrem  Ober- 
herrn. Die  Leichen  des  Mikado  und  seiner  Getreuen  wurden  im  Tempelhofe  des 
Amida  bestattet.  Antoku  war  der  81.  Mikado,  und  die  Schlacht  bei  Danoura  fand 
am  24.  des  dritten  Monats  im  ersten  Jahre  Bundsi  (1185)  statt. 

Diese  denkwürdige  Heldengeschichte  illustrierte  unser  Cicerone  mit  den  Ab- 
bildungen der  Helden,  welche  man  rechts  und  links  auf  die  Tapeten  der  Tempel- 
wände lebensgrofs  und  mit  grellen  Farben,  nach  altjapanischer  Schule  gemalt  sah. 
Es  waren  ihrer  sieben  auf  jeder  Wand.  Hierauf  wurde  unser  Gesandter  in  einen  Saal 
rechts  vom  Tempel  des  Antoku  geleitet,  der  gleichfalls  mit  altertümlichen  kostbaren 
Tapeten  ausgeschmückt  war,  worauf  die  Geschichte  Antokus  in  sieben  Scenen,  ganz 
im  Stile  der  bereits  erwähnten  Bilder,  gemalt  ist.  Das  erste  Bild  stellte  Antokus  Geburt 
dar,  das  zweite  die  Schlacht  im  Bergpafs  Itsinotani,  das  dritte  die  Ansicht  des  Dairi 
oder  Mikadopalastes  auf  Jasima,  das  vierte  ein  Schiff  der  Heikepartei,  das  fünfte  die 
Seeschlacht  bei  Danoura  auf  der  Höhe  der  Inselchen  Kansju  und  Mansju,  das  sechste 
eine  Ansicht  der  Stadt  und  Feste  Akamagaseki  mit  dem  berühmten  Kamihofe  des 
Hatsiman  auf  dem  Kamenojama  und  das  siebente  die  letzte  Scene  des  Kampfes  und 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


1 15 


das  Ertrinken  bei  Simonoseki.  Nach  Auslegung  dieser  merkwürdigen  Geschichtsbilder 
wurden  die  Reliquien  und  Seltenheiten,  welche  man  hier  bewahrt,  vorgezeigt.  An 
und  für  sich  und  in  Bezug  auf  alte  Sitten  und  die  Geschichte  und  frühere  Bildung 
der  Japaner  sind  sie  zu  wichtig,  um  ihrer  nicht  mit  einigen  Worten  zu  erwähnen. 
Mit  ängstlicher  Sorge  in  lackierten  Kästchen  bewahrt,  und  mit  rotem,  schwarzem  und 
purpurnem  Seidenzeuge  umwickelt,  wurden  sie  feierlich  enthüllt  und  zur  Bewunderung 
und  Verehrung  ausgestellt. 

Die  Stiftungsurkunden  (Inrinsi)  des  Tempels  von  einem  Mikado.  Ein  Gedicht 
auf  den  Mikado  Antoku  vom  berühmten  Taiko  Hidejosi.  Das  Heike  monogatari,  ein 
Epos  auf  den  Kampf  und  Sturz  des  Hauses  Heike,  und  ein  aus  32  Büchern  bestehendes 
Werk,  worin  die  auf  Befehl  des  Sjögun  zu  Kamakura  erlassenen  Beschlüsse  einge- 
tragen sind.  Es  führt  den  Titel  Kamakura  mi  kjö  sio.  Eine  Urkunde  vom  Sjögun 
Asikaga  Takautsi  und  Handschriften  von  andern  berühmten  Männern.  Auf  Seide  ge- 
malte  Götterbilder,  worunter  Amida,  Sjaka  Niorai  und  der  K wanwon  mit  elf  Gesichtern, 
nebst  andern  Heiligen.  Ein  aus  der  See  wieder  aufgefundener  Säbel  des  Mikado  Antoku. 
Ein  Säbel  von  Noritsune,  Fürsten  von  Noto,  gleichfalls  im  Meere  gefunden.  Schnüre 
vom  Kriegsmantel  des  erwähnten  Takautsi  und  eine  Trinkschale,  ein  Trinkglas  und 
eine  Krystallkugel  des  Helden  Taiko  Hidejosi. 

Unsere  Japaner,  welche  die  Heiligtümer  und  Reliquien  ihrer  Mikados  und 
Kriegshelden  mit  tiefer  Ehrfurcht  begrübst,  besehen  und  bewundert  hatten,  wviren 
sichtbar  ergriffen.  Wurde  doch  mit  dem  Sturze  des  Antoku  und  der  Erhebung  Jori- 
tomos  zum  Sjögun  die  Macht  ihrer  vergötterten  Mikados  w?ohl  auf  immer  vernichtet, 
und  die  Regierung  des  Reiches  bis  auf  den  heutigen  Tag  der  Gewalt  der  Oberfeld- 
herren — der  Sjögunherrschaft  - — - überlassen,  die  sich  sowohl  unter  Religions-  und 
Bürgerkriegen,  als  auch  in  der  nachfolgenden  zweihundertjährigen  Friedenszeit  gleich 
mächtig  zu  erhalten  und  das  alte  Mikadohaus  in  einen  politischen  Schlummer  einzu- 
wiegen  wufste.1 * * 


Wir  besuchten  nun  den  Oberpriester  des  Tempelhofes,  der  uns  in  einem  ge- 
räumigen Saale  des  Klostergebäudes  empfing  und  mit  Thee  und  Tabak  bewirtete. 
Er  war  ein  guter  Fünfziger,  von  kleiner  Statur,  rundem  blatternarbigem  Gesichte, 
freundlich,  wrie  alle  Mönche,  aber  offenherzig  und  gemütlich.  Die  Priester  dieses 
Tempelhofes  gehören  zur  buddhistischen  Sekte  Sjöto,  und  ihre  Revenüen  betragen 
jährlich  70  Koku,  ungefähr  800  Gulden,  als  stiftungsgemäfs  vom  Staate  ausgesetztes 
Einkommen,  aber  die  milden  Gaben  von  Pilgern  und  Reisenden  und  andere  fromme 
Beiträge  belaufen  sich  viel  höher.  Auch  unser  Gesandter  brachte  ein  Opfer,  er  gab 
einen  Itsibu,  d.  i.  drei  Gulden,  auf  ein  Papierchen  geklebt  und  sauber  eingewdckelt. 

Einige  kleine  Kähne  erwarteten  uns  am  Seestrande,  und  wir  setzten  nach  Haja- 
tomo  über.  Es  ging  ein  schneller  Strom,  jetzt  NNO.;  denn  es  begann  zu  ebben,  und 
in  wenig  Minuten  w7aren  wir  am  jenseitigen  Ufer.  Der  Strand  war  mit  Seetangen, 
Seesternen,  Seeigeln,  Krabben  und  Muscheln  besät,  unter  letzteren  die  sehr  schmackhafte 
Steckmuschel,  welche  Inogai  heifst.  Herrn  Bürger  und  meinen  Schülern  überliefs  ich’s 
heute  Naturalien  zu  sammeln  und  benützte  die  günstige  Gelegenheit,  durch  eine  Reihe 
von  Kompafsobservationen  die  wichtigsten  Punkte  des  Eingangs  der  Strafse  zu  be- 


1 Selbstverständlich  vor  1868  geschrieben,  wo  nach  dein  Sturze  des  Sjögunats  die  Restauration 

der  kaiserlichen  Dynastie  erfolgte,  durch  welche  Japan  seiner  jetzigen  Entwickelung  entgegengeführt 

wurde.  (Note  zur  2.  Aufl.) 


Abteilung  1.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


1 16 


stimmen.  Am  Pulse  des  Kamihofes,  auf  einem  Blocke  Kieselschiefer,  wurde  die 
Skizze  des  Planes  der  Einfahrt  in  die  Strafse  entworfen,  welche  den  in  ganz  Ostindien 
gefeierten  Namen  eines  van  der  Capellen  führen  sollte.  Von  hier  aus  peilte  ich  die 
SO. -Spitze  der  Insel  Hikusima,  nämlich  Kap  Kibune,  S.  37 0 W.  und  die  Landspitze 
oberhalb  des  Städtchens  Dairi  S.  29 0 W.  und  bestimmte  so  die  engste  Stelle  des 
südwestlichen  Eingangs  in  die  Strafse.  Nun  eilten  wir  längs  dem  mit  Kieselschiefer 
und  Trachytblöcken  verschanzten  Strand  nach  der  Nordspitze  des  Kaps  Hajatomo,  wo 
sich  eine  freie  Aussicht  in  die  Bucht  öffnet,  welche  sich  zwischen  dem  Kap  Motojama 
und  Kap  Kusisaki  ausbreitet  und  die  Inselchen  Mansju  und  Kansju  umschliefst.  Von 
hier  aus  peilten  wir  das  Dorf  Danoura  auf  Nippon  N.  56°  W.  • — Kap  Kusisaki 
N.  45°  O.  — das  Inselchen  Kansju  (das  kleinere  und  westliche)  N.  51°  O.  — das 
Inselchen  Mansju  N.  59 0 O.  und  die  Spitze  oberhalb  des  Dorfes  Tanoura  (auf  Kiusiu) 
lag  gerade  im  Osten  und  bildete  so  mit  dem  Kap  Hajatomo,  wo  wir  unsere  Instrumente 
aufgestellt  hatten,  den  nördlichsten  Teil  der  Insel  Kiusiu.  Nachdem  wir  unsere  Aufgabe 
vollendet  hatten,  besuchten  wir  die  Kamihalle  des  Mekarino  Mjözin,  wurden  vom  Ober- 
priester mit  geweihtem  Reis,  als  einem  Talisman  gegen  Unfälle  auf  Reisen,  beschenkt, 
und  gingen  längs  dem  Strande  nach  Monsi  oder  Monsu,  wo  wir  uns  wieder  nach 
Simonoseki  übersetzen  liefsen. 

Beim  ersten  Bürgermeister,  einem  eifrigen  Freunde  der  Niederländer,  waren  wir 
zu  Abend  eingeladen.  Van  den  Berg  (so  hatte  ihn  der  frühere  Gesandte  Doeff  ge- 
tauft) empfing  uns  in  einem  ganz  nach  europäischem  Geschmacke  möblierten  Zimmer 
und  bewirtete  uns  nicht  allein  auf  holländische  Art,  sondern  erschien,  um  uns  wo- 
möglich ganz  in  unsere  Heimat  zu  versetzen,  sogar  selbst  in  holländischer  Tracht. 
Er  präsentierte  sich  in  einem  roten  Sammetrock  mit  goldnen  Tressen,  einer  gold- 
gestickten Weste,  kurzen  Beinkleidern,  seidenen  Strümpfen,  Pantoffeln,  einem  Hute 
und  trug  sogar  einen  Stock  mit  grofsem,  vergoldetem  Knopfe  — das  Reichsscepter 
unserer  Oberhäupter  auf  Dezima.  Dies  ganze  Kostüm  hatte  übrigens  noch  das  histo- 
rische Interesse,  dafs  es  ein  Geschenk  seines  Freundes  Doeff  und  derselbe  Anzug  war, 
worin  dieser  am  Hofe  zu  Jedo  seine  Aufwartung  gemacht  hatte.  Die  Gesellschaft 
Find  diesmal  im  engeren  Familienkreise  statt,  zu  welchem  aufser  einigen  Dolmetschern 
auch  mehrere  meiner  vertrauten  Schüler  zugelassen  waren.  Unsere  japanische  Ehren- 
wache, oder  Aufseher,  wie  wir  sie  auch  nennen  könnten,  da  sie  uns  überallhin 
begleiteten,  benahm  sich  bei  Gelegenheiten,  wo  irgend  ein  Anstois  gegen  ihre  In- 
struktion stattfinden  konnte,  ungemein  bescheiden  und  klug.  Sie  vermieden  Augen- 
zeugen von  Handlungen  zu  sein,  die  sie  den  ihrer  Aufsicht  anvertrauten  Niederländern 
nicht  wohl  gestatten,  aber  auch  nicht  geradezu  verbieten  konnten.  Unser  Kuinin  war 
also  heute  zu  Hause  geblieben  und  liels  sich  durch  den  Funaban  und  die  beiden 
Tsjösi  vertreten,  recht  wackere  Leute,  die  sich  im  Vorzimmer  den  Sake  und  die  Zu- 
gerichte trefflich  schmecken  und  uns  ungestört  unser  holländisches  Lustspiel  aufführen 
liefsen.  Van  den  Berg  spielte  die  Rolle  seines  Paten  vortrefflich  und  gab  mitunter 
auch  einen  derben  Matrosenspafs  zum  besten;  er  fühlte  sich  heute  recht  glücklich. 
Seine  hübsche  Frau  und  einige  andere  japanische  Damen  unterhielten  die  Gesell- 
schaft, und  Mädchen  in  geschmackvoller,  reicher  Kleidung  bedienten  die  fremden  Gäste. 
Zitherspielerinnen,  Tänzerinnen  und  Gaukler  traten  später  auf,  und  die  holländische 
Soiree  endigte  als  eine  japanische  Lustpartie.  Bald  war  ich  der  Freund  und  Vertraute 
unseres  Gastherrn  geworden;  ich  mufste  nun  auch  Zeuge  seines  Geschmackes  an 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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holländischen  Sachen  werden  und  sein  Raritätenkabinett  besehen.  In  einem  kleinen 
Kämmerchen,  wohin  keine  Thüre,  sondern  ein  Loch  zum  Durchkriechen  führte,  war 
ein  Mischmasch  von  europäischen  Gegenständen  aufgehäuft.  Möbel,  Kleidungsstücke, 
Thee-  und  Tafelservice,  Taschenuhren,  Pendulen,  Bücher,  Zeichnungen,  Handschriften, 
Degen  und  andere  Waffen  waren  zu  sehen,  und  sogar  eine  Zipfelperücke  aus  der 
Blütezeit  des  niederländischen  Handels  hing  da.  So  brachten  wir  den  Abend  recht 
angenehm  zu. 

[25.  Februar.]  In  aller  Frühe  kamen  meine  Schüler  und  andere  Ärzte  aus  der 
Gegend  mit  ihren  Kranken  und  fragten  mich  um  Rat  und  Hülfe.  Es  waren,  wie  ge- 
wöhnlich, chronische,  vernachlässigte  und  unheilbare  Krankheiten,  und  die  umständ- 
lichen Konsultationen  kosteten  viel  Zeit  und  Geduld.  Ich  that  alles  meinen  Schülern  zu- 
liebe, deren  guter  Ruf  darunter  gelitten  hätte,  wenn  ihre  Patienten,  die  sie  auf  mich 
vertröstet  und  oft  aus  entfernten  Orten  herbeigebracht  hatten,  rat-  und  hülflos  wieder 
von  dannen  gezogen  wären.  So  rnufste  ich  oft  gegen  meinen  Willen  den  Charlatan 
spielen. 

Ein  heiterer  Himmel  begünstigte  die  Längenbeobachtungen,  welche  wir,  Herr 
Bürger  und  ich,  fast  täglich  hier  anstellten. 

Gegen  Mittag  besuchte  uns  unser  Kuinin  unter  dem  Vorwände,  unsere  Instru- 
mente und  Naturalien  besichtigen  zu  wollen  — doch  wahrscheinlich  aus  Dienstpflicht 
oder  Besorgnis;  denn  die  vielen  Fremden,  welche  den  holländischen  Arzt  besuchten, 
waren  seiner  Aufmerksamkeit  nicht  entgangen,  aber  auch  mir  nicht  die  Absicht  seines 
Besuches.  Es  wurden  also,  als  man  seine  Visite  ansagte,  die  etwa  anstöfsigen  Sachen 
aus  dem  Wege  geräumt  (und  es  waren  deren  viele),  und  an  ihre  Stelle  setzte  ich 
gelehrtes  Spielzeug,  Mikroskope  und  andere  physikalische  Instrumente. 

Vor  unserer  Abreise,  noch  auf  Dezirna,  hatte  ich  dem  Kuinin,  der  nicht  ohne 
naturhistorische  Kenntnisse  war,  die  Naturaliensammlung  und  andere  Merkwürdig- 
keiten, welche  ein  Europäer  in  Japan  sammeln  darf,  gezeigt  und  ihn  in  mein  Interesse 
gezogen.  Die  den  Japanern  eigene  Wifsbegierde  und  ihre  Passion  für  Naturselten- 
heiten kam  mir  jedesmal  zu  statten,  wenn  ich  einen  geheimen  Zweck  zu  erreichen 
strebte.  Fleute  liefs  ich  den  Kuinin  Moos-  und  Farrenblüten  u.  dgl.  unter  dem  Mi- 
kroskop sehen,  was  seine  Neugierde  und  Teilnahme  an  meinen  Untersuchungen,  die 
ihm  ganz  unschuldig  vorkamen,  aufs  neue  erweckte,  und  er  versprach  mir,  mich  bei 
denselben  nach  besten  Kräften  zu  unterstützen.  So  wurde  denn  auch  mein  Gesuch, 
nachmittags  mit  Herrn  Bürger  und  einigen  Japanern  eine  naturhistorische  Exkursion 
nach  Danoura  zu  machen,  bewilligt.  Die  weitere  Aufnahme  der  Strafse  war  meine  Ab- 
sicht. Van  den  Berg,  sein  Söhnchen,  der  Maler  Tojoske  und  meine  vertrauten  Schüler 
Rjösai  und  Kösai  begleiteten  uns.  In  einer  kleinen  Fischerhütte  vor  dem  Dorfe  fanden 
wir  freundliche  Aufnahme,  Erfrischungen  und  die  Instrumente,  welche  wir  voraus  ge- 
schickt hatten.  Unser  Maler  entwarf  eine  Skizze  der  Ansicht  der  Strafse  mit  der 
Fischerhütte  im  Vordergründe,  während  wir  uns  mit  Kompafsobservationen  beschäf- 
tigten und  einige  wichtige  Mitteilungen  unseres  erfahrenen  van  den  Berg  über  diese 
Strafse  niederschrieben.  Die  Breite  der  Strafse  zwischen  hier  und  Kap  Hajatomo, 
welches  S.  6i°  O.  gegenüber  liegt,  wird  von  den  Japanern  auf  14  Tsjö  angegeben, 
was  nach  unserer  Rechnung  1603,56  Meter  beträgt.  Die  Tiefe  soll  hier  zwischen 
15  und  20  Ken  oder  Faden  wechseln,  wovon  wir  uns  später  auch  überzeugten.  Der 
Strom,  namentlich  der  Flutstrom,  ist  oberhalb  Danoura  am  reifsendsten  und  geht  nächst 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


1 18 

dem  Strande  dieses  Dorfes,  was  sich  durch  den  schroffen  Vorsprung  des  Kaps  Haja- 
tomo,  an  welchem  sich  die  hereinströmende  Ostsee  bricht  und  nach  dem  entsm^en- 
gesetzten  Strande  geleitet  wird,  erklären  läfst.  Auf  einer  sehr  ausführlichen  japanischen 
Seekarte  (einem  Wegweiser  zur  See  von  Osaka  nach  Nagasaki)  ist  zwischen  Kap 
Kusisaki  und  Kap  Majeta  eine  Klippe  bemerkt,  an  welcher  schon  Fahrzeuge  verunglückt 
sind.  Wir  haben  sie  nicht  in  unserer  Karte  aufgenommen,  wTollen  aber  darauf  auf- 
merksam machen.  Dem  Wegweiser  zufolge  läfst  man  die  Klippe  bei  der  Durchfahrt 
nach  Simonoseki  an  Steuerbord  liefen. 

Die  Japaner  nennen  die  Strafse  nach  den  dortigen  Kamihöfen  teils  Hajatomono 
seto,  teils  Mckarino  seto  (seto  bedeutet  Meerenge);  der  älteste  Name  ist  Anado  (Loch- 
thüre),  woher  auch  Anadono  kuni,  der  älteste  Name  der  Provinz  Nagäto.  Historischen 
Quellen  zufolge  hat  diese  Meerenge  vor  Zingus  Expedition  nach  der  Halbinsel  Korea 
(200  n.  Chr.)  noch  nicht  bestanden.  Erst  in  späterer  Zeit  hat  die  See  die  Fortsetzung 
von  Kap  Hajatomo,  wrodurch  Kiusiu  mit  Nippon  zusammenhing,  durchbrochen,  wo- 
durch das  Dorf  Monsi  mit  dem  Kamihofe,  das  ehemals  als  Barriere  noch  zu  Nippon 
gehörte,  der  Insel  Kiusiu  zufiel. 

Der  Japaner  hängt  sehr  an  Vergnügungen  in  freier  Natur,  welche  auch  im  Winter- 
kleide noch  Reize  genug  hat,  seine  lebhafte  Phantasie  zu  begeistern.  Dabei  läfst  er 
auf  seinen  Ausflügen  keine  Gelegenheit  unbenutzt,  die  Freuden  der  Natur  durch  reli- 
giöse Erbauung  und  geschichtliche  Erinnerungen  zu  erhöhen.  Da  unsere  Arbeit  voll- 
bracht war,  so  liefsen  wir  uns  vor  der  anmutigen  Fischerhütte  zur  Seite  eines  Berg- 
baches nieder.  Es  war  Frühlings  Anfang.  Hier  und  da  blühte  schon  die  beliebte 
Baimo-  und  Mume- Pflaume,  und  die  wilden  Kamelien  öffneten  bereits  ihre  dicken 
Blumenknospen.  Uns  gegenüber,  jenseits  der  schnellströmenden  Meerenge,  erhob  sich 
das  schroffe  Vorgebirge  mit  der  Kamihalle,  uns  zur  Rechten,  auf  dem  Felsenvorsprung, 
ragten  die  Ruinen  der  Burg  Akamagaseki,  die  Kapelle  des  Kamejama  Hatsiman  und 
dicht  dabei  der  Amidatempel  empor.  Inmitten  so  erhebender  Naturscenen  und  von 
solchen  Denkmälern  umringt,  kann  der  gemütliche  Japaner  nicht  verweilen,  ohne  den 
Freund  bei  einer  Schale  Sake  zu  begrüfsen  und  seinen  Gefühlen  für  Natur,  Vaterland 
und  Freundschaft  Äufserung  zu  geben.  Wir  tauschten  mit  unserem  biederen  van  den 
Berg  und  anderen  Vertrauten  ein  Gläschen  Madeira  mit  einer  Schale  Sake  unter  trau- 
lichen und  belehrenden  Gesprächen.  Der  Sohn  meines  Freundes,  ein  liebenswürdiger 
Knabe  von  fünf  Jahren,  schmiegte  sich  an  meine  Seite  und  teilte  die  Aufmerksamkeit 
seines  Vaters,  der  in  seiner  Begeisterung  endlich  den  Wunsch  äufserte,  ich  möchte 
seinem  einzigen  Sohne  meinen  Namen  zum  Beinamen  geben.  Es  wurde  auf  die  Ge- 
sundheit meines  kleinen  Adoptivsohnes  getrunken,  den  ich  in  meine  Arme  schlofs. 
Unsere  Stimmung  war  fröhlich  und  herzlich,  und  wir  zogen  unter  Anstimmung  eines 
deutschen  Liedes  nach  der  Stadt  zurück.  Wir  sprachen  hier  bei  Kosai  vor,  um  eine 
Mineraliensammlung  zu  besehen.  Auch  hier  werteten  unser  Freunde  und  Kranke, 
unter  erstem  der  Bruder  eines  sehr  reichen  Kaufmanns,  Kamaja  aus  Nagato,  welcher 
mich  im  vorigen  Jahre  auf  Dezima  konsultiert  und  zu  Nagasaki  unter  meiner  Behandlung 
einige  Zeit  zugebracht  hatte.  Er  liefs  sich  durch  seinen  Bruder  zu  einem  Besuch  für  den 
nächsten  Tag  anmelden  in  der  Absicht,  mir  für  seine  Wiederherstellung  Dank  zu  sagen. 
Kamaja  war  einer  der  reichen  Kaufleute,  deren  es  namentlich  zu  Osaka  und  zu 
Jedo  viele  giebt.  Wie  er  mir  selbst  sagte,  hatte  er  stündlich  ein  Koku  (oder  einen 
Koban)  Einkünfte,  also  ungefähr  eine  Tonne  Goldes  im  Jahre.  Wohl  als  Bürger  ge- 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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achtet,  aber  ohne  alles  öffentliche  Ansehen,  würde  der  japanische  Kaufmann  selbst 
dem,  der  die  Scholle  baut,  nachstehen  und  als  Krämer  den  Übergang  zur  ehrlosen 
Volksklasse  machen,  wäre  ihm  nicht  Gelegenheit  gegeben,  sich,  sei  es  vom  Sjogun 
oder  von  seinem  Landesfürsten,  einen  Titel  und  damit  die  Erlaubnis,  ein  Seitengewehr 
zu  tragen,  gegen  eine  geringe  Taxe  zu  erkaufen.  Wir  wollen  hier  erinnern,  dafs 
wohl  der  Landwirt,  aber  nicht  der  Kaufmann  berechtigt  ist,  ein  Seitengewehr  zu 
tragen.  Letzterer  steckt  an  die  Ehrenseite  seines  Gürtels  gewöhnlich  blofs  einen 
Fächer.  Erst  mit  dem  Titel,  woran  sich  ein  Jahrgehalt,  gleich  unbedeutend  wie  die 
Taxe,  knüpft,  erhalten  die  Geldmänner  ein  Ansehen,  übernehmen  nun  aber  auch  die 
wichtige  Verbindlichkeit,  dem  Staate  im  Falle  der  Not  Geld  vorzuschiefsen.  Sie 
werden  dadurch  die  Hofbankiers  des  Sjogun  und  der  Landesfürsten,  In  Osaka  und  Jedo 
werden  jährlich  Listen  dieser  reichen  Ehrenmänner  in  Druck  herausgegeben,  welche 
das  Eigentümliche  haben,  dafs  die  Namen  der  reichsten  mit  den  gröbsten  Buch- 
staben obenan  stehen,  während  die  minder  bemittelten  in  fitst  unlesbarer  Kursiv- 
schrift die  Liste  schliefsen.  Die  japanischen  Rothschilde  figurieren  in  zolllangen  Buch- 
staben. 

[26.  Februar.]  Aus  Nagato  und  der  angrenzenden  Landschaft  Suwö  besuchen 
mich  Schüler  und  Bekannte  und  bringen  Freunde  und  Kranke,  Geschenke  und  Natur- 
seltenheiten mit.  Das  Zusammentreffen  mit  den  fähigsten  meiner  Schüler  war  ganz 
unserer  Verabredung  gemäfs.  Sie  hatten  bei  ihrer  Entlassung  von  ihrem  holländi- 
schen Meister  ein  stattliches  Doktor -Diplom  erhalten  mit  der  Bedingung,  in  ihrer 
Heimat  eine  Dissertatio  inauguralis  zu  schreiben  und  sie  ihm  auf  seiner  Reise  nach 
Jedo  einzuhändigen.  Das  Thema  ward  ihnen  angewiesen  und  bestand  jedesmal  in 
einem  noch  wenig  bekannten,  wissenswerten  Gegenstand  aus  dem  Gebiete  der  Länder- 
und Völkerkunde  oder  der  Naturgeschichte  mit  Bezug  auf  Japan  und  seine  Neben- 
und  Schutzländer.  Unter  den  heute  empfangenen  Arbeiten  stehen  obenan: 

Geographisch-statistische  Beschreibung  der  Fürstentümer  Nagato  und  Suwö  von 
Kawano  Kosaki.  Über  die  Seesalzbereitung  von  Sugijama  Soriu.  Von  den  gebräuch- 
lichsten Färbestoffen  und  vom  Färben  der  Zeuge  von  Bunkjö.  Von  den  Walfischen 
und  dem  Walfischfang  von  Takano  Tsjöje.  Beschreibung  merkwürdiger  Krankheiten 
in  Japan.  Verzeichnis  der  allgemeinsten  Arzneimittel  u.  s.  w. 

Die  Anhänglichkeit  und  der  Eifer,  womit  diese  wackern  Leute  meine  Aufträge 
besorgt  hatten,  rührten  mich.  In  einer  kurzen  Rede  ermunterte  ich  sie  zur  weiteren 
Beförderung  meiner  naturhistorischen  und  anderweitigen  Forschungen,  sowie  zur  Aus- 
breitung europäischer  Wissenschaften  in  ihrem  Lande  und  versprach  ihnen  meine 
thätige  Mitwirkung  und  Unterstützung. 

Wie  gesagt,  jeder  von  den  Ärzten  hatte  aus  seinem  Lande  Kranke  mitgebracht, 
und  ihre  Zahl  war  so  grofs,  dafs,  um  keinen  Anstofs  zu  erregen,  das  Los  über  die 
Ordnung  der  Konsultationen  und  Operationen  entscheiden  mufste.  Schauderhafte  Fälle 
von  Syphilis,  Lepra,  veralteten  und  vernachlässigten  Krebsgeschwüren  und  Fisteln, 
Augenkrankheiten  und  Kachexien  aller  Art  waren  an  der  Tagesordnung,  und  mehrere 
Operationen  wurden  mit  Erfolg  zur  Belehrung  meiner  Schüler  und  zum  Erstaunen  der 
Anwesenden  v o r g e n o m m e n . 

< Wir  haben  uns  schon  einige  Male  unserer  Schüler  gerühmt  und  von  ihnen  mit 
Lob  gesprochen.  Häufig  werden  wir  mit  ihnen  noch  auf  dieser  Reise  Zusammen- 
treffen und  Gelegenheit  haben,  ihrer  Anhänglichkeit  und  treuen  Dienste  zu  erwähnen. 


ÜAi  luaad- 


Fig.  ii.  Porträt  des  Präsidenten  des  Dolmetscher-Kollegiums  in  Nagasaki  Isibasi  Sakusajemon. 

Den  Lesern,  die  unsere  Stellung  und  die  Verhältnisse  auf  Dezima  nicht  kennen  und 
von  unserer  Verbindung  mit  Ärzten  und  andern  japanischen  Gelehrten  und  Freunden 
europäischer  Wissenschaften  sich  keine  deutliche  Vorstellung  machen  können,  sind 
wir  einige  nähere  Aufklärung  schuldig.  Gleich  nach  unserer  Ankunft  auf  Dezima  in 
1823  wurden  wir  durch  die  Vermittlung  des  mehrgenannten  «Opperhoofd»  J.  Cock 
Blomhoff  mit  den  vorzüglichsten,  damals  zu  Nagasaki  anwesenden  Ärzten  bekannt 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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gemacht,  unter  denen  sich  auch  Minato  Tsjöan,  ein  vornehmer  Arzt  aus  Jedo,  und  der 
junge  Mima  Zunsö  aus  Awa,  ferner  Hira'i  Kaisö  aus  Mikawa,  Oka  Kenkai  und  viele 
andere  fremde  Ärzte  und  Gelehrte  befanden,  welche  der  Ruf  des  aus  Holland  neu 
angekommenen  Arztes  und  Naturforschers  nach  Nagasaki  gezogen  hatte. 

Durch  eine  ungewöhnliche  Begünstigung  von  seiten  des  kaiserlichen  Statthalters, 
Fudsiwara  Takahasi,  des  Herrn  von  Jetsizen,  erhielten  diese  wilsbegierigen  Leute  die 
Erlaubnis,  bei  uns  auf  Dezima  Unterricht  zu  nehmen,  und  es  wurde  uns  gestattet, 
mit  ihnen  zu  Nagasaki  Kranke  zu  besuchen  und  in  der  Umgegend  der  Stadt  Arznei- 
kräuter zu  sammeln.  So  ward  der  Weg  zu  unseren  ausgebreiteten  Forschungen  und 
Verbindungen  mit  Japanern  geöffnet.  Josiwo  Gonoske,  Inabe  Itsiguro,  Isibasi  Saku- 
sajemon,  Narabajasi  Tetsnoske,  Sige  Tokisiro,  Namura  Sansiro  und  einige  andere 
tüchtige  Dolmetscher  erteilten  diesen  Leuten  Unterricht  in  der  holländischen  Sprache, 
die  für  sie  der  Schlüssel  zu  gründlichen  Studien  ward.  Siehe  das  Porträt  des  Vorstehers 
des  Dolmetscher-Kollegiums  Isibasi  Sakusajemon  Fig.  11.  Der  würdige  Greis  Sige 
Dennozin,  noch  ein  alter  Bekannter  Thunbergs,  und  Sugavara  Sekisiro,  der  erste  Bürger- 


meister der  Stadt,  wurden  die  Beschützer  europäischer  Wissenschaften  und  begünstigten 
unsern  Verkehr  mit  japanischen  Gelehrten.  Einige  glückliche  Kuren  und  Operationen 
befestigten  den  Ruf  des  Meisters,  und  die  Zahl  seiner  Schüler  wuchs  mit  jedem  Tage. 
Zu  diesen  gehörten  auch  manche  talentvolle  junge  Leute  aus  fernen  Landschaften,  die 
aber  zu  arm  waren,  um  in  Nagasaki  leben  zu  können.  Überzeugt,  dafs  von  ihnen 
viel  für  unsere  naturhistorischen  und  anderweitigen  Forschungen  zu  erwarten  stand, 
nahmen  wir  daher  einige  der  tüchtigsten,  deren  Namen  wir  noch  mit  Stillschweigen 
übergehen  müssen,  im  Geheimen  in  unsern  Dienst  und  gewährten  ihnen  auf  unserm 
Landgütchen,  einer  romantisch  gelegenen  Villa  im  Thale  Narutaki,  in  der  Nachbar- 
schaft des  alten  Dennozin  eine  Wohnstätte.  Bald  ward  Narutaki  der  Sammelplatz 
japanischer  Freunde  europäischer  Wissenschaft,  und  Zunzö  und  Kenkai  die  ersten 
Lehrer  des  durch  uns  gestifteten  Athenäums.  Von  diesem  kleinen  Punkte  breitete 
sich  allmählich  ein  neuer  Lichtstrahl  wissenschaftlicher  Bildung  und  mit  ihm  unsere 
Verbindung  über  das  japanische  Reich  aus.  Die  wir  von  nun  an  unsere  Schüler 
nennen  dürfen,  haben  hier  den  ersten  Grundstein  zu  ihrer  europäischen  Bildung  gelegt 
und  vieles  zu  unsern  Forschungen  beigetragen. 

[27.  Februar.]  Wir  erhielten  die  Erlaubnis  zu  einem  Spaziergang  nach  Takcsaki 
(so  heilst  der  westliche  Teil  der  Stadt)  und  in  die  Umgegend.  Die  Süd  westspitze 
von  Nagato,  Kap  Wotohana,  die  Meerenge  Kosedo,  die  Insel  Hikusima  und  die 
Rokuren-Gruppe  zu  untersuchen  war  heute  unsere  Aufgabe.  In  kleiner  Gesellschaft 
durchzogen  wir  die  Strafsen  Nisinabe -matsi,  Irije,  Nisihosoje  und  Buzen-matsi 
und  ruhten  bei  einem  Zollhause  auf  dem  Kai  von  Takesaki  aus,  wo  wir  die  Aus- 
sicht auf  die  vor  uns  sich  ausbreitende  Insel  Hikusima,  auf  das  Inselchen  Eunasima 
und  auf  die  Küste  von  Buzen  hatten.  Es  lagen  hier  kleine  Handelsschiffe  vor 
Anker,  und  auf  dem  Kai  war  man  mit  Ein-  und  Ausladen  beschäftigt.  In  Fig.  10 
ist  diese  Ansicht  mitgeteilt.  Es  ist  der  Stapelplatz  des  Handels  von  Simonoseki. 

Unsere  Ankunft  erregte  Aufsehen,  und  bei  dem  Andrange  der  neugierigen  Volks- 
masse  war  es  nicht  rätlich  hier  Observationen  anzustellen,  auch  Tojoske  nahm  diesmal 
keinen  Abrifs  der  Gegend  auf.  Wir  zogen  nach  Imaura,  wo  wir  in  einem  Fiseber- 
hause am  Strande  einkehrten,  um  unsere  japanischen  Offiziere,  die  uns  weiter  zu  begleiten 
Anstand  nahmen,  bei  einem  Gläschen  Wein  und  Sake  in  eine  günstigere  Stimmung 


122 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


zu  versetzen.  Das  Dorf  Imaura  gehört  nämlich  nicht  mehr  zum  Gebiete  von  Simo- 

noseki,  und  wir  befanden  uns  in  einem  ähnlichen  Falle  wie  bei  unserem  Abstecher 

* 

nach  Hajatomo.  Das  Verbot,  Fremde  aufzunehmen,  ist  der  gesamten  japanischen  Be- 
völkerung mit  so  furchtbarem  Nachdruck  eingeprägt,  dafs  es,  wie  sich  aus  allem, 
was  wir  davon  erfahren  haben,  einsehen  läfst,  einem  Ausländer  nicht  möglich  wäre, 
nur  einen  Tag  auf  japanischem  Boden  zu  verweilen,  ohne  entdeckt  zu  werden. 

Wir  rieten  unsern  Aufsehern,  sich  aus  dem  Spiele  zu  ziehen  und  unsere  Zu- 
rückkunft  von  Woto  hier  abzuwarten,  wozu  sie  sich  auch  verstanden.  Sobald  wir 
ihnen  aus  dem  Gesichte  waren,  machten  wir  uns  an  die  Arbeit  und  bestimmten  durch 
eine  Reihe  von  Peilungen  die  noch  ganz  unbekannte  Ostküste  von  Hikusima  und  be- 
richtigten viele  andere  Punkte  des  Wasserbeckens,  welches  sich  hier  einem  Landsee 
gleich  ausbreitet.  Einige  der  wichtigsten  Peilungen  w7ollen  wir  hier  anführen. 

Das  Inselchen  Funasima  S.  20 0 O.  Das  Städtchen  Dairi  mit  der  Ostspitze  von 
Hikusima  S.  10 0 O.  Die  Nordostspitze  (Kap  Amanoko)  von  Hikusima  S.  350  W. 
Die  Stadt  Kokura  konnten  wir  wegen  der  vorliegenden  Insel  Hikusima  nicht  sehen, 
aber  unsere  Japaner  zeigten  uns  die  Gegend  genau,  sie  lag  demnach  S.  160  W.  vor 
uns.  Nun  eilten  wir  nach  Woto  und  bestiegen  die  im  Südwesten  des  Dorfes  gelegene 
Spitze  (Kap  Woto-hana),  wo  sich  eine  weite  Aussicht  in  die  See  Genkai  nada  er- 
öffnet. Es  war  hier  eine  grofse  Lücke  in  den  japanischen  Karten.  (Wir  kannten  da- 
mals weder  die  amtliche  Karte  von  Japan,  noch  den  obenerwähnten  Seewegweiser.) 
Die  Insel  Hikusima,  welche  auf  diesen  Karten  weiter  von  der  Küste  von  Nippon  als 
von  Kiusiu  entfernt  liegt,  sahen  wir  blofs  durch  eine  enge,  kaum  1 Tsjö 
(114,54  Meter)1  breite  Strafse  vom  Kap  Woto-hana  geschieden  und  in  eine  lange 
schmale  Landzunge  in  Nordwestrichtung  auslaufend,  sich  gleichsam  an  die  Ilokuren- 
gruppe  anschliefsen.  Wir  hatten  hier  diese  Gruppe  und  die  Nord  west-  und  Nord- 
ostküste von  Hikusima  in  Vogelperspektive  vor  uns,  und  Tojoske  zeichnete  einen 
Plan,  der  seiner  Fertigkeit  und  Kunst  Ehre  machte.  Hinsichtlich  der  Bestimmung  der 
wichtigsten  Punkte  haben  wir  Nachstehendes  aufgezeichnet.  Die  Nordspitze  von  Hi- 
kusima peilten  wir  O.  68°  S.,  die  äufserste  Spitze  der  Landzunge,  wahrscheinlich  das 
Inselchen  Takenokousima,  welches  mit  der  Landspitze  zusammenlief,  N.  86°  W.,  die 
Südspitze  der  Rokuren-Insel,  eigentlich  Kamino  motsure  genannt,  N.  590  W.,  das  Insel- 
chen Mumasima  (auch  Komotsura  genannt)  N.  73 0 W.  Auf  der  Westküste  von 
Nagato  hatten  wir  das  Kap  Takehisa  N.  40  O.  und  Kap  Murotsu  N.  90  O.,  und  wir 
konnten  die  Dörfer  gleichen  Namens  deutlich  erkennen.  Bei  ersterem  ergiefst  sich 
der  Bach  Takehisa-gawa,  und  bei  Murotsu  der  Asaraki-gawa  in  die  See.  Die  Rokuren- 
gruppe  besteht  aus  sechs  Inselchen:  1.  Kamino  Motsure  mit  dem  Dorfe  Hatoura, 
2.  Komotsure  oder  Mumasima,  3.  Kanasakisima,  4.  Wakurasima,  5.  Amakosima  und 
6.  Katasima,  die  vier  letzten  sind  unbewohnt.  Auf  der  entgegengesetzten  Nordküste 
von  Tsikuzen  reichte  unsere  Aussicht  bis  Kap  Kanesaki;  Kap  Asija  hatten  wir  im 
S.  87°  W.,  und  die  Strafse  Wakamatsu  (man  nennt  sie  auch  Fukano  umi)  peilten 
wir  S.  61 0 W.  Auf  der  Höhe  von  Kap  Asija  liegen  zwei  kleine  Inseln  neben- 
einander, welche  die  Zwillingsinseln  oder  auch  Mann  und  Frau  heifsen.  , Die  nörd- 
lichste derselben,  Wosima,  die  Mann-Insel,  peilten  wir  N.  690  W.  und  die  andere, 
Mesima,  die  Frau-Insel,  N.  73 0 W.  Auch  erkannten  wir  noch  w7eiter  nördlich  eine 

1 Nach  den  neuesten  Bestimmungen  des  Kaiserl.  Japan.  Stat.  Bureau  ist  ein  Tsjo,  jetzt  tchö 
geschrieben,  109,09  Meter. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Insel,  welche  wir  N.  33 0 W.  peilten,  und  die,  nach  Angabe  unserer  Begleiter,  Aino- 
sima sein  soll.  Die  kleine  Meeresstrafse  Kosedo  erstreckt  sich  von  O.  nach  W. 
und  wird  vom  Kap  Wotohana  und  der  Nordspitze  von  Hikusima  gebildet.  Dieselbe  ist, 
wie  gesagt,  nur  ungefähr  114  Meter  breit  und  blofs  für  kleine  Handelsschiffe  befahrbar. 
Der  Strom  darin  ist  reifsend,  und  die  Durchfahrt  um  so  gefährlicher,  da  sich  an  der 
Inselseite,  gerade  dem  Kap  Wotohana  gegenüber,  Klippen  befinden. 

Zu  Imaura  trafen  wir  unsere  Offiziere,  welche  sich  auf  unsere  Kosten  ein  Gutes 
angethan  hatten,  und  kamen  mit  dem  Abend  von  unserer  hydrographischen  Exkursion 
nach  Simonoseki  zurück. 

Hier  warteten  unser  viele  Kranke,  darunter  ein  Pächter  des  Walfischfanges  von 
Hirado,  dem  der  obenerwähnte  Arzt  Takano  Tsjöje  die  Abhandlung  von  den  Wal- 
fischen gröfstenteils  verdankt  und  den  er  in  der  Absicht  mitgebracht  hatte,  um  uns 
aus  dem  Schatze  seiner  Erfahrungen  einige  nähere  Mitteilungen  darüber  zu  machen. 
Der  ergiebigste  Walfischfang  ist  angeblich  bei  der  Insel  Hirado,  bei  den  Gotö- 
und  Measima-Gruppen  und  bei  der  Insel  Iki,  somit  zwischen  der  Parallele  des  3 1 0 
bis  340  n.  Br.  und  dem  128°  bis  130°  ö.  L.  v.  Greenw.  Die  günstigste  Zeit  dazu 
ist  von  Dezember  bis  Anfang  April.  Auf  diese  Monate  wird  daher  auch  der  Walfisch- 
fang, welcher  ein  Regale  des  Fürsten  von  Hirado  ist,  verpachtet,  und  zwar  an  zwei 
Compagnien.  Im  verflossenen  Jahre  belief  sich  der  Pacht  für  den  Winterfang  auf 
pooooTail  oder  etwa  fl.  180000.  Für  die  aufser  der  Pachtzeit  gefangenen  Walfische 
wird  eine  Taxe  bezahlt,  welche  sich  nach  der  Gröfse  der  Tiere  richtet;  für  Walfische 
von  4 Hiro  2 Sjak  (6,666  Meter)  Länge  und  darüber  100  Tail  oder  200  Gulden; 
für  kleinere  verhältnismäfsig  weniger.  Zu  bemerken  ist,  dafs  man  die  Länge  dieser 
Tiere  blofs  vom  Luftloch  bis  zur  Schwanzflosse  berechnet. 

Die  japanischen  Walfischfänger  unterscheiden  mehrere  Arten  von  Walfischen,  worauf 
sie  sämtlich  Jagd  machen.  Drei  davon,  nämlich  der  Sato  kuzira,  der  Nagasu  kuzira  und 
Noso  kuzira,  sind  jedoch  nichts  anderes  als  Spielarten  und  in  verschiedenem  Alter 
stehende  Species  des  sogenannten  Rohrqual  vom  Kap  der  guten  Hoffnung  (Balaenoptera 
antarctica),  während  der  Sebi  kuzira  und  der  Kokuzira  ältere  und  jüngere  Individuen 
des  Südseewalfisches  (Balaena  antarctica),  der  Makko  kuzira  der  bekannte  Pottfisch 
(Physeter)  und  der  sehr  seltene  Iwasi  kuzira  wahrscheinlich  unser  Walfisch  (Balac- 
noptera  arctica)  sind.  Am  häufigsten  kommt  der  Sebi  in  der  japanischen  See  vor, 
und  dieser  ist  auch  seines  für  den  japanischen  Gaumen  schmackhaften  Fleisches  wegen 
am  beliebtesten.  Wie  bekannt,  wird  Walfischfleisch  allgemein  in  Japan  gegessen,  über- 
haupt alles  vom  Walfisch  zur  Speise  und  zu  Zwecken  benutzt,  an  die  man  in 
Europa  noch  nicht  gedacht  hat.  Ein  grofser  Sebi  wird  daher  auch  mit  3600  bis 
4000  Tail  — 7000  bis  8000  fl.  — bezahlt,  und  da  im  Durchschnitt  jährlich  an  250 
bis  300  Walfische  gefangen  werden,  so  läfst  sich  daraus  auf  die  Wichtigkeit  dieses 
Betriebs  in  Japan  schliefsen.  Man  kann  ihn,  sehr  mäfsig  berechnet,  auf  eine  Million 
Gulden  schätzen.  Der  Pächter  versicherte  uns  selbst,  Sebi  kuzira  von  20  Hiro  (30,3 
Meter)  gesehen  zu  haben  und  Augenzeuge  gewesen  zu  sein,  wie  man  bei  Iki  an  einem 
Tage  7 bis  10  Tiere,  meistens  Sebi  kuzira,  gefangen  habe. 

Der  Walfischfang  in  Japan  wird  somit  in  einer  ganz  andern  Absicht,  aber  auch 
auf  andere  Weise  als  bei  uns  betrieben.  Schiffe  in  der  Art,  wie  unsere  Walfischfänger 
ausgerüstet,  dafs  sie  alles,  was  zum  Fange,  zum  Thransieden  und  zur  sonstigen  Ver- 
wertung der  Walfische  erfordert  wird,  in  sich  vereinigen  und  einzeln  auf  den  Fang 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


ausgehen,  giebt  es  in  Japan  nicht.  Hier  zieht  man  in  Gesellschaft,  gewöhnlich  mit 
25  kleinen  und  8 gröfseren  Fahrzeugen,  auf  den  Fang  aus.  Die  kleinen  Fahrzeuge, 
welche  Kuzirafune  heifsen  und  aus  offenen,  5—6  Ken  (9 — 11  Meter)  langen  Booten 
bestehen,  welche  mit  8 Rudern  versehen  und  mit  11  bis  13  Leuten  bemannt  sind, 
dienen  zur  eigentlichen  Jagd.  Man  geht  damit,  sobald  ein  Walfisch  in  Sicht  kommt, 
auf  diesen  los  und  wirft  die  Harpune.  Die  gröfseren  Schiffe,  welche  nach  Art  der 
Kauffahrteischiffe,  deren  wir  oben  unter  dem  Namen  Sakaifune  erwähnten,  gebaut 

sind  (gewöhnlich  nimmt  man  hiezu  auch  Holzschiffe,  Isawafune),  dienen  zum  Trans- 

port der  ungeheuren  Walfischnetze,  womit  man  das  verwundete  Tier  umstrickt  oder 
ihm  die  Flucht  ahschneidet.  Ein  solches  Netz,  aus  Reisstroh,  seltener  vom  Gewebe 
der  Besenpalme  (Chamaerops  excelsa)  verfertigt,  ist  oft  zehn  Dsjo 1 (38,18  Meter) 
tief  und  300  Meter  lang,  so  dafs  dies  allein  eine  Schiffsfracht  ausmacht.  Der  ge- 
fangene und  getötete  Walfisch  wird  mit  Netzen  umwunden,  oft  bis  zum  Fischerdorf 
selbst  ans  Land  geschleppt  und  an  einer  eigens  dazu  eingerichteten  Stelle  des  Landungs- 
platzes ausgehauen.  Fleisch,  Speck  und  andere  efsbare  Teile  werden  von  Fischhändlern 
aufgekauft  und  in  frischem  Zustande  nach  allen  Häfen  von  Japan  verführt.  Nur  was 

nicht  efsbar  ist,  wird,  wie  auch  die  ungeniefsbaren  Meerschweine,  Delphine  u.  dgl.  zu 

Thran  verwendet. 

Am  gesuchtesten  ist  das  Fleisch  des  Sebi  und  des  Kokuzira  (Balaena  antarctica). 
Wir  haben  oft  davon  gegessen.  Es  schmeckt  wfie  zähes  Bullen-  oder  Büffelfleisch  und 

O O 

wird  sowohl  frisch,  als  eingesalzen  verspeist;  letzteres  ist  schmackhafter.  Eingesalzen 
und  in  dünne  Scheibchen  geschnitten,  ist  der  Speck  ein  japanischer  Leckerbissen  und 
schmeckt  wie  gesalzene  Oliven.  Auch  die  Eingeweide,  Finnen  und  Barten  werden 
verspeist;  letztere  fein  geraspelt  zu  Salat.  Aus  den  Speckabfällen  und  den  zerstofsenen 
Knochen  wird  Thran  gesotten,  den  man,  seiner  hellen  Flamme  wegen,  dem  Rüböl 
vorzieht;  und  endlich  werden  die  ausgebratenen  Teile  noch  von  armen  Menschen  gegessen 
und  die  Knochen  als  Dünger  benutzt.  Der  gesalzene  Speck  wird  gegen  chronische 
Durchfälle  und  als  ein  magen-  und  milzstärkendes  Mittel  gerühmt.  Pulverisierte 
Barten  werden  als  Stipticum  und  der  Thran  gegen  Flechten  empfohlen.  Auch 
giefst  man  Thran  in  die  Reisfelder,  wenn  der  Wurm  (Inago)  ins  Getreide  kommt. 
Aus  den  Sehnen  verfertigt  man  Saiten  für  die  Fachbögen  (tö  kju)  zum  Fachen  der 
Baumwolle. 

[28.  Februar.]  Der  Gesandte  läfst  uns  sagen,  dafs  die  Hofreisebarke  endlich 
segelfertig  und  die  Abfahrt  von  hier  auf  morgen  mittag  anberaumt  sei.  So  angenehm 
und  nützlich  uns  der  seitherige  Aufenthalt  dahier  gewesen,  so  verdriefslich  und  lang- 
weilig mufste  er  für  Colonel  de  Sturler  sein,  der  zwei  alte  Übel,  worüber  seine  beiden 
Vorgänger  Hendrik  Doeff  und  Jan  Cock  Blomhoft  sich  schon  oft  beklagt  hatten,  aufs 
neue  zu  bekämpfen  hatte,  einmal  die  Hofreisebarke,  das  andere  Mal  unsere  Verpflegung, 
zwrei  Übelstände,  wovon  einer  den  andern  verschlimmerte.  Die  Barke  wird  nämlich 
jederzeit  zu  klein  und  unbequem  befunden,  und  der  Gesandte  dringt  daher  auf  Ver- 
besserung, was  natürlich  Aufenthalt  verursacht.  So  gehen  die  drei  gastfreien  Tage 
herum,  und  wir  fangen  dann  an,  unsern  Wirten  und  den  Einwohnern  der  Stadt,  die 
uns  verpflegen  müssen,  zur  Last  zu  fallen. 


1 Nach  der  Berechnung  des  kaiserl.  Statist.  Amts  wird  jetzt  der  Dsjo  [jio  geschrieben]  zu 
3,0303  Meter  berechnet.  Note  zur  2.  Aufl. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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• Nachdem  wir  die  Naturalien  geordnet  und  eine  Sammlung  von  Nutz-  und 
Zierpflanzen  beim  Kunstgärtner  Hakia  Isabro  für  den  Garten  von  Dezima  angekauft 
und  nach  Nagasaki  abgeschickt  hatten,  begaben  wir  uns,  Herr  Bürger  und  ich,  im 
Auftrag  des  Gesandten  an  Bord  der  Barke,  um  die  Kajüte  und  die  Einrichtung  der 
Schlafzimmerchen  zu  besichtigen  und  unser  Gutachten  darüber  abzugeben. 

Die  Hofreisebarke  ist  ein  gewöhnliches  Kauffahrteischiff,  Akinaifune,  welches  für 
Rechnung  der  niederländischen  Faktorei  gemietet  und  für  die  Hofreise  eingerichtet 
wird.  Während  der  drei  Zwischenjahre,  wo  die  Hofreise  blofs  von  japanischen  Be- 
amten gemacht  wird,  dient  sie,  oder  eine  ähnliche,  auch  diesen,  und  nach  dem  Ablauf 
jeder  Reise  darf  der  Eigentümer  das  Fahrzeug  zum  Küstenhandel  verwenden.  Diese  Hof- 
reisebarke ist  nun  ein  Anlafs  zu  ewigem  Hader:  bald  ist  sie  zu  klein  und  zu  unbequem,  bald 
zu  alt  und  zu  schlecht;  es  geht  eben  mit  ihr,  wie  mit  allen  Dingen,  welche  man  ge- 
meinschaftlich zu  verschiedenen  Zwecken  benutzt.  Diesmal  war  sie  nicht  un geräumig 
aber  zu  unbequem  für  60  bis  70  Menschen,  die  sie  aufnehmen  sollte,  wobei  noch 
Raum  für  eine  anständige  W ohnung  des  Gesandtschaftspersonals  und  für  die  vornehmen 
Japaner  gefunden  werden  mufste.  Die  Barke  war  15  Ken  (1  Ken  = 1,8182  Meter) 
lang  und  ungefähr  4 Ken  breit.  Die  Kajüte  und  das  Schlafzimmerchen  des  Gesandten 
waren  ziemlich  geräumig  und  sehr  niedlich  eingerichtet,  aber  unsere  Bequemlichkeit 
war  nicht  berücksichtigt,  und  die  japanischen  Beamten  — die  Dolmetscher  und  Offi- 
ziere — behalfen  sich  mit  Kämmerchen,  welche  kaum  Platz  für  einen  Sitz  boten.  Die 
Kajüte  befindet  sich  auf  japanischen  Fahrzeugen  im  Vorderteile  des  Schiffes  (es  ist  dies 
der  Ehrenplatz),  während  das  Hinterteil,  welches  offen  ist,  zur  Küche  und  zu  anderen 
ökonomischen  Zwecken  verwendet  wird.  Auf  dem  Verdeck  war  eine  Strohhütte  an- 
gebracht, wrnrin  Matrosen,  Bediente  und  andere  untergeordnete  Reisegefährten,  unter 
ihnen  der  Maler  Tojoske  und  einige  unserer  Schüler,  ihr  Unterkommen  suchten.  Es 
herrschte  auf  dem  Schiffe  ein  ganz  aristokratischer  Ton:  ein  jeder  machte  seine  Rechte 
und  Ansprüche  geltend  und  suchte  nach  Rang  und  Titel  einen  Sitzplatz  im  Zwischen- 
deck zu  erhalten.  An  einen  bequemen  Schlafplatz  konnten  die  geringeren  Leute  über- 
haupt nicht  denken. 

Am  Abend  erhielten  der  Gesandte  und  wir  einen  Besuch  von  dem  Leibarzt  des 
Fürsten  von  Futsiu,  demselben,  welcher  1822  Herrn  Cock  Blomhoff  besucht 
hatte.  Damals  war  in  seiner  Gesellschaft  eine  junge  schöne  Favoritin  des  Fürsten  mit 
einigen  andern  Damen,  deren  Liebenswürdigkeit  Blomhoff'  und  seine  Gefährten  nicht 
genug  rühmen  konnten.  Diesmal  brachte  er  einige  sieche  Höflinge  mit  und  schenkte 
uns  einen  Hasen  (Lepus  brachyurus)  und  Zwerghühner.  Futsiu  (auch  Tsjöfu  ge- 
nannt) liegt  zwei  Ri  von  hier.  Es  ist  eine  Stadt  von  zehn  Strafsen  (matsi)  und  die 
Residenz  des  Fürsten  Möri  Motojosi,  eines  Verwandten  des  regierenden  Fürsten  von 
Nagato  und  Suwö. 

Wir  beschenkten  den  Archiater  mit  einigen  neuen  Medikamenten  und  einem 
Büchlein,  worin  die  von  uns  in  Japan  aufgefundenen,  in  der  europäischen  Schule  ge- 
bräuchlichen Medizinalpflanzen,  oder  deren  Surrogate,  und  einige  neueingeführte  Heil- 
mittel verzeichnet  und  beschrieben  sind.  Das  Büchlein,  welches  den  Titel  führt  Jak 
bin-wö-siu-roku,  Bündiges  Verzeichnis  der  Medikamente,  w;ar  von  unserm  Schüler  Ko 
Rosai  aus  Awa  ins  Japanische  übersetzt,  mit  einer  Vorrede  begleitet  und  für  unsere 
Rechnung  zu  Osaka  gedruckt  worden.  Wir  haben  davon  mehrere  hundert  Exem- 
plare ausgeteilt  in  der  Absicht,  die  Aufmerksamkeit  der  Ärzte  sowohl  auf  wirksame 


126 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


auch  in  Japan  einheimische  Medizinalpflanzen,  als  auf  einige  bis  dahin  wenig  oder  gar 
nicht  bekannte  fremde  Arzeneimittel  zu  lenken  und  letztere  in  den  Handel  zu  bringen. 
Es  befand  sich  darunter  z.  B.  die  Rinde  der  Alyxia  Reinwardti,  welche  man  auf  Java 
als  Mittel  gegen  Fieber  und  Durchfälle  anwendet,  und  die  wohl  einen  guten  Ausfuhr- 
artikel abgeben  könnte,  ferner  Fingerhut  (Digitalis),  Squilla,  Belladonna  und  Hyosciamus, 
welche  Arzeneimittel  vor  uns  auf  Japan  noch  unbekannt  waren.  Aber  auch  Arrak,  Caja- 
putiöl  und  Kaffee  waren  in  unserm  Traktätchen  nicht  vergessen;  auf  die  Heilkräfte  des 
Kaffees  machten  w7ir  besonders  aufmerksam. 

Es  ist  in  der  That  zu  verwundern,  dafs  bei  den  Japanern,  welche  nur  warme 
Getränke  gebrauchen  und  geselliges  Zusammenleben  so  sehr  lieben,  der  Kaffee  noch 
nicht  in  Aufnahme  gekommen  ist,  obgleich  sie  seit  länger  als  zwei  Jahrhunderten  mit 
den  ersten  Kaffeehändlern  der  Welt  verkehren.  Und  doch  trinken  dieselben  in  unserer 
Gesellschaft  gerne  Kaffee,  und  einige  Pikol  reichen  im  Jahre  nicht  hin,  die  Nachfrage 
um  geröstete  Kaffeebohnen  seitens  unserer  Bekannten  zu  Nagasaki  zu  befriedigen.  Es 
lohnte  sich  der  Mühe,  einer  so  grofsen  Bevölkerung  die  kleine  Untugend  des  Kaffee- 
trinkens beizubringen,  und  nach  unserem  Ermessen  gehört  dieses  nicht  ins  Gebiet 
des  Unmöglichen,  wenn  man  nur  den  rechten  Weg  einschlägt  und  planmäfsig  dabei 
zu  Werke  geht.  Das  beste  Mittel  wäre  die  Anpreisung,  dafs  der  Kaffee  das  Leben 
verlängert  — und  in  einem  Lande  wie  Japan  kann  derselbe  füglich  auch  als  Ge- 
sundheitsmittel empfohlen  werden.  Dabei  kommen  aber  zwei  Umstände,  welche  ihm 
den  Eingang  erschweren  werden,  in  Betracht:  einmal  der  den  Japanern  gleichsam  an- 
geborne  Abscheu  vor  Milch,  sodann  das  Brennen  der  Kaffeebohnen.  Milch  trinken 
verstöfst  gegen  ein  buddhistisches  Gebot;  denn  Milch  hält  man  für  weifses  Blut,  Blut 
vergiefsen  aber  und  gar  Blut  trinken  für  Sünde.  Dann  geschieht  es  oft,  dafs  aus  Un- 
kunde die  Kaffeebohnen  verbrannt  werden,  und  mit  dem  Geschmacke  des  angepriesenen 
Getränkes  dann  auch  seine  Reputation  verloren  geht.  Doch  dafür  möchte  es  Rat  und 
Mittel  geben.  Wir  haben  einstweilen  den  Kaffee  anempfohlen,  es  müfste  nur  die 
Niederländisch-Indische  Regierung  jährlich  einige  tausend  Pfund  Kaffee  hinsenden,  ge- 
brannt, gemahlen  und  in  hübsche  Büchsen  oder  Flaschen  verpackt  und  mit  einer  Eti- 
kette versehen,  welche  zweckmäfsige  Vorschriften  über  Zubereitung  und  Gebrauch  ent- 
hielte. Hoc  erat  in  votis! 

[i.  März.]  Auf  heute  ist  unsere  Abreise  von  hier  festgesetzt.  Mit  frühem 
Morgen  kommen  unsere  Schüler  und  Bekannten,  Abschied  zu  nehmen.  Zu  dem  früh- 
zeitigen Besuche  veranlafste  sie  diesmal  auch  etwas  persönliches  Interesse.  Hatten  sie 
ihren  Meister  und  Freund  nach  Landessitte  mit  Geschenken  bewillkommt,  so  war  nun 
an  ihm  die  Reihe,  beim  Abschiede  Gegengeschenke  zu  geben.  Darauf  waren  wir 
denn  auch  ganz  vorbereitet,  und  jeder  erhielt  eine  ebenso  anständige  wie  nützliche 
Gabe.  Arzeneien,  Medizinflaschen,  holländische  Bücher  und  chirurgische  Instrumente 
wurden  unter  die  Ärzte  verteilt,  und  Bijouterien,  Glaswaren,  Stückchen  vom  sogenannten 
Goldleder  u.  dgl.  unter  die  übrigen  Bekannten,  wobei  wir  die  liebenswürdigen  Familien 
der  beiden  Gastherren  sowie  unser  Patchen  gut  bedachten;  ferner  wurde  jedem  von 
den  Verfassern  der  obenerwähnten  Abhandlungen  ein  besonderes  Geschenk  feierlich 
überreicht,  und  den  neuen  Kandidaten,  die  sich  um  ein  Diplom  bewarben,  mehrere 
Themata  zur  Bearbeitung  aufgegeben.  Dergleichen  Handlungen  bestrebten  wir  uns 
stets  mit  Würde  und  Feierlichkeit  zu  begehen  und  dabei  ein  kräftiges  Wort  für  Herz 
und  Geist  zu  sprechen.  Kösai  erhielt  geheime  Aufträge  auch  von  uns,  unter  andern 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


127 


den,  ein  Geldgeschenk  dem  Oberpriester  des  Amidatempels  zu  überbringen,  um  von 
diesem  die  Erlaubnis  zu  erwirken,  ein  Votivbild  zum  Andenken  des  Generalgouverneurs 
von  Niederländisch-Indien,  Baron  van  der  Capellen,  dessen  gefeierten  Namen  wir  der 
Strafse  beigelegt  batten,  aufzunehmen.1 2  Bereits  tags  zuvor  batten  wir  an  Herrn  de 
Villeneuve  nach  Dezima  geschrieben  und  ihm  eine  Skizze  des  Bildes  zugeschickt 
mit  dem  Aufträge,  dafür  zu  sorgen,  dafs  es  bei  unserer  Rückreise  in  Simonoseki 
bereitliege.  Das  Dokument  oder  angebliche  Votivbild,  auf  Pergament  geschrieben 
und  mit  dem  Wappen  des  Barons  van  der  Capellen  versehen,  sollte  folgende  Inschrift 
enthalten : 

Hier  de  Straat  van  der  Capellen. 


Transitus  Illius  nomen,  mandata  videndi 
Hane  terram  nobis  qui  dedit  alma,  ferat. 

Amidazi,  den  24  Februarij  1826. 

Het  Gesandschap  naar  het  Keiner lijk 
Hof  de  Jedo. 

Van  den  Berg  war  gleichfalls  ins  Geheimnis  gezogen  worden  und  versprach 
uns  seine  Fürsprache  bei  dem  Bonzen.  Auch  er  bewahrte  in  seinem  Hause  inter- 
essante Dokumente  von  seinen  Freunden,  den  Holländern,  worunter  auch  ein  von 
Cock  Blomhoff  auf  den  Fürsten  von  Nakatsu  verfafstes  Gedicht,  nebst  einem  von 
dem  Fürsten  höchsteigenhändig  in  holländischer  Sprache  geschriebenen  Epigramm. 

Wir  haben  dieses  hohen  Gönners  der  Holländer  bereits  erwähnt.  Das  Gedicht 
Cock  Blomhoffs  verdient  der  Vergessenheit  entzogen  zu  werden;  denn  es  zeugt 
von  dem  Sinne  eines  japanischen  Fürsten  für  europäische  Wissenschaft  und  von  der 
lobenswerten  Anregung  dazu  von  seiten  Blomhoffs,  der  auf  seinen  beiden  Reisen 
als  Gesandter  nach  dem  Hofe  des  Sjögun,  1818  und  1822,  unverlöschliche  Spuren 
vornehmer  Gesinnung  und  der  Freigebigkeit  zur  Ehre  der  Nation,  die  er  vertrat, 
zurückgelassen  hat.  Wir  lassen  das  Gedicht  im  Originale  mit  einer  nach  Form  und 
Inhalt  möglichst  treuen  Übersetzung  folgen. 

Opdragt  aan  Z.  H.  Frederik  Hendrik, 

Vorst  van  Nakatsu,  door  den  ondergeteekenden  op  zijne  doorreize 
als  Gezant  aan  het  Keizerlijk  Hof. 

2Hoe  trof  mijn  hart  die  schoone  zuivere  taal! 

Als  ik,  mijn  vriend!  Uw  Fand  ten  tweede  maal 

1 Moderne  Geographen  haben  leider  diesen  Namen  nicht  beibehalten.  Die  Strafse  wird  jetzt 
meistens  Strafse  von  Simonoseki  genannt.  Anmerk.  z.  2.  Auf]. 

2 Übersetzung:  Wie  traf  mein  Herz  die  schöne  reine  Sprache, 

Als  ich,  mein  Freund,  Dein  Land  zum  zweitenmale 
Betrat.  In  Vers  gefafst,  von  Deiner  Hand  geschrieben, 

Zeigt  sie,  wie  Du,  mein  Fürst,  in  Hollands  Sprach’  erfahren, 

Wie  Dir  Vergnügen  bringt,  was  man  bei  mir  zu  Lande 

Gewöhnlich  trägt  und  thut;  sie  zeigt  Geschmack  und  ein  Gefühl  so  schön! 

Dafs  seines  gleichen  kaum  wo  anders  mag  bestehn. 

Fahr,  bitt’  ich,  hierin  fort,  mit  allen  sonst’gen  Freunden! 

Dafs  nichts  die  Sucht  nach  dem,  was  Hollands  Brauch  ist,  Dir  entraubt, 
Dies  hofft,  dies  wünscht  stets  das  holländ’sche  Oberhaupt 


u.  s.  w. 


128 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Betrad;  geuit  in  digtmaat,  door  Uw  eigen  hand  geschreven, 

Bewijst,  hoe  gij  mijn  Vorst,  in  ’t  Hollands  zijt  bedreven. 

Hoe  gij  vermaäk  schept  in  al  ’t  geen  mijn  Landaart  is  gewoon 
Te  dragen  en  te  doen,  toont  aan  Uw  simaak  en  een  gevoel  zoo  schoon! 

Daar  weinig  voorbeelden,  ergens  van  zijn  te  vinden, 

Gaat,  bid  ik,  hierin  voort,  met  d’overige  vrienden, 

Dat  niets  die  zugt,  voor  al  wat  Hollands  is,  in  Uw  verdooft, 

Dit  hoopt,  dit  wenscht  gestaag!  bet  Hollandsch  Opperhoofd 

Simonoseki  den  28  Februarij  1822.  J.  Cock  Blomhoff, 

Ridder  van  de  Orde  van  den  Nederlandschen  Leeuw. 


Kurz,  bündig  und  treffend  ist  das  Epigramm,  worin  der  Fürst  seine  gute  Ge- 
sinnung gegen  die  Holländer  ausspricht. 

Ik  ben  een  van  de  menschen 

Die  den  bloei  van  Hollands  Handel  wenschen. 

Prins  Frederik  Hendrik, 

Vorst  van  Nakatsu. 

Gegen  Mittag  waren  wir  reisefertig,  nahmen  noch  einmal  die  Sonnenhöhe  und 
begaben  uns  in  Begleitung  der  beiden  Gastherren,  unserer  Schüler  und  Bekannten  an 
Bord  der  Barke,  welche  dicht  vor  der  Treppe  unseres  Gasthofes,  da  w7o  die  hollän- 
dische Flagge  wehte,  vor  Anker  lag. 

Wir  wollen  noch  einen  Blick  auf  die  Stadt  werfen,  ehe  wir  die  Anker  lichten. 
Simonoseki,  d.  i.  die  untere  Barriere,  ehemals  Akamaga-seki,  d.  i.  Barriere  der  roten 
Strecke,  liegt  auf  der  südlichsten  Spitze  der  grofsen  Insel  Nippon  im  Fürstentum  Nagato 
und  in  dessen  Bezirke  Tojöra  unter  33°  36'  30'"  n.  B.  und  130°  52'  15"  ö.  L.  von 
Greenw.  Eine  niedrige  Hügelreihe,  deren  Nordbegrenzung  ähnliche  Übergangs-Schiefer- 
gebirge wie  auf  der  Route  von  Itsuka  nach  Kokura  bilden,  zieht  sich  bis  in  die  Stadt 
hinein,  welche  durch  das  Flüfschen  Mimosuso-gawa  gleichsam  in  zwei  Bezirke,  in  die 
alte  und  die  neue  Stadt,  geteilt  wird.  Eine  cyklopische  Mauer,  welche  sich  längs  dem 
Strande  hinzieht,  bildet  den  Kai,  zu  dem  zahlreiche  Steintreppen  führen.  Ähnliche 
Mauern  erheben  sich  terrassenweise  an  den  Hügeln,  auf  welchen  die  massiven,  ge- 
schweiften Tempeldächer  und  die  zierlichen  rotbemalten  Kamikapellen  unter  alten 
immergrünen  Bäumen  hervorragen  und  einen  imposanten  Anblick  gewähren.  Von 
der  See  bespült,  breitet  sich  die  Stadt,  die  im  Osten  gelegenen  Tempelhöfe  und  die 
Vorstadt  Takesaki  und  das  Dorf  Imaura  mitgerechnet,  über  zwei  Ri  lang  aus  und 
wird  vom  Ost-  bis  zum  Westende  von  einer  Hauptstrafse  durchschnitten,  von  der 
aus  mehrere  Nebengassen  und  Wege  nach  den  Tempeln  und  Kamihöfen  und  ins 
Freie  führen.  Die  Hauptstrafse  ist  in  zehn  Quartiere  (matsi)  verteilt,  welche  nach- 
stehende Namen  führen:  Amidazi-matsi,  die  Amidatempelstrafse,  Sotohama-matsi,  Na- 
kano-matsi,  Akama-matsi,  die  beiden  Nabe-matsi,  die  östliche  und  die  westliche  die 
Irije-matsi,  die  östliche  und  westliche  Hojose-matsi  und  die  Buzenda-matsi,  welche 
nach  Takesaki  und  Imaüra  führt.  Über  den  Mimosuso-gawa  führt  eine  Steinbrücke, 
Nisinobasi,  die  Westbrücke  genannt,  und  im  Westende  der  Stadt  führen  noch  zwei 
andere  Brücken  über  die  mit  Gerolle  bedeckten  Bette  zweier  Wildbäche,  die  sich  bei 
dem  Vorsprunge  K wanwon saki  und  Irijehana  in  die  See  stürzen.  Die  Bucht  von  Kwan- 
wonsaki  und  namentlich  die  von  Irijehana  sind  gute  Ankerplätze,  ebenso  die  Bucht 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


129 


oberhalb  Kamajama.  Unter  den  kleinern  Strafsen  sind  zu  bemerken  Inari-matsi,  welche 
nach  der  Fuchskapelle  und  den  Häusern  der  Freudenmädchen,  die  Ura-  und  Tanaka- 
matsi,  welche  nach  dem  Komödienhause  (Sibai),  und  die  Wözi-  und  Sanbjakme-matsi, 
welche  nach  dem  Tempel  gleichen  Namens  führt.  Mit  Ausnahme  der  beiden  Stadt- 
enden, wo  viele  mit  Stroh  gedeckte  Fischer-  und  Bauernhütten  stehen,  sieht  man  zu 
beiden  Seiten  der  Hauptstrafse  hübsche  Wohnungen  und  viele  Kaufläden  und  Thee- 
häuser.  Auch  sind  einige  ansehnliche  Gebäude,  die  Gasthöfe  und  Wohnungen  der 
beiden  Bürgermeister,  das  Janagawa-jasiki  und  andere  Comptoirs  von  Fürsten  und 
Kaufleuten  bemerkenswert.  Aber  die  Zierde  der  Stadt  sind  die  herrlichen  Tempel 
und  Kamihallen,  wovon  wir  leider!  nur  wenige  besuchten. 

Die  vorzüglichsten  Tempel  und  Kamihöfe  sind,  und  zwar  im  Ostende  und  in 
der  alten  Stadt:  1.  Amidazi,  der  Tempel  des  Amida;  2.  Kokurakuzi,  der  Tempel  der 
höchsten  Wonne;  3.  Zinguzi  mit  der  Kapelle  des  Hatsiman,  dem  Mikado  Wözin, 
seinem  Vater  Tsiuai  und  seiner  Mutter  Zingu  geweiht;  4.  die  Inari -Kapelle,  und 
5.  Kjöhozi,  der  Tempel  der  hl.  Satzungen.  Im  Westende:  Dairikuzi,  der  Tempel 
des  grofsen  Ufers,  Jukokzi,  Kwömjözi,  Tempel  zum  glänzenden  Lichte,  den  man 
gewöhnlich  Sanbjakme,  d.  i.  dreihundert  Augen,  nennt;  der  Tempel  des  ewigen  Heils 
(Jeifukzi),  der  Töközi  und  Fukuzenzi. 

Simonoseki  ist  einer  der  blühendsten  kleineren  Seehäfen  in  Japan  und  der  Haupt- 
sitz des  Binnenhandels  der  Fürstentümer  Nagato  und  Suwö  mit  der  Insel  Kiusiu,  ein 
sehr  besuchter  und  lebhafter  Ort.  Einer  zuverlässigen  Notiz  zufolge,  die  wir  von 
unsern  dortigen  Freunden  erhielten,  zählte  die  Stadt  (1826)  1890  Häuser,  und  die 
Zahl  der  gesamten  Bevölkerung  belief  sich  auf  5 140  Personen,  worunter  2860  männ- 
lichen und  2340  weiblichen  Geschlechts.  Das  Mifsverhältnis  in  der  Zahl  der  weib- 
lichen zur  männlichen  Bevölkerung  läfst  sich  durch  die  Menge  Freudenmädchen,  die 
hier  zu  Hause  sind  und  bei  der  Schätzung  nicht  in  Anschlag  kommen,  erklären.  Diese 
Geschöpfe  stehen,  wie  ungereimt  es  auch  in  unsern  Ohren  klingen  mag,  hier  in  be- 
sonderem Ansehen.  Man  schreibt  nämlich  die  Entstehung  der  öffentlichen  Häuser  in 
Japan  jener  unglücklichen  Schlacht  bei  Danoura  zu,  nach  welcher  die  zu  Dairi  und 
Akamagaseki  zurückgebliebenen  Hofdamen  und  Edelfräulein  aus  dem  Heike-Geschlechte 
sich  auf  keine  andere  Weise  zu  retten  und  ihren  Lebensunterhalt  zu  gewinnen  wufsten, 
als  sich  den  Siegern  auf  Diskretion  zu  übergeben.  Daher  geniefsen  auch  die  Freuden- 
mädchen zu  Simonoseki  bis  auf  den  heutigen  Tag  das  Vorrecht,  sich  Jarö,  d.  i.  so- 
viel als  schönes  Fräulein,  nennen  zu  dürfen.  — Der  Handel  ist  hier  sehr  lebhaft,  nament- 
lich der  Kleinhandel  mit  Lebensmitteln  und  Reisebedürfnissen;  denn  man  kann  im 
Durchschnitte  auf  150  gröfsere  und  kleinere  Fahrzeuge  rechnen,  welche  täglich  bei 
gutem  Wind  und  Wetter  hier  einlaufen. 

Die  beiden  sehr  fruchtbaren  Länder  Nagato  und  Suwö  liefern  Reis,  Weizen  und 
Buchweizen  von  vorzüglicher  Güte,  und  im  Städtchen  selbst  werden  allgemein  gesuchte 
Böttcher-  und  Steinarbeiten  verfertigt.  Die  hölzernen  Gefäfse,  als  Gelten,  Schachteln 
u.  dgl.  werden  vom  schönen  Holze  des  Sonnenbaumes,  Hinoki  (Retinospora  obtusa) 
verfertigt  und  werden  nach  allen  Landschaften,  selbst  bis  nach  Batavia  verschickt.  Aus 
einem  quarzigen  Thonschiefer,  der  in  dem  nahen  Thonschiefergebirge  gebrochen  wird 
und  so  stark  von  Eisenoxyd  imprägniert  ist,  dafs  er  eine  braunrote  Farbe  hat,  ver- 
fertigt man,  nach  Art  der  chinesischen  Specksteinarbeiten,  Tuschsteine,  Reibschalen 
und  viele  andere  kleine  Geräte  und  Kunstsachen,  welche  allgemein  in  Japan  beliebt 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


9 


130 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


und  in  unsern  Sammlungen  als  Muster  der  Geschicklichkeit  und  des  Fleifses  japanischer 
Bildhauer  in  hohem  Grade  bewundert  werden.  Die  Preise  solcher  Arbeiten  sind  übrigens 
verhältnismäfsig  sehr  hoch,  und  man  bezahlt  Steine  zum  Anreiben  der  Tusche  mit 
einem  und  sogar  mehreren  Kobans. 


Reise  von  Simonoseki  nach  Muro  und  Aufenthalt  daselbst. 

Überblick.  Charakter  des  Inselmeeres  zwischen  Nippon,  Kiusiu  und  Sikoku.  — Ankunft  in 
Jasirosima.  — Kap  Usinokubi;  Landung;  ein  fossiler  Elefantenzahn.  — Mammutschädel.  — Vegetation. 

— Aussicht.  — Das  Zeichen  zur  Abfahrt.  — Meerenge  von  Okamuro-seto.  — Mibara.  — Das  See- 
becken Misima-nada.  — Kap  Abtutö.  — Berg  Konpira.  — Temperatur.  — Kosima,  seine  Vegetation; 
die  Salinen  zu  Fimi.  — Der  Sepienfang.  — Wissenschaft  und  Bugsierboote.  — Ankunft  zu  Muro.  — 
Das  Hotel.  — Der  Hafen ; die  Bucht  von  Oura  für  europäische  Schiffe  geeignet.  — Aussicht  vom 
Kap  Jamane.  — Die  Jesima-Gruppe.  — Das  Städtchen  Muro.  — Theehäuser;  der  Kamihof  Muro 
Mjözin  jasiro;  der  buddhistische  Turm;  das  Blumenorakel.  — Bellevue.  — Charakterzüge  des  Volkes. 

— Die  Industriezweige  von  Muro. 

[2.  März.]  Gegen  8 Uhr  gehen  wir  bei  Westwind  unter  Segel  und  passieren, 
vom  Strome  begünstigt,  in  schneller  Fahrt  die  Strafse  van  der  Capellen.  Auf  der  Höhe 
von  Mansju,  gegenüber  Tanoura  auf  Kiusiu,  steuerten  wir  S.  zu  S.  1j 2 S.  und  peilten 
Kap  Jesaki  S.  450  O.  und  Kap  Motojama  S.  750  O.  Diese  beiden  Kaps  und  die  zwei 
Inselchen  Kansju  und  Mansju  sind  zuverlässige  Erkennungspunkte  bei  der  Einfahrt  in 
die  Strafse.  Gegen  Mittag  bekamen  wir  die  NO. -Spitze  von  Kiusiu  in  Sicht  und 
nahmen  auf  der  Höhe  von  Kap  Misaki  die  Sonnenhöhe.  Wir  befanden  uns  hiernach 
auf  330  53'  n.  B. 

Es  eröffnet  sich  hier  der  mit  einer  Menge  von  gröfseren  und  kleineren  Inseln 
besäte  Kanal,  der  durch  die  drei  Hauptinseln  von  Japan,  nämlich  Nippon,  Kiusiu 
und  Sikoku,  gebildet  wird  und  sich  in  NO. -Richtung  an  60  geographische  Meilen  weit 
zwischen  dem  330  13'  und  340  50'  n.  B.  und  130°  52'  15"  und  1 3 5 0 25'  ö.  L.  v. 
Greenw.  erstreckt.  Drei  Eingänge  führen  in  diesen  Inselsund:  einer  im  Westen,  die 
Stralse  van  der  Capellen,  und  zwei  im  Süden,  wovon  wir  den  westlich  gelegenen  als 
Strafse  von  Tasman1  und  den  östlich  gelegenen  als  Strafse  von  Linschoten2  kennen 
lernen  werden.  Die  Zahl  der  Inseln,  Felsen,  Klippen  und  Bänke,  welche  in  diesem 
Sunde  zerstreut  liegen,  ist  ungeheuer;  sie  beläuft  sich  nach  Angabe  des  kaiserlichen 
Hofastronomen  Takahasi  Sakusajemon  auf  mehr  als  ein  Tausend.  Alle  sind  bekannt 
und  alle  auf  den  japanischen  Karten  und  Seewegweisern,  welche  wir  mit  nach  Europa 
gebracht,  angegeben. 

Die  Japaner  teilen  dieses  ausgebreitete  Inselmeer  in  die  drei  Nada  oder  See- 
gebiete: Suwö-nada,  Misima-nada  und  Harima-nada.  Das  erste  hat  seinen  Namen 
vom  Fürstentume  Suwö,  das  letzte  vom  Fürstentume  Harima,  während  das  mittlere 
nach  Misima,  was  eine  Insel  bezeichnet,  die  süfses  Wasser  hat,  genannt  ist.  Die 
Gestalt  der  Küsten,  welche  diesen  Kanal  bilden,  ist  sehr  unregelmäfsig:  bald  springen 
dieselben  in  schmalen  Landspitzen  und  schroffen  Vorgebirgen  in  den  Kanal  hinein, 


1 Jetzt  als  der  Bungo-Kanal  bekannt.  Anmerk.  z.  2.  Aull. 

2 Jetzt  der  Kiishiu-Kanal  genannt.  Anmerk.  z.  2.  Aufl. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


U1 

bald  ziehen  sie  sich  in  Baien  und  Buchten  zurück;  Inseln  von  gröfserem  Umfang 
breiten  sich  quer  zwischen  den  Küsten  aus  und  bilden  zahlreiche  Meerengen, 
welche  die  ohnehin  gefährliche  Fahrt  durch  dieses  Insellabyrinth  für  fremde  Fahr- 
zeuge bis  heute  unmöglich  gemacht  haben.  Der  japanische  Schiffer  jedoch  ist 
mit  diesen  Gewässern  so  gut  bekannt,  dafs  man  sich  ihm  vollkommen  anvertrauen 
darf,  und  europäische  Fahrzeuge,  wenn  sie  sich  in  diesen  Sund  wagen  sollten,  können 
die  gröfsern  japanischen  Fahrzeuge  als  die  sichersten  Lotsen  bei  der  Durchfahrt  im 
Auge  behalten.  Es  führt  nämlich  eine  seit  Jahrhunderten  gebahnte  Fahrt  für  gröfsere 
Kauffahrteischiffe  durch  diesen  Kanal,  an  dessen  östlichem  Ende  die  gröfste  Handels- 
stadt des  Reiches,  Osaka,  liegt.  Auf  unserm  Wegweiser  ist  diese  Hauptstrafse, 
gleichwie  alle  Nebenwege  für  kleinere  Schiffe  und  die  Eingänge  der  Hafenorte  genau 
angegeben. 1 Die  merkwürdigsten  Inseln  und  Landpunkte  werden  wir  auf  unserer 
Hin-  und  Zurückfahrt  kennen  lernen. 

Nachmittags  hohes  Land  in  SO.  z.  O.,  die  Gebirge  der  Fürstentümer  Ijo  und 
Tosa  auf  der  Insel  Sikoku;  peilen  das  Inselchen  Himesima,  welches  den  Südeingang 
des  Kanals  anzeigt,  S.  230  O.  und  entdecken  bald  darauf  die  niedrige  schmale  Land- 
zunge von  Sadamisaki  auf  der  Westküste  von  Sikoku,  welche  mit  dem  Kap  Sekisaki 
auf  der  Ostküste  von  Kiusiu  scheinbar  zusammenläuft,  wo  sich  jedoch  der  etwa  3 Ri 
breite  Eingang  in  den  Kanal  befindet;  segeln  an  der  Insel  Muko,  deren  Abstand  von 
Simonoseki  auf  17  Ri  angegeben  wird,  vorbei,  ingleichen  an  den  Inseln  Nosima,  Ka- 
sama  und  richten  gegen  Abend  den  Kurs  NO.  z.  O.  auf  die  Insel  Nagasima,  passieren 
die  Meerenge  zwischen  Kaminoseki  und  Murotsu,  welche  die  Nordspitze  dieser  Insel 
mit  der  Südspitze  von  Suw7ö  bildet  und  bleiben  bis  10  Uhr  unter  Segel,  wo  wir 
zwischen  dem  Inselchen  Okino  kamuro  und  Kap  Usino  kubi  der  Insel  Jasirosima  vor 
Anker  gehen.  Die  kaum  einige  Schiffslängen  breite  Meerenge  von  Kaminoseki  ersreckt 
sich  S.  420  O.  Gerade  vor  uns  liegt  die  Insel  Hekuri,  und  an  Steuerbord  die  Eilande 
Jokosima,  Akita,  Jasima  und  Uwasima.  Es  ging  ein  reifsender  Strom,  und  das  Schiff 
lag  bei  der  Durchfahrt  S.  720  O.  an,  um  nicht  vom  Strome,  der  mehr  südlich  lief, 
gegen  die  an  Steuerbord  liegenden  Felsen  getrieben  zu  werden. 

[3.  März.]  Ein  herrlicher  Frühlingsmorgen,  aber  frisch;  das  Thermometer  auf 
38°  Fahrh.  Gegenwind;  bleiben  liegen;  es  weht  immer  heftiger,  und  am  Abend  ist 
man  genötigt,  die  Barke  mit  mehreren  Ankern  zu  sichern. 

[4.  März.]  Noch  immer  Gegenwind.  Wir  benutzen  den  Morgen  zu  Längen- 
observationen und  Peilungen  und  steigen  nach  9 Uhr  am  Kap  Usinokubi,  der  SO.- 
Spitze  der  Insel  Jasirosima  ans  Land.  Am  Strande,  der  mit  verwittertem  Granitgneis 
und  losgerissenen  Granittrümmern  bedeckt  wTar,  wurde  ein  guterhaltenes  Stück  eines- 
fossilen Elefanten-Backenzahnes  gefunden.  Wir  wollen  nicht  entscheiden,  ob  der  Zahn 
hier  in  neuerer  Zeit  angespült  wmrden  oder  in  der  Diluvialmasse  vorhanden  war, 
welche  in  der  Epoche  der  gewaltsamen  Bewegungen,  denen  dies  Inselmeer  sein  Ent- 
stehen verdankt,  hier  abgelagert  worden  ist.  Es  sollen  übrigens  in  dieser  Gegend 
und  vorzüglich  auf  der  im  Harima  nada  gelegenen  Insel  Sjödosima  häufig  fossile 
Knochen,  wrelche  ohne  Zweifel  Überreste  vom  Mammut  sind , Vorkommen.  Auch 
im  Fürstentum  Sanuki,  der  nördlichsten  Landschaft  der  Insel  Sikoku,  wurden  bereits 
ganze  Schädel  des  fossilen  Elefanten  gefunden,  und  erst  vor  kurzem  hat  unser 

Dieser  Wegweiser  wurde  im  Atlas  der  Land-  und  Seekarten  unter  Nr.  8 herausgegeben. 

9 * 


1 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


132 


Schüler  Kiöriösai  einen  solchen  zu  Osaka  gesehen,  wo  man  ihn  für  den 
Kopf  des  fabelhaften  Drachen  ausgab.  Dieser  Mammuthschädel,  den  Kiöriösai 
sogleich  aus  einer  ihm  vorgelegten  Abbildung  erkannt  hat,  war  über  1 Ken 
(1,8182  Meter)  lang.  — Der  Backenzahn  befindet  sich  nebst  andern  Zahnstücken, 
welche  wir  später  in  Japan  aufgefunden,  im  Museum  für  Naturgeschichte  zu  Leyden. 

Die  Gebirgsart  des  Kap  Usinokubi  ist,  wie  wahrscheinlich  auch  der  innere  massige 
Kern  der  Insel,  grobkörniger  Granit,  der  hier  in-  diesem  Inselsund  überall  isoliert  und 
inselartig  aus  den  Schiefern  des  Übergangs-  und  Flötzgebirges  hervorragt.  Wir  stiegen 
den  Ochsennacken  (denn  das  bedeutet  der  Name  Usinokubi)  hinan  bis  auf  den  Rücken 
des  Vorgebirges,  welches  nicht  mit  Unrecht  mit  einem  liegenden  Ochsen,  dessen  Kopf 
die  SO.-Spitze  bildet,  verglichen  wird.  Der  Felsen  bot  eine  sehr  magere  Nahrung 
für  die  Vegetation,  und  nur  in  seinen  mit  einem  roten,  eisenhaltigen  Thon  und  grob- 
körnigen Granitsande  angefüllten  Schluchten  und  Spalten  erhoben  sich  einzelne  hohe 
Tannen  (Pinus  Massoniana  und  densiflora),  welche  auf  den  NW.  abfallenden  Flächen 
Wäldchen  bildeten.  Die  schroffen  Abhänge  sind  dürftig  mit  Sträuchern  und  Zwerg- 
bäumen bewachsen,  worunter  Quercus  serrata,  Elaeagnus  pungens,  Pittosporum  Tobira, 
Evonymus  japonicus,  eine  Hedera  und  Lespedeza-Arten  zu  bemerken,  das  steile  Ufer  mit 
Eurya  littoralis  und  die  Felsen  mit  Aster  hispidus,  Ligularia  Kaempferi,  Dianthus  ja- 
ponicus, einer  Euphorbia-Art  und  einigen  verdorrten  Gräsern.  Vom  höchsten  Punkte 
des  Ochsenrückens,  der  sich  jedoch  nicht  über  800  Fufs  über  die  See  erhebt,  genossen 
wir  eine  verhältnismäfsig  weite  Aussicht,  und  konnten  die  Gebirge  von  Kiusiu, 
wahrscheinlich  den  Tsurumi  jama  in  Bungo,  deutlich  sehen.  Gegenüber  hatten  wir 
das  hohe  Land  von  Sikoku,  die  Berggipfel  mit  Schnee  bedeckt.  Auch  machten  unsere 
japanischen  Begleiter  uns  auf  einen  Kegelberg  aufmerksam,  der  sich  auf  einer  kleinen 
Insel  Kutsunasima,  dicht  an  der  Küste  von  Ijo  erhebt  und  Kofusi,  der  kleine  Fusi,  genannt 
wird  wegen  der  treffenden  Ähnlichkeit,  welche  er  mit  dem  berühmten  Vulkan  Fusi 
hat.  Wir  peilten  ihn  SO.  z.  S.  Vor  uns  hatten  wir  die  Insel  Okinokamuro, 
rechts  Hekuri  und  links  die  Inselchen  Jurisima  (Lilien  - Eiland)  und  Awosima 
(das  grüne  Eiland)  und  den  Felsen  Minase.  Die  Insel  Okinokamuro  hat  ein  sehr 
fruchtbares  Erdreich;  die  Hügel  sind  fleifsig  angebaut,  und  der  Rücken  der  Insel 
ist  mit  Nadelholz  bedeckt.  Ein  grofses  Dorf  gleichen  Namens  breitet  sich  in  der 
Bucht  aus,  an  deren  Eingang  ein  mit  einzelnen  Tannenbäumen  bewachsener  Granit- 
block liegt.  Das  Dorf  Tsinokamuro  in  der  Bucht  von  Usinokubi  zählt  nur  wenige 


Hütten. 

Unser  Gesandter  wurde  wie  immer,  wenn  wir  uns,  um  wissenschaftliche  Unter- 
suchungen anzustellen,  von  ihm  entfernten,  ungeduldig  und  liefs  ganz  unerwartet  von 
der  Barke  aus  ein  Zeichen  zur  Abfahrt  geben.  Aber  erst  nachmittags  gingen  wir 
mit  einem  frischen  SSO. -Wind  unter  Segel  und  nahmen  den  Lauf  ONO.  zwischen 
den  Inselchen  Tsuka  und  Nuwa  nach  Mitarai.  Um  j1/2  Uhr  waren  wir  auf  der  Höhe 
von  Mitarai  und  passierten  den  Engpafs  Okamuröseto,  der  von  den  Inseln  Kamakari- 
sima  und  Mukai  Kamakari-sima,  welche  auch  Nakasima  heilst,  gebildet  wird.  Wir 
steuerten  nun  NNO.,  hatten  gerade  vor  uns  den  kahlen  Granitfelsen  Simo  ikari,  an 
Steuerbord  die  Gestade  der  Landschaft  Ijo  mit  ihren  unzähligen  Inseln  und  an  Back- 
bord die  mit  Felsen  besäte  Küste  von  Bingo.  Der  Abend  trat  ein  und  mit  ihm  die 
Ebbe.  Da  unser  Schiffer  bei  ablaufendem  Ebbestrom  und  im  Dunkeln  (denn  es  war 
Neumond)  auf  Untiefen  und  Klippen  zu  stofsen  fürchtete,  so  richtete  er  den  Kurs 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


N.  auf  die  Küste  und  liefs  dicht  dabei  auf  der  Höhe  von  Mibara  Regen  10  Uhr  die 
Anker  fallen. 

[5.  März.]  Mit  Tagesanbruch  unter  Segel;  laufen  durch  den  Kanal,  welchen  die 
Insel  Jamabusima  mit  Mekarisima  bildet,  lassen  Nosima  an  Backbord  liegen  und  be- 
finden uns  gegen  9 Uhr  in  einem  geräumigen  Fahrwasser,  dem  Misimanada,  welches 
sich  hier  zwischen  den  beiden  Landspitzen  von  Sikoku,  dem  Kap  Mijasaki-hana 
und  Kap  Hakonosaki,  zu  einem  15  Ri  breiten  und  beinahe  gleich  tiefen  Golf  aus- 
breitet. An  Backbord  die  Insel  Tasima,  an  Steuerbord  Jukesima.  Hier  machten  wir 
Längeobservationen  mittels  Chronometers  und  befanden  uns  nach  diesen  auf  1 3 3 0 a2 3 ' 
ö.  L.  v.  Greenw.  Wir  steuerten  mit  SO. -Kurs  gerade  auf  Kap  Hakonosaki  zu  bis 
Mittag,  wo  wir  bei  heiterem  Himmel  die  Sonnenhöhe  nahmen.  Wir  waren  unter 
340  16'  n.  B.  und  peilten  den  Berg  Konpira  S.  63°  O.  und  den  Inojama  S.  770  O. 

Heute  früh  kamen  wir  an  der  Südspitze  des  Fürstentums  Bingo,  Kap  Abuto 
vorbei,  worauf  sich  der  dem  Kwanwon  geweihte  Tempel  Bantaizi  befindet,  der  auf 
einem  Felsen  am  Fufse  des  Berges  Kaitsjosan  steht.  Der  einem  Leuchtturm  ähnliche 
Turm  des  Tempels  ist  fernhin  sichtbar.  Das  Kloster  und  das  Dorf  Abuto  liegt  nahe 
dabei  in  einer  Bucht,  von  kahlem  Granitgebirge  eingeschlossen.  Seeleute  und  Reisende 
pflegen  hier  dem  Abgotte  zu  opfern  und  seinen  Beistand  anzurufen.  Das  Opfer  der 
Andächtigen  besteht  gewöhnlich  in  12  Scheidemünzen  Seni  (eine  auf  jeden  Monat  im 
Jahre  gerechnet),  welche  sie  auf  ein  Brettchen  binden  und  unter  Gebet  in  die  See 
werfen.  Die  zahlreichen  Opfer  werden  durch  Fischer,  welche  im  Dienste  der  Mönche 
stehen,  aufgefischt.  Berühmter  noch  als  Wallfahrtsort  ist  gegenüber  auf  der  Küste  von 
Sikoku  das  Konpira  Kloster  unterhalb  des  Kaps  Hakonosaki  auf  dem  Berge  Konpira.  Die 
Entfernung  des  Tempels  Abuto  von  Konpira  geben  die  Japaner  auf  10  Ri  an.  Diese 
Angabe  ist  höchst  wichtig,  da  sie  sowohl  unsere  Beobachtungen  als  die  der  Astro- 
nomen zu  Jedo  über  die  nördliche  Grenze  der  Insel  Sikoku  bestätigt.  Demnach  be- 
trägt die  Entfernung  des  Kap  Mijasakihana  auf  Sikoku  von  der  Küste  von  Aki  auf 
Nippon  10'  und  die  vom  Kap  Hakonosaki  12k  Innerhalb  dieser  beiden  Meerengen, 
welche  durch  bedeutende  Inselgruppen  überdies  noch  versperrt  sind,  breitet  sich  nun 
das  obengenannte  Seegebiet  Misima-nada  als  ein  Wasserbecken  von  45  bis  50  Quadrat- 
meilen aus.  An  den  beiden  engen  Mündungen  des  Beckens,  ost-  und  westwärts,  bricht 
der  Ebbestrom  mit  ungewöhnlicher  Schnellheit  und  Stärke  durch,  während  er  aufser- 
halb  des  Beckens  sich  ungehindert  in  die  geräumigen  Gewässer  des  Suwö-  und  Harima 
nada  zurückziehen  kann.  Dagegen  erreicht  die  von  beiden  Seiten  eindringende  Flut 
im  Misima-nada  selbst  eine  weit  beträchtlichere  Höhe  als  aulserhalb,  wozu  auch  die 
vielen  und  bedeutenden  Flüsse,  welche  sich  darein  entleeren,  das  ihrige  beitragen, 
während  die  örtlichen  Verhältnisse  und  Winde  vielseitige  Störungen  der  Meereszeiten 
in  diesem  Gebiete  veranlassen.  Alles  das  kennen  die  erfahrenen  und  verständigen 
japanischen  Seeleute,  und  unsern  bescheidenen  Steuermann  haben  wir  oft  im  stillen 
bewundert,  wie  er  die  Aufforderungen  von  seiten  des  Gesandten  zur  Beschleunigung 
der  Seereise  mit  dem  dem  Japaner  angebornen  Dienstgehorsam  und  mit  triftigen 
Gründen  abzulehnen  suchte  und,  wenn  durchaus  keine  Vorstellungen  halfen,  die 
Strömung  mit  Hülfe  von  Bugsierfahrzeugen  überwand.  Oft  nahmen  40  kleine  Fahr- 
zeuge mit  150  Ruderern  und  darüber  die  Barke  ins  Schlepptau. 

Der  Berg  Konpira,  ein  isolierter  Kegelberg,  liegt  im  Bezirke  Utari  des  Fürsten- 
tums Sanuki,  einige  Ri  landeinwärts.  Er  ist  weit  im  Meere  sichtbar  und,  wenn  man 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


ihm  näher  kommt,  durch  seine  üppige  Vegetation  kenntlich;  denn  ein  immer  grüner 
Wald  bedeckt  ihn  bis  zum  Gipfel.  Die  Kamihallcn,  Tempelhaine  und  Anlagen,  über- 
haupt die  ganze  Umgegend  dieses  Berges  sollen  bezaubernd  schön  sein.  Aufser  dem 
Haupttempel,  der  dem  Konpira  Gongen  geweiht  ist,  sind  dort  auch  zu  Ehren  anderer 
Kamis  Kapellen  erbaut.  Auch  dem  Konpira  Gongen  befehlen  die  Seeleute  ihr  Leben 
an  und  bringen  ihm  ein  Opfer,  welches  gewöhnlich  in  einem  kleinen  Fäfschen  Sake 
und  einigen  Münzen  besteht  und  in  die  See  geworfen  wird.  Fischer  oder  Land- 
leute, welche  dergleichen  Gaben  in  der  See  oder  am  Strande  linden,  stellen  sie  so- 
gleich dem  Kloster  zu  und  erhalten  dafür  einen  Ablafszettel.  Sie  verfahren  dabei  um 
so  gewissenhafter,  da  für  Unterschlagung  des  Kirchengeschenkes  eine  Gottesstrafe  an- 
gedroht ist. 


Wir  nehmen  Kurs  nach  Siraisi,  darauf  nach  den  Inseln  Siakusima.  Es  sind  ihrer 
sieben,  und  man  nennt  sie  daher  gewöhnlich  Nanasima  (die  sieben  Inseln).  Die  Ebbe 
begünstigte  unsere  Fahrt;  da  es  aber  nicht  ratsam  schien,  die  Nacht  unter  Segel  zu 
bleiben,  so  steuerten  wir  nordwärts  und  kamen  mit  der  Abenddämmerung  bei  Hirni 
vor  Anker.  Seit  unserer  Fahrt  in  diesem  Inselmeere  verlebten  wir  die  genufsreichsten 
Tage  unseres  seitherigen  Aufenthaltes  in  Japan.  Bezaubernd  schöne  Inselansichten 
wechseln  mit  jeder  Wendung  unseres  Schiffes,  überraschend  sind  die  Ansichten  der 
Gestade  von  Nippon  und  Sikoku,  welche  sich  zwischen  den  Inseln  und  Felsen  öffnen 
— bald  eine  niedrige  Hügelbildung  mit  grüner  Saat  und  blühenden  goldgelben  Reps- 
feldern, belebt  von  Bauern-  und  Fischerhütten,  bald  schroffe  Felsenwände  mit  Wasser- 
fällen, oder  hinter  immer  grünen  Wäldern  die  hervorragenden  Zinnen  fürstlicher  Schlösser 
und  zahlreiche  Tempel  und  Klöster,  womit  die  Gegend  geschmückt  ist.  In  weiter 
Ferne  die  südliche  und  nördliche  Bergbegrenzung  mit  hochgewölbten  Domen,  sie  über- 
ragenden Kegeln,  zackigen,  zerrissenen  Bergspitzen  — Gipfel  und  Schluchten  mit  Schnee 
bedeckt.  Ein  nicht  weniger  merkwürdiges  Schauspiel  bieten  die  einzelnen  Inseln, 
welche  dicht  an  uns  vorbeiziehen.  Oft  sind  es  steile,  kahle,  unfruchtbare  Felsblöcke 
von  grobkörnigem,  rötlichem  Granit,  welchen  Adern  von  glänzendweifsem  Quarz  und 
glimmerndem  Gneis  durchziehen,  oft  sanfte  Hügelbildungen  mit  üppiger  Waldvege- 
tation, oft  gleichen  sie  zerrissenen  Thalwänden,  deren  Fufs  eine  Menge  loser  Blöcke 
bedeckt.  Viele  dieser  Eilande  charakterisieren  sich  durch  die  steilen  Ufer  und  sind 
als  die  Spitzen  einer  unter  dem  Meere  fortlaufenden  Bergkette  zu  betrachten,  deren 
Richtung  durchgehends  NO.  ist,  und  deren  Gebirgsart  für  die  Entstehung  durch  vul- 
kanische Kräfte  spricht.  Es  ist  ein  Schauplatz  vorgeschichtlicher  Erdrevolutionen,  aber 
das  mildere  Inselklima  und  tausendjähriger  Fleifs  haben  ihn  zu  einem  wildromantischen 
Garten  umgeschaffen.  Zwar  ist  jetzt  die  Vegetation  im  Stillstände,  und  die  Inseln 
tragen  noch  den  Wintertypus  der  japanischen  Flora;  aber  die  zahlreichen  Gattungen 
von  Bäumen  mit  immergrünen  Blättern,  und  namentlich  die  prachtvollen  Koniferen, 
die  Cedern  und  Tannen,  diese  Charaktergewächse  von  Japan,  und  einige  frühzeitig 
blühende  Bäume  und  Sträucher  geben  der  Landschaft  das  Ansehen  eines  ewigen 
Frühlings. 


Die  Temperatur  ist  in  diesem  Inselmeere  auch  wirklich  milder  als  in  anderen 
südlicheren  Landstrichen  Japans,  was  eine  natürliche  Folge  der  hohen  Nordost- 
Bergbegrenzung  und  der  Menge  dunkler  Felsen  und  Gesteine  ist,  womit  die  Inselufer 
bedeckt  sind,  und  welche,  zur  Fbbezeit  vom  Wasser  entblöfst,  die  Wärmestrahlen 
einsaugen  und  den  Boden  und  das  Wasser,  womit  sie  die  Flut  überströmt,  erwärmen; 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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daher  auch  um  diese  Jahreszeit  die  am  Abend  aufsteigenden  Seenebel  in  diesem 
Inselmeere.  Die  mittlere  Temperatur  der  vier  letzten  Tage  war  47 0 Fahrh.  Nicht 
weniger  als  die  schöne  Natur  ergötzte  uns  der  lebhafte  Verkehr  in  diesen  Gewässern. 
Hunderte  von  Handelsschiffen  begegneten  uns,  und  unzählige  Fischerboote  belebten 
unter  fröhlichem  Rudergesange  bei  Tage  und  beleuchteten  zur  Nachtzeit  mit  ihren 
Fischerfackeln  die  See.  Auch  auf  unserer  Barke  herrschte  unter  dem  japanischen 
Gefolge  Heiterkeit,  diese  Würze  des  geselligen  Zusammenlebens,  dies  Stärkungsmittel 
unter  erschöpfenden  Reisestrapazen;  aber  düster  war  und  düsterer  wurde  mit  jedem 
Tage  die  Stimmung  unseres  Gesandten. 

[6.  März.]  Gehen  frühe  ans  Land.  Da  der  Himmel  trübe  war,  mufsten  wir, 
auf  Längebeobachtungen  verzichtend,  uns  mit  einigen  Kompafsobservationen  be- 
gnügen. 

O O 

Auf  den  älteren  japanischen  Karten  wird  das  Land,  auf  dessen  SO. -Küste  unter 
andern  Ortschaften  die  Dörfer  Hirni  und  Mukohimi  (oder,  wie  sie  ebenfalls  genannt 
werden,  Hibi)  liegen,  als  eine  Halbinsel  dargestellt,  welche  durch  eine  schmale  Land- 
zunge mit  der  Landschaft  Bitsiu  auf  Nippon  zusammenhängt.  Auf  den  neueren  Karten 
dagegen  ist  es  eine  Insel,  welche  einen  Bezirk  des  Fürstentums  Bizen  bildet  und  als 
solcher  Kosima  (die  Kinderinsel)  heifst.  Auch  unser  wiederholt  genannter  Seeweg- 
weiser  bestätigt  das  letztere  und  zeigt  zwischen  Kosima  und  dem  Festlande  eine  für 
kleinere  Schiffe  befahrbare  Strafse  an.  Wie  alle  gröfseren  Inseln  dieses  Seegebietes 
so  streckt  sich  auch  Kosima  NO.  und  SW.  Es  liegt  wie  ein  Vorgebirg  vor  der  niedern, 
von  Flüssen  durchschnittenen  Küste  der  Fürstentümer  Bizen  und  Bitsiu  und  ist  ein  iso- 
liertes Granitgebirg,  wie  sich  beim  ersten  Anblick  an  den  blofsgelegten  Küstenwänden 
und  Granitgeschieben,  welche  in  gröfseren  und  kleineren  Blöcken  am  Ufer  liegen, 
wahrnehmen  läfst;  auch  die  von  Granitgeschieben  erbauten  Dämme  und  Kaie  der 
Dörfer  zeugen  von  der  vorwaltenden  plutonischen  Formation  dieser  Insel,  welche 
aber,  höchstwahrscheinlich  erst  seit  den  letzten  Jahrhunderten,  durch  menschliche  Bei- 
hülfe vom  Festlande  abgeschieden  worden  ist.  Die  Südspitze,  Kap  Simotsui,  bildet 
mit  der  gegenüber  liegenden  nördlichsten  Spitze  von  Sikoku  eine  Meerenge,  die  nach 
japanischer  Angabe  nicht  über  3 Ri  und  nach  unseren  Beobachtungen  4'  bis  5 ',  so- 
mit eine  gute  Meile  breit  ist.  Hier  ist  der  wichtigste  militärische  Punkt  in  diesem 

Sunde;  denn  er  beherrscht  die  Verbindungslinie  des  ganzen  Binnenhandels  zwischen 
Osaka  und  dem  w-estlichen  Teile  von  Nippon  und  der  Nordküste  von  Sikoku. 

Nach  unseren  Beobachtungen  liegt  die  erwähnte  Nordspitze  von  Sikoku  S.  26°  W. 

vom  Dorfe  Mukohimi  und  der  Berg  Konpira  S.  420  W.  Die  Südspitze  von  Kosima, 
das  Kap  und  Dorf  Simotsui,  S.  48°  W.  Vor  Mukohimi  und  an  der  SO.-Spite  des 
Inselchens  Ohotsutsi,  welches  wir  S.  ii°  W.  peilten,  breitete  sich  eine  grofse  Sand- 
bank aus. 

Herr  Bürger,  der  sich  der  Gesellschaft  des  Colonel  de  Sturler  anschlofs,  sammelte 
Mineralien  und  stellte  seine  anderweitigen  geognostischen  Untersuchungen  an,  während 
wir  uns  mit  der  kümmerlichen  Felsenflora  befafsten  und  nach  den  Salinen  gingen, 
welche  sich  längs  dem  Strande  zwischen  Hirni  und  Mukohimi  befinden. 

Die  Beschaffenheit  des  Bodens  und  die  schroffen  Felsenwände  boten,  wie  ge- 
sagt, eine  arme  Vegetation,  und  auiser  einer  Thlaspi-Art  blühte  kein  einziges  Gewächs. 
Quercus  serrata  und  eine  andere  uns  noch  unbekannte  Eichenart,  Broussonetia  papyrifera, 
Pinus  Massoniana  und  densiflora  bilden  mit  jenen  auf  Jasiro  sima  bemerkten  Sträuchern 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


136 

und  mit  einzelnen  Bambus-  und  Rosenbüschen  das  Gehölze.  Eine  Potentilla,  Aster-, 
Chrysanthemum-  und  Artemisia  - Arten  bekleideten  die  Felsen,  und  am  Strande 
fanden  wir  Statice  Limonium  und  Chenopodium  virgatum,  welche  oft  ganze 
Stellen  des  salzigen  Bodens  bedeckten.  In  den  Dörfern  war  die  Nandina  domestica 
— jetzt  mit  zinnoberroten  Beeren  bedeckt  — und  die  Cycas  revoluta  häufig  ange- 
pflanzt, und  die  Hausgärtchen  mit  einer  niedrigen  Bambusart  (Ludolfia  spec.)  um- 
zäunt. Die  Cycas  und  die  Chamaerops  excelsa  sind  die  einzigen  Palmen,  deren  Ver- 
breitungssphäre sich  über  Südwest-Japan,  aber  nicht  ohne  Hülfe  der  Hortikultur 
ausgestreckt  hat.  Sie  folgen  der  Region  der  baumartigen,  gröfseren  Bambusarten  und 
verschwinden  mit  ihnen  allmählich  unter  höherer  Breite,  über  36°  n.  B. 

Die  Salinen  von  Himi  sind  sehr  merkwürdig.  Das  Seesalz  wird  hier  mittels 

O 

Veredelung  der  Seewassersole  durch  Sonnengradierung  gewonnen.  Es  ist  dies  in 
Japan  die  einzige  und  allgemein  übliche  Gradierungsart.  In  Vergleich  mit  der  Art 
und  Weise,  wie  man  in  Europa  das  bekannte  See-  oder  Boysalz  durch  Verdampfen 
im  Freien  erhält,  steht  die  Einrichtung  und  Verfahrungsart  der  Japaner  auf  einem 
hohen  Grad  der  Vollkommenheit.  Sie  hat  viel  Eigentümliches,  und  da  sie  unsers 
Wissens  unsern  Technikern  noch  unbekannt  ist,  so  wollen  wir  ihre  Beschreibung  hier 
folgen  lassen. 

Dicht  am  Seestrande  ist  eine  ebene  etwa  223  Meter  lange  und  70  Meter  breite 
Strecke  mit  einem  Damm  von  Granitgeschieben  (an  andern  Orten  von  Feldsteinen 
oder  Basalt)  umgeben  und  gegen  die  See  geschützt.  Das  Terrain  ist  wagrecht  ge- 
ebnet und  wird  von  einem  5 Sjak  (1,5 1 5 Meter)  und  darüber  breiten  Kanal,  der 
gleichfalls  abgedämmt  ist  und  durch  eine  Schleuse  mit  der  See  in  Verbindung  steht, 
durchschnitten  und  in  zwei  grofse  Abdampfungsbecken  geteilt,  die  durch  hölzerne 
Brücken,  welche  über  den  Kanal  gelegt  sind,  miteinander  in  Verbindung  stehen. 
Ganz  wie  ein  sogenannter  Polder  oder  ausgetrocknetes  Neuland  eingedeicht,  ward  ein 
solches  Terrain  längs  der  inneren  Seite  des  Dammes  mit  einem  etwa  r Meter  breiten 
Graben  umzogen  und  durch  parallel  laufende,  ebenso  breite  Gräben  gleichsam  in 
Beete  geteilt,  welche  10  bis  12  Meter  breit  sind,  und  deren  Anzahl  und  Länge  sich 
nach  der  Gröfse  des  Terrains  richtet.  Die  Gräben  stehen  durch  Schleusen  mit  dem 
Kanäle  in  Verbindung  und  können  bis  zu  einer  beliebigen  Höhe  mit  Seewasser  gefüllt 
werden.  Eine  besondere  Aufmerksamkeit  verdient  nun  die  Anlage  der  Beete  selbst 
sowie  die  darauf  angebrachten  Behälter  für  die  Sole.  Die  Beete  (dsiba)  be- 
stehen aus  drei  Schichten;  die  unterste  ist  Sand;  hierauf  folgt  eine  Lage  Thonmergel 
(haridsutsi),  die  etwvi  einen  halben  Meter  mächtig,  gehörig  planiert  und  festgeschlagen 
w7ird.  Über  diese  wird  eine  zolldicke  Schicht  feinen  Sandmergels  gebreitet  und  mit 
einer  besonderen  Harke  (Kake-ita)  geebnet.  Längs  der  Mitte  dieser  Beete  sind  in 
Abständen  von  ungefähr  10  bis  12  Meter  eigentümliche  Behälter  angebracht,  die  zur 
Auslaugung  des  mit  Salzteilen  geschwängerten  Sandmergels  und  zur  Aufnahme  der 
filtrierten  Sole  dienen  und  Nui  genannt  werden.  Wir  müssen  jedoch,  ehe  wir 
diese  Behälter  näher  betrachten,  noch  einen  Blick  auf  die  Beete  selbst  werfen. 

Nachdem  sie  mit  frischem,  trockenem  Sandmergel  gleichmäfsig  überdeckt  sind, 
wird  jeden  Abend,  oft  auch  des  Nachts,  aus  den  Gräben  Seewasser  darüber  hin- 
gegossen. Ist  dieses  an  der  Luft  und  durch  die  Sonnenwärme  verdunstet,  und  der 
Sandmergel  gut  ausgetrocknet,  was  man  noch  durch  wiederholtes  Auflockern  desselben 
mittels  einer  breiten  Harke  befördert,  so  wird  letzterer,  der  nun  mit  Salzteilen  ge- 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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schwängert  ist,  aufgenommen,  auf  Haufen  geschichtet  und  dann  weiter  nach  dem  Nui 
zum  Auslaugen  gefördert.  Das  Ebnen,  Trocknen,  Aufschaufeln  und  Fördern  des  Sand- 
mergels nach  dem  Nui  wird  mit  besonderen,  sehr  zweckmäfsigen  Geräten  verrichtet, 
die  schwerere  Arbeit  durch  Männer,  die  leichtere  durch  Frauen.  Die  ganze  Sand- 
mergelschicht heilst,  was  sie  in  der  That  ist,  Najami  dsutsi,  «rastlose  Erde)). 

Bezüglich  des  Auslaugungsbehälters  sind  uns  drei  verschiedene  Arten  bekannt 
geworden,  durch  welche  auf  eine  mehr  oder  weniger  einfache  Weise  derselbe 
Zweck  erreicht  wird.  Die  einfachste  Einrichtung  ist  folgende.  In  der  Mitte  des  Beetes 
wird  eine  länglich  viereckige,  ungefähr  3 Meter  lange,  1,5  Meter  breite  und  ebenso 
tiefe  Grube  gegraben,  mit  einem  eisenhaltigen  Thon  bestrichen  und  hierauf  mit  einem 
eigens  zubereiteten  wasserdichten  Mörtel  überzogen.  Auf  diesen  Behälter  als  Tropf- 
trog wird  ein  viereckiger,  hölzerner  Kasten  gestellt,  der  Seirö  heifst  und  aus  mehreren, 
gewöhnlich  drei,  Aufsätzen  besteht,  deren  durchbrochener  Boden  mit  einer  Strohmatte, 
die  als  Filtrum  dient,  belegt  wird.  In  dem  obersten  Aufsatz  dieses  Kastens  wird  der 
mit  Salzkrystallen  geschwängerte  Mergelsand  ausgelaugt,  worauf  die  Sole  langsam 
von  einem  Aufsatz  in  den  andern  durchsickert  und  sich  in  dem  Tropftrog  sammelt. 
Der  ganze  Apparat  wird  durch  einen  dachähnlichen  Strohdeckel  gegen  Regen 
geschützt. 

Nach  einer  andern  Einrichtung  tritt  an  die  Stelle  des  Seirö  ein  aus  Weiden  oder 
Bambus  geflochtener  Korb,  der  aufsen  mit  Thonerde  oder  Mörtel  überzogen  ist,  und 
worin  Bambus-  oder  Strohmatten  als  Filtrum  liegen. 

Komplizierter  ist  die  dritte  Art  des  Auslaugungsapparates,  bei  welcher  dieser 
in  einem  viereckigen,  ungefähr  3 Meter  langen,  1,50  breiten  und  0,50  Meter  tiefen 
hölzernen  Kasten  besteht,  der  auf  dem  Boden  und  aufsen  ringsum  an  den  Seiten  mit 
Mörtel  und  Thon  überzogen  ist  und  in  der  Mitte  durch  ein  Querholz  (Toaiita)  in 
zwei  gleiche  Hälften  abgeteilt  wird.  In  diesem  Kasten  sind  Bambus-  und  Strohmatten 
auf  Stäben  ausgebreitet,  wodurch  die  ausgelaugte  Sole  in  zwei  grofse  irdene  Töpfe 
(Maruban),  die  zu  beiden  Enden  des  Kastens  eingegraben  sind,  abfliefst.  Auf  einem 
Terrain,  wie  dem  oben  beschriebenen,  stehen  ungefähr  hundert  solcher  Eiltrierapparate 
mit  vier  Siedhäusern.  In  kleineren  Sonnengradierungen  wird  die  auf  obige  Weise 
gewonnene  Sole  in  grofsen  irdenen  Töpfen,  bei  gröfseren  in  einem  gleichfalls  mit 
Thon  und  Mörtel  aus^emauerten  Bassin  bewahrt  und  von  da  aus  nach  der  Siederei 
geleitet,  wo  man  sie  in  grofsen  irdenen  Gefäfsen  (Suke-dsubo  oder  Hülfskrüge)  zum 
Versieden  bereit  hält.  Das  Siedhaus,  die  Hütten  der  Arbeiter,  die  Holzmagazine 
u.  s.  w.  stehen  gewöhnlich  beisammen  auf  dem  Damm.  Solche  Sonnengradierungen 
nehmen  oft  ein  ausgebreitetes  Terrain  ein,  und  die  Siedhäuser  und  Wohnungen  gleichen 
einem  weit  auseinander  liegenden  Dorfe.  Jedes  arbeitsfähige  Glied  der  Gemeinde 
nimmt  an  der  Arbeit  teil. 

Die  Siedhäuser  oder  Salzkothen,  welche  im  Japanischen  Kamaja  heifsen,  sind 
gewöhnlich  40  Quadrat-Sjaku  (1  Sjaku  = 3,0303  Dezimeter)  grofse,  mit  Stroh  ge- 
deckte Hütten,  haben  einen  6 Sjak  weiten  Eingang  und  am  Dach  eine  grofse  Öff- 
nung für  Rauch  und  Dampf.  In  der  Mitte  der  Hütte  befindet  sich  der  Herd,  der 
ungefähr  3,5  Meter  lang  und  2,575  Meter  breit  ist.  Der  Herd  besteht  aus  einer 
Pfanne  (Kannabe)  zum  Einsieden  der  Sole  und  aus  einer  sogenannten  Soogpfanne 
(Kama),  welche  zur  Aufnahme  der  eingesottenen  Sole  dient  und  die  Anschiefsung 
des  Salzes  befördert. 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


i38 

Mit  Soogstielen  (Kana  jeburi)  wird  das  in  der  Kama  angeschossene  Salz  aus- 
gewirkt, d.  h.  mit  Schaufeln  in  Körbe  gefüllt,  und  hiemit  ist  •eine  Siedung  vollendet. 
Die  Körbe  (Siwokago)  zum  Ablecken  des  Salzes  haben  die  Gestalt  eines  umgekehrten 
Kegels  und  werden  auf  einen  irdenen  Topf  (Nigari  tsubo)  gesetzt,  worin  man  die 
ablaufende  Mutterlauge  (Nigari)  auffängt.  Dieser  Lauge  bedient  man  sich,  um  das 
in  der  Kama  festsitzende  Salz  (wohl  auch  den  sogenannten  Pfannenstein?)  wieder  auf- 
zulösen. Das  gehörig  getrocknete  Salz  wird  in  gröfseren  und  kleineren  Strohsäcken 
abgewogen  und  zur  Versendung  verpackt.  Mit  besonderer  Sorgfalt  bereitetes  Salz 
wird  in  ungebrannten  Thontöpfen  eingestampft,  hermetisch  mit  einem  Thondeckel  ver- 
schlossen und  samt  den  Töpfen  gebrannt.  Solches  Salz  ist  natürlich  steinhart  und  trocken 
und  sehr  geeignet,  in  tropischen  Klimaten  trocken  erhalten  und  als  Tafelsalz  verspeist  zu 
werden.  Nach  Ostindien,  wo  man  oft  halb  zerflossenes  Salz  auftischen  sieht,  würde 
dies  ohne  Zweifel  ein  vorteilhafter  Artikel  der  Ausfuhr  sein. 

Wir  besuchten  die  beiden  Dörfer  Mukohimi  und  Hirni,  deren  Bewohner  sich 
durch  Wohlstand  auszeichnen.  Die  Leute  staunten  uns  neugierig  an,  und  wir  erfuhren 
von  ihnen,  dafs  noch  nie  ein  Niederländer  in  diese  Orte  gekommen  sei. 

Die  wiederholt  von  uns  gemachte  Bemerkung,  dafs  in  Japan  an  jenen  Orten, 
wo  irgend  ein  Zweig  der  Nationalindustrie  im  grofsen  oder  fabrikmäfsig  betrieben 
wird,  allgemeiner  Wohlstand  herrscht,  und  jene  dürftige,  an  Leib  und  Seele  verarmte 
Volksklasse,  welche  die  europäischen  Fabrikstädte  mit  dem  Siegel  menschlichen  Elends 
und  der  Verworfenheit  bezeichnet,  nicht  bestehe,  sahen  wir  auch  hier  bestätigt.  Man 
findet  da  aber  auch  nicht  jene  Fabrikkönige,  welche,  im  Besitze  unermefslicher  Schätze, 
das  goldne  Scepter  über  den  halb  verhungerten  Auswurf  der  Bevölkerung  schwingen. 
Arbeiter  und  Herren  sind  zwar  hier  durch  noch  strengere  Konvenienz  als  in  Europa 
voneinander  geschieden,  aber,  als  Mitmenschen,  durch  die  Banden  wechselseitiger  Ach- 
tung und  Gefälligkeiten  wieder  um  so  enger  verknüpft.  Auch  haben  die  fabrikmäfsig  be- 
triebenen Zweige  der  Industrie  hier  zu  Lande  die  für  das  gesellige  Leben  wohlthätige 
Einrichtung,  dafs,  wenn  auch  ganze  Dörfer  und  Städte  sich  damit  beschäftigen,  doch 
jede  einzelne  Familie  unter  der  Aufsicht  des  Familienhauptes  ein  Glied  der  zahlreichen 
Gilde  der  arbeitenden  Volksklasse  ausmacht.  Die  Centralisierung  einer  arbeitenden 
Menschenmasse  zur  Erreichung  eines  einseitigen,  oft  rein  persönlichen  Zweckes  — 
Fabrikarbeiter  oder  Söldlinge  — bleibt  immer  eine  bedenkliche  Malsregel,  welche 
Entmenschung  und  Unmenschlichkeiten  jeder  Art  zur  unvermeidlichen  Folge  hat. 

Nach  einem  kurzen  Aufenthalt  am  Lande  rief  uns  ein  Signal  nach  der  Barke 
zurück,  wo  uns  Colonel  de  Sturler  mit  Ungeduld  erwartete.  Unsere  Ausbeute  an 
Naturalien  war  gering. 

Am  Strande  bemerkten  wir  eine  sinnreiche  Weise,  Sepien  zu  fangen.  Es  hatten 
nämlich  die  Fischer  an  langen  Strohseilen  grofse  Schneckenhäuser  von  einer  Art  Buc- 
cinum  gereiht,  welche  sie  in  die  See  legen.  Die  Sepien  oder  sogenannten  Tinten- 
fische, hier  eine  Art  Octopus  (jap.  Tako),  suchen  diese  Häuser  auf,  kriechen  instinkt- 
mäfsig  hinein  und  werden  beim  Aufziehen  der  Seile  in  dem  vermeintlichen  Zufluchts- 
ort,  in  den  sie  bei  der  Bewegung  des  Seiles  sich  noch  fester  einnisten,  gefangen. 
Diese  Eigenschaft  macht  uns  auf  die  bekannten  Weichschwanzkrebse  (Pagurus)  und 
noch  mehr  auf  das  merkwürdige  Weichtier  aufmerksam,  welches  den  Argonauta  argo 
bewohnt.  Dafs  das  Schiflsboot  des  Nautilus  von  einem  dem  Tintenfisch  ähnlichen 
Weichtiere  bewohnt  werde,  wissen  die  Japaner  schon  lange  und  heifsen  es  daher 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


139 


Tako  fune,  Sepienboot,  weil  sich  wahrscheinlich  das  Tier  bei  Windstille  in  seinem 
Schneckenschiffe  auf  der  Oberfläche  der  See  treiben  läfst. 

Man  mufs  unter  Segel  gehen;  der  Gesandte  befiehlt’s  und  requiriert,  weil  Wind 
und  Strom  entgegen  sind,  dreifsig  Bugsierfahrzeuge.  Doch  kaum  haben  wir  die  Bucht 
von  Hirni  verlassen,  so  werden  die  Anker  ausgeworfen.  Jetzt  finden  die  Vorstellungen 
der  Japaner  bei  dem  Gesandten  Eingang  — wir  sind  ja  von  der  Küste,  wo  wir  noch 
manche  denkwürdige  Beobachtungen  hätten  anstellen  können,  abgeschnitten.  Da- 
für  trugen  wir  in  unser  Journal  eine  Stelle  ein,  welche  wir  mit  gleicher  Genugthuung 
wiedergeben,  wie  wir  sie  einst  mit  Wehmut,  aber  mit  Entschlossenheit  niedergeschrieben 
haben.  «Ich  habe  einen  harten  Kampf  zu  kämpfen  mit  meinen  beiden  europäischen 
Reisegefährten,  soll  ein  guter  Erfolg  meiner  wissenschaftlichen  Forschungen  erreicht 
werden:  doch  — si  illabatur  orbis,  impavidum  ferient  ruinae!» 

[7.  März.]  Mit  Tagesanbruch  die  Anker  gelichtet.  Werden  von  den  gestrigen 
Bugsierbooten  in  die  See  gebracht;  lassen  gegen  8 Uhr  bei  einem  günstigen  SW.- 
Winde  die  Bugsierfahrzeuge  zurück;  passieren  an  Steuerbord  die  Inselchen  Osima, 
Siwotawara  (Salzsack) , Kadesima  und  Sjödesima  und  halten  auf  die  grofse  Insel  Sjö- 
dosima  (auch  Sjötsusima  genannt)  N.  89°  O.  an;  die  Bucht  von  Himi  peilten  wir 
S.  470  W.  An  dieser  Stelle  nahmen  wir  Längenbeobachtungen  mittels  Chronometers 
und  befanden  uns  demnach  unter  1 3 3 0 54'  ö.  L.  von  Greenw. 

Die  figurativen  Karten  und  Seeweiser  der  Japaner  kommen  in  diesem  Insel- 
bezirke gut  zu  statten;  man  kann  sich  nach  ihnen  besser  orientieren  als  nach  Kämpfers 
Itinerarium  und  anderen  nach  japanischen  Originalen  konstruierten  Seekarten.  Auch 
wollen  wir  zu  wiederholten  Malen  anraten,  sich  hier  der  Führung  japanischer  Lotfen 
anzuvertrauen.  Selbst  unsere  Andeutungen,  die  sich  beim  schnellen  Vorübersegeln 
blofs  auf  einige  Stellen  beschränken  und  nur  als  unterbrochene  Punkte  einer  Linie 
zu  betrachten  sind,  welche  wir  nach  japanischen  Karten  fortgesetzt  haben,  wollen 
wir  nicht  hoch  anpreisen.  Eine  genauere  Kenntnis  dieses  Seegebietes  verdanken  wir 
dem  mehrmals  gerühmten  kaiserlichen  Astronomen  Takahasi  Sakusajemon. 

Gegen  Mittag  steuerten  wir  ONO.,  hatten  voraus  die  Jesima-Gruppe,  die  Nord- 
spitze von  Sjödosima  an  Steuerbord  S.  29 0 O.  und  Kap  Akosaki  N.  39 0 O.  Hier 
nahmen  wir  eine  Sonnenhöhe  und  befanden  uns  demnach  unter  340  n.  B.  Im  N.  z.  O. 
sahen  wir  hohes  Land,  welches  man  für  die  Insel  Awadsi  hielt.  Gegen  3 Uhr  nach- 
mittags drehte  sich  der  Wind  und  blies  heftig  aus  Norden.  Wir  lavierten  bis  auf 
einen  Abstand  von  1 Ri  unter  die  Küste  von  Muro,  wo  uns  Bugsierfahrzeuge,  welche 
man  bereit  gehalten  hatte,  zu  Hülfe  kamen  und  uns  nach  dem  Hafen,  der  N.  42 0 O. 
sich  vor  uns  öffnete,  bugsierten.  Beim  Einsegeln  machten  wir  folgende  Kompafs- 
observationen:  Nordspitze  von  Awadsi  S.  66°  O.,  Westspitze  S.  44 0 O.,  Kap  Taka- 
sago  S.  750  O. 

Das  Hotel,  welches  wir  bewohnen,  ist  das  gewöhnliche  Absteigequartier,  welches 
die  Fürsten  von  Kiusiu  und  einigen  andern  Landschaften  auf  ihrer  Reise  nach  dem 
Hofe  zu  Jedo  beziehen.  Man  hat  auf  der  Vorderseite  die  Aussicht  auf  die  Strafse 
und  auf  der  Rückseite  sieht  man  den  Hafen  und  den  Teil  der  Stadt,  der  ihn  umgiebt. 
Die  Zimmer  und  namentlich  die  für  einen  fürstlichen  Gast  bestimmten  Appartements 
sind  bei  aller  Einfachheit  mit  bewundernswerter  Nettigkeit  und  vielem  Geschmack 
gebaut  und  eingerichtet,  was  einem  um  so  mehr  auffällt,  da  sie  nur  mit  einigen 
wenigen  Möbeln  ausgeschmückt  sind.  Der  Gesandte  bezog  die  fürstlichen  Gemächer, 


140 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


drei  an  der  Zahl:  ein  Vorzimmer,  welches  zugleich  der  Empfangsaal  ist,  und  zu  beiden 
Seiten  ein  Zimmer.  Im  Vorzimmer  ist  in  einer  Ecke  ein  Gemach  von  einem  Quadrat 
Ken  (1,818  Meter)  durch  Schiebthüren  abgeschieden;  es  dient  für  den  Sekretär 
des  Fürsten.  Die  beiden  andern  Zimmer  sind  durch  zwei  Stufen  über  dem  Boden  des 
Vorzimmers  erhöht  und  durch  Schiebthüren  davon  abgesondert.  In  dem  zur  Linken 
befindlichen  ist  ein  abermals  erhöhter  Sitzplatz  von  einem  Quadrat-Ken,  den  man  bei 
Öffnung  der  Schiebthüren  gerade  vor  sich  sieht.  Es  ist  dies  der  Platz,  den  der  Fürst, 
als  höchste  Person,  nicht  nur  bei  Gelegenheit  einer  Audienz,  sondern  auch  jedesmal 
dann  einnimmt,  wenn  er  sich  dem  Hofpersonale  zeigt,  und  die  Schiebthüren  geöffnet 
sind;  auch.,  dient  dieses  erhöhte  Ruhebett,  das  einem  Divan  zu  vergleichen  ist,  zur 
fürstlichen  Schlafstätte.  Das  andere  Gemach  zur  Rechten  ist,  wie  gesagt,  auch  für  den 
Fürsten  und  seine  Person  unmittelbar  betreffende  Zwecke  eingerichtet.  Diese  Gemächer 
sind  verhältnismäfsig  klein  und  nehmen  zusammen  einen  Flächenraum  von  nicht  über 
36  Quadrat-Ken  ein.  Alles  Gebälke  in  den  Zimmern  ist  sichtbar,  und  die  Staffeln  und  der 
Plafond  von  Holzarbeit.  Ein  glatter  einfarbiger  Kalküberzug  (gewöhnlich  von  pfirsich- 
blüten  — ocker-  oder  schwefelgelber  Farbe)  bedeckt  die  Wände;  die  Schiebthüren  sind 
ungemein  leicht,  zum  Teile  ganz  aus  Holz  gearbeitet,  zum  Teile  blofs  mit  bemaltem 
und  vergoldetem  Papier  überzogene  hölzerne  Rahmen,  oder  mit  halbdurchscheinendem 
weifsem  Papiere  beklebte  fensterähnliche  Gitter.  Letztere  sind  eigentlich  Fenster,  und 
einige  davon  gehen  auf  das  Hausgärtchen.  So  einfach  die  Bauart  dieser  Gemächer  ist, 
so  tragen  sie  doch  das  Gepräge  grofsen  Luxus.  Alles  sichtbare  Holz  ist  ausgesuchtes 
Cedernholz  (Cryptomeria  japonica);  zu  den  Thür-  und  Fensterrahmen  dient  eine  fein- 
gestreifte Sorte  Zin  dai  sugi,  und  zur  Füllung  der  Thüren  und  zum  Plafond  die  kost- 
bare geflammte  Sorte  Jaku  sugi,  welche  fein  behobelt,  geglättet  und  blofs  mit  Öl, 
unter  welches  man  feinen  braunroten  Ocker  gemengt  hat,  eingerieben  ist,  so  zwar, 
dafs  die  Textur,  die  Adern  und  Flammen  des  Holzes  sichtbar  bleiben.  Oberhalb  der 
Schiebthüren,  welche  die  beiden  Gemächer  des  Fürsten,  vom  Vorzimmer  scheiden  und 
1 Ken  hoch  und  1/2  Ken  breit  sind,  nimmt  ein  etwa  2 Sjaku  hohes  Oberlicht  die  ganze 
Breite  der  Schiebthürenwand  ein.  Das  Oberlicht  ist  mit  zierlich  durchbrochenem 
Schnitzwerk  vom  kostbaren  Holze  der  jap.  Eiben,  Fichten  und  Ulmen  (Taxus  cuspi- 
data,  Cephalotaxus  drupacea  und  pedunculata,  Abies  Tsuga,  Ulmus  Keaki),  dem  man 
seine  natürliche  Farbe  liefs,  ausgefüllt.  A11  einigen  Schiebthüren  ist  die  Füllung  mit 
bemaltem  und  zum  Teil  vergoldetem  Papiere  bekleidet,  und  feines,  halbdurchsichtiges 
Papier  vom  Papierbaum  (Broussonetia  papyrifera)  oder  von  der  Papier-Daphne  (Daphne 
papyrifera),  welchem  geschmackvolle,  einem  Spitzenmuster  ähnliche  Verzierungen  ein- 
geprefst  sind,  überzieht  die  Gitterfenster,  deren  Stabwerk  aus  dem  feinen  weifsen  Holze 
des  Sonnenbaumes  (Retinospora  obtusa)  verfertigt  sind,  während  aus  Kupferblech  ge- 
triebene, vergoldete  und  bronzierte  Beschläge  und  Rosetten  Thüren  und  Fenster  und 
hier  und  da  auch  das  Gebälke  verzieren.  Den  Fufsboden  bedecken  Binsenmatten,  die 
sich  durch  ihre  grünlichgelbe  Farbe,  durch  Feinheit  und  zierliche  Einfassung  mit  far- 
bigen gewirkten  Stoffen  auszeichnen.  Was  wir  hier  Matten  (Tatami)  nennen,  sind 
eigentlich  Strohpolster,  deren  je  zwei  ein  Viereck  von  1 Quadrat-Ken  (1,818  Meter) 
ausmachen.  Diese  Form  und  Gröfse  ist  im  ganzen  Reiche  genau  dieselbe,  wie  auch 
die  Gröfse  der  Zimmer  und  Hausräume  überall  nach  einer  bestimmten  Anzahl  Matten 
berechnet  wird;  daher. die  Ausdrücke:  Es  ist  ein  Zimmer  von  sechs  oder  mehr  Matten, 
ein  Haus  von  50  Matten  u.  dgl.  Diese  unabänderliche  Bestimmung  des  Mattenmafses 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


T4X 


hat  einen  bedeutenden  Einflufs  auf  die  Baukunst,  Gewerbe,  Haus-  und  Staatswirtschaft, 
wie  wir  an  einem  andern  Orte  zeigen  werden. 

Wir  haben  nun  noch  die  Möbel  in  den  beschriebenen  Gemächern  zu  betrachten. 
In  den  Absteigequartieren  fürstlicher  und  anderer  hohen  Personen  befindet  sich  ver- 
hältnismäfsig  noch  weniger  Hausrat  als  in  den  Privatwohnungen.  Denn  vornehme 
und  bemittelte  Leute  führen  ihre  Betten,  Tabaks-  und  Toilettegeräte,  Efs-  und  Trink- 
geschirre und  viele  andere  Bedürfnisse  mit  sich,  und  da  man  in  Japan  keine  Stühle 
und  Bänke,  Tische  und  Bettstätten  wie  bei  uns  hat,  so  sieht  es  in  den  dortigen  Zimmern 
ziemlich  leer  aus.  Am  Ehrenplätze  (Toko)  hängt  ein  Gemälde  (Kakemono),  das  auf 
den  Frühling  anspielt.  Vor  demselben  steht  ein  Blumen-  oder  Rauchwerktäfelchen 
und  zur  Seite  ein  lackiertes  Gestelle  (Katane  kake),  worauf  des  Fürsten  Säbel  zur 
Schau  gestellt  worden.  Jetzt  liegt  des  Gesandten  Stock  und  Degen  darauf.  Auf  der 
anderen  Seite  steht  ein  gleichfalls  lackiertes  Täfelchen,  das  Kamuri  dai,  worauf  die 
Mütze  oder  der  Hut  gelegt  wird.  I11  der  Mitte  oder  zu  beiden  Seiten  des  erhöhten 
Sitzplatzes  stehen  offene  Feuerherde  und  einfache  Tabaksgeräte  (Tabakobon);  sein 
eigenes,  tragbares,  das  in  der  Regel  sehr  kostbar  ist,  führt  der  vornehme  Reisende 
mit  sich.  Einige  Etageres  für  Schreibzeug,  Bücher  und  Theegeräte  vollenden  den  Haus- 
rat, und  die  Waffen  und  Insignien,  die  Harnischkisten  u.  dgl.  stehen  zum  Prunke  im 
Vorzimmer.  Jetzt  sind  die  Gemächer  mit  den  früher  beschriebenen  Reisegeräten  und 
andern  Necessaires  des  Gesandten  angefüllt. 

Das  Hotel,  an  der  Ostseite  des  Hafens  gelegen  und  ausschliefslich  zum  Absteige- 
quartier für  hohe  Herrschaften  erbaut  und  eingerichtet,  besteht  aus  vier  Haupt-  und 
mehreren  kleinen  Nebengebäuden,  welche  zusammen  einen  Raum  von  25  Ken  Länge 
und  halb  so  viel  Breite  einnehmen  und  mit  einer  2,50  Meter  hohen  Mauer  umgeben 
sind.  Von  der  Strafse  sind  drei  Eingänge  in  gleichen  Abständen;  der  zur  Linken, 
jetzt  mit  der  holländischen  Flagge  geziert,  führt  in  den  Vorhof  und  dann  zum  Por- 
tale der  Hauptwohnung,  welche  einstöckig  ist.  Die  beiden  Anbaue  sind  zweistöckig, 
und  im  vorderen  befindet  sich  ein  ziemlich  grofser  Saal  mit  der  Aussicht  auf  die 
Strafse,  im  hinteren  gleichfalls  ein  geräumiges  Zimmer  mit  der  Aussicht  auf  den 
Hafen.  Für  die  Dienerschaft,  Gepäck e u.  dgl.  besteht  ein  eigenes  Lokal,  das  nach 
der  Hafenseite  liegt. 

[8.  März.]  Der  Vormittag  wurde  mit  Länge-  und  Breiteobservationen  und  mit 
Besuchen  und  Konsultationen  zugebracht,  während  unsere  Schüler  nach  Fischen  und 
Vögeln  und  andern  Merkwürdigkeiten  auszogen,  und  der  Maler  Tojoske  eine  Plan- 
zeichnung des  Hafens  und  der  Umgebung  anfertigte. 

Wir  machten  hierauf  einen  Spaziergang  in  die  Stadt  und  besuchten  gelegentlich 
den  Kuinin,  der,  eben  unpäfslich,  nicht  im  Hotel  wohnte.  Wir  waren  so  glücklich, 
auch  als  Arzt  sein  Vertrauen  zu  besitzen,  und  hatten  ihn  seit  einigen  Tagen  in  Be- 
handlung, bis  Kö  Rjösai  seine  ärztliche  Pflege  übernahm. 

Wir  nahmen  nun  den  Hafen  von  Muro  in  Augenschein.  Eine  nähere  Kenntnis 
desselben  ist  in  kommerzieller  und  strategischer  Hinsicht  von  besonderer  Wichtigkeit, 
da  in  den  Hafen  von  Osaka  nur  kleine  Fahrzeuge  einlaufen  können  und  die  Rhede 
von  Hiögo,  wo  gröfsere  Schiffe  vor  Anker  kommen,  um  zu  lichten,  zu  offen  und  den 
hier  hausenden  gefährlichen  Stürmen  ausgesetzt  sind. 

O O 

Der  Hafen  von  Muro  wird  gebildet  von  einer  kleinen,  nordöstlich  sich  ein- 
biegenden Bucht,  in  deren  Hintergrund  sich  das  Städtchen  Muro  ausbreitet.  Am  Ein-» 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


gang  liegt  rechts  (auf  der  Ostseite)  auf  einem  Felsen  das  Wachthaus,  und  unter  dem- 
selben auf  einer  im  cyklopischen  Stil  erbauten  Mauer  sind  Batterien  errichtet,  welche 
den  Eingang  des  Hafens  bestreichen.  Vor  der  Wache  sahen  wir  zehn  Piken  mit 
Federbüschen  und  zu  jeder  Seite  vier  mit  gewöhnlichen  Futteralen  aufgepflanzt. 
Aul  der  entgegengesetzten  oder  Westseite  erhebt  sich  ein  felsiger,  mit  einzelnen 
Tannen  bewachsener  Vorberg,  Kap  Jamane,  an  dessen  Abhang  einige  Lusthäuser 
stehen.  Diese  beiden  Punkte  bilden  den  Eingang  in  den  Hafen.  Im  Hafen  selbst, 
der  zwar  klein,  aber  vor  Stürmen  geschützt  ist,  lagen  in  Reihen  mehr  als  fünfzig 
Schilfe  vor  Anker.  Hinter  dem  Kap  Jamane  zieht  sich  die  Küste  abermals  NO.  zu- 
rück und  bildet  mit  einer  vorspringenden  Landspitze  (sie  heifst  Mowuri)  gleichfalls 
eine  Bucht,  welche  sich  unsers  Erachtens  sehr  zu  einem  Ankerplatz  für  europäische 
Schilfe  eignet.  Sie  liegen  hier  nicht  blofs  vor  Stürmen  geschützt,  sondern  können  im  Falle 
von  Feindseligkeiten  sich  hier  auch  freier  als  im  Hafen  bewegen,  während  sie  im  Hafen, 
ringsum  von  Häusern,  Wachen  und  Tempeln  umgeben,  der  Feuersgefahr  ausgesetzt 
sind  und  ihnen  durch  Versenkung  japanischer  Fahrzeuge  am  Hafenmunde  leicht  der 
Ausgang  versperrt  werden  kann.  Vor  Einsperrung  mittels  Versenkung  von  Fahrzeugen 
und  vor  Brandern,  welche  die  japanische  Kriegslist  sehr  sinnreich  ausgedacht  hat  (wir 
werden  sie  später  kennen  lernen),  mufs  man  sich  im  Falle  von  Feindseligkeiten  sehr 
in  acht  nehmen.  Lord  Pellew  wäre  1809  mit  dem  Phaeton  nicht  aus  der  Bai  von 
Nagasaki  entschlüpft,  wenn  er  sich  etwas  tiefer  hineingewagt  hätte;  wir  wissen  dies 
aus  zuverlässigen  Quellen. 

In  der  Bucht  zwischen  Jamane  und  Mowuri  (wir  wollen  sie  nach  dem  darin- 
liegenden Fischerdorfe  O-ura  die  Bucht  von  O-ura  nennen)  können  Kriegsschilfe 
unter  jedem  Verhältnis,  auch  bei  dem  jetzigen  Abschliefsungssystem  der  Japaner,  keck 
vor  Anker  gehen.  Man  wird  ihnen  in  den  ersten  Tagen  nichts  anhaben.  Im  Hafen 
konnten  wflr  keine  eigentliche  Kriegsfahrzeuge  entdecken.  Übrigens  liegen  nach  einem 
im  Tempel  des  Murono  Mjözin  befindlichen  Votivbilde  oberhalb  der  Wache,  im  so- 
genannten Funakura  oder  Schiffshaus,  einige  derselben. 

Wir  bestiegen  Kap  Jamane,  von  wo  wir  die  beiden  Buchten  übersehen  konnten 
und  eine  freie  Aussicht  in  die  See  hatten.  Vor  uns  lag  die  Inselgruppe  Jesima,  hinter 
derselben  die  Insel  Awadsi,  deren  hohe  Gestade  sich  mit  der  SW. -Küste  von  Harima 
zu  vereinigen  schienen,  zur  rechten  Sjödosima,  und  ganz  im  Hintergründe  ragten  die 
hohen,  mit  Schnee  bedeckten  Gipfel  der  Gebirge  von  Sanuki  und  Awa  auf  der  Insel 
Sikoku  hervor. 

Dicht  bei  der  Mündung  des  Hafens  liegen  mehrere  Inselchen  und  Felsen  zer- 
streut, wir  zählten  deren  sechs,  welche  die  einlaufenden  Schilfe  an  Backbord  liegen 
lassen  und  erst  oberhalb  derselben  nach  der  Hafenmündung  einlenken.  Auch  liegt 
mehr  östlich,  in  der  Richtung  von  Kap  Takasaki,  eine  ähnliche  Gruppe.  Wir  peilten 
Kap  Takasaki  S.  740  O.,  die  Nordspitze  von  Awadsi  S.  66°  O.,  die  Jesima -Gruppe 
gerade  im  Süden,  die  östlichste  Insel  S.  240  O.  und  die  westlichste  S.  190  W.  Im 
S.  z.  O.  konnten  wir  zwei  einander  entgegenkommende  Landspitzen  sehen,  deren 
eine  wir  für  Kap  Tsui  von  Awadsi,  die  andere  für  Kap  Magosaki  von  Sikoku 
hielten.  Auch  konnten  wir  bei  Kap  Akösaki  die  Türme  des  Schlosses  von  Akö  unter- 
scheiden. 

Die  Jesima-Gruppe,  SSO.  von  Muro,  besteht  aus  4 gröfseren  und  34  kleineren 
Inseln  und  Felsen.  Die  westlichste  Insel  (sie  heifst  auch  im  Japanischen  Westinsel 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Nisi  sima)  ist  die  gröfste,  32 1/a  Strafsen  lang,  22  Strafsen  breit  (1  Strafse  oder  Sjö 
= 1,0909  Hektometer).  Sie  hat  an  der  Nordseite  einen  Hafen,  der  von  kleineren 
Fahrzeugen  besucht  wird.  Die  drei  übrigen  gröfseren  Inseln  dieser  Gruppe  sind  Saka- 
sesima,  Jesima  und  Avakäsima. 

Wir  kehrten  nach  dem  Städtchen  zurück  und  durchzogen  es  von  einem  Ende 
zum  andern.  Aufser  einigen  Kaufläden  waren  wenig  ansehnliche  Häuser  zu  sehen, 
und  die  Wohnungen  der  Einwohner  verrieten  geringen  Wohlstand.  Dies  ist  be- 
fremdend, da  doch  häufig  die  Landesfürsten  von  Kiusiu  und  vom  westlichen  Nippon 
auf  der  Reise  nach  Jedo  hier  ans  Land  steigen,  um  eine  Pilgerfahrt  nach  den  in  der 
Umgegend  berühmten  Kami-  und  Tempelhöfen  zu  machen  und  die  Reise  über  Land 
nach  Osaka  fortzusetzen.  Darum  kamen  auch  wir  hierher.  Besser  sind  die 
öffentlichen  Theehäuser  unterhalten,  und  im  Vorbeigehen  zog  eines  derselben 
unsere  Aufmerksamkeit  auf  sich.  Wir  traten  näher.  Zu  beiden  Seiten  des  Eingangs 
war  ein  geräumiges  Zimmer,  worin  15  bis  18  kostbar  gekleidete  und  frisierte  Mäd- 
chen in  einem  Halbkreis  oder  richtiger  in  einem  Viereck  safsen,  wovon  eine  Seite 
offen  gelassen  war.  Die  Schönheiten  waren  so  gereiht,  dafs  die  jüngeren  und 
hübscheren  im  Vordergründe,  im  hellsten  Lichte  safsen,  man  hatte  die  nach  der 
Strafse  gehenden  Lenster  zurückgeschoben.  Auf  uns  machte  die  Gruppe  dieser 
unglücklichen,  in  gezwungener  aber  anständiger  Haltung  zur  Schau  ausgestellten  Ge- 
schöpfe einen  traurigen  Eindruck;  das  Amazonen -Carre  mit  seinen  Resten  weib- 
licher Schönheit  und  jugendlicher  Blüten  schien  uns  ein  vom  Sturme  verwehtes 
Blumenbeet. 

Von  hier  durchzogen  wir  noch  einige  Strafsen  und  passierten  den  der  Sekte 
Sjödo  gehörigen  Tempel  Zjounzi,  an  dessen  Eingang  man  uns  den  Grabstein  einer 
aus  den  Zeiten  des  Heike-Krieges  berüchtigten  Schönheit  Namens  T01110  gimi  zeigte, 
welche  man  hier  als  die  Stifterin  des  früher  erwähnten  Fräuleinordens  verehrt.  Wir 
wandten  uns  nach  der  Seeseite  und  kamen  zum  berühmten  Kamihof  Muro  Mjözin 
jasiro,  der  oberhalb  der  Wache  liegt.  Ein  kolossaler  Ehrenbogen  (Toriwi)  aus  Stein, 
der  an  der  Basis  i1/2  Firo  (2,272  Meter)  breit  ist  und  7 Ken  hohe  Säulen  hat,  be- 
zeichnet den  Eingang. 

Die  Priester  nahmen  uns  sehr  freundlich  auf  und  zeigten  uns  die  Merkwürdig- 
keiten des  Kamihofes.  Sie  führten  uns  auch  nach  der  Halle,  wo  die  Votivbilder 
hängen,  und  machten  uns  als  Holländer  auf  ein  Seestück  aufmerksam,  das  zwei  hol- 
ländische Schiffe  in  offener  See  darstellt,  wie  sie  einander  salutieren.  Das  Bild,  eines 
der  gelungensten  der  Gallerie,  war  zu  Nagasaki  gemalt  und  1804  von  einem  Trofs- 
meister  Namens  Kisuke  ex  voto  hierher  gestiftet  worden.  In  derselben  Halle  be- 
merkten wir  mehrere  runde,  mit  Papier  überzogene  Schachteldeckel,  die  man  auf  einem 
Brette  befestigt  hatte.  Es  waren  Zentrumschüsse , welche  die  Schützen  mit  ihrer 
Unterschrift  gleichfalls  ex  voto  hier  deponiert  hatten.  Wir  besichtigten  hierauf  die 
Kamihallen,  die  Jasiros,  welche  auf  einer  etwa  2 Meter  hohen,  47,725  Meter 
langen  und  13,363  Meter  breiten,  von  einer  cyklopischen  Mauer  eingefafsten  Terrasse 
stehen,  zu  der  eine  breite  Steintreppe  von  fünf  Stufen  hinaufführt.  Die  Terrasse  ist 
mit  einem  Geländer  umgeben  und  bildet  einen  Balkon,  auf  dem  man  hin-  und  her- 
spazieren kann.  Hat  man  die  Treppe  erstiegen,  so  steht  man  vor  dem  Portale  einer 
langen,  schmalen  Gallerie,  die  mit  Gitterwerk  und  einer  Gitterthüre  versehen,  mit 
goldenen  Rosetten,  welche  das  Wappen  Futaba  awoi  vorstellen,  verziert  ist  und  ein 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Schindeldach  trägt,  dessen  Firste  und  ausgeschweifte  Ränder  mit  seegrün  bronziertem 
Kupfer  belegt  sind.  Durch  das  Gitterwerk  der  Gallerie  (denn  sie  selbst  bleibt  Laien 
verschlossen)  siebt  man  die  Vorderseite  von  fünf  Tempeln  oder  Mijas,  deren  Thüren  mit 
vergoldeten  Schlössern  geschlossen  sind.  Die  Dächer  dieser  Mijas  überragen  die  um 
vieles  niedrigere  Gallerie  und  können  somit  vom  Hofe  aus  gesehen  werden.  Das  Haupt- 
gebäude bildet  die  mittlere  dieser  fünf  Mijas,  die  gröfste  und  höchste,  und  sie  ist  dem 
Wake  ika  tsut-si-no  kami,  dem  Lenker  des  Fatums  des  Mikado  geweiht.  Auf  der  rechten 
oder  Ostseite  reihen  sich  ihr  zwei  kleinere  Kapellen  an,  deren  eine  Kataoka  jasiro,  die 
andere  Fudo-dano  jasiro  heifst;  ihnen  entsprechen  auf  der  linken  oder  Westseite  die 
Kamikapellen  Kibuneno  jasiro  und  Wakamija. 

Nachdem  man  im  Portale  Strohmatten  hingebreitet  hatte,  liefsen  der  Kuinin  und 
die  übrigen  Offiziere  und  Dolmetsher  sich  darauf  nieder  und  verrichteten  ihre  Andacht. 
Einige  Kupfermünzen,  die  sie  durch  das  Gitter  in  die  Gallerie  warfen,  galten  als  Opfer. 
Wir  gingen  hierauf  zu  dem  westlich  von  dieser  Kapellengruppe  auf  einer  ähnlichen 
Terrasse  stehenden  zweistöckigen  Turm,  der,  aus  FIolz  konstruiert,  ein  wahres  Meister- 
stück der  Baukunst  ist.  Er  war  erst  kürzlich  erbaut,  und  die  Priester  zeigten  uns  auch 
den  nett  gezeichneten  Aufrils,  von  dem  wir  uns  eine  Kopie  zu  verschaffen  suchten, 
was  uns  auch  gelungen  ist;  denn  wir  erhielten  sie  nebst  einer  Ansicht  des  beschriebenen 
Jasiro  und  einer  Aussicht  vom  Kloster  auf  die  See  im  folgenden  Jahre.  Den  pracht- 
vollen Turmbau  ausführlich  zu  beschreiben,  würde  uns  hier  zu  w7eit  abführen.  Wir 
wollen  blofs  bemerken,  dafs  derartige  Türme  nicht  dem  Kamidienste,  sondern  dem 
Buddhakultus  und  namentlich  der  Sekte  Singon  angehören  und  mit  dem  Buddhakultus 
gleichzeitig  in  Japan  eingeführt  wurden.  Dafs  ein  solcher  hier,  in  einem  Kamihofe 
vorkommt  und  noch  eine  Kapelle  des  Hatsiman  zur  Seite  hat,  läfst  sich  aus  dem  be- 
reits erwähnten  Kultus  Rjöbu  sintö,  der  auch  hier  eingedrungen  ist,  erklären. 

Die  sehr  höflichen  Priester  führten  uns  von  da  nach  ihren  Wohnungen.  Während 
wir  dahin  gingen,  bemerkten  wir  unweit  der  Steintreppe  der  Hauptterrasse  eine  Laube 
von  der  beliebten  Schlingpflanze  Fudsi  (Wisteria  Sinensis).  Es  hat  mit  dieser  eine 
eigene  Bewandtnis.  In  der  Nähe  der  Kamihalle,  wo  der  Lenker  des  Fatums  des 
Mikado  verehrt,  wo  den  Regenten  himmlischer  Abkunft  das  Orakel  verkündet  wird, 
verlangt  auch  der  Pilger  nach  einem  Götterspruche  und  hängt  nun  Zettelchen,  denen 
er  seine  Wünsche  anvertraut,  an  die  eben  sich  entwickelnden  Blumentrauben  des 
Fudsi.  Diejenigen  von  diesen,  wrelche  am  längsten  und  schönsten  werden,  geben 
Hoffnung  baldiger  Erfüllung.  Wie  wir  bereits  an  einem  anderen  Orte  bemerkt, 
nehmen  am  häufigsten  Verliebte  ihre  Zuflucht  zu  dem  Fudsi-Orakel.  Die  chine- 
sische Wisteria  und  auch  die  wunderwirkende  japanische  ist  jetzt  auch  in  Europa 
eingeführt,  eine  ohne  Zweifel  tröstliche  Mitteilung,  die  wir  im  Vorübergehen  machen. 

Wir  folgen  der  freundlichen  Einladung  der  Priester  nach  ihrer  Wohnung.  Sie 
führen  uns  in  einen  geräumigen  Saal,  wo  uns  eine  herrliche  Aussicht  auf  die  See 
von  Harima  überrascht.  Eines  der  schönsten  Seebilder,  die  wir  bis  dahin  in  Japan 
genossen,  und  die  Lage  und  Einrichtung  des  Saales,  wie  ist  sie  auf  einen  grofsartigen 
packenden  Eindruck  berechnet!  Er  öffnet  sich  nach  vorne  und  auf  beiden  Seiten, 
und  man  sitzt  gleichsam  auf  einem  Balkon,  der  auf  einem  in  die  See  überhängenden 
Felsen  erbaut  ist.  Zur  Rechten  hat  man  Kap  Jamane,  welches  mit  dem  Vor- 
gebirge, worauf  man  nun  selbst  sich  befindet,  den  Eingang  in  den  Hafen  bildet. 
Unterhalb  Jamane  schiebt  sich  die  Landspitze  Mowuri  vor,  und  hinter  dieser, 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjögun  im  Jahre  1826. 


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zwischen  zwei  kleinen  Inselchen  durchsehend,  zeigt  sich  in  matten  Umrissen  Kap 
Akösaki.  Gerade  vor  sich  sieht  man  in  einen  Abgrund  hinab,  woraus  Felsen  ragen, 
mit  einzelnen  Tannen  bewachsen,  deren  immergrüne  Gipfel  die  gerade  Linie  der 
zierlich  geschnitzten  Lehne  des  Balkons  unterbrechen  und  einen  schwebenden  Garten 
vorzaubern.  Durch  diesen  Feenwald  hat  man  eine  weite  Aussicht  auf  das  inselreiche 
Meer,  welches  soeben  vom  schwachen  Landwinde  bewegt  und  von  den  Strahlen  der 
untergehenden  Sonne  beleuchtet  wird.  Nah  und  fern  sind  Inseln:  Sjödosima,  Ma- 
jesima,  Jesima  und  ein  Teil  der  Insel  Awadsi,  und  unzählige  Eilande  liegen  vor  uns. 
Sie  erglänzen  in  hell-  und  dunkelgrüner,  azur-  und  hellblauer  Farbe  im  Verhältnisse 
der  Entfernung,  und  weit  im  Hintergründe  blinken  in  Gold-  und  Silberglanze  die  noch 
mit  Schnee  bedeckten  Gipfel  der  Gebirge  von  Sikoku.  Weifse  Segel  schimmern  zahllos 
da  und  dort  — sie  nahen  in  wachsender  Gröfse  dem  Hafen,  wohin  der  sinkende 
Abend  sie  einladet.  In  harmonischem  Einklang  mit  der  grofsartigen  Scene  steht  die 
einfache,  geschmackvolle  Einrichtung  des  Saales  und  die  heitere,  offene  Stimmung 
unserer  Gastwirte.  Es  sind  keine  buddhistischen  Mönche,  es  sind  weltliche  Priester 
des  Kamidienstes,  und  sie  haben  Frauen  und  Kinder.  Auch  diese  treten  in  unsern 
Kreis  — auch  die  Frauen  sind  Priesterinnen,  die  Kinder  geborne  Novizen.  Wir  unter- 
hielten uns  vortrefflich,  machten  einige  nützliche  Peilungen,  leerten  die  zu  wieder- 
holten Malen  gefüllten  Theetassen,  beschenkten  die  Priesterfamilie  und  zogen  nach  Hause. 

An  der  steinernen  Ehrenpforte  des  Kamihofes  wartete  der  Gesandtschaft  das 
neugierige  Volk  und  bildete  in  ehrerbietiger  Haltung  Spalier.  Unser  Zug  glich 
einer  Prozession;  da  man  aber  in  Japan  meist  unbedeckten  Hauptes  geht,  so  waren 
vor  uns  keine  Hüte  abzunehmen,  und  statt  der  Kniebeugung  berührte  das  erste 
Glied  der  uns  anstaunenden  Zuschauer  die  Erde,  die  wir  betraten,  mit  den  Finger- 
spitzen. Es  ist  dies  ein  Zeichen  sehr  hoher  Ehrerbietung.  Stille  und  Anstand 
herrschte  überall,  und  man  hörte  nur  hier  und  da  die  dem  Zuge  vorausschreitenden 
Trofsmeister  mit  lauter  Stimme  in  bestimmten  Pausen  Stai!  Stai!  rufen,  soviel  als: 
duckt  euch!  — Jeder  gehorchte. 

Das  japanische  Volk,  selbst  in  Städten,  ist  einer  zahlreichen,  wohlerzogenen,  ge- 
horsamen Familie  vergleichbar.  Die  Väter  — die  grofsen  Herren  und  Fürsten,  er- 
leben da  nur  selten  in  ihrer  Familie  den  Kummer,  der  leider!  in  Europa  manchmal 
so  schwer  empfunden  wird  — erziehen  ihre  Kinder  zu  Hause  und  lassen  sie  in  der 
Schule  lernen. 

Wenn  wir  uns  manchmal  bei  der  Betrachtung  des  japanischen  Volkes  und  Staates 
scharfe  Vergleichungen  und  Anspielungen  auf  ähnliche  Verhältnisse  in  Europa  erlauben, 
so  thun  wir  dies  in  keiner  schlimmen  Absicht,  wohl  aber  in  der  Überzeugung,  dafs 
bei  dem  civilisiertesten  Volke  der  alten  aufsereuropäischen  Welt,  welches  nach  fürchter- 
lichen Bürger-  und  Religionskriegen  einen  zweihundertjährigen  Frieden  geniefst,  in 
den  Staats-  und  bürgerlichen  Einrichtungen,  ja  selbst  in  den  religiösen  Institutionen 
Dinge  bestehen  und  Umstände  vorwalten,  die,  wenn  sie  auch  keine  Nachahmung,  doch 
Berücksichtigung  und  Würdigung  verdienen. 

Wie  überall  harrten  unser  im  Gasthause  Arzte  und  Kranke,  und  wir  lernten 
heute  abend  einen  gewissen  Arzt  Namura  Unso  kennen,  dem  wir  einige  interessante 
Mitteilungen  und  einen  wichtigen  Beitrag  zu  unserer  Reisebeschreibung  zu  verdanken 
haben.  Durch  ihn  und  unsern  braven  Wirt,  der  mich  später  auf  Dezima  besuchte, 
erhielten  wir  die  Kopie  des  Aufrisses  des  Turmes. 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


10 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Das  Wichtigste  von  Muro  haben  wir  bereits  erwähnt.  Das  Städtchen,  welches 
unter  340  48'  n.  B.  und  1 3 4 0 25'  ö.  L.  v.  Greenw.  liegt,  ist  sieben  Strafsen  grofs; 
seine  Häuserzahl  wird  auf  600  und  die  Bevölkerung  auf  1800—2000  angegeben.  Die 
Besatzung  der  beschriebenen  Wachthäuser  und  der  beiden  Warten  (Tömi  bansjo) 
ist  schwach.  Die  eine  Warte  liegt  unterhalb  des  Kamihofes  Muro  Mjözin  jasiro,  die 
andere  mehr  östlich  auf  einem  Berge  bei  der  Mündung  des  Flusses  Sisava  gawa.  Die 
Strafsen  in  Muro  sind  nicht  sehr  reinlich,  was  wir  den  zahlreichen  Gerbereien  und 
Sakebrauereien  und  dem  vielen  Schiffsvolk,  welches  sich  darin  herumtreibt,  zuschreiben. 
Dies  sind  auch  die  vorzüglichsten  Erwerbszweige  dieses  Ortes.  Leder  und  Leder- 
arbeiten von  Muro,  welche  von  einer  eigenen  Zunft,  Kawazaiku,  verfertigt  werden, 
sind  im  ganzen  Lande  berühmt.  Es  ist  meistens  lohgares  Pferde-  und  Rindsleder, 
welches  mit  den  russischen  geprefsten  und  gefärbten  Ledersorten  Ähnlichkeit  hat. 
Auch  macht  man  hier  das  sogenannte  Goldleder  aus  unserer  Rokokozeit  nach.  Dieses 
antike  Tapetenleder  ist  in  Japan  ungemein  geschätzt,  und  die  Quadratelle  der 
besten  Sorte  wird  oft  mit  20  Gulden  und  darüber  bezahlt.  Vom  nachgemachten 
Goldleder,  das  an  Güte  dem  echten  gleichkommt  und  es  an  Glanz  übertrifh,  haben 
wir  Proben  gekauft  und  sie  mit  andern  Lederarbeiten  der  Merkwürdigkeit  wegen 
in  der  technologischen  Sammlung  des  japanischen  Museums  aufgestellt.  Aus  dem 
echten  wie  aus  dem  nachgemachten  verfertigt  man  hier  Brief-  oder  Papiertaschen, 
Tabaksäcke  und  Tabakspfeifenfutterale  (Tabako-ire)  und  andere  dergleichen  Dinge. 

Morgen  treten  wir  unsere  Pilgerfahrt  nach  den  berühmten  Wallfahrtsorten  dieser 
Gegend  an  und  setzen  unsere  Reise  weiter  über  Land  bis  Osaka  fort. 


Landreise  von  Muro  nach  Osaka. 


[9.  März.]  Um  8 Uhr  morgens  verliefsen  wir  Muro;  dicht  hinter  dem  Städtchen 
erhebt  sich  ein  Berg,  über  den  ein  schmaler,  stufenweise  in  die  Felsen  eingehauener 
Weg  führt.  Dieser  Steig  war  stellenweise  so  steil  und  ungebahnt,  dafs  es  unseren 
kräftigen  Trägern  nur  mit  der  gröbsten  Anstrengung  gelang,  unsere  Sänften  und  das  Gepäck 
auf  den  Gipfel  hinaufzuschaffen.  Wir  bewunderten  dabei  die  Gewandtheit  und  Aus- 
dauer dieser  Leute  und  noch  mehr  die  Sicherheit,  womit  die  Packpferde  und  Pack- 
ochsen die  Felsentreppen  hinaufstiegen.  Es  bewährte  sich  hier  wieder  die  eigentümliche, 
sehr  zweckmäfsige  Hufbekleidung  dieser  Lasttiere,  nämlich  die  aus  Reisstroh  gefloch- 
tenen Schuhe  derselben.  Auch  den  Trägern  kamen  ihre  Strohschuhe  gut  zu  statten. 
Gegen  9 Uhr  hatten  wir  den  Gipfel  des  Berges  erklommen,  der  sich  circa  800'  über 
die  Meeresfläche  erhebt.  Hier  befindet  sich  eine  Herberge,  wo  unser  Gefolge  aus- 
ruhte, und  wir  eine  herrliche  Aussicht  genossen.  Zur  Linken  hatten  wrir  die  See  von 
Härima  und  rechts  sahen  wir  auf  eine  ausgebreitete  Ebene  hinab,  weithin  von  einer 
doppelten  Bergkette  begrenzt,  die  sich  in  südöstlicher  Richtung  nach  dem  Hochgebirge 
der  Landschaften  Dazima  und  Inaba  hinzog  und  von  einem  breiten  Flusse  durchströmt 
wurde,  der  aus  einem  am  östlichen  Abhange  des  Berges  beim  Dorfe  Kangosan  sicht- 
baren See,  einem  Sammelplätze  der  Gebirgswässer,  einigen  Zuflufs  erhielt.  Dergleichen 
Seen  und  Teiche  findet  man  überall,  wo  sich  das  Terrain  für  den  Reisbau  eignet. 
Sie  sind  unversiegbare,  gleichsam  der  Natur  abgewonnene  Quellen  für  die  unentbehr- 


Reisen. 


2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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liebste  Volksnahrung.  Der  Unterhalt  derselben  geschieht  auf  Kosten  der  Gemeinde, 
in  deren  Flur  sie  liegen.  Sie  stehen  unter  der  strengen  Aufsicht  des  Bürgermeisters, 
und  die  Schleusen  dürfen  nur  mit  seiner  Erlaubnis  geöffnet  werden.  Durch  diese 
Vorsorge  für  die  Landwirtschaft  wird  möglichst  dem  Mifswachs  des  Reises  vorgebeugt. 

Ein  jäher  Felsenweg,  gleich  mühsam  für  unsere  Träger  und  Lasttiere,  führt  in 
das  Thal  hinab.  Meine  Träger  hatten  übrigens  keine  schwere  Last;  denn  wo  nur 
etwas  zu  untersuchen  oder  zu  finden  war,  ging  ich  zu  Fufse,  und  in  meinem  Trag- 
sessel blieben  nur  einige  Instrumente  und  Bücher  zurück.  Die  Vegetation  des  Berg- 
abhanges war  sehr  kümmerlich;  einzelne  Tannenbäume  (Pinus  Massoniana),  Wach- 
holdersträuche (Juniperus  rigida),  ferner  Eurya  japonica,  Azaleen,  Ilex  crenata,  niedrige 
Bambusstauden  (Philostachys  bambusoides)  und  Rosen  (Rosa  multiflora)  erheben  sich 
aus  der  dürren,  mit  grofsen  Felssteinen  und  Glimmerschieferblöcken  bedeckten  Gras- 
fläche. An  feuchten  Felsenwänden  blühte  die  azurblaue  Ajuga  decumbens  und  längs 
den  Wegen  der  heimische  Löwenzahn  und  Lamium  amplexicaule  und  hier  und  da 
eine  verwilderte  Pflaume  (Prunus  Mume),  diese  Erstlinge  der  Frühlingsflora,  welche 
wir  bereits  früher  im  südlichen  Teile  von  Japan  in  Blüte  sahen. 

Am  unteren  Teile  des  Bergabhanges  hatte  der  bewunderungswürdige  Fleifs  des 
japanischen  Landmannes  den  felsigen  Boden  in  fruchtbare  Getreide-  und  Gemüsefelder 
umgeschaffen.  Auf  schmalen  Beeten,  durch  tiefe  Furchen  voneinander  getrennt,  standen 
hier  Gerste  und  Weizen,  Rübsamen  (Brassica  orientalis)  und  andere  Kohlarten  (Brassica 
chinensis,  Brassica  takana,  Brassica  kjona),  Senf  (Sinapis  japonica),  Taubenbohnen 
(Vicia  faba  minor),  Erbsen  (Pisum  sativum),  Rettiche  (Raphanus  sativus,  var.  jap.) 
und  Zwiebeln,  in  einen  Fufs  voneinander  abstehenden  Zeilen  gesät  und  gepflanzt. 
Kein  Unkraut,  kein  Sternchen  ist  sichtbar.  Auffallend  sind  die  vielen  kleinen  Lehm- 
hütten, welche  mit  Stroh  bedeckt  über  runde  Gruben  errichtet  sind,  worin  der  Dünger 
aufbewahrt  wird.  Solche  Behälter,  sowohl  bedeckte  wie  unbedeckte,  sind  allenthalben 
auf  den  Feldern  angebracht,  und  der  Landmann  bewahrt  darin  sein  Hauptdüngemittel, 
nämlich  die  Fäkalien,  die  er  von  seinem  eigenen  Hause  oder  den  nächstliegenden 
Ortschaften  herbeiführt.  Er  bedient  sich  dabei  entweder  eigentümlicher  Trageimer 
oder  weitspundiger  Fäfschen,  welche  von  Ochsen  und  Pferden  getragen  werden.  Die 
meisten  Nutzpflanzen  werden  in  Zeilen  angebaut,  wodurch  die  Bearbeitung  und  Düngung 
sehr  erleichtert  wird.  Der  flüssige  Dünger  wird  in  den  Trageimern  auf  das  Feld  ge- 
bracht und  mittels  eines  langgestielten  hölzernen  Schöpflöffels,  den  Zeilen  entlang,  an 
den  Wurzeln  der  Gewächse  ausgegossen.  Man  benutzt  auch  Pferde-  und  Rindvieh- 
mist, den  man  aber  nicht,  wie  bei  uns,  aufs  Feld  bringt  und  ausstreut,  sondern  erst 
zu  Hause  mit  Stroh,  Laub  und  andern  Abfällen  verfaulen  läfst.  Diesen  alten  Dünger, 
Ikoi  genannt,  benutzt  man  beim  Aussäen  von  Gerste  und  Weizen;  man  streut  ihn 
entweder  in  die  mit  dem  Handpfluge  gemachten  Furchen,  worein  man  das  Getreide 
sät,  oder  man  vermengt  mit  ihm  die  Saat  selbst  beim  Aussäen.  Einer  so  praktischen 
Düngung  auf  nassem  und  trockenem  Wege  hat  man  das  üppige  Wachstum  von  Ge- 
müse und  Getreide  zu  verdanken.  Beim  Reisbau  wendet  man  wohl  ausschliefslich  die 
Gründüngung  an.  Die  meisten  Reisfelder  werden  zuvor  zum  Getreide-  und  Gemüsebau 
benutzt,  sind  also  schon  gehörig  gedüngt.  Alle  die  Getreide-  und  Gemüsefelder,  welche 
wir  jetzt  terrassenförmig  von  einer  Flöhe  von  300 — 400'  in  das  Thal  herabsteigend  sehen 
konnten,  werden  wir  im  Juli  mit  Reis  bepflanzt  finden.  Die  Gründüngung  läfst  sich  im 
Juni,  wo  die  Regenzeit  beginnt  und  das  Unkraut  längs  den  Wegen  und  Dämmen  üppig 

10  * 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


gewachsen  ist,  auch  sehr  leicht  anwenden.  Die  abgedämmten  Felder  füllen  sich  all- 
mählich mittels  der  einfachen  zweckmäfsigen  Wasserleitung  an,  und  das  Unkraut,  das 
man  von  allen  Seiten  zusammenträgt,  wird  durch  Ochsen  oder  Pferde  in  den  morastig 
gewordenen  Boden  hineingetreten. 

Der  Ende  Juni  gepflanzte  Reis  wird  im  Oktober  geerntet,  und  da  man  die  Reis- 
felder zur  Zeit  der  Ernte  austrocknen  läfst,  so  kann  man  dieselben  auch  bald  darauf 
bepflügen,  zu  Ackerland  umschaffen  und  aufs  neue  bestellen. 

So  kommt  es  denn,  dafs  man  nur  höchst  selten  Brachäcker  liegen  sieht;  es  hat 
ein  ununterbrochener  Fruchtwechsel  statt,  und  oft  kommt  schon  eine  neue  Pflanzung 
zwischen  den  Zeilen  der  alten  zum  Vorschein,  bevor  diese  geerntet  wird  Eine  solche 
gartenbauähnliche  Landwirtschaft  ist  nur  bei  der  Zeilenkultur  und  der  bezeichneten 
Düngungsart  und  in  einem  Lande  möglich,  das  so  dicht  bevölkert  ist,  und  wo  die 
Ländereien  so  sehr  zerstückelt  sind. 

Wir  durchzogen  die  Dörfer  Maba,  Kongosan,  Urabe,  Kotsi,  arme  aber  reinliche 
Ortschaften.  Am  Eingänge  einer  derselben  war  auf  einem  Anschlagebrette  der  Befehl 
des  Landesfürsten  bekannt  gemacht,  dafs  hierher  keine  Bettler  kommen  dürften,  da 
diese  Ortschaften  zu  arm  seien.  Es  wohnen  hier  viele  sogenannte  Jetas,  welche  sich 
ausschliefslich  mit  der  Bereitung  des  Leders  beschäftigen.  Diese  Leute,  welche  eine 
eigene,  die  niedrigste  allgemein  verabscheute  Kaste  bilden,  leben  gewöhnlich  in  ab- 
gesonderten Strafsen  ohne  jegliche  bürgerliche  Gemeinschaft  mit  den  übrigen  Dorf- 
bewohnern, deren  Wohnungen  sie  nicht  einmal  betreten  dürfen.  Über  ihre  Herkunft 
und  Abstammung  herrscht  Dunkel;  sie  verliert  sich  bis  in  die  älteste  Zeit.  Wahr- 
scheinlich waren  es  begnadigte  Gefangene  aus  den  früheren  Kriegen  mit  dem  benach- 
barten Korea,  welche  nach  Japan  gebracht  wurden,  und  zu  diesen  gesellten  sich  andere 
ehrlose  und  obdachlose  Menschen. 

Eine  andere  verstofsene  und  noch  mehr  verkommene  Kaste  ist  in  Japan  die  der 
Hinin  oder  vulgo  Kojiki,  wTelche  ohne  eigene  Wohnung  als  Bettler  an  der  Landstrafse 
lagern  und  die  Vorübergehenden  um  Almosen  anflehen,  wobei  sie  ihre  Gebrechen 
und  Krankheiten  auf  eine  Abscheu  erregende  Weise  zur  Schau  tragen. 

Wenn  man  die  Haut-  und  Haarfarbe  und  andere  körperliche  Verschiedenheiten 
dieser  durch  eigene  Schuld  oder  aus  Vorurteil  aus  der  menschlichen  Gesellschaft  ver- 
bannten, verkümmerten  und  verwilderten  Menschen  betrachtet,  welche  oft  durch  Elend 
und  Entbehrungen  jeglicher  Art  auf  eine  tiefere  Stufe  herabgesunken  sind,  als  das  sich 
in  freier  Natur  im  vollen  Lebensgenüsse  befindliche  Tier;  wenn  man  die  klimatischen 
Einflüsse  und  andere  auf  das  organische  Leben  einwirkende  Potenzen  betrachtet,  die 
solche  auffallende  Verschiedenheiten  oft  in  kurzer  Zeit  hervorgebracht  haben;  alsdann 
gelangt  man  zu  Ergebnissen,  welche  die  unendliche  Verschiedenheit  der  Volksstämme 
auf  dem  natürlichen  Wege  langer  Wanderungen,  unter  mannigfaltigen  klimatischen 
und  tellurischen  Einwirkungen,  durch  Lebensweise  und  eigentümliche  Gewohnheiten 
erklären  lassen.  So  erinnert  uns  bei  einigen  dieser  Hinin  die  dunkle  Hautfarbe,  die 
oft  ins  rötliche  und  kupferfarbige  spielt,  und  das  braune,  verschossene,  stellenweise 
braunrötliche  Haar  und  die  groben  Gesichtszüge  an  die  Urbewohner  des  nördlichen 
Teils  der  neuen  Welt,  während  uns  bei  andern  die  wenig  entwickelten  Muskeln  der 
Arme  und  Beine,  überhaupt  das  verkümmerte  Aussehen  und  der  geistlose  Gesichts- 
ausdruck anscheinend  Stammverwandte  von  Neuholländern  und  den  Bewohnern  von 
Vandiemensland  erkennen  lassen,  diesen  beiden  von  allen  Stämmen  der  Erde  auf  der 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  182h. 


149 


niedrigsten  Kulturstufe  stehenden  Völkern.  Solche  Metamorphosen  des  menschlichen 
Geschlechts  unter  dem  gebildetsten  Volke  von  Asien,  welche  sozusagen  unter  unseren 
Augen  sich  abspielen,  verdienen  eine  besondere  Beachtung  des  Ethnographen.  Auf 
den  Menschenfreund  macht  ein  solches  Beispiel  des  Rückganges  der  Menschheit  auf 
dem  Wege  der  Gesittung  einen  schmerzlichen  Eindruck.  Und  wie  wird  es  ihm  erst 
zu  Mute,  wenn  er  bei  einer  Hitze  von  85  — 90 0 Fahrh.  eine  verschmachtende  Mutter 
mit  dem  Säugling  an  der  erschlafften  Brust  und  ihren  andern  unmündigen  Kindern 
auf  einer  Strohmatte  hingestreckt  liegen  sieht  und  dabei  erfährt,  dafs  diese  unglück- 
lichen Kreaturen  im  Winter  unter  den  Fufsböden  der  Tempelhallen  oder  andern  ihnen 
zugänglichen  Gebäuden  mit  langhaarigen,  verwilderten  Strafsenhunden  zusammenzuleben 
gezwungen  sind,  um  sich  gegen  die  Kälte  zu  schützen.1 

Auf  den  niedrigen  Saatfeldern  sahen  wir  weifse  Reiher,  die  aufgescheucht  sich 
auf  Bäumen  niederliefsen.  Es  schien  die  Art  zu  sein,  welche  die  Japaner  O-sagi, 
d.  i.  grofsen  Reiher,  im  Gegensatz  zu  dem  Kosira-sagi,  d.  i.  kleiner  weifser  Reiher, 
nennen,  und  welchen  Temminck  Ardea  egrettoides  benannt  hat.  Dieser  Reiher  hält 
die  Mitte  zwischen  Ardea  alba  und  A.  Garzetta,  welche  sich  beide,  jedoch  ersterer  sehr 
selten,  in  Japan  finden.  Er  hat  keine  Haube,  aber  sowohl  am  unteren  Teile  des 
Halses  wie  auch  am  Rücken  die  hochgeschätzten,  borstenähnlichen  Federn,  die  bei 
ausgewachsenen  Exemplaren  oft  5"  länger  als  die  Flügel  sind.  Es  gewähren  die 
schneeweifsen  Reiher  einen  zauberhaften  Anblick;  kein  Wunder,  dafs  ihre  Erscheinung 
den  Landleuten  eine  gewisse  Ehrfurcht  einflöfst  und  sie,  wie  die  Kraniche  und  andere 
Reihervögel,  als  Glück  bescherende  Wesen  betrachten  läfst.  Beim  Dorfe  Maba  über- 
reichte ein  Offizier  dem  Gesandten  einen  länglichen  Papierstreifen,  worauf  der  Name 
des  Fürsten  von  Tatsuno,  Wakasaka  Awasino  Kami,  dessen  Gebiet  wir  nun  durchzogen, 
geschrieben  war  und  begrüfste  die  Gesandtschaft  in  dessen  Namen.  Überall  von  Dorf  zu  Dorf 
kamen  uns  Leute  mit  Bambusbesen  entgegen,  begrüfsten  uns  und  gingen  dann  dem  Zuge 
voraus.  Es  ist  hier  Brauch,  den  Weg  oder  die  Strafse,  welche  fürstliche  oder  vor- 
nehme Personen  durchziehen,  kurz  vorher  zu  kehren,  so  dafs  sie  gleichsam  auf  frischer 
Bahn  einherschreiten.  Bereits  früher  haben  wir  bemerkt,  dafs  der  niederländische  Gesandte 
auf  seinem  Zuge  nach  dem  Hofe  des  Sjöguns  mit  einer  ähnlichen  Etikette  behandelt 
wird.  Ohnehin  waren  die  Wege  schon  reinlich,  und  unter  dem  Landvolke  herrschte 
bewunderungswürdige  Ordnung  und  Zucht.  Wo  wir  ein  Dorf  zu  Eufse  oder  in  unserem 
Norimon  sitzend  passierten,  sahen  wir  die  Leute  niederknieen  und  mit  den  Finger- 
spitzen den  Boden  berühren.  — Wir  näherten  uns  allmählich  dem  breiten  Bette  des 
Flusses,  den  wir  bereits  bei  dem  Herabsteigen  in  das  Thal  gesehen  hatten.  Es  war 
der  linke  Arm  eines  und  desselben  Flusses,  der  aber  hier  Sosjo  gawa  von  dem 
in  der  Nähe  liegenden  Städtchen  Sosjo  heifst.  Es  ist  bekannt,  dafs  hier  die  Flüsse 
von  Ort  zu  Ort  ihren  Namen  ändern,  was  eine  natürliche  Folge  der  Beschränktheit 
der  geographischen  Kenntnisse  der  seit  Jahrhunderten  an  den  Boden  ihrer  Vorväter 
gefesselten  Einwohner . ist.  Auf  den  neuen  japanischen  Karten  ist  dieser  Flufs  schon 
mit  einem  mehr  allgemeinen  Namen  bezeichnet  und  heifst  Ihibo  gawa  und  zwar  daher, 
weil  er  eine  grofse  Strecke,  beinahe  die  Hälfte  seines  Laufes,  den  westlichen  und  öst- 
lichen Bezirk  Ihibo  durchströmt.  Er  entspringt  in  den  Hochgebirgen  des  Bezirkes  Jabu 
im  Fürstentume  Tatsima,  der  sich  dem  Bezirke  Sisawa,  dem  nördlichsten  von  der 


1 Das  Armenwesen  ist  jetzt  in  Japan  musterhaft  geregelt.  Anmerkung  zur  2.  Auflage. 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


ISO 

Provinz  Harima,  anschliefst.  Auf  einer  Specialkarte  von  Harima  und  Tatsima  ist  diese 
Grenzgebirgskette  mit  den  Namen  der  hervorragendsten  Berggipfel  bezeichnet,  wovon 
der  Tötani  töge  und  Tokura  töge  dem  Ursprünge  des  Ihibo  am  nächsten  liegen.  Auf 
dem  nördlichen  Hange  dieser  Gebirgskette,  die  sich  nach  unserer  Schätzung  mehr  als 
6000 ' über  die  Meeresfläche  erheben  mag,  entspringt  der  zweiarmige  Takedagawa, 
der  gröfste  Flufs  von  Tatsima.  Der  Ihibo,  der  von  Osten  und  Westen  her  etwa  fünf 
bedeutende  Gebirgsflüsse  aufnimmt,  breitet  sich  zur  Regenzeit  aus  und  ist  an  seiner 
Mündung  zwischen  Abosi  und  Sjohama  schiffbar.  Daselbst  befindet  sich  auch  eine 
Fähre. 

Wir  zogen  am  Fufse  eines  mit  Tannen  bewachsenen  Hügels  längs  des  mit  Ge- 
rolle bedeckten  breiten  Bettes  des  Flusses  nach  dem  auf  dem  rechten  Ufer  desselben 
gelegenen  Flecken  Sjosjo,  wo  wir  Mittag  hielten  und  die  gute  Bedienung  und  Rein- 
lichkeit in  der  Herberge  nicht  genug  bewundern  konnten.  Nach  12  Uhr  brachen  wir 
auf  und  setzten  mit  kleinen  Fahrzeugen  über  den  dicht  unter  dem  Dorfe  liegenden 
Sjosjo  gawa.  Man  konnte  von  hier  aus  das  Schlofs  des  Fürsten  Tatsuno  liegen  sehen, 
welches  jenseits  der  grofsen  Landstrafse  Sanjo-dö  gleichfalls  auf  dem  rechten  Ufer 
dieses  Flusses  liegt.  Uber  einen  Arm,  der  sich  zur  Linken  des  Hauptstroms  hinzieht, 
führt  eine  niedere  hölzerne  Brücke,  auf  beiden  Seiten  mit  einer  Brustwehr  von  mit 
Sand  gefüllten  Strohsäcken  versehen.  Wir  befanden  uns  nun  auf  der  grofsen  Land- 
strafse und  genossen  eine  herrliche  Aussicht.  Der  gut  unterhaltene  Weg,  der  sich  neben 
grünen  Saat-  und  Gemüsefeldern  durch  Tannenwäldchen  und  zwischen  Weilern  und 
Dörfern  hinzog,  glich  den  Spaziergängen  in  unseren  heimatlichen  Parkanlagen.  Es 
schien,  als  ob  der  Weg  absichtlich  so  angelegt  worden  wäre,  dafs  bei  jeder  Wendung 
desselben  der  Reisende  durch  eine  neue  Aussicht  überrascht  würde.  Die  Japaner  halten 
aufserordentlich  viel  auf  einen  schönen  Ausblick,  und  bei  Anlegung  ihrer  Villen  sind  sie 
darauf  bedacht,  die  umliegende  Landschaft  mit  den  Gärten  derselben  zu  einem  Bilde 
zu  vereinigen  und  zu  einem  harmonischen  Ganzen  zu  verschmelzen.  Hier  sucht  man 
durch  hohe  Cypressen,  dort  durch  Bambusgebüsch  oder  einen  künstlich  aufgeworfenen 
Hügel,  mit  Azaleen  und  Zwergtannen  bepflanzt,  das  Störende  in  der  Landschaft  zu 
verdecken,  hingegen  einen  malerisch  gelegenen  Berg,  einen  Tempel  oder  einen  von 
Quellwasser  überströmten  Felsen  in  desto  hellerem  Lichte  erscheinen  zu  lassen.  Die 
aus  China  eingewanderten  buddhistischen  Priester  und  Mönche  waren  ihre  Lehrmeister, 
und  deren  über  das  ganze  Reich  verbreiteten  Klöster  mit  ihren  oft  zauberisch  schönen 
Tempelhainen  ihre  Vorbilder.  Hunderte  der  prächtigsten  Zierpflanzen  kamen  in  frühester 
Zeit  unter  dem  Geleite  des  Gottesdienstes  vom  himmlischen  Reiche  herüber  und  schmücken 
jetzt,  mit  der  japanischen  Flora  verschmolzen,  die  Gärten  und  Parkanlagen.  In  dieser  rei- 
zenden Gegend  hörte  ich  zum  erstenmale  wieder  den  lang  entbehrten  Gesang  einer 
Lerche  (Alauda  japonica),  welche  im  Verbände  süfser  Erinnerungen  meiner  auf  dem  Lande 
zugebrachten  Jugend  meine  fröhliche  Stimmung  noch  mehr  erhöhte.  Diese  Lerche  ist  in 
Japan  allgemein  verbreitet.  Auf  den  ersten  Blick  scheint  sie  der  Berglerche  (Alauda 
arborea)  zu  gleichen;  sie  ist  jedoch  etwas  gröfser  als  diese,  hat  einen  stärkeren 
Schnabel  und  längeren  Schwanz  und  einen  unverkennbaren  Farbenunterschied.  Sie 
nähert  sich  mehr  unserer  Feldlerche  (Alauda  arvensis),  ist  jedoch  kleiner  und  hat  mehr 
Weifs  am  Schwänze.  Ihre  Lebensweise  und  ihr  Gesang  läfst  keinen  Zweifel  übrig,  dafs 
sie  in  Japan  unsere  einheimische  Feldlerche  vertritt.  I11  Japan  giebt  es  übrigens  noch 
mehr  Lerchenarten.  Man  unterscheidet  fünf  derselben:  1)  Kuki-hibari  (Alauda  japonica), 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  182h. 


:5 r 

2)  Kaku-hibari  (Alauda  alpestris?),  3)  Hiakrei  hibari  (Alauda  tatariea?),  4)  Ki-hibari,  d.  i. 
gelbe  Lerche  und  5)  Tahibari,  d.  i.  Feldlerche.  Hs  ist  übrigens  nicht  zu  bezweifeln, 
dafs  diese  von  japanischen  Naturforschern  bezeichneten  Arten  gröfstenteils  mit  denen, 
welche  von  den  russischen  Reisenden  im  östlichen  Sibirien  und  in  Kamtschatka  be- 
obachtet worden  sind,  übereinstimmen.  Tahibari  wird  aber  wahrscheinlich  der  Anthus 
pratensis  sein,  welchen  man  im  Frühjahre  häufig  in  Reisfeldern  (Ta)  antrifft. 

Beim  Dorfe  Aso  setzten  wir  über  einen  jetzt  kleinen,  an  verschiedenen  Stellen 
durchwatbaren  Flufs  gleichen  Namens,  kamen  durch  die  Dörfer  Kamaja,  Ikaruga,  Ja- 
mata  und  Awosi,  durchwateten  einige  untiefen  Bäche  und  erreichten  endlich,  nach- 
dem wir  das  mit  Gerolle  bedeckte  seichte  Bett  des  rechten  Armes  des  Flusses  Itsi 
gawa,  der  die  Stadt  Himesi  gleichsam  in  seine  beiden  Arme  schliefst,  überschritten, 
die  Vorstadt.  Schon  aus  der  Ferne  kündigt  sich  die  Stadt  durch  das  weifsblinkende 
Schlofs,  die  Residenz  des  Fürsten  von  Harima,  an.  Wir  durchzogen  in  tiefer  Stille 
die  nach  und  nach  städtisch  werdenden  Strafsen  und  kamen  nach  einer  Viertelstunde 
an  das  grofse  Thor  des  zur  Festung  gehörigen  Stadtteils.  Die  Strafsen  waren  auf 
beiden  Seiten  voller  Kaufläden,  in  welchen,  gut  geordnet,  bei  offenen  Thüren  und 
Fenstern  die  Kramwaren  zur  Schau  lagen.  Die  Einwohner  waren  an  ihren  Thüren 
versammelt  und  die  Nebenstrafsen  mit  Strohseilen  abgesperrt.  Auf  den  Ruf  Stani- 
Stani ! (Duckt  euch  nieder!),  der  von  den  unseren  Norimonos  vorangehenden  Soldaten  des 
Fürsten,  welche  uns  entgegengekommen  waren,  erhoben  wurde,  bückte  sich  alles  zu 
Boden.  Es  herrschte  eine  lobenswerte  Ordnung,  und  die  Strenge  des  Gesetzes  zügelte  die 
aufs  höchste  gespannte  Neugierde  des  Volkes.  Wir  hatten  blofs  einige  Strafsen  zu  durch- 
ziehen, um  unser  Gasthaus  zu  erreichen,  welches  innerhalb  des  zur  Festung  gehörigen 
Stadtteils  liegt.  Meinen  Schülern  Kosai  und  Sjogen  gab  ich  Auftrag,  sich  in  der  Stadt 
nach  Naturalien  umzusehen.  Ihre  Ausbeute  war  übrigens  unbedeutend  und  beschränkte 
sich  auf  einen  fossilen  Knochen,  den  man  Riukots  (Drachengebein)  nannte  und  welcher 
blofs  ein  Rückenwirbel  des  fossilen  Hirsches  ist,  wovon  wir  in  Jedo  die  Abbildung 
eines  ziemlich  vollständigen  Skelettes  erhielten,  welches  beim  Graben  eines  Kanales 
gefunden  worden  war.  Ferner  brachten  sie  eine  schnee'weifse  kleine  Finkenart,  die 
man  als  eine  grofse  Seltenheit  anbot  und  dafür  einen  aufserordentlich  hohen  Preis 
verlangte,  der  mich  aber  vom  Ankäufe  dieses  an  sich  merkwürdigen  Vogels  abhielt. 
Auch  brachte  man  mir  einige  im  Auge  der  Japaner  seltene  Gewächse,  eine  Nandina 
domestica,  wo  die  Blättchen  des  gefiederten  Blattes  statt  eirund  zugespitzt  sind,  die  also 
eine  verkrüppelte  Spielart  ist,  ferner  blühende  Pflaumen  in  mannigfaltigen  Abarten 
mit  weifsen,  rosenfarbigen,  hochroten,  einfachen  und  doppelten  Blüten;  mehrere  Arten 
und  Varietäten  von  Kirschen  (Cerasus  donarium  n.  sp.).1  Auch  einen  noch  blattlosen, 
mit  gelben  Blüten  bedeckten  Zweig  eines  Jasmins,  den  ich  bereits  früher  unter  dem 
Namen  Jasminum  praecox  beschrieben  habe,  legte  man  mir  vor.2  Das  war  das  Merk- 
würdigste aus  der  Frühlingsflora,  was  sich  eben  in  den  Hausgärtchen  vorfand.  Be- 
sonders willkommen  waren  mir  einige  Bücher  und  ein  Plan  der  Stadt,  welchen  mir 

1 Ich  gab  der  Pflanze  diesen  Namen,  da  sie  häufig  in  den  Tempelgärten  angepflanzt  wird,  und 
mit  ihren  prächtigen  rosenähnlich  gefüllten  Blüten  die  Altäre  verziert  werden.  Später  hat  diese  der 
um  die  Hortikultur  und  Botanik  so  hochverdiente  Lindley  unter  dem  Namen  Prunus  Pseudocerasus 
beschrieben. 

2 Diese  Jasminart,  welche  später  Fortune  aus  dem  nördlichen  Japan  mit  nach  England  brachte, 
ist  gleichfalls  von  Lindley  als  Jasminum  quadrangulare  beschrieben  worden. 


I52 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


meine  Schüler  gekauft  hatten;  darunter  befand  sich  ein  historisch-geographisches  Buch 
Harima  Meisjo1,  worin  die  merkwürdigsten  Gegenden  und  Orte  des  Fürstentums  Ha- 
rima beschrieben  sind.  Die  Stadt  Himesi  liegt  im  Bezirke  Inami  des  Fürstentums 
Harima  am  Flusse  Itsigawa,  der  sich  oberhalb  der  Stadt  in  zwei  Arme  teilt  und 
gleichsam  eine  Insel  bildet,  unter  340  60'  30"  nördh  Br.  und  i°  i'  3"  westlich  von 
Miako  (Kioto)  nach  den  Beobachtungen  der  Hofastronomen  zu  Jedo.  Das  Schlofs 
und  der  dasselbe  umgebende  mit  einem  Wall  und  einem  Wassergraben  versehene  Teil 
der  Stadt  wurde  im  9.  Jahre  von  Tensei  (1581)  von  dem  berühmten  Taikosama 
(Tojotomi  Hidejosi)  erbaut,  der  zur  Zeit  der  damaligen  Bürgerkriege  daselbst  sein  Hof- 
lager hatte.  Der  das  Schlofs  umgebende  Stadtteil  ist  sehr  regelmäfsig  angelegt;  sämt- 
liche Strafsen  laufen  in  gerader  Linie  von  Süden  nach  Norden  und  kreuzen  sich  mit 
gleichfalls  geradlinig  angelegten  Strafsen.  Den  befestigten  Teil  der  japanischen  Städte 
nennt  man  Utsi-guruwa  (innerhalb  des  Walles).  Er  wird  sowohl  von  Bürgern  als 
auch  von  Soldaten  bewohnt  und  ist  gewöhnlich  mit  Wall  und  Graben  umgeben. 
Von  diesem  Teile  ist  wieder  durch  befestigte  Thore,  Wälle  und  Gräben  der  Teil  der 
Anlagen  getrennt,  welcher  das  Schlofs  selbst  umgiebt  und  ausschliefslich  von  den 
Offizieren,  Beamten  und  anderen  Bediensteten  des  Fürsten  bewohnt  wird.  Dieser  Teil 
ist  mit  hohen  cyklopischen  Mauern  und  tiefen  Wassergräben  umgeben.  Das  Schlofs 
selbst  heifst  Siro  und  wird  nach  seinen  mehr  oder  weniger  ausgebreiteten  Werken 
in  folgende  für  sich  abgeschlossene  Befestigungen  geteilt:  Honmaru  (Hauptkastell), 
Nimaru  (zweites  Kastell),  Sanmaru  (drittes  Kastell).  Das  Schlofs  von  Himesi 
liegt  am  Nordwestende  der  befestigten  Stadt  und  lehnt  sich  an  einen  Hügel 
(Otokojama). 

Die  Provinz  Harima  ist  der  Sitz  des  regierenden  Fürsten  Sakai  Utano  Kami,  der 
ein  jährliches  Einkommen  von  150000  Koku  bezieht,  was  ungefähr  1V/2  Million  Gulden 
ausmacht.  Der  Fürst  war  zur  Zeit  in  Jedo,  wohin  er  alle  zwei  Jahre  im  fünften 
Monate  reist,  um  am  Hofe  des  Sjögun  seine  Aufwartung  zu  machen  und  seinen  Tribut 
zu  leisten.  Im  Staatsalmanach,  der  jährlich  erscheint,  ist  die  Zeit,  zu  welcher  jeder 
der  Vasallen  des  Sjöguns  in  Jedo  seine  Aufwartung  zu  machen  hat,  genau  bestimmt. 
Auch  sind  darin  die  Geschenke,  welche  derselbe  zu  überbringen  hat,  und  ebenso  die 
Gegengeschenke,  welche  derselbe  erhält,  genau  beschrieben.  Diese  Geschenke,  die 
man  auch  Tribut  nennen  könnte,  sind  von  verhältnismäfsig  geringem  Werte,  ebenso 
die  Gegengeschenke.  So  bestehen  z.  B.  die  Geschenke  dieses  Fürsten  in  20  Gebinden 
Seidenwatte  und  20  Stücken  einer  Silbermünze,  Mai  genannt,  welche  43  Monme  wiegt. 
Als  Gegengeschenk  erhält  der  Fürst  ein  Pferd  und  einen  Edelfalken.  Im  Staatsalma- 
nach  ist  ebenfalls  die  Entfernung  der  fürstlichen  Residenzen  von  Jedo  angegeben  und 
wird  von  Himetsi  bis  Jedo  auf  157  Ri  berechnet.  Diese  Entfernung  haben  wir  also 
noch  zurückzulegen. 

Die  Provinz  Harima,  welche  in  japanisch-chinesischer  Abkürzung  Bansju  genannt 
wird,  gehört  zu  dem  sechsten  Kreise,  dem  Sanjö-dö,  d.  i.  Bergseitenweg.  Das  Land 
ist  sehr  fruchtbar;  man  schätzt  das  Areal  der  Reisfelder  auf  21,236  Quadrat-Tsjö. 2 
Von  dem  Ertrage  derselben  beziehen  der  in  Himesi  regierende  Fürst  und  noch  zehn 
andere  Fürsten  ihre  Einkünfte. 


1 Catalogus  librorum  et  manuscriptorum  Japonicorum  Nr.  44. 

2 Ein  Tsjö  ist  genau  99,1736  Ar,  also  circa  1 Hektar. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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[10.  März.]  Erst  gegen  9 Uhr  brachen  wir  auf;  in  der  Nacht  war  etliche  Zoll 
Schnee  gefallen,  und  die  Temperatur  betrug  gegen  8 Uhr  nur  40 0 Fahrh.  Die  Witte- 
rung war  äufserst  ungünstig,  weil  es  noch  immer  schneite  und  zugleich  taute,  wodurch 
unseren  Trägern  der  Weg  sehr  erschwert  wurde.  Wir  durchzogen  die  Stadt  und  die 
Vorstadt,  setzten  in  Kähnen  über  den  Flufs  Itsigawa  und  kamen  nach  mühsamer  Reise 
in  Sone  an,  wo  wir  Mittag  hielten.  Nachmittags  setzten  wir  unsere  früher  verabredete 
Pilgerschaft  nach  den  berühmten  Tempeln  fort  und  kamen  an  die  Tempel  Sonenomatsu, 
Isinohoden  und  Takosako;  der  erste  ist  berühmt  durch  die  Sage,  dafs  Gott  Tenzin 
eigenhändig  einige  Tannenbäume  dort  gepflanzt,  der  zweite  durch  die  Fegende,  dafs 
ein  ungeheuerer  Stein  plötzlich  dort  erschien,  und  der  dritte  Tempel  durch  einen 
noch  lebenden  in  Form  unserer  Finden  ausgebreiteten  Tannenbaum,  welcher  mit 
seinen  Ästen  einen  etwa  28 — 30'  im  Durchmesser  betragenden  Raum  bedeckte. 
Wir  wurden  von  den  Priestern  äufserst  freundlich  empfangen  und  mit  ausgezeichneter 
Achtung  behandelt.  Unser  Oberhaupt  besuchte  die  beiden  letzten  Tempel  nicht  und 
entzog  sich  sogar  einem  kleinen  Sakemahle,  das  hier  ein  Ringkämpfer  oder  Sumo 
den  Holländern  zu  geben  pflegt.  Er  war  vor  drei  Monaten  nach  Nagasaki  gekommen 
und  hatte  uns  auf  Dezima  eingeladen;  inzwischen  war  sein  Haus  mit  dem  gesamten 
Mobiliar  durch  eine  Feuersbrunst  zerstört  worden,  und  wir  fanden  an  Stelle  des  wohl- 
habenden nun  einen  armen  Freund,  nur  einige  ärmliche  Hütten  da  errichtet,  wo  nach 
seiner  Beschreiburg  früher  seine  stattliche  Wohnung  sich  befand.  Und  doch  hatte  er 
die  Tafel,  soweit  es  ihm  möglich  war,  bestellt.  Man  konnte  aus  allen  Gerätschaften 
abnehmen,  dafs  sie  mit  vieler  Mühe  zusammengebracht  worden  waren.  Ich  trank  mit 
ihm  auf  besseres  Glück.  Übrigens  war  er  ungeachtet  des  erlittenen  Verlustes  munter, 
und  ich  versprach,  ihm  am  Abende  in  unserer  Herberge  ein  kleines  Geschenk  auszu- 
suchen. Es  ist  mir  unbegreiflich,  wie  ein  Gesandter  einer  hier  mit  so  vieler  Achtung 
behandelten  Nation  aus  ganz  unbegründeten  Vorurteilen  sich  so  unfreundlich  benehmen 
kann.  Ich  wurde  in  solchen  Fällen  oft  vom  tiefsten  Schamgefühl  ergriffen  und  suchte  die 
Ehre  unserer  Gesandtschaft  durch  Erteilung  grofser  Spenden  aufrecht  zu  erhalten,  als  Ver- 
treter einer  Nation,  deren  Regierung  mit  ernstem  Willen  bestrebt  ist,  diesen  Asiaten  ein 
Gedächtnisblatt  europäischer  Generosität  bei  jeder  Gelegenheit  vor  Augen  zu  legen;  doch, 
wie  soll  bei  unserem  Gesandten  Generosität  walten!  «Illi  aes  triplex  circa  pectus  erat.»  — 
Von  hier  aus  ging  ich  einige  Stunden  zu  Fufse  bis  zum  Dorfe  Takasaka-no  matsi.  Der 
Weg  führte  durch  Felder,  die  später  mit  Reis  bepflanzt  werden,  mit  tiefen  Furchen, 
schmalen  Beeten  und  abteilenden  Zeilen.  An  einem  Pfahle  fand  ich  wieder  einen 
Anschlag,  der  wörtlich  also  lautete:  «Man  darf  hier  keine  Vögel  und  andere  Tiere 
jagen,  da  der  Bezirk  für  den  Fandesherrn  zur  Falkenjagd  auf  Kraniche  bestimmt  ist». 
In  der  Nähe  sah  ich  einen  Friedhof,  wo  die  Toten  verbrannt  werden. 

Ich  suchte  mit  einbrechender  Nacht  meine  Sänfte  auf  Und  kam  nach  9 Uhr  zu 
Kakogawa  an,  wo  wir  übernachteten.  Es  besuchte  mich  noch  ein  Arzt,  dessen  Sohn 
an  meiner  Privatschule  zu  Narutaki  Unterricht  geniefst,  Namens  Takeda  Sjötatsu, 
dem  ich  den  Auftrag  gab,  die  seltensten  Pflanzen  dieser  Gegend  für  mich  zu  sammeln. 
Ich  beschenkte  ihn  mit  einer  Fanzette.  Er  hielt  später  sein  Versprechen. 

[11.  März.]  Wir  verliefsen  um  6 Uhr  Kakogawa,  vom  schönsten  Wetter  be- 
günstigt. Vor  uns  sahen  wir  eine  ausgebreitete  Ebene,  fast  ganz  mit  Reis  bepflanzt; 
nur  einige  Felder  waren  mit  anderen  Getreidearten,  als  Weizen,  Gerste  u.  dgl.  be- 
stellt. Die  Fandleute  ziehen  von  ihren  Reisfeldern  eine  doppelte  Ernte,  die  sie  durch 


154 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


äufserst  zweckmäfsiges  Düngen  erzielen;  man  läfst  hier  Stroh  mit  Erdschichten  in 
konischen  Komposthaufen  verfaulen.  Viele  Dörfer  und  Weiler,  einzeln  stehende 
Wäldchen  und  Büsche  unterbrechen  die  weitausgedehnte  Ebene,  in  deren  Hintergrund 
die  blauen  Berge  der  Landschaft  Kisiu  auf  Nippon,  die  Landschaft  Awa  auf  Sikoku  und 
die  Insel  Awasi  hervortreten,  Wir  ruhen  im  Dorfe  Nisitani.  Von  hier  weiterziehend 
bemerkte  ich  mehrere  Seen,  die  zur  Bewässerung  der  Reisfelder  mit  Kunst  der  Natur 
abgewonnen  worden  waren,  umrahmt  von  anmutigen  Tannenwäldchen.  Kurz  darauf 
genossen  wir  beim  Dorfe  Tsutsijama  eine  überraschende  Aussicht  auf  das  Meer.  Wir 
begegneten  vielen  Bettlern  und  Mönchen  von  der  Montö-  oder  Ikkosjusektc.  Die 
Priester  der  ersteren,  die  von  Kobo-Dai-Si  gegründet  wurde,  haben  strenge  Regeln  zu 
beobachten,  während  die  der  letzteren  Fische  essen  und  sogar  heiraten  dürfen. 

Gegen  2 Uhr  kamen  wir  nach  Akasi,  einem  ziemlich  grofsen  Städtchen,  dem 
Sitze  eines  Fürsten,  Matsudaira  Sakiöje-no-ske;  im  übrigen  ein  unbedeutender  Ort,  wto 
wenig  Ordnung  und  Zucht  herrscht.  Wir  reisen  längs  des  Strandes  fort  und  haben 
SSW.  das  Eiland  Awasi  vor  uns.  Die  Strafse  zwischen  dieser  Insel  und  Nippon  ist  eine 
japanische  Ri  (circa  4 Kilometer)  breit;  das  Fahrwasser  scheint  tief, genug  zu  sein,  und 
wir  sahen  die  japanischen  Barken  dort  nach  allen  Seiten  hin  kreuzen.  Herrliche  Aus- 
sicht auf  die  See  genossen  wir  beim  Dorfe  Maikonohama,  in  dessen  Nähe  ich  mit 
meinem  Seekompafs  einige  Beobachtungen  anstellte.  In  einem  Tannenhaine  stand  ein 
Bild  des  Gottes  Dsizoo,  auffallend  durch  einen  Strahlenkranz  um  das  Haupt.  Auf 
halbem  Wege  von  Akasi  nach  Hiögo  stiefsen  wir  auf  eine  Restauration,  berühmt  durch 
die  Nudeln,  die  dort  aus  Buchweizen  zubereitet  werden.  Alles  labte  sich  an  Speise 
und  Trank.  Man  nennt  den  Ort  Itsinotani.  Ich  war  den  ganzen  Tag  scharf  gegangen 
und  begab  mich  nun  in  meinen  Norimon.  Die  Nacht  brach  ein,  und  erst  gegen 
8P2  Uhr  kamen  wir  in  unserem  Gasthofe  zu  Hiögo  an,  wo  sich  sogleich  nach  meiner 
Ankunft  der  Arzt  des  Landesherrn  bei  mir  melden  liefs;  er  hatte  einige  Naturalien  für 
mich  zum  Geschenke  mitgebracht.  Mit  ihm  kamen  noch  einige  andere  Ärzte  und 
eine  grofse  Anzahl  Kranker,  die  mich  bis  Mitternacht  umlagerten.  Der  Arzt  des  Landes- 
herrn war  ein  sehr  freundlicher  Herr  und  durch  meinen  Freund  Kosai  mit  meinen  gebräuch- 
lichsten Arzeneien  bereits  bekannt.  Unter  den  Kranken  fanden  sich  wieder  einige 
sehr  schlimme  Fälle  von  inveterierter  Syphilis.  Ich  erteilte  ihm  eine  kurze  Erläuterung 
über  die  verschiedenen  Formen  dieser  in  Japan  so  tief  eingewurzelten  Krankheit  Und 
den  zweckmäfsigen  Gebrauch  der  Merkurial-Mittel,  die  man  hier  oft  ganz  Filsch,  mehr 
zur  Verschlimmerung  als  zur  Heilung  dieser  Krankheit  anwendet. 

Ich  erhielt  vier  sehr  zahme  Kraniche  und  eingesalzene  Sepieneier,  welche  hier 
als  Leckerbissen  gelten.  Über  Hiögo  konnte  ich  wegen  meines  zu  kurzen  Aufenthaltes 
wenig  zuverlässige  Nachrichten  einziehen;  ich  ersuchte  daher  diesen  neuen  Anhänger 
um  schriftliche  Aufklärung  über  einige  politische  und  geographische  Punkte,  die  ich 
ihm  angab. 

[12.  März.]  Um  8 Uhr  morgens  aufbrechend,  gehen  wir  zu  Fufs  durch  die 
Stadt,  die  aufserordentlich  volkreich  zu  sein  scheint.  Das  Volk  verrät  wenig  Bildung, 
so  dafs  unsere  Führer  häufig  zu  ihren  Stöcken  greifen  müssen.  Die  Strafsen  sind  mit 
ganz  gewöhnlichen  Kramläden  besetzt,  und  die  Wohnungen  haben  ein  ärmliches  Aus- 
sehen. Dicht  bei  Hiögo  passierten  wir  ein  langes  Dorf,  berüchtigt  durch  Zahnärzte 
und  Quacksalber,  die  Köpfe  mit  ausgezogenen  Zähnen  nebst  anderen  Charlatanerien  vor 
ihren  Fenstern  ausgestellt  hatten.  Der  in  der  Nähe  befindliche  Begräbnisplatz  des  be- 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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rühmten  Kriegers  Kutsunoki  Masasige,  des  Schutzpatrons  gegen  Zahnschmerzen,  zieht  die 
Zahnleidenden  an.  Die  Gruft  dieses  Helden,  die  in  der  Mitte  eines  schattigen  Haines 
liegt,  ziert  ein  aus  Granit  gefertigtes  Monument,  über  welchem  ein  kleines  Gebäude 
in  Form  eines  Tempels  sich  erhebt,  vorne  mit  einem  Gitter  versehen,  an  dem  viele 
kleine  Votivbilder  aufgehängt  sind.  Auch  bemerkte  ich  auf  kleinen  von  Cypressen- 
holz  verfertigten  Präsentierschüsseln  einige  abgeschnittene  gut  frisierte  Zöpfe  mit  dem 
Namen  des  Amputierten.  Damit  hat  es  folgende  Bewandtnis.  Kutsunoki  Masasige  ist 
auch  Patron  der  Seeleute,  weswegen  diese  bei  Sturm  oder  Schiff  bruch  das  Gelübde 
thun,  dem  vergötterten  Helden  ihr  Liebstes,  ihren  Zopf,  zu  opfern.  Wir  besuchten 
hierauf  den  Tempel  Ikuta  Mijozin  in  einem  anmutigen  Haine,  durch  den  eine  Allee 
von  Kirschbäumen  und  Armeniacen  führt,  zwischen  welchen  in  gleichmäfsigen  Abständen 
Laternen  von  Stein  aufgestellt  sind.  Die  Sintötempel  tragen  durchgehends  das  Ge- 
präge der  Einfachheit;  ihr  Hauptzweck  ist,  das  Andenken  der  Helden,  Grofsen  und 
um  das  allgemeine  Wohl  verdienten  Männer  zu  bewahren;  in  der  Art  und  Weise 
dieser  Verehrung  prägt  sich  der  vaterländische  primitive  Gottesdienst  aus,  der  um  so 
lebhafter  über  der  Grabstätte  vergötterter  Ahnen  aufblüht,  je  tiefer  die  Verdienste 
derselben  in  die  Herzen  der  Eingeborenen  eingegraben  sind,  und  noch  jetzt  warme 
Teilnahme  für  ihre  Schicksale  und  alles  auf  sie  Bezügliche  hervorrufen.  Daher  bilden 
Waffen,  Gemälde,  Gedichte,  alte  Tannenbäume,  kurz  alles,  was  von  solchen  Männern 
stammt,  die  Zierde  und  den  Gegenstand  der  Bewunderung  und  Verehrung  in  solchen 
Tempeln,  während  bei  den  Buddhisten  lange  Reihen  unförmlicher  Götter  und  un- 
zählige andere  Gegenstände,  aufgestellt  zur  Versinnlichung  des  Übersinnlichen,  die 
Tempel  des  indischen  Gottesdienstes  mit  grellabstechenden  Farben  schmücken.  Ich 
bemerkte,  dafs,  je  näher  man  der  Residenz  des  Mikados  kommt,  die  Tempel  des  später 
aus  China  gekommenen  Buddhadienstes  seltener  werden.  Aus  den  oben  angeführten,  im 
Sintökultus  wurzelnden  Gründen  wird  auch  hier  in  Ikuta  Mijozin  das  Pferd  der 
Helden,  in  Lebensgröfse  in  Holz  geschnitzt,  aufbewahrt.  Nebst  der  grofsen  Mia 
(Sintö-Tempel)  finden  sich  noch  verschiedene  kleinere,  jede  einem  beliebten  Halb- 
gotte geweiht,  welchen  man  in  verschiedenen  Angelegenheiten  anruft,  verehrt  und 
beschenkt. 

So  fand  ich  hier  einen  sogenannten  Fusibaum,  Dolichos  polystachyos,  an  dessen 
sämtlichen  Zweigen  Papierchen  angebunden  waren.  Diese  Bändchen  von  Papier  bindet 
man  rund  um  einen  beliebigen  Baum,  und  zwar  absichtlich  mit  der  linken  Hand,  um 
sich  durch  dieses  mühsame  Werk  beim  Gotte  gröfsere  Verdienste  zu  erwerben.  Auch 
sollen  die  Mädchen  zur  Erflehung  eines  glücklichen  Ehestandes  solche  Papierbändchen 
an  Fusizweige  binden,  wo  dann  die  Blumensprossen  durch  kürzere  oder  längere  Blüte 
ihr  Schicksal  verkünden.  Wir  setzten  unsere  Reise  zwischen  der  Küste  und  dem  Ge- 
birge Okamojama  fort,  wo  sich  eine  herrliche  Aussicht  auf  den  Golf  von  Osaka 
darbietet.  Ich  zählte  über  hundert  Fahrzeuge,  die  bald  hier  bald  dort  kreuzten  oder 
vor  Anker  lagen.  Dieser  Golf  scheint  überall  einen  guten  Ankerplatz  selbst  für  euro- 
päische Schiffe  zu  haben;  doch  ist  Vorsicht  nötig,  da  häufig,  besonders  auf  der  Höhe 
von  Osaka,  Untiefen  Vorkommen  sollen.  Der  Weg  führte  über  viele  jetzt  ausge- 
trocknete Flüsse,  deren  Bett  derart  durch  aufgehäuftes  Gerolle  angefüllt  und  erhöht 
ist,  dafs  man  auf  beiden  Seiten  durch  aufgeworfene  Dämme  dieselben  künstlich  regu- 
lieren mufste.  Man  benützt  dazu  aus  Bambus  geflochtene  und  mit  Steinen  angefüllte 
Säcke.  Man  sagte  mir  auch,  dafs  bei  starkem  Regenwetter,  namentlich  im  Juni  und 


O6 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Juli,  diese  Bergströme  sehr  anschwellen.  Aufser  diesen  kommen  in  der  Landschaft 
ungewöhnlich  viele  Wasserleitungen  vor,  unter  andern  beim  Dorfe  Mitoro  ein  Bach, 
der  eine  Viertelstunde  weit  in  hölzernem  Bette  über  die  Reisfelder  geleitet  und  durch 
Wassermühlen  weitergetrieben  wird.  Hundertjähriger  Fleifs  wufste  hier  trotz  der 
Macht  der  vom  steilen  Gebirge  herabstürzenden  Gewässer  am  Fufse  derselben  aus- 
gebreitete Reisfelder  vor  Überschwemmungen  zu  wahren,  und  zugleich  bei  eintretender 
Trockenheit  für  Bewässerung  zu  sorgen.  Diese  so  vollendete  Kultur  im  ganzen  Reiche 
ist  der  sicherste  Beweis  eines  langen  Aufenthaltes  des  japanischen  Volksstammes  in 
diesem  Archipel. 

Gutta  cavat  lapidem  non  vi  sed  saepe  cadendo. 

Wir  ruhten  und  erfrischten  uns  zu  Sumijosi,  wo  wir  auch  eine  günstige  Gelegen- 
heit zur  Observation  der  Sonnenhöhe  fanden.  In  Kitsimura  erhielten  wir  die  Nach- 
richt, dafs  hier  die  Tochter  eines  Würdenträgers  des  kaiserlichen  Hofstaates  vorbei- 
reisen werde.  Kurz  darauf  kam  sie  in  einer  Sänfte,  vor  der  man  mehrere  Insignien 
und  Nagamotsi  trug,  und  welcher  einige  Frauen  zu  Fufse  und  einige  im  Kago  ge- 
tragen folgten.  Nach  2 Uhr  erreichten  wir  Nisinomia,  wo  wir  Mittag  hielten  und 
übernachteten.  Abends  kam  unvermutet  mein  Schüler,  der  Leibarzt  des  ersten  Rats- 
herrn von  Osaka.  Ich  glaubte,  derselbe  sei  längst  zu  Jedo  angekommen. 

[13.  März.]  Wir  reisen  von  Nisinomia  um  8 Uhr  bei  unfreundlicher  Witterung 
ab.  Unter  Schneegestöber  und  eisigem  Nordwinde  durchziehen  wir  die  sehr  flache 
Landschaft  und  gelangen  an  die  Stadt  Amatzusaku,  die  Residenz  des  Landesherrn 
Madsudari  Totomino  Kami;  daselbst  befindet  sich  ein  Kastell  mit  einem  breiten 
Graben,  der  mit  der  See  in  Verbindung  steht,  die  durch  einen  breiten  Kanal  (70  kl. 
Schritte  breit)  darin  einmündet.  Wir  passieren  die  über  denselben  führende  Brücke, 
kommen  um  1 1 Uhr  nach  Kansaki,  wo  wir  über  den  ziemlich  breiten  Flufs  Kansaki- 
gawa  mit  Fahrzeugen  setzen , ruhen  zu  Sjuzo , gehen  über  den  Flufs  Sjuzogawa,  und 
kommen  23/4  Uhr  an  die  Vorstädte  von  Osaka,  die  blofs  durch  die  belebteren  Strafsen 
und  die  ununterbrochene  Thätigkeit  der  Einwohner  in  ihren  Beschäftigungen  und 
Gewerben  sich  von  den  seither  besuchten  Städten  unterscheiden.  Wir  bedauerten,  dafs 
das  trübe  Wetter  uns  eine  freie  Aussicht  auf  die  Stadt  versagte,  die,  in  einer  ausge- 
breiteten Ebene  liegend,  sich  am  südlichen  Horizont  in  einen  Dunstkreis  gehüllt  verlor. 
Häufige  Gemüsefelder  und  Blumengärten  entfalteten  sich  vor  unserem  Blicke,  bis  in 
nebeliger  Ferne  hervorragende  Dächer,  Gipfel  hoher  Tannenbäume  und  endlich  die 
Türme  des  Kastells  diese  grofse  Handelsstadt  ankündeten.  In  den  Vorstädten  be- 
merkten wir  hauptsächlich  die  Geschäftsräume  von  Viktualienhändlern,  Schreinern, 
Kupferschmieden,  Sakebrauern  und  einigen  unbedeutenden  Kaufleuten.  Nach  25  Mi- 
nuten kamen  wir  über  eine  grofse  hölzerne  Brücke,  Naniwabasi  (108  Ken  lang),  die 
über  den  Flufs  Jodogawa  führt.  Hier  werden  die  Strafsen  breiter  und  ansehnlicher. 


tr* 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Aufenthalt  zu  Osaka  und  Kioto  (Miako). 

Übersicht.  Enthusiastische  Teilnahme  für  europäische  Arzeneiwissenschaft.  — Einsicht  der  eben 
blühenden  Gewächse  in  Osaka.  — Eilposten  in  Japan.  — Beschreibung  von  Osaka.  — Landschaft 
Jamato.  Bewässerung  der  Reisfelder.  — Flufs  Jodo  gawa.  — Eindämmung  und  Schleusen.  — Ankunft 
in  Kioto.  — Strafsen.  — Bevölkerung.  — Besuch  von  Ärzten.  — Observationen. 

[14.  März.]  Osaka  ist  eine  der  fünf  unmittelbaren  Städte,  welche  der  Regierung 
des  Sjöguns  unterstehen.  Sie  ist  die  Hauptstadt  der  Provinz  Setsu  und  die  erste 
Handelsstadt  im  Reiche,  indem  sie  durch  ihre  Lage  am  östlichen  Ende  des  schiff- 
reichen Binnenmeeres  die  Verbindung  mit  dem  westlichen  Teile  der  grofsen  Insel 
Nippon  und  den  Inseln  Sikoku  und  Kiusiu  bildet;  ebenfo  günstig  für  den  Handel  ist  ihre 
Lage  an  der  Mündung  des  grofsen  schiffbaren  Flusses  Jodogawa,  der  den  Verkehr  mit 
der  alten  Reichshauptstadt  Kioto  und  den  früheren  Kronländern,  dem  Kreise  Gokinai 
erleichtert.  Dieser  Flufs,  der  aus  dem  grofsen  Landsee  Biwako  entspringt  und  seinen 
Namen  von  der  Stadt  Jodo  trägt,  die  er  kurz  nach  seinem  Ausflusse  aus  dem  See 
bespült,  hat  zwar  nur  einen  kurzen  Lauf  durch  die  Provinzen  Setsu  und  Jamasiro, 
bietet  aber  durch  seine  Einmündung  in  die  weit  ausgebreitete  Binnensee  eine  aufser- 
ordentlich  günstige  Wasserstrafse.  Auf  der  andern  Seite  hat  Osaka  über  Kioto  eine 
vorzügliche  Fan  dver  bin  düng  durch  die  grofse  Landstrafse  Tokaido  mit  Jedo  resp.  dem 
östlichen  und  nördlichen  Teile  von  Nippon.  Die  Stadt  Osaka  selbst  wird  durch  Ver- 
zweigung dieses  Flusses  von  einem  regelmäfsigen  Netzwerk  von  Kanälen  durchzogen, 
welche  Hunderten  von  Schiffen  und  Booten  eine  bequeme  Wasserstrafse  für  den  Waren- 
transport bieten. 

Ich  empfange  häufige  Besuche  von  Ärzten,  unter  welchen  sich  einige  der  an- 
gesehensten dieser  Stadt  befanden,  alle  beseelt  von  Begeisterung  für  die  europäische 
Arzeneiwissenschaft.  Auch  von  Kioto  kommen  mit  mir  in  Briefwechsel  stehende 
Freunde  und  bringen  Naturalien  zum  Geschenke.  Eben  erhalte  ich  direkt  aus  der 
Presse  eine  kleine  Materia  medica,  die  ich  vor  meiner  Abreise  von  Nagasaki  verfafst, 
und  die  mein  Schüler  Kiso  Riosai  ins  Japanische  übersetzt  hatte.  Es  werden  uns 
verschiedene  Tiere,  als  Wölfe,  Hasen,  \,Tögel  etc.,  zur  Schau  gebracht.  Gebe  am 
Abende  viele  Aufträge  zur  Begünstigung  meiner  Untersuchungen.  Erhalte  eine 
Schildkröte. 

[15.  März.]  Heute  wurden  mir  die  eben  jetzt  in  Osaka  blühenden  Gewächse 
gebracht,  als  Syringa  suspensa,  Hepatica  acutiloba  DC.,  Cerasus  Itosakura,  Jasminum 
praecox,  Andromeda  japonica,  Asarum  canadense  und  virginicum.  Wir  nehmen  die 
Länge  mit  Hülfe  des  Chronometers.  Darauf  erscheinen  viele  Kranke,  die  meine 
hiesigen  Freunde  mir  vorführen.  Ich  mache  einige  Operationen;  es  kommt  mir  ein 
interessanter  Fall  von  Aneurysmen  vor.  Bis  tief  in  die  Nacht  dauern  die  Besuche 
meiner  japanischen  Freunde. 

[16.  März.]  Man  zeigt  uns  eine  Mifsgeburt  von  einem  Hirsch  sowie  einen  lebenden 
weifsen  Hirsch.  Die  vorhandenen  oberen  Hundezähne,  die  roten  Augen,  die  Form 
des  Geweihes  und  der  Rosen,  kurz  der  ganze  Habitus  des  Tieres  läfst  mich  dasselbe 
für  einen  Albino  halten;  es  war  ein  sehr  schönes  Tier,  sollte  jedoch  150  Kobang 
kosten,  die  Mifsgeburt  18  Kobang.  Die  Preise  der  Naturalien  sind  in  Japan  sehr 
hoch.  — Es  bietet  sich  eine  günstige  Gelegenheit  dar,  mit  der  Eilpost  von  hier  einen 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


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Brief  nach  Dezima  zu  senden.  Diese  Posten  finden  von  hier  aus  (durch  das  Reich) 
namentlich  nach  den  Residenzstädten  Jedo  und  Kioto  und  nach  Nagasaki,  als  Handels- 
platz für  Ausländer,  statt,  und  sind  zu  Osaka,  dem  Centralpunkte  des  japanischen 
Handels,  besonders  gut  eingerichtet.  Man  hat  hier  festgesetzte  Posttage,  namentlich 
den  7.,  17.  und  27.  jedes  japanischen  Monats  nach  Nagasaki,  und  8.,  18.,  28.  nach 
Kioto  bis  Jedo.  Diese  fixe  Post  geht  von  Osaka  über  Simonoseki  nach  Nagasaki  in 
sieben  Tagen,  und  zwar  bis  Simonoseki  in  einem  kleinen,  gutsegelnden  mit  vielen 
Ruderern  bemannten  Fahrzeuge;  von  hier  geht  das  Postpaket  über  Land;  hier  sind 
bestimmte  Stationen  eingerichtet,  wo  das  Paket,  an  einen  Stock  gebunden,  durch 
Schnellläufer  weiter  befördert  wird.  Diese  Hemerodromen  laufen  flüchtigen  Fufses  bis 
zur  nächsten  Poststation,  wo  das  Paket  blofs  übergeben  und  sofort  weiter  getragen 
wird.  Ich  habe  mehrmals  solche  Estafetten  gesehen.  Aufser  diesen  fixen  Posten 
können  jeden  Augenblick  Briefe  über  See  nach  Simonoseki  und  über  Land  nach  den 
andern  Provinzen  abgefertigt  werden,  welche  man  mit  50 — 100  Gulden  und  nach  Um- 
ständen noch  höher  bezahlt. 

[17.  März.]  Wir  verlassen  gegen  8 Uhr  unser  viertägiges  Gefängnis  zu  Osaka, 
durchziehen  eine  Stunde  lang  die  Stadt  in  nördlicher  Richtung;  begegnen  einem  Misse- 
thäter,  der  eben  zum  Richtplatz  geführt  wird,  gehen  über  den  Flufs  Jodogawa,  kommen 
an  dem  Kastelle  vorüber  und  ziehen  noch  über  einen  Arm  desselben  Flusses,  wo  die 
Stadt  in  ärmlichen  Hütten,  von  Kärrnern  und  Lastträgern  bewohnt,  endet.  Auffallend 
war  es,  vor  den  Pferdeställen  die  Decken  und  Schuhe  der  Pferde  zum  Trocknen  auf- 
gehängt zu  sehen.  Hier  dehnt  sich  ein  breites  Thal  NNO.  aus,  auf  beiden  Seiten  von 
einer  Gebirgskette  begrenzt,  rechts  die  Landschaft  Jamato,  links  Harima,  die  Berg- 
rücken derselben  mit  Schnee  bedeckt.  Es  bildet  dieses  Thal  eine  bedeutende  Ebene, 
von  dem  oben  erwähnten  Jodogawa  durchströmt.  Die  gröfstenteils  mit  Reis  be- 
stellten Felder  stehen  gegen  die  bisher  gesehenen  mehr  unter  Wasser;  daher  zeigen 
sich  allenthalben  schmale  Kanäle  und  Wassermühlen  (Mizukuruma),  welche  hier  durch 
eine  Person  getreten  werden.  Der  Jodogawa  ist  für  den  Handel  von  bedeutender 
Wichtigkeit;  da  jedoch  dieser  Flufs  mit  dem  grofsen  See  bei  Kioto,  dem  Biwako,  in 
Verbindung  steht,  so  ereignet  es  sich  oft,  dafs  derselbe  grofse  Überschwemmungen 
verursacht,  die  um  so  verheerender  sind,  da  namentlich  die  am  linken  Ufer 
befindlichen  Felder  bedeutend  tiefer  als  der  Flufs  selbst  liegen.  Daher  ist  ein 
hoher  Damm  zur  Sicherung  derselben  errichtet.  Die  links  dieses  Flusses  aus- 
gebreiteten Reisfelder  können  durch  Schleusen  unter  Wasser  gesetzt  werden.  Diese 
laufen,  den  Damm  in  einer  Tiefe  von  iSFufs  quer  durchbohrend,  auf  die  Reisfelder 
aus,  wo  jedesmal  in  der  Mitte  des  Dammes  ein  Kessel  gegraben  ist,  in  dessen  Grunde 
die  Schleuse  liegt  und  nach  Belieben  reguliert  werden  kann.  Nahe  beim  Dorfe 
Hirakuta  bemerkte  ich  bei  einer  solchen  Schleuse  einen  Wasserpegel,  genau  nach 
japanischem  Mafsstab  in  Sjaku  eingeteilt,  und  ich  erfuhr,  dafs  man  zur  Ankündigung 
der  Überschwemmungsgefahr  diese  Mafsregel  getroffen  hat.  Hirakuta  ist  ein  grofses 
Dorf,  welches  sehr  häufig  von  den  Bewohnern  von  Osaka  als  Vergnügungsort  besucht 
wird,  weswegen  alle  Strafsen  mit  Freudenmädchen  gefüllt  sind,  die  mir  um  so  mehr 
zu  Gesicht  kamen,  als  ich  eine  Stunde  dem  Zuge  vorausgegangen  war  und  so  mit 
meinen  wenigen  Begleitern  die  Strafsen  durchschritt,  wo  die  Neugierde  alles  vor  die 
Thüren  rief.  Wir  hielten  hier  Mittag  und  setzten  dann  unsere  Reise  nach  Fusimi  fort. 
Die  Lage  von  Hirakuta  ist  äufserst  schön,  und  manche  Gegend  des  Jodogawa  erinnert 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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mich  an  das  vaterländische  Mainthal.  Wir  bedauerten  sehr,  dafs  wir  den  berühmten 
Tempel  des  Hatsimantaro  nicht  besuchen  konnten.  Gegen  Abend  kamen  wir  an  die  Stadt 
Jodo,  die  zwischen  dem  Jodogawa  und  Kizugawa  liegt,  der  hier  in  ersteren  einmündet. 
Wir  zogen  weiter  über  eine  Brücke  und  kamen  endlich  gegen  9 Uhr  abends  zu  Fu- 
simi  an,  wo  wir  übernachteten. 

[18.  März.]  Nach  8 Uhr  brachen  wir  nach  Kioto  auf.  Ich  ging  mit  Dr.  Bürger 
zu  Fulse  durch  die  Stadt  Fusimi,  deren  Vorstadt  eigentlich  mit  jener  von  Kioto  zu- 
sammenstöfst.  Wir  besuchten  auf  der  Strafse  nach  Kioto  den  Tempel  Inari,  der 
wegen  der  grellen  roten  Farben  des  Gebäudes  und  der  ausgezeichneten  Reinlichkeit 
uns  besonders  auffiel;  er  ist  dem  sogenannten  Fuchsgotte  Inari  geweiht.  Wir  gingen 
an  den  Tempeln  Tösukusi  und  Daibutsu  vorbei  und  kamen  gegen  11  Uhr  in  unsere 
Wohnungen  nach  Kioto.  Mit  Ausnahme  der  aus  schlechten  Hütten  bestehenden 
Strafsen  längs  der  obengenannten  Tempel  verdienen  die  Strafsen  dieses  Teiles  der 
Stadt  selbst  bei  weitem  den  Vorzug  vor  denjenigen,  die  wir  in  Osaka  durchzogen. 
Kaufläden  der  verschiedensten  Manufakturen  und  Landesprodukte  wechselten  mit  gut 
gehaltenen  Privathäusern  ab.  Hier  und  da  erhob  sich  ein  schöner  Sintö-  oder  Buddha- 
Tempel.  Die  Strafsen  sind  gut  unterhalten,  breit,  das  Volk  in  ziemlich  gut^r  Ordnung. 
Eigentlich  begannen  diese  besseren  Strafsen  nach  dem  Übergang  über  die  Brücke  Rosi- 
nobasi,  unter  welcher  auf  dem  Gerolle  des  Flufsbettes  eine  Kattunbleiche  angelegt  ist. 

Gleich  bei  der  Ankunft  in  unserem  Gasthofe  bot  sich  eine  gute  Gelegenheit, 
Sonnenhöhe  zu  nehmen.  Nach  dem  Mittagsmahle  besuchten  mich  meine  japanischen 
Freunde  dahier,  unter  andern  die  Arzte  Komori  Hikonoske  und  Riötai,  letzterer  ein  grofser 
Freund  der  europäischen  Wissenschaften  und  einer  der  gesuchtesten  Ärzte  hier.  Er  be- 
sitzt' die  gröfste  Sammlung  holländischer  Werke  in  Japan,  deren  Wert  sich  auf  300  Ko- 
bang  beläuft.  Am  Abend  besuchte  mich  der  Bruder  meines  unvergefslichen  Schülers 
Mima  Zunzö,  der  von  der  Insel  Sikoku  nur  zu  dem  Zwecke  mich  zu  besuchen  hier- 
her gekommen  war,  und  bringt  einige  Gewächse  und  Mineralien. 

[10.  März.]  Morgens  machten  wir  Observationen  für  die  Länge  mit  Chrono- 
meter und  nahmen  auch  die  Mittagsbreite.  Besuche  meiner  japanischen  Freunde. 
Sende  meine  Schüler  durch  die  Stadt,  zum  Aufsuchen  verschiedener,  meine  Unter- 
suchung fördernder  Gegenstände.  Der  Arzt  Komori  Hikonoske,  einer  der  kaiserlichen 
Doktoren,  besucht  mich  wieder.  Am  Abend  kommt  eine  hochstehende  Persönlichkeit 
vom  kaiserlichen  Hofe,  um  uns  Europäer  zu  sehen,  jedoch  ganz  inkognito;  derselbe 
keifst  Okura  Tsunagon,  ist  55  Jahre  alt  und  war  von  seinem  Sohne  und  seiner  Tochter 
begleitet.  Er  wird  vom  Opperhoofd  empfangen.  Seine  Zähne  waren  schwarz  gefärbt, 
wie  die  der  Frauen.  Dies  ist  Sitte  der  Vornehmen  am  Hofe  des  Mikados.  Eine  ge- 
treue  Darstellung  der  Kostüme  am  kaiserlichen  Hofe  ist  unter  Fig.  12  und  13 
gegeben. 


1 20.  März.]  Ich  setzte  die  meteorologischen  Instrumente  in  stand,  um  einige 
Tage  Observationen  zu  machen.  Empfing  Besuche  von  verschiedenen  Ärzten  nebst 
Kranken  und  erhielt  die  Nachricht,  dafs  unsere  Abreise  wegen  des  Zuges  eines  Ge- 
sandten des  Kaisers  nach  Jedo  wahrscheinlich  einige  Tage  aufgeschoben  werden 
würde.  Die  Geschenke  für  den  Obergouverneur  von  Kioto  und  den  Oberrichter 
legten  wir  beiseite,  um  sie  erst  bei  unserer  Rückkehr  zu  übergeben. 

[21.  März.]  Observation  für  Länge  mit  Chronometer.  Erhalte  verschiedene 
Besuche.  Leider  müssen  wir  die  Besichtigung  der  Sehenswürdigkeiten  von  Kioto  bis 


Kostüme  des  Adels  am  Hofe  des  Mikado 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826, 


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13.  Damen  am  Hofe  des  Mikado. 


IÜ2 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


zu  unserer  Rückkehr  verschieben.  Die  zahlreichen  Tempel  hier  bieten  ein  ganz  be- 
sonderes Interesse.1 

1 22.  März.]  Observation  für  Länge  mit  Chronometer  — Mittagbreite.  Alle 
6 Stunden  meteorologische  Beobachtungen.  Erhielt  viele  Besuche.  Treffe  alle  An- 
stalten, mir  Materialien  zu  einer  ausführlichen  Beschreibung  von  Miako  zu  verschaffen. 
Kaufe  viele  geographische  und  topographische  Werke  und  bringe  meine  japanische 
Bibliothek  in  Ordnung.  Miako  oder,  nach  chinesischer  Aussprache,  Kioto  ist  die 


Fig.  14.  Der  Tempel  Nisi-hon-gwanji  in  Kioto. 


alte  Reichshauptstadt.  Der  Mikado  hat  seine  Residenz  im  Norden  der  Stadt,  welche 
durch  Mauern  von  dem  bürgerlichen  Teile  der  Stadt  abgeschieden  ist  und  ein  kleines 
Städtchen  von  12 — 13  ha  Ausdehnung  für  sich  bildet.  An  der  Westseite  von  Kioto  liegt 
eine  befestigte  Burg;  hier  pflegt  der  Sjögun,  wenn  er  zur  Audienz  beim  Mikado  nach 
Kioto  kommt,  zu  residieren.  Dieses  Schlofs  ist,  wie  alle  japanischen  Festungen,  mit 
einem  breiten  Wassergraben  und  hohen  cyklopischen  Mauern  umgeben.  Es  bildet  ein 

1 Dem  Verfasser  gelang  es,  durch  seinen  tüchtigen  japanischen  Maler  Tojoske  eine  Reihe  von 
interessanten  Abbildungen  machen  zu  lassen,  welche  in  Nippon  erschienen  sind.  Vergl.  Nippon  II. 
Tab.  XXI.  d.,  Nippon  II.  Tab.  XXII  d.;  in  Fig.  14  wird  eine  Ansicht  des  Tempels  Nisi  Hongansi 
gegeben.  Es  ist  dies  der  Haupttempel  des  westlichen  Zweiges  der  mächtigen  buddhistischen  Hongansi- 
Sekte.  Die  Tempelhalle  selbst  ist  von  einer  seltenen  Gröfse,  138F1ÜS  bei  93  und  in  der  prächtigsten 
Weise  mit  Schnitzwerk  und  Vergoldung  verziert,  während  alte  Bilderwerke  und  Gemälde  einen  Beweis 
der  Kunst  und  der  Reichtümer  geben,  welche  früher  der  Verherrlichung  des  Buddhismus  gedient  haben. 
Anmerkung  zur  2.  Auflage. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjögun  im  Jahre  1826. 


15.  Ansicht  des  Biwasees 


164 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Quadrat,  dessen  Seiten  150  Ken  (a  1,81  m)  lang  sind.  In  der  Mitte  sieht  man  einen 
viereckigen,  mehrere  Stockwerke  hohen  Turm.  Kioto  ist  ein  Hauptsitz  der  japani- 
schen Kunst  und  Industrie,  und  die  Einwohner  betreiben  einen  lebhaften  Handel. 
Die  meisten  Häuser  in  den  Strafsen,  ' welche  wir  durchzogen,  waren  Kaufläden  oder 
von  Handwerkern  bewohnt,  die  bei  offenen  Fenstern  ihr  Gewerbe  betrieben.  Unter 
diesen  sind  am  berühmtesten  die  Lackarbeiten  sowie  die  geschnitzten  und  vergoldeten 
Holzarbeiten,  ferner  Färbereien  und  Webereien  von  Seidenstoffen,  die  berühmten 
Goldbrokate  Jamato-nisiki  und  Stahlarbeiten.  Ferner  befindet  sich  in  Kioto  die  Reichs- 
münze; bemerkenswert  sind  auch  die  Buchdruckereien  und  farbige  Holzschnittbilder. 

[23.  März.]  Die  japanischen  Astronomen  ziehen  ihren  ersten  Meridian  durch 
die  Sternwarte  von  Kioto,  welcher  1 3 5 0 40'  ö.  L.  von  Greenwich  entspricht.  Die 
Breite  der  Stadt  wurde  von  uns  unter  350  40'  n.  bestimmt.  Die  Stadt  selbst  dehnt  sich 
von  Süden  nach  Norden  2!/2  Ri  aus  (1  Ri  = ca.  4 km)  und  1 Ri  von  Ost  nach  West. 
Man  zählt  darin  inklusive  der  Umgebung  1 17000  Häuser  und  117  ansehnliche  Buddha- 
tempel und  Kamihallen.  Im  Jahre  1826  betrug  die  Bevölkerung  780000  Einwohner, 
wobei  die  Hofhaltung  des  Mikado  und  der  Reichsgrofsen,  Militär,  Civilbeamte  und 
Geistliche  nicht  mitgezählt  wurden,  so  dafs  die  Gesamtbevölkerung  sich  wohl  auf 
1200000  belaufen  kann,  Kioto  liegt  im  Kreise  Kokinai,  im  Herzen  des  Reiches,  in 
der  Landschaft  Jamasiro,  welche  wegen  ihrer  Fruchtbarkeit  bekannt  ist;  denn  sie  ent- 
hält 8961  Tsjo  (ca.  1 ha)  Reisfelder,  deren  Ertrag  auf  216070  Koku  (1  Koku 
— 180  Liter)  Reis  geschätzt  wird.  Die  Länge  von  Miako  haben  wir  durch  Chronometer 
mit  26  Observationen  festgesetzt.  Es  wird  mir  eine  seltene  Pflanze  gebracht,  die  ich 
als  eine  neue  Coptis  zu  erkennen  glaube.  Viele  Besuche,  besonders  von  Kranken. 

[24.  März.]  Observation  für  Länge  und  Breite.  Treffe  Anstalten  zur  morgigen 
Abreise;  Abschiedsgeschenke,  Aufträge  an  meine  Freunde  u.  s.  w. 


Reise  von  Kioto  bis  Jedo. 

Stadt  Otsu.  — Schöne  Aussicht  auf  den  Landsee  Omino  Mitzuumi.  — Stadt  Setze.  — Quelle 
des  Flusses  Jodogawa.  — Japanische  Medikamente.  — Merkwürdiger  Molch  San-sjö  no  iwo.  — Vege- 
tation des  Gebirges  Tsuzukajama.  Meilenzeiger.  — Rationeller  Feldbau.  — Glockengiefserei  in  Kuwana. 
Bepflanzung  der  Reisfelder  mit  andern  Gewächsen.  — Flufsdämme.  — Mia.  — Holzmagazin.  — Natur- 
wissenschaftliche Sammlungen  des  Mizutani  Zukurok.  — Brücke  über  den  Flufs  Jahakigawa,  — Stadt 
Okasaki.  — Geognostische  und  zoologische  Untersuchungen  längs  des  Strandes  bis  Arai  Fahrt  über  die 
Mündung  des  Flusses  Imarugawa  — Bai  Hamanoko.  — - Aussicht.  — Eherne  Säulenpforte  zum  Tempel 
Akiwasan  dai  gongen.  — Zug  durchs  Gebirge  Sajono  nakajama.  — Volkssagen.  — Oigawastrom.  — 
Beförderung  über  diesen  durch  Träger.  — Fischhäute.  — Industrie  in  Futsju.  — Chinesisches  Fahrzeug 
bei  Okitsu  verschlagen.  — Landesgesetz  betreffs  fremder  Schiffe.  — Papierbereitung.  — Flufs  Okitsu.  — 
Notbrücken.  — Aussicht  auf  den  Fusiberg.  — Hara,  botanischer  Garten.  — Strohschuhe  für  Gebirgs- 
reisen.  — Höhenmessung.  — Gebirgswache  bei  Hakone.  — Holzarbeiten  in  Llata.  — Flufs  Sakono- 
gawa.  — Brücke.  — Japanische  Flufsboote.  — Omori,  Residenz  der  Fürsten  von  Satzuma  und  Nakato. 
— Bordelle.  — Bai  von  Jedo.  — Einzug  daselbst.  — Handelsartikel. 

Wir  reisen  um  12  Uhr  von  Kioto  bei  ungünstigem  Regenwetter  ab  und  kommen 
über  die  Brücke  des  Flusses  Sisiö.  Die  Strafsen  dieses  Teiles  der  Stadt  bieten  einen 
sehr  unerfreulichen  Anblick,  und  die  Mehrzahl  der  auf  denselben  zusammengelaufenen 
Einwohner  schien  sehr  arm  zu  sein.  Auch  fielen  mir  hier  weniger  bedeutende  Kauf- 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  182h. 

laden  als  beim  Einzuge  ins  Auge.  Diese  berühmte  Stadt  endet  mit  ärmlichen  Hütten, 
an  welche  sich  das  Dorf  Jamasira  anschliefst.  Hier  begegneten  uns  viele  Karren, 
welche  sich  von  weitem  durch  ein  hohles  Gepolter  ankündeten.  Sie  sind  äufserst 
massiv,  die  Räder  sehr  hoch  in  weiten  Geleisen  laufend,  und  werden  von  einem  Ochsen 
gezogen.  Nach  kurzer  Reise  erreichten  wir  die  Stadt  Otsu,  an  der  SO. -Seite  des  be- 
rühmten Landsees,  welcher  Omino  Mizu  umi  oder  Biwako  genannt  wird.  Siehe  Fig.  15. 
Diese  Stadt  zeigt  durch  die  Einrichtung  der  am  Landwege  gelegenen  Häuser,  durch 
die  Kramläden,  welche  ausschliefslich  mit  Efswaren  und  für  Reisende  notwendige 
Artikel  versehen  sind,  dafs  sie  sehr  von  letzteren  besucht  wird.  Wir  kehrten  in  einem 
Theehause  ein,  wo  wir  von  einer  auf  den  See  auslaufenden  Altane  eine  herrliche 
Aussicht  genossen,  die  uns  jedoch  durch  die  ungünstige  Witterung  und  den  kalten 
Ostwind  (48°  Fahrh.)  sehr  geschmälert  wurde.  Der  See  selbst  war  vom  Sturme 
gepeitscht.  In  der  Ferne  sah  man  das  blafsgrün  erscheinende  Ufer  mit  hellschimmern- 
den Dörfern  und  Städten;  die  Küste  war  von  Fahrzeugen  belebt.  Im  N.  und  O. 
lagen  hohe  Berge  mit  Schnee  bedeckt.  Bald  darauf  passierten  wir  die  ansehnliche 
Stadt  Setze  mit  dem  hübschen  Schlosse  des  Landesherrn.  Von  da  führt  eine  Allee 
von  Tannenbäumen  südwärts  nach  Seta.  Im  O.  erglänzt  der  grofse  See,  dessen  Ufer 
mit  Erlen,  Weiden  und  Tannen  dicht  bewachsen  sind,  westlich  befinden  sich  Reis- 
felder, und  im  Hintergründe  türmen  sich  mit  Wald  bedeckte  Berge  auf.  Die  Gebirge 
im  NO.  des  Sees  sind  kahl  und  nur  mit  einigen  Gebüschen  und  kleinen  Wäldchen 
bewachsen.  Der  See  läuft  NNO.  in  einen  Arm  aus,  über  den  bei  Seta  eine  Brücke 
führt,  deren  erster  Teil  32  Ken,  der  zweite  96  Ken  lang  ist.  Hier  entspringt  unter 
dem  Namen  Seta.  gawa  der  berühmte  Flufs  Jodo  gawa,  der  sich  bei  Osaka  in  die  See  er* 
giefst.  Seta  liegt  zu  beiden  Seiten  dieses  Flusses.  Die  einbrechende  Nacht  entzog 
uns  eine  weitere  Aussicht  dieses  so  schön  gelegenen  Ortes.  Wir  kamen  um  9 Uhr 
zu  Kusatzu  an,  wo  wir  übernachteten. 

[26.  März.]  Wir  brechen  um  7 Uhr  von  Kusatzu  auf,  durchziehen  eine  lange 
Reihe  Dörfer,  die  gleichsam  eine  ununterbrochene  Strafse  bilden,  erfrischen  uns  zu 
Wumine  komura  in  dem  sehr  freundlichen  Gartenhause  eines  in  diesem  Dorfe  be- 
rühmten Arzneihändlers  und  kauften  einige  der  berüchtigten  Medikamente  als  Singö- 
kwan,  Pillen  von  göttlicher  Kraft  — Mokusa,  Pulver  von  Artemisia  — Man-kin-tan, 
Tausendgold-LatwTerge , Ten-sin-gö,  Salbe  oder  Latwerge,  Man-ten-ju,  mit  der  fehler- 
haften holländischen  Aufschrift:  « V r uggmak en de  Middel».  Das  Geheimnis  des  Watz- 
jun-zan,  dieses  berühmten  Universalmittels,  besonders  bei  Magenschmerzen,  Kopfweh 
u.  dgh,  entdeckte  ich  zufällig,  als  ich  im  Hinterhause  eine  zum  Feinmahlen  der  Medi- 
kamente eingerichtete  Tretmühle  besah,  einige  grofse  Strohsäcke  öffnete  und  ge- 
trocknete Kräuter  von  Sv/ertia  rotata  und  Cort.  aurant.  fand.  Die  Schwertia  war  mir 
schon  früher  als  ein  vortreffliches  bitteres  Heilmittel  bekannt  und  bildet  mit  Cort. 
aur.  die  zwei  Hauptbestandteile  jenes  Mittels.  Der  Eigentümer  bewirtete  uns  sehr 
gastfreundlich  und  bedauerte,  dafs  unser  Gesandter  ihm  nicht  auch  die  Ehre  erweise, 
bei  ihm  eine  Erfrischung  einzunehmen.  Ich  entschuldigte  seine  Abwesenheit  durch 
Unpäfslichkeit,  machte  dem  liebenswürdigen  Wirt  und  seiner  Familie  einige  kleine 
Geschenke,  und  da  der  Mann,  der  sorgfältigen  Pflege  seines  Gartens  nach  zu  urteilen, 
ein  Pflanzenfreund  schien,  gab  ich  ihm  den  Auftrag,  aus  den  umliegenden  Gebirgen 
mir  einige  Gewächse  Sammeln  und  über  Kioto  durch  meine  Freunde  daselbst  nach 
Dezima  besorgen  zu  lassen.  Ich  pflege  an  vielen  für  Botanik  günstig  gelegenen  Orten 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


1 66 

solche  Sammlungen  zu  bestellen  und  so  manche  seltene  Gewächse  der  Verborgenheit 
zu  entziehen.  Während  ich  die  Reise  zu  Fufse  fortsetzte,  kam  mir  eine  ganze  Familie 
auf  einem  Pferde  entgegen;  so  reisen  hier  Landleute,  denen  man  den  Namen  Sanbo- 
kosin  giebt.  Das  Pferd  trägt  auf  jeder  Seite  einen  aus  Bambus  geflochtenen  läng- 
lichen Korb,  in  welchem  gewöhnlich  die  Frauen  und  Kinder  mit  den  Reisegütern 
sitzen.  Auf  dem  Packsattel  sitzt  der  Mann  und  leitet  das  Pferd  oder  läfst  es  noch 
durch  einen  Knecht  führen.  Solche  Ritte  fänden  gewifs  den  Beifall  unserer  europäi- 
schen Damen,  da  sie  Bequemlichkeit  und  zugleich  die  Möglichkeit  einer  Unterhaltung 
darbieten.  Nahe  beim  Dorfe  Sakuramura  fliefst  der  Flufs  Jasugawa  in  einem  breiten, 
mit  Gerolle  überdeckten  Bette  zwischen  den  Gebirgen  Sakurajama  und  Bodaii  nach 
dem  See  Biwako.  Wir  kamen  an  einer  grofsen  Kalkbrennerei  vorbei,  nahe  beim 
Städtchen  Isibo,  wo  wir  nach  einer  kleinen  Rast  unsere  Reise  zwischen  dem  Gebirge 
Fhrajama  und  Takawojama  in  ein  ziemlich  fruchtbares,  mit  Reisfeldern,  Gemüsegärten 
und  Bambuswäldchen  abwechselndes  Thal  fortsetzten,  und  überschreiten  beim  Dorfe 
Jokota  den  Flufs  Aragawa  auf  einer  Bambusbrücke;  am  Ufer  dieses  Flusses  steht  eine 
zu  Ehren  des  Gottes  Kompira  errichtete  kolossale  Laterne,  Isitoro  genannt.  Gegen 
4 Uhr  kommen  wir  zu  Minakuzu  an,  einer  hübschen  Stadt  mit  einem  Kastelle,  und 
nahmen  hier  unser  Mittagsmahl  ein.  Es  werden  hier  niedliche  Körbchen  aus  einer 
Pflanze,  Ttsutsuran  Katsura,  Paeonia  japonica  Th.  geflochten.  Gleich  nach  der  Mahl- 
zeit reisten  wir  weiter;  zu  Ono  kaufte  ich  einige  ganz  gut  abgezogene  Vogelbälge, 
nämlich  zwei  Ibisse,  einen  mit  rosenroten  Schwingfedern,  den  zweiten  mit  weifsem 
Gefieder,  und  einige  andere  Wasservögel.  Diese  Ibisse  kommen  hier  auf  den  Feldern 
häufig  vor  in  Gesellschaft  der  weifsen  Reiher  Sirosagi.  Um  8 Uhr  kamen  wir  in 
Tsutsijama  an,  wo  wir  übernachteten. 

[27.  März.]  In  der  Frühe  von  Tsutsijama  abreisend,  durchziehen  wir  das  Gebirg 
Kanikasaka.  Nachts  hatte  es  stark  gefroren.  Wir  rasten  zu  Susaki  und  kommen  über 
steile,  doch  gut  unterhaltene  Gebirgspfade  nach  Sakanosita.  Dr.  Tsoan  war  mir 
einige  Tage  vorausgereist,  und  ich  erhielt  durch  seine  Bemühung  mehrere  Gebirgs- 
pflanzen und  einen  merkwürdigen  Molch,  San-sjö-no-iwo1,  d.  i.  auf  dem  Berge 
lebender  Fisch;  er  kommt  im  Gebirge  Suzukajama  und  vorzüglich  auf  dem  Berge 
Okude  in  Quellbächen  vor,  aus  denen  er  sich  bisweilen  ans  Ufer  an  feuchte  Stellen 
begiebt.  Eine  kleinere  Art,  unter  demselben  Namen  bekannt,  wird  häufig  als  ein 
Heilmittel  gegen  kachektische  Krankheiten  verkauft. 

Die  Vegetation  dieses  Gebirges  besteht  hauptsächlich  aus  Nadelhölzern,  als  Pinus- 
und  Taxusarten,  Cypressus  japonicus,  Thuja  orientalis,  unterwachsen  mit  Quercus  glauca, 
Aucuba  japonica,  Elaeagnus  camellia,  Ilex  elliptica;  der  Boden  ist  überzogen  mit 
einer  niedrigen  Bambusart,  unter  welcher  Bladhien  und  andere  kleine  Sträuche  fort- 
kommen.  Auf  dem  Wege  sieht  man  Deutzien,  Rosen,  blühende  Armeniaceen,  auch 
fand  ich  Scylla  japonica,  Th.  blühend,  und  einige  Veilchen.  Wir  zogen  über  einen 
Berg,  Fudesutejama  genannt,  d.  i.  Pinsel  wegwerfen,  Berg,  dessen  Name  sich  auf  die 
Sage  gründet,  dafs  ein  berühmter  Maler  Kano,  als  er  den  Berg  zeichnen  wollte,  den 
Pinsel  wegwarf,  weil  derselbe  während  des  Zeichnens  immer  unter  veränderter  Form 
erschien.  Wir  hielten  Mittag  zu  Seki,  brachen  um  I21l2  Uhr  auf  und  zogen  längs 
dem  Flusse  Seldgaw7a,  wo  die  Landschaft  in  O.  und  S.  bedeutend  ebener  wurde,  und 


1 Unter  Salamandra  maxima  in  der  Fauna  japonica,  Reptilia  p.  127,  beschrieben. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


167 

endlich  an  Stelle  der  Bambusbüsche  fruchtbare  Reisfelder  traten.  Gegen  2 Uhr  erreichten 
wir  Kamejama,  ein  ziemlich  grofses,  und  besonders  in  der  Nähe  des  Kastells  hübsch 
angelegtes  Städtchen,  und  gegen  1 1 Uhr  nachts  Jokaitsi,  wo  wir  übernachteten.  Ich 
war,  da  ich  blofs  die  Nacht  zu  meinen  Untersuchungen  habe,  diesen  Nachmittag  in 
meinem  Norimon  in  Schlummer  gefallen,  wodurch  mir  vielleicht  mancher  interessante 
Ausblick  verloren  gegangen.  Diese  Siesta  stärkte  mich  jedoch  zu  neuen  Arbeiten, 
welche  ich  bis  in  die  tiefe  Nacht  fortsetzte. 

[28.  März.]  Bei  schönem  Wetter  setzten  wir  morgens  51/ 2 Uhr  die  Reise  durch 
ziemlich  flaches  Land  fort.  Reisfelder,  gegenwärtig  mit  Rübsaat  bepflanzt,  wechseln 
mit  Weizen-  und  andern  Getreidefeldern  ab.  Nordwestlich  begrenzte  das  noch  mit 
Schnee  bedeckte  Gebirge  Kamakasaki  und  Gosansju  den  Horizont.  Wir  ruhten  hierauf 
in  Tomita.  Längs  dem  grofsen  Landwege  sind  die  Meilen  sehr  genau  angegeben 
und  durch  auf  beiden  Seiten  der  Strafse  aufgeworfene  Hügel  bezeichnet,  auf  deren 
Mitte  ein  Kirschbaum,  Celtis  orientalis,  oder  eine  Tanne  gepflanzt  ist.  Man  hat 
Meilen  von  36 — 50  Strafsen  (Tsjö  oder  Matsi). 

Wir  kommen  über  den  Flufs  Asa-agegawa,  worauf  sich  eine  ausgedehnte  Ebene 
von  Reisfeldern  eröffnet.  Wie  bereits  früher  bemerkt,  gelingt  es  den  Japanern,  von 
ihren  Reisfeldern  eine  doppelte  Ernte,  oft  sogar  eine  dreifache  zu  gewinnen,  indem 
sie  zwischen  den  Getreidearten  andere  Gewächse,  durchgehends  in  gleichlaufenden 
Zeilen  gesät,  anbauen,  die  bei  ihrer  ersten  Entwickelung  durch  das  bereits  höhere  Ge- 
treide vor  der  Sonnenhitze  geschützt,  sodann  nach  dem  Einernten  des  Getreides  um 
so  üppiger  aufwachsen.  Zwischen  Weizen  und  Gerste  säen  sie  auf  diese  Weise  Poly- 
gonum  chinense,  Sesamum  orientale,  Rettiche,  Cucumerinen,  Melonen  u.  dg].  Die 
Wurzeln  und  das  Stroh  des  Getreides,  das  tägliche  Begiefsen  mit  flüssigem  Dünger, 
das  sorgfältige  Jäten  des  Unkrautes  und  das  stete  Behacken  befähigt  die  Äcker  zu  dieser 
ununterbrochenen  Leistung.  — Gegen  n Uhr  erreichten  wir  die  Vorstadt  von  Ivuwana 
und  besahen  eine  Glockengiefserei  und  andere  Metallgiefsereien.  Die  Formen  wurden 
eben  bereitet  aus  feingesiebtem  grauem  Sand,  darauf  in  einem  mit  Bambusreisern  ver- 
sehenen runden  Troge  angefeuchtet,  wto  mittelst  eines  in  der  Mitte  derselben  ein- 
gesteckten, auf  der  Seite  geflügelten  Stockes  die  beliebige  Form  auf  die  einfachste 
Weise  gegeben  werden  kann.  Auch  begegnete  ich  hier  einem  jungen  Sintöpriester, 
der  weifs  gekleidet  war  und  mit  seinem  lackierten  Hute  (kamuri)  und  einem  eigen- 
tümlichen Speer  (Hoko)  sonderbar  aussah.  In  Kuwana,  einer  ziemlich  grofsen, 
befestigten  Stadt,  der  Residenz  des  Fürsten  von  Owari,  hielten  wTir  Mittag.  Hier 
fanden  wir  mit  Mühe  Gelegenheit  zu  einer  Mittagsobservation  gerade  beim  Kastell. 
Gleich  nach  dem  Essen  setzten  wir  unsere  Reise  nach  Jazu  zu  Wasser  auf  dem 
Flusse  Kisogawa  fort.  Wir  kamen  an  dem  Kastell  vorbei,  das  im  Verein  mit 
der  Landschaft,  welche  durch  den  schiffreichen  Flufs,  sowie  durch  schöne  Auen  und 
Büsche  belebt  war,  uns  einen  angenehmen,  an  Abwechselungen  reichen  Anblick  gewährte. 

[29.  März.]  Mit  Anbruch  des  Tages  setzten  wir,  vom  Frühlingswetter  begünstigt, 
unsere  Reise  fort,  durchzogen  eine  fruchtbare  Ebene  von  Reisfeldern,  die  aber  eben 
mit  Rüben  besät  waren.  Es  fiel  mir  die  zweckmäfsige  Bepflanzung  der  Reisfelder  mit 
andern  Ökonomiegewächsen  auf,  und  dies  um  so  mehr,  da  man  dieselben  als  ein 
Mittel  benutzt,  das  bei  einer  doppelten  Ernte  eher  zur  Verbesserung  als  Ausbeutung 
der  Felder  zu  wirken  scheint.  Es  ist  bekannt,  dais  die  Reisfelder  (den  Bergreis  aus- 
genommen) während  des  Wachsens  der  Pflanzen  unter  Wasser  gesetzt  werden,  welches 


1 68 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


dann  kurz  vor  der  Reife  abgelassen  wird.  Der  feinkörnige  schlammige  Boden  ballt 
sich  nun  ohnehin  durch  die  grofse  Sonnenhitze  fest  zusammen  und  bildet  mit  den 
vielen  faserigen  Wurzeln  des  Reises  eine  harte  Masse,  in  welche  das  nach  der  Ernte 
überlaufende  Wasser  nicht  genug  eindringen  und  die  völlige  Verwesung  der  Wurzeln 
hinlänglich  befördern  kann.  Daher  sticht  man  den  Boden  einige  Fufs  tief  in  grofsen 
Schollen  aus,  wirft  ihn  längs  den  Äckern  in  3 — 4 Fufs  voneinander  abstehenden  schmalen 
Beeten  auf,  um  das  Verwesen  der  Wurzeln  und  Stoppeln  zu  fördern,  und  besät  den 
Rücken  dieser  Erdhaufen  mit  Rübsaat.  Die  Hügel  stehen  i1/2  Fufs  aus  dem  Wasser 
hervor,  und  machen  so  selbst  auf  wasserreichen  Plätzen  eine  doppelte  Ernte  möglich.  — 
Hierauf  führte  uns  eine  gut  unterhaltene  Brücke  über  den  Flufs  Nikogawa,  der  zwischen 
zwei  Dämmen  in  seinem  Bette,  das  höher  ist  als  die  Reisfelder,  fliefst.  Ich  bemerkte 
während  der  Reise  häufig  Flüsse  und  Bäche  mit  so  hoch  aufgeworfenen  Dämmen,  wo- 
durch ebenso  für  die  Bewässerung  der  Reisfelder  bei  eintretender  Trockenheit  gesorgt, 
als  Überschwemmung  bei  Regenzeit  und  Ungewitter  verhindert  wird.  Die  geraden, 
parallellaufenden  grünen  Ufer,  mit  Bäumen  besetzt,  erinnerten  mich  an  die  holländischen 
Kanäle.  Überhaupt  hat  diese  Fandschaft  vieles  mit  den  flachen,  mit  Kanälen  durch- 
schnittenen Gegenden  Hollands  gemein,  und  ich  bedauerte  nur,  dafs  in  diesen  meinem 
zweiten  Vaterlande  so  ähnlichen  Gefilden,  bei  der  so  ermüdenden  Reise,  mir  nicht  die 
genügende  Ruhe  für  meine  Untersuchungen  gelassen  wurde. 

Wir  hatten  zur  Beschleunigung  unserer  Ankunft  in  Jedo  auf  Anordnung  unseres 
Gesandten  fast  täglich  über  10  japanische  Meilen  zurückgelegt! 

Aus  den  kurzen  Skizzen  meines  Tagebuches  kann  man  leicht  entnehmen,  unter 
welcher  anhaltenden  Anstrengung  ich  die  wenigen  zur  Durchreise  eines  so  merkwür- 
digen Randes  vergönnten  Tage  und  Nächte  zubringen  mufste,  um  dem  Ziele  meiner 
Mission  und  den  Erwartungen  meiner  Regierung  zu  entsprechen,  während  man  doch 
mit  leichter  Mühe  seitens  der  Japaner  die  Erlaubnis  zu  einer  Verlängerung  der  von 
Kioto  nach  Jedo  anberaumten  Reisezeit  hätte  erhalten  können. 

Ich  war  mit  Dr.  Bürger  einige  Meilen  dem  Zuge  vorausgegangen,  um  Zeit  zu 
einer  Fängenobservation  zu  gewinnen,  die  wir  auch  an  dem  Meilenbaum  bei  dem 
Bauerndorfe  Sonotzu,  3 Meilen  9 Strafsen  von  Mia,  bei  günstiger  Gelegenheit  Vornahmen. 
Hierauf  setzten  wir  auf  Fahrzeugen  über  den  Flufs  Sanogogawa,  dessen  breites  Bette, 
von  häufigen  Sandbänken  unterbrochen,  von  Tausenden  wilder  Enten  wimmelt,  die, 
wie  ich  hörte,  auf  Befehl  des  Fandesherrn  hier  gehegt  werden,  und  kamen  in  Eil- 
schritten gegen  1U/2  Uhr  in  der  Vorstadt  zu  Mia  an.  Vor  derselben  ist  ein  grofses 
Magazin  aus  Holz  erbaut  — durchgehends  Hinoki,  Thuja  orientalis  — , welches  aus 
den  umliegenden  Gebirgen  auf  Flöfsen  hierher  gebracht  wird.  Auch  bedient  man 
sich  hier  zweiräderiger  Karren,  die  äufserst  gut  aus  feinpoliertem  Keakiholz  gearbeitet 
sind  und  von  Menschen  gezogen  werden.  Ich  besah  hier  in  aller  Eile  noch  den  Garten 
eines  Pflanzenhändlers,  wo  ich  unter  anderen  Zierpflanzen  die  symmetrische  Daphne 
papyrifera  in  voller  Blüte  fand,  und  erreichte  einige  Minuten  vor  12  Uhr  die  uns  an- 
gewiesenen Wohnungen  in  Mia,  wto  wir  sogleich  die  Mittagsbreite  aufnahmen.  Jetzt 
kamen  meine  japanischen  Freunde  und  früheren  Schüler,  unter  diesen  Mizutani  Zukuroku, 
ein  sehr  erfahrener  Botaniker,  mit  dem  ich  von  Dezima  aus  im  Briefwechsel  stand, 
und  Tökaku,  ein  Faie  in  der  Heilkunst,  dem  ich  früher  zum  Sammeln  von  Naturalien 
den  Anftrag  gegeben  hatte.  Ich  lernte  hier  die  meinen  Untersuchungen  später  so 
nützlich  gewordenen  Ito  keiske  und  Okutsi  Sonsin  kennen.  M.  Zukuroku,  dieser  grofse 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Freund  der  Naturgeschichte,  brachte  Sammlungen  aus  allen  Zweigen  derselben,  unter 
welchen  sich  vorzüglich  einige  der  seltensten  um  Mia  vorkommenden  Gewächse  in 
charakteristischen,  sehr  gut  getrockneten  Exemplaren  mit  beigefügten  japanischen  und 
chinesischen  Namen  befanden,  sowie  einzelne  Früchte  aus  Japan  und  China.  Petre- 
fakten,  unter  diesen  ein  vollkommen  ausgebildeter  Käfer  und  andere  Fossilien,  Krystalle, 
einige  Fische,  getrocknete  Species  von  Tetraodon  und  Ostracion,  Hippocampus,  diese 
nach  japanischem  Geschmack  gesuchtesten  Fische  in  ihren  ominösen  Sammlungen, 
endlich  einige  Käfer  und  Schmetterlinge  wurden  mir  überreicht.  Viele  seltene  Ge- 
wächse und  Tiere,  die  er  zu  sehen  Gelegenheit  hatte,  hatte  er  ziemlich  genau  ab- 
gebildet, darunter  waren  auch  Abbildungen  von  getrockneten  Gewächsen,  die  ich  sehr 
treffend  fand.  Besonders  aber  zogen  zwei  Bändchen  Handzeichnungen  meine  Auf- 
merksamkeit auf  sich;  es  war  eine  Sammlung  japanischer  Gewächse,  alle  genau  mit 
den  Linneischen  Namen  bestimmt.  Unter  jeder  Pflanze  war  der  Name  ihres  Genus 
angegeben,  und  unter  102  Bestimmungen  konnte  ich  nur  vier  als  fehlerhaft  bezeichnen. 
Viele  der  bestimmten  Gattungen  sind  weder  von  Kaempfer  noch  von  Thunberg  unter 
der  hiesigen  Flora  angeführt  und  einige  derselben  selbst  mir' noch  nicht  vorgekommen. 
Ich  war  begierig,  von  ihm  zu  erfahren,  welche  litterarischen  Hülfsmittel  er  hierzu  ge- 
habt, und  hörte,  dafs  ihm  blofs  eine  holländische  Ausgabe  von  Linne  bei  seinen  Unter- 
suchungen zu  Gebote  stand.  Der  zweite  Band  enthielt  Abbildungen  der  meisten  In- 
sekten und  Amphibien  aus  der  Umgegend  von  Mia.  Hierauf  machte  mir  mein  Freund 
das  Anerbieten,  seinen  botanischen  Garten,  der  etwa  2000  Gewächse  enthielt,  zu  be- 
sichtigen und  mir  nach  Belieben  die  nötigsten  Pflanzen  auszuwählen.  Doch  der  über- 
eilte Aufbruch  von  Mia,  einem  Orte,  wo  alle  früheren  Gesandten  einen  Abend  und 
eine  Nacht  verweilten,  da  hier  Arbeiten  von  Eisen  etc.,  sehr  gute  Handelsartikel, 
käuflich  sind,  liefs  mir  kaum  so  viel  Zeit,  um  die  mir  vorgelegten  Naturalien  auch 
nur  oberflächlich  zu  besehen.  Daher  beschlossen  meine  Freunde,  mir  nach  dem  Orte, 
wo  wir  übernachten  sollten,  diese  mitzugeben.  Sie  brachten  daher  alle  Naturalien 
in  meine  Sänfte,  wo  ich  dieselben  musterte  und  auf  Ansuchen  meines  Freundes  M.  Zu- 
kurok  die  mir  bekannten  Objekte  bestimmte.  An  Dr.  Bürger  sandte  ich  alle  Mineralien 
zur  genaueren  Prüfung.  Hier  könnte  die  Frage  auftauchen,  ob  man  wohl  in  den  japa- 
nischen Sänften  so  bequem  schreiben  und  lesen  kann.  Dies  ist  allerdings  möglich, 
wenn  man  einmal  an  das  taktmäfsige  Schwanken  dieser  Reisesänften  gewohnt  ist.  Das 
Schreiben,  jedoch  nur  mit  festen  Bleistiften,  ist  mir  sehr  bequem  geworden,  ein  Umstand, 
der  meine  Untersuchungen  auf  dieser  Reise  sehr  erleichterte.  Dabei  bin  ich  in  meiner 
kleinen  fliegenden  Studierkammer  mit  den  nötigsten  Büchern,  Instrumenten  etc.  zum  gröbsten 
Mifsvergnügen  meiner  Träger  versehen.  Nur  das  Sitzen  auf  dem  Boden  des  Norimons 
ist  bei  anhaltendem  Reisen  lästig,  und  man  wird  dadurch  ganz  lahm  und  steif.  Unter- 
wegs bemerkte  ich  wieder  auf  den  Reisfeldern  mehrere  weifse  Ibis,  die  langsamen 
Schrittes,  gleich  den  Reihern,  ihre  Nahrung  suchten.  Ich  liefs  den  Otona  des  nächsten 
Dorfes  ersuchen,  gegen  eine  Belohnung  einige  dieser  seltsamen  Vögel  schiefsen  zu  lassen, 
hörte  aber,  dafs  der  Landesherr  hier  den  Gebrauch  der  Feuergewehre  verboten  habe. 
Den  Abend  brachte  ich  bis  tief  in  die  Nacht  mit  meinen  Freunden  zu.  Unter  den 
Mineralien  befand  sich  ein  äufserst  seltenes  Petrefakt  eines  sehr  gut  erhaltenen  Käfers, 
auch  ein  schöner  grüner  Obsidian  etc.  etc.,  und  unter  den  Zeichnungen  fiel  mir  ein 
schwarzer  Kranich  und  eine  Fistularia  auf,  5'  lang.  Ich  erteilte  dem  M.  Zukuroki 
eine  kurze  Anweisung  in  der  Phytotomie,  gab  Aufträge,  alle  seltenen  Pflanzen  dieser 


i6.  Die  Jahaki-Brücke. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


I7I 

Gegend  zu  sammeln  und  knüpfte  mit  diesem  wackeren  Manne  ein  mir  willkommenes 
Band  der  Freundschaft  an,  welcher  ich  den  bedeutenden  Zuwachs  meiner  Kenntnis 
der  japanischen  Flora  zu  verdanken  habe. 

M.  Zukuroki,  ferner  Ito  Keiske  und  O.  Tonsin  beschäftigten  sich  von  dieser 
Zeit  an  bis  zu  meiner  Abreise  aufs  eifrigste  mit  Aufsuchen,  Trocknen  und  Abbilden 
der  seltensten  Gewächse  des  mittleren  Nippon. 

[30.  März.]  Nachdem  wir  um  6 Uhr  von  Tsisju  aufgebrochen  waren,  führte 
uns  ein  breiter  Weg  durch  niedrige  Tannenwäldchen  nach  Okasaki,  der  Residenz  des 
Landesherrn  von  Mikawa.  Vor  dieser  Stadt  läuft  in  einem  breiten,  von  Sandbänken 
unterbrochenen  Bette  der  Flufs  Jahaki-gawa,  über  den  eine  Brücke  erbaut  ist,  eine 
der  gröbsten  im  ganzen  Reiche.  Siehe  Fig.  16.  Diese  sehr  massive  Brücke  ist  aus 
den  in  Japan  sehr  geschätzten  Flolzarten  Keaki  und  Hinoki  auf  Befehl  des  Landes- 
herrn dieser  Provinz  errichtet,  besteht  aus  75  Bogen  und  ist  nach  meiner  Berechnung 
930  Pariser  Fufs  lang,  nach  Angabe  der  Japaner  208  Ken.  Die  Breite  schätzte  ich  blofs 
oberflächlich  auf  30  Fufs.  Okasaki  selbst  ist  eine  ziemlich  grofse  Stadt,  deren  Strafsen 
zwar  reinlich  und  mit  häufigen  Kaufläden  versehen  sind,  übrigens  aber  nicht  auf  Wohl- 
stand der  Einwohner  schliefsen  lassen.  Das  Schlofs,  dessen  Türme  sich  hoch  über 
die  Mauern  erheben,  ist  ausgedehnt,  und  aus  den  vielen  Offizieren,  die  ich  auf  den 
Strafsen  bemerkte,  läfst  sich  auf  eine  ansehnlichere  Besatzung  schliefsen  als  in  den 
seither  durchreisten  Festungen.  Ich  bemerkte  unter  den  Handwerkern  viele  Küfer 
und  Eisenschmiede.  Gleich  nach  dem  Mittagsmahl  reisten  wir  weiter.  Der  Teil  der 
Stadt,  den  wir  nun  durchzogen,  hatte  ein  noch  ärmlicheres  Aussehen  als  der  vorher- 
gehende. Ich  kaufte  einen  schlecht  konservierten  Schwanenbalg  und  einige  Fuchsbälge, 
auch  bemerkte  ich  Felle  von  Tanuki  (Nyctereutes  viverrinus),  Anaguma  (Meies  ana- 
kuma),  Kawa  uso  (Fischotter),  Ten  (Mustek  melambus)  und  einem  Seehunde  aus 
Jezo.  Zufällig  fanden  sich  in  der  Auslage  eines  Blumenhändlers  vier  Varietäten  von 
Bladhia,  die  mir,  früher  zu  hohem  Preise  angeboten,  nun  sehr  billig  zu  teil  wurden. 
Gegen  2 Uhr  kamen  wir  nach  Fusigawa,  wo  der  Zug  etwas  ruhte.  Ich  ging  mit 
Dr.  Bürger  zu  Fufs  durch  die  bergige  Gegend  bis  Hödsoisi,  wo  wir  uns  zur  weiteren 
Reise  erfrischten.  Ich  hatte  Viola  japonica,  Jasminum  praecox,  Gentiana  aquatica,  Scilla 
japonica,  Cardamine,  Leontodon,  Armenica,  Kamellien  und  mehrere  Kryptogamen  in 
voller  Blüte  gefunden. 

Wir  kamen  durch  die  bedeutenden  Dörfer  Koi  und  Akasaki,  begegneten  einem 
Zuge,  der  sich  nach  dem  kaiserlichen  Hofe  bewegte,  sahen  auffallend  viele  öffentliche 
Häuser  in  diesen  Dörfern  und  gelangten  um  10  Uhr  abends  nach  Josida,  äufserst  er- 
müdet durch  die  anstrengende  Reise.  Bis  tief  in  die  Nacht  war  ich  mit  den  dringendsten 
Arbeiten  beschäftigt. 

[31.  März.]  Schon  mit  der  Morgendämmerung  mufsten  wir  auf  brechen;  wir 
zogen  durch  eine  Bergebene,  wo  Tannenwäldchen  mit  Reisfeldern  abwechselten; 
die  Felder  waren  mit  Gerste  und  Hadakamugi  bebaut.  Passierten  mehrere  un- 
bedeutende, wenn  auch  räumlich  ausgedehnte  Dörfer,  als  Futagawa,  Sirasaka  etc.  etc., 
und  stiegen  nachher  hinab  an  den  Seestrand.  Die  Vegetation  dieser  Gegend  beschränkte 
sich  auf  niedrige  Tannenbäume,  kaum  einen  Fufs  hohe  Azaleen  und  Euryen  mit  noch 
tiefer  zurückgebliebenen  Bambusarten.  Wir  beschlossen  längs  dem  Seestrande  bis  Arai 
zu  Fufs  zu  gehen.  Eine  starke  Brandung  bei  eben  eintretender  Ebbe  fand  an  dem 
spiegelglatten,  mit  feinem  Sande  bedeckten  Strande  statt,  auf  dem  bei  abfliefsenden 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 

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Wogen  auf  der  Oberfläche  geschlämmter  Glimmer  (Eisenglimmer)  im  hellen  Gold- 
glanz sich  zeigte.  Wir  sammelten  davon  zur  Analyse,  auch  fanden  wir  denselben  in 
Quarz  eingesprengt,  welcher  das  Muttergestein  desselben  zu  sein  scheint.  Die  Fischer, 
die  längs  der  Küste  in  ärmlichen  Hütten  wohnen,  bedienen  sich  hier  einer  eigentümlichen 
Art  von  Kähnen,  deren  Seitenwände  aus  einem  ausgehöhlten  hohen  Baum  bestehen; 
sie  haben  ein  sehr  starkes,  aber  rauhes  Aussehen  und  sind  etwa  1 1 Schritte  lang. 

An  der  Küste  bemerkten  wir  Scharben  und  Möven,  Larus  crassirostris  und  einige 
Konchylien,  doch  zog  ein  kleines  durchscheinendes  Fischchen,  gleich  den  Quallen 
glänzend  und  von  derselben  Substanz,  durch  die  Wogen  angespült,  und  trotz  seiner 
dem  Schleime  gleichenden  Masse  fufshoch  springend,  unsere  Aufmerksamkeit  auf  sich. 
Der  Name  des  Fisches  ist  Sira-uwo  oder  Kwai-sanjö.  Ich  konnte  aufser  dem  Munde 
an  demselben  keine  Kieferöffnung  entdecken,  wohl  aber  die  Augen  und  das  Nerven- 
system. Aufser  diesem  bestand  unsere  Beute  noch  aus  einigen  Austern,  einem  See- 
krebse und  einigen  anderen  Krabben. 

Gegen  1 1 Uhr  erreichten  wir  sehr  ermüdet  Arai.  Nach  dem  Essen  setzten  wir 
auf  einem  stattlichen  Fahrzeuge  des  Fandesherrn  Matsudaira  Idsuno-kami  über  die  eine 
Meile  breite  Mündung  des  Stromes  Imarugawa,  der  hier  die  Bai  Hamanoko  bildet, 
und  genossen  eine  herrliche  Aussicht,  indem  wir  zur  Finken  die  Gebirgskette  und 
zur  Rechten  den  niedrigen  Seestrand  hatten. 

Durch  den  hier  und  da  mit  Tannenwäldchen  bewachsenen  Seestrand  führt  ein 
Kanal  nach  Majusake,  wo  wir  ans  Fand  stiegen;  der  Kanal  ist  durch  einen  Damm 
aus  grofsen  Steinen  gebildet,  die  durch  eingerammte  Pfähle  zusammengehalten  werden. 
Zur  Ebbezeit  ist  er  sehr  untief.  Wir  setzten  die  Reise  in  unseren  Sänften  nach  Hama- 
matsu  fort,  wo  wir  mit  einbrechender  Nacht  ankamen.  — Interessant  war  das  Fangen 
der  Muscheln  vermittelst  in  den  Strand  gesteckter  Dornsträuche. 

[i.  April.]  Wir  setzen  die  Reise  nach  Kakegawa  fort,  halten  Mittag  zu  Mitsuke 
und  gelangen  unter  heftigem  Regenwetter  gegen  6 Uhr  in  Kakegawa  an.  Wir  kommen 
an  der  ehernen  Pforte  mit  zwei  ehernen  Feuchttürmen  — Gösintö  und  Töro  — 
vorbei.  Diese  Gottespforten  sind  die  Säulen  der  Japaner,  zeigen  den  Weg  zu  den 
Tempeln  und  sind  oft  schon  viele  Meilen  weit  von  diesen  errichtet.  Der  Tempel, 
zu  dem  sie  führen,  heifst  Akiwasan-dai-gongen,  d.  i.  Herbst-Blatt  Berg  der  grolsen  strengen 
Tugend.  — Hier  liegt  auch  Hemy,  ein  früherer  niederländischer  Gesandter,  begraben. 

[2.  April.]  Heute  durchziehen  wir  das  Gebirge  Nisisakatöge,  das  in  seinem  weiteren 
Verlaufe  Sajono-nakajama  genannt  wird,  wo  alte  Sagen  von  einer  Glocke,  die  beim 
Anschlägen  dem  Bittenden  Geld  beschert,  von  einem  mitten  im  Wege  liegenden  Stein, 
Wakke,  der  früher  heulte,  und  von  einem  Tiere,  dessen  Anblick  dem  Wanderer  den 
Tod  brachte,  noch  jetzt  in  Denkschriften  und  Abbildungen  von  Mönchen  und  Bettlern 
zum  Kaufe  angeboten  werden.  Die  Bergbewohner  kamen  mir  arm  vor  nnd  scheinen 
in  den  am  Fandwege  gelegenen  Dörfern  durch  Feilbieten  von  Nahrungsmitteln  ihren 
Unterhalt  zu  gewinnen.  Wir  stiegen  beim  Dorfe  Kanaja  hinab,  wo  aus  den  Gebirgen 
der  reifsende  Strom  Oigawa  in  einem  ausgebreiteten  Bette,  gegenwärtig  in  kleinen 
Armen,  der  See  zuströmt.  Das  an  10  Sjö  breite,  mit  Gerolle  überdeckte  Bett  verkündet, 
dafs  dieser  Strom  zu  Zeiten  hoch  anschwellen  mufs.  Über  die  einzelnen,  sehr  schnell 
fliefsenden  Arme  sind  keine  Brücken  geschlagen  und  es  können  auch  keine  Fahrzeuge 
zum  Übersetzen  angewendet  werden.  Daher  werden  Menschen  und  Fasten  durch  be- 
sonders abgehärtete  kräftige  Feute  auf  den  Schultern  und  auf  Tragbahren  hinüber- 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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getragen,  indem  nach  Umständen  2 bis  12  Mann,  sich  wechselseitig  unterstützend  und  im 
Kampfe  mit  dem  Strome  bis  an  den  Hals  im  Wasser  watend,  die  Lasten  hinüberbringen. 

Wir  hatten  früher  beim  Dorfe  Nitsisaka  Längenobservation  mittels  Chronometer 
genommen,  und  nun  glückte  es  uns,  gerade  am  rechten  Ufer  des  Stromes  Mittagshöhe 
zu  nehmen,  worauf  wir  uns  in  unsere  Norimonos,  die  inzwischen  auf  Tragbahren  be- 
festigt worden  waren,  den  schreienden  Tritonen  überliefsen.  Diese  geübten  Träger 
machten  uns  den  Übergang  über  den  reifsenden  Strom  sehr  bequem. 

Einzelne  Personen  werden  gewöhnlich  auf  den  Schultern  eines  Trägers,  der  von 
einem  zweiten  oder  dritten  unterstützt  wird,  übergesetzt,  Personen  höheren  Standes 
auf  kleineren  oder  gröfseren  Sänften  hinüberbefördert.  Die  Träger  selbst  müssen 
aufserordentlich  abgehärtet  sein,  da  sie  zu  jeder  Jahreszeit  ganz  nackt  und  nur  an  den 
Schamteilen  leicht  verhüllt,  den  ganzen  Tag  hindurch  diesen  gefährlichen  Erwerbszweig 
ausüben.  Sie  erhalten,  wie  ich  erfahren  habe,  80  — 96  Sen  in  einem  der  Höhe  des 
Stromes  entsprechenden  Verhältnis.  Ich  nenne  diesen  Erwerbszweig  gefährlich,  weil 
mir  versichert  wurde,  dafs,  wenn  irgend  jemand  durch  Schuld  der  Träger  ein  Raub 
des  Stromes  würde,  diese  mit  dem  Tode  bestraft  werden.  Hierauf  hielten  wir  zu 
Simada  Mittag  und  kamen  nach  4 Uhr  zu  Fusijeda  an,  wo  wir  übernachteten.  Wir 
sahen  in  der  Ferne  aus  dem  Gebirge  Rauch  aufsteigen. 

[3.  April.]  Gegen  6 Uhr  verlassen  wTir  Fusijeda,  ein  ziemlich  grofses  Städtchen, 
dessen  schlecht  unterhaltene  Häuser  wenig  Wohlstand  verraten.  Auf  den  Strafsen 
waren  mehrere  Häute  von  verschiedenen  Arten  Haien  und  Rochen  zum  Kaufe  aus- 
gestellt. Die  Japaner  wissen  die  Häute  der  meisten  Knorpelfische  trefflich  zu  bear- 
beiten, und  ihre  Säbelscheiden  und  Säbelgriffe  bestehen  gröfstenteils  aus  dergleichen 
feinabgeschliffenen  und  vielfarbig  lackierten  Fischhäuten.  Vorzüglich  aber  stehen  Rochen- 
häute, die  von  den  Niederländern  und  Chinesen  hierher  gebracht  werden,  bei  den  Ja- 
panern in  hohem  Werte.  Auch  kommen  aus  Matsumai  auf  Jezo  verschiedene  Fisch- 
häute, unter  welchen  die  des  Störs  Acipenser  stellatus  (Lin)  besonders  geschätzt  sind. 
— Nun  führte  der  allmählich  engere  Weg  in  das  steile,  mit  dichten  Wäldern  bedeckte 
Gebirge  Utsunomijama,  wo  sich  in  üppiger  Fülle  die  seltensten  Gewächse  der  mir 
seither  bekannt  gewordenen  Flora  vorfanden.  Eine  Osyris,  Lindera,  Nummia  und 
einige  mir  fremd  vorkommende  Gattungen  werden  Gegenstände  meiner  Untersuchung. 
Auch  wurde  mir  eine  Abart  von  Tanuki  (Nyctereutes  viverrinus)  hier  zu  teil,  und  ein 
von  dem  europäischen  ziemlich  verschiedener  Maulwurf  (Talpa  mögura)  gefangen 
Gegen  11  Uhr  erreichten  wir  Mariko  und  reisten  nach  dem  Mittagsmahle  weiter  nach 
Futsju.  Beim  Dorfe  Awegawamura  wurden  wir  auf  gleiche  Weise  wie  bei  Oiguwa 
über  den  Flufs  Awregawa  gebracht.  Es  war  heute  kälter  als  gestern  (28°  Fahrh.), 
und  ich  wunderte  mich,  diese  abgehärteten  Leute  vor  Kälte  zittern  zu  sehen,  während 
man  mir  versicherte,  dafs  sie  im  Winter  selbst,  wo  sie  sich  gleichsam  im  Flusse  er- 
wärmt fühlten,  weniger  von  dem  Einflüsse  der  Kälte  zu  leiden  hätten  als  gegenwärtig. 

Kurz  darauf  kamen  wir  in  Futsju  an,  wo  wir  die  langen  Strafsen  zu  Fufs  durch- 
zogen, um  hier  die  berühmten  Holz-  und  Flechtwerke  zu  besehen,  w7elche  ein  Industrie- 
zweig dieser  Gegend  sind.  Dieser  Ort  ist  wegen  der  aus  Bambus  geflochtenen,  äufserst 
künstlich  bearbeiteten  Körbchen,  der  verschiedenen,  oft  aus  kostbaren  Holzarten  ver- 
fertigten Hausgeräte  und  anderen  Lackwerke,  Puppen,  Steinhauerarbeiten  etc.  etc. 
durch  das  ganze  Reich  berühmt.  Am  Nachmittag  wurde  eine  Menge  dieser  Arbeiten 
zu  uns  gebracht,  die  in  der  That  alles  Lob  für  den  bewundernswerten  Kunst- 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


fleifs  verdienen,  der  hier  zu  Tage  tritt.  Diese  Handelsleute  überfordern  aber  der- 
mafsen,  dafs  man  ihnen  getrost  den  vierten  Teil  des  verlangten  Preises  bieten  darf. 

In  diesem  in  ewigem  Einerlei  sich  bewegenden  Reiche  fällt  selten  etwas  Neues 
vor;  doch  nun  hörten  wir,  dafs  etwa  vor  6 o Tagen  zu  Okitzu,  einige  Meilen  von 
hier,  eine  chinesische  Dschonke  verschlagen  worden  sei,  ein  grofser  error  loci  dieser 
Seefahrer,  die  doch  sonst  von  Saho  nach  Nagasaki  glücklich  übersetzen.  Aufser  zur 
Ausbesserung  des  Schiffes  und  zur  Anfertigung  der  nötigen  Takelage  wurde  es  der 
Equipage  nicht  erlaubt,  ans  Land  zu  gehen.  Augenblicklich  lag  das  Schiff  bereit,  um 
in  einigen  Tagen  aus  dieser  Bucht  nach  Nagasaki,  als  dem  einzigen  Hafen  Japans, 
w7o  Schiffe  fremder  Nationen  einlaufen  dürfen,  bugsiert  zu  werden.  Man  ward  sich 
wundern,  dafs  ich  hier  vom  Bugsieren  durch  mehrere  Grade  spreche,  doch  die  strengen 
Gesetze  lassen  es  nicht  zu,  dafs  ein  fremdes  Schiff  anders  seine  Reise  nach  jenem 
Handelsplätze  fortsetzt.  Es  sollen  an  Bord  dieses  Fahrzeuges  einige  früher  an  der 
Küste  von  China  gestrandete  Japaner  sich  befinden. 

[4.  April.]  Unter  starkem  Regen  verlassen  wir  um  7 Uhr  Futsju,  dessen  lange,  mit 
schlechten  Häusern  besetzte  Strafsen  wir  in  östlicher  Richtung  durchziehen.  Ich  bemerke 
nur  wenige  und  unbedeutende  Kaufläden,  dagegen  fiel  es  mir  auf,  an  den  Häusern  oft 
12  und  noch  mehr  Wachteln  in  kleinen  Käfigen  hängen  zu  sehen;  es  wird  mit 
diesen  ein  ausgedehnter  Handel  nach  anderen  Provinzen  getrieben,  und  eine  Wachtel 
nach  Qualität  des  Schlages  oft  mit  1 — 2 Kobang  bezahlt.  Ich  liefs  einige  der  schlech- 
testen Sänger,  die  jedoch  die  bestbefiederten  waren,  zum  Ausbalgen  um  einen  geringen 
Preis  kaufen.  Die  Landschaft,  durch  welche  wTir  zogen,  war  ziemlich  eben,  nördlich 
in  Gebirge  übergehend,  die  in  Nebel  gehüllt  waren,  südlich  gegen  die  Küste  zu  waren 
Reisfelder  angelegt  und  die  gewöhnlichen  Getreidearten  auf  Feldern  angebaut, 
welche  als  künstliche  Terrassen  die  höheren  Stellen  einnahmen,  während  die  Reis- 
plantagen in  der  Tiefe  lagen.  Abwechselnd  sah  man  Bambuswäldchen  und  andere 
Holzarten.  Die  Nähe  der  See  verkündete  sich  durch  dumpfes  Brausen,  und  ich  be- 
gab mich  auf  Nebenwegen  an  den  Strand.  Hier  konnte  ich  die  Chinesen-Dschonke 
in  der  Bucht  Miwono-matsubara  vor  Anker  liegen  sehen.  Aufser  einigen  Eucus  fand 
ich  nichts  Besonderes  am  Strande.  Wir  kommen  noch  durch  einige  Dörfer,  wo  wir 
Krabben  von  ungewöhnlicher  Gröfse  vorfanden.  Ich  erhielt  unter  andern  den  Vorder- 
fufs  eines  solchen  Krustentieres1,  der  sich  zum  Leibe  wie  10  zu  1 verhielt  und 
4 Pariser  Fufs  mafs,  und  dessen  mittlere  Dicke  41/2/'  betrug.  Demnach  kann  man 
annehmen,  dafs  diese  Krabbe  15'  gemessen  hat.  Auch  kaufte  ich  eine  frisch  gefangene 
Diomedea  exulans,  ein  Weibchen;  der  Schnabel  war  fleischfarbig,  gegen  die  Spitze 
perlfarbig,  die  Füfse  blaubraun,  der  Vogel  mager,  vielleicht  auf  der  Luftreise  nach 
Kamtschatka  begriffen.  Wir  kamen  um  12  Uhr  zu  Okitsu  an.  Zu  meinem  gröbsten 
Vergnügen  hörte  ich,  dafs  der  Flufs  Okitsugawa  durch  heftigen  Regen  so  angeschwollen 
sei,  dafs  die  Träger  uns  unmöglich  hinüberbringen  konnten.  Auf  diese  Weise  ward  mir 
einige  Mufse  zum  Prüfen  und  Ordnen  meiner  seither  gesammelten  Naturalien  vergönnt. 
Gegen  Abend  bekamen  wir  einen  Besuch  vom  Opperbanjoost,  der  sich  über  eine  Stunde 
in  unserer  Arbeitskammer  aufhielt,  wo  wir  durch  Vorzeigen  einiger  seither  gesammelten 
merkwürdigen  Naturalien  und  Abbildungen  naturhistorischer  Gegenstände,  verbunden 
mit  einer  passenden  Unterhaltung  über  den  hohen  Stand  der  Naturwissenschaften  in 


Inachus  (Macrocheira)  Ivaempferi  jap.  Sima  kani. 


1 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Europa,  sein  ohnehin  grofses  Interesse  noch  zu  steigern  suchten,  wobei  ich  der 
Sache  eine  solche  Wendung  gab,  dafs  die  aus  unseren  Entdeckungen  hervorgehenden 
Vorteile  für  die  Japaner  selbst  im  hellsten  Lichte  erschienen.  Besonders  staunte  er 
über  einige  chemische  Versuche  mittelst  Reagentien,  wo  wir  absichtlich  auf  Eisen  mit 
Kali  Borussicum  (Acidum  hydrocyanicum)  und  auf  Kalk  mit  Argent.  nitricum  ein 
Experiment  machten.  Beim  Weggehen  wünschte  er  mir  Glück,  dafs  ich  doch  endlich 
heute  einige  Ruhe  und  Erholung  hatte,  worauf  ich  erwiderte,  dafs  ich  diese  dem  japa- 
nischen Flufsgotte  zu  danken  hätte.  Ja,  sagte  er  lachend,  «die  japanischen  Götter  be- 
günstigen euch  mehr  als  uns,  doch  kommt  noch  ein  anderer  grofser  Flufs,  der  Eusi- 
gawa,  vielleicht  können  Sie  auch  da  einige  Ruhe  finden)). 

[5.  April.]  Eben  hatten  wfir  auf  die  Nachricht,  dafs  man  auf  keine  Weise  über 
den  Flufs  setzen  könne,  und  dafs  selbst  die  Gemahlin  des  Landesherrn  von  Satzuma 
und  die  Beförderung  des  Gepäckes  eines  anderen  Landesherrn  in  den  naheliegenden 
Ortschaften  das  Zurücktreten  des  Stromes  abwarten  müfsten,  uns  mit  dem  Ordnen 
unserer  Naturalien  und  dem  Füllen  des  Barometers  beschäftigt,  um  hier  am  See- 
strande, nicht  wreit  vom  Fufse  des  Gebirges  Hakone,  dessen  Höhe  wir  erforschen 
wollten,  einige  Observationen  zu  machen,  als  wir  vernahmen,  dafs  unser  Gesandter 
auf  schleunige  Abreise  dringe.  Obgleich  die  Japaner  viele  Einwendungen  vorbrachten, 
mufsten  wir  doch  nach  einer  halben  Stunde  in  gröbster  Hast  aufbrechen,  um  nach 
dem  kaum  drei  Meilen  entfernten  Dorfe  Kambara  zu  kommen;  denn  weiter  konnten  wir 
kaum  gelangen.  Wir  durchzogen  auf  Bergwegen  die  Dörfer  Kurasawa  und  Teraomura, 
wo  man  in  den  meisten  Häusern  Papier  aus  Daphne  papyrifera  bereitet.  Viele  Stellen 
dieser  Berggegend  waren  mit  dieser  schönen  nützlichen  Pflanze  bebaut,  die  man  aus 
Samen  zieht.  I111  Winter  werden  die  gröbsten  Stengel  dicht  an  der  Wurzel  abgeschnitten, 
und  der  Bast  zum  Verfertigen  des  Papiers  abgelöst,  welcher  dann  auf  dieselbe  Weise 
wie  der  des  Papiermaulbeerbaumes  gereinigt,  zubereitet  und  mit  Reiswasser  und  Maniok- 
wurzel  verbunden  wdrd.  Ich  sah  hier  eben  Papier  machen.  In  einem  oblongen  vier- 
eckigen Kasten  (Kamifune)  war  die  milchfarbige  sehr  dünne  Masse  bewahrt.  Mit 
einer  Schöpfmaschine  (der  europäischen  gleich),  deren  Boden  aus  feinen  Bambus- 
lamellen gearbeitet,  mit  dünnen  Bindfäden  in  etwa  1 1/2"  breiten  Zwischenräumen  durch- 
flochten ist,  schöpft  der  Arbeiter  aus  der  umgerührten  Masse  und  läfst  den  Papierbrei 
ablaufen  bis  zur  beliebigen  Dicke.  Der  bewegliche  Rand  der  Schöpfmaschine  wird 
nun  abgenommen  und  die  Bambusmatte  umgekehrt,  so  dafs  sich  das  Papierblatt  von  selbst 
ablöst.  Diese  Papierhäute  werden  nun  im  Verlaufe  der  Arbeit  aufeinander  gelegt  und 
endlich  mit  einem  Brette  überdeckt  und  mit  Steinen  beschwert,  geprefst.  Hierauf 
werden  die  Blätter  einzeln  abgenommen,  mit  einer  aus  Bambus  verfertigten  Bürste 
(Hake)  auf  glatten  Tannenbrettern  aufgestrichen  und  in  der  Sonne  getrocknet.  Die 
auf  dem  Brette  klebende  Seite  ist  die  glatte,  in  der  sich  die  maserartigen  Strukturen 
des  Tannenholzes  fein  ab  drücken.  Hier  steht  die  Einfachheit  der  Verfertigung  des 
Papiers  mit  den  umständlichen  Fabriken  in  Europa  in  einem  auffallenden  Kontrast, 
und  der  gröfsere  Verbrauch  des  Papiers  in  Japan  wird  nur  durch  die  wegen  ihrer 
Einfachheit  allgemein  verbreitete  Kunst  der  Papierfabrikation  möglich.  Aufser  der 
Daphne,  der  Morus  papyrifera  und  ihrer  Varietäten  bedient  man  sich  noch  des  Bambus, 
nämlich  der  jungen  Ausschüsse  des  efsbaren  Bambus  (Mösotsiku),  ferner  der  Stellaria 
(Kongampi),  einer  auf  hohen  Bergen  wachsenden  Staude,  und  des  Gerstenstrohes 
(Masukasi)  aus  der  Landschaft  Osju  zur  Papierbereitung.  — Über  den  Flufs  Okitsu 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


hatten  die  Japaner  eilends  eine  Brücke  geschlagen  mit  schweren  Blöcken,  wie  bei 
Gerüsten  sich  die  Maurer  bedienen;  über  diese  waren  dicke  Bretter  gelegt,  hinauf  und 
herab  führte  ein  Damm  aus  Steinsäcken.  So,  glaube  ich,  könnten  sie  im  Falle  der  Not 
auch  den  Übergang  des  Oigawa  und  der  anderen  grofsen  Flüsse  erzwingen. 

[6.  April.]  Mit  herrlichem  Frühlingswetter  reisen  wir  von  Kambara  ab,  nehmen  im 
Dorfe  Iwamatsmura  Längenobservation  mittels  Chronometer,  geniefsen  eine  herrliche  Aus- 
sicht auf  den  Fusiberg  (eine  Ansicht  des  Kraters  desselben  war  ich  im  stände  nach 
japanischen  Aufnahmen  zu  erhalten.  Siehe  Fig.  17),  von  dem  noch  ein  Dritteil  mit 
Schnee  bedeckt  ist,  und  werden  über  den  noch  ziemlich  hohen  Fusigawa  auf  eigenartigen, 
mit  sehr  hohen  Wänden  versehenen  Fahrzeugen  übergesetzt.  Hier  sah  ich  die  oben 


Fig.  17.  Krater  des  Fusijama. 


erwähnte  Beifrau  des  Landesfürsten  von  Satzuma  in  ihrem  Norimon  vorbeikommen. 
Ich  nahm  mir  die  Freiheit,  durch  meinen  gewandten  Bedienten  der  Dame  eine 
Anzahl  Ringe  und  andere  europäische  Zierraten  zu  offerieren,  welche  sie  mit  Ver- 
gnügen annimmt  und  ihren  Bedienten  sendet,  um  Gegengeschenke  anzubieten.  Auf 
dem  linken  Ufer  des  Fusigawa,  wo  der  Fusiberg  sich  erhebt,  nahm  ich  eine 
Messung  mit  dem  Sextanten  und  fand  dessen  Höhe  8°  44k  Der  Gipfel,  bald  mit 
Wolken  bedeckt,  bald  hellblinkend  von  Schnee,  war  durchgehends  noch  niedriger 
als  das  Gewölke  dieses  Gesichtskreises,  westlich  und  südlich  fiel  der  Berg  zu  einer 
ziemlich  ausgedehnten,  von  Reisfeldern  bedeckten  Ebene  ab,  die  von  der  Land- 
strafse  durchschnitten  wurde.  Im  Dorfe  Motoitsiba  rasteten  wir  nach  alter  ja- 
panischer Sitte  in  einem  ärmlichen  Bauernhause,  wo  uns  durch  die  nationale 
Gastfreundschaft  der  Japaner  ein  herzliches  Willkommen  zu  teil  wurde,  und  erfrischten 
uns  mit  Sake.  Wir  setzten  unsere  Reise  durch  einige  unbedeutende  Dörfer  nach  Josi- 
wara  fort,  wo  wir  ein  Mittagsmahl  einnahm en.  Mein  alter  Mathematikus  M.  Honai 
versicherte  mich,  dafs  der  Fusiberg  i1/2mal  höher  sei  als  das  Gebirge  Hakone. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Auch  ist  er  nicht  der  höchste  Berg  in  Japan1,  indem  der  Tsjokaisan  in 
der  Landschaft  Dewa  für  höher  gehalten  wird.  Die  Berge  Hakusan  und  Onitake 
in  der  Landschaft  Iviso  sollen  gleichfalls  sehr  hoch  sein.  Alte  Freunde  der  Holländer 
waren  von  Jedo  bis  hierher  gekommen,  um  uns  zu  begrüfsen,  unter  ihnen  der  Leih- 
trabant des  Prinzen  von  Nakatsu,  dieses  grofsen  Gönners  der  Holländer.  Hier  hörte 
ich,  dafs  zu  Hara  ein  sehr  berühmter  botanischer  Garten  sei,  weswegen  ich  mit 
Dr.  Bürger  vorausging;  wir  erreichten  nach  einigen  Stunden  Hara.  Der  Garten,  im 
japanischen  Geschmacke  angelegt,  ist  wirklich  der  schönste  und  an  Ziergewächsen  der 
reichste,  den  ich  jemals  hier  zu  Lande  gesehen  habe.  Beim  Eingänge  erhoben  sich 
auf  hölzernen  Terrassen,  einzelnen  Felfen  und  in  Blumentöpfen  Tannenbäume  mit 
künstlich  gebildeten  Zweigen.  Die  so  beliebten  Armeniaceen,  Kirschen,  Pyrus  japonica, 
Pyrus  baccata,  Primeln,  Asarum  — Orchideen  standen  auf  dem  Boden  in  geregelten 
Reihen.  Hier  eine  Gruppe  Azaleen,  dort  Kamellien  und  Sasankua,  kleine,  aus  Steinen 
gehauene,  von  Gardenia  radicans  und  Farren  umwachsene  Fischteiche,  von  bunten 
Goldkarpfen  belebt.  Die  beliebtesten  Garten-  und  Ziergewächse  waren  in  besonderen 
Beeten  angepflanzt  als  Paeonien,  Lilien,  Primeln,  Chrysanthemum,  Lynchisarten.  Die 
schönen  unzähligen  Arten  und  Abarten  von  Ahorn,  die,  eben  die  Blätter  entfaltend, 
in  vielfachen  Schattierungen  sich  zeigten,  bildeten  anmutige  Haine.  In  der  Mitte  des 
Gartens  stand  ein  nettes  Gartenhäuschen,  umgeben  von  Blumenstaffagen  (Andromeden, 
Nandinen,  Nageja),  auch  war  ein  Winterhaus  da,  worin  eine  reiche  Sammlung  von 
Bladhien,  Asarum  und  Gewächsen  aus  den  Liukiu-Inseln  gegen  die  kalte  Frühlingsluft  ge- 
schützt wurden.  Nach  einer  anderen  Seite  führten  Lustwäldchen  von  Eichen,  Taxus,  Cy- 
pressen,  Thujen,  Kirschen  und  Armeniaca  zu  eleganten  Lusthäuschen,  welche,  von  den 
beliebtesten  Sträuchern  und  Bäumen  umgeben,  zu  jeder  Jahreszeit  einen  angenehmen 
Aufenthalt  gewähren.  Gegen  Abend  kamen  wir  in  Numatsu  an,  wo  wir  übernachteten. 

[7.  April.]  Schon  gegen  4 Uhr  morgens  traf  man  Anstalten  zur  Abreise;  wir 
verlassen  mit  der  Morgendämmerung  unsere  Herberge,  und  nach  kurzem  verkündet 
uns  die  aufgehende  Sonne  einen  heiteren  Tag.  Beim  Dorfe  Nisima  verliefs  ich  mit 
Dr.  Bürger  die  Norimonos  und  eilte  voraus,  um  Zeit  zu  Untersuchungen  zu  gewinnen ; 
wir  besahen  hier  einen  Sintö  - Tempel  Dai  Mijözin  und  setzten  unsere  Reise  durch 
kleine  Bauerndörfer  und  dichte  Wäldchen  fort,  in  denen  wir  von  der  japanischen 
Nachtigall  mit  vollem,  jedoch  im  Vergleiche  zu  der  europäischen  Sängerin  rauherem 
Schlage  begrübst  wurden.  Ein  tiefer  Hohlweg  führte  nach  dem  Gebirge,  dessen  Flora, 
wenn  sie  der  am  Saume  des  Weges  befindlichen  entspricht,  durchgehends  aus  nied- 
rigen Tannen,  Cypressen,  Thujen,  Ilex,  Lindera  und  Farren  besteht.  Kleine  Pfade 
führen  bisweilen  vom  Landwege  ab,  sich  längs  desselben  durch  das  Gebüsch  schlängelnd 
und  Wanderern  und  Lastpferden  einen  besseren  Weg  gewährend.  Ich  durchstreifte 
diese  zu  botanischen  Zwecken,  während  Dr.  Bürger  geologischen  Untersuchungen  sich 
hingab.  Das  Reisen  in  Japan  wird  durch  die  überall  vorhandenen  Restaurationen 
sehr  erleichtert,  um  so  mehr,  da  die  Efswaren  darin  äufserst  wohlfeil  sind.  Mit  der 
zunehmenden  Höhe  des  Berges  wurde  der  Boden  kahler  und  war  stellenweise  mit 
langen  dürren  Gräsern  bedeckt.  Wir  genossen  während  des  Emporklimmens,  was  bis 

1 Eine  Abbildung  des  Fusiberges  ist  in  Nippon  II.  XXXVI  b gegeben.  Der  Verfasser  liefs  den 
Fusi  durch  seinen  Schüler  Ninomija  Kesaku  mittelst  Barometerhöhe  messen,  was  diesen  später  in  eine 
strafrechtliche  Untersuchung  verwickelte.  Nach  den  neueren  Messungen  ist  der  Fusi  zwischen  12234 
bis  12437'  hoch.  Anmerkung  zur  2.  Auflage. 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


12 


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Abteilung  I Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


jetzt  noch  keine  besonderen  Schwierigkeiten  verursachte,  eine  schöne  Aussicht  auf  den 
konischen,  hinter  dem  Hakone-Gebirge  hervorragenden  Fusiberg.  Nur  bisweilen  war 
der  Weg  für  die  Lastpferde  sehr  beschwerlich;  denn  durch  die  Strohschuhe,  die  hier 
Menschen  und  Pferde  gewöhnlich  tragen,  waren  die  pflasterartig  gelegten  Steine  sehr  ab- 
geschliffen. Gegen  n Uhr  hatten  wir  eine  ansehnliche  Höhe  erreicht,  wo  ich  die  mathe- 
matischen Instrumente,  die  noch  zurück  waren,  erwartete,  während  Dr.  Bürger  vorausging, 
um  das  Barometer  zu  einer  Höhenmessung  dieser  Gebirge  zu  füllen.  Hier  zeigte  sich 
westlich  der  Fusiberg,  und  nordöstlich  blickte  man  auf  einen  groisen  Süfswassersee 
hinab,  der  etwa  500  Fufs  tiefer  als  unser  Standpunkt  sich  befindet.  Leider  führte  nun  der 


Fig.  18.  Ansicht  der  Landstrafse  im  Flakone-Gebirge. 


Weg  bergab  nach  dem  Dorfe  Hakone,  wo  ich  kurz  vor  12  Uhr  ankam.  Ich  nahm 
sogleich  Mittagshöhe  für  die  Breitebestimmung.  Die  Witterung  war  äufserst  günstig, 
indem  der  Himmel,  der  nach  Angabe  verschiedener  Reisenden  immer  in  Nebel  ge- 
hüllt sein  sollte,  wolkenrein  war  und  mir  eine  interessante  Berichtigung  der  geogra- 
phischen Lage  dieser  Gebirgskette  möglich  machte.  Unterdessen  war  das  Barometer 
gefüllt,  welches  nach  wiederholten  Observationen  bei  einer  Temperatur  von  50°  auf 
26"  gefallen  war.  Dr.  Bürger  machte  Versuche  mit  kochendem  Wasser  und  fand 
den  Siedepunkt  desselben  etwa  um  30  niedriger;  dieses  zeigt  nach  Humboldts  Berech- 
nung 3000'  Höhe  an,  da  i°  340  Meter  beträgt.  Ich  hatte  verschiedene  Gewächse 
gesammelt,  aber  mein  Freund,  Dr.  Sjöan,  der,  wie  früher  erwähnt,  bereits  8 Tage 
vor  mir  von  Kioto  abgereist  war,  hatte  bereits  eine  Sammlung  derselben  veranstaltet. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Dicht  beim  Dorfe  Hakone  ist  die  berühmte  Barriere  zur  Absperrung  dieses  Ge- 
birges und  als  Schlüssel  zur  kaiserlichen  Residenz  hier  angelegt,  indem  alles,  was  nur 
immer  aus  den  südlichen  Provinzen  nach  der  Hauptstadt  zieht,  diesen  Engpafs  pas- 
sieren mufs.  Nach  dem  Essen  zogen  wir  feierlich  durch  die  Wache.  Alles,  aufser 
den  drei  Mitgliedern  der  Gesandtschaft,  mufste  die  Sänfte  verlassen  und  zu  Fufs 
durch  die  Wache  schreiten.  Beim  Eintritte  in  die  rundum  durch  eine  starke  Mauer 
verteidigte  Schutzwehr  wurde  die  linke  Thüre  unseres  Norimons  von  unserem  Bedienten 
geöffnet;  dieses  geschieht,  damit  sich  die  Wache  überzeugt,  dafs  nicht  Frauen  oder 
Waffen  eingeschmuggelt  werden.  Wir  wurden  so  gleich  Landesfürsten  behandelt,  die 
auch  in  ihren  Sänften  sitzen  bleiben.  Der  Weg  führte  nun  steil  abwärts,  durch  die  ge- 
plätteten Steine  unsere  Strohschuhwandlung  erschwerend.  Die  N. -Seite  dieses  Gebirges 
ist  hier  mit  dunkeln  Wäldern  bedeckt,  in  denen  ich  Buchen  bemerkte.  Die  Vegetation 
war  viel  üppiger  als  auf  der  SW. -Seite,  und  ich  Find  mehrere  mir  noch  unbekannte 
Gewächse  in  Blüte  stehen.  Links  ragten  steile  Gebirge  empor,  und  frisches  Quell- 
wasser sprudelte  aus  den  Felsblöcken  und  sammelte  sich  in  der  Tiefe  zu  einem  rau- 
schenden Bache.  Siehe  Fig.  18.  Auf  mühsamen  Wegen  erreichten  wir  das  Dorf  Hata, 
berühmt  durch  seine  feinen  Holzarbeiten,  die  wir  in  einem  eigens  hierzu  eingerichteten 
Hause  ausgestellt  fanden  und  einen  sehr  hohen  Wert  respräsentieren.  Es  waren  meistens 
Hausgeräte  oder  zum  Luxus  dienende  Artikel,  eingelegt,  geflochten,  lackiert,  von  roher 
Baumrinde  und  von  Muscheln,  kurz  im  echten  Geschmacke  dieser  Nation.  Beinahe 
am  Eufse  des  Gebirges  überraschte  uns  ein  kleines,  romantisch  gelegenes  Landhaus 
eines  der  reichsten  Kaufleute  aus  Jedo,  der,  ein  Sojähriger  Greis,  mit  seinem  Sohne 
und  dem  erwähnten  Leibtrabanten  des  Fürsten  von  Nakatsu  «Peter  van  der  Stolp»  zu 
unserem  Empfange  hierher  gekommen  war.  Auch  erhielt  ich  durch  Dr.  Sjöans 
Vermittelung  Naturalien  und  mehrere  in  Quellbächen  gefangene  Tritonen.  Nach  kurzem 
Aufenthalte  brachen  wir  auf,  besahen  im  Dorfe  Jumoto  die  gleichschönen  Auslagen 
der  oben  genannten  Waren  und  kamen  gegen  10  Uhr  unter  Fackelschein  in  Odawara 
an.  D ie  Fufsreisen  durch  das  Gebirge  hatten  mich  so  erschöpft,  dafs  ich  von  den 
so  nötigen  Untersuchungen  diesen  Abend  abstehen  mufste. 

O O 

[8.  April.]  Verlassen  Odawara,  ein  ziemlich  grofses  Städtchen,  an  beiden  Enden 
mit  Thoren  und  Wachen  versehen.  Wenig  Kaufläden,  viele  öffentliche  Häuser,  aus 
denen  die  Schönen  in  leichter  Morgentoilette  uns  beäugeln.  Wir  reisen  längs  der 
Seeküste  ONO.  in  Zwischenräumen,  die  See  im  Gesicht,  und  überschreiten  den  Flufs 
Sakanogawa,  der  hier  in  zwei  Armen  sich  in  das  Meer  ergiefst.  Die  Brücke  bildeten 
rohe  auf  Blöcke  gelegte  Balken,  die  mit  Stroh  und  Tannenästen  bedeckt  waren.  Solche 
Brücken  mögen  in  Kriegszeiten  auch  in  Europa  über  nicht  allzubreite  Ströme  anwend- 
bar sein.  Schattige  Alleen  von  Tannenbäumen  führen  bis  Oiso,  wo  wir  Mittag  hielten. 
Die  Landschaft  ist  hier  gegen  die  Küste  zu  äufserst  flach.  Die  Dörfer,  durch  die 
fischreiche  See  begünstigt,  scheinen  doch  nur  durch  die  verkehrsreiche  Landstrafse 
einigen  Wohlstand  zu  haben.  Im  Dorfe  Jamata  war  eben  Matsuri,  d.  i.  Kirchweihe, 
für  den  Tempel  Hatsiman.  Bei  Taniowura  setzten  wir  über  den  breiten,  aber  untiefen 
Flufs  Taniowura-gawa,  dessen  Ufer  gegen  die  See  hin  mit  vielen  Möven  bedeckt  waren. 
Die  Kähne,  in  denen  wir  übersetzten,  gleichen  jenen  des  oberen  Rheins.  Die  Form 
der  Fahrzeuge,  bald  hoch,  bald  flach,  entspricht  ganz  der  Natur  der  japanischen  Ströme. 
Die  Bodenkultur  war  hier  nicht  besonders  ausgebildet,  einige  Reisfelder  wechselten  mit 
andern  Getreidearten,  blühendem  Rübsamen  und  Wäldchen  ab.  Die  Landstrafse  war 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


hier  sehr  belebt,  und  wir  bemerkten  mehr  Bettler  als  gewöhnlich.  Mädchen  und 
Knaben  von  6 — 12  Jahren  schlugen  zur  Belustigung  der  Reisenden  nicht  grade  anständige 
Purzelbäume1;  zwei  arme  Träger  waren  nur  mit  einem  Hemde  bekleidet,  andere  blofs 
in  ihre  Schlafdecke  gehüllt,  andere  fast  ganz  entblöfst.  Hier  ein  Soldat  des  Landesfürsten 
zu  Pferd,  dort  ein  Schnelläufer  mit  einem  an  einen  Stock  gebundenen  Briefe.  Kurz, 
man  bemerkt  aus  allem  die  Anzeichen  der  Nähe  der  grofsen  Residenzstadt.  Wir 
kamen  noch  frühzeitig  in  Fusisawa  an,  wurden  aber,  weil  die  gröbsten  und  vor- 
nehmsten Gasthäuser  bereits  besetzt  wvaren,  fatalerweise  in  einem  Bordell  einlogiert. 
Hier  hörten  wir,  dafs  wir  übermorgen  zu  Kawasaki  Besuche  von  vielen  Freunden  aus 
Jedo,  unter  andern  von  dem  Prinzen  von  Satzuma  und  dem  Fürsten  von  Nakatsu, 
bekommen  sollten. 

[9.  April.]  Unter  heftigem  Platzregen  reisen  wir  morgens  von  Fusisawa  ab, 
halten  in  Kanagawa  Mittag  und  kommen  hierauf  dicht  an  der  See  vorbei,  wo  wir 
die  Ansicht  der  beiden  Landzungen,  zwischen  welchen  die  Bai  von  Jedo  sich 
bildet,  geniefsen.  Besehen  einen  gezähmten  Bären;  er  war  pechschwarz,  der  Kopf 
klein  und  zugespitzt,  längs  des  Scheitels  tief  gefurcht,  die  Schnauze  kurz  und  spitz, 
auf  beiden  Seiten  bräunlich;  das  Tier  war  4'  lang,  unförmig  dick,  18  Jahre  alt,  17  in 
Gefangenschaft,  sehr  zahm  und  machte  verschiedene  Kunststücke. 

Kommen  um  6 Uhr  in  Kä wasak i an.  Der  Wirt  von  Jedo  und  einige  Doktoren 
be willkommen  uns. 

[10.  April.]  In  Galakleidern  ziehen  wir  um  6 Uhr  der  Residenz  entgegen, 
gehen  über  den  Flufs  Rokugogawa,  dann  NO.  durch  flaches,  zu  beiden  Seiten  mit  Reis 
bebautes  Feld,  wo  ich  einige  schwarze  Kraniche  sah.  Die  Witterung  begünstigte 
unseren  festlichen  Einzug  wenig,  und  heftiger  Regen  hielt  uns  in  unserem  Norimono 
zurück  und  versrgte  uns  die  Aussicht  auf  die  im  östlichen  Horizont  still  wogende 
Bai.  Lichte  Erlenwäldchen  überschatteten  hier  und  da  die  überschwemmten  Ge- 
filde längs  den  Dörfern  Hatsimatsuka,  Omori,  Kamatamura,  w7o  der  Handel  mit 
Fischen,  Efswaren  und  andern  kleinen  Bedürfnissen  für  Reisende  einen  Erwerbszweig 
für  die  Bewohner  abgiebt.  Im  Dorfe  Omori,  das  den  gleichen  Namen  mit  dem 
eben  erwähnten  trägt,  waren  von  Jedo  die  Fürsten  von  Satzuma  und  Nakatsu  ange- 
kommen, uns  zu  erwarten  und  so  eine  Gelegenheit  zu  finden  uns  kennen  zu  lernen, 
was  ihnen  bisher  ihr  Stand  und  andere  Umstände  versagt  hatten.  Diese  hohen  Gönner 
der  Niederländer  hatten  sich  in  dem  Gasthause,  wo  die  Gesandtschaft  gewöhnlich  etwas 
zu  ruhen  pflegt,  niedergelassen,  und  nach  kurzem  Verweilen  in  der  Vorkammer  hatten 
-wir  die  Ehre,  von  ihnen  empfangen  zu  werden.  Beide  Fürsten  nebst  einem  jüngeren 
Prinzen  von  Satzuma  empfingen  uns  mit  ausgezeichneter  Freundlichkeit.  Nachdem  wir  auf 
japanische  Weise  uns  verbeugt  hatten,  baten  sie  uns,  auf  Stühlen,  die  man  unterdessen 
ins  Zimmer  gebracht  hatte,  Platz  zu  nehmen.  Äulserst  gesprächig  war  der  84 jährige 
Greis,  Fürst  von  Satzuma,  den  man,  da  er  noch  den  vollen  Gebrauch  seinerSinne  und  eine 
rüstige  Körperstatur  besafs,  auf  höchstens  65  Jahre  schätzen  würde.  Im  Verlaufe  des 
Gespräches  gebrauchte  er  hier  und  da  holländische  Ausdrücke  und  fragte  nach  der  Be- 
nennung verschiedener  ihm  auffallender  Gegenstände.  Nach  Beschlufs  der  Unterredung 
mit  unserm  Gesandten  wandte  sich  derselbe,  meinen  Namen  nennend,  an  mich  mit  den 
Worten,  «dafs  er  ein  grofser  Freund  von  Tieren  und  Naturprodukten  sei,  und  gerne  von 

1 Wahrscheinlich  die  unter  dem  Namen  Etsigo  Sisi  bekannten  wandernden  jugendlichen  Akro- 
baten. Bemerkung  zur  2.  Auflage. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


181 


mir  die  Weise,  vierfüfsige  Tiere  und  Vögel  auszubalgen  und  Insekten  aufzubewahren,  er- 
lernen möchte)),  zu  welchem  Dienste  ich  mich  mit  Vergnügen  anbot.  Hierauf  liefs 
er  mich  seine  rechte  Hand  sehen,  die  vor  kurzem  mit  einem  Rotlauf  behaftet  war. 
Eine  noch  offene  Stelle  war  mit  Miniumsalbe  bestrichen,  über  deren  hier  unzweck- 
mäfsige  Anwendung  ich  einige  Aufklärung  gab,  ohne  jedoch  die  eben  gegenwärtigen 
Leibärzte  zu  verletzen;  ich  schrieb  die  nötigen  Mittel  vor  und  erbot  mich,  sie  bei 
erster  Gelegenheit  zu  übersenden.  Eben  safs  ich  auf  japanische  Weise  vor  dem  freund- 
lichen Greis,  als  der  Fürst  von  Nakatsu  mich  bei  der  Hand  nahm  und  deutlich  folgende 
holländische  Worte  aussprach:  «Kom  by  my  Doktor  Siebold,  ik  dank  U voor  de  ont- 
vangene  brieven  en  geschenken». 

Er  knüpfte  nun  durch  Vermittelung  seines  Dolmetschers  ein  weitläufiges  Gespräch 
an,  fragte  nach  meinem  Taschenchronometer,  besah  meine  Epauletten  und  erkundigte 
sich  nach  deren  Bedeutung,  die  ich  politisch  als  Zeichen  des  Ranges  angab.  Absichtlich 
hatte  ich,  um  Gelegenheit  zu  finden,  meine  Berechtigung  zum  Tragen  des  Degens 
diesen  Herren  zu  erkennen  zu  geben,  mein  Degengehänge  angelegt,  und  als  er  nun 
neugierig  nach  dessen  Bedeutung  fragte,  erklärte  ich,  dafs  es  mein  Degengehänge  sei, 
welches  ich  zur  Erinnerung,  dafs  ich  allezeit  im  Dienste  S.  M.  des  Königs  einen  Degen 
tragen  müfste,  angelegt  hätte.  Es  wurden  inzwischen  Konfitüren  und  Gebäcke  diesen 
Grofsen  vorgesetzt,  und  unter  wechselseitigem  Gespräche  erhielten  wir  die  ehrenvolle 
Zusage,  dafs  sie  uns  bei  unserer  Anwesenheit  in  Jedo,  jedoch  nur  inkognito,  besuchen 
wollten,  worauf  wir  uns  empfahlen.  Wir  wurden  nun  den  Strand  entlang  getragen, 
der  untief  und  mit  Dornbüschen  zum  Muschelfang  besteckt  war. 

Wir  kamen  noch  durch  die  Dörfer  Omura,  Ohagasima  und  Sinagawa,  wo  wir 
etwas  ausruhten.  Einige  Freunde  der  Holländer  waren  aus  Jedo  uns  hierher  entgegen- 
gekommen, und  die  bekannten  kaiserlichen  Ärzte  Katzuragawa  vulgo  Botanicus,  Wuda- 
gawa  Iran  und  andere  Freunde  liefsen  mich  durch  ihre  Zöglinge  begrüfsen.  Längs 
des  Dorfes  Sinagawa  sind  zu  beiden  Seiten  der  Strafse  Bordellhäuser.  Auf  einem 
etwas  erhöhten  Platze  im  Vorhaus  sitzen  die  Schönen,  nach  Landessitte  festlich  auf- 
geputzt. Die  Liebhaber  gehen  ungeniert  in  die  ganz  offen  stehenden  Zimmer,  setzen 
sich  vor  die  von  ihm  auserwählte  Schöne  und  binden  ihre  Schuhe  sodann  an  ein 
vor  derselben  liegendes,  mit  ihrem  Namen  beschriebenes  Holzblöckchen  als  Zeichen 
ihrer  Wahl.  Ich  sah  eben  solche  Galanthommes  herauskommen.  Im  allgemeinen 
scheinen  diese  Anstalten  in  Japan  etwa  wie  eine  Restauration  als  Lebensbedürfnis  be- 
trachtet zu  werden,  und  es  macht  ebensowenig  Aufsehen,  bei  hellem  Tage  aus  einem 
Bordell  zu  kommen,  als  bei  uns  aus  einem  Kaffeehause.  — Die  Aussicht  auf  die  Bai  von 
Jedo  und  die  vielen  vor  Anker  liegenden  Schiffe  entzog  uns  der  von  Regenwolken  umhüllte 
Himmel.  Die  Landstrafse  führt  bald  nördlich,  bald  nordöstlich  und  vor  Takanawa  nord- 
westlich. Die  Strafsen  wurden  allmählich  breiter  und  in  Zwischenräumen  von  un- 
gefähr 178  — 180  Schritten  durch  hölzerne  Thore  mit  Pallisaden  und  Wachthäuschen 
geschieden.  Vor  jedem  Hause  bemerkte  ich  Wasserfässer,  oft  sehr  hübsche  Be- 
hälter aus  Gufseisen,  und  in  jeder  abgeschiedenen  Strafse  grofse  mit  Haken  versehene 
Wasserbehälter.  Die  Häuser  waren  gröfstenteils  neu  und  gut  unterhalten,  zwei- 
stöckig und  mit  schwärzlichen  Ziegeln  gedeckt.  Alles  lebt  auf  den  Strafsen,  und 
da  alle  Häuser,  die  durch  Pforten  geschlossenen  Paläste  der  Grofsen  ausgenommen, 
im  unteren  Stocke  ganz  offen  stehen,  sah  man  eben  die  Bewohner  mit  Bereitung 
des  Mittagsmahls  beschäftigt,  ein  Kontrast  mit  Europa,  wo  die  Häuser,  meist  ver- 


182 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


schlossen,  einen  Einblick  nicht  gestatten.  Wir  waren  so,  ohne  einen  Übergang  von 
den  bisherigen  Ortschaften  zur  eigentlichen  Stadt  bemerkt  zu  haben,  nach  Jedo  selbst 
gekommen  und  wurden  unsere  Ankunft  in  der  Grofsstadt  erst  bei  tieferem  Eindringen 
in  die  breiten  und  lebhaften  Strafsen  gewahr,  die  zu  beiden  Seiten  mit  reichen  Kauf- 
läden prangten.  Vorzüglich  bemerkte  ich  Porzellan-  und  Thongeschirre,  Eisenläden 
mit  Gufs-  und  Schmiedearbeiten,  grofse  Manufakturhandlungen,  die  täglich  für  500,  ja 
manchmal  für  1000  Kobang  Waren  umsetzen,  und  deren  gröfsere  an  700  Menschen  be- 
schäftigen sollen.  Holzschuhe, Schreibmaterialien, Zeichengerätschaften, Sonnen- undRegen- 
schirme,  fertige  Kleider,  Bambusarbeiten,  Körbe,  Frauentoiletten,  Bücher  und  Land- 
karten, Holzabdrücke,  Papier,  Reis,  Thee,  Messer,  Säbel,  Puppen,  Lackwerk,  Metall- 
spiegel, Tabakgeräte,  Haarzieraten  von  Schildpatt,  dünnes  Glas,  Sake,  Marken,  Kinder- 
spielzeug, getrocknete  Fische,  Götzenbilder,  Grabschilder,  Kultusgegenstände,  Laternen, 
Theegeräte,  Rauchwerk,  Regenkleider,  eingesalzene  und  getrocknete  Früchte,  Öl,  Ge- 
müse, Apotheken,  Silber-  und  Goldfische  in  weifsen  Flaschen,  Schildereien,  Matten 
und  Fufsteppiche  von  Stroh,  Strohseile,  Pferdezeug,  Schwämme,  Restaurationen,  Blumen- 
sträufse,  Pflanzen,  frische  Fische,  Bijouterien  u.  s.  w.  Wir  bemerkten  Karren  mit  Holz 
beladen  und  von  Menschen  gezogen.  Alles  dieses  führe  ich  hier  an,  so  wie  es  bei  dem 
schnellen  Vorüberziehen  sich  zeigte.  Um  2 Uhr  kamen  wir  in  unserem  Gasthofe 
an.  Gleich  nach  unserer  Ankunft  erschien  eine  Deputation  von  dem  Gouverneur  von 
Nagasaki,  der  zu  Jedo  residiert,  bestehend  aus  zwei  Opperbanjoosten,  welche  auf  eine 
sehr  stolze  Weise  dem  Gesandten  eine  Notiz  überreichten,  enthaltend  einen  Glück- 
wunsch zu  unserer  Ankunft  in  Jedo  und  die  Aufforderung,  alles  so,  wie  es  alter  Ge- 
brauch mit  sich  brächte,  zu  beobachten  und  uns  danach  zu  benehmen.  Dieselbe 
Notiz  gaben  sie  den  Unterbanjoosten,  Dolmetschern  und  dem  Hospes,  worauf  sie  sich 
nach  kurzer  Unterhaltung  entfernten;  eine  andere  Gesandtschaft  folgte,  nach  deren  Ent- 
fernung auch  der  Bau-Inspektor  von  Nagasaki  uns  bewillkommne. 


Aufenthalt  zu  Jedo. 

Übersicht.  Besuch  des  Oberbanjoosten  bei  dem  Gesandten.  Besuche  des  Prinzen  von  Nakatsu; 
sein  Urteil  über  europäischen  Tanz.  — Familienleben  japanischer  Grofsen  — Japanische  Ärzte.  — 
Mogami  Tokunäi.  — Verwendung  der  Hunde  an  der  Küste  von  Sachalin.  — Sanitätsnotizen  für  die 
Seefahrer.  — Über  die  Gebräuche  der  Ainos.  — Besuche  von  Hofärzten.  — Besuch  vom  Fürsten  von  Nakatsu. 
— - Vortrag  über  die  Anatomie  des  Auges.  — Erdbeben.  — Besuch  des  Hof-Nadelstechers.  — Plan 
zur  Einführung  der  Impfung.  — Audienz  beim  Sjögun.  Ceremonien  derselben.  — Beschreibung  des 
Schlosses.  — Jedo.  — Volksfeste.  — Löschanstalten.  — Luxus  und  Armut  in  Jedo. 

[ 1 1 . April.]  Bald  nach  unserer  Ankunft  wurde  der  Gesandte  vom  Oberbanjoosten, 
der  uns  auf  der  Reise  begleitet  hatte,  mit  zwei  anderen  Oberbanjoosten  und  einem  Rent- 
beamten  im  Namen  des  Gouverneurs  von  Nagasaki,  welcher  in  Jedo  residiert,  bewill- 
kommn. Dieselben  wurden  feierlich  empfangen  und  mit  Liqueuren  und  Konfitüren 
bewirtet.  Dies  ist  sogenanntes  Kapitel.  Die  Leibärzte  des  Sjögun  und  andere  Ver- 
ehrer der  Niederländer,  welche  uns  bis  Sinagawa  entgegengekommen  waren,  lielsen 
sich  melden,  wurden  aber  hier  vom  Oberbanjoosten  nicht  zugelassen  und  konnten  nur 
ihre  Karten  abgeben.  Es  waren  Katsuragawa  Hohen,  welcher  scherzweise  Wilhelmus 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


183 

Botanikus  genannt  wird;  ferner  ein  Offizier  des  Fürsten  Nakatsu,  genannt  Pieter  van 
der  Stölp,  sodann  Kamia  Gennai,  Offizier  des  Fürsten  Okudaira  Tairano  Taiju  und 
Frederik  van  Gulpen,  ein  Kaufmann,  schliefslich  der  Arzt  Otsuki  Gentoku.  Die 
meisten  sprachen  und  verstanden  holländisch.  Auch  erhielten  wir  den  Besuch  des  in 
Jedo  residierenden  Dolmetschers  Saisiro,  welcher  von  seiner  Frau  begleitet  war.  Dem 
Gesandten  wurde  gemeldet,  dals  der  Gouverneur  und  die  Fremden-Kommissäre  von  der 
Ankunft  der  Gesandtschaft  Kenntnis  erhalten  hätten  und  hierzu  Glück  wünschen  liefsen. 
Auch  der  Prinz  von  Nakatsu  sagte  sich  für  den  Abend  an,  und  wir  richteten  daher 

alles  zu  seinem  Empfange  auf  europäische  Weise  her.  Er  hatte  sich  hauptsächlich 

aus  dem  Grunde,  um  die  Holländer,  deren  Freund  er  seit  30  Jahren  ist,  einmal  per- 
sönlich näher  kennen  zu  lernen,  in  den  Ruhestand  versetzen  lassen;  denn  anders  kann 
ein  Landesfürst  mit  uns  in  keine  nähere  Beziehung  treten.  Wir  brachten  den 

Abend  äufserst  vergnügt  in  ganz  ungeniertem  Tone  mit  diesem  Freunde  zu.  Der 

Leibtrabant  Peter  van  der  Holp,  Herr  van  Gülpen,  kaiserlicher  Zuckerbäcker,  ein 
Günstling  des  Fürsten,  und  Keit,  der  Kammerdiener,  spielten  jeder  auf  das  vortreff- 
lichste seine  Rolle,  und  ich  konnte  mich  nicht  enthalten,  in  französischer  Sprache  unserm 
Gesandten  zuzuflüstern,  dafs  dies  das  originellste  Lustspiel  sei,  das  ich  je  in  meinem 
Leben  gesehen.  Man  denke  sich  diese  Japaner,  allem  Holländischen  mit  Leib  und 
Seele  zugethan,  sich  wechselseitig  bald  unter  sich,  bald  mit  uns  in  gebrochenem  Hol- 
ländisch unterhaltend,  das  kräftige  Lachen  des  gemästeten  Leibtrabanten,  die  zuvor- 
kommenden, mit  gespannter  Aufmerksamkeit  geführten  Dialoge  des  ausgetrockneten, 
ganz  kahl  geschorenen,  zahnlosen  van  Gulpen  mit  dem  durch  Neugierde  zur  Freund- 
lichkeit gestimmten  Ernste  des  Fürsten  in  eine  interessante  Gruppe  verschmolzen,  uns 
selbst  in  steifem,  einer  hundertjährigen  Mode  entlehnten  Kostüm  zur  Seite  sitzend, 
indes  der  Kammerdiener,  ein  äufserst  geschickter  und  in  der  holländischen  Sprache 
sehr  gewandter  Mann,  über  seinen  Herrn  den  Mentor  spielte  — mufste  nicht  diefe 
ganze  Scenerie  eine  höchst  komische  Wirkung  ausüben?  Hierauf  besuchte  der  Fürst 
uns  auch  in  unserem  Zimmer,  welches  wir  durch  Instrumente,  Bücher  u.  dgl.  gleich- 
sam als  ein  Museum  der  europäischen  Wissenschaften  zum  Empfange  dieses  Gönners 
eingerichtet  hatten. 

Vorzüglich  war  es  mein  Pianoforte,  das  dem  Prinzen  äufserst  gefiel,  sowie  auch 
Chronometer,  Mikroskope  und  andere  Instrumente.  Durchgehends  war  der  Prinz  mit 
allem  bereits  bekannt  und  überraschte  uns  durch  Vorzeigen  verschiedener  Uhren,  unter 
welchen  eine  Uhr  uns  erfreute,  deren  Zifferblatt  nach  dem  Dezimalsystem  angelegt  und 
mit  Metallkompensation  versehen  war  und  dazu  noch  ein  Thermometer  u.  dgl.  ent- 
hielt. Er  liefs  die  Vorgesetzten  Speisen  und  Getränke  sich  trefflich  munden  und  ver- 
liefs  uns  erst  spät  in  der  Nacht. 

[12.  April.)  Den  Tag  über  wurden  die  Geschenke  ausgepackt,  und  es  entstand 
bald  eine  Diskussion  mit  dem  Oberbanjoosten  wegen  der  höheren  Preise,  welche  wir  für 
die  übrig  gebliebenen  Geschenke  ansetzen  wollten.  Es  ist  nämlich  üblich,  dafs  man  von 
den  Manufakturen  mehr,  als  für  die  Geschenke  gebraucht  wird,  mit  sich  nimmt,  um  das- 
jenige, was  unterwegs  verloren  oder  verdorben  würde,  zu  ersetzen.  Diese  dürfen  zwar 
veräufsert  werden,  aber  nur  an  einen  der  beiden  Gouverneure  von  Nagasaki,  der  in  Jedo 
residiert,  was  seinen  guten  Grund  haben  mag.  Aufser  diesen  sogenannten  Restant- 
gütern bringen  die  Mitglieder  der  Gesandtschaft  noch  viele,  aber  wenig  Raum  ein- 
nehmende Handelswaren  mit  nach  Jedo,  und  die  Dolmetscher  sowie  die  anderen 


184 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


japanischen  Begleiter  thun  das  Gleiche.  Bezüglich  des  Verkaufs  dieser  Gegenstände 
hat  es  stets  Streitigkeiten  gegeben,  und  bereits  im  Jahre  1 8 1 8 wurde  deshalb  dem 
Gesandten  bei  seiner  Ankunft  in  Jedo  eine  Ordre  des  Gouverneurs  von  Nagasaki 
überreicht,  worin  ihm  bedeutet  wurde,  eine  schriftliche  Angabe  von  den  Gegenständen, 
welche  die  Herren  der  Gesandtschaft  zu  verkaufen  wünschten,  einzureichen.  — Wir 
erhielten  am  Morgen  ein  grofses  Geschenk  von  dem  Landesherrn  von  Satzuma,  be- 
stehend in  Stoffen,  lebenden  Vögeln,  Pflanzen,  nach  japanischem  Geschmacke  alles 
auf  die  schönste  Weise  geordnet.  Am  Abend  kommt  der  Fürst  Nakatsu  ganz  inkog- 
nito zu  uns  und  bleibt  bis  nach  Mitternacht. 

Wir  boten  alles  auf,  ihn  zu  unterhalten,  und  unter  Musik,  Gesang  und  Tanz 
belustigten  wir  uns  recht  herzlich.  Einzig  in  seiner  Art  war  sein  Urteil  über  den 
europäischen  Tanz,  den  er  mit  folgenden  Worten  mit  dem  japanischen  verglich : ((Die 
Holländer»,  sagte  er,  ((tanzen  wirklich  mit  den  Füfsen,  die  Japaner  dagegen  mit  den 
Händen». 

[13.  April]  Viele  Besuche  von  japanischen  Freunden  und  Doktoren;  ich  erhalte 
viele  getrocknete  Gewächse,  vorzüglich  von  den  ausgezeichnet  gebildeten  Männern 
Katsuragawa  oder  Botanicus  und  Wudagawa  Joan.  Meine  Freunde,  die  Leibärzte  des 
Sjöguns,  machten  mir  heute  einige , interessante  Mitteilungen  über  die  Rangstellung 
der  Doktoren,  über  die  Einteilung  nach  den  besonderen  Zweigen  ihrer  Kunst  und 
über  die  Verhältnisse  derselben  im  allgemeinen.  Man  unterscheidet  Ärzte  am  Hofe 
des  Sjöguns,  Ärzte  der  Landesfürsten  und  solche,  welche  in  den  Städten  praktizieren. 
Der  erste  Rang  am  Hofe  des  Sjöguns  ist  mit  dem  Titel  Höin  bezeichnet;  diesen 
kann  nur  ein  Arzt  für  innerliche  Krankheiten  führen.  Der  zweite  Rang,  den  auch 
ein  Wundarzt  erhalten  kann,  ist  der  von  Högen;  der  dritte  Hokkjö.  Dieser  zerfällt 
in  zwei  Klassen,  nämlich  solche,  welche  in  die  Gemächer  des  Sjöguns  kommen,  und 
solche,  welche  nur  im  Vorzimmer  sich  auf  halten  dürfen.  Erstere  heifsen  Oku  ega 
oder  Oku  isja,  letztere  Omote  ega  oder  Omote  isja  (oku  ==  innere,  omote  = äufsere, 
ega  — studierter  und  isja  = Arzt).  Die  angesehensten  unter  diesen  werden  Onschi- 
otsi  jaku  genannt.  Die  Ärzte  der  Landesfürsten  bekleiden  entweder  den  Rang  eines 
Hofbeamten  oder  sie  verschaffen  sich  den  Titel  Högen  oder  Hokkjö.  Die  Einteilung 
in  Oku  und  Omote  isja  besteht  auch  am  Hofe  der  Landesfürsten.  Ärzte  von  Fürsten, 
auch  ausgezeichnete  Stadtärzte,  welchen  die  Ehre  zu  teil  ward,  dem  Sjögun  vorge- 
stellt zu  werden,  führen  den  Titel  On  mimije  isja,  d.  h.  sie  sind  hoffähig,  wörtlich 
vor  das  höchste  Antlitz  gelangte  Ärzte.  Alle  übrigen  praktizierenden  Ärzte  haben 
keinen  Rang  am  Hof,  doch  erhalten  verdienstvolle  Männer  unter  ihnen  oft  den  Titel 
Hokkjö,  den  sie  jedoch  in  der  Residenz  nicht  führen  dürfen.  Nach  den  verschiedenen 
Fächern  der  Praxis  unterscheidet  man: 

1.  Innerliche  Ärzte,  Hön  dö,  auch  Nai  kwa. 

2.  Wundärzte,  Gen  kwa. 

3.  Kräuterkundige  (speziell  für  Arzneipflanzen),  Honzöka. 

4.  Frauenärzte,  Fuzin  kwa,  zu  denen  auch  die  Geburtshelfer  (San  kwa) 
gehören. 

5.  Kinderärzte,  Shöni  kwa,  und  Kinderpockenärzte,  Hösöka. 

6.  Augenärzte,  Gan  kwa  oder  Me  isja. 

7.  Mundärzte  (Zahnärzte),  Kötsju  kwa. 

8.  Beinbruchärzte,  Sei  kotsu  ka  oder  Hone  tsugi  isja. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


iSj 


9.  Nadelstecher,  Sin  si  oder  Hari  isja. 

10.  Moxabrenner,  Kiusi  (jap.  Tesasi)  und 

11.  Muskelkneter,  Ama  tori  oder  Dö  in. 

Man  unterscheidet  solche,  welche  die  Muskeln  mit  den  Händen,  und  solche, 
welche  sie  mit  den  Füfsen  bearbeiten. 

Ärzte  höheren  Ranges  tragen  dasselbe  Kostüm  wie  alle  vornehmen  Japaner, 
und  die  Leibärzte  des  Sjöguns  und  der  Fürsten  auf  ihrer  Staatskleidung  das  Wappen 
ihrer  Herren  und  zwei  Säbel,  wie  sie  Offizieren  und  überhaupt  dem  Adel  zukommen. 
Innerliche  und  Frauenärzte  haben  den  Kopf  kahl  geschoren,  Chirurgen  und  ihre  übrigen 
Kollegen  jedoch  ungeschoren  und  tragen  das  Haar  von  allen  Seiten  nach  dem  Wirbel 
hin  gekämmt,  zusammengebunden  und  in  ein  der  Nationalfrisur  ähnliches,  nach  oben 
gekehrtes  Zöplchen  endigend.  Die  Tonsur  erklärten  meine  Freunde  als  ein  Erfordernis 
der  Reinlichkeit  für  Ärzte,  die  mit  vornehmen  Herren  und  Damen  in  Berührung 
kommen.  Es  ist  ganz  die  Tonsur  der  Buddhapriester,  mit  welchen  die  Heilkünstler 
vom  benachbarten  Festlande  übergesiedelt  sind,  und  die  Frisur  der  äufserlichen  Ärzte 
ganz  die  der  Chinesen  und  Koreaner,  zu  Zeiten  der  Chin-Dynastie  (555 — 584  n.  Chr.), 
W'O  bekanntlich  Kunst  und  Wissenschaft  unter  dem  Geleite  des  Buddhadienstes  in 
Japan  eingezogen  sind. 

Ich  finde,  dafs  man  viel  zu  viel  Umstände  mit  den  Oberbanjoosten  macht  und  die 
Gesandtschaft  ihre  Würde  diesen  Herren  gegenüber  nicht  genügend  zu  wahren  versteht. 
Heute  entstand  in  der  Stadt  eine  Feuersbrunst,  und  es  wurde  mir  bei  dieser  Gelegen- 
heit erzählt,  dafs  man  das  Jahr  als  ein  glückliches  bezeichnet,  wo  nur  drei  Strafsen 
(Quadrat  Tsjö  — 3 Hektar)  abbrennen. 

| 14.  April. J Nehmen  Observation  für  Länge  mit  Chronometer,  können  jedoch, 
da  die  Sonne  bereits  zu  hoch  steht,  mit  dem  künstlichen  Horizont  und  unserem 
Sextant  keine  Mittagshöhe  mehr  nehmen.  Beschliefsen  daher,  mittags  Observationen 
zur  Berechnung  der  Breite  anzustellen.  Nachmittags  viele  Besuche  von  Japanern. 
Eine  Deputation  des  Landesherrn  von  Satzuma.  Einige  vornehme  Kranke.  Die  Ge- 
schenke für  den  Sjogun  und  den  Erbprinzen  sowie  für  die  Reichsräte  werden  ab- 
geschickt. 

[15.  April.  ] Abends  feierlicher  Besuch  vom  Landesherrn  von  Nakatsu  und  Satzuma, 
bekommen  hübsche  Geschenke.  Die  Fürsten  bringen  den  gröbsten  Teil  des  Abends 
bei  uns  zu,  sich  mit  Musik,  Gesang,  Büchern,  Instrumenten  u.  dgl.  unterhaltend.  Der 
alte  Fürst  ersucht  mich,  dafs  ich  ihn  unter  meine  Schüler  in  der  Natur-  und  Heil- 
wissenschaft aufnebmen  und  ihm  eine  kurzgefafste  Behandlungsweise  der  gefährlichsten 
japanischen  Krankheiten  bearbeiten  möchte.  Er  bringt  einen  Vogel  mit,  den  ich  so- 
gleich, seinem  Wunsche  entsprechend,  ausbalge  und  aufsetze,  was  dem  Greise  viel 
Vergnügen  bereitete.  Ich  biete  den  Fürsten  ein  ansehnliches  Geschenk  an,  welches 
sie  mit  Dank  annehmen.  Der  alte  Fürst  giebt  mir  hierauf  seinen  eigenen  Fächer, 
den  er  einst  vom  Mikado  zum  Geschenke  erhalten.  Die  beiden  Fürsten  hatten  mich 
schon  früher  konsultiert  und  befanden  sich  gegenwärtig  besser.  Die  Beifrauen  des  alten 
Herrn,  unter  welchen  sich  die  Mutter  der  Gemahlin  des  Sjöguns  befand,  waren  auch 
mitgekommen,  und  wir  bieten  unsere  Überreste  europäischer  Galanterie  auf,  sie  gut 
zu  unterhalten.  Ich  hatte  die  Ehre,  von  einer  der  vornehmsten  dieser  Frauen  kon- 
sultiert zu  werden  wegen  einer  Verhärtung  an  der  rechten  Brust,  wobei  man  Anstand 
nahm,  sie  entblöfst  untersuchen  zu  lassen.  Doch  ich  erklärte,  dafs  ich  als  Arzt  wohl 


\ 


1 86  Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 

die  Genehmigung  beanspruchen  müfste,  die  Untersuchung  auf  europäische  Weise  vor- 
zunehmen. Es  war  ein  liebenswürdiger  Familienzirkel  japanischer  Grofsen,  der  uns 
diese  Klasse  der  Bevölkerung  im  günstigsten  Lichte  darstellt.  Sittsamkeit,  Anstand  und 
Würde,  Herzensgüte,  Aufrichtigkeit,  eine  rationelle  Bildung  ohne  die  geringsten  Spuren 
von  Stolz  sprachen  sich  in  dem  greisen  rüstigen  Fürsten,  in  den  Kindern  und  Frauen 
gleichmäfsig  aus  — kurz  Charakterzüge,  die  alle  Achtung  eines  gebildeten  Europäers 
verdienen. 

Es  stellt  sich  der  Opperbanjoost  vor,  welcher  die  Obliegenheit  hat,  die  Ge- 
sandtschaft am  Tage  der  Audienz  zu  begleiten.  Von  einem  anderen  Opperbanjoost 
wurde  gemeldet,  dafs  die  für  den  Sjögun  und  Erbprinzen  bestimmten  Geschenke  bei 
Hofe  abgeliefert  worden  seien.  Es  wurde  für  diese  Bemühung  von  ihm  eine  Bezahlung 
von  5 Itsibu  liquidiert.  Ferner  wurden  heute  mit  dem  Gouverneur  von  Nagasaki  Ver- 
handlungen geführt  über  die  Quantität  Kupfer,  welche  für  dieses  Jahr  uns  zur  Aus- 
fuhr bewilligt  werde.  Es  finden  hierüber  Vorträge  beim  Staatsrat  statt. 

[i  6.  April.]  Dies  candidissimo  sane  calculo  notandus!  Japonensis  quidam  nomine 
Mogami  Tokunai,  per  biduum  cum  nostram  quaesivisset  societatem,  se  Mathesi  ceteris- 
que  huic  annexis  scientiis  exhibuit  nobis  eruditissimum.  Expositis  diveris  matheseos 
Chinensis-Japonicae  ac  Europeae  problematibus,  nobis  sub  sanctissimo  sigillo  silentii 
mappas,  quibus  oceanus  Jetzonensis  et  insula  Krafto  delineat  continebantur  per 
tempus  aliquod  ad  usum  praebuit  — thesaurum  sane  pretiosissimum.  Ich  füge  hier 
noch  einige  Notizen  bei,  die  uns  dieser  Mogami  Tokunai  mitteilte.  Nach  seiner  Be- 
rechnung gehen  etwa  29  japanische  Meilen  (105  russische  Werste)  auf  einen  Breite- 
Grad.  Auf  der  Küste  der  Insel  Kurafto  (Sachalin)  werden  die  Fahrzeuge  von  Hunden 
fortgezogen,  und  so  bereiste  jene  unser  Freund,  von  7 Hunden  gezogen.  Von  Zeit 
zu  Zeit  wirft  man  denselben  Futter  aus  dem  Kahne  zu,  sie  aufzumuntern,  doch  bei 
einem  Sturme  kann  man  sie  nicht  zum  Ziehen  bewegen. 

Die  Strafse  zwischen  der  Küste  der  Tatarei  und  Kurafto  friert  im  japanischen 
zwölften  und  zweiten  Monat  zu.  Die  Ainos  laufen  Schlittschuhe. 

Nach  dem  Auftauen  findet  man  in  der  See  häufig  den  Schiffen  gefährliche 
Eisberge,  oft  von  einer  Gröfse  von  20  []]  Tsjoo  mit  einem  Tiefgang  von 

1 Tsjoo  und  1 — 2 Ken  über  die  See,  bei  einem  Sturme  aber  noch  weit  höher 

emporragend. 

Die  hier  im  Winter  herrschende  Kälte  ist  äufserst  nachteilig  für  die  Japaner. 
Während  des  Aufenthaltes  unseres  alten  Freundes  auf  Sachalin  im  Jahre  1809  (im 
zweiten  Monat  des  vierten  Jahres  von  Bunkwa)  sind  von  105  Menschen  53  den 
Einwirkungen  der  Kälte  erlegen.  Die  Erscheinungen  waren  eigentümlicher  Art,  da 
bei  den  Patienten,  welche  man  zur  Erwärmung  dem  Feuer  näherte,  der  Leib  auf- 
schwoll, und  sie  starben.  Auch  auf  dem  Meere  ist  das  Klima  sehr  ungesund,  und  die 
Schifisleute  leiden  häufig  an  Fiebern  und  Diarrhoe.  Unser  Mathematikus  blieb  sehr 
gesund;  er  afs  aufserordentlich  viel  Seetang  (Fucus  saccharinus),  dessen  kühlenden 
Einflüssen  er  sein  Wohlsein  zuschreibt,  während  seine  Kameraden  erhitzenden  Reis 
und  Sake  genossen.  Die  schmälste  Stelle  des  Kanals  ist  etwa  3 — 5 japanische  Meilen 
breit  und  sehr  seicht,  die  See  still.  Die  Tataren,  hier  Sandaner  genannt,  kommen 

häufig  nach  Sachalin,  von  den  Japanern  Karafuto  genannt,  wo  sie  Pelzwerke  ein- 

tauschen.  Die  Küste  von  Sachalin  bei  diesem  Kanal  ist  äufserst  morastig.  Auf  dieser 
Insel  ifst  man  eine  Erde,  Tetarrotoi  genannt,  eine  Art  Porzellanerde.  — Die 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


187 


Ainos  haben  einen  Himmel,  wo  ihr  Gott  thront:  Kotan  kara  kamoi  — d.  i.  Wohn- 
ort schaffender  Gott.  Den  Gott  der  Hölle  nennen  sie  Nitsne  Kamoi.  Die  bekannten 
Kämpfe,  die  unter  der  Familie  bei  Todesfällen  Vorkommen,  finden  nur  dann  statt, 
wenn  ein  Glied  der  Freundschaft  gewaltsamen  Todes  stirbt.  Sie  bringen  sich  alsdann 
wechselseitig  Wunden  am  Kopfe  bei,  die  jedoch  unbedeutend  sind.  Wird  ein  Freund 
durch  natürlichen  Tod  dahingerafft,  so  teilen  sie  einander  weinend  den  Todesfall  mit. 
Verliert  die  Frau  eines  Ainos  ihren  Gatten,  dann  flieht  sie  ins  Gebirge,  wo  sie  in 
tiefer  Trauer  die  ersten  Tage  unter  Fasten  zubringt.  Mit  Gewalt  wird  sie  von  der 
Familie  zurückgeholt,  die  allein  zu  der  trauernden  Witwe  kommen  darf.  Begiebt 
sich  ein  anderer  Mann  zu  derselben,  dann  mufs  er  eine  Strafe  bezahlen. 

Es  wird  von  dem  Oberdolmetscher  berichtet,  dafs  die  Kupfertaxe  für  dieses  Jahr 
auf  9000  Pikol  und  für  das  folgende  auf  8000  Pikol  festgesetzt  worden  sei.  Diese 
Bewilligung  sollte  aber  keineswegs  für  die  Zukunft  als  Norm  dienen,  sondern  es 
niüfste  jährlich  seitens  der  Niederländer  ein  erneutes  Gesuch  eingereicht  werden.  Aus 
obigem  geht  hervor,  unter  welchen  erschwerenden,  um  nicht  zu  sagen  erniedrigenden 
Bedingungen  die  Holländer  zum  Handelsverkehr  zugelassen  werden.  Abends  hatten 
wir  einige  Doktoren  des  Sjöguns  zum  Essen  eingeladen. 

[17.  April. j Bringen  den  Abend  mit  dem  Hofarzte  Katzuragawa  vulgo  Botanikus 
und  Gentaku,  dem  Leibarzte  eines  Landesfürsten,  zu,  zwei  grofsen  Freunden  der 
Niederländer  und  der  europäischen  Wissenschaften. 

| 18.  April.]  Erhalten  Besuch  vom  Hofastronomen  Globius  (unter  Globius 
ist  gemeint  Takahasi  Sakusajemon),  der  ebenfalls  ein  hoher  Gönner  der  europäischen 
Wissenschaft  ist. 

[19.  April.  | Besuch  vom  Doktor  Botanikus,  er  äufsert  sich,  dafs  die  Stimmung 
für  meine  Absicht,  länger  in  Jedo  zu  bleiben,  günstig  sei.  Der  Fürst  von  Nakatsu 
kommt  am  Abend  zu  uns. 

[ 20.  April.]  Ich  hatte  auf  heute  Vorlesung  über  die  Anatomie  des  Auges  und 
die  gebräuchlichsten  am  Auge  vorkommenden  Operationen  anberaumt.  Die  Hof- 
ärzte wohnen  mit  Beifall  denselben  bei.  Die  Operationen  machte  ich  an  einem 
Schweine,  welches  mir  die  Arzte  zum  Geschenke  angeboten  hatten.  Schweine- 
fleisch ist  eine  seltene  Speise  in  Jedo.  Am  Abend  hatten  wir  ein  Erdbeben, 
welches  sich  nachts  3 Uhr  und  bei  Anbruch  des  Morgens  wiederholte  und  zwar  in 
ziemlich  langen,  etwa  20  Sekunden  anhaltenden  Erdstöfsen.  Erdbeben  in  Jedo  sind 
ziemlich  häufig,  zehn-  bis  zwölfmal  im  Jahre,  doch  nie  so  stark,  dafs  Häuser  dadurch 
einstürzten. 

[21.  April.]  Ich  bringe  bereits  mehrere  Morgen  mit  unserem  alten  Freunde 
Mogami  Tokunai  mit  Bearbeitung  der  Jezo-Sprache  zu.  Unsere  Audienz  beim  Sjogun 
wird  verschoben,  weil  ein  Sohn  desselben  plötzlich  gestorben  ist,  Besuche  vom  Flof- 
Nadelstecher  Isisaka  Sotets  und  anderen  Ärzten  und  Bekannten. 

[22.  April.]  Erhalte  vom  Oberbanjoosten  mehrere  seltene  Gewächse;  die  Be- 
günstigungen dieses  Mannes  für  unsere  Untersuchungen  sind  aufserordentlich.  Ich 
geniefse  alle  Freiheit  und  kann  ziemlich  öffentlich,  auch  in  wissenschaftlichen  Gegen- 
ständen, deren  Bearbeitung  früher  strenge  verboten  war,  thätig  sein  und  so  ungestört 
mit  unserem  alten  Freunde  die  Bearbeitung  der  Jezo-Sprache,  Geographie  u.  dgl.  m. 
fortsetzen.  Auch  mache  ich  dem  Opperbanjoost  und  dem  Unterbanjoost  ein  ansehn- 
liches Geschenk,  aus  Glas-  und  Porzellanwaren  bestehend. 


1 88 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


[23.  April.]  Die  Hofärzte  bringen  den  ganzen  Tag  bei  mir  zu;  sie  eröffnen 
mir,  doch  vorerst  noch  im  geheimen,  ihren  Wunsch,  dafs  ich  einige  Zeit  in  Je.do 
bleiben  möchte,  und  legten  einen  Plan  vor,  wie  dieses  auf  eine  passende  Weise  beim 
Sjögun  durchzusetzen  wäre.  Ich  wurde  heute  ersucht,  eine  Aufklärung  über  die  Kinder- 
blattern und  die  Impfung  zu  geben,  wobei  ich  die  Gelegenheit  benutzte,  einen  Plan 
zur  Einführung  dieser  grofsen  Wohlthat  in  Japan  vorzutragen.  Ich  erklärte  mich  auf 
Befehl  des  Sjöguns  bereit,  die  Lymphe  von  Batavia  selbst  zu  holen  und  hier  die 
Impfung  einzuführen. 

[24.  April.]  Viele  Besuche  am  Abende  von  den  Hofastronomen,  von  Freunden 
und  Bekannten. 

[25.  April.]  Empfange  Besuche  von  Leibärzten  des  Sjöguns,  unter  andern  von 
dem  Augenärzte  desselben.  Ich  zeige  Werke  über  Augenheilkunde  nebst  den  be- 
treffenden Instrumenten  vor.  Mache  einige  Versuche  mit  Belladonna  zur  Erweiterung 
der  Pupille , welche  auffallende  Erscheinung  grofsen  Beifall  erregt.  Der  Hof- 
botaniker Suigen  läfst  mich  mehrere  Rollen  Pflanzenabbildungen  sehen,  sowfle  auch 
eine  Sammlung  graphischer  Darstellungen  der  meisten  japanischen  und  chinesischen 
Fische  und  herrlicher  Crustaceen.  Beifrauen  des  Landesherrn  von  Satzuma  konsul- 
tieren mich. 

[26.  April.]  Mit  grofsem  Beifall  aller  anwesenden  Hofärzte  hatte  ich  heute 

die  Operation  einer  Hasenscharte  an  einem  neugebornen  Kinde,  und  die  Vacci- 

nation  an  drei  Kindern  vorgenommen,  diese  jedoch  mit  altem  Stoffe,  nur  um  die  Art 
und  Weise  des  Vaccinierens  zu  zeigen.  Ihre  Stimmung  für  mein  längeres  Hierbleiben 
ist  sehr  günstig. 

[27.  April.]  Vacciniere  wieder  zwei  Kinder.  Abends  Besuch  vom  Fürsten 
von  Nakatsu. 

[28.  April.]  Man  brachte  mir  heute  ein  Otterfell,  Rako  genannt  (Lutra  marina, 
Mustek  lutris  Linn),  wohl  die  von  Oken  angeführte  Varietät  Pusa  orientalis, 

Oken  p.  986,  von  der  Insel  Rakosima  bei  Etrop.  Man  verlangt  70  Kobang  dafür; 

diese  Otterart  soll  bis  6 Eufs  lang  werden.  Das  obenerwähnte  Fell  war 
4V2  Fufs  lang. 

[29.  April.]  Die  Hof-Astronomen  kamen  wieder  zum  Besuche. 

[30.  April.]  Ich  mache  dem  Opperhoofd  offiziell  bekannt,  dafs  die  Doktoren 
des  Sjöguns  beschlossen  haben,  für  meinen  längeren  Aufenthalt  zu  Jedo  bei  Hofe  ein 
Gesuch  einzureichen.  Sie  bringen  den  ganzen  Tag  wieder  bei  mir  zu. 

[1.  Mai.]  Ziehen  morgens  6 Uhr  zur  Audienz;  die  drei  Mitglieder  der  Gesandt- 
schaft in  Norimonos  und  die  japanische  Begleitung  zu  Fufse.  Die  Entfernung  des 
Schlosses  von  dem  niederländischen  Hotel  beträgt  nur  2 Strafsen  (Tsjo).  Kommen 
über  eine  breite  Brücke  durch  ein  grofses  massives  Thor  in  die  erste  Abteilung  des 
befestigten  Schlosses.  Der  Zug  bewegt  sich  längs  den  Palästen  verschiedener  Fürsten 
bis  zu  einer  zweiten  Brücke,  wo  wffr  unsere  Norimonos  verlassen  und  zu  Fufse  fort- 
schreiten müssen.  Jenseits  der  Brücke  kommen  wrir  an  ein  grofses  Thor,  innerhalb 
dessen  sich  die  Wache  der  sogenannten  Hundertgarden  befindet;  hier  läfst  man  uns 
ausruhen.  Es  ward  uns  hier  sehr  schlechter  Thee  angeboten,  und  die  ganze  Einrich- 
tung dieses  Lokals,  wo  man  uns  auf  Holzbänken,  die  mit  chinesischem  rotem  Filz 
bedeckt  waren,  zum  Sitzen  einlud,  machte  auf  uns  keinen  grofsartigen  Eindruck.  Es 
fand  sich  hier  der  Gouverneur  von  Nagasaki,  die  zwei  Fremden-Kommissäre  und  der 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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Kommandant  der  Wache  ein,  welche  uns  bewillkommten.  Von  hier  aus  hielten  wir 
unsern  Einzug  in  das  grofse  Schlofsthor,  wohin  ein  mit  breiten  Steintreppen  versehener 
Weg  führt.  Das  Thor  selbst  ist  mit  reichen  Schnitzereien  versehen  und  erinnert  im 
Stile  an  die  buddhistischen  Tempel.  Beim  Eintritt  in  das  Palais  wurden  wir  von 
Opperbanjoosten  und  den  Hoflakaien  in  Empfang  genommen,  letztere  haben  sämtlich 
kahlgeschorene  Köpfe  und  schwarze,  dem  Kostüm  der  Mönche  gleichende  Kleidung. 
Man  führte  uns  in  einen  Saal,  der  als  Antichambre  dient,  wo  wir  nach  Belieben 
stehen,  gehen  oder  sitzen  konnten.  Hier  kamen  verschiedene  Mitglieder  des  hohen 
Adels,  uns  zu  begrüfsen;  es  gilt  dies  nicht  als  eine  offizielle  Handlung,  sondern  dient 
blols  zur  Befriedigung  ihrer  Neugierde. 

Unter  diesen  Herren  war  der  Fürst  von  Jetsizen,  ein  Verwandter  des  Sjöguns; 
Ji  Kamonno  Kami,  Fürst  von  Omi;  der  Fürst  von  Karatsu,  ein  früherer  Gouverneur 
von  Nagasaki,  mit  dem  Fürsten  von  Hirado.  Auch  befanden  sich  unter  den  Neu- 
gierigen, wie  man  sagte,  Söhne  und  Verwandte  des  Sjöguns,  u.  a.  Hitotsubasi,  Tajasu. 
Ferner  besichtigten  uns  verschiedene  Würdenträger  und  Kammerherren.  Einige  unter 
ihnen  baten  uns,  holländische  Wörter  und  Sprüche  auf  ihre  Fächer  oder  auf  Papier 
zu  schreiben,  welchem  Wunsche  wir  auch  entsprachen. 

Hier  wurden  wir  auch  schliefslich  von  dem  Gouverneur  und  den  Fremden- 
Kommissären  aufgesucht,  und  das  Vorstellungsceremoniell  entwickelte  sich  in  folgender 
Weise:  Der  Gesandte  wird  ersucht,  sich  nach  dem  Audienzsaal  zu  begeben,  «um  das 
Kompliment  einzuüben».  Der  Gesandte,  von  einem  Hofbedienten  begleitet,  macht 
sich  auf  den  Weg;  uns  wird  stillschweigend  gestattet,  ihm  auf  einigen  Abstand 
zu  folgen.  Wir  schreiten  nach  rechts  durch  eine  lange  galerieähnliche  Passage,  welche 
mit  Holz  gedielt  ist,  darauf  durch  einen  mit  Matten  belegten  Saal,  sodann  gelangen 
wir  an  einen  grofsen  Saal,  welcher  auf  den  vier  Seiten  mit  einer  hölzernen  Galerie 
umgeben  ist.  An  der  zweiten  Ecke  derselben  bleiben  die  Opperbanjoosten  und  die 
beiden  Mitglieder  des  Gesandtschaftspersonals  zurück;  der  Gesandte  geht  noch  etwas 
weiter  vorwärts  rechts  um  eine  Ecke,  wo  er  ebenfalls  stehen  bleibt.  Er  hat  nun  den 
grofsen  Audienzsaal,  angeblich  von  1000  Matten  Quadratinhalt,  vor  sich.  Hier  er- 
scheinen der  Gouverneur  und  die  zwei  Fremden-Kommissäre,  machen  eine  steife  Ver- 
beugung, nehmen  den  Gesandten  noch  etwa  zwanzig  Schritte  weiter  mit  sich  die 
Galerie  entlang,  wo  sich  der  Gouverneur,  das  Gesicht  saaleinwärts  gerichtet,  auf  den 
Matten  niederläfst,  der  Gesandte  aber  auf  den  hölzernen  Fufsboden  der  Galerie  auf 
japanische  Weise  niederknieen  rnufs.  Nach  einer  Pause  folgt  der  Gesandte  nun  dem 
Gouverneur  weitere  zehn  Schritte  vorwärts,  wo  er  sich  an  einem  Pfeiler  vor  einem 
kleinen  Saale  befand,  wohin  drei  mit  Matten  belegte  Stufen  führten1.  Alles  Holzwerk 
war  künstlich  geschnitzt  und  vergoldet.  Man  hatte  den  Ausblick  auf  einen  abge- 


1 W^nn  es  auch  nicht  ausdrücklich  im  Journal  angeführt  ist,  so  dürfen  wir  doch  annehmen, 
dafs  auf  dieser  Estrade  sich  der  Platz  befand,  wo  der  Sjogun  die  Huldigung  entgegennahm.  Nach  der 
japanischen,  am  Hofe  des  Sjöguns  üblichen  Etikette  wird  derselbe  nicht  auf  einem  Throne,  sondern 
auf  einem  Kissen  oder  Polster  mit  untergeschlagenen  Beinen  sitzend  die  Audienz  erteilt  haben,  und  da 
er  wahrscheinlich  auch  sich  in  geraumer  Entfernung  von  dem  auf  den  Ivnieen  liegenden,  tief  gebeugten 
Gesandten  befand  und  womöglich  der  obere  Teil  seiner  Figur  durch  eine  fast  undurchsichtige  Bambus- 
jalousie bedeckt  war,  ist  es  begreiflich,  dafs  der  Gesandte  und  sein  Gefolge  ihn  gar  nicht  erblickten, 
und  daher  auch  in  dem  Journal  von  der  persönlichen  Erscheinung  desselben  gar  nicht  gesprochen 
wird.  Anmerkung  zur  2.  Auflage. 


190 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


schlossenen  Platz,  und  links  von  diesem  waren  die  Geschenke  auf  Tafeln  oder  den 
eigentümlichen,  aus  weifsem  Hinoki,  sog.  Sonnenbaumholze,  verfertigten,  Tragbahren 
ähnlichen  Präsentiertellern  geschmackvoll  geordnet.  Hier  mufste  der  Gesandte  zwei- 
und  dreimal  sein  Kompliment  machen,  und  zwar  nach  japanischer  Sitte  auf  den  Knieen 
liegend  und  tief  sein  Haupt  verbeugend  und  zwischen  jedem  Kompliment  sich  wieder 
aufrichtend.  Nach  dem  dritten  Komplimente  schritten  zwei  schöne  Jünglinge  von 
auffallend  weifser  Gesichtsfarbe  bis  auf  die  dritte,  mit  Matten  belegte  Stufe  herab;  es 
waren  zwei  Söhne  des  Sjöguns.  Jetzt  mufste  der  Gesandte  noch  eine  Weile  stehen 
bleiben  und  sich  von  allen  Seiten  anschauen  lassen.  Die  Hauptprobe  der  Audienz 
war  zu  Ende,  der  Gouverneur  leitete  ihn  eine  Strecke  zurück,  worauf  die  Hofbedienten 
ihn  wieder  bis  zum  Antichambre  geleiteten.  Nach  einer  kurzen  Pause  wurde  das 
Zeichen  zur  Audienz  des  Gesandten  gegeben;  der  Gouverneur  und  einige  Kammer- 
herren geleiteten  ihn,  die  beiden  Opperbanjooste  und  Dolmetscher  folgten,  und  wir 
schlichen  im  geheimen  hinterher  — sehr  ehrenvoll  für  den  Gesandten  und  seine 
beiden  Begleiter  — . An  der  zweiten  Ecke  des  Saales  blieben  die  zwei  Opperban- 
joosten  zurück,  die  Dolmetscher  folgten  bis  zur  dritten  Ecke,  wo  der  Gesandte  einen 
Augenblick  stehen  blieb  und  von  den  Fürsten  und  andern  Reichsgrofsen  gemustert 
wurde.  Gleich  darauf  vernahm  man  ein  leises  Zischen:  es  war  das  Signal  des 
Herannahens  der  allerhöchsten  Person.  Jeder  beeilte  sich , den  ihm  gebührenden 
Platz  einzunehmen.  Nun  holte  der  Gouverneur  den  Gesandten  und  führte  ihn  bis  an 
den  ersten  Pfeiler  des  kleinen  Audienzsaals,  wo  der  Oberdolmetscher  sich  auf  der 
Galerie  zu  Boden  warf,  der  Gesandte  jedoch  noch  stehen  blieb.  Darauf  brachte  der 
Gouverneur,  der  sich  mit  den  beiden  Fremden-Kommissären  gleichfalls  auf  dem  Holz- 
boden der  Galerie  niedergelassen  hatte,  den  Gesandten  bis  an  den  Audienzplatz,  der 
einige  Schritte  weiter  nach  vorne  ayf  der  Galerie  vor  den  3 Stufen  war,  welche  mit 
Matten  belegt  waren.  Der  Gesandte  warf  sich  hier  auf  die  Kniee,  tiefgebeugt  konnte 
er  nur  die  vergoldeten  Holzschnitzereien  vor  sich  sehen  und  von  dem  Sjögun  sah  er 
nicht  einmal  denSchatten.  Mit  einem  Male  ertönte  der  Ruf  eines  Herolds : «Hollanda 
capitan!»  — der  Gouverneur  zupfte  den  in  tiefer  Prosternation  liegenden  am  Mantel  — 
die  Audienz  war  vorüber. 

Der  Gesandte  erhob  sich  vom  Eufsboden  und  begab  sich  unter  vielen  und  viel- 
seitigen Komplimenten  nach  dem  ersten  Zimmer  zurück,  w-o  der  Gouverneur  und  die 
Fremden-Kommissäre  ihm  ihre  Glückwünsche  zu  der  ihm  zu  teil  gewordenen  aller- 
höchsten Audienz  aussprachen.  Hier  fanden  sich  wieder  mehrere  Fürsten  und  andere 
hohe  Persönlichkeiten  ein,  unter  welchen  sich  auch  der  jüngste  Bruder  des  Erbprinzen 
befand,  ein  sehr  artiger  Knabe  von  10  — 11  Jahren,  welcher  bat,  ihm  einige  hollän- 
dische Wörter  auf  Papier  niederzuschreiben,  was  der  Sekretär  sofort  erfüllte.  Nach- 
dem diese  letzte  Besichtigung  überstanden  war,  durfte  sich  der  Gesandte  mit  seinem 
Gefolge  zurückziehen.  Die  Ceremonie  war  beendigt,  und  wir  konnten  noch  von  Glück 
sagen,  dafs  die  von  Engelbert  Kaempfer  beschriebene,  von  Tanzen  und  Singen  begleitete 
Privatvorstellung  der  Niederländer  vor  dem  hinter  durchsichtigen  Bambusmatten  ver- 
steckten Hofe  inzwischen  abgeschafft  worden  war.  Das  Portrait  des  Sjöguns  und  seiner 
Gemahlin  sind  wir  in  der  Lage,  nach  japanischen  Quellen  unter  Fig.  20  und  19  zu  geben. 

Gegen  12  -Uhr  verliefsen  wir  das  Palais  des  Sjögun  und  begaben  uns  nach  dem 
des  Erbprinzen,  welches  eine  halbe  Stunde  von  jenem  entfernt  ist,  jedoch  noch  im 
innersten  Teile  des  Schlosses  liegt.  Ein  breiter  Weg  führt  dahin,  links  von  einer 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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hohen  cyklopischen  Mauer,  rechts  von  einem  breiten  Wassergraben  begrenzt.  Wir 
kamen  über  eine  breite  Brücke  und  an  einer  ansehnlichen  Wache  vorbei;  hierauf 
nochmals  über  eine  sehr  hoch  gelegene  Brücke,  von  wo  man  eine  aufserordentlich 
schöne  Aussicht  auf  die  Stadt,  die  Umgegend  und  bis  auf  die  Bai  von  Jedo  hinaus 
hat.  Im  Palais  des  Erbprinzen  wurden  wir  von  den  kahlgeschorenen  Hofbedienten  in 
einen  Saal  geführt,  wo  der  Gouverneur  von  Nagasaki  und  die  mehrmals  erwähnten 
Fremden-Kommissäre  uns  empfingen.  Nachdem  wir  eine  Weile  geruht  hatten,  teilweise 
zum  Zwecke,  von  der  anwesenden  Hofgesellschaft  genau  besichtigt  zu  werden,  wurde 
der  Gesandte,  ähnlich  wie  bei  der  Hauptaudienz,  aufgefordert,  den  Platz  in  Augen- 
schein zu  nehmen,  wo  er  sein  Kompliment  zu  machen  habe.  Kurz  nachdem  er 
zurückgekommen,  wurde  er  zur  Audienz  gerufen,  zu  welcher  er  von  einem  Hofbe- 
dienten und  einem  Dolmetscher  begleitet  wurde.  Auch  hier  mufste  sich  das  nieder- 
ländische «Opperhooft-Gezandt  aan  den  Hof  des  Kaisers»,  wie  der  offizielle  Titel  lautet, 
auf  den  Holzboden  der  Galerie  niederlassen  und  ein  tiefes  Kompliment  vor  zwei 
Staatsräten  machen,  welche  in  Vertretung  des  Erbprinzen  in  steifer  Haltung  in  einiger 
Entfernung  auf  den  Matten  safsen.  Zur  Rechten  auf  den  Matten  hatten  sich  die 
Fremden-Kommissäre  niedergelassen.  Nachdem  wir  einige  Schritte  rückwärts  bis  an 
die  Thüre  gemacht  hatten,  die  zum  Antichambre  führte,  kehrte  der  Gesandte  in  diesen 
Saal  zurück,  wro  ihn  der  Gouverneur  und  die  Fremden-Kommissäre  wiederum  ihre 
Glückwünsche  zur  ehrenvollen  Audienz  darbrachten.  Nachdem  wir  noch  eine  Zeit  lang 
der  Neugierde  des  Hofstaats  und  anderer  vornehmen  Leute,  worunter  auch  Mitglieder  der 
Familie  des  Sjöguns  gewesen  sein  sollen,  ausgestellt  waren,  durften  wir  abtreten  und 
wurden  von  den  obenerwähnten  glattrasierten  priesterähnlichen  Bedienten  zur  Pforte 
geleitet.  Diese  Hofkreaturen  machten  auf  mich  einen  sehr  ungünstigen  Eindruck;  auf 
ihren  bleichen  Gesichtern  vereinigten  sich  die  Züge  gebieterischer  Frechheit  mit 
kriechender  Höflichkeit  zu  einem  charakteristischen  Bonzenkopfe,  den  die  durch  ihre 
Isoliertheit  auffallend  grofsen  Ohren,  der  unruhige  Blick  und  die  krampfartigen  Zuk- 
kungen  der  Lachmuskeln  noch  abstofsender  machten.  Während  der  wenigen  Tage,  die 


ich  nun  in  dem  durch  jahrhundertjährige  Kultur  gebildeten  Kreise  der  höheren  japanischen 
Gesellschaft  in  Japan  zugebracht  habe,  kann  ich  mich  der  Bemerkung  nicht  enthalten, 
dafs  man  seitens  der  Holländer  sich  gegenüber  Personen  ganz  untergeordneter  Stellung, 
wie  Dolmetschern,  Banjoosten,  sogenannten  Dienern  von  Landesherren,  den  Hospites 
oder  Gastwirten  und  namentlich  diesen  Pseudopfaffen  zuviel  Umstände  macht  und  sich 
mit  ihnen  auf  einen  zu  familiären  Fufs  stellt. 

Dieser  Fehler  läfst  sich  aber  dadurch  leicht  erklären,  dafs  die  sonst  mit  uns  in 
Berührung  kommenden  höheren  Beamten  und  Vornehmen  durch  ihre  Zurückhaltung 
wenig  Sympathie  einflöfsen.  Zwischen  diesen  beiden,  weit  voneinander  stehenden 
Kreisen  des  geselligen  Lebens,  welche  wir  auf  der  Reise  und  in  der  Hauptstadt  kennen 
lernen,  liegt  aber  ein  dritter  sehr  angenehmer,  unterhaltender  und  instruktiver  Kreis, 
jener  der  Doktoren  und  Hofgelehrten.  Nach  diesen  beiden  Audienzen  hatten  wir 
noch  weitere  dreizehn  zu  bestehen,  was  für  einen  einzigen  Tag  eine  Aufgabe  ist,  die 
ihres  gleichen  wohl  kaum  in  der  diplomatischen  Welt  sich  finden  dürfte.  Zuerst  zogen 
wir  aus  dem  inneren  Schlosse  in  die  zweite  Ringmauer  hinab,  wo  sich  die  Paläste  der 
fünf  ersten  Reichsräte  befinden.  Hier  hatte  sich  auf  dem  ziemlich  geräumigen  Schlofs- 
platze  eine  aufserordentliche  Menge  von  Neugierigen  versammelt,  nicht  gerade  das  ge- 
meine Volk  aus  der  Stadt,  welchem  der  Zutritt  zu  diesem  Teile  des  Schlosses  verboten  ist, 


Porträt  der  Gemahlin  des  Sjogun.  Fig.  20.  Portrait  des  Sjogun. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjögun  im  Jahre  1826. 


*93 


sondern  es  war  meistens  das  Gefolge  der  Landesfürsten  und  anderer  Reichsgrofsen,  welche 
gleichfalls  heute  Audienz  beim  Sjögun  und  dem  Erbprinzen  hatten,  und  welches  aufser- 
halb  des  Schlofsthores  Zurückbleiben  rnufste.  Das  Palais  des  zweiten  Reichsrats  lag  uns 
am  nächsten;  wir  begaben  uns  dahin  zu  Fufse  in  unseren  goldgestickten  Pantoffeln, 
welche  wir  angelegt  hatten,  um  beim  Eintritt  in  die  mit  Matten  belegten  Zimmer 
unsere  Fufsbekleidung  schnell  nach  japanischer  Sitte  ablegen  und  in  reinlichen  Sammet- 
strümpfen einherschreiten  zu  können.  Gewöhnlich  führen  in  diesen  Wohnungen  drei 
oder  mehrere  Stufen  zuerst  in  eine  Art  Halle,  vorne  mit  fein  poliertem,  manchmal 
lackiertem  Fufsboden  und  hinten  mit  Matten  belegt,  auf  denen  die  Dienst  habenden  Offi- 
ziere und  geringere  Beamte  des  Fürsten  sich  knieend  niedergelassen  haben;  sämtliche 
sind  in  Festgewänder  gekleidet.  Im  Hintergründe  sieht  man  Lanzen,  Bogen  und 
Pfeilköcher  trophäenartig  aufgestellt,  während  die  langen  Säbel  auf  eigentümlichen 
Gestellen  erhöht,  gruppiert  sind.  Aus  dieser  Halle  führen  breite  Gänge,  welche 
ebenfalls  mit  Holz  gedielt  sind,  nach  den  inneren  Räumlichkeiten.  Man  führte  uns 
unter  der  Begleitung  einiger  Hausoffiziere  in  einen  grofsen  durchaus  mit  Matten  be- 
deckten Saal,  wo  auf  den  bereits  früher  beschriebenen  Präsentiertellern  die  Geschenke 
aufgestellt  waren.  Während  wir  uns  an  dieser  Stelle  auf  den  Matten  niederliefsen, 
traten  drei  Bediente,  jeder  ein  Rauchgerät  mit  beiden  Händen  erhoben  tragend,  in  gemes- 
senen langsamen  Schritten  in  den  Saal  herein  und  stellten  dieselben  in  feierlicher  Weise 
vor  uns  hin.  Sie  zogen  sich  zurück  und  brachten  bald  darauf  in  gleich  feierlicher  Haltung 
auf  eigentümlichen  Präsentiertellern  jedem  der  Gäste  eine  weifse  Tasse,  in  welcher  fein 
gemahlener  Thee,  in  heifsem  Wasser  aufgelöst,  enthalten  war.  Jetzt  erschienen  zwei 
Sekretäre  des  Reichsrats,  lassen  sich  dicht  vor  uns  nieder  und  entschuldigen  ihre 
Herren,  welche  sich  noch  bei  Hofe  befänden,  und  wünschen  Glück  zur  stattgehabten 
Audienz  beim  Sjögun.  Der  Gesandte  macht  ihnen  nun  ein  tiefes  (leider  zu  tiefes) 
Kompliment,  erkundigt  sich  nach  dem  Befinden  Sr.  Excellenz  und  bat  sie  im  Namen 
seiner  Herren  und  Meister  (nämlich  der  Ostindischen,  damals  nicht  mehr  bestehenden 
Compagnie!)  die  hier  aufgestellten  Geschenke  annehmen  zu  wollen.  Inzwischen  wurde 
auch  jedem  von  uns  Zuckergebäck  auf  lackierten  kleinen  Täfelchen  vorgesetzt,  und  die 
Sekretäre  baten  uns,  davon  zu  geniefsen.  Wir  kosteten  den  aus  pulverisiertem  Thee 
zubereiteten  Festtrank  und  versüfsten  den  herben  Geschmack  desselben  mit  den  rot- 
gefärbten Zuckerwaren,  welche  die  Form  von  Blumen  und  allerlei  Figuren  hatten. 
Nach  einem  wechselseitigen  Komplimenten-Paroxysmus,  wobei  der  Dolmetscher  hin  und 
wieder  einige  Worte  übersetzte,  und  wir  uns  der  hohen  Gnade  der  Herren  empfahlen, 
zogen  sich  die  beiden  Stellvertreter  des  mächtigen  Reichsrats  zurück.  Wir  blieben 
sitzen,  gleichsam  ein  lebendes  Bild  aus  der  Zeit  der  alten  Ostindischen  Compagnie. 
Vor  uns  befand  sich  eine  lange  Wand,  welche  aus  Schiebthüren  gebildet  war,  deren 
Rahmen  an  der  Stelle  des  bei  uns  üblichen  Glases  mit  dünnem  Papier  beklebt  waren. 
In  dieses  dünne  Papier  waren  kleine  Öffnungen  geschnitten,  durch  welche  wir  ver- 
schiedene Teile  der  uns  beäugelnden  neugierigen  Damen  des  Palastes  beobachten 
konnten.  Man  sah  abwechselnd  die  Augen  durchschauen,  manchmal  gelang  es,  einen 
kleinen  Mund,  einen  Teil  des  Kopfputzes  und  die  grellen  Farben  der  Toilette  zu  er- 
kennen. So  liefsen  wir  uns  denn  auch  unsere  sonst  peinliche  Fage  gefallen  und 
blieben,  so  lange  es  gewünscht  wurde,  mit  untergeschlagenen  Beinen  ruhig  auf  der 
Matte  sitzen.  Alles,  was  von  unseren  Toilettegegenständen  sich  hergeben  liefs,  wie 
Stöcke,  Hüte,  Uhren,  Ringe,  Busennadeln,  besonders  des  Gesandten  Degen  und  Spazier- 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


*3 


Kostüme  des  Adels  am  Hofe  des  Sjogun 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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stock  mit  dem  grofsen  goldenen  Knopfe,  wurden  wir  höflichst  ersucht  abzugeben. 
Diese  Gegenstände  wurden  hinter  den  Coulissen  eingehend  besichtigt.  Ich  gab  meine 
Kleinodien  ab  mit  dem  Ovidischen  Seufzer:  Parve,  nec  invideo,  sine  me  etc.  So 
spielten  wir  eine  Zeitlang  Patience,  und  ich  versuchte  in  der  Phantasie  mir  aus  den 
sichtbar  werdenden  vergoldeten  Lippen,  geschminkten  Wangen,  schwarzlackierten 
Zähnen  und  den  niedlichen  Händchen  ein  Bild  dieser  interessanten  Damenwelt  zu  entwerfen, 
welche  ihrerseits,  wenn  auch  verstohlen,  uns  genau  in  Augenschein  nehmen  konnte. 

Unsere  Seltenheiten  wurden  uns  dankend  mit  der  Bemerkung  zurückgebracht, 
dafs  die  Hüte  von  denen  der  alten  Holländer  verschieden  seien  und  mehr  Ähnlichkeit 
mit  denen  der  Russen  hätten,  wie  die  Damen  sich  aus  der  Abbildung  der  russischen 
Gesandtschaft  überzeugt  hätten;  auch  sei  unser  Haarputz  ganz  anders.  Dafs  unsere 
drei  exotischen  Köpfe  den  Damen  aufgefallen  waren,  ist  nicht  zu  verwundern.  Wir 
waren  auch  in  unserem  Typus  ganz  von  einander  verschieden.  Unser  Gesandter,  ein 
alter  in  Indien  ausgetrockneter  Schweizer  mit  ganz  kurz  abgeschnittenen  grauen  Haaren, 
Herr  Sekretär  Bürger,  ein  schwarzer  Lockenkopf  von  echt  kleinasiatischer  Rasse,  und 
der  Schreiber  dieses,  ein  alter  Würzburger  Studiosus,  mochten  wohl  einen  fremdartigen 
Eindruck  auf  die  Schönen  gemacht  haben.  Es  wurde  ein  japanisches  Schreibzeug  mit 
Tinte  und  Pinsel  gebracht,  und  wir  wurden  gebeten,  auf  Fächer  und  Papier  einige 
holländische  Sinnsprüche  zu  schreiben,  eine  Leistung,  mit  welcher  der  Gesandte  den 
Sekretär  beauftragte,  und  wobei  ich  auf  besonderes  Verlangen  gleichfalls  einige  Auto- 
graphen hinzufügte. 

Nach  japanischer  Sitte  ist  es  bei  solchen  Gelegenheiten  den  Besuchenden  ge- 
stattet, das  ihnen  Vorgesetzte  Zuckerwerk  mit  sich  nach  Hause  zu  nehmen.  Gewöhn- 
lich wickeln  die  Gäste  diese  Süfsigkeiten  in  das  weiche  Papier,  auf  dem  sie  vorgesetzt 
werden,  ein,  und  lassen  sie  in  ihre  weiten  taschenähnlichen  Ärmel  gleiten,  wobei  sie  eine 
grofse  Gewandtheit  entwickeln.  Bei  unseren  feierlichen  Visiten  wurde  dieses  Zucker- 
gebäck von  einem  unserer  Begleiter,  in  Gemäfsheit  des  Kapitels  dem  Sohne  des 
Hospes,  in  grofses  Eoliopapier  eingepackt.  Für  jeden  Herrn  wurde  ein  besonderes 
Paket  mit  sogenanntem  Kompliment-Bindfaden,  farbigen  und  vergoldeten  Fäden,  zu- 
sammengebunden und  weggetragen,  worauf  auch  die  obenerwähnten  Bedienten  wieder 
erschienen  und  Tabak-  und  Tischgeräte  in  derselben  feierlichen  Weise,  wie  beim 
Aufträgen,  abräumten. 

Nun  erschienen  noch  einmal  die  beiden  Sekretäre,  und  unter  gegenseitigen  tiefen 
Komplimenten,  wobei  sich  die  Gesandtschaft  dem  hohen  Gastherrn  empfiehlt  und  für 
die  Bewirtung  dankt,  erheben  sich  endlich  die  Mitglieder  und  setzen  mit  einiger  An- 
strengung ihre  vom  langen  Knieen  eingeschlafenen  Beine  in  Bewegung.  So  entfernt 
man  sich  aus  dem  einen  Palais  und  begiebt  sich  in  das  nächste,  wo  ein  ähnlicher 
Empfang  stattfindet.  Die  eigentümlichen  Ceremonial-Kostüme,  welche  am  Hofe  des 
Sjögun  getragen  werden,  sind  unter  Eig.  21  abgebildet. 

Der  Verlauf  von  etwa  einem  Dutzend  Visiten,  welche  man  nach  diesem  Cere- 
moniell  zu  machen  hatte,  wollen  wir  nicht  umständlich  erzählen,  da  sich  im  allgemeinen 
derselbe  Vorgang  wiederholte.  Nirgends  fanden  wir  den  Herrn  zu  Hause,  machten 
überall  den  Sekretären  tiefe  Komplimente,  hockten  überall  auf  der  Folterbank,  neu- 
gierigen Blicken  ausgesetzt,  mufsten  immer  wieder  Tabak  rauchen,  Thee  trinken, 
Zuckersachen  essen,  Denksprüche  aufschreiben,  unsere  Raritäten  besichtigen  lassen  etc. 
Endlich  kamen  wir  um  9 Uhr  abends,  nachdem  wir  fünfzehn  Stunden  lang  in  einem 


Aussicht  von  der  Brücke  Jetai  auf  den  Hafen  und  die  Stadt  Jed 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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ungewohnten  Kostüm  herumgezogen  waren,  unter  beständigen  Verbeugungen  auf  den 
Fersen  mit  untergeschlagenen  Beinen  auf  dem  Boden  hatten  sitzen  müssen,  mit  heftigen 
Kopfschmerzen  und  verdorbenem  Magen  in  unserer  Herberge  an  — unsere  elende 
Gesandtschaftswohnung  verdient  keinen  andern  Namen.  Todmüde  wie  wir  waren, 
mufsten  wir  doch  noch  ein  paar  Bediente  der  Fremdenkommissäre  empfangen,  welche 
im  Namen  ihrer  Herren  uns  zum  Erfolge  unserer  Audienzen  Glück  wünschten  und 
dem  Gesandten  eine  kleine  Erfrischung,  nämlich  eine  grofse  Kiste  mit  Eiern  und  zwei 
Riesen-Seefische  überreichten. 

[2.  Mai.]  Auf  gleiche  Weise  wie  gestern  ziehen  wir  heute  um  9 Uhr  nach  dem 
Schlosse,  um  einem  der  Gouverneure  von  Jedo  und  den  von  den  Holländern  Tempel- 
herren genannten  hohen  Würdenträgern  (welche  in  Wirklichkeit  nur  die  Chefs  des 
Departements  für  geistliche  Angelegenheiten  sind)  unsere  Visite  abzustatten.  Die  Herren 
waren  angeblich  nicht  zu  Hause,  doch  bemerkten  wir,  dafs  der  zuerst  erwähnte  Gou- 
verneur nicht  nur  mit  seiner  Familie  im  Nebenzimmer  inkognito  sich  aufhielt,  sondern 
mit  den  Seinigen  zu  uns  herauskam,  um  uns  in  der  Nähe  zu  besichtigen.  Er  unter- 
hielt sich  sogar  mit  uns,  doch  mufste  sein  Inkognito  auf  das  strengste  beobachtet 
werden.  Unsere  Siebensachen  machten  wie  gestern  hinter  den  Coulissen  die  Runde, 
und  hinter  den  feinen  Bambusjalousien  konnte  man  noch  deutlicher  als  bei  den  Reichs- 
räten die  weiblichen  Gestalten  beobachten.  Zur  Abwechslung  wurden  uns  auch  einige 
warme  Schüsseln  vorgesetzt,  und  wir  statt  mit  Thee  mit  Sake  und  Liqueur  bewirtet. 
Bei  den  «Tempelherren»  wurden  wir  in  einem  Saale  empfangen,  von  welchem  man 
auf  den  Gerichtshof  blicken  konnte.  Dieser  bestand  aus  einem  mit  Steinen 
belegten  Vorplatz  , wohin  die  Angeklagten  gebracht  und  in  knieender  Haltung 
verhört  w7erden.  Auch  hier  vertraten  die  Sekretäre  die  Stelle  ihrer  Herren,  nahmen 
die  Geschenke  in  Empfang  und  spielten  die  vorgeschriebene  Rolle  bei  unserer  Be- 
grüfsung.  Mehrere  dieser  Amtswohnungen  befanden  sich  in  dem  äufseren  Teile  der 
Schlofsanlagen,  welcher  dem  gemeinen  Volke  zugänglich  ist.  Hier  entstand  nun  manch- 
mal ein  aufserordentliches  Gedränge,  und  unsere  Begleiter  sowie  die  ihnen  zugeteilten 
städtischen  Offiziere  mufsten  öfters  Gewalt  anwenden,  um  unseren  Sänften  die  Bahn 
zu  öffnen.  Ich  hatte  so  heftige  Kopfschmerzen,  dafs  ich  mich  nicht  mehr  aufrecht 
erhalten  konnte  und  noch  den  gröbsten  Teil  des  folgenden  Tages  im  Bette  zubringen 
mulste.  Am  Abende  erhielt  ich  ein  botanisches  Werk,  um  es  für  den  Sjogun  zu  über- 
setzen; es  war  eine  dänische  Ausgabe  des  Weimann1. 

[3.  Mai.]  Wir  erhielten  Besuche  verschiedener  Doktoren  des  Sjöguns  und  Offi- 
ziere der  Landesfürsten.  Ungehindert  wurden  auch  ihre  Frauen  und  Töchter  zuge- 
lassen, welche  sich  stets  mit  einem  kleinen  Geschenke,  einer  niedlichen  Handarbeit 
oder  dgl.  einführten.  Auch  der  Herr  Hospes  mit  seiner  Familie,  welche  mit  jedem 
Tage  gröfser  zu  werden  schien,  kam,  uns  Glück  zu  wünschen  und  lud  uns  ein,  den 
Abend  in  seiner  Familie  zuzubringen.  Ich  rnufs  heute  wirklich  mir  selbst  Vorwürfe 

1 Mit  dieser  Arbeit  hatte  es  eine  eigene  Bewandtnis;  um  einen  Vorwand  zu  finden,  Siebold  noch 
länger  in  Jedo  zu  behalten,  hatten  seine  Freunde,  die  Leibärzte,  eine  Eingabe  an  die  Regierung  ge- 
macht, sie  möchte  ihn  um  eine  gröfsere  botanische  Arbeit  ersuchen  und  zwar  um  die  Übersetzung 
des  obengenanten  Werkes.  Der  Gesandte  wurde  amtlich  ersucht,  Siebold  mit  dieser  Arbeit  zu  beauf- 
tragen, was  er  auch  durch  ein  Schreiben,  welches  noch  erhalten  ist,  in  Ausführung  brachte.  Leider 
wurde  dieser  Plan  durch  eine  in  den  nächst  darauf  folgenden  Tagen  zwischen  dem  Gesandten  und  der 
Regierung  ausgebrochene  Differenz  über  handelspolitische  Angelegenheiten  vereitelt,  und  Siebold  mufste 
zu  seiner  grofsen  Enttäuschuug  mit  der  Gesandtschaft  nach  Nagasaki  zurückkehren.  Bemerk,  zur  II.  Aufl. 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


machen,  dafs  ich  über  unsere  gesellschaftliche  Beziehungen  mit  den  Japanern  der  unteren 
Klassen  wie  z.  B.  unseren  Gastwirten  mich  so  streng  geäufsert  habe.  Der  gute  Mann 
und  seine  Familie  thaten,  man  mufs  es  anerkennen,  wirklich  ihr  Bestes,  um  uns  die 
stillen  Abende  in  unserer  Einsamkeit  so  angenehm  wie  möglich  zu  gestalten.  Es  ist 
eigentümlich,  wie  man  sich  an  alles  gewöhnen  kann.  So  wurde  für  uns  junge  Leute 
der  Umgang  mit  dieser  liebenswürdigen  Familie  ein  wirkliches  Bedürfnis.  Wir  sehnten 
uns  schon  förmlich,  wenn  die  Abendglocke  läutete,  nach  der  Heimkehr  des  alten  Hirten, 
nämlich  unseres  Hospes,  mit  seiner  bunten  Herde.  Während  dieser  Zeit  wurde  unser 
Gesandter  immer  verdriefslicher  und  schrieb  des  Abends  an  einer  Philippika  gegen  die 
uns  auf  Dezima  umgebenden  Japaner  und  die  dort  herrschenden  Mifsbräuche.  Er 
scheint  die  Absicht  zu  haben,  dieses  Schreiben  im  geheimen  in  die  Hände  des  Gou- 
verneurs von  Nagasaki,  welcher  in  Jedo  residiert,  gelangen  zu  lassen1 *. 

[4.  Mai.]  Haben  Abschiedsaudienz  beim  Sjögun  und  Erbprinzen.  Gegen  9 Uhr 
begaben  wir  uns  in  ähnlichem  Aufzuge  wie  bei  der  ersten  Audienz,  jedoch  in  schwarzen 
Kostümen,  nach  dem  Schlosse,  wo  wir  wieder  bei  der  Wache  der  Hundertgarden 
ausruhten  und  von  dem  Gouverneur  und  den  beiden  Fremdenkommissären  begrübst 
wurden.  Um  11  Uhr  wurden  w7ir  nach  dem  Palaste  des  Sjöguns  durch  dieselben 
Opperbanjoosten  geleitet  wie  bei  der  ersten  Audienz  und  im  Vorzimmer  wiederum 
eine  Zeitlang  zur  Schau  ausgestellt,  wobei  uns  einige  Fürsten,  verschiedene  Reichs- 
grofse  und  Hof  beamte,  sogar  auch  einige  Verwandte  des  Sjöguns  besichtigten.  Hier 
fand  wieder  die  übliche  Begrüfsung  durch  den  Gouverneur  und  die  mehrfach  genannten 
Fremdenkommissäre  statt.  Der  Gesandte  wurde  auch  von  ihnen  vorschriftsmäfsig  auf- 
gefordert, mitzukommen,  um  wdeder  eine  Generalprobe  seines  Kompliments  an  Ort 
und  Stelle  abzulegen,  was  bald  vorüber  war.  Unterdessen  hatten  wir  die  Hofbedienten 
ersucht,  unseren  Gesandten  zur  Audienz  begleiten  zu  dürfen,  indem  wir  es  schimpflich 
fanden,  allein  zurückzubleiben;  dieses  wurde  auch  nach  Rücksprache  mit  dem  Gou- 
verneur und  den  Grofsen  erlaubt,  doch  nur  insofern,  dafs  wir,  während  der  Gesandte 
seine  Reverenz  vor  dem  Sjögun  machte,  am  Eingänge  des  Saales  stehen  bleiben 
m.üfsten,  noch  immer  schimpflich  genug.  Nach  einer  kurzen  Pause  wurde  ihm  bedeutet, 
sich  zur  Audienz  zu  begeben;  diese  nahm  in  einem  nicht  weit  von  unserem  Wartezimmer 
befindlichen  Saale  ihren  Verlauf,  wo  auch  wiederum  auf  dem  Holzboden  der  Gallerie  der 
Gesandte  vor  den  Reichsräten,  wTelche  sich  auf  den  Matten  niedergelassen  hatten,  auf 
den  Knieen,  wde  vor  dem  Sjögun,  eine  tiefe  Verbeugung  machen  mufste.  Hieraufnahmen 
der  Gouverneur  und  die  Fremdenkommissäre  aus  den  Händen  der  Reichsräte  einen  schrift- 
lichen Befehl  folgenden  Inhalts  entgegen,  mit  dem  sie  sich  dem  Gesandten  näherten, 
denselben  Artikel  für  Artikel  vorlasen  und  durch  den  Oberdolmetscher  übersetzen  liefsen. 

«Nachdem  die  Holländer  von  alters  her  die  Freiheit  geniefsen,  einmal  im  Jahre 
nach  Nagasaki  zu  kommen  und  dort  Handel  zu  treiben,  sollt  Ihr,  wie  bereits  früher 
befohlen  wmrden,  keine  Gemeinschaft  mit  den  Portugiesen  halten,  und  sollten  wir  aus 
fremden  Ländern  erfahren,  dafs  Ihr  mit  denselben  Beziehungen  unterhaltet,  so  wird 
Euch  die  Fahrt  nach  Japan  verboten  werden. 

Ihr  dürft  an  Bord  Eurer  Schilfe  keine  Portugiesen  aufnehmen. 

Wenn  Ihr  ferner  in  Japan  Handel  treiben  wollt,  so  sollt  Ihr  uns  durch  Eure 
Schiffe  Nachricht  geben  von  allem,  was  Ihr  erfahren  solltet  über  etwaige  Absichten 

1 Dieses  Vorhaben  hat  der  Gesandte  auch  später  ausgeführt,  was  Veranlassung  gab,  die  oben- 

erwähnten Pläne  bezüglich  Siebolds  Aufenthalt  in  Jedo  zu  zerstören. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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oder  Unternehmungen  der  Portugiesen  gegen  Japan.  Wir  erwarten  auch,  von  Euch 
zu  vernehmen,  ob  die  Portugiesen  irgendwelche  Plätze  oder  Länder  besetzen  oder  zur 
Annahme  der  christlichen  Sekte  bekehren.  Alles,  was  Ihr  in  dieser  Hinsicht  ver- 
nehmen solltet,  müfst  Ihr  an  die  Stadtvögte  von  Nagasaki  bekannt  geben.  Solltet 
Ihr  hören,  dals  die  Chinesen  mit  den  Portugiesen  im  Einverständnis  handeln  oder 
dieselben  auf  ihren  Schiffen  überführen,  müfst  Ihr  die  Stadtvögte  von  Nagasaki  davon 
in  Kenntnis  setzen. 

Ihr  dürft  keine  chinesischen  Dschonken,  welche  nach  Japan  fahren,  wegnehmen, 
und  in  allen  Ländern,  welche  Ihr  mit  Euren  Schiffen  besucht,  dürft  Ihr,  falls  dort 
Portugiesen  sind,  keine  Gemeinschalt  mit  denselben  halten  und,  falls  es  Länder  giebt, 
wo  Ihr  diese  Nation  antreffen  solltet,  so  müfst  Ihr  schriftlich  den  Namen  dieser  Länder 
oder  Plätze  durch  den  Kapitän,  der  jährlich  nach  Japan  kommt,  an  den  Stadtvogt  von 
Nagasaki  einreichen  lassen.  Den  Liukiuanern,  welche  Unterthanen  von  Japan  sind, 
dürft  Ihr  keine  Schiffe  oder  Boote  wegnehmen. » 

Das  tief  zu  Boden  gebeugte  Haupt  etwas  zur  Seite  der  Reichsräte  gewendet,  er- 
hebend, antwortete  hierauf  der  Opperhooft-Gesandte:  «Ich  habe  die  Befehle  verstanden 
und  werde  dieselben  den  Herren  und  Meistern  zu  Batavia  bekannt  geben».  Diese 
Antwort  melden  die  Kommissäre  den  Reichsräten,  worauf  der  Gesandte  wieder  diesen 
ein  tiefes  Kompliment  macht.  Die  Kommissäre  kommen  zurück  mit  der  Antwort, 
der  Gesandte  könne  sich  entfernen1. 

Nach  diesem  Akte  begiebt  sich  der  Gesandte  nach  einer  Aufsengallerie,  wo  ihm 
auf  drei  grofsen  Tragbahren  Geschenke,  nämlich  auf  jeder  sogenannte  «Keizerlyke 


1 Das  oben  beschriebene  Ceremoniell  am  Hofe  des  Sjöguns  wird  nicht  ermangeln,  auf  den 
Leser  den  Eindruck  zu  machen,  als  ob  absichtlich  dem  Vertreter  der  niederländischen  Nation  eine  er- 
niedrigende Rolle  zugedacht  worden  wäre.  Es  darf  aber  als  Milderungsgrund  hier  erwähnt  werden, 
dafs  die  vorgeschriebenen  Verbeugungen  auf  den  Knieen  die  in  Japan  üblichen  Ehrenbezeugungen  eines 
Untergebenen  gegen  einen  höher  Gestellten  waren.  Auf  dieselbe  Weise  wurden  die  japanischen  Fürsten 
und  höchsten  Würdenträger  vom  Sjogun  empfangen,  und  der  Sjögun  selbst  mufste,  wenn  er  sich  dem 
Mikado  vorstellte,  auf  gleiche  Weise  mit  gebeugten  Knieen  und  tief  gesenktem  Haupte  seinem  Souverän 
die  schuldige  Ehrerbietung  erweisen;  was  aber  im  Ceremoniell  allerdings  selbst  nach  japanischer 
Etikette  für  den  holländischen  Vertreter  beleidigend  war,  war  der  Umstand,  dafs  er  nicht  einmal  auf  den 
Matten  seine  Reverenz  machen  durfte,  sondern  auf  gleicher  Stufe  mit  den  Beamten  niedrigeren  Ranges 
auf  dem  Bretterboden  der  Gallerie  niederknieen  mufste. 

Doch  auch  hier  gingen  die  Japaner  von  ihrem  Standpunkte  aus  logisch  vor;  denn  der  nieder- 
ländische Opperhooftgesandte  gab  sich  ja  nicht  als  den  Vertreter  seiner  Nation  aus,  er  war  ja  nicht  ein 
diplomatisch  accreditierter  Gesandter  oder  Botschafter,  sondern  der  Agent  einer  Handelsgesellschaft, 
welche  Geschenke,  m andern  Worten  Abgaben  zu  überbringen  hatte.  Was  die  Sache  noch  eigentümlicher 
macht,  ist  der  Umstand,  dafs  er  im  Namen  der  niederländisch-indischen  Handelscompagnie  auftritt,  welche 
zur  Zeit  gar  nicht  mehr  existierte,  wie  auch  oben  im  Journale  erwähnt  ist.  Die  niederländisch- ost- 
indische Handelsgesellschaft  war  schon  längst  aufgelöst  worden  und  zwar  im  Frieden  von  Versailles 
zwischen  England  und  Holland  am  20.  Mai  1784,  während  ihre  Besitzungen  1795  als  Nationaleigentum 
erklärt  worden  waren.  Wahrscheinlich  hatte  die  holländische  Regierung,  welche  nun  den  japanischen 
Handel  als  Staatsmonopol  betrieb,  von  diesem  Umstande  der  Regierung  des  Sjöguns  gar  keine  oder 
eine  sehr  unvollständige  Mitteilung  gemacht,  vermutlich  aus  Besorgnis,  die  Handelsprivilegien  zu  ver- 
lieren, und  so  mufste  der  holländische  Vertreter  unter  dem  offiziellen  Titel  eines  Kapitäns,  wie  er 
durch  den  Herold  genannt  wird,  die  Rolle  eines  Vertreters  der  niederländisch-indischen  Compagnie 
weiter  spielen  und  sogar  die  Erklärung  abgeben,  dafs  er  die  Befehle,  die  ihm  bei  der  Abschiedsaudienz 
erteilt  werden,  an  seine  Herren  und  Meister,  die  gar  nicht  mehr  existierten,  übermitteln  würde.  Note 
zur  2.  Auflage. 


200 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Cabaayen»,  seidene  mit  Seidenwatte  gefütterte  Schlafröcke,  überreicht  werden.  Nach 
dem  Empfange  derselben  geht  der  Gesandte  auf  den  bei  der  Audienz  einge- 
nommenen Platz  zurück  und  macht  ein  tiefes  Kompliment.  Hierauf  wendet  er 
sich  wieder  zur  Gallerie,  wo  man  ihm  zwei  Tragbahren  mit  zwanzig  solcher  Röcke 
im  Namen  des  Erbprinzen  übergiebt,  wofür  er  in  ähnlicher  Weise  wie  zuvor  durch 
eine  tiefe  Verbeugung  zu  danken  hat. 

Nun  erscheinen  wieder  die  Kommissäre  und  überbringen  ihm  von  den  Reichs- 
räten die  Erlaubnis  zur  Abreise  von  Jedo,  welche  der  Gesandte  mit  einer  abermaligen 
tiefen  Verbeugung  entgegennimmt  und  nun  von  dem  Oberaufseher  der  kahlrasierten 
Bedienten  unter  wiederholten  Glückwünschen  nach  dem  Wartesaale  geleitet  wird.  Eher 
erscheinen  nun  noch  einmal  der  Gouverneur  und  die  beiden  Fremdenkommissäre  und 
sprechen  ihre  Glückwünsche  zum  Ablaufe  der  Audienz  aus.  Wir  blieben  nocheinige 
Minuten  zur  Befriedigung  der  Neugierde  der  sich  einfindenden  hohen  Herrschaften  zurück 
und  begaben  uns  hierauf  unter  Begleitung  eines  Hofbedienten  nach  dem  Palais  des  Erbprinzen. 

Der  Weg  war  derselbe  wie  bei  der  ersten  Audienz.  Wir  warteten  im  Anti- 
chambre  nur  kurze  Zeit,  wurden,  wie  üblich,  vom  Gouverneur  und  den  Kommissären 
begrübst  und  von  der  zahlreich  anwesenden  vornehmen  Gesellschaft  besichtigt.  Der 
Gesandte  mufste  wieder  vor  den  hier  anwesenden  Reichsräten,  wie  im  Palais  des 
Sjöguns,  seine  tiefen  Verbeugungen  machen.  Unter  der  Voraussetzung  jedoch,  dafs 
er  jetzt  genügende  Übung  in  den  vorschriftsmäfsigen  Ehrenerweisungen  hätte,  wurde 
ihm  die  sonst  übliche  Probe  erlassen,  was  eine  Erleichterung  des  Ceremoniells  war. 
Wir,  nämlich  Herr  Bürger  und  ich,  waren  jedesmal  unter  den  vornehmen  Japanern 
dem  Gesandten  verstohlen  nachgefolgt  und  konnten  daher  den  Hergang  bei  diesen 
Audienzen  um  so  besser  beobachten,  da  wir  keine  tiefe  Verbeugung  zu  machen  hatten. 
Diesmal  waren  unsere  Audienzen  bei  Hofe  bald  abgelaufen,  und  wir  kamen  schon 
um  i Uhr  nachmittags  in  unsere  Wohnung  zurück. 

Nach  Tische  wurden  die  Abgeordneten  von  den  siebzehn  hohen  Staatsdienern, 
an  welche  namens  unserer  Herren  und  Meister,  nämlich  der  Ostindischen  Compagnie, 
Geschenke  überreicht  worden  waren,  als  Überbringer  der  Gegengeschenke  angemeldet. 
Diese  Delegationen,  meistens  aus  zwei  Personen  bestehend,  wurden  einzeln  empfangen; 
sie  überreichten  die  Geschenke  nebst  einem  Verzeichnisse,  auf  dem  der  Name  des 
Gebers  stand,  und  wurden  mit  Konfitüren  ünd  Liqueur  bewirtet.  Jeder  derselben  er- 
hielt beim  Abschiede  einen  Topf  Konfitüren,  zwei  lange  irdene  kölnische  Pfeifen  und 
ein  Päckchen  Rauchtabak  als  Geschenk.  Bei  diesen  Empfängen,  welche  sich  siebzehn- 
mal  hintereinander  in  derselben  Weise  wiederholten,  mufste  sich  der  Gesandte  genau 
dem  japanischen  Ceremoniell  fügen  und  auf  den  Matten  knieend  die  Delegierten  mit 
Verbeugungen  begrüfsen.  Die  überbrachten  Geschenke  bestanden  aus  der  vorgeschrie- 
benen Anzahl  seidener  Schlafröcke,  die  einem  alten  Herkommen  gemäfs  der  Gesandte 
sich  selbst  aneignen  darf.  Es  werden  diese  Geschenke  zu  den  sogenannten  Emolu- 
menten des  Gesandten  gerechnet.  Einige  dieser  Schlafröcke  erhielten  allerdings  auch 
die  Dolmetscher,  die  Herren  des  Gefolges  und  die  auf  Dezima  zurückgebliebenen 
treuen  Diener  der  Compagnie.  Auch  war  es  Gepflogenheit  (Kapitel),  den  Vertreter- 
innen des  schönen  Geschlechts,  die  mit  der  Sorge  für  das  Hauswesen  der  Nieder- 
länder auf  Dezima  betraut  sind,  einige  dieser  Hofschlafröcke  zum  Geschenke  mitzu- 
bringen, wobei  sich  jedoch  diesmal  der  Gesandte,  der  bekanntlich  ein  abgesagter  Feind 
des  Kapitels  war,  nicht  sehr  freigebig  zeigte. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


201 


Gelegentlich  der  Audienz  hatten  wir  nur  Gelegenheit,  einen  kleinen  Teil  der  Stadt, 
des  äufseren  und  inneren  Schlosses  und  des  Palastes  des  Sjogun  und  des  Kronprinzen 
zu  sehen;  übrigens  kann  ich  doch  mit  Hülfe  guter  Pläne  und  infolge  mündlicher 
Mitteilungen  einiges  Zuverlässige  angeben.  Die  Pläne  erstrecken  sich  blofs  auf  die 
äufseren  Teile  des  Schlosses;  die  innere  Einrichtung  wird  selbst  für  die  vornehmsten 
Japaner  geheim  gehalten.  Es  bestehen  wohl  die  genauesten  Pläne  vom  innern  Schlosse 
und  dem  Palaste  des  Sjogun  selbst,  doch  wohl  nur  in  den  Händen  des  Fürsten  von 
Mito,  der  als  Vize-Sjögun,  Befehlshaber  des  Schlosses  ist.  Es  glückte  mir  durch  Be- 
stechung eines  Bedienten  des  Schl ofs vogtes  einen  guten  Rifs  vom  Palaste  des  Sjogun 
zu  erhalten;  aber  einen  Plan  der  inneren  Festungswerke  zu  bekommen,  war  mir,  un- 
möglich und  wird  es  wohl  für  alle  Zeit  bleiben.  Um  ein  Bild  des  Schlosses  zu  geben, 
müssen  wir  uns  erst  überhaupt  mit  der  Bauart  der  Stadt  Jedo  bekannt  machen. 

Man  teilt  Jedo,  wie  alle  Haupt-  und  Residenzstädte  des  Landes,  in 
a)  die  eigentliche  Stadt,  b)  die  Vorstadt,  c)  das  Schlofs. 

Die  eigentliche  Stadt  ist  von  der  Vorstadt  durch  einen  Wall  mit  Graben  ab- 
geschieden und  durch  grofse  Thore  (Mon)  und  Brücken  (Hasi)  wieder  verbunden. 
Diesen  aufserhalb  der  Thore  gelegenen  Teil  der  Stadt,  die  Vorstadt  nämlich,  nennt 
man  Soto,  den  innerhalb  der  Thore  Utsi,  jedesmal  den  Namen  des  Thores  beifügend, 
z.  B.  Asakusa  gomon  Soto,  Susigai  gomon  Utsi  u.  s.  w.  Die  Vorstädte  sind  bei 
weitem  ausgedehnter  als  die  Hauptstadt  selbst;  es  befinden  sich  daselbst  viele  und 
grofse  Paläste  der  Fürsten,  Tempel  und  Magazine,  und  sie  enden  unmerklich  in 
Ländereien,  meistens  Reis-  und  Gemüsefelder. 

Man  rechnet  den  Umfang  der  Vorstädte,  und  da  diese  rings  die  eigentliche  Stadt 
umgeben,  also  den  gröbsten  Umfang  von  Jedo  ausmachen,  auf  9 Ri1.  Da  die  Stadt 
selbst  samt  dem  Schlosse  als  eine  Festung  betrachtet  wird,  so  sind  auch  die  Wälle, 
Gräben  und  Thore  gut  unterhalten.  (Ein  jedes  Thor  ist  stets  von  den  Truppen  des  bei 
einem  etwaigen  Brande  befehligenden  Fürsten  besetzt;  diejenigen  Thore  aber,  deren 
metallene  Giebel  und  Türme  aus  Nachlässigkeit  bei  einem  Brande  zerstört  werden,  bleiben 
zur  Schande  der  dort  das  Commando  führenden  Fürsten  eine  Zeit  lang  unaufgebaut  (z.  B. 
Koisigawa  gomon  und  Torano  gomon  i.  J.  1826).  Eigentlich  sind  für  jedes  Thor  der  Stadt 
und  des  Schlosses  (man  zählt  36  Thore,  wovon  jedoch  sechs,  nämlich  die  des  inneren 
Schlosses,  auf  öffentlichen  Plänen  nicht  verzeichnet  werden)  zwei  Fürsten  zur  Wache 
bestimmt;  diese  wechseln  alle  15  Tage  ab,  jedoch  bei  aufserordentlichen  Vorfällen, 
wie  bei  Brand,  Aufruhr  etc.,  haben  beide  mit  der  ganzen  ihnen  untergebenen  Mann- 
schaft zu  erscheinen.  Aufser  diesen  Wachen  bestehen  noch  einige  Kasernen  und 
Geräte  für  eine  besondere  Feuerwehr,  Ziu  nin  hikesi  genannt.  — Als  Anfang  der  eigent- 
lichen Stadt  wird  die  Brücke  Nihonbasi,  d.  i.  Brücke  des  Japanischen  Reiches,  ange- 
nommen, von  der  aus  auch  die  Entfernung  der  übrigen  Orter  von  der  Residenzstadt 
Jedo  berechnet  wird.  Die  erwähnte  Brücke  führt  über  einen  Kanal,  welcher  mit  dem 
grofsen  Flusse  Sumidagawa  in  Verbindung  steht. 

Das  Schlofs  selbst,  On  siro,  wird  wieder  eingeteilt  in  das  äufsere  (Maruno  utsi) 
und  in  das  innere,  und  dieses  wieder  in  den  Palast,  den  der  Sjogun  bewohnt,  welcher 
Go  hon  maru  heifst,  und  in  jenen  Teil,  den  der  Erbprinz  inne  hat,  welcher  Nisi  maru 
genannt  wird. 


1 1 Ri  beinahe  4 Kilometer. 


202 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Ein  mit  hoher  schiefauslaufender  Mauer  und  einem  Graben  versehener  Wall 
scheidet  das  äufsere  Schlofs  von  der  Stadt  und  das  innere  vom  äufseren.  Der  Zugang 
wird  durch  mächtige  aus  Quadersteinen  gebaute  Thore  mit  starken  eisenbeschlagenen 
Thüren  gesperrt.  Im  Maruno  utsi  wohnen  in  gut  unterhaltenen  geräumigen,  doch 
nicht  durch  ihr  Äufseres  ansehnlichen  Palästen  die  Landesfürsten,  und  zwar  die  der 
Klasse  Fudäi,  und  zunächst  dem  inneren  Schlosse  die  nächsten  Verwandten  und 
unmittelbaren  Vasallen  des  Sjögun. 

Man  rechnet  den  Umfang  des  inneren  Schlosses,  wo  der  Palast  des  Sjögun  und 
der  des  Erbprinzen,  beide  an  einer  erhabenen  Stelle  mit  hohen  Mauern  und  grofsen 
Thoren  versehen,  stehen,  auf  eine  Ri,  den  des  äufseren  Schlosses  auf  zwei,  und  den 
der  inneren  Stadt  auf  vier  Ri. 

Der  innere  Teil  des  Schlosses,  der  vom  Sjögun  bewohnt  wird  und  von  dem  Stifter 
der  jetzt  regierenden  Linie  Jjejasu  im  Jahre  1606  erbaut  wurde,  ist  nach  der  europäischen 
Befestigungskunst  vom  Anfänge  des  17.  Jahrhunderts  angelegt,  und  zwar  wahrscheinlich 
mit  Hülfe  des  damals  am  Hofe  des  Sjögun  anwesenden  Engländers  Adamsz,  welcher 
früher  als  Steuermann  des  holländischen  Schiffes  de  Liefde  1600  an  der  SO. -Küste 
von  Japan  Schiffbruch  gelitten  hatte.  Auf  den  Bäumen  am  Schlofswalle  zu  Jedo 
halten  sich  häufig  weifse  Reiher  und  in  den  Gräben  Cormorane  auf,  welche  in  den 
fischreichen  Schlofsgräben  Nahrung  suchen;  auch  sieht  man  hier  hunderte  von  wilden 
Enten  und  Wasserhühnern.  Im  NW.  des  Schlofsgrabens  ist  das  seichte  Wasser  voll- 
ständig mit  Lotosblumen  bedeckt  (Nelumbium  speciosum),  deren  Wurzeln  eine  be- 
liebte Speise  bilden.  Ein  niederländischer  Gesandter  hatte  diese  weifsen  Reiher, 
welche  ich  als  Ardea  alba  minor  erkannt  habe,  für  weifse  Raben  gehalten! 

Der  Palast  des  Sjögun,  zu  dem  eine  massive  steinerne  Treppe  führt,  entspricht 
kaum  dem  Geschmacke  der  europäischen  Baukunst.  Man  findet  keine  übereinander 
liegenden  Stockwerke,  sondern  wir  erblickten  blofs  weitläufige  einstöckige  Gebäude, 
zu  welchen  ein  massives,  nach  Art  der  Buddhatempel  erbautes  Portal  führt,  das  in 
einem  abgeschlossenen  Hofe  liegt;  von  diesem  breiten  Eingang  führen  geräumige 
Gänge  nach  einfachen  unmöblierten  Sälen. 

Die  Säle,  welche  die  Niederländer  bei  ihrer  Audienz  besuchen,  sind  an  einem 
andern  Orte  genau  beschrieben1.  Ich  will  nur  noch  anführen,  dafs  dieser  ziemlich 
ausgedehnte  Palast,  124  Ken  (1  Ken  = ca.  1,80  Meter)  lang  und  82  breit,  nicht 
nur  die  Wohnung  des  Sjögun,  sondern  auch  ein  Versammlungsplatz  anderer  am  Hofe 
dienstthuender  Grofsen  ist,  die  samt  ihren  Bedienten  wieder  besonders  angewiesene 
Wohnungen  haben. 

Kehren  wir  nun  aus  dem  Palast  des  Sjögun  zurück  und  werfen  noch  einen  flüch- 
tigen Blick  auf  die  Stadt  Jedo  selbst! 

Als  Residenz  des  mächtigen  Sjögun,  dessen  despotische  Regierungsform  allen 
Grofsen  des  Reiches  gebietet,  einen  beständigen  Hof  für  ihre  Familien  daselbst  zu 
halten  und  selbst  einige  Zeit  mit  einem  ansehnlichen  Gefolge  dort  zu  wohnen,  hat 
die  Stadt  eine  aufserordentliche  Grölse  und  Bevölkerung  erhalten.  Man  rechnet  allein 
die  bürgerlichen  Einwohner,  also  ohne  den  Hof  und  ohne  das  Militär  des  Sjögun  und 
der  Fürsten,  auf  1 310000,  und  daher  die  Gesamtbevölkerung  wenigstens  auf  1 500000 


1 Siehe  Skizze  der  Gesandtschaftsreise  als  Handleitung  des  zeitlichen  Gesandten  in  der  I.  Auflage 
des  Nippon. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


203 


Menschen.  In  der  Stadt  zählt  man  873  Strafsen,  15  Brücken,  13  Fähren,  20  Kanäle, 
163  Anhöhen  (Saka),  13  freie  Plätze,  8 Landzungen  und  4 Lustparks.  Der  vor- 
nehmste Flufs  ist  der  Sumidagawa,  aufserdem  noch  der  Nakagawa,  und  der  kleine 
Jedo  gawa,  welcher  sich  in  die  Nordkanäle  der  Stadt  Jedo  und  von  da  in  den  Sumida- 
gawa ergiefst  und  endlich  mit  dem  am  SO. -Ende  der  Stadt  fliefsenden  Furugawa 
sich  vereint.  Die  Paläste  der  Grofsen  sind  sehr  zahlreich,  weil  jeder  Landesfürst  drei, 
mancher  auch  sieben  und  eine  noch  höhere  Anzahl  hat.  Mehrere  dieser  Paläste  sind 
sehr  ausgedehnt,  besonders  die  der  Fürsten  von  Kaga,  Owari,  Kii,  Mito  u.  a.  Grofse 
Magazine  für  Reis,  Holz  u.  s.  w.  nehmen  bedeutende  Strecken  ein.  Auch  findet  man 
viele  und  sehr  grofse  Tempel,  unter  andern  den  Töjeisan,  den  Sodjozi,  den  Gogokuzi, 
den  berühmten  Tempel  von  Asakusa-kwanwon  etc.  An  der  Mündung  des  grofsen 
Flufses  Sumidagawa,  welcher  unter  dem  Namen  Todagawa  von  Osten  kommt  und 
die  Stadt  von  Norden  nach  Süden  durchströmt,  befindet  sich  ein  grofser  Palast  des 
Sjogun,  Hamagoten  genannt,  wohin  bei  einem  etwaigen  Brande  im  Schlosse  der  Sjogun 
mit  seiner  Familie  flüchtet.  Unter  mehreren  grofsen  öffentlichen  Gebäuden  verdienen 
bemerkt  zu  werden,  die  obenerwähnten  zehn  Kasernen  für  die  Feuerwehr  und  für  die 
Löschgeräte,  die  alte  und  neue  Münze,  die  beiden  grofsen  Schaubühnen,  viele  kleine 
Schauspielhäuser,  Reitbahnen  u.  dgl.  Die  vorzüglichsten  Vergnügungsorte  sind  aufser 
den  sehr  besuchten  Schaubühnen  der  Tempel  Asakusa-kwanwon,  wo  man  unter  dem 
Scheine  von  Andacht  den  vielseitigen  Vergnügungen  beiwohnt,  welche  nur  immer 
Gewinnsucht  an  einem  Orte  vereinigen  kann.  Die  Brücke  Rjögoku  (die  zwei  Länder, 
Musasi  und  Simosa,  vereinigt,  daher  der  Name),  wo  täglich  Markt,  Tanz,  Gaukler- 
künste und  andere  Possen,  und  im  Sommer  prächtige,  oft  sehr  kostbare  Feuerwerke 
stattfinden;  der  Sumidagawa-Flufs  selbst,  auf  welchem  vom  nördlichen  bis  südlichen 
Stadtende,  namentlich  an  heifsen  Sommertagen,  unzählige  Lustfahrzeuge  kreuzen  und 
mannigfaltige  Scenen  der  Belustigungen  dem  auf  der  Brücke  sich  drängenden  ge- 
meinen Volke  dargeboten  sind.  Ja  nicht  zu  vergessen  ist  die  wegen  ihrer  Üppigkeit 
durch  das  ganze  Reich  berühmte  Strafse  der  öffentlichen  Häuser,  Sinjosiwara  und 
andere,  als  Fusimimats,  Kiömats,  Akejumats  u.  s.  w.,  wo  allein  mehr  als  5000  durch 
öffentliche  Zettel  bekannt  gemachte  Schönheiten,  gegen  80  Theehäuser,  eine  grofse 
Anzahl  Gaukler  und  Gauklerinnen,  Samsenspieler  und  Samsenspielerinnen  u.  dgl.  zu 
finden  sind. 

Diese  Vergnügungen  dauern  mit  Ausnahme  der  Lustfahrten  auf  dem  Sumida- 
gawa das  ganze  Jahr  hindurch.  Es  werden  aber  auch  zu  bestimmten  Zeiten  anbe- 
raumte allgemeine  Volksfeste  gefeiert,  wie  das  Fest  Sanwö  (d.  i.  Fest  des  Beikönigs), 
und  das  Fest  Kandamijözin,  die  jährlich  abwechselnd,  das  eine  im  sechsten,  das  andere  im 
neunten  Monat  abgehalten  werden.  Dabei  finden  öffentliche  Aufzüge  und  Tänze  statt, 
und  der  Zug  darf  selbst  in  das  Schlofs  kommen,  wo  er  oft  die  Aufmerksamkeit  der 
Grofsen  auf  sich  zieht.  Die  bürgerlichen  Einrichtungen  der  Hauptstadt  gleichen  im 
allgemeinen  ganz  denen  der  übrigen  Städte.  Die  Stadt  ist  in  Tsjö  oder  Quartiere  ab- 
geteilt. Jede  solche  kleine  Abteilung  hat  eine  für  sich  bestehende  Verwaltung  unter 
solidarischer  Haftbarkeit  der  Bürger.  Dieses  System  begünstigt  wohl  am  meisten  die 
Aufrechterhaltung  der  Ordnung  in  dieser  so  unermefslich  grofsen  Stadt. 

Die  ältesten  der  Strafsenvorsteher , Tsjö-tosijori  genannt,  bilden  eine  besondere 
Behörde,  und  diese  vereinigen  sich  unter  dem  Befehle  zweier  Statthalter,  Matsibugjö. 
Alle  finanziellen  Angelegenheiten  leiten  die  Odaikuan  und  Gokansjöbugjö.  Aufser 


204 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


den  beiden  Statthaltern  und  diesen  besteht  ein  besonderer  Gerichtshof  unter  dem  Vor- 
sitze der  fünf  Zisjabugjö  (eigentlich  Direktoren  der  geistlichen  Angelegenheiten). 
Diese  schlichten  alle  bürgerlichen  und  gottesdienstlichen  Angelegenheiten  und  üben 
auch  die  Strafrechtspflege  für  ihre  Jurisdiktionen,  daher  in  ihren  Palästen  eigene  Vor- 
säle sind,  um  Missethäter  und  andere  zur  Verantwortung  geladene  Personen  zu  ver- 
hören. Diese  Zisjabugjö  sind  von  Adel,  haben  einen  hohen  Rang,  und  aus  ihnen 
werden  gewöhnlich  die  Staatsräte  gewählt.  — Eine  besondere  Aufmerksamkeit  ver- 
dienen in  dieser  grofsen  Stadt  die  Anstalten  bei  Bränden , welche  hier  ziemlich 
häufig  und  wohl  mehr  durch  absichtliche  Stiftung  als  durch  Zufall  Vorkommen. 
Die  durchgehends  hölzernen  Häuser,  die  engen  Strafsen,  die  zusammengedrängte 
Menschenmasse,  Not  und  Elend  begünstigen  die  Feuersbrünste  unendlich,  und  es 


Fig.  23.  Höherer  Offizier  in  Feuerwehrausrüstung. 


brennen  oft  Strecken  von  einer  Quadrat-Tsjö  (cirka  ein  Hektar)  ab.  Deshalb  sind 
ausgebreitete  Löschanstalten  und  die  obenerwähnten  Kasernen  eingerichtet.  Eigen- 
tümlich sind  die  Mafsregeln  zur  Flucht  bei  Hofhaltungen  grofser  Fürsten,  die  beim 
Andrange  der  Menschenmenge  nur  zu  Pferde  geschehen  kann,  welche  zu  diesem 
Zwecke  in  den  Palästen  der  Grofsen  jeden  Augenblick  bereit  stehen.  Den  Frauen 
der  Fürsten  sollen  ihre  Begleiter  manchmal  mit  blofsem  Schwerte  erbarmungslos  den 
Durchgang  durch  die  dichtgedrängte  Volksmasse  erzwingen.  Jeder  Bürger,  oft  sogar 
der  Sjögun,  erscheint  an  dem  ihm  angewiesenenen  Platze,  und  eine  eigene  Kleidung 
mit  leicht  in  die  Augen  fallenden  Insignien  läfst  jeden  Befehlshaber  und  Vornehmen 
genau  unterscheiden.  (Siehe  Figur  23,  höherer  Offizier  in  Feuerwehrausrüstung.) 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


205 


Öffentliche  Anschläge  machen  jedes  Jahr  die  Feuerordnungen  aufs  neue  bekannt  und 
geben  die  vorzüglichsten  Insignien  zu  erkennen.  Feuersbrünste  finden  in  Jedo  durch- 
gehends  häufiger  als  in  anderen  Städten  statt.  Natürlicherweise  ist  man  dadurch 
auch  mehr  an  dies  unglückliche  Ereignis  gewohnt,  und  ein  ausbrechender  Brand  macht 
an  den  nur  etwas  ferne  gelegenen  Strafsen  nicht  mehr  Aufsehen  als  bei  uns  ein  Ge- 
witter, und  man  besteigt  die  absichtlich  auf  jedem  Hausgiebel  angebrachten  Altane, 
um  zu  sehen,  wo  es  brennt,  und  wohin  der  Wind  den  Brand  wendet.  Die  komman- 
dierten Personen  gehen  an  ihren  angewiesenen  Posten,  und  die  Familien  schlafen  sorglos 
die  Nacht  hindurch,  bis  das  näher  kommende  Feuer  sie  zu  ernsteren  Vorsichtsmafs- 
regeln  antreibt.  Brennt  einem  Bürger  sein  Haus  ab,  so  wird  das  ebensowenig  zu  Herzen 
genommen,  als  wenn  uns  der  Sturmwind  einen  fruchttragenden  Baum  entwurzelt. 

In  einer  so  stark  bevölkerten  Stadt  sieht  man  natürlich  die  Extreme  des  höchsten 
Luxus  und  der  bittersten  Armut.  Für  die  Tafel  der  Fürsten  werden  aus  einem  Mafs 
Reis  nur  einige  Körner,  und  zwar  die  gröbsten  und  feinsten  ausgesucht,  nach  wieder- 
holtem Waschen  neuerdings  gemustert  und,  da  man  von  einem  Topfe  gekochten  Reis 
nur  das  Mittelste  nimmt,  wird  mehr  als  der  zwanzigste  Teil  verschwendet.  Ebenso 
werden  Fische,  Gemüse  und  andere  Nahrungsmittel,  sowie  Getränke  bei  den  Hofhal- 
tungen vergeudet.  Dagegen  lebt  die  ärmste  Klasse  der  Bettler  nicht  einmal  in 
menschlichen  Wohnungen,  sondern  mufs  bei  der  Winterkälte  ein  jammervolles  Dasein 
fristen.  Eine  gröfsere  Armut  als  gerade  in  Jedo  und  ein  gröfserer  Luxus  findet  sich 
nirgends  im  Reiche.  Die  Nahrungsmittel  stehen  in  einem  sehr  hoben  Preise,  wohl 
fünfmal  höher  als  in  andern  Hauptstädten  der  Provinzen  des  Reiches. 

Der  grofse  Bedarf  an  Viktualien  steht  im  Verhältnis  zu  der  ungemein  starken 
Bevölkerung  und  dem  grofsen  Aufwande  der  daselbst  hof haltenden  Fürsten.  Zwar 
läfst  jeder  Fürst  die  vorzüglichsten  Lebensmittel  aus  seinem  Lande  kommen,  indessen 
ist  man  hauptsächlich  auf  den  zur  See  und  auf  dem  Sumidagawa  eingeführten  Reis, 
sowie  auf  den  Fischfang  angewiesen,  und  es  wird  sogar  behauptet,  dafs  eine  kaum 
wochenlange  Unterbrechung  der  Zufuhr  zur  See  nach  dem  Hafen  von  Jedo  einen  be- 
deutenden Druck  auf  die  Höfe  der  Grofsen  ausüben  und  eine  Hungersnot  unter  der 
armen  Volksklasse  zur  Folge  haben  würde,  ein  Umstand,  der  in  politischer  Hinsicht 
von  der  gröbsten  Wichtigkeit  zu  sein  scheint.  Mit  der  Bevölkerung  und  Teuerung 
der  Lebensmittel  steht  auch  die  Industrie  und  die  durch  dieselbe  bedingten  Erwerbs- 
zweige im  Einklang,  und  so  wurde  Jedo  auch  die  Stätte  von  Kunst  und  Gewerbe. 
Weniger  günstig  ist  es  hier  für  die  Wissenschaften  bestellt,  obgleich  man  nicht  ver- 
kennen kann,  dafs  die  europäischen  Wissenschaften  hier  ein  bleibendes  Asyl  gefunden 
haben.  Auch  wird  die  Akademie  der  chinesischen  Wissenschaften  für  eine  der  besten 
im  Reiche  gehalten.  Die  despotische,  auf  ewigem  Kriegsfufse  stehende  Regierung 
des  Sjogun  und  die  Zerstreuungen  und  Ausschweifungen  der  grofsen  Stadt  sind  ernsten 
Studien  und  wissenschaftlichen  Bestrebungen  nicht  förderlich. 

O 


[5.  Mai.]  Bekommen  einen  Besuch  vom  alten  Fürsten  von  Satzuma.  Ferner 
erscheinen  die  Astronomen  und  Doktoren  des  Sjogun  offiziell  bei  der  Gesandtschaft, 
um  einige  wissenschaftliche  Fragen  vorzulegen;  denn  bisher  waren  dieselben  nicht  im 
amtlichen  Aufträge  erschienen.  Auch  eine  Art  Chef  der  kahlköpfigen  Hof  bedienten 
stellte  mit  einer  zahlreichen  Gesellschaft  sich  ein.  Bezüglich  des  Ceremoniells  beim 
Ausgang  des  Gesandten  zu  offiziellen  Visiten  in  Jedo,  möchte  ich  hier  erwähnen,  dafs 
ihm,  in  Nachahmung  der  bei  japanischen  Würdenträgern  üblichen  Abzeichen,  folgendes 


20  6 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


nachgetragen  wird:  Ein  Riesensonnenschirm,  sein  Degen,  Stock,  zwei  kolossale  vier- 
eckige Koffer,  sogenannte  Hassan  bako.  Es  folgen  ihm  zwei  Ober-  und  Unterlakaien, 
die  Dolmetscher,  der  Hospes  oder  sein  Filius,  der  Ober-  und  Unterbanjoost,  so  dafs 
der  Aufzug  ziemlich  bedeutende  Dimensionen  annimmt,  aber  gegen  den  Pomp  der 
einheimischen  Fürsten,  welche  mit  hunderten  von  Mannschaften,  prachtvollen  Waffen, 
Paradepferden  einherziehen,  sich  ziemlich  unbedeutend  ausnimmt. 

[6.  Mai.]  Besuche  von  Doktoren  des  Sjögun  und  der  Landesherren.  Ich  er- 
hielt günstige  Nachrichten  über  meine  Aussichten  zu  einem  längeren  Aufenthalte 
zu  Jedo. 

[7.  Mai.]  Abends  Besuche  vom  Landesherrn  von  Nakatsu.  Geschenk  von  Ge- 
rätschaften zur  Falkenjagd.  Besuch  vom  Astronomen  Globius,  Takahasi  Sakusajemon, 
der  mir  herrliche  Karten  über  Jedo  und  Sachalin  vorzeigte;  die  Strafse  Sangar  heifst 
Tsugar.  Die  Strafse  zwischen  Sachalin  und  der  Ausmündung  des  Amurflusses  heifst 
Mamijanoseto.  Bekomme  das  Versprechen1,  durch  ihn  alle  geographischen  Arbeiten 
über  diesen  Archipel  zu  erhalten,  desgleichen  das  Journal  eines  Japaners  Mamia  Rinzö 
über  seine  Reise  nach  Santang  und  eine  Beschreibung  von  Sachalin.  Adele  Astronomen 

o O 

kommen  heute  offiziell  zum  Besuche. 

[8.  Mai.]  Viele  der  Hofärzte  fanden  sich  zum  Besuche  ein.  Ich  höre,  dafs  die 
chinesischen  Ärzte  gegen  meinen  längeren  Aufenthalt  in  Jedo  intriguieren. 

[Vom  9.  bis  14.  Mai.]  Aufserordentlich  viele  Besuche  von  Freunden  und  Be- 
kannten. 

[15.  Mai.]  Ich  gebe  eine  Abschieds-Partie  zu  Ehren  der  Hofärzte.  Globius 
(Takahasi  Sakusajemon)  kommt,  mir  die  schönsten  Karten  von  Japan  zeigend,  und 
verspricht  mir,  dieselben  zu  besorgen;  hat  auch  später  Wort  gehalten. 

| 16.  Mai.]  Erhalte  ein  Schreiben  von  den  Hofärzten,  woraus  ich  ersehe,  dafs 
der  Sjögun  ihr  Gesuch  betreffs  meines  längeren  Aufenthaltes  zu  Jedo  abgeschlagen  hat. 

[17.  Mai.]  Es  wird  endlich  auf  Morgen  unsere  Abreise  von  Jedo  anberaumt. 


Rückreise  von  Jedo  bis  Kioto. 

Übersicht.  Abreise  von  Jedo.  — Zug  der  Landesfürsten  von  Ise.  — Abschied  von 
mogami  Tokunai  an  der  Brücke  Sanmaibasi.  — Ansicht  des  Fusiberges.  — Karren,  mit  Ochsen  be- 
spannt. — Gebirgsflora  bei  Futsiu.  Reise  durch  das  Gebirge  Nisisakatoge.  — Zeugstoffe  aus  Dolichos 
bereitet.  — Stadt  Kuwana.  — Kastell.  — Flora  des  Gebirges  Sarukejama.  — Stadt  Ise.  — Bambus. 
— Herstellung  der  Dachziegel.  — Kioto. 

| 18.  Mai.]  Am  Morgen  der  Abreise  erscheinen  zwei  Opperbanjoosten  des 
Gouverneurs  von  Nagasaki  und  überreichen  ein  Schreiben,  worin  dem  Gesandten  die 
besondere  Zufriedenheit  des  Gouverneurs  über  den  guten  Verlauf  der  Mission  in  Jedo 
ausgesprochen  wird.  Der  Gesandte  dankt  für  die  ihm  erwiesenen  Gefälligkeiten,  be- 
dauert jedoch,  dafs  die  Kupfertaxe  (Quantität  des  zur  Ausfuhr  bestimmten  Kupfers) 
für  die  folgenden  Jahre  nicht  mit  Bestimmtheit  festgesetzt  worden  sei;  er  erwarte 

1 Diese  Angelegenheit  gab  später  Veranlassung  zu  der  gegen  Siebold  eingeleiteten  Untersuchung 
und  Haft  auf  Dezima  und  Bestrafung  des  obengenannten  Hofastronomen.  Die  Karten,  welche 
unter  grofsen  Schwierigkeiten  von  Siebold  der  Wissenschaft  erhalten  wurden,  sind  zum  gröfsten  Teile 
in  seinem  Atlas  der  Land-  und  Seekarten  von  Japan  herausgegeben  worden.  Anm.  z.  2.  Aufl. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


207 


jedoch,  dafs  diese  Bestimmung  ihm  später  zugestellt  werde.  Die  Abreise  von  Jedo 
fand  um  9 Uhr  statt;  die  Strafsen  waren  dicht  mit  Menschen  besetzt.  Ich  machte 
Studien  über  Farbe  und  Gesichtsbildung  der  Bewohner  von  Tokio,  welche  keineswegs 
einen  einheitlichen  Charakter  tragen.  Man  sah  Personen  mit  einem  hellen  Teint  und 
den  schönsten  rosenroten  Wangen,  bei  andern  spielte  derselbe  ins  Weizengelbe  und 
Schwärzliche. 

Wir  zogen  über  die  berühmte  Nipponbasi-Brücke,  ferner  über  die  Kiobasi-Brücke, 
durch  die  Strafsen  vom  Sibakutsi-Viertel  und  durch  Kanasuki  und  die  dem  Meere 
zunächst  liegenden  Stadtteile  Takanawa  und  Sinagawa.  In  letzterem  bewirtete  uns 
der  82  Jahre  alte  Fürst  von  Satzuma,  ein  noch  rüstiger,  munterer,  gesprächiger 
Herr.  Sein  Sohn  war  ein  Adoptivsohn,  dessen  wirklicher  Vater  einer  der  Reichs- 
räte war.  Der  alte  Fürst  sprach  auch  einige  Worte  Holländisch  und  erzählte,  dafs 
er  den  früheren  Opperhooft  Titsingh  gut  gekannt  habe.  Hierauf  zogen  wir  an 
der  Landspitze  Susugamori  vorbei,  wo  der  öffentliche  Richtplatz  liegt.  Hier  war 
vor  einigen  Tagen  ein  Brandstifter  verbrannt  worden.  Im  Dorfe  Omori  verabschiedet 
sich  von  uns  der  Prinz  von  Nagatsu,  der  zu  Pferde  vorausgeritten  war,  um  uns 
noch  zu  begrüfsen.  Unterwegs  bemerkte  ich  zahlreiche  Verkaufsläden  mit  hübschen 
Stroharbeiten,  meist  Kinderspielsachen,  auch  Drechsler-  und  Schnitzarbeiten  und 
Flechtwerk  von  dem  Blattstielgewebe  der  Chamaerops  excelsa,  wahre  Weihnachts- 
kramläden mit  Nürnberger  Spielsachen ! Auch  waren  Muscheln  und  andere  See- 
produkte zum  Kaufe  ausgeboten.  Der  Verbrauch  von  Stroh  zu  Flecht-  und  Matten- 
arbeiten ist  in  Japan  aufserordentlich  grofs,  vor  allem  zu  Schuhen  für  Menschen  und 
Tiere:  man  sieht  oft  auf  der  Landstrafse  Haufen  von  Strohschuhen,  welche  Reisende 
verloren  oder  abgelegt  haben,  zu  Dünger  gesammelt.  Die  grolse  Landstrafse  der 
Tokaidö,  die  wir  entlang  ziehen,  ist  die  besuchteste  im  Reiche.  Mit  Ausnahme  von 
wenigen  Gebirgsstrecken  bildet  diese  beinahe  eine  ununterbrochene  Reihe  von  Städten, 
Dörfern  und  Theehäusern.  Gewöhnlich  bestehen  die  Dörfer  nur  aus  zwei  Reihen 
von  Häusern  und  dehnen  sich  dadurch  so  lang  aus,  dafs  ein  Dorf  an  das  andere  stöfst. 

Wir  hatten  während  unseres  Aufenthaltes  in  Jedo  öfters  eine  herrliche  Aussicht 
auf  den  Fusi.  Besonders  in  der  Morgenkühle,  wenn  der  Gesichtskreis  aufgeklärt 
ist,  scheint  sich  diese  himmelhohe  Pyramide  gleichsam  dem  Auge  zu  nähern;  man 
erkennt  genau  seinen  alten  vulkanischen  Charakter,  den  eingesunkenen  Krater  auf  dem 
noch  mit  Schnee  bedeckten  Gipfel,  und  die  Narben  der  Seitenausbrüche  in  der  Form 
von  Wülsten  und  Kegeln  zeichnen  sich  mit  scharfen  Umrissen  im  reinen  Äther  ab, 
leider  nur  auf  kurze  Zeit,  denn  bald  zieht  die  zunehmende  Tageswärme  einen  weifs- 
grauen Schleier  über  das  greise  Haupt,  und  die  weifsen  Locken  verschwinden  all- 
mählich unter  einem  Nebelmeer,  welches  dies  Riesenwerk  vulkanischer  Kraft  ver- 
hüllt. — Wir  passieren  die  Fähre  von  Rokugo,  erreichen  die  Ortschaft  Kawasaki,  wro 
wir  übernachten. 

| 19.  Mai  ] Bei  herrlicher  Witterung  verlassen  wir  nach  6 Uhr  Kawasaki,  ge- 
niefsen  eine  prachtvolle  Aussicht  auf  die  Bai  und  die  im  jungen  Grün  prangende  Land- 
schaft. In  den  Dörfern  Tsurumi  und  Namamugi  wurden  noch  viele  Birnen  vom  vorigen 
Jahre,  ganz  gut  erhalten,  zum  Verkaufe  angeboten.  Die  Birnbäume  werden  hier  auf 
eine  eigene  Weise  gezogen,  in  tischförmig  ausgebreiteten  Spalieren.  Wir  halten  Mittag 
zu  Kanagawa  und  kommen  gegen  5 Uhr  nach  Fusimi.  Man  hat  Reis  vor  kurzem 
gesät,  und  die  Reisfelder  wurden  jetzt  zum  Verpflanzen  eingerichtet. 


208 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


| 20.  Mai. ] Setzen  unsere  Reise  über  Hiratzuka  und  Oiso  nach  Odawara  längs 
der  Seeküste  fort,  durchziehen  blühende  Weizen-  und  Gerstefelder  und  kommen  im 
Dorfe  Oiso  dem  Zuge  des  Landesherrn  von  Ise  entgegen.  Er  hatte  ein  Gefolge  von 
35  Mann.  Nach  der  Mahlzeit  zog  der  Fürst  mit  Dienerschaft  vor  unserem  Gasthause 
vorbei,  Reitpferde  und  viele  Insignien,  als  Piken,  Bogen,  Gewehre  u.  dgl.  m.  mit 
sich  führend.  Im  Zuge  herrschte  geringe  Ordnung.  Die  Reisen  der  Landesfürsten 
sind  wegen  der  vielen  Diener  und  Beamten  mit  grofsen  Kosten  verbunden.  Kommen 
abends  gegen  6 Uhr  zu  Odawara  an.  An  diesem  Tage  war  die  botanische  Ausbeute 
gering. 

O <T> 

[ 21.  Mai.]  Unsere  Wohnung  war  nahe  an  der  See,  so  dafs  man  das  Aufbrausen 
derselben  deutlich  hören  konnte;  heftiger  Wind  und  Regen  gewährten  wenig  Hoffnung 
für  eine  günstige  Reise  durch  das  Hakonegebirge.  Doch  mit  dem  anbrechenden  Tag 
hatte  sich  die  Witterung  geändert,  und  wir  verliefsen  bei  einem  etwas  schwülen  Morgen 
Odawara.  Mein  alter  edler  Mogami  Toknai  hatte  mich  von  Jedo  bis  hierher  begleitet, 
und  nun  nahm  dieser  wackere,  verdienstvolle  Greis  an  der  Brücke  Samaibasi  von 
Jamasaki  von  uns  Abschied.  Von  hier  aus  stiegen  wir  auf  steinigen  Wegen  bei  ab- 
wechselnd herrlichen  Aussichten  das  Gebirge  hinan.  Verschiedene  kleine  Restaura- 
tionen  liegen  an  der  Strafse.  Ich  bemerkte  die  meisten  von  Thunberg  erwähnten 
Genera  in  Blüte.  Der  Salamander  Sansjöno  uwo1  wird  hier  als  Heilmittel  verkauft.2 
Eine  schöne  Cypressenallee  führt  bis  an  den  Gebirgssee  beim  Dorfe  Hakone.  Die 
Gebirgssperre  vor  Hakone  schien  mir  nicht  besonders  befestigt  zu  sein.  Bei 
Hakone  beobachteten  wir  Barometer  auf  26"  1"',  Thermometer  710,  Hygrometer 
490.  Verliefsen  um  3 Uhr  das  Städtchen  Hakone,  das  in  einer  Vertiefung  liegt. 
Von  hier  aus  stiegen  wir  nun  noch  höher  und  nehmen  bei  dem  Grenzpfahl  zwischen 
den  Landschaften  Idsu  und  Sagami  wieder  eine  Observation  mit  dem  Barometer, 
welches  hier  bis  auf  25"  5'"  gefallen  war,  und  kommen  mit  einbrechender  Nacht 
äufserst  ermüdet  zu  Mizima  an.  Der  bewölkte  Himmel  versagte  uns  heute,  die  Länge 
mit  Chronometer  zu  nehmen. 

[22.  Mai.]  Von  Mizima  kommen  wir  nach  Numasu,  wo  vor  kurzem  einer 
unserer  Dolmetscher  infolge  Leibaufsclmeidens  gestorben  war.  — Eine  herrliche, 
mit  Wohlstand  verkündenden  Bauernwohnungen  besetzte  Strafse  führte  uns  nach  Hara, 
wo  wir  den  früher  erwähnten  Garten  aufs  neue  besahen.  Primeln,  Paeonien,  Iris, 
Dianthus,  Azaleen  im  Flor.  Kommen  am  Abend  ermüdet  zu  Kanbara  an.  Bei  be- 
decktem Himmel  konnte  man  den  Fusi  nicht  sehen,  doch  gegen  Mittag  hatte  sich 
die  Witterung  etwas  geändert,  und  wir  genossen  nun  von  hier  aus  eine  überraschende 
Aussicht  auf  den  hervorragenden  Gipfel  des  noch  mit  Schnee  bedeckten  Fusiberges. 
Allerdings  waren  nur  die  tieferen,  abwärts  laufenden  Furchen  dieses  Berges  mit  Schnee 
bedeckt  und  schimmerten  als  lange  weilse  Streifen  vom  Gipfel  des  Berges  bis  zur 
Hälfte  des  Rückens  herab.  Genossen  auch  den  Blick  auf  die  äufserst  schöne  Land- 
schaft am  Luise  dieses  Berges. 

[23.  Mai.]  Setzen  unsere  Reise  nach  Futsju  fort.  Auf  dem  Wege  kommen 
uns  viele  Karren,  mit  Ochsen  bepannt,  entgegen;  dieselben  sind  recht  plump  gebaut; 
die  Räder  durch  die  vielen  Sprossen  und  den  breiten  Kranz , der  von  Sprosse  zu 


1 Salamandra  maxima. 

2 Der  Salamander  wird  verkohlt  und  als  Pulver  eingegeben. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


209 


Sprosse  mit  einem  Zwischenholze  verbunden  ist,  von  den  europäischen  verschieden. 
Anstatt  des  Reifes  waren  die  hervorstehenden  Knöpfe  auf  dem  Kranze  mit  Bambus 
überflochten,  so  den  Kranz  dichter  zusammenhaltend,  um  der  Abnützung  desselben 
vorzubeugen.  Die  hier  gebräuchliche  Art  und  Weise,  die  Ochsen  einzuspannen,  ist 
für  diese  Tiere  sehr  beschwerlich.  Ein  an  der  Gabeldeichsel  befestigter  Jochbogen 
ruht  zwischen  dem  Nacken  und  dem  Buge,  wo  sich  ein  ziemlich  grofser  Wulst  ge- 
bildet hat,  gegen  den  sich  das  Joch  beim  Ziehen  ansetzt,  und  da  es  sich  frei  darüber 
hin-  und  herbewegt,  ist  diese  Stelle  häufig  wundgedrückt.  Man  bedient  sich  keiner 
Zügel,  sondern  durch  die  Nase  geht  ein  Ring,  durch  den  das  Tier  mittels  eines  Seiles 
geleitet  wird.  Es  werden  durchgehends  Ochsen  verwendet.  Um  Futsju  herum  liegen  viele 
Reisfelder;  der  vor  kurzem  auf  kleinere  Felder  gesäte  Reis  ist  eben  einige  Zoll  hoch  auf- 
gewachsen, und  nun  richtet  man  die  grofsen  Reisfelder  zum  Verpflanzen  her;  es  ist  eine 
sehr  beschwerliche  Arbeit,  den  überschwemmten,  morastigen  Grund  mit  einer  Hacke 
aufzuhacken  und  in  Furchen  zu  legen.  Wir  kamen  früh  in  Futsju  an  und  kauften 
daselbst  einige  Flecht-  und  Holzarbeiten,  die  durch  ganz  Japan  berühmt  sind. 

[24.  Mai.]  Verlassen  am  Morgen  früh  Futsju,  setzen  über  den  Flufs  Abegawa, 
kommen  durch  gebirgige  Gegend  und  halten  zu  Fusijado  Mittag.  In  den  dichten 
Wäldern  dieses  Gebirges  fand  ich  sehr  viele  mir  noch  unbekannte  Gewächse,  unter 
welchen  Ahornarten  und  Atragenen  als  schöne  Zierpflanzen  erschienen;  auch  fand  ich 
hier  häufig  den  sogenannten  Faurus  sassafras  Ein.,  der  aber  kein  eigentlicher  Laurus 
ist.  Das  Vorkommen  dieses  Baumes  bestätigt  wieder  die  Übereinstimmung  der  nord- 
amerikanischen Flora  mit  der  japanischen.  Mit  diesem  so  wirksamen  Arzneimittel 
machte  ich  bereits  zu  Jedo  die  Hofärzte  bekannt.  Japan  besitzt  in  seiner  Flora  einige 
der  in  Europa  gebräuchlichsten  vegetabilischen  Heilmittel,  als  Valeriana,  Rad.  China, 
Cort.  Hyporastan,  Mentha,  Foeniculum,  Calamus  und  mehrere  Umbelliferen.  Die  Flora 
dieses  Gebirges  war  von  jener  des  südlichen  Japans  verschieden,  und  man  findet 
weniger  Faurineae,  Caric.  Myrten,  wogegen  hier  Hydrangeen,  Deutzien,  Lindera  Bu- 
malda,  Sambucus  pubescens,  Figustrum,  Quercus  dentata,  Ulmus  keaki,  Fagus  und 
Acerarten  gröfstenteils  die  Wälder  bilden.  Noch  denselben  Mittag  setzten  wir  unsere 
Reise  durch  die  gebirgige  Fandschaft  über  Simada  bis  an  das  Ufer  des  gefürchteten  Oigawa- 
Flusses  fort,  wo  wir  ebenso  wie  bei  unserer  Hinreise  hinübergetragen  wurden.  Das 
Wasser  war  etwa  1 Fufs  gegen  damals  gefallen  und  hatte  eine  fast  milchartige  Farbe. 
Nun  durchstreifte  ich  das  Fabelgebirge  Nitsitaka  töge  und  erfrischte  mich  in  den  in 
demselben  befindlichen  Theehäusern  mit  Thee  und  Ame  (einer  Süfsigkeit).  Herrliche 
Aussicht  auf  die  vielhügelige  Fandschaft  und  lustige  Unterhaltung  mit  den  artigen 
Bergmädchen,  die  ich  mit  Ringen  und  Haarzierraten  beschenkte.  — In  der  Abend- 
kühle wandelte  ich  mit  einigen  meiner  Begleiter  durch  das  Gebirge  unserem  Nacht- 
lager entgegen,  wo  die  anderen  bereits  vor  einer  Stunde  angekommen  waren.  Bringe 
bis  tief  in  die  Nacht  mit  Ordnen  und  Trocknen  meiner  botanischen  Schätze  zu. 

[25.  Mai.]  Gestern  war  der  Bruder  meines  Zöglings  Riosai  zu  mir  gekommen; 
ich  hatte  versprochen,  ihn  zu  Kakegawa  zu  besuchen.  Ich  eilte  daher  frühe  dem  Zuge 
voraus  und  verweilte  einige  Zeit  bei  diesem  Freunde,  der  mich  mit  Mineralien  und  an- 
deren Naturalien  beschenkte.  Kakegawa  und  die  umliegenden  Dörfer  sind  wegen 
eines  Stoffes,  der  aus  Dolychos  hirsutus  gewebt  wird,  berühmt.  Eben  schneidet  man 
die  jungen  Spröfslinge  dieser  Pflanze;  sie  werden  in  grofse  Bündel  gebunden,  etwas 
gekocht,  die  Rinde  vom  Holzkerne  abgeschabt,  dann  in  fliefsendem  Wasser  ausge- 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


14 


210 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


waschen  und  von  dem  Färbestoff  gesäubert,  in  der  Sonne  getrocknet  und  gebleicht, 
dann  zu  feinen  langen  Fäden  gerissen  und  so  zu  Zeugen  verwebt,  doch  blofs  als 
Einschufs  verwendet.  Beim  Dorfe  Mitsuke  fand  ich  eine  Fliegen  fangende  Drosera, 
eine  sehr  niedliche  Sumpfpflanze.  Abends  spät  kamen  wir  unter  sehr  heftigem  Regen 
zu  Hamamatsu  an.  Seit  unserer  Abreise  von  Jedo  war  besonders  den  Vormittag  über 
der  Himmel  durchgehends  bedeckt,  und  so  fand  ich  zu  meinem  gröfsten  Leidwesen 
auch  keine  Gelegenheit,  Längenobservationen  mit  Chronometer  vorzunehmen. 

[2 6.  Mai.]  Verlassen  sehr  früh  Hamamatsu;  viele  weifse  und  rosenrote  Tantalus 
erscheinen  auf  den  hier  in  eine  weite  Ebene  auslaufenden  Reisfeldern.  Auf  einzelnen 
erhabenen  Erdhügeln  wurde  Gerste,  Vicia  Faba,  und  Brassica  orientalis  gebaut;  ein 
herrlicher  Weg  führte  uns  nach  Maisake,  einem  langen,  übrigens  dürftigen  Fischer- 
dorfe.  Hier  ruhen  wir  etwas,  setzen  sodann  mit  dem  obenerwähnten  Fahrzeuge  des 
Landesherrn  nach  dem  Städtchen  Arai  über,  wo  wir  Mittag  hielten.  Von  da  nach 
Sirasuka,  von  wo  aus  der  Weg  durch  einen  äufserst  pflanzenreichen  Wald  führt.  Ich 
fand  viele  seltene  Gewächse.  Nach  kurzer  Rast  in  Tatekawa  schlug  ich,  dem  Zuge 
vorausgehend,  einen  sehr  anmutigen  Seitenweg  ein,  der  nach  dem  auf  einem  hohen 
Felsen  errichteten  ehernen  Bilde  des  Gottes  Iwaja  Kwanwon  führte.  Hier  fand  ich 
viele  seltene  Gewächse.  Auch  fingen  wir  eine  sehr  gefürchtete  Viper  (Trigonoce- 
phalus  Blomhoffii,  japan.  Hirakutsi)  bei  einem  See,  wo  ich  eben  die  Nymphaea  blanda 
ausnehmen  liefs,  die  hier  mit  einigen  anderen  Arten  dieser  Familie  häufig  wächst. 
Ich  mufste  mich  beeilen,  den  Zug,  der  bereits  vorausgekommen  war,  einzu- 
holen. Auf  einer  sumpfigen  Wiese  sah  ich  sehr  häufig  Drosera  muscipula  wachsen 
und  seltene  Orchideen  u.  s.  w.  Ermüdet  kam  ich  gegen  Abend  in  Josida 
an,  erfrischte  mich  in  einem  Theehause  und  setzte  im  Norimono  die  Reise  nach  Aka- 
saka  fort.  Wir  passierten  die  berühmte  Brücke  josidabasi  über  den  Flufs  Isegawa 
582  Pariser  Fufs  lang.  Hatten  darauf  schlechtes  Wetter  mit  Regen.  Bis  tief  in  die  Nacht 
war  ich  mit  Untersuchen  und  Trocknen  der  heute  gesammelten  Pflanzen  beschäftigt. 

[27.  Mai.]  Brechen  früh  von  Akasaka  bei  starkem  Regenwetter  auf,  kommen 
gegen  Mittag  nach  Okasaki,  wo  wir  zu  Mittag  speisen,  gehen  über  die  grofse  Brücke 
Jahakibasi  (ohne  die  etwa  24  Fufs  lange  auf  dem  Wege  auslaufende  Lehne  912  Pa- 
riser Fufs  lang),  ziehen  durch  lichte  Tannenwälder.  In  den  Seen  bei  Onohama  be- 
merkte ich  viele  Nymphaeen,  Castalia  blanda  Nuphar  Kalmiana.  Hier  wird 
viel  Gerstenbau  getrieben.  In  den  Tannenwäldern  bemerkten  wir  häufig  Fasanen. 
Gegen  Abend  erreichten  wir  Narumi,  und  erst  spät  erfolgte  die  Ankunft  in  Mia.  Hier 
kamen  mir  befreundete  Botaniker  entgegen  und  brachten  viele  getrocknete  Pflanzen  der 
dortigen  Flora  und  Zeichnungen  verschiedener  Gewächse.  Bringe  bis  3 Uhr  die  Nacht 
mit  Besichtigung  und  Bestimmung  der  Naturalien  zu.  Verbinden  uns  zu  wechsel- 
seitiger Korrespondenz,  die  treulich  bis  zu  meiner  Abreise  gehalten  wurde. 

[28.  Mai.]  Gehen  nach  7 Uhr  unter  Segel  nach  Kuwana,  über  die  Bucht  Miawa- 
fusi  in  der  Buchtenzone  Sajawatasi  westlich  steuernd.  Wir  fuhren  auf  leichten  Fahr- 
zeugen ohne  Schnäbel.  Starker  Gegenstrom  machte  sich  bemerkbar.  Nach  einigen 
Stunden  hatten  wir  die  gegenüberliegende  Küste  erreicht  und  liefen  in  die  Mündung 
des  Flusses  Nabeta,  der  seinen  Lauf  von  Kiso  aus  hier  endet,  ein,  WSW.  und  später 
WNW.  steuernd.  Der  Flufs  ist  etwa  400  Fufs  breit  und  durchgehends  nicht  über 
10  Fufs  tief,  von  W.  nach  O.  strömend  mit  einigen  unbedeutenden  Krümmungen.  Man 
fährt  auf  kleinen  mit  einem  Segel,  Fahrstangen  und  Rudern  versehenen  Fahrzeugen, 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjögun  im  Jahre  1826 


21  I 


die  sich  von  den  übrigen  Seefahrzeugen  dadurch  unterscheiden,  dafs  sie  ohne  einen 
breitkieligen  Schnabel  vorne  blofs  flach  abgestutzt  sind.  In  der  Mitte  des  Fahrzeuges, 
worauf  wir  uns  befanden,  war  eine  etwa  4 Matten  grofse  Hütte.  Dieses  Fahrzeug 
war  überhaupt  größer  als  die  übrigen,  welchen  wir  begegneten.  Wir  genossen  eine 
herrliche  Aussicht,  vom  heiteren  Himmel  begünstigt;  vor  uns  hatten  wir  das  hohe 
Land  von  Nippon,  Tatojama,  die  Landschaften  von  Nord  zu  Süd  durchlaufend.  Gegen 
12  Uhr  näherten  wir  uns  dem  Kastell  von  Kuwana,  an  welchem  wir  dicht  vorbei- 
fuhren, wobei  ich  Gelegenheit  hatte,  die  Aufsenwerke  in  der  Nähe  zu  sehen  und  zu 
bemerken,  dafs  durch  treppenweises  Vorrücken  der  Bastionen  eine  die  andere  deckt, 
die  letzte  aber  ganz  natürlich  unbedeckt  bleibt,  jedoch  vom  Kastelle  selbst,  von  der 
Landseite  aus,  bestrichen  werden  kann.  Der  Flufs  läuft  durch  die  Stadt  Kuwana 
selbst,  und  bei  einem  grofsen  Zusammenlauf  von  Menschen,  kamen  wir  in  unsern 
Gasthof,  wo  wir  Mittag  hielten,  und  setzten  unsere  Reise  nachmittags  fort.  Die  Stadt 
machte  auf  mich  einen  grofsen  und  lebhaften  Eindruck.  Aulser  der  eigentlichen  Stadt  be- 
merkte ich  noch  zwei  Vorstädte,  und  diese  endeten,  wie  gewöhnlich,  in  Dörfern  ähn- 
lichen Strafsen.  Wir  kamen  durch  Gefilde,  fruchtbar  an  Gerste  und  Rübensaat,  durch- 
schnitten von  hocheingedämmten  Flüssen;  hin  und  wieder  lichte  Tannenwäldchen. 
So  erreichten  wir  zu  Fufse  gegen  8 Uhr  Jokaitsi,  wo  wir  übernachteten. 

[29.  Mai.]  Setzen  unsere  Reise  von  Jokaitsi  über  Sono  und  das  Kastell  Kami- 
jama  nach  Seki  fort.  Die  Landschaft  durchgehends  eben.  Reisfelder,  Gartenbau, 
Tannenwälder,  hier  und  da  kleine  Seen.  Verschiedene  Nymphaeen  beobachtet. 

[30.  Mai.]  Gehe  eilends  nach  Sakanosta  voraus,  wo  ein  Bekannter  von  Dr.  Tsjö 
Pflanzen  und  andere  Naturalien  gesammelt  und  mir  gestern  davon  Nachricht  gegeben 
hatte.  Finde  daselbst  unter  andern  einen  sehr  grofsen  lebenden  Triton,  einige  Kräuter 
und  Mineralien.  Setzen  unsere  Reise  durch  das  pflanzenreiche  Gebirge  Sarakajama  fort. 
Beobachtete  viele  seltene  Gewächse.  Herrliche  Aussicht,  wurden  von  den  Bergmädchen 
zu  Suruga  gut  bewirtet.  Starker  Regen  verhinderte  mich,  tiefer  in  die  Berge  zu  gehen. 
Die  Flora  dieses  Gebirges  meistens  Eichen,  Buchen,  Ahorne,  Cypressen,  Thujen,  Sassa- 
fras, Aralien,  Weigelia,  Figustrum,  Smilaceen,  Deutzia,  Taxus  bac.  (selten),  Evonymus, 
Mimosa  und  mehrere  mir  noch  unbekannte  nicht  blühende  Bäume  und  Sträucher. 
Halten  zu  Tutsijama  Mittag,  sehen  im  Dorfe  Natsumi  viele  Springbrunnen  und  kommen 
bei  äufserst  schlechter  Witterung  erst  spät  zu  Izibe  an. 

[31.  Mai.]  Von  Izibe  früh  aufbrechend  kam  ich,  dem  Zuge  vorauseilend,  nach 
Mumenoki,  wo  die  früher  erwähnten  Medikamentenverkäufer  wohnen.  Ich  hatte  dem 
Wirte  bei  unserer  Hinreise  den  Auftrag  gegeben,  die  merkwürdigsten  Gewächse  der 
Umgegend  zu  sammeln  und  nach  Dezima  zu  besorgen;  zu  meinem  Vergnügen  hörte 
ich  nun,  dafs  er  bereits  vor  einem  Monat  eine  ansehnliche  Sammlung  dahin  abgeschickt 
hatte,  wovon  er  mir  die  Fiste  überreichte.  Hierauf  besuchte  ich  im  nächsten  Dorfe 
einen  Mönch,  der  mir  als  Botaniker  bekannt  war,  ich  fand  bei  ihm  ein  hübsches  Gärtchen, 
worin  einige  - seltene  Gewächse,  als  Nymphaeen,  Aralien,  Blahdien,  Acer,  Filien  und 
mehrere  andere  beliebte  Pflanzen  sich  befanden.  Wir  halten  zu  Kusatsu  in  einem 
wegen  der  Nähe  des  berühmten  Wallfahrtstempels  von  Ise  sehr  besuchten  Städtchen 
Mittag.  Da  wo  sich  der  Weg  nach  Ise  von  der  grofsen  Strafse  abzweigt,  sind  mehrere 
mächtige  Säulen  errichtet,  die  als  Wegweiser  dienen.  Es  befinden  sich  hier  viele 
Gasthäuser,  an  deren  Eingang  Aushängeschilder  mit  den  vorzüglichsten  Göttern  von 
Ise  zu  sehen  sind. 


2 12 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


In  Kusats  werden  ausschliefslich  Bambusstöcke  verkauft;  es  sind  die  Wurzeln 
eines  Bambus  (Bambusa  mösö).  Diese  werden  am  vorteilhaftesten  im  Winter  aus- 
gegraben, sind  meist  gebogen,  mit  Öl  bestrichen  und  über  Kohlenfeuer  getrocknet. 
Die  Japaner  bedienen  sich  blofs  der  dünnen  zu  Stöcken  und  Reitgerten;  die  dicken 
sind  selten  rein  von  Flecken  und  selten  mit  gleichen  Knoten.  Wir  ziehen  hierauf 
über  die  Setabrücke,  wo  man  eine  bezaubernde  Aussicht  auf  den  Landsee  Biwako 
geniefst,  kommen  durch  Zeze,  diese  meilenlange  Stadt  mit  einem  Schlosse,  wo  ich, 
zurückbleibend,  den  Opperbanjoost  antreffe  und  ihn  einlade,  mit  mir  in  einem  wegen 
der  herrlichen  Aussicht  berühmten  Theehause  sich  zu  erfrischen,  wobei  ich  mit  diesem, 
mich  so  sehr  begünstigenden  Manne  eine  sehr  angenehme  Stunde  zubringe.  Man  il'st 
hier  als  eine  besondere  Leckerspeise  eine  Art  frischgefangener  Karpfen. 

Zeze  und  Otsu  gehen  beinahe  unbemerkt  ineinander  über;  ich  durchwandelte 
hierauf  die  langen  Strafsen  und  kam  mit  einbrechender  Abenddämmerung  zu  Otsu 
in  dem  sehr  schönen  Gasthause  des  mehrerwähnten  Landesherrn  von  Nakatsu  an, 
genofs  auf  der  Zinne  des  Hausdaches  eine  herrliche  Aussicht  bei  untergehender  Sonne; 
der  in  Streifen  auf  dem  Rücken  des  Berges  Hira  erglänzende  Schnee  bezeugte  die  Höhe 
und  nördliche  Lage  dieses  Gebirges.  Ich  hatte  unterwegs  eine  Ziegelbrennerei  besucht,  und 
nun  kam  deren  Besitzer  zu  mir,  um  mir  die  Verfertigungsweise  der  Ziegel  zu  erklären. 

Die  Dachziegel  in  Japan  sind  gut  und  zierlich  gearbeitet  und  geben  den 
grofsen  Gebäuden  und  namentlich  den  Buddhatempeln,  deren  Dächer  im  Geschmacke 
der  Chinesen  geschweift  sind,  ein  sehr  freundliches  Aussehen.  Sie  werden  nicht,  wie 
in  Europa,  aus  einem  Stücke  verfertigt,  sondern  aus  mehreren  Stücken,  dem  verschie- 
denen Gebrauche  entsprechend,  zusammengesetzt.  Die  mehrere  Tage  lang  durch 
Treten  mit  dem  Fufse  bearbeitete  Thonerde  ward  in  viereckige  grofse  Stücke,  nach 
dem  Verhältnis  der  zu  verfertigenden  Ziegeln  geformt;  darauf  schneidet  man  mit  einem 
über  einen  Bogen  gespannten  Kupferdraht  Scheiben  von  beliebiger  Dicke  eine  nach 
der  andern  ab,  diese  wrerden  auf  einem  konvexen,  die  Form  der  Ziegel  haltenden 
Brette,  Majagata  genannt,  mit  einem  breiten  Holze  geschlagen,  und  dann  einige  Zeit 
der  Reihe  nach  zum  Trocknen  aufgestellt;  man  nimmt  dann  die  einzelnen  Stücke, 
beschneidet  sie  auf  einem  andern  konkaven,  sich  gleich  einer  Töpferscheibe  auf  einem 
festen  Fufse  bewegenden  Brette,  Arasi  genannt,  und  formt  so  den  gewöhnlichen 
Dachziegel  (Sitsinino  narabi);  auch  werden  noch  nach  Belieben  verzierte  Ränder  und 
Köpfe  auf  einem  besonderen  Brette  (Kiriitta)  den  Ziegeln  beigegeben.  Die  Formen, 
aus  Holz  gefertigt,  werden  in  den  Lehm  geschlagen,  und  durch  Bestreuen  mit  Gips- 
mehl das  Aufeinanderkleben  verhindert.  Aufser  diesen  angeführten  Geräten  bedient 
man  sich  noch  einiger  einfachen,  als  eines  gekrümmten  Messers,  eines  gezackten 
Holzes,  um  beim  Ansetzen  der  Ränder  die  Flächen  rauh  zu  machen,  einer  Patsche, 
eines  in  Wasser  getauchten  Leders,  um  die  Ziegeln  vollends  an  den  Kanten  zu  glätten, 
u.  a.  m.  Diese  Ziegel  werden  hierauf  getrocknet,  je  5 aufeinandergelegt  und  in  3 bis 
5 Stunden,  je  nach  der  Qualität  der  Erde,  gebrannt.  Durchgehends  haben  diese  ge- 
brannten Ziegel  eine  glänzend  schwarze,  durch  die  zu  ihnen  verwendete  Erdmasse 
bedingte  Farbe,  welche  der  bei  uns  gebräuchlichen  Ofenschwärze  ähnlich  ist.  Diese 
Ziegel  sind  äufserst  sorgfältig  und  fein  gearbeitet,  daher  sehr  dauerhaft  und  genau 
zusammen  passend.  Aber  eben  wegen  der  mühsamen  Art  der  Herstellung  kann  ein 
Mann  nicht  mehr  als  150  in  einem  Tage  verfertigen.  Ich  erklärte  hierauf  dem  Ziegel- 
meister die  Art  und  Weise,  wde  man  in  Europa  die  Ziegel  mittelst  eines  eisernen,  die 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


Form  gebenden  Randes  verfertigt,  und  er  war  nicht  wenig  verwundert,  als  ich  ihm 
bedeutete,  dafs  ein  Mann  bei  uns  600 — 1000  Stück  in  einem  Tage  verfertigen  kann.  Er 
hatte  mich  gut  verstanden  und  wollte  versuchen  den  Eisenrand  auf  seine  Formen  anzuwenden. 

Am  Abende  bekommen  wir  noch  einige  Besuche  von  Freunden,  Bekannten, 
Doktoren  u.  s.  w. 

[ r.  Juni.]  Ziehen  morgens  in  Gala  der  alten  Residenzstadt  Kioto  entgegen  auf 
schlechten  Wegen  und  bei  unfreundlicher  Witterung.  Man  benützt  hier  häufig  Karren, 
von  Ochsen  gezogen,  mit  äufserst  plumpen  Rädern,  die  bei  einem  weiten  Geleise  die 
Wege  sehr  verderben.  Man  sucht  die  Stärke  und  Ausdauer  dieser  Karren  blofs  in 
dem  verdoppelten  Verhältnis  der  Gröfse  und  Dicke,  und  so  werden  dieselben  aufser- 
ordentlich  schwerfällig  und  massiv.  Beim  Dorfe  Jamasina  war  man  eben  beschäftigt, 
einen  grofsen  Baum  wegzuschaffen,  und  den  dazu  verwendeten  Karren,  dessen  Räder 
mit  einem  mehr  als  1Ü2  Fufs  dicken  Rande  versehen  wvaren,  hätte  man  von  weitem 
eher  für  ein  Gerüst  als  einen  Wagen  gehalten.  Wir  erreichten  hierauf  alsbald  die 
Vorstadt  von  Miako,  Santzio,  wo  wir  über  die  Brücken  Osansiobasi  und  Kosansiobasi 
diese  Residenzstadt  erreichten,  was  wir  indessen  erst  aus  dem  Munde  der  uns  hier 
begrüfsenden  Freunde,  nicht  aber  aus  dem  Aussehen  der  Strafsen  entnahmen,  die  im 
Vergleiche  mit  jenen  von  Jedo  und  Osaka  einen  bescheidenen  Anblick  gewähren. 
Einige  unbedeutende  Kaufläden  und  viele  durchgehends  schlecht  gekleidete  Feute  waren 
alles,  was  wir  sahen.  Durch  mehrere  Strafsen  gelangten  wir  endlich  in  die  früher 
von  uns  bewohnte  Herberge. 


Aufenthalt  zu  Kioto  und  Rückreise  nach  Osaka. 

Übersicht.  Kioto.  — Statistische  Notizen.  — Weibliche  Bildung.  — Hofkleidung.  — Toilette. 
— Selhofs  des  Sosidai.  — Audienz.  — Handelsartikel.  Abreise.  Viele  Sintötempel.  — Japanische 
Glocken.  — Tempel  San  sju-san-gen-dö.  — Bogenschiefsen.  — Fahrt  auf  dem  Jodogawa  nach  Osaka. 

[2.  Juni.  | Bald  nach  unserer  Ankunft  besuchten  mich  meine  Freunde  und  Schüler  und 
bewiesen  durch  die  erfolgte  Besorgung  der  ihnen  früher  gegebenen  Aufträge  ihre  Aufmerk- 
samkeit für  mich.  Unter  anderm  war  mir  sehr  willkommen,  zu  vernehmen,  dafs  mein 
Schüler  Ketara  die  seltensten  Gewächse  der  Flora  um  Kioto  gleich  nach  meiner 
Abreise  gesammelt  und  in  den  botanischen  Garten  nach  Dezirna  abgeschickt  habe. 
Auch  unser  alter  Pseudo-Holländer  van  Gülpen  befand  sich  hier  und  brachte  mir  als 
alter  Theebruder  die  längst  versprochene  Abhandlung  über  das  feierliche  Trinken  des 
gemahlenen  grünen  Thees.  Auch  besuchten  uns  die  kaiserlichen  Ärzte  Hikonoske 
Riodai  und  Riözun  Siogen  und  mehrere  andere.  Ich  benutzte  die  Gelegenheit,  um 
einige  Nachrichten  über  Kiotö  und  den  hiesigen  Hof  zu  sammeln.  Der  Erb- 
kaiser wird  gewöhnlich  Kin-ri  genannt;  auch  in  der  chinesischen  Sprache  Ten-si, 
d.  i.  Himmelssohn.  In  den  Chroniken  führt  er  den  Namen  Kin  sjö  go  dai,  d.  i. 
gegenwärtig  regierender  grofser  Kaiser.  Der  gegenwärtige  Erbkaiser  ist  24  Jahre 
alt1,  der  Vater  des  regierenden  Kaisers  w7ird  Sentö2  genannt,  der  des  gegenwärtigen 

1 Es  war  dies  der  119.  Kaiser,  in  der  Geschichte  als  Niuko  Tenwo  bekannt,  regierte  von 
1817—1846.  Note  zur  II.  Aufl. 

2 Sentö  ist  eigentlich  die  Bezeichnung  eines  Kaisers,  welcher  dem  1 hrone  entsagt  hat. 


214 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


lebt  noch,  und  ist  60  Jahre  alt.  Der  Erbkaiser  kann,  wenn  er  einen  Sohn  von 

* 

7 Jahren  hat,  seine  Würde  niederlegen  und  sich  in  den  Ruhestand  setzen;  so  ge- 
schah es  vor  9 Jahren.  Der  hervorragendste  Würdenträger  im  Dairi  ist  der  Kambaku 
(Reichskanzler). 

Der  Kambaku  steht  im  Range  über  dem  Sjögun1,  der  den  Rang  von  Daisin  hat, 
aber  je  nach  seinen  Verdiensten  einen  höheren  Rang  erhalten  kann.  Der  Erbkaiser 
und  alle  Grofsen  im  Dairi  werden  vom  Sjögun  mit  Revenuen  ausgestattet,  doch  sind 
diese  im  Verhältnisse  zu  den  Einkünften  anderer  Grofsen  des  Reiches  klein.  Der  Kin- 
ri  erhält  jährlich  nur  iooooo  Koks,  d.  i.  1200000  holländische  Gulden  Im  Dairi 
befinden  sich  6 Beamte  des  Sjögun,  die  alle  zwischen  dem  Kinri  und  dem  Sjögun 
zu  verhandelnden  Angelegenheiten  betreiben.  Die  vorzüglichsten  dieser  Beamten  sind 
zwei  Ontsugibugjö,  einer  für  den  Mikado  und  einer  für  den  Sentö,  ferner  ein  O Dai 
kwan,  d.  i.  Rentmeister  des  Sjögun,  auch  kann  man  hier  noch  anführen  den  Sjösidai 
und  zwei  Kommandanten  des  Schlosses  Sisjö. 

Es  besuchen  uns  zwei  äufserst  hübsche  Mädchen,  die  eine  die  Tochter  eines  Kauf- 
mannes, die  andere  die  meines  Freundes  Hikonoske.  Die  vornehmen  ledigen  Frauen 
tragen  lange  Ärmel,  sind  sehr  graciös  in  ihrem  Benehmen  und  wirklich  gebildet  in  ihrer 
Art,  sehr  nett  gekleidet,  zieren  sich  etwas  und  stellen  sich  so  schamhaft  wie  unsere 
europäischen  Fräulein.  Schreibkunst,  Musik,  etwas  Poesie  machen  ihre  wissenschaft- 
liche Bildung  aus,  einige  verstehen  sogar  Chinesisch. 

[3.  Juni.]  D ie  Stadt  Kioto  wird  von  zwei  Statthaltern  (Matsibugio)  regiert, 
die  vom  Sjögun  zu  Jedo  ernannt  sind;  einer  wird  der  östliche,  der  andere  der 
westliche  Statthalter  genannt.  Jeden  Monat  wechseln  sie  in  der  Regierung  mit 
einander  ab  und  nach  3 bis  5 Jahren  werden  sie  von  Jedo  aus  durch  andere  abgelöst. 
Die  erste  Person,  eigentlich  der  Stellvertreter  des  Sjögun  zu  Miako,  ist  der  Sösidai, 
stets  ein  Fürst  mit  dem  Familiennamen  Matsudaira.  Dieser  behandelt  alle  Angelegen- 
heiten zwischen  den  beiden  Höfen  und  beaufsichtigt  die  anderen  Fandesfürsten  und 
alle  Fremden,  die  zu  Kioto  erscheinen.  Auch  dieser  Würdenträger  wird  nach  3 bis 
5 Jahren  gewechselt.  Der  Kaiser  (Mikado  oder  Kinri)  hat  nur  eine  Gemahlin,  welche 
öfters  eine  Tochter  des  K wanbakus,  des  ersten  Grofsen  am  Hofe  ist.  Aufserdem  hat  er 
noch  eine  Anzahl  Beifrauen.  Unter  den  männlichen  und  weiblichen  Kindern,  sowohl  mit 
den  der  Kaiserin  als  mit  den  Beifrauen  gezeugt,  werden  verschiedene  zu  Priestern  und 
Priesterinnen  vornehmer  Tempel  (z.  B.  zu  Niko)  bestimmt.  Stirbt  der  Erbprinz 
so  kann  der  jüngere  Bruder,  wenn  er  auch  schon  Priester  geworden  ist,  nachfolgen. 
Auch  Söhne,  mit  den  Beifrauen  gezeugt,  können  Thronfolger  werden.  Hat  der  Mikado 
keine  männliche  Succession,  dann  nimmt  er  einen  Sohn  aus  einer  Seitenlinie  an 
Kindesstatt  an.  Bei  der  Übernahme  der  Kaiserwürde  finden  im  Dairi  grofse  Festlich- 
keiten statt,  an  denen  die  Stadt  Kioto  und  das  ganze  Reich  teil  nimmt.  Es  kommen 
von  allen  Landesfürsten  Gesandte,  und  die  Feierlichkeiten  dauern  oft  ein  Jahr  lang. 
Auch  der  Jahresname  (Nengo)  wird  bei  der  Thronübergabe  geändert.  Jährlich  werden 
von  dem  Mikado  an  den  Sjögun  und  von  diesem  ah  jenen  Gesandte  abgefertigt. 
Im  Dairi  bewohnt  der  Mikado  einen  Palast,  im  Stile  einem  Sintötempel  ähnlich, 
welche  alte  Religion  auch  die  desselben  ist;  nach  seinem  Tode  wird  er  in  dem 


' Welcher  trotzdem  von  den  Niederländern  irrtümlich  als  weltlicher  Kaiser  bezeichnet  wurde. 
Note  zur  II.  Aufl. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


2IJ 


Tempel  Sen  ju  zi  zu  Kioto  beigesetzt.  Der  Verstorbene  wird  als  Kami  verehrt  und 
im  Andenken  erhalten.  An  den  sechs  Thoren  des  Dairi  ist  eine  Wache  aufgestellt. 
Die  vornehmsten  Gebäude  im  Dairi  sind  der  Palast  des  Mikado,  des  Sentö,  des 
Kronprinzen,  der  Mutter  des  Mikado  und  der  nächsten  Verwandten  desselben;  aufser 
diesen  befinden  sich  daselbst  geräumige  Wohnungen  für  die  ersten  Bediensteten  des 
Mikado1,  wie  die  des  Kanbaku  u.  s.  w.  und  viele  grofse  und  kleine  Häuser  der 
übrigen  Höflinge,  ein  Lustgarten,  ein  Hospital  und  Wohnungen  für  die  Agenten 
des  Sjogun. 

[4.  Juni.J  Es  werden  mir  verschiedene  Vögel  zur  Ansicht  gebracht,  unter 
welchen  eine  Art  Feldhuhn  mit  Sporn  sich  befindet;  man  verlangt  dafür  10  Kobang! 
Unterhalte  mich  den  Abend  mit  meinem  Freunde  Hikonoske;  er  läfst  seine  Hof- 
kleidung von  zu  Hause  holen,  um  mir  den  Anzug  des  Kaisers  und  der  übrigen  Grofsen 
im  Reiche  begreiflich  zu  machen.  Eine  Art  Hose,  genannt  Sasinuki,  ein  weitärmeliger 
Mantel  (Kariginu),  ein  schmaler  Schleppmantel  (Kiö),  eine  Schärpe  (Isinoobi),  eine 
Mütze  (Jebosi)  bilden  die  vorzüglichsten  Kleidungsstücke  des  Kinri,  sowie  aller  Grofsen 
im  Dairi.  Die  Isinoobi  dient  als  Unterscheidungszeichen  des  Ranges,  der  Kinri  trägt 
sie  mit  Steinen  besetzt,  der  Kambaku  mit  Schildplatt,  die  Daizin  mit  Granaten,  niedere 
Beamte  mit  Horn  von  Büffeln  und  anderer  Tiere,  auch  mit  Steinen  u.  s.  w.  verziert. 
— Säbel  tragen  blofs  der  Kinri  und  seine  ersten  Beamten,  u.  a.  die  Kambaku,  Daizin 
u.  s.  w.  und  zwar  nur  einen;  auch  dieser  Säbel  hat  Abzeichen  des  Ranges.  Bei  der 
Cour  hat  jeder  Diener  im  Dairi  einen  Holzstab  (Sjaku)  in  der  Hand,  hält  ihn  jedoch 
so,  dafs  man  die  Hände  wenig  bemerkt;  mit  diesem  Stabe  zeigt  und  deutet  jeder  im 
Dairi,  ein  Gebrauch  gleich  jenem  des  Feldherrnstabes.  Die  Kleidung  des  Kinri  ist 
von  weifser  Farbe;  er  trägt  jedes  Kleidungsstück  blofs  einen  Tag,  dann  giebt  er  es 
zum  Geschenke  an  seine  Umgebung.  Die  Kleidung  der  Kaiserin,  ihr  Titel  ist 
Kogösama  oder  Nijötei,  ist  in  der  Form  von  der  der  übrigen  japanischen  Frauen 
verschieden,  besonders  der  Haarputz,  der  bei  andern  japanischen  Frauen  eine  so 
grofse  Rolle  spielt,  ist  hier  sehr  einfach  — die  Haare  werden  blofs  nach  hinten  ge- 
kämmt, in  Zwischenräumen  gebunden  und  über  den  Rücken,  bis  auf  die  Füfse 
und  den  Grund  herab  wallend,  getragen.  Die  Beifrauen  tragen  ein  eigenes,  hosen- 
ähnliches Gewand,  das  wegen  seiner  roten  Farbe  Hinohakoma,  d.  i.  Feuerhose,  ge- 
nannt wird. 


1 Wir  haben  im  Text  gewöhnlich  die  in  Europa  allgemein  gebräuchliche  Bezeichnung  Mikado 
beibehalten,  obgleich  diese  in  Japan  selbst  jetzt  nur  ausnahmsweise  benützt  wird.  Zur  Zeit  werden 
meistens  die  aus  dem  Chinesischen  übernommenen  Titel  Tensi  (Sohn  des  Himmels),  oder  Tenno 
(himmlischer  Kaiser),  oder  Sjudjö  (der  allerhöchste  Herr)  angewandt.  Es  giebt  in  der  Geschichte  wohl 
kein  Beispiel,  wo  eine  regierende  Familie  ihre  Abkunft  soweit  zurückzuführen  im  Stande  ist,  wie  die 
japanische  Dynastie,  welche  von  Zin  mu  tenwo  660  v.  Chr.  abstammt.  Die  wahrhaft  göttliche  Ver- 
ehrung, welche  das  japanische  Volk  seinem  Herrscherhause  zollt,  ist  daher  auch  begreiflich.  Die  hin 
und  wieder  vom  Verfasser  gebrauchte  Bezeichnung  « Erbkaiser»  ist  jedenfalls  auch  richtig,  insofern  der- 
selbe die  Stellung  bezeichnet,  welche  das  Oberhaupt  der  legitimen,  erblichen  Dynastie,  der  damals 
die  faktischen  Regierungsfunktionen  ausübende  Sjogun  (von  Europäern  als  Taikun  gekannt),  bis  zur 
Restauration  der  kaiserlichen  Gewalt  und  Abschaffung  des  Sjögunats  im  Jahre  1868  einnahm. 
Pli.  Fr.  v.  Siebold  gebührt  das  Verdienst,  von  allen  europäischen  Forschern  zuerst  die  staatsrecht- 
liche Stellung  des  Mikados  richtig  erkannt  und  dieselbe  in  seinen  Schriften  vertreten  zu  haben. 
Note  zur  IE  Aufl. 


21  6 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


[5.  Juni.]  Bringe  den  Abend  mit  meinem  Freunde  Hikonoske  und  dessen  liebens- 
würdiger Familie  zu.  Die  jungen  Damen  sind,  wie  gesagt,  äufserst  gebildet,  und  man 
kann  sich  mit  ihnen  im  europäischen  Tone  recht  gut  unterhalten.  Lebensmittel,  Efs- 
waren  u.  dgl.  sind  in  Kioto  wohlfeiler  als  in  Jedo,  doch  im  Vergleiche  mit  andern 
Städten  noch  immer  teuer.  Sake  dagegen  sehr  wohlfeil  und  gut. 

[6.  Juni.]  Wegen  der  Unpäfslichkeit  unseres  Gesandten  wurde  die  Audienz  bei 
dem  Sosidai  und  den  beiden  Statthaltern  bis  auf  heute  verschoben.  Nachmittags  zogen 
wir  bei  herrlichem  Sonnenscheine  aus  unserem  Gasthofe  nach  dem  Schlosse  dieses 
Würdenträgers.  Vor  unserem  Gasthofe  hatte  sich  viel  Volk  versammelt,  das  durch- 
gehends  das  Gepräge  der  Dürftigkeit  trug;  doch  kann  man  das  Publikum  bei  der- 
gleichen Aufzügen  nicht  mit  unserem  europäischen  vergleichen,  wo  sich  Grofs  und 
Klein,  höhere  und  niedere  Stände  durcheinander  mengen;  hier  halten  sich  die  vor- 
nehmen Personen  bei  allen  Anlässen,  die  ein  Volksgedränge  veranlassen,  zurück.  Wir 
durchziehen  erst  nördlich,  dann  westlich  die  Strafsen  von  Kioto,  welche  viel  schmäler 
und  weniger  ansehnlich  als  die  von  Jedo  sind.  Es  werden  vor  den  Apotheken  eben 
viele  Arzeneikräuter  getrocknet,  darunter  eine  grofse  Menge  von  Hirse,  die  aus  China 
hierher  gebracht  wird.  Wir  durchzogen  einen  Teil  der  westlichen  Stadt,  wo  wir  in 
Zwischenräumen  auf  Kreuzwegen  auf  die  die  Stadt  umgebenden  Berge  eine  ziemlich 
freie  Aussicht  hatten.  Wir  kommen  endlich  an  das  Schlofs  des  Sosidai,  welches  von 
einem  nicht  sonderlich  gut  unterhaltenen  Wassergraben  und  einem  niedrigen  Walle 
umgeben  ist,  auf  welchem  kaum  6 Fuls  hohe  Pallisaden  eine  Schutzwehr  bilden.  Ein 
ärmliches  Portal  bildet  den  Eingang,  zu  welchem  jedoch  eine  hübsche  Allee  von 
Tannenbäumen  führt.  Hier  eröffnet  sich  eine  breite  Strafse,  die  rings  um  das  eigent- 
liche Kastell,  dessen  Mauern  und  Thore  sich  uns  zeigen,  führt.  Mit  Gewalt  mufsten 
sich  unsere  Bedienten  und  die  Träger  unserer  Norimonos  durch  das  von  allen  Seiten 
andrängende  Volk  einen  Weg  bahnen.  Wir  entstiegen  aus  unseren  Sänften  in  einer 
Staubwolke  und  traten  in  den  Vorhof  des  Schlosses,  wo  rechts  die  weiblichen 
Schönheiten,  links  Männer  und  Unterthanen  dieses  Fürsten  uns  anstaunten.  Nun  ging 
man  in  Pantoffeln,  ohne  Hut,  bei  einer  Hitze  von  85°  Fahrh.,  über  den  mit  kleinen 
Steinen  belegten  Hof  bis  an  das  Portal  des  Hauses,  zieht  dort  seine  Pantoffeln  aus, 
macht  dem  hier  in  äufserster  Steifheit  sitzenden  Bedienten  ein  Kompliment  und  geht 
an  einer  Reihe  aufgehängter  Bogen,  Gewehre  und  anderer  Waffen  vorüber;  hier 
sitzen  wieder  Bediente,  um  uns  zu  bewillkommen,  und  auch  vor  diesen  macht  der 
Gesandte  auf  dem  Boden  knieend  ein  Kompliment.  Nun  geht  man  strenge  nach  dem  Range 
geordnet  zu  den  Matten  und  hockt  sich  dort  hin,  sorgfältig  seine  Füfse  mit  dem  Mantel 
bedeckend  Es  wird  Tabaksgerät,  die  erste  Bewillkommnung  jedes  in  einem  Zimmer 
sich  niederlassenden  Fremden,  durch  ernst  aussehende  Bedienten  gebracht;  man  wird 
selbst  steif  durch  das  gezwungene  Sitzen.  Nun  wird  gemahlener  grüner  Thee  ge- 
reicht, eigentlich  Theebrei.  Jetzt  kommt  der  Sekretär  des  Fürsten,  dem  wir  Europäer 
wieder  auf  japanische  Art  unser  Kompliment  machen  müssen.  Es  werden  in  wenig 
Worten  viele  Komplimente  gewechselt.  Ein  längeres  Gespräch  wäre  hier  vergebens; 
denn  der  Oberdolmetscher  übersetzt  doch  nur  das,  was  ihm  in  seinem  Komplimenten- 
Paroxysmus  einfällt,  oder  besser,  was  er  von  alten  Zeiten  her  zu  sagen  gewohnt  ist. 
Alles  wird  sehr  leise  gesprochen,  und  dabei  jedes  Wort  des  Sekretärs  mit  einem 
wiederholten  Ja  (He!  liehe!  he!)  als  verstanden  bekräftigt.  Nocli  einige  abgebrochene 
Sätze,  bei  denen  die  Witterung  eine  grofse  Rolle  spielt,  Schliffs  der  Unterhaltung. 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


217 


Hierauf  gehen  wir  in  das  Audienzzimmer,  sitzen  hier  ultimo  loco.  Unter  ziemlich 
starken  von  den  Bedienten  als  Signal  der  Ankunft  des  grofsen  Mannes  herausgestossenen 
Zischlauten  erscheint  aus  einer  Seitenthüre  der  Sosidai,  nimmt  auf  einem  erhabenen 
Sitze  seinen  Platz  ein,  wir  beugen  den  Kopf  tief  zur  Erde,  ein  an  der  Thüre 
sitzender  Herold  ruft  mit  lauter  Stimme:  «Da  kommen  zur  Audienz  die  Holländer!» 
und  zählt  der  Reihe  nach  das  Gesandtschaftspersonal  und  die  uns  begleitenden  Dol- 
metscher auf.  Unser  Gesandter  drückt  durch  den  Dolmetscher  und  einen  zweiten 
Vermittler  seine  Komplimente  aus.  Sobald  dieses  dem  Sosidai  gemeldet,  läfst  er  sein 
Gegenkompliment  dem  Gesandten  überbringen  und  verläfst  hierauf  mit  seinem  Ge- 
folge den  Saal.  Wir  werden  sodann  in  einen  andern  Saal  geführt,  mit  Thee  und 
Zuckergebäcke  bewirtet,  und  dabei  von  der  Seite  durch  durchsichtige  Matten  von  den 
Frauen  des  Fürsten  und  der  weiteren  Familie  beschaut.  Es  wrnrden  uns  durch  einige 
Herren  verschiedene  Fragen  und  Aufgaben  gegeben,  man  bringt  Uhren,  damit  wir 
bestimmen,  von  welchem  Fände  sie  sind,  ebenso  Vögel  u.  s.  w. ; man  fragt  uns  nach 
Tag-  und  Nachtgleiche  u.  dgl.  mehr.  Inzwischen  bemerkte  ich,  wie  der  Fürst  selbst 
vom  Frauengemach  aus  uns  aufmerksam  betrachtete.  Wir  verlassen,  nachdem  wir  eine 
Viertelstunde  auf  diese  Weise  zugebracht,  den  Palast  des  Sosidai,  statteten  noch  den 
beiden  Statthaltern  unsere  Besuche  auf  dieselbe  Weise  ab  und  kommen  so,  von 
unseren  japanischen  Komplimenten  ziemlich  ermüdet,  erst  gegen  Abend  in  unsern 
Gasthof  zurück 

Die  Strafsen,  durch  welche  wir  gezogen  waren,  hatten  durchgehends  ein  un- 
freundliches Aussehen,  verrieten  keinen  besonderen  Wohlstand,  einige  sogar  Dürftig- 
keit; denn  die  Häuser  waren  gröfstenteils  schlecht  unterhalten,  jedoch  wechselten  viele 
Kaufläden  und  Kramläden  miteinander  ab.  Zum  Verkaufe  waren  ausgestellt:  Porzellan, 
Tabak  und  Tabakgeräte,  Faternen,  getrocknete  Fische  und  Seegewächse,  gottesdienst- 
liche Geräte,  Rosenkränze,  alte  und  neue  Kleidungsstücke,  Färbestoffe,  Fackwerk,  Stroh - 
arbeiten,  Bücher,  Säbel,  Stoffe,  Pinsel,  Papier,  Eisen-,  Messing-  und  Kupferwaren, 
Schach-  und  andere  Spiele,  Musikinstrumente,  dünnes  schlechtes  Glaswerk,  Stroh- 
schuhe u.  s.  w.,  ferner  grünes  Gemüse,  Früchte,  von  letzteren  z.  B.  wenige  Mespilus, 
Citronen,  Aprikosen  und  getrocknete  Früchte.  Man  benützt  hier  häufig  Karren,  die 
von  einem  Ochsen  gezogen  werden,  und  durch  ein  über  den  Ochsen  gespanntes  Segel 
sucht  man  denselben  gegen  die  Sonnenhitze  zu  schützen. 

[7.  Juni.]  Für  heute  war  unsere  Abreise  bestimmt,  und  wir  ziehen  gegen  den 
Mittag  über  die  Brücke  Sansisöbasi,  nach  dem  Tempel  Tsjönin.  Ein  grofses  Ge- 
bäude, etwa  3000  Matten  fassend;  die  Gedächtnis-Tafel  des  Begründers  der  jetzt 
regierenden  Sjögun-Familie  befindet  sich  daselbst.  Von  hier  gehen  w7ir  nach  dem 
Sintötempel  Giwon,  wo  wdr  uns  in  einer  Restauration,  von  aufserordentlich  vielen 
Zuschauern  umgeben,  etwras  erfrischten,  dann  ziehen  wir  nach  dem  Tempel  Kiomisu 
von  der  Sekte  Tendai,  wo  wir  eine  herrliche  Aussicht  auf  den  nordwestlichen 

Teil  der  Stadt  haben,  die  weit  ausgebreitet  vor  uns  liegt.  Wir  erkennen  die 

Tempel  Kodaisi  von  der  Sekte  Sen,  Daidokusi  von  der  Sekte  Singon,  Daikösi 
von  der  Sekte  Ikkosju,  Daiwonsi  von  der  Sekte  Sjödö,  welche  aus  den  alten 

hundertjährigen  Baumgipfeln  mit  ihren  breiten  massiven  Dächern  hervorragen. 
Von  hier  führt  ein  schmales  Pfädchen  längs  einem  grofsen,  sehr  gut  unterhal- 

tenen Friedhof  nach  dem  netten  Tempel  Odai,  und  von  da  nach  dem  so  berühmten 
Tempel  Daibutsu,  der  vor  mehreren  Jahrhunderten  abgebrannt  ist.  Man  zeigt  uns  hier 


2l8 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


noch  Überbleibsel  aus  dem  Tempelbrande,  als  Ringe  und  Eisen,  mit  welchen  Säulen 
und  Balken  früher  verankert  waren,  ein  kolossales  ehernes  Blatt  der  heiligen  Blume 
des  Nelumbiums,  Dachziegel  u.  a.  m.,  alles  das  Gepräge  eines  grofsartigen  Gebäudes 
an  sich  tragend.  Wir  besuchen  die  Begräbnisstätte  des  berühmten  Taiko,  welche  zu 
meiner  Verwunderung  ganz  schlecht  unterhalten  und  vergessen  zu  sein  scheint  und  sehr 
einfach  ist.  Auf  einer  viereckigen  Steinmauer  ruht  ein  etwa  8 Fufs  hohes  Epitaphium, 
das  ganz  mit  einer  lebenden  Bambushecke  umgeben  ist.  Die  Lage  ist  romantisch 
schön.  Hierauf  erfrischten  wir  uns  in  einem  in  der  Nähe  gelegenen  Theehause 
mit  Rheinwein  und  Selterswasser  und  besahen  sodann  eine  grofse  Glocke,  die 
8 Fufs  im  Durchmesser  hat.  Hierauf  besuchen  wir  den  Tempel  Sansju-san  gendö, 
einen  der  ersten  Tempel,  den  Taiko  erbaute,  berühmt  durch  die  33333  Götterbilder; 
es  sind  wirklich  so  viele  Figuren  vorhanden,  1000  in  Lebensgröfse , darunter 
eine  von  kolossaler  Dimension.  Diese  Figuren  stehen  zehn  hintereinander  in  einer 
langen  Reihe,  in  deren  Mitte  das  kolossale  Bild  aufgestellt  ist.  Hinter  diesem  Tempel 
pflegen  die  Grofsen  des  Reiches  mit  Bogen  zu  schiefsen;  die  Zielscheibe  befindet  sich 
in  einem  Abstande  von  66  Ken. 

Wir  setzen  nach  diesem  Abstecher  unsere  Reise  nach  Fusimi  fort,  wo  mein 
Freund  Hikonoske  mich  erwartete.  Ich  hatte  mit  ihm  noch  einiges  hinsichtlich 
meiner  Untersuchungen  zu  besprechen.  Wir  speisen  hier  zu  Nacht  und  schiffen  uns  nach 
Osaka  ein  und  fahren  den  berühmten  Jodo  gawa  hinab.  Man  hat  hier  infolge  der  häu- 
figen Durchreisen  der  verschiedenen  Fürsten  Südwest-Japans  sehr  gut  eingerichtete 
Fahrzeuge.  Sie  erinnern  an  die  sogenannten  Trekschuiten  in  Holland,  denen  sie,  was 
Komfort  anbetrifft,  noch  den  Rang  streitig  machen  können.  Die  bereits  eingebrochene 
Nacht  entzog  uns  die  Ansicht  dieser  so  herrlichen  Landschaft,  die  schon  früher  unsere 
Aufmerksamkeit  auf  sich  gezogen  hatte.  Mit  Anbruch  des  Tages  waren  wir  nicht 
mehr  weit  von  Osaka  entfernt,  was  uns  die  weifsen  Türme  des  Kastells  verkündeten, 
die  hier  und  da  aus  der  in  frisches  Grün  gekleideten  Landschaft  hervorblickten.  Die 
Umgebung  der  meisten  Städte  und  Vorstädte  in  Japan  hat  durch  die  häufigen  Gärten 
und  Tempelhaine  durchgehends  den  Charakter  von  weit  ausgedehnten  Parkanlagen. 
Wir  schifften  unter  mehreren  grofsen  Brücken  durch;  zu  beiden  Seiten  waren  die  Ufer 
des  Flusses  mit  Häusern  besetzt.  Wir  stiegen,  im  Innern  der  Stadt  angekommen, 
ans  Land. 


Aufenthalt  zu  Osaka. 

Übersicht.  Beschreibung  von  Osaka.  — Schlots  — Getreideernte.  Sintötempel.  - Sumijösi 
daimijösin.  — Der  älteste  Buddhatempel  Xennosin.  — Kolossaler  Turm.  — Verpflanzung  von  Garten- 
gewächsen. — Kupferbearbeitung.  — Schaubühne  von  Osaka.  — Skizze  eines  Schauspiels. 


Osaka,  die  erste  Handelsstadt  im  japanischen  Reiche,  liegt  am  schiffreichen  Jodo- 
gawa,  welcher  Flufs,  nachdem  er  einen  Teil  der  Nordseite  der  Stadt  durchströmt,  sich 
in  zwei  Arme  teilt,  nämlich  den  Asigawa  und  Kitsugawa,  welcher  letztere  sich  wieder 
in  einige  Zweige  spaltet,  deren  gröbster  Sirinasigawa  heilst,  und  mit  diesen  sämtlich  in 
die  See  sich  ergiefst.  Der  südwestliche,  der  See  zugewandte  Teil  der  Stadt  ist  von 
vielen  Kanälen  und  Dämmen  durchschnitten,  deren  erstere  sich  tief  in  die  Stadt  hinein 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


219 


erstrecken,  welche  selbst  ringsum  mit  einem  breiten  und  wieder  an  andern  Stellen  ziem- 
lich symmetrisch  mit  schmäleren  Kanälen  umgeben  und  abgeteilt  ist.  Im  allgemeinen  kann 
man  aus  der  Bauart  dieser  grofsen  Handelsstadt  den  Schlufs  ziehen,  dafs  ein  grofser 
Teil  derselben  den  zahlreich  herzuströmenden  Gewässern  und  dem  Seestrande  ab- 
gewonnen ist.  Die  Kommunikation  über  die  Flüsse  und  Kanäle  ist  durch  gut  unter- 
haltene Brücken  und  noch  häufiger  durch  Fähren  erleichtert.  Man  zählt  an  158 
Brücken;  die  merkwürdigsten  sind  die  Tenmabasi,  Tenzinbasi  und  Naniwabasi,  alle 
drei  über  den  Jodogawa  führend.  Die  Stadt  selbst  ist  in  drei  grolse  Distrikte  einge- 
teilt: Kitakumi  (Norddistrikt),  Minamikumi  (Süddistrikt),  Tenmakumi  (Tenmadistrikt). 

I111  ersten  zählt  man  250,  im  zweiten  261  und  im  dritten  109  Tsjö  oder  Stralsen. 
An  der  Nordostseite  liegt  das  berühmte  Schlofs,  von  Taiko  erbaut,  das  jedoch  bald 
darauf,  nach  Beendigung  des  blutigen  Bürgerkrieges  zwischen  Ijejasu  und  Hidejori, 
auf  Befehl  des  ersteren  gröfstenteils  geschleift  wurde.  Gegenwärtig  steht  nur  noch 
das  damalige  innere  Schlois  mit  einigen  Veränderungen,  doch  noch  so  stark  befestigt, 
dafs  es  für  eine  der  ersten  Festen  im  Reiche  gelten  kann;  auch  geben  dessen  hell- 
blinkender Turm,  die  hohen  Mauern  und  tiefen  Gräben  dem  Vorübergehenden  noch 
eine  deutliche  Vorstellung  von  dem  früher  hier  bestandenen,  wohl  fünfmal  so  grolsen 
Schlosse  des  weltberühmten  Kriegers.  Das  Schlofs  von  Osaka  steht  unter  dem  Ober- 
befehle eines  Grofsen  vom  Hofe  des  Sjogun,  der,  den  Titel  Gosjödai  führend, 
mehrere  Jahre  hindurch  ununterbrochen  hier  waltet.  Das  Schlofs  selbst  ist  von  den 
Truppen  dreier  vertrauenswürdiger  Landesfürsten  besetzt.  Die  erste  Abteilung  be- 
wacht das  Thor  Omotekutsi,  die  zweite  das  Thor  Kiobasikutsi  und  die  dritte  das 
Thor  Tamatsukuri-kutsi.  Die  Soldaten  und  Offiziere  dieser  Abteilungen  haben  aufser- 
dem  ihre  Wohnungen  in  dem  der  Stadt  angrenzenden  Bezirke.  Auch  der  Gosjödai 
hat  aufiser  dem  Schlosse  einen  ansehnlichen  Palast,  Gosjödai-jasiki  genannt. 

Die  Stadt  Osaka  wird,  so  wie  die  übrigen  Städte  des  Sjogun,  durch  zwei  Statt- 
halter und  einen  Daikwan  regiert;  jene  führen  abwechselnd  den  Oberbefehl  über  die 
Stadt;  der  eine  heifst  Higasi-onmatsibugjö,  der  andere  Nisino-matsibugjö,  d.  i.  östlicher 
und  westlicher  Statthalter;  beide  wohnen  in  ansehnlichen  Palästen  unweit  des  Schlosses 
im  nordöstlichen  Teile  der  Stadt  und  üben  die  Jurisdiktion  und  Polizei  aus;  der 
Daikwan  steht  den  Finanzen  vor.  Die  Anzahl  der  Beamten  ist  bedeutend,  und  man 
zählt  sehr  viele  öffentliche  Gebäude  in  der  Stadt. 

In  einer  so  bedeutenden  Handelsstadt,  wo  die  Schätze  des  ganzen  Reiches  sich 
anhäufen,  bieten  sich  auch  vielseitige  Gelegenheiten  zu  Verbrechen  dar;  wirkliche 
Missethäter  sind  indessen  selten,  was  man  zur  Ehre  des  ganzen  japanischen  Volkes 
sagen  mufs,  und  man  rechnet,  dafs  innerhalb  eines  Jahres  in  der  Stadt  Osaka  nur  etwa 
100  Verbrecher  zum  Tode  geführt  werden.  Aufser  den  gewöhnlichen  Todesstrafen 
fand  hier  früher  das  Takenokobiki,  Absägen  des  Halses  durch  eine  Holzsäge,  statt.  Eine 
verschärfte  Todesstrafe,  bei  welcher  das  Absägen  aber  nie  oder  höchst  selten  ausgeführt 
wurde,  wenn  auch  die  Schaustellung  der  Säge  als  Abschreckungsmittel  angewendet 
wurde.  Auch  pflegt  man  die  Köpfe  der  Enthaupteten  oft  drei  Tage  lang  zur 
Schau  auf  einen  Pfahl  zu  stecken.  Dieses  wird  Gokumon  genannt.  — Feuersbrünste 
sind  auch  in  dieser  grofsen  Stadt  und  vorzüglich  im  Winter  häufig,  wo  man  deren 
manchmal  24  in  einem  Monate  gezählt  hat. 

Die  vorteilhafte  Lage  der  Stadt  Osaka  — auf  der  einen  Seite  durchströmt  vom 
Jodogawa,  auf  der  andern,  der  südwestlichen,  bespült  von  der  See  — giebt  ihr  eigent- 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


lieh  das  grofse  Gewicht  als  Handelsstadt.  Sie  hat  zwei  Häfen,  einen,  und  zwar  den 
gröfseren,  an  der  Mündung  des  Kitsugawa,  den  andern  an  der  Mündung  des  Asigawa; 
ersterer  ist  für  die  Schiffe,  welche  von  Sikoku,  Kiusiu  und  der  Ostküste  von 
Nippon  kommen;  letzterer  für  die  Schiffe  von  Kiusiu  und  Tsiukoku.  Der  Hafen  am 
Asigawa  ist  jedoch  für  die  Schiffahrt  selbst  nicht  eben  sehr  günstig,  da  dessen  Untiefen 
grofse  Fahrzeuge  nicht  zulassen.  Die  Anzahl  der  Schiffe  aber,  welche  daselbst  liegen 
und  in  den  Asigawa  und  Kitsugawa  einlaufen,  ist  bedeutend,  und  man  nimmt  an, 
dafs  im  Durchschnitte  bei  tausend  gröfsere  und  kleinere  Fahrzeuge  in  dem  Hafen  von 
Osaka  vor  Anker  liegen.  Diese  Stadt  ist  der  Centralpunkt  des  ganzen  inländischen 
Handels;  die  vorzüglichsten  Produkte  der  einzelnen  Provinzen  werden  hierher  geliefert 
und  wieder  nach  allen  Teilen  des  Reiches  versandt.  Auch  der  ausländische  Handel, 
eine  so  unbedeutende  Rolle  dieser  auch  im  Vergleiche  mit  dem  inländischen  spielt, 
findet  hier  seine  Hauptquelle  durch  die  Kupferraffinerien.  Es  haben  die  Kaufleute 
dieser  Stadt  den  .gröbsten  Anteil  an  dem  von  den  Niederländern  und  Chinesen  be- 
triebenen Einfuhrhandel,  worin  sie,  so  wie  die,  Kaufleute  von  Jedo  und  Sakai,  durch 
eigene  Privilegien  begünstigt  werden. 

Der  Wohlstand  von  Osaka  übertrifft  bei  weitem  den  der  übrigen  Städte  im 
Reiche,  und  man  zählt  eine  lange  Liste  von  reichen  Bankiers  und  andern  Agenten 
auf,  und  ein  grofser  Teil  dieser  Geldmänner  lebt  als  Rentiers  von  den  für  Japan 
verhältnismäfsig  geringen  6 bis  8 Prozent  betragenden  Zinsen,  welche  sie  von  den  an 
die  Landesfürsten  gegebenen  Anlehen  beziehen.  So  sprach  man  während  meiner  An- 
wesenheit in  Osaka  von  einem  Anlehen  von  ioo  ooo  Kobang,  also  circa  einer  Million 
Gulden,  welche  der  Wechsler  Hiranoja-Gohe  dem  Fürsten  von  Buzen  (Kokura) 
gemacht  hätte.  Überdies  hat  die  Nähe  der  grofsen  Stadt  Kioto  auf  Osaka  den  gün- 
stigen Einflufs,  dafs  die  letztere  als  Getreidevorratskammer  der  ebenerwähnten  Resi- 
denz des  Erbkaisers  betrachtet  wird. 

Nicht  zu  übergehen  sind  hier  die  Getreidemagazine  und  grofsen  Märkte  dieser 
Stadt,  unter  andern  die  berühmte  Reisbörse  auf  Tösima,  die  Börse  für  Contanten  auf 
Kitatama,  der  Fischmarkt  auf  Sakoba,  der  Gewürzmarkt  u.  dgh,  vorzüglich  aber  die 
grofsen  Reismagazine  des  Sjögun,  für  den  Fall  von  Hungersnot  und  Krieg  angelegt. 
Da  Osaka  alle  Handelsartikel  und  somit  auch  alle  Lebensbedürfnisse  aus  den  ersten 
Quellen  bezieht,  so  lebt  man  daselbst  im  allgemeinen  wohlfeil;  eine  Ursache,  wodurch 
Vergnügungen  jeder  Art  daselbst  in  Fülle  vereinigt  werden,  ohne  jedoch  jenen  über- 
triebenen in  der  Residenz  des  Sjögun  herrschenden  Luxus,  jene  Laster  der  aus  Über- 
flufs  gebornen  Langeweile  anzunehmen.  Es  treten  daher  die  nationalen  Belustigungs- 
plätze im  helleren  Glanze  wie  die  von  Jedo  hervor.  Mehrere  Schaubühnen,  die  Thee- 
häuser  und  Restaurationen  laden  zum  Aufenthalte  ein.  Wasserfahrten  und  mannig- 
fache Gaukler  und  Taschenspieler  tragen  das  ihrige  zur  allgemeinen  Belustigung  bei. 
Die  vorzüglichsten  Tempel  dieser  Stadt  sind:  Hongwan-zi,  Tenmatenzin,  Tennozi, 
Ködsa  und  Sumijosi,  welcher  letztere  sehr  häufig  von  Osaka  aus  besucht  wird,  eigent- 
lich aber  zum  Gebiete  von  Sakai  gehört. 

[9.  Juni.]  Zugebracht  mit  Ankauf  und  Bestellung  von  Gegenständen,  die  für 
meine  Untersuchungen  förderlich  sind. 

[10.  Juni.]  Wir  ziehen  nach  einigen  grofsen,  in  der  Stadt  gelegenen  Tempeln.  Es 
ist  gerade  Flaggenfest,  Go  gwats  no  seku.  Die  Strafsen  und  Bewohner  sehr  feierlich,  und 
in  den  Kaufläden  und  Krämereien  sind  die  Güter  und  Handelsprodukte  geschmackvoll 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


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geordnet  zur  Schau  gestellt.  Wir  ziehen  über  die  Brücke  Sinsai,  wo  die  Stadt  in 
schönen  Lustgärten  und  den  so  berühmten  zu  Handelszwecken  angelegten  Pflanzungen 
endet.  Hier  öffnet  sich  die  Landschaft  in  eine  ausgebreitete  Ebene.  Es  ist  gerade 
Ernte  des  Weizens;  einige  schneiden  ihn,  andere  rupfen  diese  Getreideart  mit  den 
Wurzeln  aus;  man  streift  hierauf  auf  einem  aus  Bambus  verfertigten  Kamm  die  Ähren 
• ab,  um  das  Stroh  unverletzt  zu  erhalten.  Diese  Ähren  werden  in  der  Sonne  ge- 
trocknet, in  einer  Fegemühle  gesäubert,  und  so  wird  bereits  auf  den  Feldern  das 
Getreide  in  Körnern  eingeerntet.  Wir  kommen  durch  mehrere  Dörfer,  wo  man 
Pflanzen  verkauft.  Eben  werden  Bambus  verpflanzt,  wozu  im  Juni  die  beste  Zeit 
sein  soll.  Wir  verweilen  hierauf  etwas  in  dem  Theehause  Ten-tsaja,  welches  einst 
in  alten  Zeiten,  der  berühmte  Taiko  besucht  haben  soll;  man  zeigte  uns  im  Garten 
die  Hütte,  wo  er  sich  erfrischt  hatte. 

Wir  ziehen  sodann  weiter  durch  die  Getreidefelder  und  kommen  in  ein  Thee- 
haus  Nariwaja,  wo  uns  ein  sich  weit  ausbreitender  Tannenbaum  (135  Schritte  im 
Umfange)  als  Seltenheit  der  Gartebaukunst  gezeigt  wurde.  Hierauf  besuchen  wir  den 
Sintötempel  Sumjösi  daimijösin,  wo  von  den  Frauen  der  Priester  ein  Tanz,  Kami- 
kagura  genannt,  aufgeführt  wurde. 

Von  diesem  Tempel  aus  gehen  wir  durch  ein  ausgedehntes  Getreideland;  es 
werden  hier  vorzüglich  Weizen  in  drei  Abarten,  ferner  Kürbisse,  Sojabohnen,  Rettiche 
und  einige  andere  Gemüse  gebaut.  Der  Boden  ist  sandig,  aber  emsiger  Fleifs  und 
künstliche  Nachhülfe  macht  diese  Ebene  so  fruchtbar. 

Man  begiefst  mit  flüssigem  Kompost,  zu  welchem  die  Bauernfamilien  selbst  das 
meiste  beitragen,  oder  welchen  sie  in  längs  der  Strafse  aufgestellten  Gefäfsen  von  den 
vorbeiziehenden  Reisenden  sammeln.  Auch  sorgt  man  durch  gegrabene  Teiche,  welche 
mit  Ziehbrunnen  versehen  sind,  für  genügendes  Wasser  zum  Begielsen. 

Wir  kommen  nun  nach  dem  Tempel  Tennosin,  einem  der  ältesten  Buddha- 
tempel, welcher  die  Stilart  eines  Sintötempels  aus  der  frühesten  Zeit  hat.  Hier 
steht  ein  kolossaler  Turm  ganz  aus  Holz  errichtet.  Dr.  Bürger  und  ich  bestiegen 
denselben  bis  zum  vierten  Stockwerke,  wohin  77  Treppen  führen.  Dies  Gebäude 
scheint  durch  einen  in  der  Mitte  stehenden  äufserst  dicken  Baum,  welcher  dem  grofsen 
Maste  eines  Schiffes  gleicht,  seine  feste  Haltung  zu  erhalten.  Ich  schätzte  die  Höhe 
des  ganzen  Gebäudes  auf  120  Fufs.  Oben  bietet  sich  eine  herrliche  Fernsicht  auf 
die  ebene  Landschaft,  wo  gerade  alles  von  Menschen  wimmelte,  teils  von  Städtern, 
welche  die  Tempel  besuchen,  teils  von  Landleuten,  die  mit  der  Ernte  beschäftigt  sind. 
Wir  afsen  in  einem  sehr  feinen,  nahegelegenen  Theehause  zu  Mittag  und  kehrten 
nach  der  Stadt  zurück,  wo  wir  noch  einige  Pflanzenhändler  besuchten  und  die  Strafsen 
durchzogen,  wo  man  lebende  Tiere  verkaufte.  Ich  fand  leider  bei  Ersteren  nur  wenige  für 
mich  interessante  Gewächse.  Es  ist  unbegreiflich,  wie  die  japanischen  Pflanzenhändler  zu 
jeder  Jahreszeit  ihre  Gartengewächse  verpflanzen  können,  so  dafs  diese,  an  den  Wechsel 
gleichsam  gewohnt,  nicht  einmal  trauern.  Die  Erde,  in  welche  solche  Pflanzen  ein- 
gesetzt worden,  ist  für  sie  gleichsam  ein  momentaner  Ruheplatz,  der  ihnen  oft  nur 
einige  Tage,  oft  nur  eine  Nacht  vergönnt  ist;  denn  am  Tage  werden  sie  herausge- 
nommen und  zum  Verkaufe  umhergetragen.  Unter  den  Tieren  fand  ich  aufser  einer 
interessanten  Gazelle  noch  Bären,  Hirsche,  Affen;  früher  hatte  ich  hier  schon  einen  Wolf, 
(Okame),  und  einen  wilden  Hund  (Jama  inu),  eingekauft.  Mit  dem  Unterhalte  und  Ver- 
kaufe dieser  wilden  Tiere  beschäftigt  sich  ausschliefslich  die  niedrigste  Volksklasse  die  Jeta. 


222 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


[ 1 1 - Juni.]  Auf  Mittag  war  die  Audienz  bei  den  beiden  Statthaltern  anberaumt 
worden;  wir  kamen,  nachdem  wir  viele  Strafsen  durchzogen,  an  ihre  Wohnungen,  die 
wir  hier  weit  feiner  als  jene  zu  Kioto  fanden.  Die  Audienz  ging  wie  gewöhnlich 
vor  sich,  und  nach  derselben  wurden  wir  auf  japanische  Weise  bewirtet.  Von  hier 
aus  gingen  wir  zu  dem  Kaufmanne,  der  das  Kupfer  für  die  holländische  und  chine- 
sische Faktorei  liefert,  und  sahen  hier  die  Bereitung  des  Kupfers  durch  alle  Stufen, 
vom  Roherz  an  bis  zum  Gusse  in  Barren.  Dieser  aufserst  reiche  Mann  bewirtete  uns 
ganz  auf  europäische  Weise  und  hatte  sogar  ein  holländisches  Tafelservice.  Auch  gab 
mir  dieser  Freund  der  Niederländer  eine  kurze  Beschreibung  der  Kupferzubereitung  nebst 
einer  hübschen  Sammlung  der  progressiv  hergestellten  Produkte,  von  den  rohen  Erz- 
stufen bis  zur  gereinigten  Kupferbarre.  Bei  diesem  Kaufmanne  unterhielten  wir  uns 
sehr  gut  und  begaben  uns  nachher  zu  einem  Vogelverkäufer,  wo  wir  aufser  einigen 
Kranichen  und  Adlern,  deren  Preise  sehr  hoch  waren,  nichts  besonderes  vorfanden. 
Erst  spät  in  der  Nacht  kamen  wir  zu  Hause  an. 

[ 1 2.  Juni.]  Wir  besahen  heute  die  berühmte  Schaubühne  von  Osaka.  Der 
Eingang  produzierte  sich  durch  eine  Reihe  grob  gemalter  Scenen.  Ein  finsterer  Gang 
führte  nach  dem  Schauplatze,  welcher  ziemlich  grofs,  nach  Art  unserer  europäischen 
I heater  gebaut,  aber  roh,  zierdelos  und  daher  blofs  dem  Skelette  einer  Schaubühne 
zu  vergleichen  ist.  Auch  fanden  wir  hier  die  den  Japanern  sonst  in  allem  so  eigene 
Reinlichkeit  und  Nettheit  nicht  vorhanden,  deren  Mangel  jedoch  blofs  der  Nach- 
lässigkeit* der  Spieldirektion  zuzuschreiben  ist.  Man  hat  hier  wie  bei  uns  Parterre, 
Parterrelogen  und  Ranglogen;  jener  Zirkel  aber,  der  bei  uns  die  Galerie  enthält,  ist 
hier  zum  Einlafs  des  Tageslichtes  offen  gelassen;  denn  man  spielt  hier  nicht  abends 
bei  Lampenbeleuchtung,  sondern  den  ganzen  Tag  hindurch.  Durch  das  Parterre 
führen  zwei  brückenartig  erhöhte  Wege  nach  der  Bühne,  über  welche  die  Schau- 
spieler während  des  Aktes  nach  der  Bühne  ziehen,  oder  sich  von  derselben  entfernen 
können;  so  wird  das  Parterre  je  nach  der  Scene  gleichsam  zu  einem  Teil  der  Bühne, 
und  man  sitzt  dann  unter  den  Spielenden.  Diese  Art  ist  von  gröbstem  Effekte  bei 
Aufzügen,  Angriffen  u.  dgh,  wenn  plötzlich  aus  dem  Hintergründe  des  Parterres  eine 
Masse  von  Figuranten  nach  der  Bühne  stürmt,  sowie  sie  andererseits  für  viele 
Situationen  eine  vorteilhafte  Introduction  abgiebt. 

Wir  liefsen  uns  im  Parterre  nieder.  Erst  begann  eine  schlechte  Musik,  nach  chi- 
nesischer Weise,  bestehend  aus  Trommeln  und  einigen  Pfeifen,  die  etwa  eine  Viertel- 
stunde währte.  Hierauf  trat  ein  Schauspieler  hervor,  der  durch  Ablesung  eines  kurzen 
Prologs  die  Darstellung  eröffnete.  Es  wurde  eben  ein  Schauspiel  aufgeführt,  unter 
dem  Namen  Imose  Jama  bekannt.  Die  Schauspieler,  unter  denen  sich  mehrere 
Künstler  ersten  Ranges  befanden,  würden  selbst  in  Europa  allgemeinen  Beifall  erhalten 
haben.  Ihre  Mimik  und  ihre  Deklamation,  worin  sich  der  Nationalcharakter  mit 
dem  oft  ungekünstelten  Ausdrucke  der  Leidenschaften  zu  einem  harmonischen  Ganzen 
vereinte,  verdienten  volles  Lob,  und  ihre  kostbaren  Kostüme  erhöhten  den  Ein- 
druck und  liefsen  uns  die  dürftige  Einrichtung  des  Theaters  selbst  vergessen  Da  blofs 
männliche  Personen  auftreten,  so  verlieren,  wie  gut  sie  sich  auch  in  die  Rollen  der 
Frauen  einstudieren  mögen,  die  Vorstellungen  doch  immer,  und  dies  um  so  mehr,  da 
die  Schauspiele  nur  bei  Tage  stattfinden,  wo  bei  hellem  Sonnenscheine  keine  Kunst 
dem  Manne  die  Reize  weiblicher  Schönheit  ersetzen  kann.  Doch  werden  die  Vor- 
stellungen der  japanischen  Bühnen  dadurch  weniger  beeinträchtigt,  weil  die  Rollen 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826 


223 


selten  junge  Mädchen,  sondern  meistens  abgehärmte,  abgelebte  Damen  der  höheren 
Stände  darstellen.  Den  männlichen  Schauspielern,  welche  durch  zügelloses  Leben 
an  sich  schon  elend  und  verweichlicht  aussehen,  gelingt  daher  die  Rolle  besser, 
als  man  es  in  Europa  glauben  würde.  Die  Bühne  selber  gleicht  der  europäischen, 
und  ein  Vorhang,  der  nicht  fällt,  sondern  von  beiden  Seiten  nach  der  Mitte 
hin  zugezogen  wird,  entzieht  die  Schauspieler  am  Schlüsse  des  Aktes  den  Augen  der 
Zuschauer. 

Die  Dekorationen,  die  im  allgemeinen  dem  Charakter  des  Stückes  gut  angepafst 
sind,  bestehen  aus  der  Zusammenstellung  verschiedener  Geräte.  Man  kennt  das  Ver- 
schieben der  Coulissen  nicht,  dagegen  kann  der  Boden  der  Bühne  auf  einer  Dreh- 
scheibe horizontal  gewechselt  werden,  wodurch  eine  sehr  schnelle  Veränderung  der 
Dekoration  erzielt  wird.  Zu  beiden  Seiten  der  Bühne  sind  Logen  von  Bambus- 
matten angebracht.  In  einer  derselben  sitzt  ein  Schauspieler,  welcher  nach  Art  des 
griechischen  Chorgesanges  die  Lücken  des  Spieles  ergänzt  und  die  Handlung  näher 
beleuchtet;  dies  wird  Sjörorikatari  genannt;  in  einer  andern  Loge  sitzen  Musikanten, 
meist  Samsenspieler  — Samsenhiki  genannt. 

Das  Schauspiel  Imose  Jama  hatte  folgende  Handlung  zum  Gegenstände. 

Ein  Erbkaiser  (Mikado),  Tensitenö,  wurde  wegen  Erblindung  von  einem 
der  Würdenträger  im  Dairi  vom  Throne  gestofsen  und  der  Throninsignien,  des 
Spiegels  und  eines  alten  Schwertes  beraubt.  Der  blinde  Mikado  flüchtet  sich  mit 
einigen  ihm  treu  gebliebenen  Dienern  und  Frauen  und  findet  im  Gebirge  Nara  zu 
Kasuka  bei  einem  alten  armen  Jäger  eine  gastfreundliche  Aufnahme.  Diesem  ist  ein 
Mittel  bekannt,  dem  Erbkaiser  das  Augenlicht  wiederzugeben,  nämlich  das  frische  Blut 
eines  Hirsches.  Allein  bei  Lebensstrafe  ist  verboten,  in  der  Landschaft  Nara  Hirsche 
zu  töten,  da  sie  dem  Gotte  Kaska  daimijosin  geheiligt  sind.  Doch  der  alte  Jäger 
zieht  mit  seinen  Gehülfen  und  seinem  Stiefsohne  zur  Aufspürung  des  Wildes  aus,  er- 
legt  einen  Hirsch  und  bringt  das  frische  Blut  dem  blinden  Erbkaiser.  Inzwischen  wird 
der  Wildfrevel  bekannt,  und  es  kommen  Häscher  und  Soldaten  des  Landesfürsten,  den 
Thäter  aufzuspüren.  Der  alte  Jäger  wird  ergriffen  und  vor  Gericht  geschleppt.  Sein 
Stiefsohn,  dem  seine  Mutter  beständig  Liebe  und  Gehorsam  gegen  seinen  Stiefvater 
eingeprägt  hatte,  beschliefst  durch  Aufopferung  seines  eigenen  Lebens  dasjenige  seines 
Vaters  zu  retten.  Dialog  desselben  mit  einem  jüngeren  Bruder,  dem  er  einen  Brief, 
worin  er  sich  als  Wildfrevler  erklärt,  zur  Übergabe  einhändigt;  der  jüngere  Bruder 
eilt  hinweg  — es  kommen  Häscher,  den  Stiefsohn  zu  ergreifen.  Schmerz  der  Mutter. 
Der  Sohn  erinnert  sie  an  die  ihm  früher  gegebenen  Lehren  und  Aufforderungen, 
seinen  Vater  zu  lieben;  der  Mutter  Schmerz  wird  hierdurch  noch  gesteigert.  Die 
Häscher  reifsen  den  Sohn  aus  den  Armen  der  Mutter.  Kampf  der  mütterlichen  Liebe. 
Die  sechste  Stunde  naht,  wo  der  Sohn  zum  Richtplatz  geführt  werden  soll.  Monolog 
der  Mutter,  deren  Angst  mit  jedem  zunehmenden  Glockenschlage  wächst.  Der  Schau- 
spieler spielte  diese  Rolle  vortrefflich.  — Mit  dem  letzten  Glockenschlage  verstummt 
die  Verzweiflung  der  kummervollen  Mutter  — sie  liegt  in  Ohnmacht.  Der  Vater, 
vom  Gerichte  für  unschuldig  erklärt,  hatte  sich  aus  Vergnügen  hierüber,  da  er  ja  die 
Ursache  seiner  Befreiung  nicht  ahnen  konnte,  betrunken,  kommt  nach  Hause  zurück 
und  findet  seine  Frau  in  dieser  traurigen  Lage.  Er  erfährt  aber  von  ihr  die  Ursache 
ihres  Kummers  nicht  und  kommt  so  zu  den  Dienern  des  Kaisers,  denen  es  auffällt, 
den  alten  Jäger  von  der  Strafe  losgesprochen  und  in  trunkenem  Zustande  zu  sehen. 


224 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Sie  schöpfen  Verdacht,  dafs  derselbe  vielleicht  den  geheimen  Zufluchtsort  des  Mikado 
verraten  habe  und  halten  es  ihm  vor.  Er  kann  auf  keine  andere  Weise  seine  Treue 
gegen  den  Erbkaiser  bethätigen,  als  durch  Aufopferung  seines  eigenen  Sohnes,  den  er 
zum  Beweise,  dafs  er  keinen  Verrat  an  dem  Kaiser  begangen  habe  — töten  will.  Die 
Mutter  sinkt  mit  diesem  zweiten  Sohne  verzweiflungsvoll  hin,  und  der  Vater  erfährt 
nun  den  ganzen  Vorgang.  Doch  inzwischen  kommen  Vornehme,  die  früher  am  Hofe 
des  Mikado  waren,  mit  der  Freudenbotschaft,  dafs  man  beim  Graben  der  Grube, 
worin  der  Wildfrevler  lebendig  begraben  werden  sollte,  einen  Schatz  gefunden  habe, 
nämlich  die  Insignien  des  kaiserlichen  Thrones,  die  jener  Thronräuber  im  Gebirge  ver- 
borgen hatte,  wodurch  dem  Sohne  das  Leben  gerettet  sei;  und  nun  kommt  der  Stief- 
sohn im  Triumphe  mit  dem  fürstlichen  Gefolge,  den  Spiegel  und  die  alte  Waffe  dem 
Mikado  zu  überbringen,  der,  gerade  von  seiner  Blindheit  geheilt,  mit  den  ihm  über- 
brachten Insignien  auszieht,  seinen  Thron  wieder  zu  erlangen. 

[13.  Juni.]  Viele  Besuche  von  Freunden  und  Bekannten.  Abreise  auf  morgen 
anberaumt. 


, Rückreise  von  Osaka  nach  Nagasaki. 

Übersicht.  Dünganstalten.  — Stadt  Hiögo.  — Hafen.  — Strafse  zwischen  Akasi  und  der  Insel 
Awasi.  — Insel  Jesima.  — Flora.  — Tauglicher  Platz  zur  Ausbesserung  der  Schiffe.  — Tomo.  — 
Hafen.  — Bugsierweise.  — Gebirgsflora.  — Karninoseki.  — Flora.  — Kaminoseki  seto.  — Bildung 
der  Augenlider.  — Genügsamkeit  der  Norimonträger.  — Rückkehr  in  Dezima. 

[14.  Juni.]  Mittags  verlassen  wir  Osaka  und  reisen  zu  Schiffe  auf  dem  Jodo- 
gawa  nach  Amakasaki.  Auf  diesem  fischreichen  Flusse  ruderten  wir  südwestlich 
und  westlich  durch  die  Stadt,  deren  Gröfse  und  Bevölkerung  sich  hier  im  hellsten 
Lichte  zeigte.  Die  beiden  Ufer,  von  Wohn-  und  Packhäusern  umrahmt,  waren  sehr 
belebt;  unsere  Durchfahrt  lockte  auch  eine  Menge  Zuschauer  herbei.  Es  lagen  hier 
mehrere  Fahrzeuge  der  Landesfürsten  vor  Anker,  unter  welchen  sich  einige  durch 
Eleganz  der  Bauart  und  Gröfse  auszeichneten.  Längs  den  Ufern  des  Asigawa,  eines 
Armes  vom  Jodogawa,  standen  hier  und  da  Trauerweiden  (Salix  Japonica,  Th.)  und 
erhöhten  die  Anmut  der  Gegend.  Die  Landschaft  ist  durchgehends  eben,  der  Boden 
sandig  und  verdankt  nur  dem  unverdrossenen  Lleifse  der  Landleute  seine  Frucht- 
barkeit. Aus  der  Stadt  Osaka  kommen  häufig  besonders  eingerichtete  Schiffe 
mit  Fäkalien  beladen,  diesem  in  ganz  Japan  gebräuchlichen  Dünger,  womit  man  den 
Sommer  über  die  verschiedenen  Gartengewächse  und  selbst  Getreide  zu  begiefsen 
pflegt.  Infolge  davon  sind  in  den  Monaten  Juni,  Juli  und  August  oft  ganze  Land- 
schaften, namentlich  die  umliegenden  Gegenden  bedeutender  Städte,  verpestet,  was 
höchst  störend  auf  den  Genufs  der  herrlichen  Natur  einwirkt.  Vor  Amakasake  stiegen 
wir  ans  Land  und  gingen  zu  Fufs  durch  dies  lange,  teilweise  aus  dürftigen  Woh- 
nungen bestehende  Städtchen.  Der  Weg  führt  von  hier  durch  eine  fleifsig  angebaute 
Ebene  nach  Nisinomia,  wo  wir  übernachteten. 

[15.  Juni.]  Wir  verlassen  Nisinomia  und  kommen  wieder  durch  die  früher  an- 
geführten, mit  so  bewunderungswürdigem  Lleifse  dem  sterilen  Boden  abgewonnenen 
Getreidefluren.  Gegenwärtig  Ernte  des  roten  und  glatten  Weizens.  Auch  wurde  hier 


;■  > 


Reisen.  2»  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826.  225 

und  da  der  Reis  verpflanzt  und  die  Stoppeläcker  wieder  gepflügt.  Heute  eine  drückende 
Hitze  von  88-90°  Fahrh.;  diese  wurde  streckenweise  durch  die  von  dem  Dünger- 
geruche  verunreinigte  Luft  noch  unerträglicher.  Wir  ruhen  in  einem  Dorfe  in  einem 
sehr  einladenden  Theehause,  wo  in  den  Vorzimmern  die  auf  Cederbrettchen  geschriebenen 
Namen  einiger  40  Landesherren,  den  angenehmen  Aufenthalt  daselbst  bezeugen.  Auf- 
fallend war  mir  ein  auf  ein  Strohbrettchen  gebautes  Schwalbennest  mit  flüggen  Jungen, 
welches  an  einem  Bindfaden  hängend  frei  in  der  Gallerie  schwebte.  Das  Nest  selbst 
war  von  den  gewöhnlichen  Baustoffen  der  Schwalben  verfertigt,  aber  rund,  wie  die 
Nester  der  andern  Vögel  und  also  nicht  in  der  bei  Haus-  oder  Mauerschwalben  ge- 


Fig.  24.  Der  Strudel  Naruto. 


wohnlichen  Form.  Ich  hörte,  dafs  seit  8 Jahren  diese  Schwralbe  auf  eben  genannte 
Weise  nistete.  Gegen  Mittag  kamen  wir  in  Hiögo  an. 

[Vom  1 6.  bis  zum  18.  Juni.]  Gegenwand  hielt  unsere  Fahrzeuge,  die  unsere 
Güter  von  Osaka  hierher  bringen  sollten,  zurück,  wodurch  unsere  Einschiffung  auf 
einige  Tage  verschoben  wurde.  Wir  benützen  die  Mufse  zu  Spaziergängen  in  diesem 
Städtchen.  Hiögo  ist  16  Strafsen  grofs  und  hat  16000  Einwohner;  es  ist  durch  den 
an  der  Seite  gelegenen  Hafen  äufserst  lebhaft. 1 Alle  Artikel  für  Seeleute,  sowie  die 

o o 

gewöhnlichen  Lebensbedürfnisse  werden  hier  in  einer  langen,  durch  die  Stadt  hin- 
ziehenden Strafse  in  ziemlich  guten  Kramläden  feilgeboten.  Aufserdem  verkauft  man 

1 Bekanntlich  ist  Hiögo  inzwischen  der  zweitgrößte  dem  Weltverkehr  eröffnete  Halen  geworden. 
Note  zur  2.  Auflage. 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


226 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


hier  sehr  gute  Strohmatten  und  gegossene  Eisenwaren.  Der  Hafen  bildet  an  der  Ostseite 
einen  Halbzirkel  von  etwa  einer  japanischen  Meile.  In  demselben  liegen  beständig  sehr 
viele  gröfsere  und  kleinere  Fahrzeuge,  und  vor  ihm  sieht  man  eine  unzählige  Menge 
von  solchen  auf  der  Fahrt  nach  Osaka  begriffen.  Ich  glaube  nicht,  dafs  irgendwo  in 
der  Welt  eine  so  ungeheure  Zahl  grofser  und  kleiner  Fischer-  und  Handelsschiffe  unter 
Segel  sind,  als  hier  in  der  Bai  zwischen  Hiögo  und  Osaka.  Man  versicherte  mir, 
dafs  bei  dieser  grofsen  ersten  Handelsstadt  des  Japanischen  Reiches  täglich  an  zehn- 
tausend Fahrzeuge  einlaufen.  Hunderte  kann  man  mit  blofsem  Auge  von  den  meisten 
Plätzen,  die  eine  freie  Aussicht  auf  die  Seeküste  gewähren,  zählen.  Auf  den  Ufern, 
die  zu  beiden  Seiten  mit  Sand  bedeckt  sind,  werden  bisweilen  selbst  grofse  Fahrzeuge 
gebaut  und  ausgebessert.  Die  hiesige  Schiffswerft  ist  sehr  berühmt.  Der  Hafen  soll 
durchgehends  über  8 Fufs  tief  sein,  und  die  Fahrzeuge  von  bedeutender  Gröfse,  die 
man  so  nahe  am  Ufer  sieht,  bestätigen  dieses.  Hinter  der  Stadt  Hiögo  erstreckt  sich 
von  N.  nach  S.  ein  ziemlich  hohes  Gebirge.  Während  von  Osaka  bis  kurz  vor  Hiögo 
sich  eine  Ebene  ausbreitet,  bilden  die  Berge  Majasan  und  Takaijama  eine  mächtige 
Schutzmauer  für  diese  Küste  und  geben  für  diesen  stark  besuchten  Hafen  die  Grund- 
bedingungen für  seine  Existenz.  Ich  besuchte  das  für  uns  bestimmte  Schiff;  es  war 
dasselbe,  auf  welchem  wir  von  Simonoseki  nach  Muru  gefahren  waren.  Ich  belegte 
einen  bequemen  Platz  zur  Aufbewahrung  meiner  Gewächse  und  Tiere,  die  ich  jedoch 
teilweise  auf  einem  besonders  gemieteten  Fahrzeuge  unterbringen  mufste. 

[19.  Juni.]  Begeben  uns  nachmittags  an  Bord  und  lichten  gegen  Abend  bei 
günstigem  NO. -Winde  die  Anker  und  durchsegeln  die  nördliche  Strafse  zwischen 
Akasi  und  der  Insel  Awadsi.  Das  Fahrwasser  in  dieser  Strafse  ist  tief  und  konnte 
mit  50  Faden  nicht  ergründet  werden.  Die  Seeleute  geben  die  Tiefe  auf  70  Faden  an. 
Auf  der  Seite  von  Akasi  bestand  der  Boden  aus  Felsengrund,  auf  der  von  Awadsi 
aus  Sand.  Die  südliche  Strafse,  die  zwischen  der  SW. -Spitze  von  Awadsi  und 
NO. -Küste  von  Awa  durchführt,  heifst  Narutö,  d.  i.  Thor  des  Geräusches,  von  der 
heftigen  Brandung  des  reifsenden  Stromes  so  benannt.  Siehe  Fig.  24. 

[20.  Juni.]  Befinden  uns  am  Morgen  auf  der  Höhe  von  Muru,  nehmen  Fänge- 
observation mit  Chronometer,  die  Insel  Jasima  und  Awadsi  im  Gesichte.  Der  W. -Punkt 
von  Jasima  N.  zu  W.  45 °,  Nordpunkt  von  Awadsi  N.  zu  O.  87°,  der  S. -Punkt  S.  zu 
O.  14°.  Es  tritt  Stille  ein,  nehmen  Mittagshöhe.  Gegen  Abend  etwas  Wind,  müssen 
jedoch  um  Mitternacht  die  Anker  fallen  lassen. 

[21.  Juni.]  Befinden  uns  am  Morgen  auf  der  Höhe  von  Muru. 

Morgens  lichten  wir  die  Anker.  Stille.  Treiben  in  den  Kanal,  der  durch  die  Halb- 
insel Hibi  und  die  Küste  der  Fandschaft  Sanuki  gebildet  wird.  Haben  19  — 20  Faden 
tief  Sand  mit  Muschelgrund.  Gehen  nachmittags  wieder  vor  Anker.  Dr.  Bürger  und 
ich  setzen  auf  einem  Fahrzeuge  nach  der  Insel  Jasima  über,  finden  hier  ein  sehr 
freundliches  Dörfchen  Siwaku,  dessen  gut  gebaute,  durchgehends  mit  Dachziegeln  ge- 
deckte Häuser  einigen  Wohlstand  verraten.  Hier  ist  ein  sehr_  bequemer  Platz,  um 
Schiffe  auszubessern,  der  günstigste  zwischen  Simonoseki  und  Osaka.  Fs  ist  nämlich 
durch  eine  6 Fufs  dicke,  aus  Granit  errichtete  Mauer  ein  grofser  Platz  an  der  Küste 
von  der  See  abgeschlossen,  so  dafs  bei  hohem  Wasser  selbst  die  gröbsten  Fahrzeuge 
durch  ein  besonderes  Thor  einlaufen  und  bei  eintretender  Ebbe  ganz  trocken  liegen 
und  auf  das  genaueste  untersucht  werden  können.  Man  war  eben  mit  Ausrüstung 
mehrerer  Fahrzeuge  beschäftigt,  von  denen  man  einige  durch  ringsum  angelegte  Stroh- 


Reisen  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


227 


feuer  von  den  nachteiligen  Schiffswürmern  zu  befreien  suchte.  An  der  Küste 

O 

fanden  wir  nichts  Besonderes,  einige  Chenopodien,  Sonchus  oleraceus,  Phyllanthus, 
Solanum  nigrum,  einige  Bromusarten  nebst  Rosensträuchern,  die  hier  und  da  über 
die  Felsen  herabhingen.  Die  Gebirge  bestehen  aus  Granit,  der  in  grofsen  Blöcken 
die  Ufer  bedeckt.  Wir  bestiegen  einen  Bergrücken,  der  aber  eine  ziemlich  ver- 
kümmerte Flora  darbot.  Zwergtannen  und  Eichen,  Euryen,  Lespedezen,  Smilax  China, 
Rosen,  alle  äufserst  niedrig,  kaum  einige  Fufs  hoch,  durchwachsen  mit  Anthemis 
grandiflora,  Prunella,  Cyperus  und  einigen  Gräsern,  an  einigen  Stellen  Gonocarpus 
und  einige  wenige  mir  nicht  genau  bekannte  Gewächse.  Wir  rasteten  in  einem 
Bauernhause  und  kehrten  gegen  Abend  an  Bord  zurück.  Hier  und  da  ist  die  Insel 
bebaut  und  produziert  Getreide-  und  verschiedene  Gemüsearten. 

[22.  Juni.]  Lavieren  gegen  Abend  nach  der  Küste  von  Bingo  und  gehen  eine 
halbe  Meile  vom  Lande  vor  Anker. 

[23.  Juni.]  Werden  am  Morgen  von  Bugsierfahrzeugen  in  den  Hafen  von  Tomo 
gebracht.  Begeben  uns  gegen  Mittag  nach  Tomo  ans  Land,  ein  sehr  schön  gelegenes,  durch 
die  Schiffahrt  sehr  belebtes  Städtchen  mit  vielen  Kramläden,  gröfstenteils  mit  Kauf- 
waren für  Seeleute  und  Stroharbeiten,  als  Matten,  Seile,  Hüte,  Schuhe  etc.  Der  Hafen, 
an  der  NO. -Seite  gelegen,  gewährt  den  durchgehends  kleinen  japanischen  Lahrzeugen 
einen  sehr  vorteilhaften  Ankerplatz,  der  durch  eine  sehr  starke  Mauer  auf  der  N. -Seite 
und  auf  der  SW. -Seite  durch  das  Städchen  und  hohe  Berge  geschützt  ist.  Vor  dem 
Hafen  fanden  wir  die  See  drei  Laden  tief,  der  Hafen  selbst  ist  jedoch  noch  seichter 
und  meines  Erachtens  für  europäische  Schiffe  unzugänglich.  Doch  kann  man  etwa 
in  einer  Entfernung  von  einer  halben  Meile  unter  denselben  günstigen  Umständen  vor 
Anker  gehen.  Das  Städchen,  15  Strafsen  lang,  verkündet  durch  die  gut  unterhaltenen 
Wohnungen  Wohlstand  und  scheint  mehrere  tausend  Einwohner  zu  zählen.  Wir 
besuchten  einige  Häuser,  wo  wir  gut  aufgenommen  wurden,  einen  Tempel,  berühmt 
durch  seine  schöne  Lage  und  freie  Aussicht,  nicht  minder  als  Aufenthaltsort  der  Ko- 
reaner, wenn  diese  etwTa  durch  Schiff bruch  an  die  Küste  von  Nippon  verschlagen 
werden.  Ich  begab  mich  nach  dem  aufserhalb  des  Städchens  gelegenen  Tempel 
Iwosi  und  stieg  einige  hundert  Fufs  den  steilen  Berg  hinan,  auf  dessen  Rücken  dieser 
Tempel  liegt.  Die  Flora  dieser  Berge  bestand  aus  Eichen,  Quercus  glauca,  Tannen, 
Kastanien,  Celtis,  Licus  erecta,  Azaleen,  Elaeagnusarten,  Rhus  succedaneum,  Bambus, 
Dolichos  polystachios,  durch  die  andern  Bäume  sich  windend.  Auf  Rhus  succedaneum 
fand  ich  Maikäfer,  der  Gröfse  und  Gestalt  nach  ganz  den  unserigen  gleichend,  doch 
durch  Larbe  des  Schildes  und  Bauches  verschieden.  Ist  es  eine  ursprüngliche  Species 
oder  hat  Klima  und  Nahrung  diese  Veränderung  hervorgebracht?  Kommen  am  Abend 
an  Bord  und  werden  um  Mitternacht  durch  30  Bugsierfahrzeuge  aus  dem  Hafen  gebracht. 

1 24.  Juni.]  Noch  immer  ungünstiger  Wind,  werden  von  Insel  zu  Insel  durch 
Lischerfahrzeuge  bugsiert  und  lassen  am  Abend,  etwa  drei  Meilen  weit  von  Mitarai, 
die  Anker  fallen.  Um  Mitternacht  bei  eintretender  Flut  weiter  bugsiert,  kommen  durch 
die  oben  erwähnte  Meerenge  und  lassen  vor  Mitarai  die  Anker  killen. 

(25.  Juni.]  Kommen  einige  Patienten  vom  Städtchen  Mitarai,  mich  zu  konsul- 
tieren, unter  welchen  sich  ein  junges  Mädchen  von  17  Jahren  befand,  das  nach  An- 
gabe seiner  Mutter  bisweilen  Anfälle  von  Andromanie  bekam.  Ich  gab  der  Mutter 
nebst  einer  diätetischen  und  psychologischen  Vorschrift  den  Rat,  die  Tochter  bald  zu 
verheiraten,  was  das  Mädchen  mit  freundlichem  Lächeln  aufnahm.  Es  ist  bemerkens- 


228 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


wert,  wie  in  den  Symptomen  einer  psychischen  Krankheit  die  nationalen  Sitten  hervor- 
treten. So  z.  B.  färbte  das  Mädchen  sich  beim  Anfalle  der  Krankheit  die  Zähne 
schwarz,  was  dort  das  allgemeine  Zeichen  einer  verheirateten  Frau  ist.  — Günstiger 
Ostwind  beginnt  gegen  Abend  frisch  zu  wehen,  gehen  daher  westlich  bei  der  Insel 
Kamuro  vor  Anker.  Des  Nachts  harter  Wind  mit  Platzregen,  gegen  Morgen  3 Uhr 
Sturm,  müssen  mehrere  Anker  werfen,  um  nicht  wegzutreiben.  Glücklicherweise 
weht  der  Sturm  aus  O.  von  der  Seite  des  Insellandes. 

[26.  Juni.]  Noch  immer  harter  Wind  und  Regen,  daher  schwierig  bei  ganz 
bezogenem  Horizonte  durch  Erkennen  des  Landes  (das  einzige  Mittel  der  Japaner,  hier 
zu  segeln)  den  Weg  zu  finden.  Gehen  jedoch  nachmittags  bei  etwas  aufgeheitertem 
Himmel  unter  Segel,  laufen  am  Abend  durch  die  Meerenge  Kaminoseki  seto  in  den 
Hafen  von  Kaminoseki.  Abends  und  nachts  heftiger  Wind.  Barometer  auf  27"  ge- 
fallen, früher  beständig  auf  18'  1"  2"' , Thermometer  69°,  Hygrometer  550. 

1 27.  Juni.]  Ungünstiger  Wind,  übrigens  gute  Witterung.  Bleiben  vor  Anker 
liegen.  Gegen  10  Uhr  begebe  ich  mich  mit  Dr.  Bürger  ans  Land,  sehen  uns  in 
Kaminoseki  um,  einem  Städtchen  von  etwa  250  Häusern  und  2000  Seelen.  Der  ge- 
schützte, häufig  besuchte  Hafen  gewährt  den  Bewohnern  einen  reichlichen  Nahrungs- 
zweig. In  einem  Tempel,  dem  Abdono  kwanon  geweiht,  werden  w7ir  auf  Ordre 
des  Landesherrn  erwartet.  Wir  konnten  jedoch,  obgleich  uns  die  Priester  wiederholt 
ersuchten,  anständigerweise  nicht  dahin  gehen,  w7eil  unser  Gesandter  ein  von  den 
Priestern  feierlich  angebotenes  Geschenk,  bestehend  in  zu  dieser  Jahreszeit  vorkommenden 
Gemüsen,  ausgeschlagen  hatte.  Seit  16  Jahren  waren  hier  keine  Holländer  ans  Land 
gekommen,  und  doch  wurde  der  einmal  gegebene,  so  gastfreundliche  Befehl  des  Landes- 
herrn strikt  befolgt.  Werden  sie  nach  der  Erfahrung,  die  sie  mit  uns  gemacht,  künftig 
in  diesem  freundlichen  Entgegenkommen  verharren?  Wir  erfrischten  uns  in  einem 
Theehause,  worauf  uns  ein  dienstwilliger  Mann,  Namens  Murawozen  Jorowo,  durch 
die  nahe  liegende  bergige  Gegend  von  Kaminoseki  führte.  Die  Rücken  und  Thäler 
der  Hügel  waren  wenig  bebaut  und  gegenwärtig  nur  mit  Bohnen,  Phaseolus  atsuki, 
bepflanzt;  die  Flora  der  Hügel,  die  wir  bestiegen,  bestand  aus  Cypressus,  Quercus 
glauca  und  cuspidata,  Elaeagnusarten,  Mimosa  arborea,  Aralia  midsute,  Buche,  Ligu- 
strum  Japonic. , Dolichos  polystachios,  Laurineen  mit  Bladhia  villosa,  Bladhia  jap., 
Chloranthus  jap.,  Phryma  leptostachia  und  einigen  nicht  blühenden  Kräutern  und  Gräsern 
durchwachsen.  Höher  fand  ich  Azaleenarten,  Pinus  Andromedea.  Auf  der  Spitze  eines 
Hügels  überraschte  mich  ein  durch  aufgehäufte  Steine  bezeichneter  Grabhügel.  Hier 
sollen  zu  Zeiten  des  Nobunaga  sechs  Krieger  in  einem  Scharmützel  gefallen  und  be- 
graben worden  sein.  Dieses  einfache  Grab  fand  ich  eben  mit  blühenden  Zweigen 
von  Azalea  und  Tannenwedeln  geziert  und  dadurch  das  Andenken  der  Helden  nach 
so  vielen  Jahrhunderten  durch  einfache  Landleute  geehrt.  Unser  Führer  geleitete  uns 
in  einen  Garten,  am  Ausgang  der*  Meerenge  von  Kaminoseki  seto  gelegen,  wo  wir 
einige  seiner  Zeichnungen  besahen  und  ihn  ersuchten,  eine  Zeichnung  von  Kaminoseki 
und  der  Meerenge  zu  verfertigen,  welche  ich  auch  alsbald  erhielt;  wir  gingen  hierauf 
wieder  an  Bord.  Nachmittags  fuhren  wir  auf  einem  kleinen  Fahrzeuge  nach  der  Meer- 
enge, um  deren  Tiefe  zu  erforschen.  Wir  warfen  in  verschiedenen  Richtungen  das 
Lot,  woraus  sich  ergab,  dafs  bei  eintretender  Ebbe  das  Fahrwasser  in  der  Mitte  des 
Kanals  5 — 6 Faden,  zu  beiden  Seiten  des  felsigen  Ufers  zwischen  3 — 2 Faden,  nahe 
am  Hafen  7 — 10  Faden  und  noch  tiefer  ist.  So  liefse  sich  auch  dieser  Hafen  von 


Reisen.  2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


22  9 


europäischen  Fahrzeugen,  die  hier  einen  sehr  vorteilhaften  Ankerplatz  finden  werden, 
besuchen,  und  jeder  Schiffer  wird  sie  als  Lotse  von  da  bis  auf  die  Höhe  bringen, 
wo  sie  die  SW.-Spitze  von  Sikok  und  die  NO. -Spitze  von  Kiusiu  zu  Gesicht  bekommen. 
Wir  besuchten  hierauf  Murotsu  auf  der  SW. -Seite  von  Nippon,  einen  kleinen  Ort,  der 
weniger  besucht  ist,  als  Kaminoseki.  Die  durchgehends  schlecht  gebauten  Wohnhäuser 
verrieten  Dürftigkeit.  Von  hier  wurden  wir  nach  unserem  Fahrzeuge  gerufen,  welches 
auf  Andringen  des  Gesandten  noch  am  Abend  unter  Segel  ging,  jedoch  bei  zu 
schwachem  Winde  nur  bugsiert  werden  konnte.  Am  Morgen  fanden  wir  uns  noch 
wenig  gefördert,  im  Gesichte  von  Kiusiu,  wo  sich  eine  gute  Gelegenheit  fand  zu  einer 
Längenobservation. 

[28.  Juni.]  Nahmen  Mittagsbreite  und  Kompafsobservation  von  den  Eilanden 
Iwamisima  und  Himesima  und  befanden  uns  demnach  nicht  sehr  weit  von  Simono- 
seki.  Die  Insel  Himesima  kann  den  Seefahrern,  die  aus  der  Strafse  van  der  Capellen 
kommen  und  durch  die  Strafse  zwischen  Sikoku  und  Kiusiu  in  die  hohe  See  auslaufen 
wollen,  als  der  sicherste  Wegweiser  dienen,  wozu  das  Kap  Tsurusaki,  das  man  noch 
früher  deutlich  erkennt,  ebenfalls  einen  festen  Anhaltspunkt  giebt.  Auf  der  Höhe  von 
Himesima  wird  man,  die  O. -Spitze  dieses  Eilandes  umsegelnd,  die  Strafse  in  die  hohe 
See  nicht  verfehlen.  Da  mich  die  einbrechende  Nacht  befürchten  liefs,  für  das  Ein- 
segeln in  die  Strafse  keine  Skizzen  mehr  entwerfen  zu  können,  versuchte  ich  noch 
von  weitem  eine  Skizze  der  Umrisse  zu  machen.  Der  Berg  Dairi,  die  Landspitzen 
Misaki  und  Motojama,  welch  letztere  ich  mit  dem  Berge  Himojama  NW.  68°  peilte, 
sind  beim  Einsegeln  gute  Anhaltspunkte,  W.  und  später  mehr  N.  anliegend.  Zwischen 
den  Bergen  der  Landschaft  Nagato  und  dem  Berge  Himojama  ist  der  Eingang  in  die 
Strafse.  Ich  möchte  glauben,  dafs  die  Fahrzeuge  der  Japaner  bei  der  so  häufigen 
Fahrt  nach  Simonoseki  die  besten  Lotsen  sind.  Wir  blieben  die  Nacht  über  unter 
Segel.  Im  Dunkel  der  Nacht  konnte  ich  zu  meinem  gröbsten  Leidwesen  keine  Kom- 
pafsobservation mehr  machen.  Etwa  eine  Meile  von  Danoura  liefs  ich  loten  und  fand 
4 — 4 1/2  Faden,  gegen  die  Strafse  hin  aber  wurde  die  See  tiefer.  Durch  die  Strafse 
selbst,  durch  den  starken  Strom  schnell  getrieben,  konnten  wir  vom  Schiff  aus  nur 
dreimal  das  Lot  werfen,  und  ich  fand  6 1 / 2 — 7 Faden.  Doch  gab  ich  gleich  am  Morgen 
meinen  Schülern  den  Auftrag,  die  Strafse  nach  allen  Richtungen  genau  abzuloten,  was 
ich  auf  meiner  Karte  verzeichnete.  Wir  kamen  nach  zwei  Uhr  auf  der  Rhede  von 
Simonoseki  an,  wo  wir  auf  5 Faden  Anker  warfen.  Ich  ging  ans  Land  und  fand  alle 
meine  Tiere  und  lebenden  Gewächse,  die  ich  bereits  mit  früheren  Fahrzeugen  hierher 
versendet  hatte,  im  guten  Stande  an. 

[29.  Juni.]  Erhalte  das  Dokument  für  die  Strafse  van  der  Capellen,  besuche 
meine  Freunde,  Nachrichten  über  Simonoseki. 

[30.  Juni.]  Werden  nachmittags  nach  Kokura  übergesetzt,  Nachrichten  über 
das  Fahrwasser,  lasse  es  so  viel  als  möglich  loten. 

[1.  Juli.]  Verlasse  Kokura,  ziehe  durch  die  früher  beschriebene  schöne  Land- 
schaft, deren  Vegetation  gegen  die  früher  besuchten  Eilande  einen  grofsen  Kontrast 
bietet.  Viele  Reisfelder;  man  verpflanzt  hier  jetzt  erst  den  Reis.  Nachmittags  zu 
Kojanose,  abends  in  Itsuka. 

[2.  Juli.]  Brechen  mit  Tagesanbruch  auf  und  durchziehen  die  Gebirge  Iketa 
jama  und  Hömantake,  am  Fufse  und  auf  dem  Gipfel  des  Gebirges  wird  dem  alten 
Gebrauche  zufolge  Sake  getrunken.  Der  Wirt  hatte  den  früher  erhaltenen  Auftrag, 


230 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


seltene  Gewächse  dieses  Gebirges  zu  sammeln,  nicht  gewissenhaft  ausgeführt  und  über- 
giebt  mir  nur  einige  Sträuche,  worunter  jedoch  eine  seltene  Daphne  sich  befand. 
Eine  seit  Kokuru  fortdauernde  Unpäfslichkeit  hinderte  mich,  bei  einer  Hitze  von  90 0 
selber  die  Flora  dieses  Gebirges  zu  durchsuchen;  was  ich  jedoch  vom  Norimono  aus 
beobachtete,  verriet  aufser  den  auf  Kiusiu  gewöhnlichen  Berggewächsen  nichts  Be- 
sonderes. Mein  Schüler  Rosai  durchsuchte  das  Gebirge  und  brachte  mir  einige  Pflanzen, 
die  ich  bereits  früher  auf  Nippon  gesehen  hatte.  In  einem  Dorfe  zog  die  auffallende 
Bildung  der  Augenlider  einer  Frau  meine  besondere  Aufmerksamkeit  auf  sich  und 
lieferte  einen  Beweis  zu  meiner  früher  gewonnenen  Ansicht,  dafs  nämlich  bei  mehr 
eingedrückten  Os  nasi  diese  Stelle  breiter  erscheint  und  die  oberen  Augenlider  mehr 
über  die  unteren  heruntergezogen  werden.  Hier  hatten  die  oberen  Augenlider  die 
unteren  so  sehr  eingedrückt,  dafs  blofs  eine  kleine  Öffnung  für  den  Augapfel  blieb. 
Aus  der  Ferne  hatte  ich  diese  Frau  für  blind  gehalten.  Wir  setzten  unsere  Reise  über 
Jamaga  fort  und  kamen  sehr  erhitzt  abends  in  Tasino  an. 

[3.  Juli.]  Wir  verlassen  mit  Tagesanbruch  unsere  Herberge,  nachdem  wir  durch 
eine  unzählige  Menge  Mosquitos,  diese  lästigen  Plagegeister,  welche  besonders  in 
Ortschaften,  welche  in  der  Nähe  von  Reisfeldern  gelegen  sind,  sich  fühlbar  machen, 
wenig  Ruhe  genossen  hatten.  Wir  durchzogen  heute  die  sehr  fruchtbaren  Ebenen 
der  Fandschaft  Hisen  und  wohl  die  reichsten  an  Reis,  die  ich  während  dieser  Reise 
gesehen.  Man  hat  hier  ebenfalls  erst  vor  kurzem  den  Reis  verpflanzt  und  war  selbst 
hier  und  da  noch  hiermit  beschäftigt.  Die  aufserordentliche  Hitze  scheint  den  jungen 
Reispflanzen  nachteilig  zu  sein,  da  sie  durchgehends  gelb  aussahen,  auch  waren  die 
Felder  noch  zu  wenig  bewässert,  was  dem  in  der  Regenzeit  zu  wenig  gefallenen 
Regen  zuzuschreiben  ist,  doch  auch  für  diesen  Fall  ist  durch  die  auf  den  Bergen  an- 
gelegten Seen  und  Wasserleitungen  Vorsorge  getroffen. 

Wir  hielten  Mittag  zu  Kansaki  und  kamen  sodann  nach  Zurücklegung  einiger 
Meilen  nach  Hikao,  wo  eine  Menge  Neugieriger  aus  der  Stadt  Saga  uns  erwartete, 
unter  welchen  sich  auch  die  Familie  des  Fürsten  von  Hizen  befand.  Wir  durchzogen 
hierauf  die  Stadt  Saga,  die  ansehnlichste  Stadt  von  Kiusiu,  mit  ihren  Vorstädten 
21/2  Ri  sich  ausdehnend.  Doch  bemerkte  ich  wenige  Kaulläden.  Wir  wurden  von 
einer  lästigen  Menge  zweisäbliger  Bedienter  des  Fandesherrn  umringt,  welche  mit 
einem  Haufen  von  Zuschauern  die  92 0 heifse  Atmosphäre  noch  unerträglicher  machten. 
In  den  zur  Bewässerung  der  Reisfelder  angelegten  Kanälen  bemerkte  ich  einige  inter- 
essante Gewächse,  als  Nymphaea  odorata,  Trapa  natans  und  Euryale  ferox.  Eine  Reis- 
art, Wase,  welche  früher  verpflanzt  war,  stand  eben  sehr  üppig,  während  dagegen 
die  eben  jetzt  verpflanzte  Art  sehr  kümmerlich  aussah.  Wir  wurden  durch  die  Sol- 
daten des  Fandesherrn  mit  grofser  Auszeichnung  durch  das  ganze  Fand  begleitet. 
Die  Wege  waren  überall  gut  gehalten.  Wir  kamen  mit  einbrechendem  Abend  zu 
Flsitsu  an,  wo  wir  übernachteten. 

[4.  Juli.]  Auch  heute  führte  uns  noch  immer  der  Weg  durch  die  fruchtbare 
Ebene,  gröfstenteils  Reisfelder,  mit  deren  Bearbeitung,  Verpflanzung,  Jäten  und  Be- 
wässerung durch  Tretwassermühlen  die  Feute  beschäftigt  waren.  Wir  standen  heute 
eine  unerträgliche  Hitze  aus,  welche  durch  die  Windstille  im  Thale  noch  lästiger 
wurde.  Es  ist  für  den  Reisenden  ein  unangenehmes  Gefühl,  unter  solchen  Umständen 
von  Menschen,  die  durch  die  Fast  und  die  Hitze  erschöpft  sind,  getragen  zu  werden,  und 
es  ist  gut,  dafs  sie  selbst  das  Erniedrigende  und  Harte  ihres  Standes  nicht  fühlen;  denn  wenn 


Reisen. 


2.  Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826. 


23I 


sie  ihren  brennenden  Durst  mit  Wasser  aus  den  Kübeln,  die  vor  den  Bauernwohnungen 
auf  der  Strafse  stehen,  gelöscht  haben,  beginnen  sie  unter  sich  scherzhafte  Gespräche, 
deren  Gegenstand  meistens  wir  selbst  sind.  Wir  erregen  bei  den  gemeinen  Japanern 
manchmal  Erstaunen,  kommen  ihnen  aber  auch  öfters  lächerlich  vor.  Wir  hielten  zu 
Tsukasaki  Mittag,  kamen  durch  das  Gebirge  Sansagatöge  nach  Uresino.  Die  Flora 
dieses  Gebirges  ist  fast  dieselbe  wie  die  in  der  Umgegend  von  Nagasaki.  Die  höheren 
Bergrücken  sind  durchgeh ends  mit  Grasarten  und  niedrigen  Sträuchen  bewachsen,  als 
Änthistirien,  Andropogon  und  Erianthus,  Smilax  China,  Vitisarten,  Rosen,  Quercus 
serrata,  Lespedezza,  Bergweiden,  Dolichosarten,  verkrüppelte  Pinus,  Elaeagnus, 
Euryen,  Rubus,  Indigofera  und  einigen  wenigen  strauchartigen  Kräutern.  Wir  kommen 
vor  einem  Dorfe  einem  Leichenzuge  entgegen;  es  war  ein  Kind,  das  eben  an  den 
Blattern  gestorben  war.  Abends  in  Uresino,  berühmt  durch  seinen  Theebau. 

[5.  Juli.]  Morgens  führte  uns  ein  Bergweg,  angenehm  für  Fufsgänger,  doch  be- 
schwerlich für  Lastträger  und  Lasttiere,  von  Uresino  nach  dem  alten  berühmten  Kampher- 
baum,  wo  wir  uns  mit  Thee  erfrischten.  Ich  hatte  meinen  Zeichner  vorausgeschickt, 
um  eine  Skizze  von  diesem  merkwürdigen  Baume  anzufertigen.  Jetzt  stiegen  wir  in 
das  Thal  von  Sonögi  hinab  und  genossen  eine  sehr  anmutige  Aussicht  auf  die  Bai 
von  Omura.  In  Sonögi  halten  wir  Mittag  und  setzen  hierauf  längs  des  Seestrandes 
unsere  Reise  nach  Omura  fort.  Es  herrschte  eine  drückende  Hitze,  das  Thermometer 
stand  ungeachtet  des  hier  wehenden  Seewindes  auf  90  °.  Das  gestern  und  heute  er- 
stiegene Gebirge  trug  überall  das  Gepräge  vulkanischer  Revolutionen,  die  aufser  den 
früheren  Merkmalen  noch  durch  das  Vorkommen  von  Schwefel  und  blasigen  Basalt- 
blöcken deutlich  verkündet  wurden.  Die  Vegetation  dieser  Berge,  die  richtiger  als 
Hügel  zu  bezeichnen  sind,  war  üppig,  die  Flora  gleich  jener  auf  den  gleichhohen 
Bergen  um  Nagasaki. 

Wir  kamen  sehr  frühzeitig  in  Omura  an  und  erhielten  hier  die  angenehme  Nach- 
richt von  unseren  Freunden  auf  Dezima,  dafs  sie  alle  sich  wohl  befänden  und  uns  sehn- 
suchtsvoll erwarteten.  Omura  hat  40  Tsjö  und  angeblich  20000  Einwohner.  Die  Gesamt- 
bevölkerung des  ganzen  Bezirks  Omura  beläuft  sich  auf  1 10  000  Seelen.  Kastell  daselbst. 

[6.  Juli.]  Von  hier  aus  setzten  wir  am  Morgen  in  der  Gesellschaft  einiger  von 
Nagasaki  uns  entgegengekommenen  Freunde,  deren  Anzahl  jetzt  in  jedem  Dorfe  zu- 
nimmt, unsere  Reise  nach  Isahaja  fort  und  hielten  in  dem  Dorfe  Jagami  Nachtruhe. 
Hier  wurden,  jedoch  nur  pro  forma,  unsere  Gepäcke  visitiert  und  vom  Opperbanjoost 
versiegelt;  auch  wurden  wir  gefragt,  ob  wir  kein  bares  Geld  mehr  übrig  hätten.  Dem 
Opperhoofd  wurde  seine  Schatulle,  von  der  bekannt  geworden,  dafs  sie  mehrere  tausende 
Contanten  enthielt,  offiziell  abgefordert,  was  früher  noch  nie  stattgefunden  hatte.1 

[7.  Juli.]  Heute  gegen  Mittag  kamen  wir  endlich,  von  unseren  Landsleuten  ein- 
geholt, nach  einer  beinahe  fünfmonatlichen  Abwesenheit  wohlbehalten  von  dieser  be- 
schwerlichen Reise  wieder  in  unserem  Gefängnis  von  Dezima  an,  wonach  sich  der 
Gesandte  so  sehr  gesehnt  hatte.  \Ton  dem  Packhuismeester  wurden  dem  Gesandten 
die  Schlüssel  der  alten  Kampherholzkiste,  worin  sich  die  sogenannten  kaiserlichen 
Pässe  befanden,  nebst  seinem  Tagebuch  überreicht. 

1 Man  kann  sich  kaum  eine  strengere  Mafsregel  denken  als  diese,  den  Holländern  die  Ausfuhr 
des  gemünzten  Geldes  zu  verbieten,  und  zu  diesem  Zweck  ihnen  nicht  einmal  den  Besitz  ihres  Taschen- 
geldes zu  gestatten.  Anmerkung  zur  2.  Auflage. 


232 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


■ 1 

Geographische  Übersicht  und  Entdeekungs- 

gesehiehte  von  Japan. 


3.  Name,  Lage,  Gröfse  und  Einteilung  des  Japanischen 

Reiches. 

Name. 

apan  wird  von  seinen  Einwohnern  Nippon  oder  Nihon  genannt.  Nitsi  oder 
Nitsu  bedeutet  Sonne,  Hon  — Ursprung.  Aus  beiden  bildet  sich  durch 
eine  Veränderung,  die  bei  der  Zusammensetzung  auf  Regeln  der  Aus- 
sprache sich  gründet,  der  Name  Nippon,  Nihon,  dessen  Bedeutung  also: 
Aufgang  der  Sonne  ist.  Diese  Benennung  ist  nicht  rein  japanisch,  sondern  die  in 
ältester  Zeit  mit  den  chinesischen  Schriftzeichen  eingeführte  Aussprache  der  beiden 
Schriftbilder,  wodurch  Nippon  bezeichnet  ward.  In  der  Mundart  der  Priestersprache, 
dem  Go-won,  wird  das  erstere  Schriftbild  auch  Zitsu,  und  Nippon  also  auch  Zippon 
ausgesprochen.  In  der  chinesischen  Mandarinensprache  lautet  es  Shi-pen,  und  im 
Munde  der  Einwohner  des  nördlichen  China,  z.  B.  der  Provinz  Dsche-kiang,  tönt  es 
Zippen.  Hier  schliefst  sich  die  englische  Benennung  Japan  (Dschä-pän)  an.  Das 
Zi-pan-gu  des  Marco  Polo  ist  unzweifelhaft  dasselbe,  denn  Gu,  eigentlich  Ivue,  bedeutet 
im  Chinesischen:  Land,  Reich;  es  will  daher  sagen:  Das  Reich  im  Aufgange  der  Sonne. 
In  der  rein  japanischen  und  in  der  Dichtersprache  heifst  Japan  Hinomoto,  welches 
dieselbe  Bedeutung  wie  Nippon  hat.  Die  Mythologie  und  dieser  folgend  legen  die 
Dichter  Japan  noch  vielerlei  Namen  bei.  Hier  sei  blofs  die  Benennung  Jamato  berührt, 
welche  noch  gegenwärtig  im  Gebrauche  ist.  Der  Name  Nippon  bezeichnet  auch, 
nach  der  bisher  in  Europa  angenommenen  Geographie,  insbesondere  die  gröbste  der 
japanischen  Inseln1  und  Jamato  jene  Landschaft  auf  Nippon,  in  welcher  die  alte  Haupt- 
stadt der  Mikados  (Erbkaiser)  sich  befindet.  Der  ganze  Umfang  der  japanischen  Be- 
sitzungen heifst  bei  den  Japanern  Dai  Nippon,  d.  i.  Das  grofse  Nippon. 

1 Dieser  Ansicht,  welche  bis  vor  kurzem  in  allen  europäischen  geographischen  Werken  über 
Japan  vertreten  war,  wird  jetzt  seitens  der  Japaner  auf  das  entschiedenste  widersprochen.  Die  Insel 
Nippon  heifst  jetzt  «Honshiu»,  welches  soviel  wie  Hauptland  bedeutet.  In  allen  amtlichen  Schrift- 
stücken ist  übrigens  die  oben  angeführte  Benennung  «Dai  Nippon»,  wenn  es  sich  um  das  Japanische 
Reich  handelt,  eingeführt.  Note  zur  2.  Auflage. 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  3.  Name,  Lage,  Gröfse  u.  Einteilung. 


Z33 


Lage,  Gröfse  und  Einteilung. 

Erst  am  Ende  des  vorigen  und  im  Anfänge  dieses  Jahrhunderts  wurde  uns  die 
geographische  Lage  und  die  Gröfse  des  Japanischen  Reiches  genauer  bekannt,  zu 
welcher  Kenntnis  die  Japaner  selbst  wohl  das  meiste  beigetragen  haben.  Wenige 
aufsereuropäische  Länder  sind  uns  aber  seit  ihrer  Entdeckung  in  so  verschiedenen 
Gestalten  vor  Augen  gehalten  worden  als  eben  Japan;  und  lange  noch  hätten  wir 
kein  deutliches  Bild  von  diesem  ausgedehnten  Archipel  erhalten,  wenn  nicht  die  von 
eingebornen  Geographen  selbst  mit  vieler  Genauigkeit  entworfenen  Skizzen  ihres  Landes 
glücklich  in  die  Hände  einiger  unserer  verdienstvollsten  Seefahrer  und  Geographen  geraten 
wären,  wodurch  diese  ihre  einzelnen  geographischen  Beobachtungen,  längs  den  Küsten 
von  Japan  angestellt,  zu  einem  brauchbareren  Ganzen  vereinigen  konnten.  Gore  und 
King  (1779),  de  la  Perouse  (1786),  Colnet  (1789),  A.  Laxmann  (1792),  Broughton 
(1796,  1797),  von  Krusenstern  (1804,  1805),  Golownin  (1811),  Hall,  Maxwell  (1816) 
und  Otto  von  Kotzebue  (1824)  sind  die  Namen  der  verdienstvollen  Seefahrer  neuerer 
Zeit,  welche  die  Küsten  von  Japan  und  von  dessen  Neben-  und  Schutzländern  be- 
fahren und  die  wichtigsten  Punkte  dieses  weitausgestreckten  Reiches  astronomisch  be- 
stimmt haben.  Auch  haben  wir  ihnen  eine  genaue  Aufnahme  von  verschiedenen 
Strecken  der  Küsten  und  von  einigen  Baien  und  Häfen  zu  verdanken.  Von  dem  eng- 
lischen Kapitän  Beechey,  von  dem  russischen  Kapitän  Lütke,  und  aus  der  Reise,  welche 
Professor  Hansteen,  Dr.  Erman  und  Lieutenant  Duc  im  Jahre  1828  von  Moskau  nach 
Kamtschatka  u.  s.  w.  unternommen,  haben  wir  noch  einige  wichtige  Beiträge  zu 
erwarten. 

Erwägt  man  die  lange  Reihe  von  Jahren,  seit  denen  die  Schiffe  der  Niederländer 
Japan  besuchen,  so  findet  man  in  hydrographischer  und  geographischer  Hinsicht  von 
dieser  Nation  verhältnismäfsig  wenig  für  die  Kenntnis  jenes  Landes  geleistet,  und  wer 
sich  nicht  so  ganz  in  die  Verhältnisse  hineindenken  kann,  unter  welchen  die  Nieder- 
länder seit  einer  so  geraumen  Zeit  mit  jenem  Lande  verkehren,  könnte  leicht  zu  Vor- 
würfen gegen  sie  verleitet  werden.  Doch  manche  Entdeckungen  und  nützliche  Be- 
obachtungen, durch  die  Niederländer  bekannt  gemacht,  liegen  vergessen  in  deren  An- 
leitungen und  Wegweisern  zur  Lahrt  nach  Japan,  während  wir  die  ersten  sicheren 
Nachrichten  über  die  Nordküste  von  Jezo,  über  die  Insel  Jetorop  (Staatenland),  Urup 
(Compagnie  eiland)  und  über  die  südöstliche  Küste  von  Sachalin  (jap.  Krafto) 
Marten  de  Vries  verdanken,  der  als  Kommandant  des  Schiffes  Kastrikum  bereits  im 
Jahre  1643  die  Küsten  der  erwähnten  Länder  befahren,  beschrieben  und  von  ihnen 
selbst  für  die  niederländisch-ostindische  Compagnie  Besitz  genommen  hatte. 

Das  eigentliche  Japan  besteht  aus  den  drei  grofsen  Inseln:  Nippon,  Kiusiu  und 
Sikoku;  aus  den  kleineren  Inseln:  Sado,  Tsusima,  Awadsi,  Tanegasima,  Iki,  Jakusima, 
Osima,  Hatsdsjösima,  Amakusa,  Hirado  (die  Holländer  schrieben  Lirato)  u.  s.  w.;  aus 
den  Gruppen  der  Oki-,  Goto-,  Kosiki-  und  Nanasima-Inseln  und  aus  einer  auffallend 
grofsen  Anzahl  kleiner  Inseln  und  Leisen.  Rechnet  man  die  Nebenländer  dazu,  als: 
1.  Die  Insel  Jezo  mit  den  südlichen  Kurilen,  nämlich  Kunasiri  (Kunaschir),  Sikotan 
(Schikotan),  Jetorop  und  Urup;  2.  den  südlichen  Teil  der  Insel  Sachalin  (Krafto)  und 
3.  die  Gruppe  der  Munin-Inseln  (Bonin);  fügt  man  von  den  Schutzländern  die  Liukiu- 
Inseln  bei,  deren  nördliche  Gruppe  gröfstenteils  von  Japanern  selbst  bewohnt  ist,  so 
erstreckt  sich  das  Japanische  Reich  — Dai  Nippon  — von  1230  23'  bis  150°  50'  ö.  L., 


2^/j.  Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 

nämlich  von  Jonakuni  — der  westlichsten  Insel  der  Süd-Liukiu-Gruppe  — bis  zum 
Inselchen  Ribuntsiriboi,  der  östlichsten  der  sogenannten  Drie  Zusters  im  Norden  von 
Urup,  und  von  240  16'  bis  etwa  50°  n.  B.,  nämlich  von  Hasjpkan,  der  südlichsten 
der  Süd-Liukiu-Inseln  bis  Kap  Rionai  — der  nördlichsten  japanischen  Besitzung  auf 
Sachalin.  Demnach  breitet  sich  dieses  grofse  Reich  zwischen  beinahe  25  Graden  der  Breite, 
und  27  Graden  der  Länge  aus.  Etwa  die  Mitte  von  Sachalin  bildet  so  die  Grenze 
im  Norden1;  Urup  im  Nordosten;  im  Südosten  und  Süden  der  Grofse  Ozean;  im  Süd- 
westen wird  Japan  durch  das  Tünghä'i  von  China  und  im  Westen  durch  den  korea- 
nischen Sund  von  der  Halbinsel  Korea  getrennt.  Im  Nordwesten  bildet  das  japanische 
Meer,  welches  sich  im  Norden,  wo  seine  Fluten  Krafto  berühren,  mit  dem  tatarischen 
Sund  vereinigt,  die  Grenze. 

Diese  grofsen  und  kleinen  Inseln,  welche,  so  weithin  ausgebreitet,  das  Japanische 
Reich  bilden,  werden  unter  sich  durch  zahlreiche  Meerengen  und  Sunde  durchschnitten 
und  vom  Festlande  von  Asien  getrennt.  Zwischen  der  Insel  Nippon  und  Kiusiu  zieht 
die  Stralse  Van  der  Capellen;  zwischen  Nippon  und  Jezo  die  Strafse  Tsugaru.  Die 
Strafse  Van  Diemen  trennt  Kiusiu  im  Süden  von  den  Inseln  Tanegasima  und  Jakusima, 
und  die  Strafse  Colnet  diese  Inseln  wieder  von  der  Nord-Fiukiu-Gruppe.  Durch  die 
Strafse  Hajasu  wird  Sikoku  von  Kiusiu,  durch  Finschoten  von  Nippon  getrennt,  und 
ein  Sund  voll  von  Eilanden  zieht  im  Norden  zwischen  Sikoku  und  Nippon  hin.  Jezo 
wird  durch  die  Strafse  de  la  Perouse  von  Krafto  und  durch  die  Strafse  Laxmann  von 
den  südlichen  Kurilen  geschieden.  Der  Kanal  Pico  trennt  Kunasiri  von  Jetorop,  die 
Strafse  De  Vries  scheidet  Jetorop  von  Urup,  und  der  Kanal  der  Boussole  diese  Insel 
von  den  nördlichen  Kurilen.  Zwischen  dem  Festlande  von  Asien  und  Japan  breitet 
sich  der  Sund  von  Korea  aus,  und  Krafto  erscheint  durch  die  Strafse  Mamia  von  jenem 
Kontinente  losgerissen. 2 

Bei  aller  dieser  Zerstückelung  umfafst  das  Japanische  Reich,  mit  Einschlufs  der 
hier  erwähnten  Neben-  und  Schutzländer,  noch  einen  sehr  ansehnlichen  Flächenraum. 
Dieser  konnte  jedoch  bis  jetzt  blofs  annäherungsweise,  und  gröfstenteils  nur  nach 
ursprünglich  japanischen  Karten  berechnet  werden.  Malte-Brun  schätzt  den  Flächen- 
inhalt des  Japanischen  Reiches  auf  16000  Quadrat-Lieues,  und  die  neuesten  Erdbe- 
schreibungen geben  denselben  zu  12  569  Quadratmeilen  an,  teils  nach  Roberts,  teils 
nach  Broughtons,  Arrowsmiths  und  von  Krusensterns  Karten  aufgenommen.  Seit 
einigen  Jahrzehnten  haben  die  Japaner  selbst,  mit  unseren  europäischen  Wissenschaften 
vertrauter  geworden,  richtigere  Karten  von  ihrem  Fände  zu  verfertigen  gesucht,  und 
nach  diesen  läfst  sich  der  Flächeninhalt  der  gröfseren  Inseln  Japans  mit  ziemlicher 
Gewifsheit  bestimmen.  Auch  haben  die  Japaner  von  den  gröfseren  Inseln  den  Umfang 
gemessen,  und  eine  Aufzählung  der  gesamten  Inseln,  der  Felsen  und  sichtbaren  Klippen 
ihres  so  weitausgedehnten  Inselreiches  gemacht  — Werke  japanischer  Geduld  und 
Pünktlichkeit.  — Ersteres,  so  unzuverlässige  Resultate  es  auch  bei  den  oft  so  zerrissenen 
Küsten  liefern  kann,  verschafft  uns  dennoch  einen  verhältnismäfsig  guten  Überblick  der 
Grofse  der  Inseln;  letzteres  giebt  uns  ein  deutliches  Bild  der  grofsen  Erdrevolutionen, 
aus  welchen  dieses  Insellabyrinth  hervorgegangen  ist.  Diese  fast  unglaubliche,  ohne 

1 Der  Japan  gehörige  Teil  von  Sachalin  ist  durch  den  Petersburger  Vertrag  von  1875  gegen 
18  Inseln  der  Kurilen  an  Rufsland  abgetreten  worden.  Note  zur  2.  Auflage. 

2 Eine  Anzahl  dieser  Benennungen  sind  leider  heute  nicht  mehr  beibehalten.  Note  zur 
2.  Auflage. 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  4.  Entdeckung  von  Japan. 


235 


Zweifel  aber  bestehende  Anzahl  von  Inseln  und  Felsen  ist  es  gerade,  welche  den 
wahren  Flächeninhalt  dieses  ganzen  Reiches  noch  immer  blofs  annäherungsweise  an- 
geben läfst.  Nach  den  neuesten  japanischen  Karten  berechnet,  beläuft  sich  derselbe 
auf  7520  Quadratmeilen. 

<$>- 

4.  Entdeckung  von  Japan  durch  die  Europäer  und 
deren  Beziehungen  zu  diesem  Reiche  bis  zum  Beginne 

des  XIX.  Jahrhunderts. 

Japan  hatte  bereits  unter  einer  fast  ununterbrochenen  Reihenfolge  von  einhundert 
und  sechs  Regenten  während  eines  Zeitraumes  von  zweitausend  zweihundert  und  drei  Jahren 
sich  zu  einem  mächtigen  Reiche  erhoben,  als  es  im  Jahre  1543  n.  Chr.  von  den  Portu- 
giesen zufällig  entdeckt  wurde. 

Dafs  bereits  Marco  Polo,  diesem  berühmten  Reisenden  des  dreizehnten  Jahr- 
hunderts, Japan  unter  dem  Namen  Zi-pan-gu  bekannt  gewesen  sei,  ist  nicht  mehr  zu 
bezweifeln.  Aber  Antonius  Mota,  Franciscus  Zeimoto  und  Antonius  Peixota  werden 
uns  vor  allen  in  der  Geschichte  als  die  Entdecker  der  japanischen  Inseln  genannt.  Auf 
einer  Reise  von  Dodra  in  Siam  (Sionis  Dodra)  nach  China  wurden  diese  Portu- 
giesen von  einem  heftigen  Sturme  überfallen  und  an  die  japanischen  Inseln  ver- 
schlagen. 

So  erzählt  uns  der  Geschichtsschreiber  J.  P.  Maffeius,  welcher  diese  Angabe  aus 
A.  Galvanus’  Geschichte  der  Entdecker  der  neuen  Welt  entlehnte,  ebenfalls  Juan  de 
Barrios.  Diesen  erzählen  es  Montanus,  Valentyn,  Kaempfer,  Thunberg  und  viele  andere 
Schriftsteller  nach. 

Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  sind  diese  Entdecker,  die  man  unter  diesen  auf 
vielerlei  Weise  verstümmelten  Namen  bisher  gekannt  hat,  identisch  mit  Fernan  Mendez 
Pinto,  Diego  Zeimoto  und  einem  dritten  ungenannten  Portugiesen,  die  mit  einem 
Fahrzeuge  (Junco),  von  dem  berüchtigten  Seeräuber  Samipocheca  geführt,  durch 
einen  Sturm  von  der  chinesischen  Küste  an  die  japanische  Insel  Tanega-sima  ver- 
schlagen wurden. 

Diese  sind  es,  die  1543  wirklich  Japan  entdeckten  und  ihren  bereits  zu  Liampoo 
(Ningpo)  in  China  ansässigen  Landsleuten  die  ersten  Nachrichten  von  dem  erwartungs- 
reichen Lande  hinterbrachten  und  dies  wird  durch  die  Mitteilungen  des  Mendez  und 
die  Aussage  der  japanischen  Jahrbücher  selbst  bestätigt,  welche  das  wichtige  Ereignis 
genau  mit  Diego  Zeimoto  übereinstimmend  berichten. 

In  diesen  Jahrbüchern  wird  der  merkwürdige  Vorfall  also  erwähnt:  «Im  zwölften 
Jahre  des  Nengo  Ten-bun,  am  zweiundzwanzigsten  Tage  des  achten  Monats,  unter 
der  Regierung  des  Kaisers  (Mikado)  Konara,  und  des  Oberfeldherrn  (Sjögun)  Josiharu 
(im  Monate  Oktober  1543)  landet  an  der  Insel  Tanega-sima  im  Bezirke  Nisimura  bei 
Ko-ura  ein  fremdes  Schiff.  Das  Schiffsvolk,  etwa  hundert  an  der  Zahl,  hat  ein  sonder- 
bares Aussehen.  Seine  Sprache  war  unverständlich,  seine  Heimat  unbekannt.  An  Bord 
ist  ein  Chinese  Namens  Go-hou,  der  Schrift  kundig;  durch  diesen  erfährt  man,  dafs 
es  ein  Nan-ban-Schiff  sei.  Am  sechsundzwanzigsten  desselben  Monats  wird  dieses  Lahr- 
zeug an  die  nordwestliche  Seite  dieser  Insel  nach  dem  Hafen  von  Aka-oki  gebracht 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


23  6 

und  Toki-taka,  der  Befehlshaber  von  Tanega-sima,  stellt  eine  genaue  Untersuchung 
über  dasselbe  an,  wobei  der  japanische  Bonze  Tsu-shu-dzu  mittelst  chinesischer  Schrift- 
zeichen als  Dolmetscher  dient.  An  Bord  des  Nan-ban- Schiffes  befinden  sich  zwei 
Befehlshaber,  Mura-shaksha  und  Krista  Möta  (Christ  da  Möta?)  Diese  führen  Feuer- 
waffen mit  sich  und  machen  die  Japaner  zuerst  mit  dem  Gebrauch  des  Schiefsgewehres 
und  der  Bereitung  des  Schiefspulvers  bekannt. 

Bereits  einige  Jahrhunderte  früher  erwähnen  die  japanischen  Jahrbücher  das 
Erscheinen  südlicher  Nationen  an  japanischen  Gestaden.  Einmal  im  vierten  Jahre 
des  Nengo  Kwan-nin  (1020  n.  Chr.)  wTird  verzeichnet:  «Nan-ban-sin  kommen  nach 
Japan  und  stiften  vieles  Unheil  an»;  später  bei  dem  neunzehnten  Jahre  des  Nengo 
Oo-jei  (1412  n.  Chr.)  rühmen  sie  sich:  «Nanban  brachten  Tribut». 

Ob  diese  Nanban  Europäer  und  von  welcher  Nation  sie  waren,  läfst  sich  aus 
den  japanischen  Geschichtsbüchern  nicht  bestimmt  nachweisen.  Waren  es  vielleicht 
die  kühnen  portugiesichen  Länderentdecker  aus  den  ersten  Zeiten  Heinrichs  des  See- 
fahrers, die  sich  so  weit  verirrt  hatten? 

Die  Portugiesen,  einmal  mit  Japan  bekannt  geworden,  säumten  nicht,  ein  Land 
zu  besuchen,  das  ihrem  Handel  so  aussichtsvoll  eine  neue  Pforte  öffnete.  Gleich  in 
den  ersten  Jahren  fanden  sie  sich  von  Eiampoo  und  Malakka  aus  auf  eigenen  wie 
auf  chinesischen  Fahrzeugen  ein. 

Auch  ihren  Priestern  bot  sich  bald  Gelegenheit,,,  ihre  Thätigkeit  auszuüben. 
Angero  (Han-jiro),  ein  junger  Japaner*  von  guter  Abkunft  und  Bildung,  w7ar  im 
Jahre  1546,  da  er  wegen  eines  Mordes  verfolgt  wurde,  aus  Japan  auf  einem  japani- 
schen Fahrzeuge  geflüchtet  und  hatte  sich  später  in  Goa  unter  dem  Namen  Paulo  de 
santa  Fe  zum  christlichen  Glauben  bekehren  lassen.  Dieser  Paulus  war,  wenn  nicht 
selbst  Veranlasser,  doch  Führer  und  Fürsprecher,  als  im  Jahre  1549  sich  Franziskus 
Xaverius  liehst  einigen  andern  Jesuiten  nach  Japan  begab. 

Anfangs  besuchten  die  portugiesischen  Kaufleute  und  Priester  die  Häfen  der  Land- 
schaft Satsuma  und  Bungo.  Zu  Kagosima,  der  Hauptstadt  von  Satsuma,  und  zu  Usuki, 
dem  Schlosse  des  Fürsten  von  Bungo,  wurden  sie  sehr  gut  aufgenommen.  Später  liefsen 
sie  sich  auf  der  Insel  Amakusa,  auf  Hirado  und  in  den  Städten  Nagasaki  und  Sakai 
nieder.  Die  Priester  nahmen  ihren  Aufenthalt  in  der  Hauptstadt  Kioto  selbst,  und 
ihre  Sendling e verbreiteten  sich  über  das  ganze  Reich,  drangen  durch  Dewa  und 
Mutsu  bis  Tsugaru  im  nördlichsten  Teile  von  Japan  vor  und  setzten  von  da  1616 
bis  1620  selbst  nach  der  Insel  Jezo  über. 

Jan  Huygen  von  Linschoten  aus  Haarlem  und  Dirck  Gerritszoon  aus  Enkhuizen 
werden  in  der  Geschichte  als  die  ersten  Niederländer  genannt,  wmlche,  jedoch  im 
Dienste  der  Portugiesen,  die  japanische  Küste  befahren  oder  die  Fahrt  dahin  beschrieben 
haben.  Ersterer  teilt  seinen  Landsleuten  unter  den  Resultaten  seines  vieljährigen  Auf- 
enthaltes in  Ostindien  sehr  zuverlässige  Nachrichten  über  Japan  mit.  Letzterem,  der 
1585 — 86  als  Konstabler  auf  dem  portugiesischen  Schiffe  Santa  Crux  von  Makao  nach 
Japan  gefahren  war  und  einige  Kenntnisse  vom  dortigen  Handel  erhalten  hatte,  haben 
die  Niederländer  bei  einem  späteren  Seezuge  unter  dem  Admiral  Jacques  Malm  die 
ersten  Winke  über  den  Handel  mit  Japan  zu  verdanken. 

Im  Jahre  1600  legte  der  Engländer  William  Adarnsz.  (Adamszoon),  Obersteuer- 
mann an  Bord  eines  niederländischen  Schiftes,  wahrscheinlich  des  De  Liefde,  eines 
der  fünf  Schifte,  welche  im  Jahre  1598  unter  Jacques  Mahu  und  Simon  de  Cordes 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  4.  Entdeckung  von  Japan. 


237 


er 


von  Holland  ausgelaufen  waren,  um  durch  die  Strafse  Magellan  und  die  Südsee  nach 
den  Molukken  zu  gelangen,  nach  grofsem  Ungemache  mit  einer  schwachen  und  wehr- 
losen Bemannung  an  der  japanischen  Küste  bei  der  Landschaft  Bungo  vor  Anker. 
Adamsz.  wufste  sich  grofses  Vertrauen  am  Hofe  des  Sjögun  Minamoto  Ijejasu  zu  er- 
werben und  bewirkte  da  seiner  Nation  die  Handelserlaubnis , welche  dem  englischen 
Kapitäne  John  Saris,  der  im  Jahre  1613  vor  Firato  (jap.  Hirado)  angelangt  und  an 
den  Hof  des  Sjögun  gekommen  war,  auch  schriftlich  erteilt  wurde. 

Dagegen  waren  es  die  Holländer  Jakob  Quaekernaeck,  Kapitän  auf  dem  Schiffe 
de  Liefde,  und  sein  Gefährte,  der  Schiffsschreiber  Melchior  Zandvoort,  welche  den 
niederländischen  Admiral  Matelief  auf  Handelsverbindungen  mit  Japan  aufmerksam 
machten.  Drei  Jahre  waren  jene  in  Japan  zurückgehalten  worden,  bis  es  ihnen  (1603) 
durch  Vermittlung  von  Adamsz.  und  die  Unterstützung  des  Landvogtes  von  Hirado 
gelang,  auf  einem  japanischen  Fahrzeuge  dies  Land  zu  verlassen.  Nach  mancherlei 
Schicksalen  kamen  sie  endlich  (1607)  bei  Johor  (Dschahor)  auf  die  Flotte  des  Ad- 
mirals Cornelius  Matelief.  Quaekernaeck  nahm  als  Obersteuermann  Dienste  auf  dem 
Admiralschiffe,  wurde  hierauf  Schiffer  an  Bord  des  Erasmus  und  blieb  wenige  Tage 
nachher  in  einem  Gefechte  vor  Malakka.  Zandvoort  scheint  bereits  1677  wieder  nach  Japan 
gefahren  zu  sein  und  zur  Anknüpfung  des  Handels  mit  Japan  viel  beigetragen  zu  haben. 
Bei  der  Belagerung  von  Malakka  hatte  Matelief  zu  sehr  gelitten,  um  damals  so- 
leich  den  Handel  nach  Japan  ausdehnen  zu  können.  Er  suchte  indes  mit  einzelnen 
Japanern,  denen  er  auf  seinem  Seezuge  begegnet  war,  in  freundliche  Beziehung  zu 
kommen  und  sie  durch  reichliche  Geschenke  auf  die  Kaufwaren  der  Niederländer  auf- 
merksam zu  machen. 

Die  Anknüpfung  des  Flandels  mit  dieser  Nation  blieb  seinem  Nachfolger,  dem 
niederländischen  Admiral  Pieter  Wilhelmsz  Verhoeven,  Vorbehalten.  Im  Jahre  1609 
erschien  von  dessen  Flotte  das  Schiff  De  roode  Leeuw  met  de  pylen  und  die  Yacht 
De  Griffioen  vor  Hirado.  Die  an  Bord  sich  befindenden  Niederländer,  Abraham  van 
den  Broeck,  Jacques  Puyck  und  Jacques  Specx,  unternahmen  1609  eine  Gesandtschaft 
an  den  Hof  des  Sjögun,  und  J.  Specx  wiederholte  dieselbe  im  Jahre  16 11  mit  Pieter 
Segertszoon.  Hierauf  erhielten  sie  am  30.  August  1611  einen  Pafs  zum  Handel  der 
Niederländer  mit  Japan,  der  1616  erneuert  wurde.  So  kamen  diese  mächtigen  see- 
fahrenden Nationen  des  16.  und  17.  Jahrhunderts  mit  Japan  in  Verkehr.  Jede  der- 
selben suchte  nun  einen  festeren  Fufs  in  einem  so  aussichtsvollen  Lande  zu  fassen, 
aber  auch  die  Fortschritte  der  andern  mit  Gewalt  oder  Fist  zu  verhindern.  Jede  der- 
selben wetteiferte  um  Vorrechte  im  Handel  und  sparte  keine  Mittel,  sich  diese  zu  ver- 
schaffen. Die  Portugiesen  hatten  vieles  voraus.  Aber  gerade  diese  Nation,  deren  Mut 
infolge  ihrer  durch  die  Holländer  in  Ostindien  erlittenen  Niederlagen  zu  sinken  begann, 
nahm  zuerst  ihre  Zuflucht  zu  niederen  Verleumdungen,  während  sie  selbst  seit  der 
Einverleibung  mit  Spanien  unter  dem  Deckmantel  des  christlichen  Gottesdienstes  nach 
der  Oberherrschaft  in  Japan  zu  streben  schien.  Durch  die  Verleumdungen,  womit 
die  Europäer  sich  bald  wechselweise  verfolgten,  wurde  die  Aufmerksamkeit  eines  Usur- 
pators (nämlich  des  Sjögun  Ijejasu)  erregt,  dessen  Staatsklugheit  aus  den  Trümmern 
eines  Bürger-  und  Religionskrieges  ein  so  dauerhaftes  Staatsgebäude  wie  das  der 
Sjögunherrschaft  über  das  Japanische  Reich  zu  errichten  wufste.  Die  Europäer  selbst 
drangen  ihm  die  Veranlassung  auf,  dafs  er  seine  Blicke  um  so  wachsamer  auf  sie,  die 
Fremdlinge,  richten  mufste!  — 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Der  christliche  Glaube,  der  in  Japan  eine  äufserst  gute  Aufnahme  gefunden,  ver- 
schaffte den  Ansiedlungen  und  Handelsspekulationen  der  Fremden  um  so  leichteren 
Eingang.  Doch  das  Christentum  rifs  mit  seinem  Falle  auch  alle  die  schönen  Hoffnungen 
der  Europäer  wieder  nieder.  Die  augenscheinlichen  Begünstigungen,  die  dasselbe 
durch  die  Bürgerkriege  unter  dem  Oberbefehle  des  Sjögun  Nobunaga  (i 586)  gefunden 
hatte,  wurden  durch  die  Wiederherstellung  der  inneren  Ruhe  unter  Taiko-sama  wieder 
beeinträchtigt.  Der  Ausbruch  eines  neuen  Bürgerkrieges  untergrub  es  endlich  ganz; 
denn  bei  dem  Sturze  des  Hidejori,  eines  Sohnes  Taikos,  der,  wenn  nicht  selbst 
Christ,  doch  ein  grofser  Gönner  derselben  war,  gaben  die  Christen  sich  als  die  Feinde 
des  siegreichen  Thronräubers  zu  erkennen.  Bereits  1587  mehr  und  mehr  beschränkt, 
1596  strenge  untersagt,  1613  hart  verfolgt,  erhielt  sich  dennoch  das  Christentum 
aufrecht,  trotz  den  schärfsten  Mafsregeln,  trotz  dem  entsetzlichsten  Elende  und  unbe- 
schreiblichen Drangsalen,  die  über  seine  Anhänger  hereinbrachen  (1622  bis  1629). 
In  der  Wahl  zwischen  Abfall  vom  Glauben  oder  grausamer  Hinrichtung  fanden  zahl- 
reiche Opfer  einen  Helden-  und  Märtyrertod  (1636),  bis  man  endlich  mit  dem  mifs- 
lungenen  Aufstande  der  Christen  auf  der  Insel  Amakusa  und  zu  Arima  auf  Simabara 
(1637  bis  1638)  auch  die  letzte  Spur  des  Christentums  zu  vernichten  strebte. 

Jetzt  suchte  die  Tokugawa  - Familie  durch  unwiderrufliche  Gesetze  sich  für 
die  Zukunft  die  Regierung  zu  sichern.  Die  Portugiesen  und  Spanier  wurden  (1639) 
des  Landes  verwiesen.  Das  Japanische  Reich  wurde  geschlossen.  Die  wenigen  Aus- 
länder, die  man  noch  duldete,  wurden  aufs  engste  beschränkt,  und  den  Einwohnern 
mit  diesen  und  dem  Auslande  jede  Gemeinschaft  abgeschnitten.  So  verschwanden, 
nach  fruchtlosen  Versuchen,  die  Handelsverbindung  zu  erhalten  (1640,  1647),  die 
Segel  der  Portugiesen  und  Spanier  aus  den  japanischen  Gewässern,  die  Fahrzeuge 
dieser  stolzen  Weltentdecker,  auf  denen  wenige  Jahre  zuvor  (1582)  noch  eine  Ge- 
sandtschaft japanischer  Fürsten  im  Triumphe  nach  Lissabon,  Madrid  und  Rom  geführt 


worden  war. 

Eigentlich  ist  es  nur  der  Name  Portugiesen,  unter  welchem  die  Entdecker  Japans, 
diese  seltsamen  Fremdlinge  aus  dem  Ten-tsiku-Lande  (Indien),  als  reiche  Kaufleute  durch 
das  ganze  Reich  bekannt,  als  Prediger  eines  neuen  Glaubens  angestaunt,  und  als  Er- 
oberer neuer  Welten  gefürchtet  worden  waren,  aber  endlich  auch  als  Friedensstörer 
beschuldigt,  als  Landesverräter  verdächtig,  auf  immer  des  Reiches  verwiesen  worden 
sind.  Portugiese  ist  in  Japan  das  Losungswort  des  Schreckens,  des  Abscheues  und 
der  Verfolgung  geworden. 

Die  Spanier  waren  den  Japanern  erst  im  Anfänge  des  17.  Jahrhunderts  unter 
dem  Namen  Castilianen  näher  bekannt  geworden.  Seit  1850  über  Portugal  herrschend, 
begannen  sie  von  ihren  amerikanischen  Besitzungen  und  den  Philippinen  aus  nach 
Japan  Handel  zu  treiben.  Doch  ihre  Gemeinschaft  mit  den  Portugiesen  konnte  auf 
Japan  nicht  lange  verborgen  bleiben. 

Don  Rodrigo  de  Vivero  y Velasco,  Generalgouverneur  der  Philippinen,  der  mit 
dem  Schiffe  St.  Francisco  1608  an  der  Küste  von  Japan  gestrandet  war,  wurde  zwar 
äufserst  gastfreundlich  von  der  japanischen  Regierung  behandelt  und  selbst  auf  einem 
nach  europäischer  Art  erbauten  Fahrzeuge  nach  Acapulco  zurückgebracht;  aber  gegen 
alle  Erwartung  sahen  die  Spanier  ihre  glänzende  Gesandtschaft  am  Hofe  des  Sjögun 
1 61 1 ziemlich  kalt  empfangen  und  im  darauffolgenden  Jahre  mit  ihren  übermütigen 
Gesuchen  gröfstenteils  abgewiesen.  Sie  teilten  gleiches  Los  mit  den  Portugiesen. 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  4.  Entdeckung  von  Japan. 


239 


Durch  ihre  Macht  waren  sie  furchtbar,  durch  stolze  Anmafsungen  mehr  und  mehr 
gehässig,  durch  die  eifrige  Thätigkeit  ihrer  Priester  für  die  Ausbreitung  des  Christen- 
tums sehr  verdächtig  geworden,  und  so  traf  auch  sie  der  Bann. 

Der  englische  General  John  Saris  hatte  im  Jahre  1613  auf  Hirado  eine  Faktorei 
errichtet  und  Richard  Cock  und  William  Adamsz.  als  Vorsteher  derselben  ernannt. 
Die  günstigen  Privilegien,  die  er  am  Hofe  des  Sjögun  zu  erwirken  wufste,  eröffneten 
dem  Handel  der  Engländer  die  schönsten  Aussichten. 

Anfangs  verkehrten  die  Engländer  sehr  freundlich  mit  den  Niederländern,  die 
seit  einigen  Jahren  sich  auch  auf  Hirado  niedergelassen  hatten.  Bald  aber  entspann 
sich  unter  ihnen  ein  Mifsverständnis,  das  zu  ernstlichen  Händeln  und  wechselseitigen 
Verleumdungen  Anlafs  gab.  Dennoch  hatte  der  Vergleich  zwischen  den  ostindischen 
Compagnien  beider  Nationen  (1619)  auch  beide  Faktoreien  auf  Hirado  zu  einem  ge- 
meinschaftlichen Handel  vereinigt,  als  Richard  Cocks  Abreise  von  Japan  1623  die 
Aufhebung  der  englischen  Faktorei  daselbst  zur  Folge  hatte. 

Gleich  anfangs  war  durch  den  Wiederausbruch  des  Bürgerkrieges  (1614)  und 
durch  die  infolge  desselben  heftiger  gewordene  Christenverfolgung  der  Handel  der 
Engländer  nicht  sehr  begünstigt  worden;  doch  waren  wohl  die  Uneinigkeiten  mit  den 
Niederländern,  welche  bei  dem  Falle  ihrer  Feinde,  der  Spanier  und  Portugiesen,  das 
Übergewicht  im  indischen  Handel  erhielten,  und  andererseits  hoffnungsvollere  Aussicht 
auf  den  Verkehr  mit  China  wahrscheinlich  die  Veranlassung,  dafs  die  Engländer  ihre 
Faktorei  auf  Hirado  aufgab en. 


Bald  darauf  suchten  die  Engländer  sich  dennoch  wieder  auf  Japan  anzusiedeln. 
Aber  ihre  Versuche  unter  dem  Admiral  Ford  Woddel  (1637)  blieben  ebenso  frucht- 
los, als  später  (1674)  die  Gesandtschaft  unter  der  Regierung  Karls  II.  Der  Plan  des 
englischen  Kabinetts,  bei  Gelegenheit  der  Gesandtschalt  des  Macartney  nach  China 
Erasmus  Gower  mit  dem  Schiffe  Fion  nach  Japan  zu  senden,  wurde  1793  durch 
Sturm  und  Gegenwind  vereitelt.  In  den  Jahren  1801  und  1802  suchte  ein  amerika- 
nisches Fahrzeug  unter  dem  Kapitän  W.  Robert  Steward  von  New- York  aus,  und 
1803  ein  englisches  von  Kalkutta  unter  dem  Kapitän  James  Torey  Handelsverbindungen 
mit  Japan  anzuknüpfen.  Doch  der  Versuch,  den  beide,  angeblich  für  eigene,  wahrschein- 
lich aber  für  englische  Rechnung,  unternahmen,  blieb  ohne  Erfolg. 

Die  fein  ausgesonnenen  Anschläge,  die  der  Lieutenant-Gouverneur  Thom.  Stam- 
ford  Raffles  von  Batavia  1813  auf  den  japanischen  Handel  richtete,  scheiterten  an  der 
standhaften  Treue  der  Ritter  H.  Doeff  und  J.  C.  Bloemhoff,  Direktoren  des  nieder- 
ländischen Handels  in  Japan.  Auch  würde  in  keinem  Falle  der  englischen  Flagge  der 
Handel  in  Japan  gestattet  worden  sein,  zumal  erst  wenige  Jahre  vorher  (1808)  Ford 
Pellew  mit  der  Fregatte  The  Phaedon  unter  Ausübung  von  Feindseligkeiten  sich  im 
Hafen  von  Nagasaki  gezeigt  hatte,  den  sicher  ein  gleiches  Los  getroffen  hätte  wie 
die  portugiesische  Gesandtschaft  im  Jahre  1640,  wäre  er  nicht  noch  zur  rechten  Zeit 
von  der  Rhede  von  Nagasaki  verschwunden. 

O 


In  neuester  Zeit  hat  die  japanische  Regierung  durch  das  Erscheinen  von  Walfisch- 
fängern, welche,  besonders  häufig  unter  englischer  Flagge,  die  japanischen  Küsten  be- 
suchten und  einigemal  mit  den  Einwohnern  in  feindliche  Berührung  kamen,  sich 
veranlafst  gefunden,  gegen  jedes  an  ihren  Küsten  kreuzende  fremde  Fahrzeug  für  den 
Fall  einer  Fandung  sehr  strenge  Mafsregeln  zu  nehmen.  Und  erst  vor  kurzem 
(1830)  wurden  längs  der  Ostküste  von  Nippon  einige  der  holländischen  Sprache 


240 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


kundige  Dolmetscher  angestellt,  um  bei  besonderen  Vorfällen  zu  Rate  gezogen 
zu  werden. 

Mit  der  Entdeckung  von  Kamtschatka  (1696)  eröffnete  sich  auch  der  russischen 
Flagge  der  nordwestliche  Teil  des  Grofsen  Ozeans.  Vorzugsweise  hatte  man  sich 
jedoch  nur  mit  Entdeckungen  in  den  Meeren  von  Ochotsk  und  Kamtschatka  beschäftigt, 
als  schiffbrüchige  Japaner,  1732  nach  Petersburg  gebracht,  Rufslands  Aufmerksamkeit 
auf  dieses  benachbarte  Volk  lenkten. 

Martin  Spangberg  mit  Schelting  und  Wilhelm  Walton  unternahmen  daher  1739 
von  Kamtschatka  aus  einen  Seezug  nach  Japan.  Sie  verfolgten  und  berührten  die  Ost- 
küste von  Japan  an  verschiedenen  Orten,  erstere  bis  auf  38°  25',  letzterer  bis  auf 
330  48'  n.  B.,  liefen  in  mehrere  Häfen  ein  und  bestimmten  die  geographische  Lage 
Japans  hinsichtlich  Kamtschatkas.  Sie  lösten  die  Aufgabe  ihrer  Sendung,  und  wenn 
auch  damals  die  Richtigkeit  ihrer  Entdeckung  bezweifelt  wurde,  so  hat  man  doch 
später  die  Wahrheit  derselben  anerkannt.  Seitdem  besuchten  russische  Kaufleute  wohl 
die  Kurilen  und  Jezo,  und  einige  derselben  kamen  selbst  mit  Japanern  in  Be- 
rührung; aber  ein  eigentlicher  Schritt  zu  einem  auf  Freundschaft  und  Verträge  zu 
gründenden  Verkehr  geschah  erst  durch  die  Kaiserin  Katharina,  als  diese  weise 
Fürstin  1792  einen  japanischen  Kaufmann  Namens  Kodai,  der  mit  seinem  Schiffe  nach 
den  russischen  Kurilen  verschlagen  war,  durch  den  Seeoffizier  Adam  Laxmann  nach 
Matsmae  auf  Jezo  zurückbringen  liefs.  Die  japanische  Regierung,  im  Bewufstsein  der 
militärischen  Schwäche  ihrer  nördlichen  Besitzungen,  gab  dem  russischen  Abgesandten 
A.  Laxmann,  wenn  auch  in  einem  sehr  anmafsenden  Tone,  Hoffnungen  auf  eine' 
Handelsverbindung  von  seiten  Japans  mit  Rufsland;  aber  die  weitergehenden 
Anträge  des  russischen  Gesandten  Nicolai  von  Resanoff  schlug  sie  wieder  mit  feiner 
Staatsklugheit  aus.  Mit  beleidigender  Vorsicht  und  entwürdigender  Strenge  hatten 
die  Statthalter  von  Nagasaki  und  die  Bevollmächtigten  vom  Hofe  des  Sjögun  zu  Jedo 
die  Gesandtschaft  des  russischen  Monarchen  behandelt.  Wenn  auch  höhere  Befehle 
diesem  Verfahren  zu  Grunde  lagen,  so  wurde  es  doch  später,  als  es  zur  Kenntnis  des 
Hofes  in  Jedo  gelangte,  sehr  mifsbilligt. 

Infolge  der  Feindseligkeiten,  die  hierauf  Chwostoff  und  Dawidoff  auf  Resanoffs 
Befehl,  wenngleich  wider  Wissen  und  Willen  des  russischen  Monarchen,  bei  den 
japanischen  Ansiedlungen  auf  Sachalin  verübten,  machten  die  Japaner  im  nördlichen 
Teile  der  Insel  Nippon,  auf  Jezo  und  den  japanischen  Kurilen  1806  ernste  Kriegs- 
rüstungen, gefafst  auf  einen  allgemeinen  Angriff,  womit  Chwostoff  und  Dawidoff  die 
wehrlosen  Ansiedlungen  auf  Sachalin  bedroht  hatten. 

Darauf  fiel  Kapitän  Golowin,  Befehlshaber  der  russischen  Schaluppe  Diana,  bei 
Jetorop  in  die  Hände  der  mit  strengen  Befehlen  ausgerüsteten  japanischen  Besatzung 
und  wurde  von  der  japanischen  Regierung,  die  durch  das  abermalige  Erscheinen  eines 
russischen  Fahrzeuges  an  ihren  Küsten  höchst  aufgebracht  war,  bis  zur  Entscheidung 
der  Sachlage  festgehalten.  Durch  Aufklärung  der  Irrtümer  und  Mifsgriffe  wurde  die 
japanische  Regierung  zwar  wieder  besänftigt,  doch  immer  mifstrauend  gegen  einen  so 
mächtigen,  sich  mehr  und  mehr  ausbreitenden  Nachbar,  strebte  sie  nun  mehr  als  je, 
alle  Berührung  mit  Ausländern  zu  vermeiden  und  den  Besuch  ihrer  Küsten  durch  fremde 
Seefahrer  zu  verhindern. 

In  der  That  Rufslands  Macht  fürchtend,  wegen  Englands  Handelsunterneh- 
mungen besorgt  und  von  der  amerikanischen  Nation  nichts  Gutes  ahnend,  aul  die 

OO 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  5.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  241 


sogenannten  Kreuzsegel  von  Portugal  und  Spanien  jedoch  mit  stolzer  Geringschätzung 
zurückblickend,  duldete  die  staatskluge  Regierung  der  Japaner  nur  noch  die  Nieder- 
länder. Diese  sind  die  einzigen  Europäer,  die  noch  in  Japan  Zutritt  haben.  Nicht 
etwa  aus  Handelsinteresse,  weil  sie  den  Japanern  als  tüchtige  Kaufleute  bekannt  ge- 
worden, sondern  weil  sie  seit  Jahrhunderten  als  erprobte  Freunde  sich  bewiesen,  sind 
die  Niederländer  gleichsam  zur  Stütze  jenes  bis  jetzt  unerschütterten  Staatsgebäudes 
aufgenommen  worden. 

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5.  Entdeckungsgeschichte  von  Japan. 

Nach  Fernan  Mendez  Pintos  Erzählung  und  Nachrichten  der  Japaner. 

Fernan  Mendez  Pinto  war  nach  mannigfaltigen  Schicksalen  mit  dem  Über- 
reste seiner  Reisegefährten  zu  Huzanguee  (Tou  chounang  [?]  nach  Malte-Brun)  in 
Cochin  - China  angelangt,  schiffte  von  hier  auf  einem  breiten  Flusse  (Ngannan- 
kiang  nach  d’Anville)  nach  Quangeparum  (Quanhia -Banbong  [?])  und  steuerte  hier- 
auf längs  der  Küste  nach  der  Insel  Sanncham  (Sanchoam  nach  Finschoten,  Chang- 
tshuen-chan  nach  d’Anville),  wo  unsere  Abenteurer  eine  Schiffsgelegenheit  nach  Ma- 
lakka zu  finden  hofften.  Doch  hier  bekamen  sie  unter  sich  so  ernste  Händel,  dafs 
die  malayischen  Fahrzeuge,  welche  von  da  nach  Patane  und  Fugor  unter  Segel  gingen, 
die  Aufnahme  so  streitsüchtiger  Feute  verweigerten.  So  blieben  sie  verlassen  auf 
diesem  Eilande  zurück  und  entschlossen  sich  endlich,  mit  einem  Seeräuber  Samipocheca, 
der  mittlerweile  hier  vor  Anker  gekommen  war,  um  seine  Verwundeten  zu  heilen, 
auf  gut  Glück  umherzuschweifen,  bis  ihnen  das  Schicksal  irgend  eine  sichere  Gelegen- 
heit, nach  Malakka  zu  kommen,  zuführen  würde.  Pinto  begab  sich  an  Bord  zu  Sami- 
pocheca, und  die  fünf  übrigen  Portugiesen  fanden  an  Bord  des  Fahrzeuges  Aufnahme, 
welches  der  Neffe  des  Samipocheca  führte. 

Die  Reise  war  nach  Fayloo  (Saijlo  nach  Finschoten),  sieben  Meilen  von  Chin- 
cheo  (Tschang-tcheou-fou  nach  d’Anville)  beabsichtigt.  Mit  günstigem  Winde  segelten 
sie  längs  den  Samau-Inseln  (Ilha  de  Famao  nach  Finschoten)  hin,  als  sie  etwa  auf  der 
Höhe  des  Rio  do  sal,  fünf  Meilen  von  Chabaquee  (Chabaqueo  nach  Finschoten)  von 
einem  anderen  Seeräuber  angegriffen  wurden.  Das  Gefecht  war  heftig;  einige  Schiffe 
des  Feindes  und  das  des  Neffen  des  Samipocheca  wurden  verbrannt;  doch  Pintos 
Fahrzeug  entkam  glücklich  der  Gefahr.  Sie  setzten  die  Reise  wieder  fort,  wurden 
aber  nach  einigen  Tagen  von  einem  äufserst  heftigen  Sturme  überfallen,  wobei  sie 
die  Küste  von  China  aus  dem  Gesichte  verloren.  Anhaltend  heftiger  Wind  liefs  sie 
dieselbe  nicht  mehr  zurückgewinnen,  und  Samipocheca  beschlofs,  nach  den  Fesquios- 
Inseln  (Fiukiu)  den  Kurs  zu  nehmen,  wo  er  bei  dem  Könige  und  den  Einwohnern 
gut  bekannt  war.  Sie  versuchten  daher  nach  diesem  Archipel  zu  segeln,  obgleich  sich 
ihnen  ohne  Steuermann,  denn  dieser  war  im  letzten  Gefechte  geblieben,  bei  Gegen- 
strom und  Gegenwind  wenig  Hoffnung  zeigte,  Fand  zu  erreichen. 

Dreiundzwanzig  Tage  lang  hatten  sie  unter  grofsen  Anstrengungen  und  Müh- 
seligkeiten hin-  und  herlaviert,  his  sie  endlich  Fand  entdeckten.  Sie  näherten  sich, 
und  ein  grofses  Feuer  am  südlichen  Strande  liefs  sie  schliefsen,  dafs  es  eine  bewohnte 

v.  Sieb  old,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


16 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


242 

Insel  sei.  Sie  gingen  daher  nahe  bei  derselben  vor  Anker,  worauf  sie  sogleich 
zwei  kleine  Fahrzeuge  auf  sich  zurudern  sahen,  die  alsbald  an  der  Seite  des  Schiffes 
ankamen. 

Es  waren  sechs  Männer  von  der  Insel.  Nach  landesüblicher  Begrüfsung  gab 
einer  von  ihnen  die  Frage  zu  erkennen,  woher  das  Schiff  komme,  und  als  man  ihnen 
zu  verstehen  gegeben,  dafs  es  von  China  gekommen  sei,  um  hier  einigen  Handel  zu 
treiben:  bedeutete  man  dagegen,  dafs  der  Nautaquin  (Tokitaka),  der  Herr  dieser  Insel, 
welcher  Tanixumaa  (Tanegasima)  heifse,  dieses  wohl  zugestehen  werde,  wenn  sie  nur 
die  Abgaben  entrichteten,  welche  man  in  Japon,  dem  grofsen  Lande,  das  hier  gerade 
vor  ihnen  liege,  zu  bezahlen  pflege.  Man  lichtete  hierauf  die  Anker,  Pinto  bestieg 
mit  einigen  seiner  Gefährten  ein  Boot,  und  sie  kamen  in  eine  Bucht  an  der  Südseite 
der  Insel,  wo  sich  eine  grofse  Stadt,  Miaijgimaa  genannt,  befand. 

So  kam  F.  M.  Pinto  nach  Tanegasima.  Pinto  und  seine  beiden  Landsleute 
Diego  Zeijmoto  und  Christoval  Bor  all  o erregten  hier  als  Fremdlinge  aus  dem  Ten-tsiku- 
Lande  grofses  Aufsehen;  aber  vor  allen  zog  Diego  Zeijmoto  als  ein  sehr  geübter 
Schütze  mit  dem  Feuerrohre  die  Bewunderung  des  Volkes  und  des  Herrn  dieser 
Insel  auf  sich.  Dieser,  erstaunt  über  die  neue  Kunst  zu  schiefsen,  erwies  ihm  aufser- 
ordentliche  Ehrenbezeigungen.  Zeijmoto  glaubte  die  Ehrenbezeigungen,  die  ihm  der 
Nautaquin  erwies,  nicht  besser  vergelten  zu  können,  als  wenn  er  diesem  sein  Feuer- 
rohr, sicher  ein  sehr  willkommenes  Geschenk,  geben  würde  und  überreichte  es  ihm, 
eines  Tages  von  der  Jagd  zurückgekommen,  nebst  einer  Menge  erbeuteter  Tauben 
und  Turteltauben.  Der  Nautaquin  nahm  das  Feuerrohr  als  einen  Gegenstand  von  so 
grofsem  Werte  mit  Freuden  an  und  erklärte,  dafs  er  dieses  höher  als  alle  Schätze  von 
China  achte,  und  liefs  Zeijmoto  dafür  tausend  Tael  Silber  (etwa  fl.  1650)  zur  Belohnung 
geben,  mit  der  Bitte,  ihm  auch  die  Bereitung  des  Schiefspulvers  zu  lehren,  ohne  welches 
für  ihn  das  Feuerrohr  ein  unnützes  Stück  Eisen  wäre.  Zeijmoto  versprach  es  und  er- 
füllte sein  Versprechen. 

Das  Gerücht  von  der  Ankunft  dieser  seltsamen  Fremdlinge  hatte  sich  bald  nach 
dem  Hofe  des  Fürsten  von  Bungo  verbreitet,  und  dieser  wünschte  einen  von  ihnen  zu 
sehen.  Der  Fürst  war  seit  Jahren  krank  und  verlangte  nach  einer  Zerstreuung. 
Glücklich  traf  die  Wahl  den  lustigen  Gesellen  Pinto,  der  nun  die  Reise  nach  dem 
Hofe  des  Fürsten  von  Bunge  antrat.  Der  Weg,  den  Pinto  mit  seinem  japanischen 
Geleitsmanne  O Fingein  dono  (On  Fizen  dono)  dahin  eingeschlagen,  läfst  sich  genau 
nachweisen:  er  ist  derselbe,  den  jetzt  noch  die  japanischen  Fahrzeuge  von  Tanegasima 
nach  Satsuma  und  von  da  nach  Bungo  nehmen.  Von  Tanixumaa  (Tanegasima) 
schifften  sie  nach  dem  Hafen  Hyamengoo  (Jama-gawa),  begaben  sich  von  da  nach 
der  Stadt  Quanquixima  (Kagosima,  Hauptstadt  von  Satsuma),  setzten  ihre  Reise  weiter 
fort  nach  einem  schönen  Orte  Tanora  (Tanoura),  übernachteten  zu  Minato  (das  ist 
Hafen  und  zwar  zu  Otomari)  und  kamen  so  längs  Firungaa  (Hiuga)  nach  Osqui 
(Usuki),  einem  Schlosse  des  Fürsten  von  Bungo,  und  vollendeten  von  hier  aus  zu  Lande 
ihre  Reise. 

Pinto  wurde  am  Hofe  sehr  gut  aufgenommen  und  hatte  freien  Zutritt.  Sein 
Feuerrohr  machte  hier  nicht  weniger  Aufsehen,  als  das  des  Diego  Zeijmoto  auf  Tane- 
gasima;  doch  ein  Sohn  des  Fürsten  hatte  Unglück  damit,  indem  er  durch  Zerspringung 
des  überladenen  Rohres  stark  verwundet  wurde.  Pinto  heilte  den  Prinzen;  auch  hatte 
er  mit  einem  aus  China  gebrachten  kräftigen  Holze  bereits  früher  den  Fürsten  selbst 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  5.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  243 


hergestellt.  Er  erwarb  sich  dadurch  in  hohem  Grade  dessen  Gunst  und  die  Gewogen- 

O O 

heit  der  Grofsen  am  Hofe,  wurde  reichlich  beschenkt  und  kehrte,  als  Samipocheca 
segelfertig  war,  nach  Tanegasima  zurück.  Sie  gingen  von  hier  nachLiampoo  (Ninpon-fu) 
unter  Segel,  und  Pinto  kam  nach  einer  kurzen  Reise  wohlbehalten  bei  seinen  dort  an- 
sässigen Landsleuten  an. 

F.  M.  Pintos  Entdeckungsgeschichte  von  Japan  stimmt  in  der  Hauptsache  sehr 
gut  mit  dem  überein,  was  uns  die  Jahrbücher  der  Japaner  darüber  melden.  Der  Vor- 
fall ist  und  bleibt  eine  Thatsache;  nur  möchte  in  Zweifel  zu  ziehen  sein,  ob  F.  M.  Pinto 
wirklich  selbst  einer  dieser  Abenteurer  gewesen  oder  ob  er  diese  merkwürdige  Be- 
gebenheit während  seines  Aufenthaltes  zu  Liampoo  von  seinen  Landsleuten  oder  bei 
seiner  späteren  Reise  nach  Japan  (im  Jahre  1556)  erfahren  und  blofs  nacherzählt  hat 
— ein  Vergehen,  dessen  sich  die  alten  Reisebeschreiber  so  häufig  schuldig  gemacht 
haben.  Die  Umständlichkeit  in  seinen  Erzählungen  und  deren  Bewährung  von  der 
anderen  Seite  müfsten  Pinto  geradezu  als  Augenzeugen  derselben  anerkennen  lassen, 
würde  man  nicht  durch  einen  etwas  zu  groben  Verstofs  gegen  die  Zeitrechnung  da- 
von zurückgehalten.  Denn  der  in  Pintos  Reise  angegebenen  Zeitfolge  gemäfs 
kann  er,  wenn  anders  seine  Abenteuer  in  chronologischer  Ordnung  aufgeführt  sind, 
nicht  eher  als  im  Jahre  1545  an  die  Küste  von  Tanegasima  verschlagen  worden 
sein  — ein  Umstand,  der  bereits  die  Kritik  des  Gelehrten  L.  Langles  auf  sich  ge- 
lenkt hat. 

Hier  wird  nun  treu  nach  einer  Zeichnung  des  berühmten  japanischen  Malers 
Hoksai  das  Bild  des  portugiesischen  Entdeckers  Japans  mitgeteilt.  Diese  Zeichnung 
befindet  sich  in  dem  früher  erwähnten  Buche  Mangwa,  den  Abbildungen  der  Feuer- 
gewehre und  der  dazu  gehörigen  Gerätschaften  beigefügt,  zum  Beweise  der  europäi- 
schen Abkunft  derselben.  Sie  führt  die  Aufschrift:  Ten-bun  zju-ni  midsunoto-u  hatsi- 
kwats  nizju-go  nitsi  Osumi-no  kuni  Tanegasima-ni  ho-riusu  — Krista  Möta  Mura 
Sjuksja.  D.  i.:  Am  25.  Tage  des  (Monats)  Hatsi-kwats  im  12.  Jahre  Tenbun,  dem 
Jahre  Midsu-noto-u  (dem  40.  des  sechzigjährigen  Cyklus)  verschlagen  nach  Tane- 
gasima, der  Landschaft  Osumi  — Krista  Möta  und  Mura  Sjuksja.  Siehe  Fig.  25. 

Dieses  geschichtliche  Denkmal,  seit  einigen  Jahrhunderten  bei  einer  Nation  be- 
wahrt, die,  nicht  ohne  traurige  Erinnerungen  zu  erwecken,  dasselbe  ins  Auge 
fassen  kann,  wollen  jetzt  auch  wir,  die  stolzer  auf  die  kühnen  Entdeckungen  und  die 
scharfsinnige  Erfindung  europäischen  Forschungsgeistes  zurückblicken  dürfen,  der  Litte- 
ratur  über  Land-  und  Völkerkunde  beifügen. 


Zur  näheren  Erläuterung  des  wichtigen  Vorfalles  wird  hier  noch  eine  Beschreibung 


der  Insel  Tanegasima  gegeben. 

«Tanegasima»,  sagt  van  Linschoten,  «ist  eine  längliche  Insel,  welche  sich  nach 
N.  und  S.  ausstreckt.  Das  Land  ist  niedrig,  mit  Hügeln  und  Thälern  und  einem  weifsen 
Sandstrande.  Es  hat  auffallend  grüne  Auen  und  viel  Nadelholz;  die  Bäume  stehen 
jedoch  einzeln  und  zerstreut.  An  der  Westseite,  etwa  in  der  Mitte  der  Insel,  befindet 
sich  ein  Hafen,  eine  Bucht,  zwischen  einigen  Felsen  und  Klippen  gelegen,  und  daher 
zum  Einlaufen  nicht  bequem.  WNW.  von  diesem  Hafen,  in  einer  Entfernung  von 
i1/ 2 Meilen,  liegt  Makesima,  klein  und  flach,  in  der  Mitte  zu  einem  Hügel  sich  er- 
hebend, ein  Eiland,  an  dessen  Nordspitze  einige  Felsen  hervorragen.  Übrigens  ist  das 
Fahrwasser  hier,  sowie  zwischen  dem  Inselchen  und  Tanegasima  frei  von  Untiefen. 
Die  Insel  Tanegasima  ist  etwa  7 bis  8 Meilen  lang,  und  ihre  Mitte  liegt  unter  30 0 


244 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


30'  n.  B.  Im  Norden  sieht  man  ein  hohes,  weitausgebreitetes  Land,  welches  Japan 
ist.  Da  Tanegasima  niedrig  ist  und  das  Land  von  Japan  sehr  hoch,  10  Meilen 
lang  W.  und  O.  sich  hinzieht,  so  scheint  diese  Insel  in  einiger  Entfernung  gesehen, 
mit  Japan  ein  Land  zu  bilden.  Die  Täuschung  verschwindet,  sobald  man  sich 
dem  hohen  Lande  nähert,  wo  sich  der  etwa  7 bis  8 Meilen  breite  Kanal  allmäh- 
lich öffnet.)) 

Von  Krusensterns  Nachricht  über  diese  Insel  mag  zur  Bestätigung  der  eben  er- 
wähnten dienen:  «Kaum  hatten  wir  unseren  Kurs  nach  der  Südostspitze  von  Satzuma 

genommen,  so  sahen  wir  Land 
in  SW.,  welches  ich  für  die 
Insel  Tanao-sima  hielt,  die  auf 
Arrowsmiths  Karten  die  süd- 
liche Seite  der  Strafse  van 
Diemen  bildet.  Sie  hatte,  wie 
wir  sie  zuerst  erblickten,  die 
Gestalt  der  Insel  Lavensaar  im 
finnischen  Meerbusen.  Die 
Spitzen  der  Bäume  ragten  nur 
aus  dem  Wasser  hervor,  und 
erst  nachdem  wir  tief  in  die 
Strafse  van  Diemen  einge- 
drungen waren,  konnten  wir 
sie  vollständig  übersehen.  Sie 
ist  durchgehends  flach  und  ganz 
mit  Bäumen  bewachsen,  was 
ihr  ein  angenehmes  Ansehen 
giebt.  Ihre  Richtung  ist  bei- 
nahe Nord  und  Süd,  und  in 
dieser  beträgt  ihre  Länge  18 
(kleine)  Meilen.  Ihre  gröfste 
Breite  ist  ungefähr  nur  ein 
Drittel  der  Länge.  In  der  Mitte 
wird  diese  Breite  durch  zwei 
Einbuchten  auf  der  Ost-  und 
Westseite,  welche  ihr  in  einiger 
Entfernung  das  Ansehen  von 
zwei  Inseln  geben,  noch  beinahe  um  die  Hälfte  vermindert.  Die  Nordspitze  dieser 
Insel  liegt  in  30°  42'  30"  der  Breite  und  229 0 oo'  der  Länge.  Die  Südspitze  in 
30°  24'  00"  N. 

Nach  Angabe  der  Japaner  liegt  Tanegasima  10  Ri  30  Tsjö  von  Otomari 
entfernt  — einem  Eiecken  und  Hafen  in  der  Landschaft  Osumi,  an  der  Ostseite  des 
Kap  Satono-misaki  (Kap  Tsitschagoft  nach  von  Krusenstern).  Die  Länge  der  Insel  be- 
trägt 14  Ri  und  ihr  Umfang  37  Ri  27  Tsjö.  Der  Flächeninhalt  läfst  sich  nach  den 
besseren  japanischen  Karten  zu  9,6051  Quadratmeilen  annehmen.  In  der  Ferne  ge- 
sehen, scheint  zwar  ihre  Richtung  beinahe  N.  und  S.  zu  sein,  ist  aber  NO.  gen  N. 
und  SW.  gen  S.  Das  hohe,  durch  scharfe  Piks  bezeichnete  Land  von  Kiusiu,  welches 


Fig.  25.  Abbildung  der  portugiesischen  Entdecker  Japans. 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v Japan.  6. Beschreibung  d. Faktoreien  d. Niederländer.  245 


sich  im  Norden  von  Tanegasima  ausbreitet,  und  der  Berg  Motomi-jama,  womit  im 
Westen  sich  die  Insel  Jakesima  hoch  aus  der  See  erhebt,  diese  auffallenden  Um- 
gebungen machen  es,  dafs  Tanegasima  selbst  niedriger  erscheint,  als  es  wirklich  ist. 
Diese  Insel  hat  jedoch  zahlreiche  Hügel,  welche,  bewachsen  mit  Tannen,  Cedern  und 
Bambus,  in  einen  flachen  Bergrücken  zusammenfliefsen,  dessen  lebhaftes  Grün  mit 
dem  weifsen  Sandstrande  der  Buchten  und  Baien  in  grellem  Abstiche  hervortritt. 
Etwa  in  der  Mitte  der  Insel  wird  der  Bergrücken  durch  ein  Thal  unterbrochen,  und 
dadurch  erhält  Tanegasima  in  der  Ferne  das  Aussehen  zweier  Inseln.  Die  unbe- 
deutende Erhebung  des  Landes  beträgt  nur  etwa  300  bis  höchstens  500  Fufs  über  die 
Meeresfläche.  Das  gute  Quellwasser  dieser  Insel  erfrischt  die  japanischen  Seefahrer 
auf  ihren  Reisen  nach  Liukiu.  Tanegasima  gehört  zur  Landschaft  Osumi  und  wird 
in  zwei  Gerichtsbezirke  geteilt,  wovon  der  eine,  Tanegasima-köri,  den  nördlichen, 
der  andere,  Kumake-köri,  den  südlichsten  Teil  der  Insel  umfafst.  Aka-oki  ist  der 
besuchteste  Hafen.  Aufserdem  bieten  Mori-hagi,  Simo-ma  Nisi-mura,  Hira-jama,  Kuni- 
kami  und  Ake-no  gute  Ankerplätze. 

. 

6.  Beschreibung  der  Faktoreien  der  Niederländer 

in  Japan, 

Hirado  (Firato)  und  Dezima. 

Die  erste  Faktorei,  welche  die  Niederländer  in  Japan  errichtet  haben,  befand 
sich  auf  der  Insel  Hirado,  unweit  der  Stadt  und  dem  Schlosse  dieses  Namens1. 

Jakob  Quaekernaeck  und  Melchior  Zandvoort  hatten,  nachdem  sie  im  Jahre 
1600  an  der  japanischen  Küste  gelandet,  während  ihrer  Zurückhaltung  in  Japan  bei 
dem  Herrn  von  Hirado  gute  Aufnahme  gefunden  und  waren  durch  die  thätige  Unter- 
stützung dieses  Fürsten,  der  ihnen  auf  seine  Kosten  selbst  ein  Fahrzeug  bauen 
und  ausrüsten  liefs,  in  den  Stand  gesetzt  worden  nach  Patane  zurückzukehren. 
Diese  beiden  Niederländer  überbrachten  ihren  Landsleuten  die  Nachricht  von  der 
günstigen  Gelegenheit,  mit  Japan  in  Handelsverbindung  zu  treten,  und  waren  so  die 
Veranlassung,  dafs  die  Schiffe  De  roode  Leeuw  met  de  pylen  und  De  Griffioen,  auf 
Befehl  des  Admirals  W.  Verhoeven  (1609)  von  Johor  nach  Japan  abgefertigt,  zu  Hi- 
rado vor  Anker  gingen,  und  dafs  also  der  erste  Handelsverkehr  der  Niederländer  mit 
Japan  gerade  hier  sich  anknüpfte.  Abraham  van  den  Broeck  und  Jacques  Puijck 
wurden  infolge  der  unternommenen  Gesandtschaft  an  den  Hof  des  Sjögun  Ijejasu  und 
dessen  Sohnes  Hidetada  (1609)  die  Begründer  des  niederländischen  Handels  in  Japan, 
und  die  auf  Hirado  (ihn)  errichtete  Faktorei  hatte  Jacques  Specx  zum  ersten 
Vorsteher. 

Von  hier  aus  betrieben  die  Niederländer  mit  Genehmigung  des  Sjögun  unter 
dem  Schutze  des  Landesherrn  von  Hirado  den  Handel.  Bereits  längst  vor  ihrer  An- 
kunft hatte  die  schreckliche  Christenverfolgung  ihren  Anfang  genommen,  und  die  Stel- 
lung der  Spanier  und  Portugiesen  im  Lande  war  schon  sehr  erschüttert  — Umstände, 

1 In  der  ersten  Auflage  des  Nippon  wurde  diese  Insel  unter  dem  Namen  Firato  nach  der 
früheren  Schreibart  der  Niederländer  beschrieben. 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


246 

welche,  so  nachteilig  sie  auch  auf  neuankommende  Fremdlinge  zurückwirken  mufsten, 
die  Aufnahme  und  den  Handel  der  Niederländer  gerade  jetzt  begünstigten.  Doch 
war  es  nur  für  kurze  Zeit.  Bald  begegnete  man  ihnen  mit  ähnlichen  Vorsichtsmafs- 
regeln  wie  den  übrigen  verrufenen  Ausländern.  Ihre  Freiheit  wurde  von  Nagasaki 
aus,  dem  Sitze  der  Statthalter  des  Sjögun,  allmählich  beschränkt,  ja  selbst  ihr  Handels- 
kredit durch  die  Kunstgriffe  ihrer  Feinde  geschmälert.  Diese  — die  Spanier  und 
Portugiesen  wurden  endlich  aus  einem  Lande,  das  sie  freiwillig  nicht  verlassen  wollten, 
gewaltsam  vertrieben,  nachdem  sie  mit  unglaublicher  Beharrlichkeit  Mifshandlungen 
und  Qualen  jeder  Art  ertragen  hatten. 

Mit  der  Verbannung  dieser  Ruhestörer  sah  man  aber  die  Ruhe  und  Sicherheit 
des  Staates  nicht  verbürgt.  Auch  die  Niederländer  waren,  wenngleich  von  einer 
vorteilhafteren  Seite,  als  Christen  bekannt  geworden,  und  auch  ihnen  war  das  Ver- 
hängnis bestimmt,  das  ihre  Widersacher  getroffen  hatte.  Im  günstigsten  Falle  war 
ihnen,  wenn  man  sie  nicht  zur  .Aufgabe  ihres  Handels  bewegen  konnte,  in  Nagasaki, 
der  strenge  bewachten  Reichshandelsstadt,  der  Aufenthalt  zu  Dezima,  das  soeben  von 
den  Portugiesen  geräumte  Staatsgefängnis,  zugedacht.  Aber  weit  lieber  hätte  man 
es  gesehen,  wenn  auch  die  Niederländer,  die  letzten  Fremdlinge  im  Lande,  das  Reich 
verlassen  hätten.  Allein  die  Handelsvorteile,  von  welchen  man  berechnen  konnte, 
dafs  sie  mit  jedem  Jahre  anwachsen  würden,  und  der  Triumph  der  Niederländer 
über  ihre  abgesagten  Feinde,  die  Portugiesen,  deren  letztes  Streben  zur  Wieder- 
eröffnung ihres  Handels  mit  Japan  durch  das  am  5.  August  1640  an  der  makao’schen 
Gesandtschaft  so  schrecklich  vollzogene  Todesurteil  vereitelt  worden  war,  ermutigte 
erstere  zur  Beharrlichkeit  und  Ausdauer.  Ihre  Geduld  wurde  aber  auf  eine  harte 
Probe  gestellt,  als  am  9.  November  1640  der  Befehl  des  Sjögun  erschien,  «die 
Wohnungen  der  niederländischen  Faktorei  zu  Hirado,  auf  deren  Giebel  die  christliche 
Jahreszahl  stand,  unverzüglich  dem  Grunde  gleich  abzubrechen».  Nur  der  Ent- 
schlossenheit des  Francois  Caron,  welcher  als  Oberhaupt  der  Faktorei  noch  an  dem- 
selben Tage  mit  dem  Einreifsen  der  Wohnungen  beginnen  liefs,  hatten  diesmal 
die  Niederländer  ihre  fernere  Duldung  auf  Japan  zu  danken;  denn  die  geringste 
Widersetzung  würde  den  Japanern  ein  erwünschter  Beweggrund  gewesen  sein,  die 
Fremdlinge  gänzlich  aus  ihrem  Lande  zu  verbannen.  Zum  Abbruche  der  nieder- 
ländischen Faktorei  auf  Hirado  war  somit  das  Signal  gegeben,  und  der  günstige  Ablauf 
dieses  Vorfalles  liefs  die  holländischen  Kaufleute  sich  mit  der  Hoffnung  schmeicheln, 
ihren  Handel  in  Japan  nicht  nur  ferner  fortsetzen,  sondern  ihre  Faktorei  nach 
Nagasaki  verlegen  zu  können,  wohin  sie  sich  längst  schon  versetzt  wünschten.  Ein 
ausgebreiteter  Alleinhandel  eröffnete  ihnen  dort  die  schönsten  Aussichten,  und  wenn 
je  die  Niederländer  sich  unter  den  Willen  eines  Gewaltherrschers  schmiegten  und  sich 
den  Winken  seiner  Günstlinge  und  Höflinge  fügten,  wenn  sie  je  sich  freiwillig  unter  ein 
hartes  Joch  beugten,  dann  war  es  in  Japan  in  dieser  für  sie  und  ihr  Vaterland  kri- 
tischen Periode.  Handelsinteresse  war  dabei  die  Haupttriebfeder  — doch  unverkennbar 
auch  das  Bestreben,  dem  Vertrauen  und  Handelskredit  ihrer  Nation  in  einem  Lande  ein 
Denkmal  zu  gründen,  wo  das  Vertrauen  in  den  Europäern  so  tief  gesunken  war. 

Während  früher  die  niederländischen  Abgesandten  mit  fürstlichem  Gepränge 
nach  dem  Hofe  zogen,  sehen  wir  jetzt  Maximilian  le  Maire  anspruchslos  und 
demütig  am  Hofe  des  Sjögun  erscheinen,  wo  ihm  nach  Überreichung  der  Geschenke, 
welche  jährlich  die  niederländisch-ostindische  Compagnie  darzubringen  pflegte,  am 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  6 Beschreibung  d.  Faktoreien  d.  Niederländer.  247 


11.  Mai  1641  durch  die  Reichsräte  eröffnet  wurde:  «Dafs  von  nun  an  die  nieder- 
ländischen Schiffe  ausschliefslich  in  den  Hafen  von  Nagasaki  einlaufen,  und  somit  die 
Faktorei  von  Hirado  dahin  auf  brechen  sollte».  Es  wurde  beigefügt:  «Der  Sjögun 
wolle  nirgendwo  anders  im  Lande  als  zu  Nagasaki  noch  Ausländer  dulden;  hier 
könnten  die  Niederländer  wie  früher  ihren  Handel  treiben.  So  wrenig  auch  Japan 
mit  derff  Handel  des  Auslandes  gedient  sei,  so  würde  jedoch  den  Holländern  aus  Be- 
rücksichtigung des  vom  Sjögun  Ijejasu  erteilten  Handelspasses  vergönnt,  hier  den  Handel 
fortzusetzen.» 

Bald  hierauf  verliefsen  die  Niederländer  ihre  alte  Niederlassung  auf  Hirado,  wo 
sie  32  Jahre  lang  ansässig  gewesen  waren. 

Die  Insel  Hirado  liegt  an  der  NW. -Seite  von  Kiusiu,  nur  einige  Ri  von  der 
Küste  der  Landschaft  Hizen  entfernt,  nach  Angabe  der  Japaner  zwischen  330  10'  und 
330  25'  n.  Breite,  und  die  Stadt  Hirado  unter  330  20'  n.  Breite  und  6°  13'  Länge  west- 
lich von  Kioto.  Ihre  günstige  Lage  — gerade  im  Mittelpunkte  der  lebhaften  Küsten- 
fahrt von  Nagasaki  nach  der  grofsen  Handelsstadt  Osaka  — und  die  gröfsere  Frei- 
heit, welche  Ausländer  unter  dem  Schutze  des  Fürsten  von  Flirado  genossen,  waren 
Ursache,  dafs  bereits  früher  Portugiesen  und  chinesische  Kaufleute  nach  dem  Hafen 
von  Hirado  hinzogen. 

«Fyrando  (Hirado)»,  sagt  FI.  von  Linschoten,  «ist  eine  grofse,  längliche  Insel,  die 
sich  als  ein  sehr  hohes  Land  ONO.  und  WSW.  erstreckt.  Von  der  Ostseite  gesehen, 
zeichnet  sie  sich  durch  einen  grofsen  hohen  Hügel  — felsigen  spitzen  Berg  — mitten 
auf  einer  vorspringenden  Landspitze  aus.»  Segelt  man  längs  der  Ostküste  dieser  Insel 
hin,  dann  bemerkt  man  eine  Öffnung,  welche  gleich  einem  Flusse  landeinwärts  zieht. 
Hat  man  diese  etwa  eine  Meile  hinter  sich,  so  öffnet  sich  eine  kleine  Bucht  — eine 
Bai,  Cochyn  (Kutsi)  genannt,  in  die  man  bis  auf  12  Faden  (Tiefe)  einläuft  und  da 
vor  Anker  legt;  gewährt  sie  auch  keinen  Schutz  gegen  Südwinde,  so  geht  hier  doch 
keine  hohle  See.  Man  lälst  sich  von  da  gewöhnlich  durch  Barken  in  den  Hafen 
bugsieren,  der  aber  der  grofsen  Strömung  wegen  sehr  gefahrvoll  einzulaufen  ist.  Will 
man  unter  Segel  in  den  Hafen  gelangen,  dann  mufs  es  mit  beinahe  hohem  Wasser 
geschehen;  denn  man  hat  an  der  Mündung  des  Hafens  den  Wind  sehr  scharf,  und 
bei  eintretender  Ebbe  mufs  das  fallende  Wasser  die  Einfahrt  unterstützen.  Zu  diesem 
Ende  segle  man,  wie  schon  erwähnt,  die  Ostküste  von  Hirado  entlang  und  an  der 
Bai  von  Kutsi  vorüber  bis  zur  ersten  Landspitze,  wo  nördlich  zwei  kleine  Klippen 
hervorstehen.  Diesen  Klippen  suche  man  zu  nahen,  um  so  desto  besser  in  den 
Hafen  einzulaufen.  Man  sieht  darauf  rechts,  Hirado  zur  Seite,  ein  hohes  Inselchen, 
voll  von  Bäumen,  zum  Vorschein  kommen,  auf  dessen  W. -Spitze  man  alsbald  gerade 
seinen  Lauf  richten  und  so  lange  darauf  anhalten  mufs,  bis  dasselbe  ganz  sichtbar  zur 
Linken  vorliegt,  worauf  sogleich  von  innen  das  Ende  eines  bewohnten  Ortes  hervor- 
tritt. Sobald  man  die  Häuser  entdeckt,  mufs  man  gut  beim  Winde  halten.  Dem 
Inselchen  gerade  gegenüber,  nämlich  links  an  der  Südseite,  läuft  eine  kleine  Land- 
zunge aus,  welche  sich  von  einem  hohen  Hügel  der  Insel  Hirado  seeeinwärts  erstreckt. 
An  dieser  Landspitze  zieht  eine  Bank  hin.  Man  mufs  sich  daher  dem  erwähnten  Ecke 
oder  Ende  des  Dorfes  so  nahe  als  möglich  halten,  um  aufser  dem  Strome  zu  bleiben. 
Nach  gelungener  Durchfahrt  kommt  man  in  ruhiges  Gewässer,  wo  man  bei  ungün- 
stigem Winde  vor  Anker  gehen  und  dann  durch  Barken  sich  vollends  in  den  Hafen 
bugsieren  lassen  kann.  Der  Eingang  ist  WSW.»  — Bei  unseren  alten  Seeleuten  führte 


248 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


dieser  Hafen  die  Namen  Cochyn,  Coetche,  Cutzin,  Coehynoch  u.  dgl.,  Benennungen, 
die  sich  in  dem  Worte  Kutsi,  d.  i.  Mündung,  und  Kutsi-no-tsu,  Hafen  von  Kutsi, 
wiederfinden.  Dieser  Hafen,  etwa  eine  Stunde  von  der  Stadt  Hirado  entfernt,  liegt 
nach  Johann  van  Twist  unter  330  20',  und  nach  John  Saris  unter  330  30'  n.  Breite, 
bei  2°  50'  östlicher  Abweichung.  — Hier  befand  sich  jene  erste  Faktorei  der 

Niederländer. 

Vom  Flecken  und  der  niederländischen  Faktorei  Hirado  selbst  — einem  Orte, 
von  wo  aus  das  Aufblühen  der  Niederländischen  Vereinigten  Compagnie  ungemein 
begünstigt  wurde,  der  aber  im  Laufe  der  Zeit  wieder  ganz  in  Vergessenheit  geriet, 
teilt  uns  Hendrick  Hagenaer  aus  seiner  ersten  Reise  nach  Japan  im  Jahre  1634 
folgende  Beschreibung  mit:  «Der  Flecken  Firando  liegt  im  Hintergründe  einer  Bai, 
wo  die  Natur  einen  geräumigen,  beinahe  runden  Kolk  gebildet  hat,  der  durch  einen 
engen  Hals  in  die  Bai  mündet,  so  dafs  weder  Strömung  und  Wind,  noch  hohle  See 
und  die  jährlich  hier  herrschenden  Taifune  oder  Orkane  den  Schiffen  bedeutenden 
Schaden  zufügen  können.  Bei  Ebbe  jedoch  liegt  dieser  Kolk  meistens  trocken.  Der 
Hafen  vor  der  Behausung  der  Niederländer  ist  enge  und  beim  Einlaufen  gefährlich, 
wie  dieses  bereits  mehrere  unserer  Schiffe  erfahren  haben.  Japanischen  Barken  und 
Fahrzeugen  dient  dieser  Ort  wohl  zu  einer  guten  Rhede,  doch  für  Compagnie-Schiffe 
ist  er  nicht  geräumig  genug,  und  sein  Ankergrund  zu  weich,  so  dafs  diese  häufig 
Gefahr  laufen.  Die  Rhede  ist  zu  beiden  Seiten  mit  Häusern  besetzt,  welche  einen 
Flecken  ausmachen.  Hier  steht  auch  eine  Wohnung  des  Landesherrn,  wo  dieser  zeit- 
weilig seinen  Aufenthalt  nimmt.  Die  Häuser  sind  durchgehends  schlecht  und  mit 
dünnen  übereinandergefügten  Schindeln  gedeckt.  Es  wohnen  nur  wenige  vermögende 
Kaufleute  da.  Das  Logis  der  Compagnie  nimmt  einen  grofsen  Raum  ein,  ist  aber 
nur  aus  Holz  gezimmert.  Es  hat  vier  grofse  Zimmer,  fünf  Nebengemächer  nebst 
einer  Badstube,  Küche,  Speisekammer  u.  dgl.,  ist  aber  alt  und  baufällig.  Der  Flecken 
bestand  vor  Zeiten  blofs  aus  Wohnungen  von  Fischern  und  gemeinen  Leuten  und 
hatte  nicht  viel  zu  bedeuten.  Jetzt  aber,  wo  Kaufleute  aus  anderen  Städten  Japans 
sich  häufig  hier  einfinden  und  viel  verzehren,  werden  täglich  neue  Häuser  gebaut. 
Es  bezieht  daher  der  Herr  von  Firando  eine  grofse  Grundsteuer  und  andere  Vorteile 
mehr.  Eine  Strafse,  deren  gegenwärtig  36  bestehen,  bringt  nun  mehr  auf,  als  früher 
der  ganze  Flecken»  u.  s.  w. 

Wenn  man  diese  Beschreibungen  unserer  früheren  niederländischen  Reisenden 
mit  der  auf  Fig.  26  mitgeteilten  Ansicht  des  Hafens  samt  dem  Flecken  und  der 
Faktorei  der  Niederländer  zu  Hirado  vergleicht,  dann  werden  die  oft  dunkeln  Stellen 
jener  alten  Schriftsteller  deutlicher  hervortreten,  und  übereinstimmend  mit  der  Abbil- 
dung selbst,  uns  einen  für  die  Geschichte  des  niederländischen  Handels  so  merkwür- 
digen Ort  wieder  erkennen  lassen. 

In  der  Abbildung  sehen  wir  zur  Rechten  die  Gebäude  der  niederländischen 
Faktorei,  sowie  sie  wahrscheinlich  kurz  vor  dem  Abbruche  unter  Fr.  Caron  (1640) 
bestanden.  Die  Stelle,  wo  man  jetzt  noch  deren  Überreste  findet,  wird  Saki-kata  ge- 
nannt. Die  auf  der  Landspitze  gegenüberstehenden  Gebäude  waren  Magazine  und 
Wohnungen  der  Kaufleute  und  bilden  jetzt  das  Dorf  Hino-ura.  Vor  dem  Hafen, 
dessen  Eingang  durch  eine  weit  in  die  See  ragende  Landzunge  Nanrjö-saki  zur 
Rechten  und  durch  die  Landspitze  Hino-ura  zur  Linken  gebildet  wird,  sieht  man  die 
von  Linschoten  beschriebenen  zwei  Klippen  und  das  hohe  baumreiche  Inselchen. 


Geograph. Übersicht  u. Entdeckungsgeschichte  v Japan.  6.  Beschreibung  d.  Faktoreien  d.  Niederländer.  249 


Fig.  26.  Ansicht  von  FLirado,  der  ersten  niederländischen  Faktorei. 


250 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Erstere  führen  bei  den  Japanern  die  Kamen  Otatsuke  und  Kotatsuke,  und  letzteres 
wird  Awo-zasaki  genannt.  Die  zwei  Klippen  bezeichnen  wirklich  als  untrügliche  Merk- 
male die  Hafenmündung  und  das  grüne  Inselchen  den  rechten  Weg  dahin.  — Diese 
Ansicht  ist  nach  einem  Ölgemälde  aufgenommen,  welches  früher  noch  auf  Hirado  ver- 
fertigt und  von  der  Familie  eines  ehemaligen  Lieferanten  daselbst  nach  Nagasaki  ge- 
bracht worden  ist. 


Plan  von  Dezima, 

Faktorei  des  niederländischen  Handels  im  Reiche  Japan.  (S.  Fig.  1 u.  2.) 

Auf  Befehl  und  Kosten  des  Sjögun  Ije-mitsu  wurde  in  den  Jahren  1635  — 1636 
für  die  Portugiesen,  die  sich  trotz  der  harten  Verfolgung,  welche  in  den  ersten  Jahr- 
zehnten des  siebzehnten  Jahrhunderts  über  sie  erging,  in  Japan  zu  halten  strebten, 
dicht  vor  der  Stadt  Nagasaki  ein  eigener  Wohnplatz  angelegt  — ein  Inselchen, 
durch  Aufschutt  am  Strande  hervorgerufen,  welches  seiner  Lage  nach  den  Namen 
Dezima  — Vorinsel  — erhielt,  hinsichtlich  seiner  Bauart  und  Abgeschlossenheit 
aber  und  seines  Zweckes  wegen  eher  den  Namen  eines  Staatsgefängnisses  verdient. 
Von  hier  aus  betrieben  die  Portugiesen  einige  Jahre  lang  ihren  Handel,  der 
ungeachtet  der  Einschränkungen  und  Verfolgungen  durch  die  Lage  des  Inselchens  so 
nahe  bei  Nagasaki  und  durch  die  gute  Einrichtung  der  Magazine  sehr  begünstigt 
wurde,  so  dafs  gleichsam  aus  dem  Schutte  ihrer  Freiheit  ihr  Handel  von  neuem 
aufblühte. 

Dieses  entging  nicht  dem  Blicke  der  Niederländer,  und  dieselben  hatten  nicht  so 
bald  die  günstige  Wendung  der  portugiesischen  Handelsverhältnisse  ersehen,  als 
auch  bei  ihnen  der  Wunsch  rege  wurde,  ihre  Faktorei  von  Hirado  nach  Nagasaki 
bei  der  ersten  günstigen  Gelegenheit  zu  verlegen. 

Die  Reichsverbannung,  welche  zu  Ende  des  Jahres  1639  über  die  Portugiesen 
verhängt  wurde,  öffnete  den  Niederländern  die  schönsten  Aussichten  zu  einer  Nieder- 
lassung in  Nagasaki  — wohl  gar  auf  Dezima.  Schienen  auch  ernste  Unannehmlich- 
keiten zwischen  den  Niederländern  und  der  japanischen  Regierung  die  Aufhebung  der 
Faktorei  zu  Firato  herbeigeführt  zu  haben,  den  niederländischen  Kaufleuten  war  es 
um  so  angenehmer,  nach  einer  Stadt  versetzt  zu  werden,  die  für  den  ausländischen 
Handel  so  vorteilhaft  gelegen  war,  und  bereitwilliger  noch  wurde  von  seiten  der 
japanischen  Regierung  den  allein  im  Lande  zurückbleibenden  Ausländern  Dezima  geöffnet. 

So  sehen  wir  im  Jahre  1641  unter  dem  Oberhaupte  Maximilian  le  Maire  unsere 
Niederländer,  ganz  mit  ihrem  Schicksale  einverstanden,  von  Hirado  nach  Nagasaki 
aufbrechen  und  Dezima,  diese  vermeintliche  Goldgrube  ihrer  Feinde,  beziehen. 

Der  Verkehr  mit  Japan,  von  Nagasaki  aus  betrieben,  versprach  für  den  nieder- 
ländischen Handel  in  Ostindien  grofse  Vorteile,  und  diese  Rücksicht  sowie  der  unge- 
wöhnliche Gewinn,  welche  der  Compagnie  und  deren  Dienern  in  den  ersten  Jahren 
des  Aufenthaltes  daselbst  zuströmte,  lassen  es  entschuldigen,  wenn  sonst  freiheit- 
liebende Männer  ihre  Freiheit  hier  aufopferten. 

Dezima,  im  Süden  der  Stadt  Nagasaki  am  nordöstlichen  Strande  der  Bai  gelegen, 
hat  die  Form  des  entfalteten  Blattes  von  einem  japanischen  Fächer.  Man  erzählt,  dafs 


Geograph.  Übersicht  u. Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  6. Beschreibung  d Faktoreien  d. Niederländer.  25  I 

der  Sjögun,  als  man  ihn  um  die  Form  fragte,  die  er  dem  aufzuwerfenden  Inselchen 
gegeben  wünschte,  seinen  Fächer  überreicht  habe,  um  als  Vorbild  zu  dem  Staats- 
gefängnisse  der  Portugiesen  zu  dienen.  Durch  Abtragung  eines  in  der  Nähe  gelegenen 
Hügels  ist  dieses  Inselchen  errichtet  und  durch  eine  Mauer  aus  Basaltsteinen  gegen 
den  Anprall  der  Wogen  geschützt  worden.  Bei  hohem  Wasser  erhebt  es  sich  noch 
etwa  6 Fufs  über  die  Meeresfläche  und  ist  an  der  Südseite  624,  an  der  Nordseite 
516  rhnl.  Fufs  lang  und  in  der  Mitte  216  Fufs  breit.  Gegen  S.  und  W.  schaut  es 
in  die  Bai,  gegen  N.  und  O.  liegt  es,  durch  einen  schmalen  Kanal  geschieden,  gegen- 
über der  Stadt  Nagasaki,  mit  der  es  durch  eine  kleine  steinerne  Brücke  und  ein  mit 
einer  Wache  besetztes  Thor  (Landpoort)  (a)  in  Verbindung  steht.  Ein  zweites  Thor  an 
der  Westseite  (Waterpoort)  (b)  wird  zum  Verkehr  mit  den  vor  Anker  liegenden  Schüfen 
geöffnet.  Auf  diesem  kleinen  Raume  sind  die  aus  Holz  gebauten  Wohnungen  der 
niederländischen  Beamten,  die  Magazine  und  einige  andere  Nebengebäude  zusammen- 
gedrängt, durch  eine  mäfsig  breite  Strafse  geschieden,  welche  nebst  dem  freien 
Platze  bei  dem  Flaggenstocke,  dem  botanischen  Garten  und  dem  Küchengarten  den 
einzigen  Spaziergang  für  die  hier  eingeschlossenen,  streng  bewachten  Ausländer  bietet. 
Die  Wohnung  des  Oberhauptes  (d)  enthält  einige  geräumige,  nach  europäischer  Weise 
erbaute  Säle,  welche  im  Jahre  1823  auf  Kosten  der  niederländischen  Regierung 
sehr  geschmackvoll  eingerichtet  wurden.  Auf  dem  erwähnten  Plane  erhebt  sich, 
prangend  mit  der  niederländischen  Flagge,  der  Flaggenstock  und  zeigt  den  ein- 
segelnden Schiffen  der  Niederländer  den  einsamen  Aufenthalt  ihrer  Landsleute. 
Sein  beliebtes  Farbenspiel  verkündet  den  Einwohnern  von  Nagasaki  jedesmal  unsere 
niederländischen  Nationalfeste  und  hilft  die  ihrigen  auf  gleiche  Weise  verherrlichen. 
Der  Flaggenstock  liegt  unter  320  45'  der  Breite  und  1290  5T  der  Länge  östlich 
von  Greenwich. 

Unter  den  vielen,  die  naturhistorischen  Wissenschaften  befördernden  Anstalten  der 
niederländisch-ostindischen  Regierung  mag  hier  wohl  des  botanischen  Gartens  erwähnt 
werden,  den  ich  auf  Befehl  derselben  in  den  Jahren  1823 — 1824  dort  angelegt  habe.1 
I121  Jahre  1829  waren  darin  bereits  an  tausend  der  japanischen  Flora  angehörende 
seltenere  Gewächse  angepflanzt.  Die  Namen  der  um  die  Pflanzenkunde  dieses  Landes 
so  verdienten  Naturforscher  E.  Kaempfer  und  C.  P.  Thunberg  sind  dort  durch  ein 
Denkmal  geehrt,  das  die  Aufschrift  trägt: 

E.  KAEMPFER,  C.  P.  THUNBERG 

ecce!  virent  vestrae  hic  plantae  florentque  quotannis 

CULTORUM  MEMORES  SERTA  FERUNTQUE  PIA. 

In  dem  vorliegenden  Plane,  Fig.  2,  ist  Dezitma  so  gegeben,  wie  es  zu  Anfang 
des  Jahres  1828  war.  Ein  heftiger  Orkan  am  18.  und  19.  September  desselben 
Jahres  hat  durch  den  Einsturz  einiger  Wohnungen  Veränderungen  hervorgerufen, 
wodurch  einige  Wohnungen  der  Beamten* eine  bedeutende  Verbesserung  und  durch 
Versetzung  eines  grofsen  Packhauses  in  den  botanischen  Garten  eine  freiere  Aussicht 
erhalten  haben. 


1 Die  Wohnung  v.  Siebolds  war  bei  (f),  daneben  breitet  sich  der  botanische  Garten  aus.  Note 
zur  2.  Auflage. 

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252 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


7.  Verkehr  der  Japaner  mit  ihren  Nachbarn,  den 
Chinesen,  Koreanern  und  einigen  andern  Völkern. 

Mit  seinen  Nachbarn,  den  Chinesen  und  Koreanern,  sowie  einigen  andern  Völkern 
kam  Japan  schon  in  den  frühesten  Zeiten  in  Berührung.  Die  gleichsam  wechselseitige 
Entdeckung  und  der  Staats-  und  Handelsverkehr  dieser  asiatischen  Völker  unter  sich 
verdienen  hier  in  einem  geschichtlichen  Überblicke,  der  sich  auf  die  Meldungen  ihrer 
eigenen  Jahrbücher  stützt,  mitgeteilt  zu  werden. 

Im  72.  Jahre  der  Regierung  des  Mikado  Körei  (219  v.  Chr.)  zur  Zeit,  wo 
Sinno-Si-kwo-tei  (Zin-Schi-hoang-ti),  welcher  die  grofse  Mauer  errichtete  und  durch 
die  von  ihm  gebotene  Bücherverbrennung  bekannt  ist,  in  China  regierte,  erwähnen 
die  Japaner  in  ihren  Jahrbüchern  zum  erstenmale  der  Chinesen  und  melden,  dafs  da- 
mals der  Chinese  Sjofu  nach  Japan  gekommen  sei ; und  im  Buche  Zin-wö-sei-tö-ki 
steht:  «Der  Kaiser  Zin-Schi-hoang-ti  will  in  Zurückgezogenheit  lange  leben  und  läfst 
auf  Nippon  eine  Arzenei  gegen  den  Tod  aufsuchen».  Dieser  Sjofu  liefs  sich  zu  Ku- 
mano  in  der  Landschaft  Kii  auf  der  grofsen  Insel  Nippon  nieder.  Die  chinesische 
Münze  Hanrjö,  zu  Zeiten  des  Zin-Schi-hoang-ti  in  China  gegossen,  wird  noch  heutigen 
Tages  zu  Kumano,  wrn  jene  chinesische  Kolonie  sich  angesiedelt  hatte,  aus- 
gegraben und  bestätigt  so  dieses  merkwürdige  Ereignis.  Von  dieser  Zeit  an 
kamen  die  Japaner  mit  China  mehr  und  mehr  in  Berührung;  beide  Völker  schickten 
sich  Gesandtschaften  und  Geschenke.  Zu  verschiedenen  Zeiten  kamen  chinesische  Ko- 
lonisten nach  Japan,  und  Künste  und  Wissenschaften  wanderten  unter  dem  Schutze 
der  Priester  des  Buddhadienstes,  welcher  wahrscheinlich  im  Jahre  59  unserer  Zeit- 
rechnung zuerst  nach  Japan  kam,  in  dieses  Land  ein.  So  wurden  die  Japaner  mit 
China  bekannt,  und  länger  als  ein  Jahrtausend  erhielt  sich  zwischen  beiden  Staaten 
ein  fast  ununterbrochenes  freundliches  Verhältnis.  Seit  1596,  dem  Jahr  vor  dem  Aus- 
bruche des  Krieges  mit  Korea,  wurden  jedoch  die  politischen  Beziehungen  zwischen 
Japan  und  China  aufgehoben.  Die  chinesische  Regierung  selbst  scheint  ihren  Unter- 
thanen  den  Handel  dahin  untersagt  zu  haben,  und  jetzt  bilden  die  von  Saliö  (Ninpo-fu) 
nach  Japan  Handel  treibenden  Chinesen  blofs  eine  von  der  Regierung  der  Provinz 
Dsche-kiang  geduldete  Handelsgesellschaft. 

Mit  Mimana  und  Sinra,  so  hiefsen  damals  die  südöstlichen  Provinzen  der  Halb- 
insel Korea  (Tsjö-sen),  war  Japan  ebenfalls  sehr  frühzeitig  in  Berührung  gekommen. 
Bereits  im  11.  Jahre  der  Regierung  des  Mikado  Suzin  (86  v.  Chr.)  wird  einer  Gesandt- 
schaft erwähnt,  welche  aus  Mimana  kam  und  kostbare  Geschenke  überbrachte.  Eine 
ähnliche  Gesandtschaft  erschien  im  65.  Jahre  desselben  Mikado  (33  v.  Chr.),  und  im 
3.  Jahre  der  Regierung  des  Mikado  Suinin  (27  v.  Chr.)  kam  Amano  Hiboko,  ein 
Prinz  aus  Sinra,  und  liefs  sich  in  der  Landschaft  Täsima  nieder.  Häufig  kamen  jetzt 
Kolonisten  aus  Korea;  der  Verkehr  beider  Länder,  wenn  auch  durch  blutige  Kriege 
unterbrochen  (249  n.  Chr.),  wurde  immer  lebhafter,  und  Korea,  von  wo  aus  um  das 
Jahr  285  n.  Chr.  die  Lehre  des  Conficius  nach  Japan  überbracht  wurde,  ward  nun 
für  diese  Nation  eine  Schule  der  Sittenverfeinerung.  In  den  Jahrbüchern  der  Japaner 
sind  die  Jahre  genau  bezeichnet,  in  welchen  Künste  und  Wissenschaften  von  diesem 
benachbarten  Lande,  mit  dem  sie  noch  häufiger  als  mit  China  verkehrten,  ihnen  vermittelt 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  7. Verkehr  d.  Japaner  m.  ihren  Nachbarn.  253 


wurden.  Aber  durch  den  Krieg,  welchen  zu  Ende  des  sechzehnten  Jahrhunderts 
Hidejosi,  der  unter  dem  Ehrennamen  Taiko  allgemein  bekannte  Eroberer,  so  ver- 
heerend gegen  Korea  führte,  sind  die  Beziehungen  beider  Reiche  zu  einander  sehr 
beschränkt  worden.  Klug  genug  wufste  Japan  die  Insel  Tsusima,  die  gegen  Korea 
gelegene  Vorhut,  zum  Stapelplatze  für  den  unbedeutenden  koreanischen  Handel  zu 
wählen,  woselbst  zugleich  die  Gesandtschaften,  welche  bei  Veränderungen  in  der  Thron- 
folge noch  stattfinden,  empfangen  werden. 

Der  nordöstliche  Teil  der  Insel  Nippon  führte  bis  zur  Zeit  der  Regierung  des 
Mikado  Sai-mjö  (654  n.  Chr.  Geb.)  den  Namen  Jebisuno-kuni,  Land  der  Wilden,  oder 
Mitsino-oku,  Weg  zum  tiefen  Lande,  auch  Mutsu-Jezo.  Schon  früher  unter  der  Re- 
gierung der  Mikado  Ke'ikö  (12 1 n.  Chr.  Geb.),  und  später  unter  Nin-toku  (368)  und 
Bidatsu  (581)  liest  man  von  Empörungen  der  wilden  Bewohner  (Atsuma-jebisu)  dieses 
wenig  bekannten  Landes.  Ein  Fürst  von  Jetsigo  Namens  Abenohirafu  machte  zu- 
erst einen  Einfall  in  Mutsu-Jezo  (658  n.  Chr.  Geb.),  durchzog  das  ganze  Land,  und 
setzte  darauf  nach  Watarisimano-Jezo,  der  eigentlichen  Insel  Jezo  über.  Schon  zu 
dieser  Zeit  ist  von  den  Japanern  die  Entdeckung  gemacht  worden,  dafs  Jezo  wirklich 
eine  Insel  sei;  denn  der  Name  Watari,  d.  i.  Überfahrt,  und  Sima,  Insel,  sprechen 
dies  deutlich  aus.  Aber  erst  um  das  Jahr  1672  wurden  die  südlichen  Kurilen, 
Kunasiri  und  Jetorop,  den  Japanern  näher  bekannt,  und  um  dieselbe  Zeit  auch  Kamt- 
schatka als  die  nördlichste  Spitze  des  asiatischen  Festlandes.  Dorthin  lockte  der  reich- 
liche Fischfang  japanische  Fischer  und  Kauf  leute,  dahin  wurden  aber  auch  ihre  Schiffe  durch 
Stürme  verschlagen.  Die  Ausbreitung  der  russischen  Macht  über  dieses  Gebiet  gerade 
im  Norden  Japans  trieb  in  den  Jahren  1780 — 90  die  japanische  Regierung  an,  von 
der  nordöstlichen  Küste  von  Jezo,  den  erwähnten  Kurilen  und  dem  südlichen  Teile 
der  Insel  Krafto  vollends  Besitz  zu  nehmen.  Der  südliche  Teil  dieser  Insel  und  eine 
Strecke  der  Ost-  und  Westküste  derselben  wurden  im  Jahre  1785  den  Japanern  näher 
bekannt,  und  im  Jahre  1786  erhielten  sie  von  Fremdlingen  aus  Santan  , welche  sich 
auf  Krafto  niedergelassen  hatten,  Nachrichten  von  der  Ausdehnung  der  Westküste  dieser 
Insel  bis  zur  Mündung  des  Amurstromes  (Manko),  und  von  einem  Teil  des  Amur- 
landes, Santan  genannt.  Die  Mündung  des  Amur  und  das  Land  Santan  selbst  wurden 
erst  im  Jahre  1808  auf  Befehl  des  Sjögun  Ijenari  bereist  und  aufgenommen.  Die 
drohende  Haltung,  welche  die  Russen  nach  dem  Mifslingen  ihrer  wiederholten  V er- 
suche, Freundschafts-  und  Handelsverbindungen  mit  den  Japanern  einzugehen,  an- 
nahmen,  bewogen  diese,  ihre  Besitzungen  und  Ansiedelungen  im  Norden  zu  erweitern 
und  sich  den  Besitz  derselben  durch  zahlreiche  Befestigungen,  wTelche  sie  rund  um  die- 
selben  anlegten,  zu  sichern. 

Im  Jahre  1451  unter  der  Regierung  der  Sjögun  Josimasa  kamen  zum  ersten- 
male  die  Bewohner  der  Liukiu-Inseln  nach  Japan  und  knüpften  mit  der  südlichen  Land- 
schaft Satsuma  einen  Handelsverkehr  an.  Im  Verlaufe  der  Zeit  (1596)  entstand  ein 
Zwiespalt  des  Königs  von  Liukiu  mit  Satsuma,  wahrscheinlich  durch  Intriguen  der 
Chinesen  herbeigeführt.  Der  Fürst  von  Satsuma  sandte  eine  Kriegsmacht  nach 
Liukiu,  der  König  desselben  wurde  als  Gefangener  nach  Japan  gebracht  und  schlofs 
Frieden.  Liukiu  wurde  von  nun  an  Satsuma  zinsbar  (1609).  Seitdem  wanderten  häufig 
die  Einwohner  dieser  Landschaft  dahin,  und  die  nördlichsten  Inseln  des  Liukiu-Arehipels 
sind  durch  Ansiedelungen  der  Japaner  gröfstentcils  bevölkert  worden. 

Die  im  Osten  von  Japan  gelegene  Gruppe  der  Munin- (Bonin-) Inseln  wurde  erst 


254 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


im  Jahre  1675  von  einem  japanischen  Kaufmann,  der  durch  Sturm  dahin  verschlagen 
worden  war,  entdeckt,  und  dieser  gründete  daselbst  eine  Niederlassung. 

Häufig  spricht  die  japanische  Geschichte  von  Wilden  und  Räubern,  welche  die 
Küsten  und  das  Land  beunruhigten.  Die  Süd  wilden,  Nanban,  aus  den  Jahren  1020 
und  1412  erwähnt,  haben  bereits  unsere  Aufmerksamkeit  auf  sich  gezogen.  Noch  ist 
der  Westwilden  (Se'isiu),  welche  sich  im  Jahre  999  in  Japan  zeigten,  und  jener  Räuber 
zu  gedenken,  w’dche  im  Gebirge  Suzuga-jama  in  der  Landschaft  Omi  hausten.  Von 
ihnen  erzählt  die  Geschichte,  dafs  Feuer  und  Rauch  aus  ihrem  Munde  gesprüht  habe. 
In  früheren  Zeiten  hatten  sich  auch  schwarze  Wilde  in  Japan  sehr  furchtbar  gemacht; 
sie  stifteten  vieles  Unheil,  wurden  aber  endlich  bekämpft  und  vertrieben.  Aus  den 
Gesichtszügen,  dem  Körperbau,  den  krausen  Haaren  und  einer  dunkleren  Hautfarbe, 
die  noch  einzelnen  Bewohnern  der  südlichen  und  südöstlichen  Küsten  Japans  eigen 
sind,  läfst  sich  selbst  auf  eine  Vermischung  schliefsen,  die  mit  ähnlichen  Volksstämmen, 
wie  den  Urbewohnern  der  Philippinen  und  Karolinen,  ja  selbst  mit  den  Alfuren  des 
südlicheren  Australiens  stattgefunden  haben  könnte. 

Will  man  da,  wo  mündliche  Überlieferungen  nicht  hinreichen  und  auch  die  Jahr- 
bücher der  Geschichte  schweigen,  in  den  hervorstechenden  Merkmalen  der  Körper- 
bildung,  in  der  Gemütsbeschaffenheit,  in  alten  Sitten  und  Gebräuchen,  ja  selbst  in  den 
Naturprodukten,  welche  man  sich  zum  nötigen  Lebensunterhalte  zu  verschaffen  wufste 
oder  für  andere  Bedürfnisse  sich  zueignete,  will  man  daraus  auf  eine  Vermischung  und 
einen  Verkehr  mit  anderen  Völkern  zurückschliefsen;  dann  wird  man  eine  nahe  Ver- 
brüderung der  jetzigen  Bewohner  Japans  mit  jenen  der  zahlreichen  Inselgruppen, 
welche  vom  10. 0 bis  30. 0 n.  B.,  und  vom  140. 0 bis  180.0  ö.  L.,  ja  selbst  über  die 
Sandwichsinseln  bis  Kalifornien  sich  ausbreitet,  so  wie  mit  jenem  merkwürdigen  Volke, 
dem  Aino-Stamme,  welcher  sich  längs  den  Kurilen  und  Aleuten  bis  zum  neuen  Kon- 
tinente hinüberzieht,  ermitteln  können. 

So  weit  unsere  europäische  Bekanntschaft  mit  Japan  zurückreicht,  sehen  wir  im  16. 
und  17.  Jahrhundert  japanische  Kaufleute,  Kolonisten,  Soldaten  und  Seeräuber  mitTonkin 
(Annan),  Cambodia,  Siam,  Formosa,  mit  den  Philippinen,  denSundainseln  und  den  Molukken 
verkehren,  und  die  auf  Japan  noch  vorhandenen  indo-chinesischen  Münzen  deuten  auf 
einen  noch  früheren  Verkehr  mit  diesen  Ländern,  welcher  besonders  in  den  Jahren 
1434,  1530  lebhaft  gewesen  zu  sein  scheint.  Siam  schätzte  und  fürchtete  die  japa- 
nischen Krieger;  den  Niederländern  und  Engländern  kamen  bei  ihren  Kriegen  in  Ost- 
indien die  tapferen  Japaner  gut  zu  statten,  auf  Manila  war  noch  in  dem  Jahre  1621 
eine  japanische  Ansiedelung;  nach  Rom  kamen  japanische  Gesandte;  Kaufleute  nach 
Mexiko,  Matrosen  nach  England;  japanische  Schriften,  in  Kamtschatka  gefunden 
(1696),  beweisen  die  frühere  Anwesenheit  von  Japanern  daselbst,  und  schiffbrüchige 
Kaufleute  von  Satsuma,  der  Südspitze  von  Japans,  im  Jahre  1732  dahin  verschlagen, 
machten  die  Russen  auf  das  nachbarliche  Land  aufmerksam.  So  zählten  wirklich  unter 
der  Regierung  des  Sjögun  Ijejasu  (1603)  die  Japaner  in  ihren  Jahrbüchern  gegen 
sechzehn  Völker  auf,  mit  welchen  sie  bis  dahin  in  Freundschaft  oder  Handelsbe- 
ziehungen gestanden  hatten,  als  durch  unwiderruflichen  Befehl  das  Japanische  Reich 
dem  Auslande  verschlossen  und  sein  Verkehr  auf  seine  Schutz-  und  Nebenländer  und 
die  Niederländer  und  Chinesen  beschränkt  wurde. 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  8.  Gesch.  Übers,  d.  geogr.  Forsch.  255 

8.  Geschichtliche  Übersicht  der  geographischen 
Forschungen  der  Japaner  über  ihr  eigenes  Land  und 

dessen  Neben-  und  Schutzländer. 

Bei  den  Japanern,  wie  bei  den  Chinesen,  ihren  Lehrmeistern,  geht  die  Geo- 
graphie Hand  in  Hand  mit  der  Geschichte.  Beide  Wissenschaften  beschränken  sich 
aber  nur  auf  die  Grenzen  ihres  eigenen  Landes  und  überschreiten  dieselben  nur  in 
dem  Falle,  wo  dasselbe  mit  dem  benachbarten  Festlande  von  Asien  oder  mit  seinen 
Neben-  und  Schutzländern  in  Berührung  kommt.  Die  Wiege  der  Civilisation  von 
Japan  war  der  südlichste  Teil  der  jetzigen  Insel  Kiusiu,  welche  in  ältester  Zeit  den 
Namen  Tsukusi  führte;  sie  war  der  Wohnsitz  der  Voreltern  Zinmus,  des  ersten  Erb- 
kaisers (Mikado),  mit  dem  die  Geschichte  von  Nippon  beginnt.  Es  nimmt  daher  die 
Entdeckungsgeschichte,  welche  die  Japaner  von  ihrem  eigenen  Lande  in  ihre  Jahr- 
bücher eingetragen  haben,  im  südlichen  Teile  von  Japan  ihren  Anfang  und  verbreitet 
sich  von  da  nach  Osten  und  Norden  auf  dem  Wege,  den  ihr  Zinmu,  der  Eroberer, 
und  dessen  Nachfolger  gebahnt  haben.  Diese  Eroberungszüge  der  ersten  Mikados 
und  die  späteren  Kriege  und  Berührungen  mit  Korea,  Jezo  und  Liukiu  sind  denkwürdige 
Entdeckungsreisen.  Aus  japanischen  Quellen  lassen  sich  die  folgenden  Begebenheiten 
als  Hauptepochen  der  Entdeckungsgeschichte  herausheben:  die  Begründung  der  Mikado- 
herrschaft durch  Zinmu  (660  v.  Chr.);  der  Feldzug  des  Prinzen  Jamatotake  gegen 
die  Ostwilden  (Asumajebisu)  (110  n.  Chr.);  der  Seezug  der  Kaiserin  Zingu  nach 
Korea  (201);  die  Eroberung  von  Mutsu-Jezo  und  eines  Teiles  der  Insel  Jezo  vom 
Fürsten  Abenohirafu  (658);  die.  Verbannung  des  Prinzen  Tametomo  nach  Osima 
(1156);  die  Flucht  des  Prinzen  Jositsune  aus  Osju  nach  Jezo  (1189);  die  Unterjochung 
der  Jezoer  durch  Nobuhiro  (1443),  unter  Josihiro  (1594)  und  Norihiro  (1670); 
die  Eroberungszüge  des  Taiko  Hidejosi  nach  Korea  (1592 — 1597);  und  endlich  die 
Eroberung  der  Liukiu-Inseln  von  Josihisa,  Fürsten  von  Satsuma  (1609). 

Über  der  Abkunft  der  Voreltern  Zinmus,  der  sogenannten  Dsizin,  Erdengötter, 
und  über  ihren  Beziehungen  zu  den  benachbarten  Inselbewohnern  oder  dem  Festlande 
ruht  die  Nacht  der  Vergessenheit.  Der  Sage  nach  wohnten  sie  seit  Jahrtausenden  im 
Gebirge  Takatsiho  in  der  Landschaft  Hihoga,  dem  jetzigen  Hiuga,  wo  sich  auch  ihre 
Vorfahren,  die  Himmelgötter  Tenzin,  schon  vor  Millionen  Jahren  niedergelassen 
hatten.  In  der  Ähnlichkeit  von  Sprache,  Religion,  Sitten  und  Gebräuchen  lassen  sich 
übrigens  die  Spuren  einer  vorgeschichtlichen  Verwandtschaft  des  Stammes  von  Zinmu 
mit  den  Bewohnern  der  Liukiu-Inseln  nicht  verkennen,  während  die  unter  der  Mikado- 
herrschaft noch  fortbestehenden  Beziehungen  der  Bewohner  von  Tsukusi  mit  denen 
der  koreanischen  Halbinsel  auf  einen  Verkehr  dieser  Völker  in  früheren  Zeiten  schliefsen 
lassen.  Ebenso  bestanden  wahrscheinlich  lange  vor  Begründung  der  Mikadoherrschaft 
Verbindungen  der  südlichen  Stämme  mit  den  östlichen  und  nördlichen,  da,  wie  die 
Sage  lautet,  unter  der  Herrschaft  der  Erdengötter  Dsizin  die  vergötterten  Helden 
Kasima  und  Katori  bereits  weit  nach  Osten  und  Norden  bis  ins  Land  der  Wilden 
(Jebisunokuni)  vorgedrungen  waren.  Diese  Beziehungen,  welche  Zinmu  nicht  unbe- 
kannt sein  konnten,  hatten  sich  aber  im  Laufe  der  Zeit  und  durch  Kriege,  welche 
die  rohen  Horden  gegen  die  gesitteteren  Stämme  führten,  wieder  gelöst.  Dem  Zufalle 
war  jedoch  Jahrhunderte  lang  ein  weiter  Spielraum  zur  Verbrüderung  von  Inselbe- 


256 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


wohnern  unter  sich  und  mit  den  Bewohnern  der  nächsten  Küsten  des  asiatischen 
Kontinents  gegeben.  Unwillkürlich  pflanzte  sich  durch  die  Macht  der  Orkane  und 
der  Meeresströmungen  die  Bevölkerung  der  im  Osten  vom  Festlande  ausgebreiteten 
Inselkette  unter  sich  fort  und  wurde  gleichfalls  dadurch  von  den  benachbarten  Küsten 
aus  durch  schiffbrüchige  Kolonisten  vermehrt.  Wie  es  noch  heutzutage  geschieht, 
wurden  gewifs  auch  in  der  vorgeschichtlichen  Zeit  japanische  Fischer  bis  in  den 
Grofsen  Ozean,  nach  den  Sandwichs-Inseln  und  weiter  verschlagen,  und  es  unterliegt 
keinem  Zweifel  mehr,  dafs  sogar  bis  nach  den  westlichen  Küsten  der  neuen  Welt 
durch  eben  diese  gewaltigen  und  natürlichen  Lokomotiven  Japaner  und  andere  gesittete 
Bewohner  Asiens  mit  fortgerissen  worden  sind. 

Wir  wollen  nun  das  Wissenswerteste,  was  uns  die  Japaner  von  der  allmählichen 
Entdeckung  ihres  Landes  in  ihren  Geschichtsbüchern  bewahrt  haben,  in  gedrängter 
Kürze  anführen.  Von  Hihoga  aus  nahm  Zinmu  (667  v.  Chr.)  mit  seinen  Kriegs- 
fahrzeugen den  Lauf  vom  Kap  Mijasaki  (Kap  Cochrane)  längs  der  Küste  von  Hiuga 
durch  die  Strafse  Hajasu-kado,  d.  i.  der  schnellen  Strömung  Pforte  (der  Kanal,  der 
Kiusiu  von  Sikoku  scheidet),  nach  der  Bai  von  Usa  (das  heutige  Usuki).  Von  hier 
setzte  er  nach  Jenomija  in  der  Landschaft  Aki  auf  Nippon  über,  überwinterte  daselbst 
und  schiffte  im  folgenden  Jahre  an  der  Küste  von  Kihi  (Bingo  und  Bitsju)  weiter  bis 
Takasima  (das  heutige  Kosima),  wo  er  sein  Hoflager  aufschlug.  Nachdem  er  hier 
drei  Jahre  lang  mit  Ausrüstung  von  Schiffen  und  andern  Vorbereitungen  zugebracht 
hatte,  setzte  er  seinen  Eroberungszug  zur  See  nach  dem  Hafenlande,  Tsunokuni,  der 
Bai  vom  heutigen  Osaka  fort.  Er  lief  in  die  Mündung  des  Naniwagawa  (Flufs  der 
schnellen  Strömung)  ein  und  segelte  aufwärts  bis  Sirakata  in  der  Landschaft  Kawatsi. 
In  diesem  Hafen  liefs  er  seine  Schiffe  zurück  und  zog  mit  seinem  Kriegsvolke  nach 
Tatsuta,  Drachenfeld,  in  der  Landschaft  Jamato,  wo  ihm  ein  mächtiger  Feind  die  Spitze 
bot.  Er  fand  sich  daher  zum  Rückzuge  genötigt  und  beschlofs  von  Naniwa  nach  Kii 
zu  segeln,  um  von  da  aus  dem  Feinde  in  den  Rücken  zu  fallen.  Es  war  eine  ge- 
fahrvolle Fahrt,  denn  er  mufste  eine  reifsende  Strömung  — die  Strafse  von  Lin- 
schoten  — passieren.  Er  landete  im  Hafen  Kumanourasaki,  im  Südosten  der  Land- 
schaft Kii,  und  zog  unter  manchen  Abenteuern  landeinwärts,  wo  es  ihm  nach  langem 

1 

hartem  Kampfe  glückte,  Herr  von  Jamato  zu  werden.  Er  baute  sich  im  Eichenfelde, 
Kasiwara,  am  Fufse  des  Berges  Wunebi  einen  Palast  und  bestieg  den  Thron  von 
Jamato.  Soweit  war  Japan  im  Jahre  660  v.  Chr.  bekannt.  Zinmus  Herrschaft  soll 
sich  übrigens  auf  Nippon  nicht  weiter  als  bis  zur  Landschaft  Sagami,  also  etwa  bis 
unter  den  35.0  n.  B.  erstreckt  haben.  Bis  zur  Zeit  des  X.  Mikado,  Sjunin  (97  v.  Chr.), 
bildeten  die  Landschaften  Hitatsi,  Kino  (das  heutige  Simotsuke  und  Kotsuke),  Sinano 
und  Kosino  (das  heutige  Jetsitsju)  die  Grenze  von  Jebisunokuni,  dem  Lande  der 
Wilden,  welches  auch  Mitsino-öku  (der  innerste,  entfernteste  Weg)  hiefs.  I111  65.  Jahre 
der  Regierung  dieses  Mikado  (33  v.  Chr.)  ward  man  am  Hofe  zuerst  mit  Korea  be- 
kannt, nämlich  mit  den  Landschaften  Mimana  und  Sinra  (die  heutige  Provinz  Kjöng- 
sjang-to).  Unter  dem  XII.  Alikado,  Keiko,  brachen  im  Süden  und  Osten  des  Reiches 
Unruhen  aus.  Der  Mikado  selbst  zog  mehrmals  gegen  den  Stamm  Kumaoso  in 
Tsukusi  zu  Felde  (82  und  88  n.  Chr.);  aber  dem  Prinzen  Jamato  take  gelang  es  erst 
im  Jahre  97  denselben  zu  unterwerfen.  Dieser  gefeierte  Held  zog  auch  den  soge- 
nannten Asuma  Jebusi,  Ost  wilden,  den  freien  Stämmen  im  östlichen  Teile  von  Nippon 
entgegen.  Seine  Expedition  ging  (110)  von  Jamato  aus  nach  der  Ostküste  von  Ise, 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  8.  Gesell.  Übers,  d.  geogr.  Forsch. 


257 


von  da  durch  Owari  nach  Mikawa,  Tötomi,  Suruga  bis  nach  Sagami,  von  wo  aus 
er  (bei  Uraga  am  Eingänge  der  Bai  des  jetzigen  Jedo)  nach  Fusa  (dem  heutigen  Awa, 
Simosa  und  Kadsusa)  übersetzte,  sich  einschiffte  und  die  Südostspitze  von  Nippon, 
Daidosaki  und  Daihösaki  (Witte  hoek  und  Zanduinige  hoek,  v.  Vries),  bis  Imasaki 
(Kap  der  Kennis)  umsegelte.  Hier  drang  er  in  das  Land  der  Wilden  bis  in  die  Gegend, 
wo  jetzt  die  Stadt  Sendai  sich  befindet,  also  ungefähr  bis  zum  38. 0 n.  Br.,  vor.  Alle 
freien  Stämme,  deren  Gebiet  er  betrat,  unterwarfen  sich  dem  Helden  von  Jamato, 
und  siegreich  kehrte  er  durch  die  Landschaften  von  Tsukuba  (das  heutige  Hitatsi) 
nach  Sakaori  in  Kai  zurück,  wo  er  sein  Hoflager  zu  halten  gedachte.  Ein  Aufstand 
in  Sinano  rief  ihn  jedoch  bald  wieder  ins  Feld.  Von  Kai  nahm  er  seinen  Weg  durch 
Musasi  und  rückte  bis  Kamitsuke  vor.  An  der  Grenze  von  Sinano,  bei  Usu,  verteilte 
er  sein  Heer,  entsendete  die  eine  Hälfte  unter  dem  Befehle  von  Kibitsu-higo  nach 
Kosi,  die  andere  führte  er  selbst  nach  Sinano  und  besiegte  die  Rebellen.  In  Owari 
wollte  er  sich  wieder  mit  Kibitsu  vereinen,  starb  aber  infolge  einer  sich  beim  Über- 
gang des  Berges  Ibuki  zugezogenen  Krankheit  in  Nohono,  in  der  Landschaft  Ise 
( 1 1 1 n.  Chr.).  Der  Feldzug  Jamatotake  trug  ungemein  viel  zur  Erweiterung  der 
Kunde  vom  östlichen  und  nördlichen  Teile  Nippons  und  zur  Ausbreitung  der  Gesit- 
tung und  Befestigung  der  Mikadoherrschaft  daselbst  bei. 

Mit  dem  benachbarten  Korea  standen  um  diese  Zeit  die  Bewohner  von  Tsukusi 
und  besonders  der  kriegerische  Stamm  Kumaoso,  der  das  heutige  Satsuma,  Hiuga 
und  Ohosumi  bewohnte,  im  Verkehr.  Die  häufigen  Unruhen  in  diesen  Landschaften 
wmrden  der  Aufwiegelung  von  seiten  der  Koreaner  zugeschrieben,  was  denn  auch  Ver- 
anlassung zu  einem  Kriege  mit  Sinra,  einer  Landschaft  auf  der  Süd-Ostseite  von 
Korea  gab.  Der  erste  Krieg  mit  Korea  fand  unter  dem  XV.  Mikado,  der  Kaiserin 
Zingu  Kögu  (201  n.  Chr.)  statt.  Auf  diesem  Seezuge  wurden  auch  die  Inseln  Iki  und 
Tsusima  berührt  und  näher  bekannt.  Aber  vor  allem  haben  die  Japaner  dieser 
Expedition  die  erste  genauere  Kenntnis  von  der  Lage  und  der  Geschichte  der  vielen 
kleinen  Staaten,  in  welche  damals  die  Halbinsel  geteilt  war,  zu  verdanken;  es  hatte 
auch  dieselbe  eine  Annäherung  an  das  Chinesische  Reich  zur  Folge. 

Von  nun  an  breiteten  sich  die  Grenzen  von  Nippon  mehr  und  mehr  nach  Norden 
aus  bis  an  die  Parallele  der  Insel  Sado,  welche  im  dritten  Jahrhundert  dem  Mikado- 
Reiche  einverleibt  wurde.  Auch  auf  Kiusiu  fafste  die  Mikado-Herrschaft  nach  der 
Demütigung  von  Sinra  und  des  Stammes  der  Kumaoso  festen  Fufs.  Ein  für  die 
Entdeckungsgeschichte  höchst  wichtiges  Ereignis  hatte  zur  Zeit  des  XXXVIII.  Mikado, 
Saimei,  statt.  Seit  dem  Eroberungszuge  von  Jamatotake  machten  die  wilden  noch 
freien  Stämme  in  Mutsu  Jezo  — so  hiefs  damals  der  nördlichste  Teil  der  jetzigen 
Landschaft  Mutsu  — häufig  Einfälle  in  die  benachbarten  Gaue.  Bereits  im  Jahre  368 
war  der  Feldherr  Damitsi  gegen  sie  zu  Felde  gezogen,  aber  überwunden  und  getötet 
worden,  und  seit  581  beunruhigten  sie  fortwährend  die  Grenzen.  Im  4.  Regierungs- 
jahre von  Saimei  unternahm  daher  Abenohirafu,  Fürst  von  Jetsigo,  einen  Kriegszug 
nach  Mutsu  Jetso,  eroberte  die  Landschaften  Akita,  Nusiro  und  Tsugaru  (beide  ersteren 
Bezirke  des  heutigen  Dewa  und  letztere  die  nördlichste  Spitze  von  Mutsu)  und  setzte 
von  da  nach  der  Insel  Jezo  über,  welche  damals  Watari-sima-Jezo,  d.  i.  Überfahrts- 
insel von  Jezo,  zum  Unterschiede  von  Mutsu  Jezo  genannt  wurde.  Es  ward  mit  dem 
Namen  Watari-sima-Jezo  aber  nur  der  südlichste  Teil  dieser  Insel,  der  jetzige  Bezirk 
von  Matsmai  bezeichnet;  der  ganze  übrige  Teil  war  unter  dem  Namen  Makkats  (Stein- 

v.  Sieb  old,  Nippon  I.  2.  Aufl.  17 


258 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 

/ * 

bockland)  oder  Sjukusin  bekannt.  Im  folgenden  Jahre  wiederholte  Abenohirafu  seinen 
Zug  nach  Jezo  und  drang  bis  zur  Mündung  des  Siribesi  vor,  wo  er  eine  Station  er- 
richtete und  eine  Besatzung  zurückgelassen  haben  soll.  Das  nordwestliche  Küstenland 
von  Jezo  trug  von  der  Zeit  an  den  Namen  von  Siribesi.  Bei  einem  späteren  Aufstand 
der  Jezoer  (729)  sollen  die  Ansiedelungen  der  Japaner  am  Siribesi  (Siribets)  zerstört 
worden  sein. 

Mit  der  Einführung  des  Buddhaismus  vom  benachbarten  Festlande  aus  (552) 
waren  auch  die  ersten  Anfänge  von  Künsten  und  Wissenschaften  mit  herübergebracht 
und  von  den  Mönchen,  welche  mit  jenem  Kultus  übersiedelten,  gepflegt  und  verbreitet 
worden.  Man  begnügte  sich  daher  nunmehr  nicht  blofs  mit  der  Eroberung  und  Ein- 
verleibung der  noch  unabhängigen  Länder  in  das  Mikado-Reich,  sondern  man  suchte 
auch  die  einzelnen  Landschaften  zu  vermessen,  das  Reich  zu  arrondieren  und  in  Land- 
schaften (Kuni),  in  Bezirke  (Kohori)  und  (646)  in  gröfsere  Kreise  einzuteilen.  An- 
fänglich war  es  nach  der  zu  Seki  in  der  Landschaft  Mino  errichteten  Barriere 
(Kwan)  in  die  östlich  von  diesem  Hofe  gelegenen  Länder,  Kwanto,  und  in  die  west- 
lichen, Kwan-sai,  geschieden.  Im  letzten  Regierurigsjahre  des  Mikado  Tenmu  (686) 
wurde  es  aber  in  8 To,  d.  i.  Wege,  eingeteilt  und  über  jeden  Kreis  später  (806) 
eigene  Inspektoren  gesetzt.  Die  Namen  der  Kuni  und  Kohori  haben  zwar  im  Laufe 
der  ersten  Jahrhunderte  vielfältige  Abänderungen  erlitten,  aber  bereits  im  ersten  Re- 
gierungsjahre des  Mikado  Sjunwa  (824)  wurde  das  Reich  in  66  Landschaften  (Kuni) 
und  8 Kreise  (To)  eingeteilt,  gerade  so,  wie  sie  noch  heutzutage  bestehen.  Man 
kann  also  um  diese  Zeit  schon  die  Chorographie  des  eigentlichen  Japan  als  vollendet 
betrachten. 

Auffallend  ist,  dafs  in  den  Geschichtsbüchern  bis  auf  diese  Zeit  der  Insel  Sikoku 
und  ihrer  Bewohner  kaum  erwähnt  wird;  nur  im  13.  Regierungsjahre  des  Mikado 
Tenmu  (682)  liest  man  im  Nipponki,  dafs  ein  ungeheueres  Erdbeben  gewesen  und 
eine  grofse  Strecke  Landes  auf  der  Ostküste  von  Tosa  im  Meere  versunken  sei.  Die 
Stelle,  welche  sich  auf  etwa  20  geogr.  Quadratmeilen  berechnen  läfst,  ist  auf  den 
alten  japanischen  Karten  genau  angegeben.  Ein  glaubwürdiger  japanischer  Gelehrter 
versicherte  uns,  dafs  unter  allen  japanischen  Inseln  Sikoku  am  spätesten  bevölkert  und 
kultiviert  worden  sei. 

Wir  haben  nun  noch  die  Entdeckungsgeschichte  der  Neben-  und  Schutzländer 
zu  verfolgen.  Dabei  müssen  wir  aber  von  dem  bisher  eingehaltenen  chronologischen 
Gange  abweichen  und  der  Reihe  nach  Land  für  Land  betrachten.  Seit  der  Zer- 
störung ihrer  Niederlassung  am  Siribesi  (729)  bis  um  die  Mitte  des  15.  Jahrhunderts 
scheinen  die  Japaner  nicht  näher  mit  der  Insel  Jezo  bekannt  gewesen  zu  sein,  obgleich 
im  Jahre  1189  ein  in  dem  Successionskriege  der  Häuser  Heike  und  Gensi  berühmter 
Feldherr  Jositsune  sich  dahin  geflüchtet  und  den  ersten  Samen  der  Kultur  unter  die 
Aino- Stämme  der  Ostküste  ausgestreut  hatte.  Zur  Zeit  der  Regierung  des  Mikado 
Gohanasono  (1443)  ausgebrochene  Unruhen  veranlafsten  aufs  neue  eine  Expedition 
nach  dem  südlichen  Teile  von  Jezo,  und  es  glückte  dem  Feldherrn  Nobuhiro,  den 
Aufstand  zu  dämpfen  und  eine  Strecke  Landes  von  etwa  70  Ri  — das-  heutige  Ge- 
biet von  Matsumae  — der  Mikadoherrschaft  zu  unterwerfen.  Dieser  Fürst  und  seine 
Abkömmlinge  blieben  daher  auch  bis  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  Statthalter 
von  Jezo  und  residierten  in  Matsumae.  Die  Niederlassungen  der  Japaner  breiteten 
sich  allmählich,  besonders  unter  dem  Statthalter  Josihiro  (1594)  und  Norihiro  (1670) 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  8.  Gesch.  Übers,  d.  geogr.  Forsch.  259 


aus,  wo  man  auch  mit  der  Ostküste  der  Insel  genauer  bekannt  wurde.  Unter  dem 
Statthalter  Kinhiro  (1613)  wurden  einige  Leute  von  Soja  aus  (Nordspitze  von  Jezo) 
nach  Sachalin  (Krafto)  geschickt,  um  eine  Karte  von  diesem  Lande  zu  verfertigen, 
welche  jedoch  nicht  landeinwärts  Vordringen  konnten  und  bald  zurückkehrten.  I111 
folgenden  Jahre  wurde  eine  zweite  Expedition  dahin  unternommen,  welche  in  Usi- 
jam  überwinterte  und  im  Frühjahre  bis  Naritari  vordrang,  aber  von  da  wieder  nach 
Uisijam  zurückkehrte.  Die  südlichen  Kurilen  wurden  zufällig  im  Jahre  1672  von  einem 
japanischen  Küstenfahrer  entdeckt,  der  durch  einen  Orkan  nach  dem  nördlichen  Grofsen 
Ozean  verschlagen  worden  war.  Hajasi  Sihei,  Verfasser  des  San-kok  tsu-ran  dsu-ki, 
ist  selbst  in  Jezo  gewesen  und  mit  Personen  in  Berührung  gekommen,  welche  die 
Insel  bereist  hatten;  auch  war  er  mit  den  damals  bestehenden  Karten  und  Beschreibungen 
von  Jezo,  Sachalin  und  den  Kurilen  bekannt;  wir  dürfen  daher  annehmen,  dafs 
seine  Karte  von  den  im  Norden  von  Japan  gelegenen  Ländern  einen  getreuen 
Umrifs  derselben  liefert,  soweit  sie  zur  damaligen  Zeit  den  Japanern  bekannt  ge- 
wesen sind,  und  dafs  seine  Berichte  darüber  das  Wissenswerteste  von  allem  enthalten, 
was  die  Litteratur  seines  Vaterlandes  darbot.  Auch  hat  er,  was  das  Amur-Land  und 
Sachalin  betrifft,  aus  chinesischen  Quellen  geschöpft  und  selbst  ursprünglich  europäische 
Karten  dabei  benutzt.  Merkwürdig  ist  es,  dafs  Sachalin  zweimal  auf  seiner  Karte  vor- 
kommt, einmal  als  Insel  gegenüber  der  Mündung  des  Amurs,  das  andere  Mal  unter 
dem  Namen  von  Krafto  durch  ein  grofses  Gebirge  mit  dem  Kontinent,  dem  Lande 
Santan,  verbunden.  Erstere  ist  die  Insel  Sachalin,  wie  sie  auf  den  chinesischen  und 
nach  diesen  auf  europäischen  Karten  angegeben  ist,  letztere  der  südlichste  Teil  der- 
selben, den  die  Japaner  entdeckt  und  Krafto  genannt  haben.  Einem  ähnlichen  Fehler 
begegnen  wir  auf  unsern  europäischen  Karten,  wo  bis  zur  Entdeckung  der  Strafse  de 
Laperouse  das  Sachalin  der  chinesischen  Geographen  und  das  von  Vries  entdeckte  Land 
Jezo  bis  zum  Kap  Patientie  besondere  Inseln  bilden.  Die  Karte  von  Hajasi  Sihei 
liefert  übrigens  nur  einen  nach  einer  Aufnahme  nach  dem  Augenmafse  und  nach  Nach- 
richten entworfenen  Umrifs  der  Inseln  und  Küsten  des  Kontinents;  sie  steht  in  dieser 
Hinsicht  auf  einer  um  vieles  niedrigeren  wissenschaftlichen  Stufe  als  andere  Karten, 
welche  die  Japaner  um  diese  Zeit  von  ihrem  Lande  verfertigten.  Eine  bei  weitem 
bessere  Karte  von  Jezo  und  dem  südlichen  Teile  von  Sachalin  bestand  bereits  zur  Zeit, 
wo  Laxman  Jezo  besuchte  (1792  und  1793),  mit  welcher  uns  von  Krusenstern  bekannt 
gemacht  hat.  Eine  ähnliche  haben  wir  auch  vom  japanischen  Arzte  Fukutsi  Kensoku, 
der  viele  Jahre  auf  Jezo  gelebt  hat,  erhalten.  Das  Bild  von  Jezo  zeigt  darauf  schon 
viel  Ähnlichkeit  mit  der  Figur,  welche  dieser  Insel  später  durch  astronomisch -trigono- 
metrische Beobachtungen  ^e^eben  worden  ist. 

Die  Ausbreitung  der  russischen  Pelzjäger  auf  den  Kurilen,  der  Besuch  der  Häfen 
von  Jezo  durch  Laxman,  namentlich  aber  die  Erscheinung  einer  russischen  Gesandt- 
schaft zu  Nagasaki  und  die  auf  des  Gesandten  von  Resanoff  Veranlassung  begonnenen 
Feindseligkeiten  in  der  Bai  von  Aniwa  und  infolge  davon  die  Rüstungen  der  Japaner 
zur  Abwehrung  eines  Angriffes  der  Russen  auf  Sachalin,  Jezo  und  den  Kurilen,  alles 
dies  trug  zur  Entwickelung  der  Kolonisation  und  der  Befestigung,  zur  genauen  Unter- 
suchung und  Aufnahme,  ja  selbst  zur  Besitznahme  der  im  Norden  von  Japan  ge- 
legenen Inseln  bei.  Aber  zwei  Männer  waren  es,  deren  Wissenschaftsliebe  und  Wifs- 
begierde,  deren  Mut  und  Ausdauer  nicht  nur  ihr  Vaterland,  sondern  auch  wir  in 
Europa  eine  nähere  Kenntnis  von  den  Inseln  zu  verdanken  haben,  welche  sich  vom 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Norden  von  Japan  bis  nach  der  Mündung  des  Amurs  hinziehen  und  von  dem  Lande 
selbst,  welches  dieser  grofse  Strom  bei  seiner  Ergiefsung  ins  Meer  bespült.  Sie  heifsen 
Mogami  Tokunai  und  Mamia  Rinso.  Seit  der  zu  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  auf 
Befehl  des  Statthalters  von  Matsumae,  des  Fürsten  Kinhiro,  unternommenen  Expedition 
nach  Sachalin  ward  diese  Insel  zuerst  wieder  von  Mogami  Tokunai  besucht.  Dieser, 
damals  Offizier  im  Dienste  des  Sjögun,  begab  sich  im  7.  Monate  des  5.  der  Jahre  Tenmei 
(August  1785)  von  Soja,  der  Nordspitze  von  Jezo,  aus  mit  einem  Kauffahrteischiffe 
nach  Siranusi  (unweit  des  Kaps  Crillon) , um  von  hier  aus  eine  Reise  ins  Innere  zu 
unternehmen;  da  er  aber  die  Wege  ungangbar  fand,  entschlofs  ersieh,  zuerst  zur  See 
die  Küste  zu  bereisen  und  zwar  mit  einem  Boote,  das  er  von  den  Ainos  gemietet 
hatte,  weil  für  ein  gröfseres  Fahrzeug  die  mit  Klippen  besäte  Küste  gefährlich  zu  be- 
fahren war.  Von  Siranusi  fuhr  er  zehn  Tage  lang  die  Westküste  von  Sachalin  nord- 
aufwärts  bis  nach  Tarantomari,  also  etwa  bis  zum  46. 0 50'  n.  Br.  Aus  Mangel  an 
Lebensmitteln  sah  er  sich  jedoch  genötigt,  hier  umzukehren.  Er  besuchte  hierauf 
gleichfalls  mit  einem  Aino-Boote  die  Ostseite  vom  Kap  Notoro  (Kap  Crillon)  und 
die  ganze  Küste  des  Golfs  von  Aniwa  bis  Kap  Siretoko  (Kap  Aniwa)  und  kehrte  im 
8.  Monate  (September)  wieder  nach  Soja  zurück. 

Im  folgenden  Jahre  unternahm  Mogami  Toknai  seine  zweite  Reise  nach  Sachalin. 
Am  3.  des  5.  Monats  (30.  Mai  1786)  verliefs  er  mit  mehreren  Ainos  Kap  Soja  und  erreichte 
nach  einer  sehr  mühseligen  Fahrt  von  sieben  Tagen  die  Südspitze  von  Sachalin,  Kap 
Notero,  begab  sich  von  hier  nach  Siranusi  und  suchte  sich  beim  Häuptlinge  dieses 
Ortes  die  Erlaubnis  zu  verschaffen,  das  Innere  der  Insel  bereisen  zu  dürfen.  Seine  Reise 
beschränkte  sich  auf  einen  Besuch  des  östlichen  Küstenlandes  vom  Kap  Notero.  Er 
rüstete  sich  hierauf  zu  einer  Reise  längs  der  Westküste  der  Insel,  um  diese,  so  weit 
möglich,  nach  Norden  hin  zu  untersuchen.  Am  20.  des  5.  Monats  verliefs  er  mit 
fünf  Aino-Fahrzeugen  Siranusi,  nahm  seinen  Lauf  nach  Ohotomari,  wo,  wie  er  gehört 
hatte,  sich  Eingeborene  aus  dem  Amur-Lande  (Santan)  niedergelassen  hätten,  um  von 
diesen  Nachrichten  über  den  nördlichen  Teil  von  Sachalin,  über  Santan  und  die 
Mündung  des  Amur  einzuziehen,  schiffte  dann  längs  der  Westküste  30  Tage  lang 
nordwärts  bis  Nijaro  und  von  da  nach  Kusjunnai.  Dieser  Ort,  der  sich  an  der  Mündung 
eines  Flusses  gleichen  Namens  befindet,  liegt  etwa  unter  dem  48 1/2°  n.  Br.  Hier  er- 
fuhr er,  dafs  der  nächste  ansehnliche  Ort,  Otsisi  genannt,  ein  Dorf  von  50  Häusern 
von  Santanern  und  Eingeborenen  bewohnt  (oberhalb  des  Torrent  des  Saumons,  Laper., 
am  Südende  der  Bai  de  la  Jonqiuiere,  Laper.,  etwa  unter  50°  55'  n.  Br.  gelegen), 
noch  weiter  als  dreifsig  Tagereisen  entfernt,  die  Küste  wenig  bewohnt  und  die  Fahrt 
dahin  sehr  gefährlich  sei.  Er  gab  daher  für  diesmal  den  Plan  zu  einer  weiteren  Reise 
auf  und  kehrte  nach  Najori  zurück,  wo  er  unter  Begleitung  der  Häuptlinge  mehrere 
Expeditionen  ins  Innere  machte,  Grenz-  und  Meilensteine  setzte  und  diesen  Teil  der 
Insel  vermafs  und  aufnahm.  Es  waren  dies  zwei  denkwürdige  Entdeckungsreisen, 
denen  die  Japaner  die  ersten  geographischen  Nachrichten  von  Sachalin  zu  verdanken 
haben;  und  sie  fanden  statt,  bevor  Laperouse  in  diesem  Seegebiete  erschien. 
Später,  wir  wissen  nicht  genau  in  welchen  Jahren,  besuchte  Toknai  noch  mehrmals 
diese  Insel.  Auf  der  Westküste  ist  er  bis  Rakka,  somit  bis  oberhalb  Kap  Baudin,  also 
etwa  bis  an  den  52. 0 n.  Br.,  gekommen.  «Von  Otsisi»,  erzählte  uns  in  Jedo  der  wür- 
dige 72jährige  Greis,  «bis  zum  Vorgebirge  Rakka  geht  ein  reifsender  Strom  nach 
Süden;  hier,  wo  sich  Sachalin  in  das  westliche  und  nördliche  scheidet,  pflegt  man 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  8.  Gesell.  Übers,  d.  geogr.  Forsch.  261 


nach  dem  Lande  Santan,  dessen  Küste  nur  10  Ri  entfernt  ist,  überzusetzen;  die  See 
ist  an  mehreren  Stellen  untief,  mit  Klippen  besäet  und  bei  der  schnellen  Strömung 
gefährlich  zu  befahren.  Im  Winter,  wo  sie  zufriert,  ist  die  Reise  nach  Santan,  wozu 
man  sich  von  Hunden  gezogener  Schlitten  bedient,  bequemer.))  Auf  der  Ostküste  ist 
Toknai  bis  Taraika,  in  der  Bucht  Patientie,  somit  bis  etwa  zum  49. 0 der  Breite,  von 
da  auf  dem  Boronai,  dem  bedeutendsten  Flusse  von  Sachalin,  in  das  Innere  des  Landes 
von  Orikata  und  quer  hinüber  nach  Otsisi  auf  der  Westküste  vorgedrungen.  Diese 
Gegend  war  damals  noch  wenig  bewohnt  und  die  Wege  sehr  beschwerlich.  Auch 
hat  Mogami  Toknai  ganz  Jezo  und  die  Kurilen  besucht  und  ist  auf  Jetoro  und  zu  Akesi 
mit  Russen,  unter  andern  auch  mit  Laxman  in  Berührung  gekommen,  über  deren 
Sprache,  Sitten  und  Gewohnheiten  er  in  seiner  Art  höchst  interessante  Beobachtungen 
niedergeschrieben  hat.  Seine  Arbeiten,  welche  er  in  unsere  Hände  niederlegte,  damit 
sie  für  die  Wissenschaft  nicht  verloren  gehen  sollten,  werden  wir  näher  kennen 
lernen  und  eine  Schilderung  des  edlen  Charakters  dieses  um  die  Länder-  und  Völker- 
kunde hoch  verdienten  Mannes  in  unseren  Berichten  darstellen. 1 

Gleich  grofse  Verdienste  um  die  soeben  bezeichneten  Wissenschaften,  wo  nicht 
noch  gröfsere,  müssen  wir  Mamia  Rinso  zuerkennen,  obgleich  er  es  war,  der  eine 
Untersuchung  von  seiten  der  japanischen  Regierung  gegen  uns  im  letzten  unglücklichen 
Jahre  unseres  Aufenthaltes  in  Japan  veranlafst  hat,  wodurch,  wenn  w7ir  sie  nicht  zu 
retten  gewufst  hätten,  die  wichtigsten  Materialien  für  unsere  Beschreibung  von  Japan 
verloren  gegangen  wären.  Auf  seinen  Reisen  in  Jezo  und  Sachalin  trat  er  nicht  blofs 
in  die  Fufsstapfen  unseres  Mogami  Toknai,  er  überschritt  weit  noch  die  Grenze  dessen 
Entdeckungen. 

Die  im  Jahre  1808  auf  den  eigenmächtigen  Befehl  von  Resanoffs  von  den  russi- 
schen Marine -Offizieren  Chwostow  und  Dawidow  im  Golfe  von  Aniwa  verübten 
Feindseligkeiten  — die  Zerstörung  der  auf  der  dortigen  Küste  befindlichen  japanischen 
Ansiedelungen  — hatte  anfänglich  die  japanische  Regierung  nicht  anders  als  für  auf 
höheren  Befehl  vollzogene  Repressalien  wegen  der  Nichtzulassung  der  kaiserlich- 
russischen  Gesandtschaft  an  den  Hof  zu  Jedo  ausgelegt,  und  die  drohende  Äufserung 
seitens  der  See-Offiziere,  im  nächsten  Jahre  durch  eine  noch  mächtigere  Expedition 
die  Japaner  in  diefem  Seegebiet  zu  demütigen,  Besorgnisse  erregt  und  den  Sjögun 
ernste  Mafsregeln  zur  Abwehrung  eines  Angriffes  auf  die  für  Japan  der  Fischerei  wTegen 
unentbehrlichen  Kolonien  ergreifen  lassen.  Es  wurden  im  Juni  1808  Truppen  nach 
Matsumae  und  Kap  Soja  gesandt  und  auf  den  Küsten  von  Jezo  und  den  Kurilen 
Wachtposten  errichtet  und  Forts  angelegt.  Mit  diesen  militärischen  Operationen  war 
natürlicherweise  eine  genauere  Untersuchung  und  Aufnahme  der  Küsten  und  des 
Landes  verbunden,  und  damit  wurde  Mamia  Rinso  beauftragt.  Er  w7ar  Geometer  von 
Fach,  zeichnete  gut  und  hatte  sich  auch  die  nötigen  astronomischen  Kenntnisse 
zu  Ortsbestimmungen  eigen  gemacht.  Die  Karte  von  Jezo  und  den  Kurilen,  welche 
w7ir  von  Takahasi  Sakusajemon  erhalten  und  im  verjüngten  Mafsstabe2  gegeben 
haben,  ist  gröfstenteils  das  Werk  von  Rinso.  Jezo  war  seit  vielen  Jah  ren  das 
Feld  seiner  geographischen  und  ethnographischen  Untersuchungen;  jetzt  bot  sich  eine 
Gelegenheit,  diese  weiter  nach  Norden  auszudehnen.  Während  seines  Aufenthaltes  in 


1 Reise  nach  dem  Hofe  des  Sjogun  im  Jahre  1826.  Nippon,  2.  Auflage,  Seite  186. 

2 Vergl.  Atlas  von  Land-  und  Seekarten.  Karte  2. 


262 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Soja  wurde  ihm  der  geheime  Auftrag  erteilt,  Sachalin  und  das  damals  so  wenig  be- 
kannte Amurland,  Santan,  auszukundschaften.  Die  Ergebnisse  dieser  Reise,  welche 
etwas  länger  als  ein  Jahr  dauerte,  sind  höchst  wichtig.  Wir  hatten  Gelegenheit, 
Rinso  selbst  kennen  zu  lernen  und  dessen  Reiseberichte , Karten  und  Abbildungen, 
welche  sich  in  der  Bibliothek  des  Sjögun  zu  Jedo  befinden,  zu  besichtigen  und  von 
den  merkwürdigsten  Schriftstücken  Kenntnis  zu  nehmen  und  Abschriften  zu  erhalten, 
welche  wir  gröfstenteils  mit  nach  Europa  gebracht  haben.  Sein  Reisebericht  und  eine 
Beschreibung  der  Völkerstämme,  die  er  besucht  hat,  und  eine  Skizze  von  ihren  Sitten 
und  Gebräuchen  werden  in  Abt.  VII  mitgeteilt.  Es  genügt  daher,  in  diese  Ent- 
deckungsgeschichte nur  seine  Reiseroute  und  einige  sachdienliche  Stellen  aus  seinem 
Tagebuche  einzutragen. 

Am  13.  des  7.  Monats  (4.  September  1808)  fuhr  Mamia  Rinsö  auf  einem 

Fahrzeuge  der  Jezoer  von  Soja  nach  Siranusi  auf  Sachalin.  Von  hier  setzte  er  die 

Reise  längs  der  Westküste  über  Tonnai  bis  Rionai  und  weiter  bis  Hosjo  fort  (bis 
etwa  50°  45'  n.  Br.),  von  wo  er  am  14.  des  9.  Monats  nach  Rionai  und  von  da 
zu  Lande  nach  Tonnai  zurückkehrte.  Nachdem  er  sich  hier  zu  seiner  zweiten 

Reise  gerüstet  hatte,  verliefs  er  diesen  Ort  am  29.  des  12.  Monats  und  erreichte  am 
2.  des  2.  Monats  Usijoro;  in  diesem  Hafenorte  verweilte  er  bis  zum  9.  des 

4.  Monats,  wo  er  nach  Noteito  fuhr,  von  wo  man  nach  dem  Amurlande  über- 

zusetzen pflegt.  Es  liegt  dieser  Ort  etwa  unter  520  10'  n.  Br.  Hier  fand  er  den 
Kanal  gröfstenteils  noch  zugefroren.  Er  suchte  nun  längs  der  Küste  noch  wreiter 
nach  Norden  zu  fahren , und  es  gelang  ihm  mit  grofser  Anstrengung  und  Gefahr 
gegen  den  Strom  bis  nach  Kokutama  und  weiter  bis  Musibo  unweit  des  Kaps  Golo- 
vatcheff  (also  bis  etwa  530  n.  Br.)  vorzudringen.  Am  19.  des  5.  Monats  kam 
er  wieder  nach  Noteito  zurück  und  trat  von  hier  am  26.  des  6.  Monats  die 

Fahrt  nach  dem  Kontinente  — Totats,  d.  i.  Ost-Tatarei  — an.  Gegenwind  und  die 
hohe  See  nötigten  ihn,  mit  seinem  kleinen  schwachen  Boote  Kap  Tekka  anzulaufen 
und  von  dort  nach  dem  Kap  Motomar  überzusetzen.  Hier  schiffte  er  längs  der  Küste 
an  den  Fischerdörfern  Kamukata,  Roroka,  Arukoje  vorbei  bis  zu  der  Mündung  des 
Tomusibo.  Die  Boote  werden  von  diesem  Flüfschen  aus  eine  Strecke  über  Land  in 
den  Flufs  Tabamatsi,  auch  Unei  genannt,  gezogen,  von  wo  aus  sie  in  den  See  Kitsi 
und  von  da  in  den  Amur  (Manko)  gelangen.  Diese  Fahrt  machte  auch  Rinsö.  Auf 
dem  Amur  fuhr  er  aufwärts  bis  nach  Deren,  dem  bedeutendsten  Handelsplätze  im 
ganzen  unteren  Amurlande.  Hier  war  er  am  Ziel  seiner  Reise.  Während  seines 
Aufenthaltes  daselbst  sammelte  er  merkwürdige  Nachrichten  über  das  Land  und  die 
Volksstämme,  mit  denen  er  in  Berührung  kam,  wie  auch  über  den  Handel  und  die 
Ausübung  der  Gerichtsbarkeit  der  Mandschubeamten,  unter  deren  Aufsicht  der  Handels- 
verkehr an  diesem  Orte  steht.  Er  war  am  n.  des  7.  Monats  zu  Deren  ange- 
kommen; am  17.  desselben  Monats  schon  trat  er  die  Rückreise  auf  dem  Manko  an  und 
fuhr  den  Flufs  abwärts  bis  zum  Dorfe  Kitsi.  Die  Kraftoer  und  andere  Volksstämme, 

welche  unterhalb  der  Mündung  dieses  Stromes  zu  Hause  sind,  kehren  gewöhnlich 

über  den  Landsee  von  Kitsi  zurück.  Mamia  Rinsö  beschlofs  auf  dem  Manko  zurück- 
zureisen, um  Gelegenheit  zu  haben,  Beobachtungen  über  dieses  noch  so  wenig 
bekannte  Flufsgebiet  anzustellen,  zumal,  da  man  hier  auch  streckenweise  zu  Lande 
reisen  kann.  Er  hielt  sich  ans  rechte  Ufer  dieses  grofsen  Stromes  und  kehrte  in  den 
Ortschaften  Kataka,  Aorei,  Horo,  Harme  ein;  diesem  Orte  gegenüber  ergiefst  sich 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  8.  Gesell.  Übers,  d.  geogr.  Forsch.  2 63 

der  Flufs  Honko,  der  aus  einem  grofsen,  einige  Tagereisen  entfernten  Landsee,  Kennt 
genannt,  entspringt,  in  den  Manko.  Von  Harme  fuhr  er  nach  Tebo,  umschiffte  Kap 
Wasi,  die  Nord-Ostspitze  des  rechten  Ufers  des  Manko,  und  kam  nach  Hiroke,  wo 
sich  dieser  Strom  ins  Meer  ergiefst.  Von  hier  setzte  er  nach  Kap  Wakasai  an  der 
Küste  von  Sachalin  über.  Am  5.  des  8.  Monats  segelte  Rinsö  von  dem  Hafenorte 
dieses  Namens  wieder  nach  der  Küste  des  Amurlandes  nach  Tsjomen  hinüber,  wo 
er  bei  eintretender  Ebbe  auf  dem  Strande  sitzen  blieb  und  erst  mit  der  Flut  weiter 
bis  Tsuwassja  ruderte.  Am  6.  umschiffte  er  Kap  Wasibuni  (Kap  Vaujas,  Laper.) 
bis  Hatsikai,  von  wo  aus  er  nach  Wage  auf  Sachalin  übersetzte,  am  Kap  Rakka 
übernachtete  und  am  8.  des  8.  Monats  glücklich  wieder  zu  Noteito  anlangte. 
Nach  kurzem  Aufenthalte  kehrte  er  nach  Siranusi  am  15.  des  9.  Monats  und  von  da 
nach  Soja  auf  Jezo  zurück  (28.  des  9.  Monats). 

Wir  haben  die  Reiseroute,  welche  Mamia  Rinsö  längs  der  Westküste  von  Sachalin 
nach  Deren  und  von  da  auf  dem  Amur  genommen  hat,  absichtlich  genau  angegeben, 
weil  dadurch  die  lang  bestrittene  Frage,  ob  Sachalin  eine  Insel  sei,  und  wie  es  sich 
mit  der  Mündung  des  Amur  und  dem  Ausflufs  seiner  Gewässer  in  die  See  verhalte, 
mit  einem  Male  gelöst  und  auch  der  Irrtum,  wozu  die  von  de  Laperouse  in  der  Bai 
de  Castries  eingezogenen  Nachrichten  über  die  Art  und  Weise,  nach  dem  Amur  zu 
gelangen,  Anlafs  gegeben  haben,  aufgeklärt  wird.  Wir  haben  gesehen,  dafs  de  La- 
perouse, der  weit  in  den  sogenannten  tatarischen  Golf  vorgedrungen  war,  nicht  weiter 
nordwärts  zu  segeln  wagte  und  dafs  Broughton,  der  noch  15  Seemeilen  weiter  nord- 
wärts gekommen,  sich  am  Ende  eines  Meerbusens  zu  befinden  glaubte;  endlich  dafs 
auch  von  Krusenstern,  der  von  Norden  her  den  Kanal  zu  entdecken  suchte,  sich  be- 
stimmt gegen  das  Bestehen  einer  freien  Verbindung  des  Wasserbeckens  an  der  Mündung 
des  Amur  mit  der  sogenannten  tatarischen  Meerenge  ausgesprochen  hat.  Ein  Blick 
auf  die  Karten  von  Mogami  Toknai  und  Mamia  Rinsö  wird  genügen,  sich  von  dem 
wirklichen  Bestehen  einer  solchen  Verbindung  eines  Kanals,  der  die  Insel  Sachalin  vom 
Festlande  scheidet,  zu  überzeugen.1  So  kam  es  auch,  dafs  von  Krusenstern,  der 
trotz  den  von  Julius  Klaproth  dagegen  eingebrachten  triftigen  Gründen  bei  seiner 
Ansicht  beharrte,  beim  Anblicke  der  japanischen  Originalkarte,  die  ihm  vorzulegen  wir 
noch  das  Glück  hatten,  ausrief:  «Les  Japonais  nüont  vaincu!» 

Zur  Erläuterung  dieser  wichtigen  Stelle  der  japanischen  Originalkarte  wollen  wir 
noch  einige  Nachrichten  über  den  Amur  und  dessen  Ausflufs  in  das  Meer  aus  dem 
Reiseberichte  von  Mamia  Rinsö  mitteilen.  «Dieser  Flufs  heifst  bei  den  Bewohnern 
des  niedern  Amurlandes  (Santan)  Manko,  welches  der  eigentliche  Name  ist,  den  sich 
daselbst  die  Eingeborenen  geben;  mit  den  Benennungen  Santan  oder  Z’janta  werden 
sie  nur  von  den  Ainos  auf  Sachalin  und  Jezo  bezeichnet.  Die  Mandschu  nennen  den 
Flufs  Sagalin-ula  (Sakalihn  ula,  d.  i.  schwarzer  Flufs)  und  die  Chinesen  Hun-thung- 
kiang  (im  jap.-chin.  Dialekte  Kon-ton-kö).  Dieser  Name  ist  bei  den  Mandschubeamten 
zu  Deren  gebräuchlich.  Bis  zu  diesem  Handelsorte  und  einige  Ri  weiter  nimmt  dieser 
Strom  eine  nordöstliche  Richtung;  vom  Dorfe  Kitsi  nach  Kataka  zu  fliehst  er  nörd- 
lich, und  nach  einem  Laufe  von  23  bis  24  Ri,  bei  Har’me,  wo  sich  der  Honkö  mit 
ihm  vereinigt,  östlich,  und  ergiefst  sich,  nach  einem  Laufe  von  26  Ri,  bei  Hiroke, 


1 Vergleiche  Atlas  von  Land-  und  Seekarten.  Die  Insel  Krafto,  Seghalien  und  die  Mündung 
des  Manko  (Amur).  Nach  Originalkarten  von  Mogami  Toknai  und  Mamia  Rinsö.  (No.  3.) 


264 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


in  das  Meer.  Seine  Breite  bei  der  Mündung  ist  nicht  genau  zu  berechnen.  Rinsö 
schätzt  sie  auf  1 1 / 2 bis  2 Ri.  An  der  schmälsten  Stelle  beträgt  dieselbe  18  bis  19  Tsjö.1 
Der  Flufs  ist  durchgehends  sehr  tief.  Die  Strömung  geht  von  der  Mündung  bis  nach 
der  entgegengesetzten  Küste  von  Sachalin  in  der  Gegend  von  Tsjagakai  und  Jukutam, 
wo  sie  sich  bricht  und  sieben  Teile  des  Stromes  sich  nach  Norden  und  drei  Teile 
nach  Süden  in  das  Meer  ergiefsen.  Das  Wasser  desselben  ist  meistenteils  trübe,  und 
bei  der  beträchtlichen  Breite,  welche  er  an  der  Mündung  hat,  gehen  bei  heftigem 
Winde  die  Wellen  sehr  hoch,  was  für  kleine  Fahrzeuge  die  Überfahrt  nach  Sachalin 
gefährlich  macht.  Das  Ufer  an  seiner  Mündung  ist  niedrig,  desgleichen  auch  die 
gegenüberliegende  Küste  von  Sachalin , welche  viele  Sümpfe  und  Seen  aufweist. 
Die  niedrigen  Ufer  sind  beständigen  Veränderungen  unterworfen,  da  durch  den 
reifsenden  Strom,  namentlich  bei  Überschwemmungen,  Stücke  Landes  und  ganze 
Inselchen  weggespült  und  hier  und  dort  wieder  angeschwemmt  werden.  Die  Ufer 
sind  gröfstenteils  mit  Weiden  bewachsen,  man  kann  deshalb  an  dem  höheren  und 
niedrigeren  Baumwuchs  entnehmen,  welche  Strecken  früher  oder  später  den  Fluten  ihr 
Dasein  zu  verdanken  haben.» 

Mit  Korea  waren  die  Japaner,  wie  wir  gezeigt  haben,  in  frühester  Zeit  bekannt 
geworden;  ihre  Beziehungen  zu  dieser  Halbinsel  waren  bald  freundlicher,  bald  feind- 
licher Art  und  trugen  viel  zur  Entwickelung  und  Erweiterung  ihrer  geschichtlichen, 
ethnographischen  und  geographischen  Kenntnisse  vom  asiatischen  Kontinente  bei. 
Wenn  es  auch  nicht  in  dem  Plane  von  Kriegsexpeditionen  oder  von  Gesandtschaften 
lag,  Entdeckungen  zu  machen,  so  wurden  doch  dadurch  allmählich  die  Küsten,  Küsten- 
inseln und  das  Innere  des  Landes  bis  an  seine  natürlichen  Grenzen,  welche  es  im 
Norden  von  der  Mandschurei  scheiden,  nämlich  bis  zu  den  beiden  groisen  Flüssen, 
dem  Orikang  (Jalu-kiang) , dem  Tuman-kiang  (Turnen  ula) , und  dem  mit  ewigem 
Schnee  bedeckten  Gebirge  Pai-tu-san,  den  Japanern  bekannt.  Aber  vor  allem  waren 
es  die  beiden  Kriegszüge,  die  Taiko  Hidejosi  in  den  Jahren  1592  und  1597  nach 
Korea  unternahm,  welche  zur  genaueren  Kenntnis  der  Halbinsel  beigetragen  haben. 
Die  Japaner  lernten  nicht  nur  die  Küsten,  wo  sie  mit  ihren  Flotten  landeten,  die  Mün- 
dungen der  grofsen  Flüsse,  welche  sie  befestigten  und  bewachten,  und  das  Land, 
welches  sie  siegreich  durchzogen,  besser  kennen,  es  fielen  auch  die  besten  Erzeug- 
nisse der  chinesischen  und  koreanischen  Litteratur  der  Geschichte  und  Geographie  von 
der  Halbinsel  in  die  Hände  der  Sieger.  Bei  den  Koreanern,  als  Zöglingen  der  chine- 
sischen Schule,  stand  damals  die  Erdkunde  und  die  zur  Länderaufnahme  erforderliche 
Wissenschaft  auf  gleicher  Höhe  wie  bei  ihren  Lehrmeistern.  Man  begnügte  sich  zwar 
mit  oberflächlichen  Umrissen  von  den  Küsten  und  Inseln,  in  die  man  die  Ortschaften, 
Flüsse  und  Berge  nach  ihrer  mutmafslichen  Lage,  Entfernung  und  Richtung  eintrug; 
dagegen  waren  ihre  historisch-geographischen  und  chorographischen  Beschreibungen 
oft  sehr  ausführlich,  wovon  uns  noch  heutzutage  die  grofse  chinesische  Geographie  ein 
Beispiel  liefert.  Aus  solchen  Aufzeichnungen  bestanden  damals  und  bestehen  jetzt  noch 
die  meisten  Karten,  welche  man  in  Japan  von  der  koreanischen  Halbinsel  besitzt.  Eine 
Probe  chinesischer  Karten  von  Tschaosien  (Korea)  aus  der  Mitte  des  17.  Jahrhunderts 
hat  uns  der  Pater  Martinius  in  seinem  Atlas  Sinensis,  und  eine  neuere,  aber  ebenfalls 
nach  chinesisch-koreanischen  Quellen  von  den  Jesuiten-Missionären  in  den  Jahren  1709 


1 1 Tsjo  = 1,0909  Hektometer. 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  8.  Gesell.  Übers,  d.  geogr.  Forsch.  265 


bis  1717  bearbeitete  Karte  d’Anville  in  seinem  Atlas  de  la  Chine  mitgeteilt.  Die 
Karte,  welche  Hajasi  Sihei  seinem  Sankok  tsuran  dsuki  beigefügt  hat,  und  wovon 
wir  eine,  treue  Kopie  im  Nippon1  wiedergegeben  haben,  ist  wahrscheinlich  die  beste, 
welche  zu  Ende  des  verflossenen  Jahrhunderts  iil  Japan  bestand.  Unstreitig  verdient 
aber  die  gleichfalls  im  Nippon2  bekannt  gemachte  «Karte  von  der  koreanischen  Halb- 
insel» den  Vorzug.  Diese  ist  allem  Anscheine  nach  von  einer  ursprünglich  koreanischen 
Karte  von  einem  Japaner  kopiert  worden;  sie  ist  aber  nicht  die  beste,  welche  zu  unserer 
Zeit  in  Japan  von  der  Halbinsel  bestand.  In  der  Bibliothek  des  Sjögun  zu  Jedo  be- 
findet sich  eine  bei  weitem  vorzüglichere  und  eine  ähnliche  im  Besitze  des  Fürsten 
von  Tsusima,  dessen  Obhut,  wie  bekannt,  der  beschränkte  Handel  mit  Korea  anvertraut 
ist.  Von  beiden  wufsten  wir  uns  Kopien  zu  besorgen,  welche  wir  leider  beide 
durch  einen  unglücklichen  Zufall  verloren  haben.  Soweit  wir  uns  erinnern,  lag  der 
ersten  Karte  die  von  den  Jesuiten-Missionären  nach  chinesisch-koreanischen  Quellen 
zusammengestellte  Originalkarte  zu  Grunde,  worauf  einige  Verbesserungen  der  Süd- 
und  Südostküste,  soweit  die  Japaner  dieselbe  bei  ihrer  Einschränkung  zu  Fusankai 
(Chosan,  Brought.)  untersuchen  konnten,  eingetragen  waren.  Da  die  von  d’Anville 
herausgegebenen  Karten  der  Jesuiten  blofs  unvollständige  Auszüge  der  Originalkarten 
sind,  wie  bereits  Stephan  Endlicher  nachgewiesen  hat,  so  würde  durch  die  Heraus- 
gabe der  von  den  Missionären  besorgten  Originalkarte  von  Tschaosien  nicht  nur 
einigermafsen  unser  Verlust  ersetzt,  sondern  auch  der  Wissenschaft  ein  Dienst  er- 
wiesen werden,  so  sehr  auch  unsere  Karte  von  der  koreanischen  Halbinsel  den  Beifall 
Endlichers  selbst  erhalten  hat. 

Mit  den  Liukiu-Inseln  ward  man  in  China  und  Japan  beinahe  um  dieselbe  Zeit  be- 
kannt. Unter  der  Süi-Dynastie  hatte  man  Kunde  von  diesen  Inseln  bekommen,  und 
605  hatte  der  Kaiser  Wan-ti  Leute  dahin  gesandt,  um  nähere  Nachrichten  von  dem 
Lande  und  dessen  Bewohnern  zu  erhalten.  Diese,  der  Sprache  der  Insulaner  unkundig, 
konnten  nichts  ausrichten,  brachten  aber  einige  Eingeborne  nach  dem  Hofe  mit  zurück, 
welche  der  Japaner  Wonono  Imoko,  der  im  15.  Regierungsjahre  des  Mikado  Suiko 
(607)  sich  als  Gesandter  an  den  Hof  Süi  begeben  hatte,  sah  und  einen  Schild,  der 
von  Liukiu  mitgebracht  worden  war,  als  einen  solchen,  den  die  Bewohner  der  Insel 
Jaku  im  Kriege  führten,  erkannte.  Die  Insel  Jakunosima  und  Tanegasima  gehörten 
damals  noch  nicht  zum  Mikadoreiche,  und  unter  dem  Namen  Jaku  verstand  man  über- 
haupt die  im  Süden  von  Tsukusi  (Kiusiu)  gelegenen  Inseln.  Aus  diesem  Vorfälle 
erhellt  übrigens,  dafs  die  Japaner  damals  schon  mit  den  Bewohnern  der  Inseln  im 
Süden  von  Kiusiu,  wenn  auch  diese  ihnen  nicht  unter  dem  Namen  von  Liukiu  bekannt 
wraren,  in  Verbindung  gestanden  haben,  obgleich  in  ihren  Geschichtsbüchern  erst  unter 
der  Regierung  des  XL.  Mikado,  Tenmu,  in  den  Jahren  677,  679,  681  und  682  ein 
Verkehr  mit  den  Bewohnern  von  Tane,  Jaku,  Amane  und  andern  im  südlichen  See- 
gebiete gelegenen  Inseln  erwähnt  wird.  Dieselben  entrichteten  von  dieser  Zeit  an 
Tribut  an  Japan  und  wurden  mit  Titeln  und  Ämtern  belehnt.  Unter  den  Geschenken, 
welche  unter  andern  die  Eingeborenen  von  Tane  im  Jahre  681  dem  Mikado  ange- 
boten,  befand  sich  eine  Karte  ihrer  Insel.  Durch  Aufwiegelungen  seitens  der  Be- 
wohner von  Tsukusi,  wahrscheinlich  des  berüchtigten  Stammes  der  Kumaoso,  wurde 


1 Nippon,  1.  Auflage,  Abteilung  VII,  Tab.  XIV. 

2 Nippon,  1.  Auflage,  Abteilung  VII,  Tab.  XV. 


266 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


zwar  mehrmals  der  freundliche  Verkehr  mit  den  Südinseln  unterbrochen;  aber  vom 
Jahre  7 1 3 ^ an  erschienen  häufig  wieder  Abgeordnete  von  den  Inseln  und  Hafenorten 
Amane,  Jajejama,  Kumesima,  Tokusima  u.  s.  w.,  brachten  die  vorzüglichsten  Erzeug- 
nisse ihres  Landes  als  Tribut  und  erhielten  dagegen  vom  Mikado  Titel  und  andere 
Vorrechte.  So  wurde  man  allmählich  näher  mit  den  Südinseln,  Nantö,  bekannt.  Im 
Jahre  735,  unter  der  Regierung  des  XLV.  Mikado,  Sjömu  (der  Weise  und  Krieger), 
wurde  ein  gewisser  Takahasi  Urasi  nach  den  Südinseln  geschickt,  um  dieselben  zu 
untersuchen  und  dort  Grenz-  und  Meilensteine  aufzurichten,  welche  745  erneuert  worden 
sind.  Es  waren  auf  diesen  auch  die  Namen  und  Entfernungen  der  Hafenorte  einge- 
graben. Vom  Ende  des  8.  Jahrhunderts  bis  zum  Jahre  1165  schweigt  die  Geschichte 
von  den  Südinseln.  Während  dieser  unruhigen  Zeit  gingen  viele  geschichtliche  Ur- 
kunden und  wahrscheinlich  auch  die  Nachrichten  über  den  Verkehr  mit  diesen  Inseln 
verloren.  Jetzt  eröffnet  sich  mit  einem  Male  ein  neuer  Zeitraum  für  die  Geschichte 
und  Erdkunde  der  Liukiu-Inseln.  Der  Fürst  Minamotono  Tametomo,  der  an  der  Em- 
pörung gegen  den  Mikado  Go  Siragawa  im  Jahre  1156  thätigen  Anteil  genommen 
hatte,  war  seiner  Tapferkeit  wegen  begnadigt  und  nach  Osima  bei  Idsu  verbannt 
worden.  Man  darf  diese  Insel  mit  der  gleichnamigen,  welche  die  gröfste  der  nörd- 
lichen Liukiu-Gruppe  ist,  nicht  verwechseln.  Von  hier  entfloh  er  1165  mit  mehreren 
Schiffen  nach  der  Insel  Oniga  sima,  d.  i.  Teufelsinsel  (wahrscheinlich  Kikaisima,  was 
gleichfalls  Teufelsinsel  bedeutet),  und  wufste  sich,  sei  es  mit  Gewalt  der  Waffen  oder  durch 
sein  achtunggebietendes  Benehmen,  gute  Aufnahme  und  hohes  Ansehen  bei  den  Einge- 
borenen zu  verschaffen.  Er  liefs  sich  auf  einer  der  Südinseln  nieder,  wahrscheinlich  auf 
Osima  unweit  Kikaisima,  wo  er  sich  mit  der  jüngsten  Tochter  des  Regenten  von  Wö 
sato  (Wö  sato  Ansu)  vermählte,  die  ihm  im  1.  der  Jahre  Ninan  (1 166)  einen  Sohn  gebar. 
Dieser  ward  Regent  (Ansu)  von  Urasato,  dem  jetzigen  Dorfe  Ura  in  der  Bai  von 
Eukawi  auf  Osima , der  Begründer  einer  neuen , noch  gegenwärtig  regierenden 
Königsdynastie  und  bestieg,  unter  dem  Namen  Sjunten  wö  (Chun-thian-wang)  im 
3.  der  Jahre  Bundsi  (1187)  den  Thron  von  Liukiu.  Seinem  Andenken  ward  die 
Kamihalle  Sjuntenno  rnija,  im  Bezirke  Kosi  auf  Osima,  die  noch  gegenwärtig  auf 
der  bis  heute  den  Europäern  unbekannten  Ostküste  dieser  Insel  besteht,  geweiht. 
Tametomo  selbst  kehrte  wieder  nach  Japan  zurück,  wo  er  die  Landschaft  Idsu  zu  er- 
obern gedachte,  sich  aber  nach  einer  Niederlage  auf  Ohosima,  unweit  Idsu,  im  2.  der 
Jahre  Kawo  (1170)  entleibte.  Dies  geschichtlich  erwiesene  Abenteuer  dieses  Fürsten 
hat  die  Aufmerksamkeit  der  Japaner  auf  die  Südinseln  gerichtet  und  unstreitig  vieles 
zu  ihrer  näheren  Bekanntschaft  mit  den  Liukiu-Inseln  beigetragen.  Schon  ein  Jahr 
nach  Sjuntens  Thronbesteigung  (1188)  machte  Joritomo,  der  erste  Sjögun,  Vorberei- 
tungen zu  einem  Kriegszuge  nach  Tanegasima,  um  diese  Insel  dem  Mikadoreiche  ein- 
zuverleiben, was  auch  einige  Jahre  später  stattfand,  wo  eine  Karte  und  ein  Wegweiser 
dahin  mit  zurückgebracht  und  dem  Sjögun  vorgelegt  wurde.  Zur  Zeit  der  Regierung 
des  15.  Königs  von  Liukiu  Sjökinbuk  (Chang-kin-fou)  im  3.  der  Jahre  Hötok  (1451) 
kamen  Gesandte  nach  Japan  an  den  Hof  des  Sjögun  Josimasa,  wo  ihnen  der  Handel 
mit  Japan  gestattet  wurde.  Der  Handelsverkehr,  welcher  gröfstenteils  mit  Satsuma, 
der  nächsten  japanischen  Landschaft,  betrieben  wurde,  dauerte  bis  1596,  wo  er  dadurch, 
dafs  sich  der  König  von  Liukiu  unter  den  Schutz  des  chinesischen  Kaisers  begab,  aut 
einige  Zeit  unterbrochen  wurde.  Im  14.  der  Jahre  Keitsjö  (1609)  unternahm  daher 
Josihisa,  Fürst  von  Satsuma,  auf  Befehl  des  Sjögun  Ijejasu  einen  Kriegszug  gegen  Liukiu. 


Geograph.  Übersicht  u Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  8.  Gesell.  Ubers,  d.  geogr.  Forsch.  267 


Es  wurde  zuerst  die  ganze  Nordgruppe,  Sanbok,  erobert,  und  dann  ein  Angriff  auf 
Grois-Liukiu,  Okinawasima,  gemacht  und  die  Stadt  Nafa  (Nape)  und  Sjuli  (Scheu-li), 
die  Residenz,  genommen  und  der  König  selbst  als  Gefangener  nach  Japan  gebracht. 
Auf  dieser  Expedition  sind  die  Japaner  mit  der  Nord-  und  Mittelgruppe,  Sanbok  und 
Tsjusan,  näher  bekannt  geworden.  Da  aber  der  Handelsverkehr  mit  Liukiu  ausschliefs- 
lich  von  Satsuma  aus  betrieben  wurde,  und  nur  die  Gesandten  an  dem  Hofe  zu  Jedo 
erschienen,  und  Japaner  aus  andern  Landschaften  nicht  leicht  nach  Liukiu  kommen 
konnten,  so  mag  darin  die  Ursache  gelegen  sein,  dafs  die  japanische  Litteratur,  soweit 
wir  sie  kennen,  bis  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  verhältnismäfsig  arm  an  geo- 
graphischen Nachrichten  über  diese  Inseln  ist,  und  im  mehrerwähnten  Sankok  tsuran 
dsuki,  das  im  Jahre  1785  geschrieben  ist,  nicht  viel  bessere  Karten  von  diesen  Inseln 
mitgeteilt  worden  sind  als  die,  welche  der  chinesische  Gelehrte  Supao-Koang  im 
Jahre  1719  seiner  Beschreibung  von  diesen  Inseln  beigefügt  hat. 

Ähnliche  politische  Gründe,  welche  die  Veranlassung  zu  einer  genaueren  Unter- 
suchung und  Erforschung  der  im  Norden  von  Japan  gelegenen  Länder  gegeben  haben, 
scheinen  auch  die  Aufmerksamkeit  des  Hofes  zu  Jedo  auf  die  im  Süden  des  Reiches 
befindlichen  Inseln  gelenkt  zu  haben.  Trotz  dem  satzumanischen  Kriegszuge  blieben 
die  Könige  von  Liukiu  auch  an  China  zinsbar,  und  die  Ta -tshing- Dynastie  suchte 
immer  mehr  ihren  Einflufs  auf  die  Mittel-  und  Südgruppe  dieser  Inseln  geltend  zu 
machen.  Die  Könige  wurden,  wie  früher,  bei  ihrer  Thronbesteigung  mit  Titel  und 
Siegel  investiert,  und  es  wurde  ihnen  bei  ihrem  Tode  durch  einen  chinesischen  Ge- 
sandten der  posthume  Namen  gegeben;  liukiusche  Gesandte  kamen  alle  zwei  Jahre 
nach  Peking  und  Canton  mit  Tribut,  der,  wenn  sich  japanische  Erzeugnisse  darunter 
befanden,  mit  Mifsfallen  angenommen  wurde;  höhere  Staatsdiener  waren  gehalten, 
ihre  Ausbildung  in  China  zu  vollenden,  und  wurden  mit  Titeln  und  Würden  vom 
Hofe  zu  Peking  bekleidet.  Dazu  kam,  dafs,  gleichwie  sich  die  russische  Flagge  häufiger 
im  Norden  des  Reiches  zeigte,  sich  in  dem  südlichen  Archipel  englische  Kriegsschiffe 
von  Zeit  zu  Zeit  einfanden.  Solche  Umstände,  bei  denen  die  beträchtlichen  Einkünfte  des 
Fürsten  von  Satsuma  aus  Liukiu  und  die  Handelsinteressen  seines  Landes  mit  in  Be- 
tracht kamen,  scheinen  die  Anfertigung  einer  Karte  von  diesem  Japan  zinsbaren 
Inselreicbe  und  die  Vermessung  und  Untersuchung  der  einzelnen  Inseln  veranlafst  zu 
haben.  Zwar  beruht  die  schon  mehrmals  erwähnte  Karte  von  den  Liukiu-Inseln  nicht 
auf  trigonometrischen  und  astronomischen  Beobachtungen,  wie  jene  Karten,  welche 
Tokunai  und  Rinso  von  Jezo  und  Sachalin  zusammengestellt  haben,  auch  ist  daher  die 
geographische  Lage  der  Inseln  nicht  sicher  gestellt;  dagegen  findet  man  sämtliche 
Inseln,  welche  die  drei  Gruppen,  die  nördliche,  mittlere  und  südliche,  bilden,  und  alle 
Felsen  und  Riffe  auf  dieser  Karte  eingetragen  und  darauf  die  bedeutendsten  Ortschaften, 
Häfen,  Vorgebirge  und  Baien  angegeben  und  mit  Namen  bezeichnet;  und  da  der  Um- 
fing der  einzelnen  Inseln  gemessen  wurde,  so  bieten  auch  die  Küstenumrisse,  obgleich 
oft  eintönig  und  plump,  ein  ziemlich  getreues  Bild  der  Konfiguration  der  bezeich- 
nendsten und  dem  Seefahrer  wichtigsten  Punkte  dar.  Wir  haben  den  Wert  und  die 
Brauchbarkeit  dieser  japanischen  Originalkarte  im  Laufe  dieser  Abhandlung  bereits 
hinlänglich  gezeigt,  und  die  neuesten  Entdeckungen  der  Europäer  in  diesem  Seegebiete 
haben  das  Bestehen  aller  darauf  angegebenen  Inseln  bestätigt  und  somit  die  Richtigkeit 
der  Angaben  auf  dieser  Karte  beglaubigt. 

Da  die  Karten,  welche  wir  in  den  verschiedenen  Abteilungen  unseres  Nippon 


268 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


mitteilen1  und  noch  besonders  in  unserem  Land-  und  Seekarten-Atlas  vom  Japanischen 
Reiche  herausgeben,  gröfstenteils  nach  japanischen  Originalkarten  bearbeitet  wurden, 
und  der  Standpunkt,  auf  welchem  in  diesem  Lande  die  geographische  Wissenschaft 
steht,  wenn  auch  hier  und  da  von  uns  angedeutet,  noch  näher  bezeichnet  werden 
miifs,  um  unsere  aus  japanischen  Quellen  geschöpften  Beiträge  für  die  Geographie 
und  Hydrographie  eines  Land-  und  Seegebietes,  das  beinahe  den  achtzigsten  Teil  der 
Erdoberfläche  beträgt,  richtiger  beurteilen  und  ihren  bezüglichen  Wert  besser  schätzen 
zu  lernen:  so  mag  eine  Erörterung  über  den  Zustand  der  geographischen  Wissenschaft 
in  Japan  hier  ihre  Stelle  finden  und  es  am  rechten  Orte  sein,  einen  Blick  auf  diesen 
Zweig  der  japanischen  Litteratur  zu  werfen,  welcher  die  Baustoffe  zu  unserer  Arbeit 
geliefert  hat  und  künftigen  Forschern  auf  diesem  Gebiete  noch  reichlichen  und  wich- 
tigen Stoff"  für  Länder-  und  Völkerkunde  darbietet. 

Künste  und  Wissenschaften  sind,  wie  bekannt,  unter  dem  Geleite  des  Buddhis- 
mus in  Japan  eingewandert,  wo  ihnen  die  Lehre  des  Kungfutse  (Confucius)  eine 
gute  Aufnahme  vorbereitet  hatte,  später  aber  das  überhand  nehmende  Mönchs- 
wesen verhinderte,  sich  in  den  Alleinbesitz  der  geistigen  Macht  zu  setzen.  Die 
Wissenschaft  wurde  nun  unter  den  Schutz  der  Philosophie  genommen,  in  ihren  Schulen 
verbreitet  und  an  den  Höfen  der  Grofsen  Sinn  und  Lust  für  dieselben  geweckt.  Den 
Schülern  des  chinesischen  Welt  weisen  war  zur  richtigen  Auffassung  seiner  Schriften, 
zur  Erweiterung  ihrer  Kenntnisse  auf  Pilgerschaften  und  zur  Ausbreitung  ihrer  Lehre 
die  Erdkunde,  obwohl  in  dem  beschränkten  Sinne  der  chinesischen  Welt,  ein  Be- 
dürfnis geworden.  Auf  diesem  Wege  gelangte  man  nun  in  Japan  zur  Länderkunde 
von  China  und  wandte  die  erworbenen  Kenntnisse  davon  zu  Beschreibungen  und 
Umrissen  des  eigenen  Landes  an.  Der  lebhafte  Verkehr  mit  Korea  und  China  vom 
6.  bis  13.  Jahrhundert  und  einzelne  Reisen  von  japanischen  Buddhapriestern  nach 
Indien  trugen  natürlich  auch  vieles  zur  Erweiterung  der  geographischen  Kenntnisse  der 
Japaner  bei.  Mit  diesen  ging,  wie  gesagt,  die  Geschichte  Hand  in  Hand,,  und  diese 
fand  in  der  frühzeitig  eingeführten  Schrift  eine  mächtige  und  bleibende  Stütze.  Auf 
einem  solchen  festen  Grunde  steht  unter  andern  das  schon  erwähnte  japanische  Werk 
«Hon-tsjö  kok-gun  ken-tsi  jen-kak  dsu-setsa,  d.  i.  Beschreibung  der  Landschaften  und 
Bezirke  des  Reiches  Japan,  wie  sie  bestanden  und  mit  der  Zeit  sich  veränderten: 
oder  eigentlich  eine  chronologische  Geschichte  der  Geographie  Japans  mit  besonderer 
Berücksichtigung  seines  Verkehrs  mit  dem  benachbarten  Festlande,  ein  sehr  brauch- 
bares Buch  von  Itsisai  Sato,  im  Jahre  1823  zu  Jedo  herausgegeben.  Es  ist  darin 
der  Zeitfolge  nach,  von  660  v.  Chr.  bis  824  n.  Chr.,  ein  Bild  der  geographischen 
Ausbreitung  des  Mikado-Reiches  aufgestellt.  Und  solcher  Bücher,  welche  ein  früh- 
zeitiges Studium  der  vaterländischen  Geographie,  der  Vermessung,  Einteilung  und 
Benennung  der  Landschaften  beurkunden,  zählt  die  japanische  Litteratur  noch  viele. 

Es  beschränkten  sich  übrigens  die  ersten  geographischen  Arbeiten  der  Japaner, 
wie  bei  allen  Völkern,  auf  rohe  Umrisse  von  Landstrecken  mit  bildlichen  Darstellungen 
von  merkwürdigen  Gegenständen,  welche,  gleich  den  Papyrus  der  Ägypter  oder  den 
sogenannten  mexikanischen  Codices,  auf  lange  Rollen  gemalt  waren.  Solche  Karten 
befinden  sich  noch  heutigen  Tages  in  den  Händen  von  Pilgern  und  andern  Reisenden; 
sie  sind  ursprüngliche  Nachbildungen  und  tragen  noch  keine  Merkmale  des  Einflusses 


1 1.  Auflage. 


Geograph.  Übersicht  u Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  8.  Gesch.  Übers,  d.  geogr.  Forsch.  269 

europäischer  Wissenschaft.  Wir  haben  mehrere  solcher  Wegweiser  auf  den  grofsen  Land- 
strafsen  und  nach  den  besuchtesten  Wallfahrtsorten  mitgebracht.  Ähnliche  giebt  es  auch 
noch  für  Küstenfahrer  und  Reisende  längs  den  Binnen-Seewegen  (von  Simonoseki  nach 
Osaka);  und  der  Kompafs,  der  sich  hier  und  da  darauf  angebracht  findet,  «das  kost- 
bare Geräte,  das  den  Süden  anzeigt»,  wurde  bereits  543  aus  Korea  nach  dem  Hofe 
der  Mikados  gesandt.  Auch  sind  die  allgemein  verbreiteten  Situationspläne  von 
Kamihallen  und  Tempelhöfen  und  andern  berühmten  und  häufig  besuchten  Orten  als 
Beispiele  der  chinesisch-japanischen  geographischen  Auffassung  zu  betrachten;  selbst 
die  Pläne  von  Städten  und  Festungen,  von  welchen  wir  uns  einige,  schon  um  die 
Mitte  des  1 6.  Jahrhunderts  verfertigte  Kopien  verschafft  haben,  tragen  das  Gepräge 
origineller  Darstellung.  Hierher  gehören  auch  die  Feldvermessungen,  welche  bei 
der  uralten  Lehnsverfassung  um  so  unentbehrlicher  waren,  als  die  Einkünfte  der 
Landesherren  nach  der  Flächengröfse  der  Reisfelder  berechnet  wurden.  Zu  solchen 
Arbeiten  genügte  jedoch  die  Bussole  und  die  Kenntnis  von  Zahlen  und  Mafs,  denen 
man,  den  Chinesen  folgend,  eine  Dezimaleinteilung  zu  Grunde  legte.  Höhere  mathe- 
matische Kenntnisse  waren  den  Japanern  gleich  wie  den  Chinesen  vor  dem  16.  Jahr- 
hundert nicht  bekannt;  die  Astronomie,  soweit  sie  der  chinesischen  Schule  angehörte, 
konnte  der  Geographie  nicht  als  Hülfswissenschaft  die  Hand  bieten.  Es  ist  bekannt, 
in  welchem  Zustande  die  ersten  Jesuiten-Missionäre,  die  Patres  Michael  Ruggerius  und 
Matthäus  Ricci,  in  dem  Jahre  1581  und  später  der  Pater  Ferdinand  Verbiest  bei  seiner 
Ankunft  in  Peking  um  das  Jahr  1668  die.  mathematische  und  astronomische  Wissen- 
schaft bei  den  Chinesen  gefunden  haben.  Die  erste  Kenntnis  von  Mathematik,  Astronomie 
und  Geographie  vom  Standpunkte  der  europäischen  Wissenschaft  hat  man  in  China  und 
in  Japan  dem  Pater  Ricci  und  seinen  Schülern  zu  verdanken;  die  durch  diesen  Ge- 
lehrten und  unter  seiner  Leitung  in  chinesischer  Sprache  erschienenen  Bücher  über  diese 
Wissenschaften,  welche  in  hundert  Heften  (Kiuen)  bestehen,  fanden  nicht  blofs  am 
Hofe  zu  Peking  eine  gute  Aufnahme,  sie  haben  sich  auch  nach  Japan  verbreitet. 
Merkwürdig  ist  es,  dafs  die  Jesuiten-Missionäre  in  diesem  Lande,  wo  sie  dreifsig 
Jahre  früher  als  in  China  festen  Fufs  gefafst  hatten,  im  16.  Jahrhundert  nichts  oder 
wenig  für  die  Einführung  europäischer  Wissenschaften  gethan  haben.  Im  folgenden 
Jahrhundert  waren  sie  schon  zu  ohnmächtig  geworden  und  hatten  kaum  noch  Kraft 
genug,  sich  und  ihre  Kirche  dort  aufrecht  zu  erhalten,  und  sie  sahen  sich  des  Landes 
schon  verwiesen,  als  sich  am  Hofe  zu  Peking  unter  dem  Schutze  eines  Khanghi  die 
mathematische  und  astronomische  Wissenschaft  auf  einen  beinahe  gleichen  Standpunkt 
erhob,  auf  dem  dieselbe  an  den  Hochschulen  Europas  um  diese  Zeit  gestanden  hat. 
Die  Namen  eines  Verbiest,  Schal,  Regis,  Jartoux,  Bouvet  und  anderer  gelehrten  Je- 
suiten sind  in  der  Litteraturgeschichte  des  Reiches  der  Mitte  verewigt.  Die  chinesische 
Schrift,  diese  Gemeinschrift  der  gesitteten  Völker  des  östlichen  Asiens,  wurde  die 
Trägerin  der  mehrgenannten  Wissenschaften  bis  nach  Japan,  obgleich  hier  alle  chine- 
sischen Schriften,  welche  das  Monogramm  von  Soc.  Jes.  trugen,  strenge  verboten  und 
nur  solche  erlaubt  waren,  die  von  chinesischen  Schülern  dieses  Ordens  verfafst  sind. 
So  gering  der  Einflufs  der  so  zahlreich  und  allgemein  in  Japan  verbreiteten  katholischen 
Missionäre  während  beinahe  eines  ganzen  Jahrhunderts  (1549  bis  1642)  auch  in  Japan 
war,  um  so  bemerkenswerter  ist  der  Einflufs  der  Niederländer.  Ihre  Sprache  wurde 
nicht  nur  die  Vermittlerin  des  Handelsverkehrs  zwischen  Osten  und  Westen,  sondern 
das  Organ  der  europäischen  Litteratur  in  Japan  — somit  ist  der  alten  Niederländisch- 


270 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Ostindischen  Compagnie,  ihren  Seeoffizieren  und  Beamten  ein  Hauptverdienst  um 
die  Ausbildung  der  mathematischen  und  physischen  Wissenschaften  in  Japan  zuzu- 
schreiben. 

Nach  der  Vertreibung  der  Portugiesen  und  Spanier  und  der  Ausrottung  des 
Christentums  blieb  der  freundliche  Verkehr  mit  China  und  Holland  bestehen  und  so- 
mit die  Quellen  geöffnet,  aus  denen  seither  die  europäische  Wissenschaft  den  Japanern 
zugeflossen  war;  diese  flössen  langsam,  doch  reichlich  genug,  um  das  kleine  Gebiet 
der  Erdkunde  dort  zu  befruchten.  Die  Ausschliefsung  aller  übrigen  Europäer  vom 
Verkehre  mit  Japan  und  die  streng  bewachte  Abschliefsung  der  Niederländer  auf 

Dezima  beschränkte  von  selbst  die  Ausbreitung  der  von  ihnen  ausgehenden  Wissen- 
schaften, sie  beschränkte  zugleich  den  Kreis  der  Kenntnisse  der  Eingeborenen,  welche 
man  von  der  Kenntnis  des  Auslandes,  dessen  politischen,  religiösen  und  andern,  den 
japanischen  Einrichtungen  fremden  Verhältnissen  systematisch  abzuschliefsen  suchte; 
es  fanden  deshalb  unsere  mathematischen  und  astronomischen  Kenntnisse  nur  bei 

wenigen  einheimischen  Gelehrten  Zugang,  und  die  aufserchinesische  und  aufser- 
japanische  Geographie,  namentlich  die  der  christlichen  Staaten,  blieb  nur  wenigen 
Vorbehalten.  Was  jedoch  der  Anwendung  mathematischer  Wissenschaften  auf  die 
Vermessung  und  Aufnahme  des  Landes,  somit  der  Verfertigung  von  Kartenbildern 
des  Landes  das  gröbste  Hindernis  in  den  Weg  legt,  ist  ein  Gesetz,  welches  geodätische 
und  astronomische  Arbeiten  für  diesen  Zweck  nur  höheren  Orts  dazu  bezeichneten 
Personen  gestattet.  Deshalb  befindet  sich  die  Wissenschaft,  welche  zu  richtigen 
Landesvermessungen  und  zu  astronomischen  Ortsbestimmungen  erfordert  wird,  aus- 
schliefslich  in  den  Händen  der  Hofastronomen  zu  Jedo  und  zu  Kioto  und  einzelner 
Gelehrter  an  den  Höfen  der  Fürsten  und  Reichsgrofsen.  Bücher,  Karten  und  In- 
strumente werden  diesen  von  den  Niederländern  auf  Dezima  besorgt,  und  auf  aus- 

drückliches Verlangen  des  Hofes  zu  Jedo  der  bekannte  Nautical  Almanac  regelmäfsig 
von  Batavia  gesendet,  auch  häufig  unter  den  am  Hofe  benötigten  Gegenständen  die 
neuesten  astronomischen  Bücher  verlangt.  Von  den  brauchbarsten  Werken,  wie  z.  B. 
der  Astronomie  von  Lalande,  bestehen  von  japanischen  Dolmetschern  und  andern  der 
holländischen  Sprache  Kundigen  bearbeitete  Übersetzungen,  und  mathematische  und 
astronomische  Instrumente  werden  von  japanischen  Künstlern  mit  bewunderungswürdiger 
Genauigkeit  nachgemacht.  Wir  hatten  Gelegenheit,  während  unseres  Aufenthaltes  in 
Jedo  einen  vorzüglich  gut  gearbeiteten  Sextanten  dieser  Art  zu  sehen,  u'nd  der  auf 
der  Sternwarte  zu  Kioto  befindliche  Quadrant  soll  gleichfalls  von  einem  inländischen 
Künstler  verfertigt  sein. 

Mit  solchen  Hülfsmitteln  sind  auf  Befehl  des  Sjögun  und  unter  der  Leitung  der 
Hofastronomen  vom  Anfang  dieses  Jahrhunderts  an  alle  Landschaften  und  Inseln  vom 
eigentlichen  Japan  — das  zu  den  drei  grofsen  Inseln  Nippon,  Sikok  und  Kiusiu  ge- 
hörige Gebiet  — in  dem  Mafsstabe  von  1/45ooo  aufgenommen  und  die  Hauptstädte 
der  68  Provinzen  und  andere  wichtige  Punkte  astronomisch  bestimmt  worden,  wobei 
die  Länge  vom  Meridian  der  Sternwarte  zu  Kioto  aus,  der  als  erster  angenommen 
und  nach  unseren  Beobachtungen  1 3 5 0 40'  östlich  von  Greenwich  liegt,  berechnet 
ist.  Als  Probe  dieser  grofsartigen  Aufnahme  des  Landes  kann  der  Plan  der  Strafse 

O O 

van  der  Capellen  dienen,  wovon  uns  das  Original  1826  vom  Hofastronomen  Takahasi 
Sakusajemon  in  Jedo  mitgeteilt  worden  ist.  Wir  hatten  damals  Gelegenheit,  auch 
einen  grofsen  Teil  der  übrigen  Blätter  dieser  Specialkarte  von  Japan  zu  besichtigen. 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  8.  Gesell.  Übers,  d.  geogr.  Forsch.  271 

Die  Küsten,  welche,  wie  uns  Sakusajemon  sagte,  mit  Ketten  vermessen  wurden,  sind 
nicht  nur  ganz  genau  nach  ihrer  natürlichen  Entwicklung  auf  den  Karten  eingetragen, 
es  ist  auch  ihre  Formation  berücksichtigt,  und  die  felsigen  und  sandigen  Meeresufer 
sind  deutlich  darauf  angegeben.  Eine  nach  derselben  Zusammengestelle  allgemeine 
Karte,  im  Mafsstabe  von  12  Centimeter  für  den  Äquatorialgrad,  hatten  wir  von  unserm 
mehrgenannten  Freunde  Sakusajemon  erhalten,  aber  leider  nur  eine  Kopie  davon  in 
der  gegen  uns  deshalb  stattgehabten  Untersuchung  retten  können.  Nach  dieser  und 
mit  Benutzung  der  uns  gleichfalls  von  demselben  Gelehrten  mitgeteilten  Tafeln  seiner 
astronomischen  Ortsbestimmungen  und  der  besten  andern  japanischen  Originalkarten 
ist  unsere  Karte  von  den  Inseln  Nippon,  Sikoku  und  Kiusiu  zusammengestellt.  Ebenso 
erhielten  wir  von  ihm  das  Original  der  Karte  von  Jezo  und  den  südlichen  Kurilen, 
welche  im  Mafsstabe  von  24  Centimeter  für  den  Äquatorialgrad  gezeichnet  war,  und 
wovon  wir  eine  auf  die  Hälfte  reduzierte  verfertigt  und  glücklich  nach  Europa  ge- 
bracht haben.  Sie  ist  in  einem  verjüngten  Mafsstabe  im  Nippon  VII.  Tab.  XXIV1 
mitgeteilt.  Von  den  Karten,  welche  Mogami  Toknai  und  Mamia  Rinsö  aufgenommen 
haben,  sind  in  Nippon  VII.  Tab.  XXIV  und  XXV2  Proben  gegeben.  Die  Originale 
der  Toknaischen  Karte,  welche  in  fünf  Blättern  Jezo  mit  den  südlichen  Kurilen, 
Sachalin  und  die  Mündung  des  Manko  (Amur)  enthält  und  in  einem  Mafsstabe  von 
etwa  1//3 00000  entworfen  ist,  befinden  sich  in  der  seltenen  und  zahlreichen  Bücher- 
sammlung, welche  wir  aus  Japan  mitgebracht  und  an  den  niederländischen  Staat  ab- 
getreten haben.  Noch  müssen  wir  hier  einer  zwar  auf  einer  niederen  Stufe  der 
Wissenschaft  stehenden,  aber  dennoch  sehr  wertvollen  Probe  japanischer  Arbeit,  der 
Karte  von  den  Liukiu-Inseln,  gedenken,  welche  wir  bereits  mehrmals  zur  Sprache  ge- 
bracht und  in  unserm  Nippon  VII.  Tab.  XXVI — XXIX3  im  verjüngten  Mafsstabe 
wiedergegeben  haben. 

Wir  zählten  hier  absichtlich  eine  Reihe  von  geographischen  Arbeiten  der  Japaner 
auf,  welche  vollständig  oder  teilweise  in  unserm  Nippon  und  in  unserm  Atlas  von 
Land-  und  Seekarten  benutzt  oder  treu  wiedergegeben  sind,  um  durch  die  Vorlage 
von  solchen  Kartenbildern  den  wissenschaftlichen  Standpunkt,  auf  dem  gegenwärtig 
die  Geodäsie  und  Astronomie  bei  den  Gelehrten  in  Japan  steht,  zu  beurkunden.  Diese 
Arbeiten  näher  zu  prüfen,  als  wir  bereits  im  Laufe  dieser  Abhandlung  gethan  haben, 
und  unsererseits  ein  Urteil  darüber  auszusprechen,  erachten  wir  für  unnötig,  da  es  sich 
ein  vollkommen  dazu  befugter  Richter,  von  Krusenstern  selbst,  zur  Aufgabe  gemacht, 
die  ihm  kurz  nach  unserer  Zurückkunft  in  Europa  vorgelegten  japanischen  Original- 
karten, welche  wir  für  die  Herausgabe  in  unserem  Werke  bestimmt  hatten,  einer  ge- 
nauen Prüfung  zu  unterwerfen  und  sein  Urteil  darüber  in  einem  Schreiben  an  uns 
bereits  vor  vielen  Jahren  (12.  Oktober  1834)  veröffentlicht  hat.  Wir  lassen  den  Brief 
dieses  grofsen  Hydrographen  hier  folgen: 

«Sie  erhalten  hierbei  die  japanischen  Karten  zurück,  welche  Sie  so  gütig  gewesen, 
mir  mitzuteilen;  ich  habe  sie  mit  grofsem  Interesse  angesehen  und  erfülle  gern  Ihren 
Wunsch,  Ihnen  meine  Meinung  zu  sagen,  ob  und  was  die  Geographie  durch  die  Be- 
kanntmachung dieser  Karten  gewinnen  wird.  Ohne  mich  in  eine  genaue  Analyse 
derselben  einzulassen,  will  ich  hier  nur  bemerken,  dafs  nach  einer  Vergleichung  mit 


1 In  der  ersten  Auflage. 

2 Ebendaselbst. 

3 Ebendaselbst. 


272 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


unseren  europäischen  Karten,  d.  h.  mit  solchen,  welche  nach  einer  genauen  Unter- 
suchung von  bekannten  Seefahrern  konstruiert  sind,  ich  nicht  anders  als  ein  sehr 
günstiges  Urteil  über  sie  fällen  kann.  Nicht  nur  die  Konfiguration  der  Küsten  und 
das  Detail  derselben,  wo  solches  auf  unseren  Karten  zu  finden  ist,  sondern  auch  die 
Längen  und  Breiten  stimmen  auf  eine  wundervolle  Weise  und  liefern  einen  inter- 
essanten Beweis  von  den  Fortschritten,  welche  die  Japaner  in  der  Astronomie  gemacht 
haben.  Es  ist  dieses  besonders  der  Fall  mit  den  südlichen  und  nördlichen  Küsten 
Japans  und  mit  der  Westküste  von  Jezo,  die  auf  derNadiejda  im  Jahre  1805  bei  dem 
schönsten  Wetter  im  gröbsten  Detail  erforscht  ward,  sowie  auch  mit  der  Ostküste  von 
Jezo  nach  Broughton.  Nur  die  Länge  von  Kunaschir  weicht  von  den  Beobachtungen 
des  Kapitäns  Golownin  ab.  Dafs  die  Länge  der  Stadt  Kioto,  durch  welche  der  erste 
Meridian  gezogen  ist,  sehr  gut  von  den  japanischen  Astronomen  bestimmt  ist1,  be- 
weist die  Länge  von  Nagasaki,  die  auf  der  japanischen  Karte  50  48'  im  Westen 
von  Kioto  liegt,  d.  i.  1290  52'  O.  Greenw.:  bis  auf  eine  Minute  die  nämliche, 
welche  Dr.  Horner  und  ich  aus  mehr  als  tausend  beobachteten  Mondabständen  be- 
rechnet haben. 

Bei  dieser  aufserordentlichen  Genauigkeit,  welche  sich  fast  überall  zeigt,  wo  ein 
Vergleich  mit  europäischen  Seefahrern  zulässig  ist,  läfst  sich  wohl  mit  Gewifsheit  an- 
nehmen, dafs  auch  diejenigen  Küsten,  welche  bis  jetzt  nicht  haben  von  europäischen 
Seefahrern  untersucht  werden  können,  den  nämlichen  Grad  der  Genauigkeit  gewähren, 
und  dafs  folglich  die  Lücken,  deren  es  bis  jetzt  noch  viele  an  jenen  Küsten  giebt, 
durch  Ihre  Karten  genügend  ausgefüllt  werden  können,  bis  endlich  ein  wissenschaft- 
licher Seefahrer  dort  das  Werk  vollendet,  wozu  dem  Anscheine  nach  jetzt  keine  Aus- 
sicht ist. 

Was  die  Karten  der  Liukiu-Inseln  betrifft,  die  nach  einem  grofsen  Mafsstab  ent- 
worfen sind  und  sehr  viel  Detail  enthalten,  so  verlieren  sie  freilich  sehr  an  ihrem 
Werte  dadurch,  dafs  hier  die  astronomischen  Beobachtungen  ganz  fehlen;  jedoch 
liefern  Kapt.  Halls  und  Beecheys  Bestimmung  des  Hafens  Napakiang  und  der  nörd- 
lichsten Spitze  der  Insel  Grofs-Liukiu  einen  ziemlich  genauen  Mafsstab,  so  wie  die 
Übereinstimmung  der  Küsten  dieser  Insel,  verglichen  mit  Kapt.  Halls  Karte,  für  die 
Richtigkeit  zu  bürgen  scheint,  mit  welcher  die  übrigen  Inseln  dieses  Archipels  ver- 
zeichnet sein  mögen,  wiewohl  einige  kleine  Inseln,  die  der  Kapt.  Brougthon  gesehen 
hat,  hier  fehlen. 

Die  Inseln,  die  im  Norden  der  Liukiu-Inseln  liegen  und  sich  bis  zur  Strafse  V an 
Diemen  in  mehreren  Gruppen  ausdehnen,  sind  von  einigen  europäischen  Seefahrern 
in  der  Ferne  gesehen,  von  keinem  aber  untersucht  oder  auch  nur  bestimmt  worden. 
Vorausgesetzt,  dafs  diese  Inseln  auf  den  japanischen  Karten  richtig  verzeichnet  sind, 
was  das  grofse  Detail  wohl  vermuten  läfst,  so  ist  dies  eine  nicht  unwichtige  Be- 
reicherung der  Hydrographie  dieser  Gewässer. 

Sehr  interessant  ist  die  Karte  von  Sachalin  oder  Krafto,  wie  Sie  glauben,  dafs 
dieses  Land  genannt  werden  müsse.  Wir  kennen  zwar  die  Küste  von  Sachalin 
genauer,  als  die  Japaner  sie  verzeichnet  haben,  aber  es  blieb  eine  wichtige  Lücke 
auszufüllen,  nämlich  der  bis  jetzt  noch  von  keinem  Seefahrer  untersuchte  und  von 
mir  genannte  Liman  du  fleuve  Amur,  in  welchen  sich  dieser  Flufs  ergiefst.  Ihre 


1 1350  50'  O.  von  Greenwich;  auf  meiner  Karte  von  Japan  liegt  diese  Stadt  in  O.  L.  135040'. 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  8.  Gesell.  Übers,  d.  geogr.  Forsch.  273 


Karte  zeigt  uns  die  Mündung  desselben;  auch  löst  sie  einen  nicht  ohne  Grund  er- 
hobenen Zweifel  gegen  die  Existenz  eines  fahrbaren  Kanals  zwischen  Sachalin  und 
der  gegenüberliegenden  Küste  der  Tatarei,  die,  wie  Sie  mir  gesagt,  sich  auf  eine  kürz- 
lich geschehene  Untersuchung  des  uns  auch  früher  bekannten  Mamia  Rinsö  gründet. 

Nach  dieser  kurzen  Anzeige  von  dem , was  Ihre  Karten  Neues  enthalten , mufs 
es  dem  Geographen  sowohl  als  dem  Seefahrer,  und  besonders  den  russischen  See- 
fahrern, fast  den  einzigen,  welche  die  Küsten  obiger  Länder  befahren,  wuchtig  sein, 
bald  in  den  Besitz  ihrer  Karten  zu  gelangen.  Ich  bin  in  diesem  Augenblick  mit 
einer  neuen  Ausgabe  meines  Atlasses  des  Stillen  Ozeans  beschäftigt;  die  jetzt  ge- 
wonnene Kenntnis  der  japanischen  Karten  veranlafst  mich  jedoch,  die  Herausgabe 
dieser  Karten  abzuwarten,  ehe  ich  die  neue  Ausgabe  der  meinigen,  wenigstens  jener 
der  nördlichen  Hemisphäre,  werde  erscheinen  lassen;  und  da  man  auch  in  England  die 
Absicht  hat,  eine  neue  Sammlung  von  Karten  der  Südsee  herauszugeben,  so  wird  man 
gewifs  auch  dort  mit  Ungeduld  der  Herausgabe  Ihrer  Karten  entgegensehen.  Es  wäre 
daher  sehr  zu  wünschen,  dafs  dieses  so  bald  als  möglich  geschehe,  und  zwrar  wären 
meiner  Ansicht  nach  fünf  Karten  nötig:  — zwei  von  Japan,  eine  von  den  Liukiu- 
Inseln,  eine  von  Jezo  und  den  südlichen  Kurilen,  und  die  fünfte  Karte  könnte  nach 
einem  gröfseren  Mafsstabe  die  von  Ihnen  aufgenommene  Strafse  Van  der  Capellen 
zwischen  Sikoku  und  Nippon,  die  Strafse  Mamia  zwischen  Sachalin  und  der  Tatarei 
und  den  Archipel  Linschoten  enthalten.  Es  wäre,  glaube  ich,  sehr  wünschenswert, 
diese  Karten  gerade  so  stechen  zu  lassen,  wie  sie  sind,  ohne  die  geringste  Verbesserung 
anzubringen.  Wer  dieses  zu  thun  die  Absicht  haben  sollte,  wird  alsdann  auch  über 
sein  Verfahren  Rechenschaft  geben  und  die  von  ihm  gemachten  Verbesserungen  dem 
Urteile  der  Hydrographen  überlassen.  — 

Indem  ich  Ihnen  nochmals  Glück  wünsche,  so  wichtige  Beiträge  zur  Kenntnis 
eines  so  wenig  bekannten  und  so  höchst  merkwürdigen  Landes  wie  Japan  mitgebracht 
zu  haben,  erlauben  Sie  mir  auch  bei  dieser  Gelegenheit  Ihnen  meine  Bewunderung 
für  die  Hingebung  und  den  Mut  zu  bezeigen,  durch  welche  es  Ihnen  gelungen  ist, 
mit  Gefahr  Ihrer  Freiheit  und  vielleicht  auch  Ihres  Lebens  Schätze  zu  erobern,  welche 
nur  die  Wissenschaften  bereichern.)) 

Die  Berücksichtigung  gewisser  politischer  Verhältnisse,  namentlich  aber  die  unserer 
noch  lebenden  japanischen  Freunde  wegen  zu  beobachtende  Vorsicht  erlaubten  es  uns 
nicht,  diese  Karten  früher  ans  Licht  treten  zu  lassen,  so  sehr  dies  auch  von  v.  Krusen- 
stern  gewünscht  worden  ist.  Unsere  Karte  von  Japan,  welche  wir  diesen  um  die 
Seefahrtkunde  so  sehr  verdienten  Manne  gewidmet  haben,  ist  übrigens  schon  im  Jahre 
1840  in  unserm  Nippon  erschienen.1  Im  Norden  von  Japan  haben  unseres  Wissens 
seither  keine  Entdeckungen  von  Bedeutung  stattgefunden,  und  die  vom  englischen 
Kapitän  Beicher  und  auf  Geheifs  des  französischen  Kontre-Admirals  Cecille  gemachten 
Entdeckungen  im  Süden  haben  durch  die  Auffindung  des  von  uns  bezeiclmeten  Lin- 
schoten-Archipels  und  der  auf  den  japanischen  Originalkarten  so  ausführlich  darge- 
stellten Inseln  der  Nordgruppe  der  LiukiuTnseln  die  Mutmafsung  und  das  günstige 
Urteil  v.  Krusensterns  bestätigt. 

Bisher  haben  wir  blofs  einige  der  vorzüglichsten  und  neuesten  Erzeugnisse  der 


1 Grofse  Karte  des  Japanischen  Reichs.  Beilage  zur  Abteilung  I der  2.  Auflage.  Die  Wid- 
mung ist  in  der  Reproduktion  fortgelassen  worden.  Anmerk,  zur  2.  Auflage, 
v.  Sieb  old,  Nippon  I,  2.  Anfl. 


18 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


japanischen  Litteratur  über  die  Erdkunde  kennen  gelernt,  es  liegt  aber  noch  ein  weites 
Feld  geographischer  Erzeugnisse  aus  diesem  Lande  vor  uns,  welche  zu  verschiedenen 
Zeiten  und  nach  verschiedenen  Verfahrungsweisen  bearbeitet  sind  und  den  verschie- 
denen Zweigen  dieser  Wissenschaft  angehören.  In ' unserm  «Catalogus  librorum  et 
manuscriptorum  japonicorum»,  den  wir  unter  der  Mitarbeitung  von  J.  Hoffmann  im 
Jahre  1845  herausgegeben  haben,  sind  unter  andern  auch  einhundert  und  sechzig 
geographische  Bücher,  Karten,  Pläne,  Panoramas  u.  dgl.  aufgezählt  und  beschrieben, 
welche  gröfstenteils  wTir  selbst  in  Japan  gesammelt  haben.  Elf  davon  verdanken  wir 
dem  um  die  Länder-  und  Völkerkunde  wohlverdienten  J.  Cock  Blomhoff  und  Van 
Overmeer  Fisscher,  deren  ethnographische  Sammlungen  im  königlichen  Museum  im 
Haag  niedergelegt  sind.  Es  lassen  sich  diese  geographischen  Werke  einteilen  in: 
historisch  - geographische,  Landkarten,  Topographien  der  Städte;  in  Panoramas  und 
Ansichten  von  Gegenden,  Wegweiser;  ferner  in  solche  Bücher  und  Karten,  welche 
die  Neben-  und  Schutzländer  betreffen,  und  endlich  in  solche,  die  Kopien  von  euro- 
päischen und  chinesischen  Werken  sind.  Die  historisch -geographischen  Bücher  ent- 
halten meistenteils  Beschreibungen  einzelner  Provinzen,  in  chorographisch-statistischer, 
archäologischer,  geschichtlicher  und  naturhistorischer  Hinsicht;  einige  sind  nach  Art 
von  Reisebeschreibungen  verfafst,  worin  die  Reiserouten  und  Merkwürdigkeiten,  welchen 
man  begegnet,  ausführlich  beschrieben  und  mit  mannigfaltigen,  oft  sehr  guten  Holz- 
schnitten illustriert  sind.  Als  Probe  der  ersteren  Art  ist  eine  Beschreibung  von  Ja- 
mato  in  7 Bänden  und  ein  Reisebuch  längs  der  grofsen  Landstrafse  von  Kioto  nach 
Jedo  in  8 Bänden  zu  nennen.  Solche  Bücher  bestehen  fast  von  allen  Provinzen  des 
Reiches.  Es  giebt  auch  solche,  welche  ganz  unseren  Reisebüchern  entsprechen, 
wie  z.  B.  die  Bücher  Sai-juki,  To-juki  und  Nan-juki,  d.  i.  Wanderungen  nach 
Westen,  Osten  und  Süden,  welche  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  Tatsibana  Nan- 
keisi,  Arzt  zu  Kamakura,  herausgegeben  hat.  Wir  dürfen  hier  nicht  das  allumfassende 
Buch,  die  berühmte  japanische  Encyclopädie,  Wakan  sansai  dsui , übergehen,  die  das 
Wissenswerteste  ihrer  Zeit  (1714)  im  gesamten  Gebiete  der  Geographie  und  deren 
Hülfswissenschaften  enthält.  Die  Landkarten  lassen  sich  gleich  den  unserigen  in  all- 
gemeine und  speciale  einteilen.  Von  einer  in  Kupfer  gestochenen,  vom  Hofastronomen 
zu  Jedo  1822  herausgegebenen  allgemeinen  Karte  vom  Japanischen  Reiche  und  dem 
benachbarten  asiatischen  Kontinente  haben  wir  eine  Kopie  mit  Übersetzung  bekannt 
gemacht1,  und  von  einer  allgemeinen  Karte  von  Japan,  so  wie  diese  dort  im  Buch- 
handel vorkommt  und  sich  in  den  Händen  gebildeter  Leute  befindet,  ein  treues  Fak- 
simile durch  den  chinesischen  Schreiber  Ko  Tsching  Dschang,  der  uns  von  Batavia 
mit  nach  Niederland  gefolgt  und  sich  sieben  Jahre  mit  der  Lithographie  der  philo- 
logischen Abteilung  unseres  Werkes  beschäftigt  hat,  auf  Stein  bringen  lassen  und  gleich- 
falls herausgegeben.2  Diese  Karte,  welche  wir  an  einem  anderen  Orte  näher  be- 
schreiben werden,  ist  eine  ähnliche  wie  die,  welche  Isaak  Titsingh  mit  nach  Europa 
gebracht,  und  wie  jene,  welche  sich  in  der  Bibliothek  des  Grolsherzogs  von  Sachsen- 
Weimar  befindet  und,  wie  bereits  erörtert,  der  v.  Krusensternischen  Karte  zur  Grund- 
lage gedient  hat.  Obgleich  auf  derselben  die  Längen-  und  Breitengrade  angegeben 


1 Nippon  l,  Tab.  1 der  ersten  Auflage  und  Fig.  27  der  zweiten  Auflage.  Das  Japanische  Reich 
mit  seinen  Neben-  und  Schutzländern. 

2 Nippon  I,  Tab.  I— -IV  der  ersten  Auflage. 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  8.  Gesch.  Übers,  d.  geogr.  Forsch. 


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sind,  so  kann  man  sich  jedoch  weder  auf  die  Genauigkeit  der  Projektion,  welche  nach 
Mercator  sein  soll,  noch  auf  die  Richtigkeit  der  Lage  der  Orte  und  anderer  Punkte 
verlassen.  Dagegen  hat  sie  für  die  Chorographie  und  Statistik  viel  Wert  und  giebt 
für  das  Studium  der  Geographie  und  Geschichte  Japans  ein  sehr  brauchbares  Material 
ab.  Diese  und  ähnliche  Karten  können  als  Proben  von  Kartenbildern  gelten,  wie  sie 
in  der  letzten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  von  japanischen  Geographen  verfertigt  worden 
sind.  Die  Specialkarten  sind  von  zweierlei  Art,  solche,  welche  im  Druck  erschienen, 
und  solche,  welche  nur  als  Handzeichnungen  bestehen.  Von  ersteren  besitzen  wir 
nur  wenige,  sie  sind  aber  von  sehr  merkwürdigen  Gegenden,  wie  z.  B.  von  Jamato, 
dem  alten  Sitze  der  Mikados;  von  Omi,  wo  sich  der  grofse  Landsee  befindet;  von 
Harima,  seiner  alten  Wallfahrtsorte  wegen  berühmt;  von  Setsu,  wo  die  grofse  Reichs- 
handelsstadt Osaka  liegt  u.  dgl.  Als  ein  Muster  geodäsischer  Arbeit  und  technischer 
Ausführung  kann  die  Specialkarte  von  der  Landschaft  Jetsigo  betrachtet  werden,  auf 
welcher  die  Verzweigungen  des  grofsen  Flusses  Sinanogawa  mit  seiner  merkwürdigen 
Deltabildung  an  der  der  erzreichen  Insel  Sado  gegenüber  gelegenen  Meeres- 
küste so  naturgetreu  ausgeführt  sind,  dafs  sie  als  ein  natürliches  Bild  des  Unterlaufes 
eines  Stromes  aufgestellt  zu  werden  verdient,  der,  genährt  von  zahlreichen  Neben- 
flüssen, welche  aus  dem  in  weiter  Entfernung  sich  erhebenden  Bergkranze  entspringen, 
durch  ein  ausgebreitetes  Thal  sich  den  Weg  nach  dem  Meere  bahnt.  Die  hand- 
schriftlichen Specialkarten  sind  zweierlei  Art,  beide  von  grofsem  Werte  für  die  Choro- 
graphie, Topographie  und  Statistik  des  Landes.  Die  ersteren,  wovon  wir  die  von 
zwanzig  Provinzen  des  Reichs  besitzen,  sind  in  dem  ungewöhnlich  grofsen  Mafsstabe 
von  etwa  1/27 000  bis  zu  V50000  der  Ausdehnung  des  Bodens  entworfen  und  demnach 
topographische  Karten  im  vollen  Sinne  dieser  Bedeutung  zu  nennen.  Es  befinden  sich 
darauf  Berge  und  Flüsse  bis  zu  ihrer  kleinsten  Verzweigung  und  auf  den  gröfseren 
sogar  Wälder;  ferner  alle  Ortschaften,  von  den  Städten  bis  zu  den  kleinsten  Dörfchen, 
Kamihallen  und  Tempelhöfe  und  andere  merkwürdige  Plätze,  die  Grenzen  der  Bezirke, 
worin  die  Landschaft  eingeteilt,  Land-  und  Seewege,  auf  den  Landstrafsen  die  Meilen- 
zeiger in  genauem  Abstande  angegeben,  und  nicht  nur  alle  natürlichen  und  künstlichen 
Gegenstände  mit  Namen  bezeichnet,  es  stehen  sogar  auf  den  Namenschilden  der  Be- 
zirke die  Zahl  der  dazu  gehörigen  Ortschaften  und  der  Betrag  der  landesherrlichen 
Einkünfte  und  auf  den  Karten  im  grofsen  Mafsstabe  ist  dieser  Betrag  auf  den  Namen- 
schildern der  einzelnen  Dörfer  angegeben.  Sie  haben  aber  mit  den  meisten  japani- 
schen Karten  den  Fehler  gemein,  dafs  die  Flüsse  verhältnismäfsig  zu  breit,  die  Berge 
in  Berg-  und  Hügelform  und  die  Städte  und  Ortschaften  nicht  nach  ihrer  natürlichen 
Situation,  sondern  nur  durch  gleich  grofse  viereckige  oder  eiförmige  Schilde  angezeigt 
sind.  Das  starke,  dauerhafte  japanische  Papier  gestattete  auf  einem  Riesenblatte  eine 
ganze  Provinz  darzustellen,  deren  manche  4 bis  5 Quadratmeter  messen.  Solche 
specielle  topographische  Karten  bestehen  von  jedem  Fürstentume,  und  mit  ziemlicher 
Gewifsheit  läfst  sich  annehmen,  dals  sie  schon  aus  dem  9.  Jahrhundert  stammen  und 
mit  der  Zeit  und  dem  Fortschreiten  geodäsischer  Kenntnisse  verbessert  wurden;  die 
von  uns  mitgebrachten  sind  aus  dem  vorigen  Jahrhundert.  Die  technische  Aus- 
stattung zeugt  von  der  Gewandtheit  des  japanischen  Pinsels,  die  Umrisse  sind  sehr 
rein  und  deutlich,  das  Kolorit  von  Wasser  und  Bergen  leicht  gehalten,  und  die  Wege 
und  Grenzscheidungen  kräftig  mit  Zinnober  und  Tusche  eingetragen.  Die  Schrift 
verrät  wie  bei  chinesischen  und  japanischen  kalligraphischen  Arbeiten  den  Fleils  und 


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Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


die  Geduld  der  Kalligraphen.  Wir  haben  absichtlich  diese  Kartenbilder  bis  ins 
Detail  geschildert,  da  man  von  solchen  ausführlichen  Topographien  sich  anders  keine 
richtige  Vorstellung  machen  kann,  zumal,  da  unsere  Karten  die  ersten  und  einzigen 
der  Art  sind,  die  nach  Europa  gebracht  wurden. 

Die  andern  oben  erwähnten  handschriftlichen  Specialkarten  sind  in  einem  bei 
weitem  kleineren  Mafsstabe  von  etwa  1/2zoooo  verfertigt  und  scheinen  Skizzen  im  ver- 
jüngten Mafsstabe  von  ähnlichen  gröfseren  topographischen  Karten  zu  sein.  Die 
Topographien  der  Städte,  welche  sich  auf  Kioto,  Jedo,  Osaka  und  Nagasaki 
beschränken,  lassen  sich  unter  drei  Gattungen  bringen:  Beschreibungen  der  Merk- 
würdigkeiten der  Städte  gleich  unsern  Führern  der  Hauptstädte  Europas,  nur  spielen 
in  den  japanischen  die  Kamihallen  und  Buddhatempel  eine  wichtige  Rolle,  da  ihre 
Anzahl  sehr  grofs  ist  und  sie  weniger  der  Andacht  wegen,  als  aus  Neugierde  von 
Reisenden  und  Pilgern  besucht  werden;  es  enthalten  deshalb  diese  Bücher  aufser  ge- 
schichtlichen Nachrichten  viele  Mitteilungen  über  Gottesdienst,  Fest-  und  Feiertage. 
Die  Pläne  dieser  Städte  sind  in  gröfserem  und  kleinerem  Mafsstabe  von  1/t5oo  bis  zu  1 /1  sooo 
entworfen.  Auf  den  gröfseren  findet  man  alle  Strafsen,  Brücken,  Paläste,  merkwürdige 
Gebäude,  Kamihallen  und  Buddhatempel;  die  Paläste  der  Fürsten  und  Grofsen  gewöhn- 
lich mit  ihren  Wappen  geschmückt.  Diese,  häufig  aufserhalb  des  Kreises  der  eigent- 
lichen Stadt  liegend,  sind  in  Vogelperspektive  aufgenommen  und  mit  grellen  Farben 
ausgemalt.  Nützliche  Bemerkungen  und  Tabellen,  Meilenzeiger  etc.  füllen  den  leeren 
Raum  des  Blattes  aus.  Ähnliche  Pläne  bestehen  auch  von  Festungen,  vom  Palaste  des 
Mikado  (D  airi)  und  vom  Schlosse  des  Sjogun,  welche  aber  geheim  gehalten  werden. 
Panoramas  von  grofsen  Städten  und  von  berühmten  Tempelhöfen  werden  allgemein 
verfertigt;  desgleichen  auch  Ansichten  von  schönen  Gegenden  und  merkwürdigen  Ge- 
birgen. Solche  Holzschnitte,  schwarz  oder  mit  Farben  gedruckt,  liefern  oft  sehr  natur- 
getreue Bilder  und  sind  überall  käuflich.  Die  Wegweiser,  welche  man,  wie  gesagt, 
von  den  besuchtesten  Fand-  und  Seewegen  besitzt,  sind  nach  Art  unserer  Panoramas 
vom  Rhein  u.  dgl.  verfertigte,  oft  viele  Meter  lang  sich  entfaltende  Bücher  und  Rollen, 
worin  die  Fandschaft  mit  Bergen  und  Flüssen  oder  Küsten  und  Prseln,  sowie  die 
Haupt-  und  Nebenwege,  Brücken,  Fähren  und  Furten,  Meilenzeiger,  Ortschaften  und 
andere  Merkwürdigkeiten  in  ähnlichen  Bildern  eingetragen,  die  Entfernungen  und  häufig 
auch  die  Richtung  nach  den  Weltgegenden  angegeben  sind.  Mancherlei  für  Reisende 
dienliche  Bemerkungen  über  Reisekosten,  Mafs,  Wasserstand,  Ebbe  und  Flut  u.  dgl.  sind 
beigefügt,  auf  einigen  befinden  sich  sogar  papierne  Sonnenuhren.  Einen  Seewegweiser  von 
Nagasaki  bis  Osaka  haben  wir  bereits  im  Nippon  I,  Tab.  XXVI  und  XXVII  (in  der 
ersten  Auflage)  mitgeteilt.  Dieser  wird  den  Niederländern  auf  ihrer  Reise  dahin  sehr  gut 
zu  statten  kommen,  da  es  ihnen  nicht  erlaubt  ist,  sich  dergleichen  japanischer  Bücher  zu 
bedienen.  Die  merkwürdigsten  Bücher  und  Karten,  welche  die  japanische  Fiteratur  über  die 
Neben-  und  Schutzländer  des  Reiches  besitzt,  haben  wir  bereits  kennen  gelernt;  wir  wollen 
nur  noch  anführen,  dafs  man  nicht  blofs  zum  Studium  der  chinesischen  Fiteratur  und 
Geschichte  sich  allgemein  aus  China  (von  Ning-po)  gebrachter  und  im  Fände  nach- 
gedruckter Karten  bedient,  sondern  dafs  selbst  ein  japanischer  Gelehrter,  ein  gewisser 
Akamidsu  aus  Mito  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  einen  Atlas  vom  Chinesischen 
Reiche  in  chronologischer  Folge,  und  zwar  von  der  Hia-Dynastie  (2207  v.  Chr.) 
bis  zum  Ende  der  Ming-Dynastie  (1643  n-  Cd1'-)  in  12  Blättern  bearbeitet,  zu  Jedo 
herausgegeben  hat.  Demselben  Verfasser  haben  auch  seine  Fandsleute  einen 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  9.  Karten  des  Japanischen  Reichs. 


Planiglob,  eine  allgemeine  Karte  vom  östlichen  Asien  und  vom  Indischen  Archipel  zu 
verdanken. 

In  dem  oben  angeführten  Verzeichnisse  von  japanischen  Büchern  und  Hand- 
schriften sind  alle  uns  bekannten  Werke  geographischen  Inhalts  mit  ihren  Titeln,  den 
Namen  der  Verfasser  und  des  Druckortes  aufgezählt  und  beschrieben.  Einige  wenige 
Bücher  ausgenommen,  welche  durch  Ksempfer  und  Titsingh  und  einige  andere,  die  zu 
Zeiten  der  alten  Niederländisch-Ostindischen  Compagnie  nach  Europa  gekommen,  ist 
dies  alles,  was  wir  von  der  Literatur  in  diesem  Fache  kennen.  Mit  den  neuesten 
und  besten  Arbeiten,  welche  damals,  wo  wir  mit  dem  Hofastronomen  und  andern 
Gelehrten  in  Verbindung  waren,  bestanden,  sind  wir  bekannt  geworden;  wir  haben 
aber  auch  durch  eben  diese  literarischen  Freunde  erfahren,  welche  andere  Schätze  von 
geographischen,  besonders  für  die  Geschichte  der  Geographie,  für  Topographie  und 
Statistik,  wichtigen  Materialien  im  Dairi  zu  Kioto,  dem  Vatikan  von  Nippon,  in  den 
Klöstern  und  in  den  Bibliotheken  der  Fürsten  und  Gelehrten  auf  bewahrt  werden. 
Wir  machen  auf  diese  der  Wissenschaft  verschlossenen  Goldminen  aufmerksam  und 
auf  das,  was  wir  von  der  grofsen,  unter  der  Leitung  des  Hofastronomen  Takahasi 
Sakusajemon  verfertigten  Specialkarte  gesagt  haben.  Bei  der  gegen  Fremde  noch 
strenger  als  früher  beobachteten  Geheimhaltung  von  allem,  was  sich  auf  die  Kenntnis 
des  Landes  und  dessen  staatliche  Einrichtungen  bezieht,  ist  die  Gegenwart  für  die 
Wissenschaft  hoffnungslos.  Das  Bestreben  des  jetzigen  Sjögun,  die  einzelnen  Licht- 
strahlen europäischer  Wissenschaft,  welche  in  den  drei  ersten  Jahrzehnten  dieses  Jahr- 
hunderts sich  in  dem  Kreise  wifsbegieriger  Männer  selbst  bis  in  die  Säle  der  Fürsten 
und  Reichsgrofsen  verbreitet  hatte,  dem  nach  Aufklärung  verlangenden  Volke  zu 
entziehen,  ist  tief  zu  bedauern.  Bessere  Aussichten  eröffnet  die  Zukunft,  wo  der 
unaufhaltsame  Strom  des  Fortschritts  im  Kampfe  für  die  geistige  und  sittliche  Ent- 
wickelung der  Menschheit  von  Amerika  aus  über  den  Grofsen  Ozean  nach  den  öst- 
lichen Ländern  der  alten  Welt  eine  Bahn  brechen  wird.  Hoffentlich  wird  die  Ge- 
schichte von  allen  Völkerwanderungen  und  von  Eroberungs-  und  Entdeckungszügen 
sich  hier  nicht  wiederholen,  und  Unwissenheit  oder  Verblendung  die  im  Dunkel 
hegenden  wissenschaftlichen  Schätze  jener  Nationen  der  Vernichtung  preisgeben.  Wir 
haben  übrigens  Grund,  von  Niederland  zu  erwarten,  dafs  es  noch  zur  rechten  Zeit 
einen  Versuch  machen  werde,  diesem  unvermeidlichen  Zeitsturm,  den  es  nicht  wohl 
abwehren  kann,  seine  Kraft  zu  brechen,  indem  es  mit  dem  Schlüssel,  den  ihm  die 
mifstrauischeste  Regierung  der  Welt  seit  Jahrhunderten  allein  anvertraut  hat,  die  dem 
Welthandel  geschlossenen  Thore  des  Japanischen  Reiches  eröffnet  und  somit  auch  der 
Wissenschaft  den  freien  Zutritt  verschafft. 

— <$> 

9.  Bemerkungen  zu  den  Karten  des  Japanischen 

Reichs. 

Durch  die  Mitteilung  einer  allgemeinen  Karte  von  Japan,  von  dessen  Neben-  und  Schutzländern 
und  den  benachbarten  Küsten  des  Festlandes  von  Asien,  nach  einem  japanischen  Originale,  mögen 
vorläufig  noch  am  zweckmälsigsten  eine  oberflächliche  Übersicht  dieser  Länder  gegeben,  die  allgemeine 
Einteilung  des  Japanischen  Reiches  nachgewiesen  und  die  richtigen  landesüblichen  Benennungen  fest- 


27.  Das  Japanische  Reich  mit  seinen  Neben-  und  Schutzländern. 


278 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Geograph.  Übersicht  u.  Entdeckungsgeschichte  v.  Japan.  9.  Karten  des  Japanischen  Reichs.  279 

gesetzt  werden  Das  Original  der  vorliegenden  Karte1  wurde  vor  etwa  fünfzehn  Jahren  von  einem 
der  Hofastronomen  zu  Jedo,  mit  Hülfe  japanischer,  chinesischer,  koreanischer,  einiger  russischen  und 
alten  portugiesischen  Karten  verfafst,  und  von  einem  japanischen  Freunde  europäischer  Wissenschaft  in 
Kupfer  gestochen.  Während  meines  Aufenthaltes  zu  Jedo  im  Jahre  1826  habe  ich  dasselbe  eigenhändig 
von  dem  Verfertiger  erhalten,  der  mir  in  diesem  Kärtchen  mehr  eine  Probe  von  den  Fortschritten  der 
Kupferstecherkunst  in  seinem  Fände  vorlegte,  zu  bescheiden,  um  es  als  einen  Beweis  darzubieten,  wie 
weit  die  mathematischen  Wissenschaften  bei  den  Japanern  gediehen,  und  welche  richtige  Kenntnis  sie 
sich  von  ihren  eigenen  und  den  benachbarten  Ländern  zu  verschaffen  wufsten.  Hier  wird  der  treue 
Abrifs  dieser  ursprünglich  japanischen  Karte  geliefert.  Bei  Übersetzung  der  Benennungen  aber,  be- 
treffend Japan,  Jezo,  Krafto  und  die  Liukiu-Inseln,  wurden  andere  ursprünglich  japanische  Karten 
verglichen.  Die  koreanischen  Namen  sind  nach  dem  japanischen  Buche  Tsjösen  mono  gatari  und 
die  chinesischen  nach  der  von  Klaproth  und  Abel  Remusat  festgesetzten  Aussprache  angenommen. 
Die  Projektion  und  die  Annahme  des  ersten  Meridians  durch  die  Haupt-  und  Hofstadt  Kioto  (Miako) 
gehört  dem  japanischen  Verfasser  an. 

Die  Strafsen  Pico  und  De  Vries  wurden  schon  im  Jahre  1643  durch  M.  de  Vries  entdeckt  und 
befahren.  De  la  Perouse  und  von  Krusenstern  wetteiferten,  den  Namen  dieses  verdienstvollen  See- 
fahrers mit  seinen  Gefährten  in  dem  Meere,  welches  er  unter  allen  Europäern  zuerst  durchsegelte,  zu 
verewigen,  und  gerade  bei  dieser  freimütigen  Anerkennung  der  grofsen  Verdienste  ihres  Vorgängers 
treten  die  eigenen  Verdienste  dieser  Männer  um  so  mehr  hervor. 

Die  Strafse  der  Boussole  bildet  die  Grenze  zwischen  den  südlichen  und  den  nördlichen  Kurilen. 
De  la  Perouse  durchsegelte  jene  im  Jahre  1787,  der  russische  Kapitän  Spangberg  hatte  sie  jedoch 
bereits  im  Jahre  1739,  auf  seiner  Zurückreise  von  Japan  nach  Kamtschatka,  und  der  russische  Steuer- 
mann Petouchef  im  Jahre  1777,  auf  seiner  Reise  von  Ochotzk  nach  den  Kurilen,  befahren.  Eine  genaue 
Aufnahme  dieser  Stralse  (1811)  haben  wir  Golownin  zu  danken,  indessen  durch  die  neuesten  Karten 
der  Japaner  werden  deren  Küsten  noch  weit  genauer  bestimmt. 

Mit  der  Benennung  der  Strafse  Mamia  scheint  mit  einem  Male  die  grofse  Frage  gelöst  zu  sein, 
welche  seit  der  Zeit,  wo  de  la  Perouse  und  Broughton  von  Süden,  und  von  Krusenstern  von  Norden 
aus  nach  der  Mündung  des  Amur  fruchtlos  vorzudringen  strebten,  die  Aufmerksamkeit  unserer  Geo- 
graphen auf  sich  gezogen  hat.  De  la  Perouse  war  bis  nach  Kap  Boutin  nach  Norden  vorgedrungen 
und  fafste  die  Meinung,  dafs  Sachalin  mit  der  Tatarei  verbunden  sei,  oder  wenn  ein  Kanal  beide  Länder 
trennen  sollte,  dafs  derselbe  nur  sehr  enge  und  höchstens  einige  Fufs  tief  sein  könne.  Broughton, 
welcher  auf  einem  kleinen  Fahrzeuge  noch  8 englische  Meilen  weiter  nordwärts  bis  510  45'  7"  fuhr, 
kam  auf  zwei  Faden  Wasser,  und  fand  endlich  eine  drei  bis  vier  Meilen  tiefe  Bai,  von  ihm  Bai  Chap- 
man  genannt,  wo  er  keine  Durchfahrt  entdecken  konnte.  Er  hielt  daher  hier  das  Land  für  geschlossen 
und  glaubte  sich  am  Ende  einer  grofsen  Bai  zu  befinden.  Von  Norden  her  hatte  von  Krusenstern 
seinen  Lauf  nach  dem  fraglichen  Kanäle  gerichtet  und  erreichte  die  beiden  Vorgebirge,  welche  unweit 
des  Ausflusses  des  Amur  einen  Kanal  bilden,  nämlich  Kap  Romberg  an  der  Küste  der  Tatarei  in 
530  26'  30"  n.  B.  und  218°  15"  15"  w.  L.  und  Kap  Golowatschef  von  Sachalin  in  530  30'  15"  n.  B. 
und  2180  05'  00"  w.  L.  Die  Beschaffenheit  des  Wassers,  welches  am  Eingänge  dieses  Kanales  beinahe 
ohne  alle  Salzteile  befunden  wurde,  die  starken  Strömungen  aus  Süden,  dagegen  die  vollkommene 
Ruhe  des  Meeres  im  Süden  vom  Amur,  durch  Broughton  beobachtet:  diese  Umstände  führten  von 
Krusenstern  auf  den  Schlufs,  dafs  im  Süden  vom  Amur,  zwischen  Sachalin  und  dem  festen  Lande,  keine 
Durchfahrt  bestehe  und  Sachalin  folglich  eine  Halbinsel  sei.  Der  japanische  Astronom  Mamia  Rinsö 
bereiste  nun  gerade  die  von  unseren  Seereisenden  unbesucht  gebliebene,  äufserst  merkwürdige  Strecke. 
Im  Jahre  1808  setzte  dieser  von  Sachalin  nach  Santan,  so  heifst  die  Landschaft  zur  Rechten  der 
Amurmündung,  über,  durchreiste  dieses  Land  bis  Deren,  einem  Handelsplätze  der  Mandschu  am 
rechten  Amurufer,  und  kehrte  längs  diesem  Strome  und  durch  den  im  Süden  seiner  Mündung  gebildeten 
Kanal  nach  Sachalin  zurück.  Die  Beschreibungen  und  Karten  dieses  Japaners  füllen  demnach  glücklich 
eine  Lücke  aus,  welche  jene  grofsen  Seefahrer  offen  gelassen  hatten. 

Nach  Mamia  Rinsö  ergiefst  sich  der  Amur  zu  sieben  Teilen  in  die  See  von  Ochotzk  und  zu 
drei  Teilen  in  den  sogenannten  tatarischen  Meerbusen  und  trennt  so  durch  seinen  Ausflufs  Sachalin 
vom  festen  Lande  Asiens.  Das  Bestehen  dieses  Kanales,  welcher  an  seiner  schmälsten  Stelle  — zwischen 

1 Nippon-je-sin-rjö-dsu,  Das  Japanische  Reich  mit  seinen  Neben-  und  Schutzländern.  Karte  von 
Nippon,  eine  Skizze  in  verjüngtem  Mafsstabe. 


280 


Abteilung  I.  Geographische  Forschungen  und  Reisen. 


Kap  Rakka  auf  Sachalin  und  Kap  Motomaru,  einem  Vorgebirge  von  Santan,  — noch  3^2  Ri  sich  aus- 
dehnt, ist  nicht  mehr  zu  bezweifeln,  wohl  aber  dessen  Befahrbarkeit,  besonders  für  gröfsere  Schiffe; 
denn  die  Versandungen  des  Amur  schaffen  immer  neue,  bald  hier  bald  dort  zum  Vorschein  kommende 
Untiefen,  welche  selbst  den  kleinen  Booten  der  Einwohner  von  Sachalin  und  der  Santaner  die  Über- 
fahrt zur  Zeit  der  Ebbe  beschwerlich  und  oft  gefährlich  machen.  Den  Namen  Mamia-seto,  Mamia- 
Kanal,  haben  die  japanischen  Geographen  diesem  Kanäle  beigelegt,  und  ich  glaubte  hier  den  Namen 
dieses  um  die  Land-  und  Völkerkunde  sehr  verdienten  Japaners  unseren  Gelehrten  am  rechten  Orte 
bekannt  zu  machen.  Dem  tatarischen  Meerbusen  gab  ich  wieder  seine  frühere  Benennung,  tatarischer 
Kanal,  zurück. 

Den  Inseln,  Vorgebirgen  u.  dgl.,  habe  ich,  bis  auf  einige,  blofs  die  landesüblichen  Namen  bei- 
gesetzt; die  ihnen  früher  oder  später  von  Europäern  gegebenen  Namen  sind  so  vollständig  als  möglich 
gegeben  worden,  um  so  das  Andenken  manches  berühmten  Mannes  im  japanischen  Archipel  zu  ehren1, 
aber  auch  die  Verdienste  manches  früheren  Seefahrers,  welche  bis  jetzt  noch  verborgen  geblieben,  ins 
wahre  Licht  treten  zu  lassen. 

Es  schien  mir  ein  dringendes  Bedürfnis,  die  seit  Jahrhunderten  so  vielseitig  verstümmelten  Be- 
nennungen, wodurch  die  Geographie  von  Japan  und  dessen  Umgebung  so  auffallend  entstellt  ist,  und 
mit  jedem  Nachdrucke,  mit  jeder  neuen  Übersetzung  der  bezüglichen  Schriften  noch  neue  Verun- 
staltungen erleidet,  mit  einem  Male  zu  beseitigen  und  nach  gründlichen  Regeln  der  Sprache,  der  japa- 
nischen Schrift  gemäfs,  die  wahren  Namen  festzusetzen.  Dieses  glaubte  ich  am  zweckmäfsigsten  durch 
eine  tabellarische  Übersicht  zu  erzielen,  in  welcher  die  Inseln,  die  Neben-  und  Schutzländer,  sowie  die 
allgemeine  Einteilung  des  Reiches,  mit  den  ursprünglichen  Namen  angeführt,  durch  japanische  und 
chinesische  Schrift  erläutert  erscheinen.  In  dieser  Übersichtstabelle  der  politischen  Einteilung  des 
Japanischen  Reichs  (zur  Zeit  des  Sjögunats)  sind  nun  zu  diesem  Zwecke  die  Namen  der  Inseln,  der 
Neben-  und  Schutzländer,  die  Benennungen  der  Kreise  und  Landschaften,  welche  das  Japanische 
Reich  — Dai  Nippon  — umfalst,  vor  Augen  gestellt2. 

Die  Aussprache,  welche  den  chinesischen  Schriftcharakteren  beigefügt  steht,  ist  nach  den  besten 
japanischen  Wörterbüchern  festgesetzt,  und  die  chinesischen  Schriftzeichen,  aus  den  japanischen  Schriften 
entlehnt,  wurden  durch  den  chinesischen  Schreiber  Ko-tsing  tschäng  eigenhändig  auf  den  Stein  übertragen. 

Die  acht  grofsen  Abteilungen,  nach  dem  chinesischen  Tao,  Weg,  Landstrafse,  Landesabteilung, 
bei  den  Japanern  Tö  genannt,  wurden  hier  mit  Kreise  übersetzt.  Die  Benennung  Landschaft,  wofür 
die  neuesten  Erdbeschreibungen  die  Begriffe  Fürstentum  oder  Provinz  setzen,  entspricht  ganz  der  Be- 
deutung des  chinesischen  Schriftbildes  Kue  und  des  japanischen  Wortes  Kuni,  welche  ein  bevölkertes 
Land  bezeichnen,  und  wurde  in  diesem  Sinne  hier  aufgenommen.  Dieses  zur  Erörterung  der  Tabelle.3 

1 Vergleiche  Nippon  I,  1.  Auflage,  geschichtliche  Übersicht  der  Entdeckungen  der  Europäer  im 
Seegebiete  von  Japan  und  dessen  Neben-  und  Schutzländern,  pag.  53  — 122. 

2 Siehe  nebenstehende  Tabelle. 

3 Die  Wiedergabe  der  grofsen  Karte  vom  Japanischen  Reiche  in  der  2.  Auflage  (siehe  Anhang) 
wurde  um  so  wünschenswerter  erachtet,  als  dadurch  ein  möglichst  getreues  Faksimile  einer  der  her- 
vorragendsten Leistungen  von  Siebolds  auf  geographischem  Gebiet  gegeben  wird.  Diese  Karte  erschien 
zuerst  im  Jahre  1851  in  dem  mehrerwähnten  Atlas  von  Land-  und  Seekarten  vom  Japanischen  Reich, 
und  hat  längere  Zeit  hindurch  als  Grundlage  für  alle  in  Europa  über  Japan  eschienenen  kartographischen 
Arbeiten  gedient.  Bei  der  Neuausgabe  wurden  nur  einige  Änderungen  in  der  Transliteration  der 
japanischen  Ortsnamen  für  nötig  erachtet  und  statt  F allgemein  H angewendet  — z.  B.  Hirado  statt 
Firado  und  Hizen  statt  Fizen.  Note  zur  2.  Auflage. 


28i 


Abteilung  II. 

Volk  und  Staat.1 


• • 

i.  Uber  die  Abstammung  der  Japaner. 

ach  den  Ansichten  der  bisherigen  Schriftsteller  über  Japan2  können  folgende 
Schlüsse  gezogen  werden: 

A.  Die  Japaner  stammen  ab  von  den  Chinesen. 

B.  Die  Japaner  stammen  ab  von  einem  sogenannten  tatarischen  Volks- 

stamme. 

C.  Sie  bilden  eine  Nation,  hervorgegangen  aus  der  Vermischung 

mehrerer  asiatischer  Völkerstämme. 

D.  Sie  sind  Ureinwohner  (Aboriniges). 

Wir  wollen  diese  Ansichten  kritisch  durchgehen: 


A.  Stammen  die  Japaner  von  den  Chinesen  ab? 


Die  physischen  Eigenschaften  der  Japaner,  ihre  Staats-  und  bürgerlichen  Ein- 
richtungen, ja  selbst  ihre  geschichtliche  Entwickelung  müssen  bei  einem  flüchtigen 
Vergleiche  mit  jenen  der  Chinesen  sowohl  den  oberflächlichen  Beobachter  als  auch 
den  gelehrten  Forscher  auf  den  ersten  Anblick  hin  verleiten,  die  Japaner  als  Abkömm- 
linge der  Chinesen  zu  betrachten,  und  zwar  um  so  sicherer,  wenn  sie  den  Japaner 
in  einem  höheren  Grade  der  Kultur,  nämlich  als  Bewohner  grofser  Städte  ins  Auge 
fassen.  Die  Symbole  der  Religion  und  der  Sprache,  des  Krieges  und  des  Friedens, 
wie  Künste  und  Wissenschaften  tragen  im  allgemeinen  das  Gepräge  chinesischer  Ab- 
kunft. Dies  fällt  sofort  den  Reisenden  in  Japan  auf. 

Dazu  kommt  noch,  dafs  jede  Nation  des  asiatischen  Kontinents  sich  für  die 
älteste  hält,  und  sich  dann  entweder  als  Urbewohner  ihres  Reiches  betrachtet,  ohne 
auf  die  Begründung  irgend  einer  Kolonie  aufserhalb  ihres  Mutterlandes  Anspruch 
zu  erheben  oder  bei  der  Anmafsune:  ihres  hohen  Altertums  andere  benachbarte 
Völkerstämme  von  sich  abstammen  läfst.  Ersteres  trifft  unsere  Japaner,  letzteres 


1 Auszug  aus  einer  in  holländischer  Sprache  verfafsten  Abhandlung,  welche  zuerst  im  Jahre  1832 
in  den  Verhandlungen  der  Batavischen  Gesellschaft  in  Batavia  erschien.  Note  zur  2.  Auflage. 

2 Arnoldus  Montanus,  Caron,  Thunberg,  Kämpfer,  L.  Langles  u.  a. 


282 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


zielt  auf  die  Chinesen,  deren  Annalen  wirklich  um  einige  Jahrtausende  jenen  der  Ja- 
paner vorangehen. 

Wir  müssen  daher  die  Gründe,  auf  welche  sich  die  Beweise,  dafs  die  Japaner 
von  den  Chinesen  abstammen  sollen,  stützen,  einer  genauen  Prüfung  unterwerfen 

Ich  will  hier  die  Anführung  physischer  Ähnlichkeiten,  welche  man  zwischen  den 
Japanern  und  Chinesen  gefunden  haben  will,  insofern  beschränken,  dafs  ich  kein  umfassen- 
des Bild  derselben  zu  einem  etwaigen  Vergleiche  aufstelle;  denn  ein  Bild  der  physischen 
charakteristischen  Eigenschaften  der  Japaner,  so  treffend  es  auch  würde  gegeben  werden, 
würde  doch  mit  jenem  einer  so  ausgebreiteten  und  mit  so  vielen  anderen  asiatischen 
Völkerstämmen  vermengten  Nation,  wie  die  der  Chinesen  ist,  verglichen,  immer  über- 
einstimmende Züge  aufweisen;  und  dies  in  um  so  höherem  Grade,  als  die  chinesische 
Nation  mit  demjenigen  mongolischen  Volksstamme  erst  später  sich  verschmolzen  hat, 
in  welchem  wir  die  ersten  Bewohner  der  japanischen  Inseln  aufzufinden  gedenken. 

Ich  hebe  daher  aus  den  Gesichtszügen  beider  Nationen  blofs  diejenigen  Merk- 
male hervor,  welche  beiden  als  etwas  absolut  Charakteristisches  beigelegt  werden, 
namentlich  das  Schiefstehen  der  Augen;  eine  Bildungsform,  die  in  China,  Japan 
und  Korea,  aber  auch  bei  den  Mongolen  und  Mandschu  sich  findet.  Da  diese  eigen- 
tümliche Augenbildung,  ein  blofs  scheinbares  Schiefstehen  der  Augen,  in  Japan  durch- 
gehen ds  die  allgemeine  ist,  und  zwar  aus  dem  wirklich  eigenartigen  Bau  der  Augen- 
lider hervorgeht,  aber,  soweit  mir  durch  eigene  Beobachtung  bekannt  ist,  in  China 
seltener  stattfindet,  und  dann  noch  häufig  durch  Kunst  hervorgerufen:  so  machte  ich 
es  mir  zu  einer  ernstlichen  Aufgabe,  dieses  sogenannte  Schiefstehen  der  Augen  einer 
genauen  anatomischen  Untersuchung  und  einem  Vergleiche  mit  den  andern  mir  be- 
kannten asiatischen  Nationen  zu  unterziehen.  Ich  lege  die  allgemeinen  Resultate  dieser 
an  sich  geringfügigen  Arbeit  vor,  die  aber  leicht  durch  ausgedehntere  in  anderen 
Ländern  angestellte  Forschungen  zu  belangreichen  Entdeckungen  führen  kann.1  Vor- 
züglich könnte  sie  zur  Lösung  folgender  Fragen  dienen:  «Von  welchem  Völkerstamme 
des  asiatischen  Kontinents  geht  diese  Augenbildung  aus,  und  wfie  weit  lassen  sich  noch 
Spuren  derselben  nacfiweisen?»  — «Linden  wfir  eine  ähnliche  Bildung  bei  den  nord- 
amerikanischen Völkern,  bei  den  Mexikanern  oder  selbst  bei  den  Peruanen?»  — «Wie 
ist  die  Augenbildung  bei  den  Eingeborenen  von  Formosa  und  den  der  Marianen- 
und  Philippinen-Inseln  beschaffen?)) 

Eben  hier,  wo  ich  vielleicht  meine  Japaner  am  innigsten  mit  der  reinen  mon- 
golischen Rasse  verbrüdert  zeige,  mache  ich  jedoch  darauf  aufmerksam,  dafs  die  Haare  der 
Japaner  nicht  schwarz,  sondern  durchgehendstief  dunkelbraun  sind,  und  sich  bei  denKindern 
bis  zum  zwölften  Jahre  durch  alle  Schattierungen  bis  ins  Blonde  verfolgen  lassen,  ob- 
schon ich  nicht  leugnen  will,  dafs  man  auch  pechschwarze  Haare  antrifft,  ja  diese  selbst 
gekräuselt  bei  Individuen  von  auffallend  schiefem  Gesichtswinkel  und  dunkler  Hautfarbe. 

Diese  Hautfarbe  erscheint  bei  dem  gemeinen  Volke  in  einiger  Entfernung  als 
weizengelb;  die  der  Städter  ist  je  nach  ihrer  Lebensweise  verschieden,  und  in  den 
Palästen  der  Grofsen  erscheinen  oft  die  w^eifsen,  rosenrot  durchscheinenden  Wangen 
unserer  europäischen  Frauen,  während  auf  der  Landstrafse  sich  oft  Vagabunden  finden, 
deren  Leibesfarbe  zwischen  dem  Kupferroten  und  Erdfahlen  wechselt.  Auch  diese 


1 Siebe  den  folgenden  Artikel:  Erörterung  über  das  Schiefstehen  der  Augen  bei  den  Japanern 
und  einigen  anderen  Völkerschaften. 


i.  Über  die  Abstammung  der  Japaner. 


283 

physischen  Merkmale  der  Japaner  führe  ich  blofs  aus  dem  Grunde  an,  um  vielleicht 
auch  zu  einem  Vergleiche  mit  einem  anderen  Volke  Asiens  oder  selbst  Amerikas 
Anlafs  zu  geben,  wobei  ich  wiederholt  die  Frage  aufwerfe:  «Ist  die  Kupferfarbe  der 
Amerikaner  wirklich  durch  Klima  und  Lebensweise  unveränderlich?» 

Wir  gehen  nun  zu  einem  anderen  Gegenstände  unserer  Untersuchungen  über, 
nämlich  zur  Sprache  und  Schrift,  die  beide  nach  den  physischen  die  zuverlässigsten 
Merkmale  sind,  welche  uns  über  einen  gemeinschaftlichen  Ursprung,  eine  frühere  Ver- 
bindung oder  später  stattgefundene  Wanderungen  der  Völker  der  alten  und  neuen 
Welt  belehren  können. 

Bei  diesem  Vergleiche  der  japanischen  und  chinesischen  Sprache  und  Schrift 
kommen  einige  chronologische  Nachrichten  in  Betracht,  welche  war  einer  genauen 
Kritik  unterziehen  müssen,  um  den  Beweis  etwaiger  Verwandtschaft  führen  zu  können, 
welchen  man  gerade  hier  zu  Lande  durch  eine  Reihe  philologischer  Nachforschungen 
klar  und  bündig  zu  liefern  im  stände  ist. 

Bezüglich  der  geschichtlichen  Thatsachen,  welche  von  den  Schriftstellern  als  Be- 
weise für  diese  Verwandtschaft  eingeführt  werden,  glaube  ich  auf  Widersprüche  ge- 
stofsen  zu  sein.  Man  behauptet  nämlich  einerseits,  dafs  eine  Auswanderung  der 
Chinesen  unter  dem  Kaiser  Ou-y  im  Jahre  1195  v.  Chr.  die  Bevölkerung  von  Japan 
begründet  habe1;  auf  der  andern  Seite  wird  von  den  Chinesen  selbst  gesagt,  dafs  die 
Japaner,  als  sie  zum  erstenmale  im  Jahre  57  n.  Chr.  nach  China  kamen,  noch  Bar- 
baren ohne  Schrift,  ohne  Regierung,  ohne  Gesittung  etc.  waren,  und  dafs  sie  erst 
damals  sich  die  Grundlagen  ihrer  Kultur  geholt  hätten.2  Fliergegen  ist  folgendes 
einzuwenden : 

Die  Chinesen  rühmen  sich  des  hohen  Altertums  ihrer  Sprache  sowie  auch  ihrer 
Schriftsprache.  Waren  es  Chinesen,  die  im  Jahre  1 195  v.  Chr.  auswanderten  und  angeblich 
Japan  bevölkerten,  so  hätten  sie  doch  sicher  etwas  vom  Typus  ihrer  Sprache  und 
selbst  ihrer  Schrift  beibehalten,  oder  sich,  w7enn  sie,  wie  andere  Schriftsteller  behaupten, 
den  Sitten  ihrer  Voreltern  abtrünnig  wmrden,  um  ihre  Abkunft  zu  verbergen,  zum 
wenigsten  neue  Schriftzeichen  ausgedacht.  Die  im  Jahre  57  n.  Chr.  nach  China  ge- 
kommenen Japaner  werden  aber  von  den  Chinesen  selbst  Barbaren  ohne  Schrift  und 
Kultur  etc.  genannt,  also  nichts  von  den  Chinesen  an  sich  tragend,  wohl  aber  sich 
von  nun  an  erst  nach  ihnen  bildend. 

Demnach  ist  einer  von  beiden  chronologischen  Beweisen  sicher  falsch,  man 
müfste  denn  den  Nachweis  liefern,  dafs  die  Entwickelung  der  Sprache  und  Schrift  in 

China,  dessen  Kultur  doch  in  die  ältesten  Zeiten  zurückreicht,  damals  noch  nicht  so 

weit  gediehen  gewesen  sei,  um  sich  Jahrhunderte  hindurch  bei  den  Ausgewanderten, 
sei  es  auch  nur  in  leichten  Schattenrissen,  erhalten  zu  können.  Dabei  erwähne  ich 
noch,  dafs  inzwischen,  angeblich  um  das  Jahr  219  v.  Chr.,  ein  chinesischer  Arzt  sich 
mit  vielen  Hunderten  von  Männern  und  Frauen  nach  Japan  begeben  und  sich  daselbst 
niedergelassen  haben  soll,  damals  war  aber  Sprache  und  Schrift  in  China  gewifs  so 

ausgebildet  wie  jetzt,  und  wenn  diese  eingewanderten  Chinesen  die  ersten  Ansiedler 

in  Japan  gewesen,  so  würde  man  doch  nach  einem  Zeitraum  von  nur  276  Jahren, 
wo  die  obenerwähnten  Japaner  nach  China  gekommen  sind,  jedenfalls  noch  Spuren 


1 Thunberg,  a.  a.  O.,  pag.  363,  Note  1. 

2 Ebendaselbst. 


284 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

einer  der  chinesischen  ähnlichen  Kultur  an  ihnen  entdeckt  haben.  Diese  Niederlassung 
einer  chinesischen  Kolonie  in  Japan  scheint  mir  unzweifelhaft,  und  ich  stimme  voll- 
ständig den  Beweisen  und  der  Meinung  Kämpfers  hierüber  bei. 

Ich  behaupte  daher,  dafs  die  Schrift  der  Japaner  aus  China  stammt,  mag  sie  nun 
durch  die  Kolonie  um  das  Jahr  219  v.  Chr.  von  Chinesen  nach  Japan,  oder  im  Jahre  57 
n.  Chr.  von  Japanern  aus  China  gebracht  worden,  oder  sogar  früher  zu  Ou-ys  Zeiten 
nach  Japan  gekommen  sein.  Eben  daraus  geht  der  stärkste  Beweis  hervor,  dafs  nicht 
eine  Nation,  welche  die  chinesische  Sprache  führte,  sondern  eine  andere  zuerst  Japan 
bewohnte,  und  mit  der  Ausführung  dieses  Beweises  klärt  es  sich  dann  von  selbst  auf, 
wie  zugleich  mit  der  Schrift  die  Grundlage  aller  Kultur,  die  Künste  und  Wissenschaften 
aus  China  nach  Japan  gewandert  sind. 

Zimmu,  der  Gründer  der  kaiserlichen  Dynastie,  ist  aber  jedenfalls  kein  Fremdling,  der 
nach  Japan  kam  und  als  Eroberer  dieses  Landes  beherrschte,  sondern  er  ist  in  Japan  geboren 
und  zwar  in  der  Landschaft  Hiuga.  Wenn  auch  seine  Abstammung  manches  Sagenhafte  an 
sich  trägt,  und  seine  Eltern  auch  als  Götter  verehrt  werden,  so  hat  doch  die  Geschichte  so 
viel  Glaubwürdiges  und  Wahrscheinliches  bei  der  Verherrlichung  seiner  Thaten  uns  über- 
liefert, wie  sie  es  vielleicht  weder  von  Troja,  Athen  und  Rom  nachzuweisen  im  stände  ist. 

Oben  behauptete  ich,  dafs  die  Schrift  der  Japaner,  entlehnt  von  jener  der  Chinesen, 
gerade  den  stärksten  Beweis  liefere,  dafs  die  Japaner  von  einer  anderen  Nation  als 
der  chinesischen  abstammten.  Das  Alphabet  der  Japaner  besteht  aus  47  Buchstaben. 
Diese  Buchstaben  sind  ursprünglich  chinesische  Charaktere,  wofür  noch  das  alte  Alphabet 
der  Japaner,  Manjokana  genannt,  zum  Beweise  dient.  Die  übertragenen  chinesischen 
Charaktere . sind  chinesische  Wörter,  die  einzeln  gerade  den  Klang  hatten,  den  die 
japanische  Sprache  bei  Zusammensetzung  ihrer  Wörter  nötig  hatte;  und  nun  wurden 
diese  Charaktere  der  einsilbigen  Sprache  der  Chinesen  zum  Schreiben  der  vielsilbigen 
japanischen  Wörter  angewendet.  Allein  da  sie  demnach,  mehrere  Charaktere  nötig 
hatten,  um  ein  einziges  Wort  zu  schreiben  oder  zu  bezeichnen,  so  haben  sie  diese 
mühsamen  Schriftzeichen  abgekürzt,  und  es  sind  folgende  Alphabete  entstanden: 
Jamato-Kana,  Hira-Kana,  Kata-Kana. 

Diese  verschiedenen  Alphabete  der  japanischen  Schrift  werden  gesondert  oder 
miteinander  vermengt,  oder  selbst  in  Verbindung  mit  chinesischen  Charakteren,  als  reale 
Bilder  der  Wörter  in  der  stilistischen  Darstellung  angewendet. 

Aus  dem  Angeführten  geht  der  Ursprung -der  japanischen  Schrift  aus  China  zur 
Evidenz  hervor.  Die  chinesische  Schrift  ist  nun  entweder  von  Chinesen  nach  Japan 
gebracht,  oder  von  Japanern  aus  China  geholt  worden.  Ich  gebe  beides  als  möglich 
zu,  und  wiederhole  nur,  dafs  man  bei  Einführung  dieser  Schrift  gezwungen  war, 
zur  Bildung  einer  japanischen  Schriftsprache  diejenigen  chinesischen  Charaktere  aus 
den  vielen  anderen  herauszusuchen,  welche  den  zur  Wiedergabe  der  in  Japan 
üblichen  Sprache  nötigen  Laute  darboten.  Mögen  nun  die  unter  dem  Kaiser  Ou-y 
(U-i)  im  Jahre  1195  v.  Chr.  ausgewanderten  Chinesen  oder  der  chinesische  Arzt 
mit  seinem  Gefolge  hierzu  genötigt  gewesen  sein,  so  wird  doch  niemand  der  Ansicht 
widersprechen,  dafs  vor  der  Übertragung  der  chinesischen  Schrift  nach  Japan  daselbst 
eine  von  der  chinesischen  Sprache  ganz  verschiedene  Landessprache  üblich  gewesen 
sei.  Daraus  läfst  sich  dann  weiter  schliefsen,  dafs  die  damals  Japan  bewohnende 
Nation  sich  auf  Japan  festgesetzt  hatte,  ehe  sich  in  den  nördlichen  Teilen  vom 
asiatischen  Festlande  die  Schrift  verbreitet  hatte.  Dafs  jedoch  diese  Bevölkerung 


i.  Uber  die  Abstammung  der  Japaner. 


285 


der  japanischen  Inseln  vor  der  Bildung  der  Sprachen  stattgefunden  habe,  mufs  ich 
im  Hinblicke  auf  die  auffallende  Ähnlichkeit  der  japanischen  Sprache  mit  jener  der 
Mandsc.hu  - Tataren  entschieden  bestreiten.  Leider  habe  ich  trotz  aller  Nachforschungen 
keine  zuverlässigen  Beweise,  dafs  früher  andere  Charaktere  als  die  der  Chinesen  in 
Japan  üblich  gewesen,  auffinden  können. 

Ich  wende  nun  meine  Untersuchungen  der  Religion  beider  Völker  zu.  Kann 
ich  hier  auch  nicht  beweisen,  dafs  die  Gottesverehrung  der  ältesten  Bewohner  von 
Japan  mit  jener  der  gleichzeitigen  Chinesen  keine  Übereinstimmung  hatte  (ich  über- 
lasse dieses  jenen  Gelehrten,  die  mit  letzteren  in  näherer  Berührung  und  im  Besitze 
der  nötigen  literarischen  Hülfsmittel  sind),  so  kann  ich  doch  so  viel  behaupten,  dafs 
derjenige  Kultus,  welcher  noch' gegenwärtig  in  China  und  Japan  der  herrschende  ist, 
mit  dem  alten  Gottesdienste  der  Japaner  nicht  die  geringste  Gemeinschaft  hat.  Ferner 
kann  ich  anführen,  wann  und  wie  der  Kultus  des  Buddha,  dieser  eigentlich  indische 
Gottesdienst,  über  Korea  nach  Japan  gekommen  ist,  w7o  er  zwar  anfänglich  keine  günstige 
Aufnahme  fand,  mit  der  Zeit  aber  sich  immer  mehr  ausbreitete,  und  endlich  durch 
die  japanische  Regierung  selbst  als  der  einzige  gesetzliche  Gottesdienst  erklärt  wurde. 

Ich  bin  aber  auch  im  stände  nachzuweisen,  dafs  die  früheren  Bewohner  Japans 
einen  besonderen  Religionskultus  hatten,  dafs  dieser  als  von  den  Voreltern  stammend 
geehrt  wurde  und  sich  bis  auf  die  Gegenwart  sowrnhl  in  den  Hütten  des  Landmanns 
als  im  Palaste  des  Erbkaisers  erhalten  hat  und  allgemein  beliebt  vom  Staate  nicht 
blofs  geduldet,  sondern  selbst  beschützt  und  geheiligt  ist,  und  selbst  noch  heutzutage 
als  die  positive  Religion  der  Japaner  erklärt  würde,  wenn  nicht  Staatsklugheit 
die  Unterthanen  zur  öffentlichen  Bekennung  einer  der  Sekten  des  Buddha  verpflichtete. 

Dieser  alte  Kultus  der  Japaner  hat  nun  mit  dem  des  Buddha  nichts  Wesentliches 
gemein  und  die  Ansichten  und  rituellen  Gebräuche  beider  Lehren,  obgleich  diese  durch 
eine  tausendjährige  Berührung  mehr  oder  weniger  ineinander  verschmolzen  zu  sein 
scheinen,  werden  von  den  Schriftgelehrten  der  Japaner  noch  strenge  und  genau  aus- 
einandergehalten. 

Ich  nehme  an,  dafs  der  Name  Sintö  erst  später  aufgekommen  sei,  um  auch  für 
die  alte  Religion  im  Gegensätze  zu  der  neueren,  jener  des  Buddha  nämlich,  eine  Be- 
nennung zu  haben.  Man  nannte  erstere  Sintö,  den  Weg  des  Geistes  (Sin,  Geist 
Gottes,  eigentlich  der  Geist  des  Gottes,  und  tö,  Gesetz,  Weg),  während  Butsdö  oder 
auch  Buddö  den  Weg  Gottes  (Buts,  Gott,  und  tö  [dö  des  Wohlklanges  wegen] 
Weg)  bedeutet. 

Sintö  ist  eigentlich  die  chinesische  Aussprache,  und  im  reinen  Japanischen  heilst 
es  Kami-no-mitsi,  was  dasselbe  ist.  Sin,  Kami  und  Budsu  hat  im  allgemeinen  dieselbe 
Bedeutung,  aber  die  beiden  ersteren  Benennungen  bezeichnen  Geister,  Götter  u.  s.  w.,  die 
dem  alten  Japan  angehörig  sind,  während  man  unter  Butsu  auswärtige  Götter  versteht. 

Die  vorzüglichsten  Glaubenssätze  und  Gebräuche  des  Sintö  sind: 

Die  Stifter  und  Begründer  des  Japanischen  Reiches,  gleichsam  als  Abkömmlinge 
von  Sonne  und  Mond  betrachtet,  namentlich  Ten-sjö-dai-zin  oder  besser  japanisch 
Ama-terasu-ö-no  Kami  sind  der  Gegenstand  der  höchsten  Verehrung,  und  letzterer 
ist  das  höchste  Wesen,  die  erste  Gottheit.  Aufser  diesen  kennt  der  reine  Sintökultus 
kein  höheres  Wesen. 

Die  Erbkaiser  betrachtet  man  als  Spröfslinge  dieses  Göttergeschlechts,  welches 
sich  vom  Himmel  auf  den  japanischen  Boden  herabliefs,  als  die  echten  Nachfolger  und 


286 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Stellvertreter  des  Ten-sjö-dai-zin;  durch  den  Titel  Ten-si,  das  ist  Kind  des  Himmels, 
geben  sie  ihr  himmlisches  Stammhaus  zu  erkennen,  welches  auch  nie  aussterben  kann, 
da  bei  mangelnder  Succession  dem  kinderlosen  Ten-si  vom  Himmel  ein  Nachkömmling 
beschert  wird. 

Der  Geist  dieser  Regenten  ist  unsterblich,  und  so  befestigte  sich  auch  bei  dem 
Volke  der  Glaube  an  ein  Geisterleben  nach  dem  Tode.  Es  besteht  die  Idee  der 
Unsterblichkeit  und  damit  verbunden  die  der  Belohnung  des  Guten  und  der  Bestrafung 
des  Bösen,  und  somit  auch  die  eines  Ortes,  wohin  sich  der  Geist  nach  dem  Tode 
begiebt.  Dieser  Ort  heifst  als  Paradies  Takamanohara  und  als  Hölle  Nenokuni.  Hier 
mufs  sich  der  Geist  verantworten  vor  den  himmlischen  Richtern.  Der  Gute  wird 
belohnt,  zieht  nach  Takamanohara  und  wird  selbst  in  die  Reihe  der  himmlischen 
Regenten  (Kami)  aufgenommen;  der  Böse  wird  zur  Strafe  in  den  Abgrund  Nenokuni 
verstofsen. 

Zur  Verehrung  dieser  Kami  sind  besondere  Wohnhäuser  ihrer  Geister  errichtet, 
Mia  genannt;  dies  sind  Tempel  von  verschiedener  Gröfse,  die  kleineren  aus  Holz 
vom  Lebensbaume  (Thuja  orientalis),  die  gröfseren  von  Cypressen  (Cupressus  japo- 
nica,  Th.)  erbaut,  in  "deren  Mitte  das  Sinnbild  der  Gottheit  das  Gohei-Papierstreifen 
an  Stöcken,  ebenfalls  vom  Holze  des  Hinoki  (der  japanische  Name  des  Lebensbaumes), 
befestigt,  ruht.  Von  diesem  schönen  Baume  wird  in  einem  japanischen  Helden- 
gedichte gesagt:  «So  wie  sich  der  Hinoki  als  Zierde  der  Wälder  erhebt,  so  ragt  unter 
der  übrigen  Menschengesellschaft  der  Held  hervor!)) 

Täglich,  gelegenheitlich  oder  zu  bestimmten  Zeiten,  z.  B.  an  Jahrestagen  der 
Geburt  oder  des  Todes  bringt  man  den  Begründern  des  Reiches,  den  guten  Regenten 
und  anderen  um  den  Staat  verdienten  Männern,  um  diese  Kami  zu  ehren  und 
ihnen  zu  danken,  Gebete  und  Opfer  dar,  welche  öfters  zu  nationalen  Festlichkeiten 
werden.  Jedoch  an  den  höchsten  Kami  Ten-sjö-dai-zin  kann  sich  der  Andächtige 
nicht  unmittelbar  wenden,  und  es  bestehen  Lürbitter  und  Vermittler  zwischen  diesem 
allerhöchsten  Wesen  und  den  Erdenkindern.  Diese  werden  Sjugozin  genannt,  d.  i. 
wörtlich  Schutzgott  (Sju,  bewachender;  go,  schützender;  zin,  Gott). 

Aufser  einer  Schelle  (Suzu),  einigen  Blumenvasen  (Hanatate) , einer  Trommel 
(Taiko)  und  einigen  anderen  musikalischen  Instrumenten  befindet  sich  ein  Spiegel 
(Kagami)  in  der  Nähe  der  Wohnung  der  Kami  als  ein  Symbol  der  Reinheit  und 
Klarheit  der  Seele. 

Man  opfert  den  Kami  und  deren  Schutzgöttern  bei  oben  erwähnten  Gelegen- 
heiten, besonders  aber  bei  Beginn  und  in  der  Mitte  des  Monats  verschiedene  efsbare 
Dinge,  als  Reis,  Kuchen,  Zuckergebäcke,  auch  Tiere,  als  Hirsche,  Eische  und  dergl. 

Es  ist  den  Anhängern  erlaubt,  ein  Tier  zu  töten  und  sich  mit  Blut  zu  beflecken, 
und  den  Priestern,  die  ihre  Haare  gleich  den  Laien  tragen,  zu  heiraten. 

Die  Toten  werden  in  einem  den  Mias  ähnlichen  Sarge  begraben1  und  vor- 
nehmen Verstorbenen  folgte  in  den  frühesten  Zeiten  eine  bestimmte  Anzahl  der 
Untergebenen  und  Freunde  lebendig  mit  ins  Grab.2 

Der  Buddhaismus,  welcher  von  China  über  Korea  nach  Japan  höchst  wahrscheinlich 

1 Genannt  Iviwan  oder  Hitsuki. 

2 Schon  im  33.  Jahre  von  Sui-zin-ten-wo,  dem  3.  Jahre  n.  Chr.,  wurde  dieser  Gebrauch  untersagt, 
doch  erhielt  er  sich  noch  bis  zu  Taikos  Zeiten.  Man  bediente  sich  später  an  Stelle  der  Menschen 
thönerner  Puppen,  welche  noch  öfters  ausgegraben  werden.  Note  zur  2.  Aufl. 


i.  Über  die  Abstammung  der  Japaner. 


287 


erst  im  Jahre  543  n.  Chr.  gekommen  ist,  erlangte  später  um  das  Jahr  576  n.  Chr., 
nachdem  das  Bild  des  Sjakas  überbracht  worden  war,  durch  Mönche  und  Nonnen,  die 
gleichfalls  aus  Korea  stammten,  weitere  Verbreitung  und  hat  sich  in  einer  von  China 
abweichenden  Form  in  Japan  weiter  entwickelt.  — Aus  dem  obigen  ergiebt  sich  somit, 
dafs  die  Japaner  von  den  Chinesen  nicht  abstammen,  wenn  sie  ihnen  auch  die 
Hauptbestandteile  ihrer  Kultur  zu  verdanken  haben. 

Hiermit  wende  ich  mich  nun  zur  Untersuchung  der  zweiten  Frage:  B.  Stammen 
die  Japaner  von  einem  sogenannten  tatarischen  Volksstamme  ab? 

Bevor  ich  mich  in  die  eigentliche  Untersuchung  einlasse,  möchte  ich  einige 
mir  wuchtig  vorkommende  Gegenstände  zur  tieferen  Begründung  und  weiteren  Nach- 
forschung in  folgenden  kurz  gefafsten  Fragen  vorlegen:  Findet  sich  in  den  Dogmen 
und  Gebräuchen  des  Gottesdienstes  des  Dalai-Lama  nicht  einige  Übereinstimmung  mit 
dem  des  Sintö?  Sind  es  nicht  Spuren  des  Fetischdienstes,  wenn  man  gewissermafsen 
Tiere  als  Vermittler  und  Fürbitter  der  Kami  erwählt  und  sie  durch  Opfer  mit  den 
Menschen  auszusöhnen  sucht?  Giebt  diese  Aussöhnung  mit  gefürchteten  Tieren  (den 
erwähnten  neunköpfigen  Drachen)  uns  nicht  einen  Fingerzeig,  wie  die  Menschen 
darauf  gekommen  sind,  Fetische  zu  verehren?  Dies  berechtigt  uns  anzunehmen,  dafs 
nicht  sowohl  die  guten  Eigenschaften  der  Tiere,  denen  man  in  ihrer  Lebens- 
weise und  ihrem  Aultreten  gegen  den  Menschen  Absichtlichkeit  und  Überlegung  bei- 
legte, sondern  dafs  vielmehr  Schrecken  und  Furcht  vor  reifsenden  Tieren  den 
Glauben  an  eine  verborgene  Gottheit  erweckte;  dazu  kommt,  dafs  man  selbst 
Menschen  zur  Aussöhnung  mit  diesen  Ungeheuern  opferte1  und  dafs  man  lebendig 
seinem  Herrn  und  Freunde  in  das  Grab  folgte.  So  betrachtet  man  die  Sonne  und 
den  Mond  noch  heutzutage  als  Erzeuger  des  menschlichen  Geschlechts,  als  die  Eltern 
der  Kami;  der  Tensi  fastet  bei  deren  Verfinsterung,  indem  er  sich  seine  himm- 
lischen Eltern  in  Trauer  versunken  denkt,  und  bei  einer  anderen  Gelegenheit  trinkt 
er  mit  ihnen  sogar  aus  einer  Schale ; so  glaubte  Zinmu  temvo  gegen  den  Aufgang 
der  Sonne  fechtend,  seine  Eltern  beleidigt  zu  haben,  und  dieser  wie  alle  Erb- 
kaiser nennen  sich  Tensi,  himmlische  Kinder.  — Erblickt  man  hierin  nicht  deut- 
liche Spuren  des  Sabaeismus,  erinnert  man  sich  nicht  an  den  Kultus  der  Peruaner 
und  Mexikaner?  Wäre  hier  nicht  ausschliefslich  die  Rede  vom  Gottesdienste, 
so  könnte  ich  noch  eine  lange  Reihe  von  eigenen  Erfahrungen  und  Mitteilungen 
meiner  gelehrten  japanischen  Freunde  zur  Unterstützung  und  Bekräftigung  obiger 
Mutmafsungen  anführen.  Doch  eben  deshalb  und  aus  Vorsicht,  nicht  jetzt  schon 
unerwartet  mit  meinen  Japanern  ins  südliche  Amerika  zu  geraten,  mufs  ich  den 
Lauf  meiner  Gedanken  zügeln  und  nach  dem  Festlande  von  Asien  umlenken,  und  in 
dieser  angeblichen  officina  generis  humani  auch  die  ersten  Keime  meiner  Japaner 
aufsuchen. 


1 Bezieht  sich  auf  die  Sage  vom  achtköpfigen  Drachen  zu  Jamato,  dem  jährlich  eine  Jungfrau 
zum  Opfer  fiel,  bis  er  durch  den  Helden  Susano-ö  erschlagen  wurde.  Vergl.  die  Vorrede  zur  2.  Aufl. 


288 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

B.  Stammen  die  Japaner  von  einem  sogenannten  tatarischen 

Volksstamme  ab? 

Von  den  physischen  Eigenschaften  der  Japaner  habe  ich  bereits  diejenigen  in 
Betracht  gezogen,  welche,  als  besonders  charakteristische  Merkmale  an  denselben  vor- 
kommend, auf  eine  etwaige  Verwandtschaft  mit  anderen  Nationen,  sei  es  in  Asien  oder 
auf  dem  neuen  Kontinente,  hindeuten.  Inwiefern  diese  Merkmale  mit  jenen  der  mir 
bekannten  asiatischen  Völkerstämme  übereinstimmen,  habe  ich  ebenfalls  angeführt  und 
zugleich  zu  weiteren  zweckdienlichen  Forschungen  in  mir  unbekannten  Ländern  an- 
geregt. Ich  wende  mich  daher  wieder  zur  Sprache,  und  weil  ich  bei  jenem  asiatischen 
Volksstamme,  welcher  wiederholt  auf  Wanderzügen  als  mächtiger  Eroberer  auftrat, 
in  den  vielsilbigen  Wörtern  eine  auffallende  Ähnlichkeit  mit  jenen  der  Japaner  zu  er- 
kennen glaube,  so  holle  ich  der  Ethnographie  einen  wichtigen  Beitrag  zu  leisten,  wenn 
ich  eine  Vergleichung  beider  Sprachen,  soweit  mir  die  literarischen  Hülfsmittel  und 
die  engen  Grenzen  dieser  Abhandlung  erlauben,  einfliefsen  lasse.  Dafs  ich  auf  die 
Mandschu-Tartaren  hinziele,  ist  aus  meinen  frühen  Äufserungen  leicht  zu  entnehmen. 
Ich  bin  übrigens  nicht  der  erste,  der  einige  Übereinstimmung  der  Mandschu-Sprache  mit 
der  japanischen  aufzufinden  glaubt.  Sowohl  aus  Bemerkungen  Malte  Bruns  wie  aus 
den  Worten  Alexanders  von  Humboldt  kann  man  entnehmen,  dafs  man  der  oben  an- 
geführten Übereinstimmung  der  Mandschu-Sprache  mit  der  japanischen  zwar  Anerkennung  * 
versagt  und  die  Idiome  der  Japaner  noch  als  eigentümliche  betrachtet,  aber  doch 
sich  Hoffnung  macht,  dafs  künftige  Reisende  eine  genauere  Verbindung  der  Sprachen- 
familien dieses  Archipels  auffinden  werden. 

Die  Etymologie  der  japanischen  Sprache  habe  ich  bereits  früher  behandelt,  so 
dafs  ich  ohne  weitere  Aufklärung  sofort  eine  Parallele  zwischen  beiden  Sprachen  ziehen 
zu  können  glaube.  Ich  könnte  mich  hier  auf  meine  früheren  philologischen  Arbeiten 
berufen;  doch  da  ich  mir  vorgenommen  habe,  nicht  nur  die  etymologischen  Ähnlich- 
keiten der  japanischen  und  Mandschu-Sprache,  sondern  auch  die  der  näher  an  Japan 
grenzenden  Länder,  der  Koreaner  und  Jezoer,  die  mit  einigen  anderen  tartarischen 
Völkerstämmen  zwischen  jenen  beiden  gleichen  eingeschaltet  wichtige  Momente  für 
meine  Behauptung  liefern  können,  bei  meinen  Untersuchungen  über  den  Ursprung  der 
Japaner  mit  zu  Rate  zu  ziehen,  so  glaube  ich,  eine  Zusammenstellung  dieser  Idiome 
vorlegen  zu  dürfen,  wodurch  nicht  blofs  eine  nähere  Verwandtschaft  derselben  unter 
sich,  sondern  höchst  wahrscheinlich  auch  mit  den  Mundarten  des  neuen  Kontinents 
aufgefunden  und  als  Stütze  tieferer  Untersuchungen  benutzt  werden  könnte. 

Bei  dem  Nachweise  der  Ähnlichkeiten  der  Sprachen  dieses  Archipels  unter  sich 
und  mit  jenen  des  Festlandes  von  Asien  und  Amerika  kann  ich  mich  über  die  vielen 
Idiome  der  hier  in  Betracht  kommenden  Völker  in  keine  philosophische  Darstellung 
oder  in  eine  Entwickelung  der  allgemeinen  Gesetze  dieser  Sprachen  einlassen,  sondern 
auf  rein  empirischem  Wege  das  Gemeinsame  derselben  unter  sich  zu  ermitteln  suchen. 
Ich  werde  also  ins  Auge  fassen,  ob  der  Grundtypus  der  Wörter  der  einsilbige  oder 
mehrsilbige  ist;  ferner  ob  bei  Bildung  eines  Satzes  das  Subjekt  einer  sogenannten 
Beugung  und  die  Kopula  einer  Abwandlung  unterworfen  ist,  wie  sich  bei  den  Nenn- 
wörtern die  Nennfalle,  bei  den  Zeitwörtern  die  Zeiten  bilden;  wie  die  persönlichen 
Fürwörter  in  besitzanzeigende  übergehen,  nach  welchem  Gesetze  die  Grundzahlen  zu- 
sammengesetzt werden  und  welche  andere  etymologische  Eigentümlichkeiten  noch 


i.  Uber  die  Abstammung  der  Japaner.  289 

stattfinden  mögen.  Ans  folgender  Tabelle  wird  man  über  alle  diese  Fragen  eine 
entsprechende  Aufklärung  gewinnen.1 

Die  meist  einsilbigen,  oft  konsonantenreichen  Wörter  der  Chinesen  lassen  sich 
hier  und  da  noch  bei  den  benachbarten  Japanern  und  Koreanern  erkennen,  wohin  sie 
in  den  frühesten  Zeiten  zugleich  mit  der  sich  über  diese  Länder  verbreitenden  Kultur 
gewandert  sind  und  das  Bürgerrecht  erhalten  haben.  Dieser  einsilbige  Typus  findet 
sich  besonders  bei  den  Koreanern,  wo  eine  starke,  dieser  Nation  eigentümliche  As- 
piration eine  scheinbare  Häufung  von  Vokalen  verursacht  und  die  Wörter  ungemein 
dehnt.  Gröfstenteils  erscheinen  jedoch  auch  bei  den  Koreanern  mehrsilbige  Wörter, 
während  dieselben  bei  den  Mandschus,  Sandanern,  Ainos  und  Japanern  vielsilbige  sind, 
aber  durch  häufiges  Verschlingen  der  Vokale  verkürzt  auftreten.  Die  Wörter  bei 
den  zuerst  genannten  Sprachen,  reich  an  Lippenbuchstaben,  tönen,  da  diese 
durch  das  Verschlingen  der  Vokale  oft  unmittelbar  aufeinanderfolgen,  äufserst  hart 
und  schwerfällig,  die  der  letzteren  dagegen,  denen  die  Labiallaute  und  der  scharfe 
Klang  unseres  R fehlen,  klingen  um  so  sanfter  und  fliefsender,  und  zwar,  je  mehr  sich 
die  Bewohner  der  japanischen  Inseln  dem  Süden  nähern,  so  dafs  auf  den  Liukiu-Inseln 
die  weichsten  Mundarten  gefunden  werden. 

Der  ein-  oder  mehrsilbige  Typus,  den  wir  hier  nachgewiesen,  dürfte  bereits  als 
eine  scharfe  Grenze  der  Sprachenverwandtschaft  der  in  Frage  kommenden  Völkerstämme 
dienen,  doch  da  die  japanische  Sprache  etymologisch  bis  jetzt  als  ganz  eigenartig 
betrachtet  wurde,  so  glaubte  ich  in  dieser  Hinsicht  nähere  Vergleichungen  anstellen  zu 
müssen.  Diese  lassen,  je  treffender  sie  erscheinen,  eine  um  so  günstigere  geographische 
Anreihung  der  Sprachen  der  Völker  dieses  Teils  des  nördlichen  Asiens  zu. 

Es  fragt  sich  übrigens:  Ist  die  bei  den  Idiomen  der  amerikanischen  Sprachen 
bemerkte  eigentümliche  Stellung  der  Zeitwörter,  wenn  sie  mit  einer  Negation  ver- 
bunden werden,  nicht  eine  ähnliche  wie  die  in  der  japanischen  und  Mandschu-Sprache 
und  sicher  auch  in  der  Aino-Sprache  aufgefundene? 

Fügt  man  nun  zu  diesen  auffallenden  Ähnlichkeiten  in  den  Grundzügen  der 
Sprachen  der  oben  erwähnten  Völker  noch  treffende  Beweise  einer  Übereinstimmung 
ihres  Gottesdienstes,  ihrer  Sitten  und  Gebräuche  mit  jenen,  der  ältesten  Bewohner  von 
Japan,  berücksichtigt  man  ihre  geographische  Verbreitung  in  diesem  Archipel  und  ihre 
Verbindung  mit  andern  Völkerstämmen  der  alten  und  selbst  der  neuen  Wrelt,  so 
kommt  man  auf  die  Frage  zurück:  Wer  bewohnte  Japan  vor  Zinmu  Ten  wo,  der  von 
Westen  nach  Osten  und  über  den  Norden  Japans  seine  Macht  ausbreitete?  Woher 
kamen  die  nördlichen  Bewohner  von  Japan,  die  noch  später  Wilde  genannt  wurden,  wo- 
her die  Stammväter  des  Zinmu  Tenwo,  die  an  Intelligenz  und  sittlicher  Verfeinerung 
den  übrigen  Bewohnern  von  Japan  weningstens  ein  Jahrtausend  vorangeschritten  waren? 

Ich  sprach  von  einer  Ähnlichkeit  der  Grundzüge  der  Sprache  der  Mandschu  mit 
jener  der  Japaner;  ich  suchte  diese  nachzuweisen,  aber  es  war  auch  nötig,  bei  den 
zwischen  beiden  eingeschalteten  Völkern,  den  Koreanern  und  Jezoern,  ferner  bei  den 
Kraftoern,  den  Orotskys  und  Sandanern  eine  Verwandtschaft  mit  der  japanischen 
Sprache  zu  ermitteln.  Weil  nun  diese  einigermafsen  gefunden  ist,  so  werden  die 
Mandschu  selbst  bei  meinen  weiteren  Untersuchungen  weniger  Berücksichtigung  finden, 
und  ich  widme  diese  um  so  eifriger  den  andern  obengenannten  Völkern,  weil  ich 


1 Vergl.  die  folgenden  Tabellen. 

v.  Sieb  old,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


*9 


290 


Übersicht  der  Etymologie 


Allgemeine  Gesetze,  genommen  ans  einer  vergleichenden  Sprachforschung. 


Japan. 


Die  Wörter 


dieser  Sprachen  sind  aus  einer,  häufiger  aus 
zwei  und  mehreren  Silben  zusammengesetzt: 


Sendatte  okie  dete  ottose-wo  tadsuneta 


Nuper  in  mare  navigans  phocam  qucesivi. 


Die  Hauptwörter 


Die  Beiwörter 


Die  Zahlwörter. 


Die  Fürwörter. 


sind  geschlechtslos,  werden  häufiger  in  der 
Einzahl  gebraucht  als  in  der  Mehrzahl,  dann 
wiederholt  oder  mit  einem  Zusatze.  Sie  bilden 
die  Nennfälle  (Casus)  meist  durch  einsilbige 
Partikeln,  welche  an  das  Ende  der  Wörter 
gefügt  werden  (Suffixa);  der  Genitiv  steht 
immer  voran. 

stehen  vor  den  Hauptwörtern,  bilden  den 
Komparativ  durch  Anhängung  einer  Partikel 
an  das  Ende  des  Hauptwortes  oder  des  Für- 
wortes; diese  bedeutet  soviel  als  «von».  Den 
Superlativ  bilden  sie  durch  Vorsetzung  ge- 
wisser Partikeln,  welche  der  Bedeutung  «s  e h r» 
entsprechen. 

Als  Grundzahlen  sind  sie  ursprüngliche,  von 
eins  bis  zehn,  auch  zwanzig,  ausgenommen 
bei  den  Koreanern,  deren  Zahlen  chinesischen 
Ursprungs  sind,  ferner  auch  hundert,  tausend, 
zehntausend,  alle  höheren  Zahlen  bei  den 
Jezoern.  Zusammengesetzt  sind  sie  von  eilf 
bis  neunzehn  u.  s.  w.,  im  alten  Japanischen 
und  im  Jezoischen  sind  die  Zusammen- 
setzungen weitläufiger. 

Die  persönlichen  sind  durchgehends  ein-  oder 
mehrsilbig,  bezeichnen  im  Japanischen  einen 
Unterschied  des  Ranges  (Zeichen  feinerer  Bil- 
dung), und  im  Jezoischen,  Koreanischen  und 
Japanischen  bedeutet  die  dritte  Person  soviel 
als  jener.  Die  zueignenden  werden  durch 
Anhängung  der  Endung  des  Genitivs  gebildet 
und  stehen  stets  dem  Hauptworte  voran. 


Arne,  coelum  ; Hito,  horno. 

Hito-bito,  homines;  sive  Hito-koto,  quivis 
homo. 

Ga  (nom.);  no  (gen.);  ni  (dat.) ; wo 
(accus.);  jori  (voc). 

Hi-no  hikari,  Solis  radius. 

Utsukusi  onago,  pulchra  femina. 

Kono  - tsjawan- wa  kono  sakatsuki  jori 
futoi. 

Hrec  patera  hoc  poculo  major. 

Fusi-no  Jama-ga  itsi  ban  takai. 

Fusi  rnons,  penquam  altus. 


Hitotsu,  1 ; futatsu,  2;  mitsu,  3;  jotsfu,  4; 
itsutsu,  5. 

Tö,  10;  hatatsi,  20;  mono,  100. 

Tsi,  1000. 

Tö  mata  hitotsu,  1 1 , tö  mata  futatsu,  12. 
Futatsu  mata  itsutsu,  25;  roku  zu  60. 


Watakusi,  sive  mare,  ego;  anata,  sive 
omae,  tu. 

Kare,  sive  ano  hito,  ille;  watakusi  domo, 
sive  warera,  nos;  anatagata  sive  omae- 
gata,  vos,  karera  sive  anohitotatsi,  illi. 

Watakusi-no,  meus;  anata-no,  tuus. 

Watakusi  sino  atama,  caput  meurn. 


Die  Zeitwörter 


sind:  1.  thätige  und  haben  drei  Zeiten:  a)  eine 
gegenwärtige,  die  durch  Veränderung  der 
Auslaute  gebildet  wird;  b)  eine  vergangene, 
durchgehends  mit  dem  Ausgange  a gebildet; 
c)  eine  zukünftige  Zeit,  ausgedrückt  durch 
Verlängerung  der  Endsilbe  des  Präsens. 

2.  leidende,  die  gleichfalls  drei  Zeiten  haben, 
gebildet  durch  verlängerte  Ausgänge,  die 
öfters  eigene,  ein  Leiden  bezeichnende,  Hilfs- 
zeitwörter zu  sein  scheinen,  namentlich  bei 
den  Jezoern  (aniki)  und  den  Koreanern. 

Die  befehlende  Art  zeichnet  sich  durch  Kürze 
der  Ausgänge  aus;  bei  besonderem  Nachdrucke 
steht  bei  den  Jezoern  das  Fürwort  vor  dem  Infini- 
tiv. Die  unbestimmte  Art  (Infinitiv)  ist  (ausge- 
nommen bei  den  Mandschu)  dem  Präsens  gleich. 
Die  verbindende  wird  durch  Nachsetzung  der 
Partikel,  welche  sie  regiert,  gebildet. 

Die  Negationen  sind  am  Ende  der  Zeitwörter 
angehängt  und  bewirken  oft  eine  Veränderung 
der  Abwandlung  (Konjugation).  Die  Hilfs- 
wörter werden  nicht  häufig  bei  Abwandlung 
der  Zeitwörter  gebraucht,  blofs  im  Passiv;  sie 
haben  gleiche  Abwandlung,  wie  die  andern 
Zeitwörter;  unpersönliche  Zeitwörter  kommen 
selten  vor,  und  die  bei  uns  gebräuchlichsten 
werden  hier  umschrieben. 


Die  Bestimmungs- 
wörter 


stehen  in  allen  Fällen  am  Ende  der  Wörter, 
auf  welche  sie  sich  beziehen,  ohne  eine  Ver- 
änderung derselben  zu  bewirken. 


Utsu,  verbero. 

Utsita  (praeterit.). 

Utsou  (futur.). 

Utaruru,  verberor. 

Utareta  (praeterit.). 

Utareö  (futur.). 

Ute,  verbera. 

Utarero,  verberate. 

Utsu,  verberare. 

Watakusi-ga  sore-wo  miru  joni. 

Ut  ipse  videam. 

Utanu,  non  verbero ; utanu  deatta. 

Utarenu,  non  verberor;  utarenu  deatta, 
(praeterit  ). 

Aru,  esse;  arita  (praeterit.) ; arö  (futur.). 
Ame-ga  furu,  pluit  (verbat.);  pluvia  decidit. 
Kaminari  ga  naru,  intonat. 


Ni,  ad;  to,  eum ; nijotte,  quia;  joni,  ut. 

Jokka  maeni  watakusi-wa  desi-to,  jamani 
juita. 

Quatuor  ante  dies  cum  discipulis  in  mon- 
tem  ascendi. 


Anmerkung:  Die  Baustoffe  zu  dieser  Tabelle  sind  genommen:  bezüglich  der  japanischen  Sprache  aus  meinem  Epitome  Ungute 
Tom.  XIII,  pag.  39 — 73)  veröffentlichten  Grammatik  dieser  Sprache  entnommen;  die  Jezo-Sprache  habe  ich  während  meines  Aufenthaltes  zu 
des  Fürsten  von  Tsusima , der  viele  Jahre  in  Korea  als  Dolmetscher  gedient  hatte;  auch  unterhielt  ich  mich  selbst  mit  mehreren  koreanischen1 
nach  denen  der  koreanischen  Schrift  niedergeschrieben. 


der  Sprachen  von 


29I 


Ma  ntsch  u-Tattan. 

Koua  nialmate  oume  tontehi  poure 
seme  fufculahapi. 

Est  mihi  interdictum,  ne  hoc  aliis 
patefaciam. 

Apka,  coelum;  hebe,  femina. 

Hehe-Si,  feminse. 

J,  sive  ni  (gen.);  he  (dat.);  be 
(accus.);  tshi  (abl.). 

Apka-i  etehen,  coeli  dominus. 

Sain-hehe,  bona  femina. 

Matchoe  kisoun  nikan  kisoun  tehi 
teha. 

Mantschu  Ilngua  illa  chinensium 
facilior. 

Ere  nialma  oumesi  ketonken. 

Hic  homo  perquam  eruditus. 


Emou,  1 ;tchouo,  2 ;itan,  3 ; fouin,  4. 

Souhteha,  5;  tsouan,  10;  orin,  20. 
Tangou,  100;  Mingan,  1000. 

T souan  emou,  1 1 ; tsouan  tehour,  1 2. 

Orin  sounteha,  25 ; Ning-tehou,  60. 


Pi,  ego ; Si,  tu ; i,  ille. 

Pe,  nos;  Soue,  vos;  Tehe,  illi. 


Mini,  meus;  Si-ni,  tuus. 
Mi-ni,  morin,  equus  meus. 


PIoulampi,lego ; Kousourembi,  dico. 
Houlaha  (prceterit  ). 

Eloulara  (futur.). 

Houlapumpi,  legor. 

? 

? 

Eioula,  lege;  Kousure,  die. 

? 

Houlame,  legere. 

Kenetehi,  tetentere. 

Quamvis  eam. 

Houlahaku  sive  hoularakounque, 
non  legi. 

Queilche  akou  sive  oueilere  kun- 
gue,  non  feci. 

Si,  sive  pimpi,  esse,  pihe,  prreterit. ; 
pisire,  futur. 

? 

? 


Tahame,  si,  tetentere,  quia 
Kenetehi  tentere. 

Quamois  eam. 


J e z o. 

Ofunaki  adsui  kata  rewa  unewo 
istan. 

Nuper  in  mare  navigans  phocam 
qutesivi. 

Kikita,  caelum;  sisjam,  homo. 

Herold,  piscis  ac  pisces. 

Ta  (dat.);  ne  vel  be  (accus.);  Ivari 
(ablat.);  Koro  (gen.). 

Tsisi  kots,  domus  curia. 

Jupuke  asjuru,  seditio  vehemens 

Tanbe  kari  horokasju. 

Hac  re  facilior. 

? 

? 


S’nepp,  1 ; tsupp,  2 ; repp,  3 ; inepp,  4. 

Asikarepp,  5;  n’ambe,  10;  hots,  20. 
Asikini  hots,  100;  id  est  verbat  5 et  20. 
Sinepp  ikasima  (adde)  wanbe,  1 1 ; 

tsutsupp  ikasima  wanbe. 

12;  asikirepp  ikasima  hots,  25;  re- 
hots,  60. 

Ku,  ego;  i,  tu;  iki  sangur,  ille; 
tangur,  hic. 

Ink’jutan,  vos;  inkianguru,  illi? 


Kukoro,  meus;  ikoro,  tuus. 
Ikoro,  kotan,  domicilium. 


Sitaiki,  verbero. 

Sitaiki-wa  (practerit.). 

Sitaiki-rusjui  (futur.). 

Sitaiki  aniki,  verberor. 

Sitaiki  ank’wa  (prasterit.). 

Sitai  anki  annangora  (futur.). 

J,  (tu)  sitajki,  verbera!  hokure,  veni! 
J- sitaiki  anki,  verberate. 

Sitaiki,  verberare:  Iku,  bibere. 

Anhene,  antsiki. 

Sit,  ent. 

? 

? 

An,  esse;  anna,  preeterit. ; anankora, 
futur. 

Asi,  factum  est,  apto,  asi,  pluit(verb.), 
pluvia  facta  est 

Kanna,  kamui  fumi,  intonat  (Deus). 


Ani,  cum,  kusju,  propter;  Jakka, 
quamvis. 

Tanbe  kusja,  tsibani  adsui  kata. 
Propter  hanc  rem,  cum nave,  in  mare. 


Korea. 

Dscepta  jag’tsung  juikadhai  kuururu 
dsadsasopnoi. 

Nuper  in  mare  navigans  phocam 
qusesivi. 

Hanal,  coelum;  savam,  homo. 

Savam  mata,  homo  quivis. 

J (dat.);  ru  (accus.);  isja  (abl.). 

Hai-nanta,  Solis  radius. 

Koon  keetsip,  pulchra  femina. 

Ji  poai  jeeisja  ii  ts’oosa  Kak’ta. 

Haec  patera  hoc  poculo  major. 

}i  San  idseeir  nopta. 

Hic  mons  perquam  altus. 


Jur,  1;  i,  2;  san,  3;  sa,  4;  o,  5. 

Sjiib,  10;  J-sjiib,  20;  Paik,  100. 
Tseen,  1000. 

Sjiib’  Jiir,  11;  Sjiib’-i,  12. 
J-sjiib-o,  25;  Nuiuh-sjiib,  60. 


Nai,  ego;  dsanei,  tu;  dsee  saram,  ille. 

Unrituung’,  nos ; nunhoitug’,  vos;  dsee- 
nom,  illi. 

Kogu,  tu;  (ad  superiores)  dui  sive 
kuu-dui  (ad  inferiores). 

Na-i,  meus ; Kog’i,  tuus. 

Nai  tsip’,  domus  mea;  kog’i  marii, 
equus  tuus. 


Tsjidsja,  verbero;  dsuukiru,  interficio. 

Tsjinta  (prasterit.) 

Tsjin  (futur.) 

Tsjid  p’noi?  verberor;  Dsuukunonii, 
interficior. 

Tsjirinta  (prasterit.);  dsuukunonta, 
prasterit. 

Tsjirintos  (futur.)  dsuukononkapo 
(futur.). 

Tsjra,  verbera! 

Tsjits  ’kaihara?  verberate. 

Tsjiidsja,  verberare;  dsuukiru,  inter- 
ficere. 

Ponontos  ’haja. 

Ut  videam. 

Tsji,  dsji  ani  hawo  (verbat.),  verberare 
noli. 

Tsji,  dsji  ani  hajaats’oo;  (prast.)  Tsji- 
dsjii  anikapo  (fut.). 

Its  ’samnai,  esse;  its  ’somnoita,  fuisse; 
itsurtots  ’haja,  fut. 

Pjii  kowo,  pluit  (pluvia  fit.). 

Pfeck  njak  suroi  haja,  tonitrus  sonus 
fit. 


Katsiko,  eum,  kitstei,  ad ; irihani,  quia. 
Pai-ro. 


Cum  nave. 

Japonicae  ; die  der  Mandschu-Sprache  habe  ich  wörtlich  der  in  den  Denkschriften  der  Missionäre  zu  Peking  (Memoires  concernants  etc. 
|edo  mit  dem  öfters  erwähnten  würdigen  Mogami  Toknai  bearbeitet.  Die  koreanische  Sprache  untersuchte  ich  mit  Hülfe  eines  kundigen  Beamten 
Schiffbrüchigen.  Die  japanischen  und  Jezo-Wörter  sind  genau  nach  den  Schreib-  und  Aussprache-Regeln  der  Japaner  und  die  koreanischen 


292 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

mit  ihrer  Geschichte  bei  weitem  vertrauter  bin  als  mit  jener  derMandschu;  ich  lasse 
hier  aber  eine  grofse  Lücke  offen,  die  man  vielleicht  durch  bereits  schon  gemachte 
oder  noch  zu  machende  Entdeckungen,  sicher  aber  nur  zur  festeren  Begründung  meiner 
seitherigen  Mutmafsungen  ergänzen  wird. 

Korea,  Jezo  und  Sachalin  (Krafto)  mit  Orotsky  und  Sandan  stehen  nun  zu  beiden 
Seiten  von  Japan,  wetteifernd  um  die  Ehre,  bei  Bestimmung  der  Abstammung  der  alten  Ja- 
paner die  erste  Rolle  zu  spielen:  die  eine  Nation  auf  einer  ziemlich  hohen  Stufe,  die 
andere  noch  in  der  Wiege  der  Kultur  befindlich.  Die  despotischen  Staatseinrichtungen 
und  der  Bildergottesdienst  der  einen  stechen  auffallend  ab  gegen  die  Unkunde  der 
anderen  im  Schreiben,  ihre  Einfachheit  in  der  Anfertigung  der  nötigsten  Geräte,  ihre 
patriarchalische  Verfassung  und  ihre  Erkennung  der  Gottheit  in  den  erhabensten 
Gegenständen  der  Schöpfung.  — Und  gerade  hier  drängt  sich  die  Frage  auf:  Ist  es 
eine  leichtere  Aufgabe,  das  Stammhaus  der  Japaner  in  den  Hütten  dieser  Natur- 
menschen von  Jezo,  Sachalin  u.  s.  w.  oder  in  den  königlichen  Burgen  jenes  staats- 
klugen Korea  aufzusuchen? 


C.  Bilden  die  Japaner  eine  Nation,  hervorgegangen  aus  einer 
Vermischung  mehrerer  asiatischen  V ö 1 k e r s t ä m m e ? 

Diese  Frage  ist  bereits  oben  an  einer  oder  der  anderen  Stelle  erörtert  worden. 
Soweit  sich  dieselbe  auf  die  heutigen  Bewohner  Japans  bezieht,  so  will  ich  zugeben, 
dafs  dieselben  während  der  langen  Periode  ihrer  Beziehungen  mit  den  asiatischen 
Nachbarländern  in  der  Zeit  von  Zinmu  Tenwo  bis  Taiko  bis  zu  einem  Drittel  mit 
Einwanderern  vermischt  wurden.  Diese  Einwanderung  fand  sowohl  aus  Korea  wie 
aus  Ghina  und  anderen  überseeischen  Ländern  statt,  soweit  sich  die  damalige  Schiff- 
fahrt erstreckte.  Andererseits  nehme  ich  an,  dafs  die  Liukiu-Gruppe  und  selbst  mehrere 
Inseln  des  stillen  Ozeans  von  den  Japanern  einen  Zuwachs  der  Bevölkerung  erhielten. 
Zum  Schliffs  wollen  wir  nun  noch  auf  die  Merkmale  einer  Gemeinschaft  zwischen  den 
Japanern  und  den  alten  Bewohnern  von  Peru,  New-Granada  u.  s.  w.  hinweisen,  welche 
eine  weitere  eingehendere  Untersuchung  für  höchst  wünschenswert  erscheinen  lassen.1 

Vielleicht  wäre  hier  wiederum  ein  Glied  der  grolsen  Kette  gefunden,  welches 
nicht  nur  einerseits  unsere  Japaner  mit  den  tatarischen  Völkerstämmen  verbindet, 
sondern  welche  selbst  die  Bewohner  des  neuen  Kontinents  mit  denen  des  alten  zu 
verbrüdern  scheint.  Somit  ist  auch  die  letzte  Frage:  «Sind  die  Japaner  Ureinwohner 
(Aborigines)?»  genugsam  erörtert.  Die  japanische  Sprache  steht  nicht  mehr  isolirt 
unter  den  asiatischen  Idiomen  da;  die  Ahnung  Alex,  von  Humboldts,  dafs  die  Auf- 
findung einer  Ähnlichkeit  derselben  mit  irgend  einer  anderen  Sprache  möglich  sei, 
ist,  wenigstens  nach  meiner  Überzeugung,  erfüllt.  Dieses  würde  noch  weiter  zu  ver- 
vollständigen sein,  wenn  über  die  angeführten  linguistischen  Beiträge  von  Japan,  Jezo 

1 Bereits  Alex,  von  Humboldt  sagt:  La  forme  de  gouvernement,  que  Bochica  donna  aux  habitants 
de  Bogota,  est  tres  remarquable  per  l’analogie  qu'elle  presente  avec  le  gouvernement  du  Japon  et  du 
Tibet.  Au  Perou,  les  Incas  reunissaient  dans  leurs  personnes  les  deux  pouvoirs;  seculier  et  ecclesiastique. 
Les  bis  du  Soleil  etaient  pour  ainsi  dire  Souverains  et  Pretres  ä la  fois.»  Vues  des  Cordilleres,  Tom.  II, 
pag.  225.  Die  Benennungen  der  Zahlen  der  Muysca  verraten  eine  noch  auffallendere  Übereinstimmung 


i.  Uber  die  Abstammung  der  Japaner. 


293 


und  Korea  und  deren  wechselseitige  Übereinstimmung  von  tiefer  in  die  orientalischen 
Sprachen  eingeweihten  Gelehrten  ein  günstiges  Urteil  abgegeben  würde.  Zugleich 
dürften  jene  von  Mantschu  Tattan,  durch  die  neuesten  Entdeckungen  bereichert,  einem 
genaueren  Vergleich  mit  meinen  Arbeiten  unterzogen  werden. 


und  die  Japaner  selbst  glauben  in  den  Zeichen,  womit  die  Zahlen  bezeichnet  werden  (Sigties  hiero- 
glyphiques,  Humb.),  Ähnlichkeiten  mit  den  ihrigen  zu  finden. 


Benenn  u n g 

der  Tage: 

Bei  den  Muyscas 

Bei  den  Japaner: 

Der 

erste  Ata. 

Tsuitatsi. 

zweite  Bosca. 

Futska. 

dritte  Mica. 

Mikka. 

» 

vierte  Muihica. 

Jöka. 

» 

fünfte  Hisca. 

Itska. 

» 

sechste  Ta. 

Muika. 

» 

siebente  Cuhupqua. 

Nanuka. 

» 

achte  Suhuza. 

Jöka. 

neunte  Aca. 

Kokonuka. 

» 

zehnte  Ubehihica. 

Töka. 

» 

zwanzigste  Gueta. 

Hatska. 

Tsuitatsi  will  sagen:  Wiedererscheinen  des  Mondes  (erstes  Viertel).  Die  übrigen  von  2 bis  10  sind 
zusammengesetzt  aus  den  reinen  alten  japanischen  Grundzahlen  mit  der  Silbe  Ka,  welche  Tag  bedeutet, 
Hatska  will  sagen:  Tag  des  Abnehmens  des  Mondes. 

Einige  dieser  Benennungen  haben  unverkennbare  Ähnlichkeiten,  und  bei  anderen  läfst  sich  diese 
mehr  oder  weniger  nachweisen,  wenn  man  berücksichtigt,  dafs  der  Klang  der  Vokale  o und  u bei  den 
Japanern,  Koreanern  und  anderen  nördlichen  Völkern  dieses  Archipels  oft  unbemerkbar  ineinander  über- 
geht; dafs  h oft  das  f und  beide  die  Stelle  der  Lippenlaute  vertreten;  so  kann  z.  B.  aus  Futska,  Hutska, 
Butska,  Boska  geworden  sein  u.  s.  w.  Bei  Muika  scheint  eine  Verwechslung  stattgefunden  zu  haben 
(rnuts  ist  sicher  sechs  bei  den  Japanern),  dies  macht  uns  auch  auf  das  Cuhupqua  und  Kojvonoka  der 
Japaner  aufmerksam.  Auch  will  ich  hier  Alex,  von  Humboldt  eröffnen,  dafs  seine  Pretresse  azteque 
ganz  nach  Sitte  der  jetzigen  Japaner  auf  ihren  Knieen  mit  zurückgesunkenem  Leibe  ruht,  und  dafs, 
was  derselbe  als  Füfse  bezeichnet,  die  auf  die  Kniee  gestützten  Hände  sind,  während  man  die  beiden 
Fülse  mit  einander  zugekehrten  Zehen  (ebenso  wie  bei  den  Japanern)  deutlich  an  der  Hinterseite  dieser 
Figur  erkennen  kann. 


294 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Vergleichende  Tafel  der  Sprachen 

von 


China,  Korea,  Mandsehu  (Sandan),  Sachalin,  Jezo,  Japan  und  Liukiu. 


C h 

i n a 

Mandsehu 

Sachalin 

nach 

chinesischer 

Aussprache 

nach 

japanischer 

Aussprache. 

Korea. 

und 

Sandan. 

und 

Jezo. 

Japan. 

Liukiu. 

Sonne 

Zi 

Zitsu 

Nitsi 

Hai 

Ton 

Fekretsupp 

Hi 

Wodeta 

Mond 

E 

Getsu 

T ar 

Bi 

Kunnelsupp 

Antsikarots- 

upp 

Tsuki 

Otsuki 

Stern 

Suin 

Se 

S’jö 

Ljoor 
( Fjeer  ) 

Notsu 

Riupp 

Keda 

Hosi 

Himmel 

Ten 

Ten 

Hanal 

Han’l 

Rikita 

Ten 

Ame 

Erde 

Dei 

Tsi 

Tahii 

Sirika 

Toi 

I S1 

Tsutsi 

Feuer 

Hoo 

K’wa 

Ljuur 

Abe 

Unzibo 

Hi 

Ornat 

Wasser 

S’jui 

Sui 

M’juur 

Wakka 

Be 

Mizu 

Ohei 

Regen 

Ji 

U 

L’ji 

Apt 

Ruanbe 

Beni 

Uweni 

Ame 

Wind 

Fon 

Fu 

Favam 

Reira 

Kaze 

Luft 

Kii 2 

Kon 

Ki 

Kogls  jung 

Haari 

Kuki 

Jahr 

Sui 

Nen 

N’jeen 

Hai 

Tanba? 

Tosi 

Berg 

San 

Sen 

San 

Moi 

Kimita 

Kimoro 

Jama 

Feld 

Jee 

Ja 

Tsjuur 

Nupuka 

Nö 

Anhöhe 

Kö 

Kö 

Noputin 

Rii 

( adject ) 

Takasa 

Meer 

Hai 

Kai 

Latag 

Namo 

Apui 

Rur 

Adsui 

Wumi 

See 

Uu 

Ko 

Ko-njuun 

I-Iakka 
( Water  ) 

Mizuwumi 

Flufs 

Tsen 

Sen 

Nai 

Bets 

Kawa 

Baum 

Zii 

Mo 

Dju 

Namo 

Ni 

Ki 

* sind  veraltete  oder  jetzt  ungebräuchliche  Wörter.  Note  zur  2.  Aufl. 


i.  Uber  die  Abstammung  der  Japaner. 


295 


C h 

i n a 

Mandschu 

Sachalin 

nach 

nach 

Korea. 

und 

und 

Japan. 

Liukiu. 

chinesischer 

japanischer 

Sandan. 

Je  zo. 

Aussprache. 

Aussprache. 

Gebüsch 

Rin 

Rin 

Suuspuhr 

Teigur 

Hajasi 

Sin 

Baum- 

Mobii 

Bok-hi 

Kospiih 

Nigasukar 

Kinokawa 

bast 

Moku-hi 

Stein 

D’si 

Seki 

S’jaku 

Tor 

S’juma 

Isi 

Fels 

Gan 

Gan 

Lahoi 

Gupune 

Iwa 

Pflanze 

D’si-uwe 

S’joku-butsu 

Fjuuhr 

Kina  ? 

Uweki 

Fisch 

Ji 

G’jo 

Kokji 

Tsiets 

Uwo 

Fufs 

T’joo 

Ts’jö 

Sai 

Tsikaf 

Tori 

Vogel 

Gans 

En 

Ga 

Kooi  juna 

Basikuvo 

Ahiru 

Nahrung 

Dsi-uje 

Sjoku-motsu 

Sjig’mur 

Je 

Kuimono 

Fleisch 

Ds’jo 

Niku 

Njuuk 

Kam 

Niku 

Knochen 

Ko 

Kohe 

Kotsu 

Kor 

Bone 

Hone 

Blut 

Hije 

Ketsu 

Lj  ui 

Kern 

Kemi 

Tsi 

Schwein 

Kja-tsi 

Katsio 

Totatsji 

Juuk 

Butta 

Den 

Hund 

Ken 

Ken 

Kai 

Sita 

Inu 

Seta 

Hek 

Boot 

Tsju 

Sjü 

Lai 

Tsib 

Fune 

Haus 

Ivijoe 

Ka 

Tsjil 

Tsitze 

Ije 

Gutsja 

Kever 

Mensch 

Zin 

Zin 

Savam 

Sisyam 

Hito 

Mann 

Nan 

Dan 

Sanahai 

Okhai 

Otoko 

Okoga 

Weib 

Nii 

Z’jo 

Kjoodsjib 

Menoko 

Onna 

Oinago 

Kjeedsjib 

* Omina 

Vater 

Fun 

Fü 

Luh 

Hanbe 

Oja 

Somai 

Mits 

Ats’ja 

isitsi 

Mutter 

Muu 

Bo 

Mo 

Habo 

Haha 

An  111a 

Mo 

* Itawa 

Sohn 

Nantsuu 

Sokuaan 

Namsa 

Jarbe 

Otokonoko 

Okkaihe-kats 

Otodoje 

296 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


C h 

i n a 

Mandschu 

Sachalin 

nach 

chinesischer 

Aussprache. 

nach 

japanischer 

Aussprache. 

Korea. 

und 

Sandan. 

und 

Jezo. 

Japan. 

Liukiu. 

Bruder 

Hiondai 

Keitei 

Kjodai 

Hoogdsjoo 

Iriwaki 

Kjodai 

Schwester 

Tsui  (ältere) 
Mui(jüngere) 

Simai 

Masnuuvoi 

(ältere) 

Aanuuvoi 

(jüngere) 

Tsuresi 

Kutsresipo 

Wonagono- 
Kiödai 
Ane,  Imoto 

Kind 

Tsuu 

Shi 

D’sa-Sjiik 

Woipakarisjak 

Jaivanbetets 

Boo 

Ko 

Kopf 

Deu 

To 

Dsu 

Marii 

Bake 

Atama 
* Kasira 

Auge 

Mo 

Gan 

Gen 

Nuun 

Ski 

Me 

Hals 

Kei 

Kjö 

Mok 

Sjaba 

Kubi 

Zunge 

Sje 

Zets 

H’jooi 

Barunbe 

Au 

Sita 

Zähne 

Tsuir 

Si 

Nji 

Imaki 

Ha 

Hand 

Sju 

S’j.u 

Son 

Teke 

Teki 

Te 

Ohr 

Zi 

Ni 

Zi 

Ni 

Kuji 

Kisijara 

Mimi 

Bauch 

Foo 

Fuku 

Lai 

Hon 

Hara 

Fufs 

Tsuwo 

Soku 

Ljal 

Kenia 

Tsikiri 

Asi 

Stirne 

Gaku 

Nima 

Hitai 

Bart 

Tsuwu 

(Knebel) 

Sui 

S’ju 

Narafsji 

Kutsihige 

Schwarz 

He 

Koku 

Koomjuun 

Kune 

Kuro 

Weifs 

Be 

Haku 

B’jaku 

Huuin 

Retar 

Tetar 

Siro 

Rot 

Hii 

Seki 

Luhrkun 

Fure 

Aka 

Liebe 

Ai 

Aisjö 

Sarag 

Komebur 

Itsukusimi 

Schmerz 

Bin 

Tsü 

Aspuhr 

Hasjasja 

Itami 
* Itagari 

Gott 

D’sin 

Sin 

Zin 

Sjin 

Kam  ui 

Kami 

i.  Uber  die  Abstammung  der  Japaner. 


297 


C h 

i n a 

Mandschu 

Sachalin 

nach 

chinesischer 

Aussprache. 

nach 

japanischer 

Aussprache. 

Korea. 

* 

und 

Sandan. 

und 

Jezo. 

Japan. 

• 

Linkiu. 

Herr 

Kin 

Kun 

Kun 

Nisipa 

Kimi 

Essen 

Dsuu 

S’joku 

Mookjur 

Jhe 

(essen) 

Jk 

(trinken) 

Kü 

* Taberu 

Schlafen 

Mui 

Sui 

Nuupooh 

Hisijui 

Nemuru 

Lachen 

S’jao 

S’jo 

Uusjunoo 

Warau 

Weinen 

Ri 

Tei 

Uuwo 

Tsisi 

Naku 

Leben 

Wo 

Kwats 

Sarasta 

Hekku 

Hoojur 

Jkiru 

Sterben 

Suu 

Si 

Dsuu- 

Kjuur 

Sinuru 

Ich 

Goo 

Gei 

Nai 

Ku 

Kuani 

Kani 

W atakusi 
Ware 

Du 

Dsii 

* 

Zio 

Koga 

(ad  superior) 
Dui 

(ad  inferior) 

J 

Jani 

Ats  ja 

Omäe 

Er 

Budsin 

Hi 

Dsyooi- 

savam 

Dsyeci- 

savan 

Tkisangur 

Otto) 

Tanguru 

(hic) 

Kare 

od. 

Anohito 

Wir 

Gowo-ten 

Gohai 

Uritsjung 

W atakusi  - 
domo 

od.  Warera 

Ihr 

Dsii-ten 

Sjohai 

Nunhoitug 

Inkianguru 

Inkjiutan 

Anatagata 

od. 

Omaegata 

Sie 

♦ 

Bii-ten 

Hihai 

Dhjooi-nom 
Dhjeei-  nom 

Ikianguru  - 

Kar  er  a 
od. 

Anohitotatsi 

Ja 

Ta 

Dak 

Tab 

Jise 

Jese 

Hei 

Nein 

Tuzo 

Uhu  (nicht) 

Fui 

Any 

Kots  j an 

I’ja 

Ein 

I 

Itsu 

Jur 

Womoo 

Sinepp 

Hitotsu 

Itsi 

Zwei 

Kun 

Zi 

I 

Sjuwoi 

Tsupp 

Futatsu 

Ni 

Drei 

San 

San 

Sam 

Tsappo 

of 

Irao 

Repp 

Mitsu 

San 

Vier 

Sun 

Si 

Sa 

Weraa 

of 

Lanii 

Inepp 

Jotsu 

Si 

298 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


C h 

i n a 

Mandschu 

Sachalin 

nach 

chinesischer 

Aussprache. 

nach 

japanischer 

Aussprache. 

Korea. 

und 

Sandan. 

und 

Jezo. 

Japan. 

Fünf 

Wuu 

Go 

O 

Ludhja 

Asikinepp 

Asikine 

Itsntsu 

Go 

Sechs 

Ro 

Riku 

Niuul 

Ikuu 

of 

Nungu 

Iwanbe 

Iwan 

Mutsu 

Roku 

Sieben 

Tsui 

Sitsi 

Tsjiir 

Nata 

Aruwanbe 

Arwan 

Nanatsu 

Sitsu 

Acht 

La 

Hatsi 

Lahr 

Hari 

of 

Syakupo 

Tsubesjanbe 

Tsubesi 

Jatsu 

Hatsi 

Neun 

K’ju 

K’jü 

Ku 

Horu 

of 

Tuyn 

Sinepsjanbe 

Sinebise 

Kokonotsu 

Kü 

Zehn 

Dsi 

Z’jü 

Syiib 

Z’jau 

of 

Buwaa 

Wanbe 

Wanaki 

To 

Z’jü 

Elf 

i 

Dsiwau 

Sjükjo 

Sjiibo 

Asikine  ika 
Sima  wanbe 

Zjiu  itsi 

Zwanzig 

Rundsi 

Nisjü 

J.  Sjieb 

Hots 

Nisju 

od. 

Hatatsi 

Fünfzig 

Wuu-dsi 

Gosjü 

O.  Sjieb 

Wanbeire 

nots 

10—60 

Go-sju 

Its-So 

Iso-zi 

Hundert 

Le 

Haku 

Laik 

Asikine 

Nots 

5X20 

H’jaku 

od. 

Morno 

Tausend 

Tsen 

* 

Sen 

Tsoon 

Tseen 

Asikine  sine 
wane  hots 
5X10X20 

Sen 

od. 

Tsi 

Zehn 

Tausend 

Wan 

Ban 

Man 

Man 

2.  Erörterung  des  Schiefstehens  der  Augen  bei  den  Japanern  und  einigen  andern  Völkerschaften.  299 


2.  Erörterung  des  Schiefstehens  der  Augen  bei  den 
Japanern  und  einigen  andern  Völkerschaften. 


Das  Schiefstehen  der  Augen,  welches  man  als  ein  bezeichnendes  Merkmal  in  den 
Gesichtszügen  der  chinesischen  Rasse  aufgestellt  hat,  ist  eigentlich  nur  ein  Schief- 
stehen der  Augenlider,  ein  Herabsinken  derselben  gegen  die  Nase.  Es  ist  nicht 


zufällig1,  nicht  gekünstelt2,  sondern 
knochen  dieses  Volksschlages  ge- 
gründete, eigentümliche  Bildung 
der  äufseren  Teile  der  Armen. 

O 

Dieses  scheinbare  Schief- 
stehen der  Augen,  welches  häufig 
zugleich  mit  einer  auffallenden 
Kleinheit  der  Augenöffnung  selbst 
vorkommt,  beruht  auf  dem 
eigenen  Bau  des  Stirnbeines  und 


eine  im  Bau  der  Schädel-  und  Gesichts- 


der  Gesichtsknochen  und  auf 
einer  daraus  unmittelbar  hervor- 
gehenden Bildung  der  Augenlider. 

Am  Stirnbeine  (os  frontis) 
verliert  sich  bei  diesen  Völkern 
der  Augenbrauenbogen  (arcus 
supraciliaris)  als  ein  weniger 
hervorstehender,  aber  breiterer 
Wulst  in  die  Nasenfortsätze 
(processus  nasalis  ossis  frontis), 
welche  unterhalb  der  platten 
Glabella  breiter  und  länger  er- 
scheinen, als  sie  bei  der  kau- 
kasischen Rasse  gefunden  werden, 
und  bei  den  Einschnitten  (inci- 
sura  nasalis)  zur  Aufnahme  der 
Nasenbeine  noch  tiefer  zurück- 
sinken. Auch  der  Nasenfortsatz 
des  Oberkiefers  (processus  nasalis 
ossium  maxillarium  superiorum) 
ist  mehr  eingesunken,  und  es 
wird  so  die  eingedrückte,  platte 
Form  der  eben  dadurch  auch 
verkürzten  Nase  begründet. 


Fig  28.  Vergleichende  Tabelle  der  Augen  bei  den 
verschiedenen  Rassen, 


1 Keine  krankhafte  Veränderung,  wie  Symblepharon,  blepharoptosis  u.  dgl. 

2 Keine  Verlängerung  der  Augenlider  durch  Zerren  und  Ziehen  bewirkt,  wie  uns  Buffon  nach 
Gentil  erzählt,  noch  andere  absichtliche  Entstellungen,  wie  unser  würdiger  Blumenbach  geglaubt  zu 
haben  scheint.  Histoire  naturelle,  Tom.  VI,  pag.  120,  cinquieme  üdition.  — J.  F,  Blumenbachii,  de 
generis  humani  varietate  nativa.  Göttingae  1711,  pag.  48. 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


300 

Die  Jochbeine  (ossa  zygomatica)  treten  durch  die  breiteren  und  längeren  Wangen- 
fortsätze (processus  zygomaticus)  des  Oberkiefers  stärker  hervor  und  werden  an  der 
äufseren  Wand  der  Augenhöhlenfläche  (superficies  orbitalis  ossis  zygomatici)  gegen  den 
Stirnfortsatz  hin  (processus  frontalis  ossis  zygomatici)  dicker;  der  Wangenfortsatz 
des  Stirnbeins  (processus  malaris  ossis  frontis)  verläuft  flacher,  und  bei  seiner  Ver- 
bindung mit  dem  Stirnfortsatze  des  Wangenbeines  weiter  vom  Nasenstachel  (spina 
nasalis)  entfernt,  bildet  er  mit  diesem  einen  weniger  spitzen  Winkel,  wodurch  das 
breite,  platte  Angesicht  dieser  Völker  entsteht. 

Die  Augenlider  (palpebrae)  sind  Falten  der  Haut  des  Gesichtes.  Über  breite, 
platte  Schädel  und  Gesichtsknochen  gezogen,  ist  diese  Haut  bei  weitem  fähiger  für 


Fig.  29.  Abbildung  Komakis,  eines  japanischen  Jünglings.  Fig.  30.  Abbildung  Simoris,  eines  japanischen  Mädcher. 


Ausdehnung  als  bei  der  entgegengesetzten  Schädelbildung  der  kaukasischen  Rasse,  bei 
der  sich  namentlich  um  die  Augenhöhlen  merkliche  Erhabenheiten  und  Vertiefungen 
mit  der  Gesichtshaut  bekleidet  finden.  Durch  die  eingedrückte  Nasenwurzel  wird 
zwischen  den  beiden  Augen  Haut  überflüssig;  durch  die  hervorstehenden  Wangen- 
knochen wird  sie  wieder  in  Anspruch  genommen,  und  während  dort  Erschlaffung, 
entsteht  hier  eine  Spannung,  wodurch  sich  die  Haut  der  oberen  Augenlider  zu 
einer  Falte  bildet,  welche  sich  am  inneren  Augenwinkel  über  das  untere  Augenlid 
schlägt  und  um  so  tiefer  herabzieht,  je  dehnbarer  die  Haut  durch  die  Eindrückung 
der  Nasenwurzel  geworden,  und  je  straffer  die  Ausdehnung  ist,  welche  durch  das 


ig.  31.  Abbildung  eines  japanischen  Knabens.  Fig.  32.  Abbildung  eines  kleinen  japanischen  Mädchens 

Im  gewöhnlichen  Falle  sind  bei  jungen  Individuen  die  inneren  Augenwinkel 
so  weit  durch  die  erwähnte  Hautfalte  bedeckt,  dafs  man  die  Valvula  semilunaris 
und  Caruncula  lacrimalis  kaum  sehen  kann,  und  da  dadurch  der  Thränensee  (lacus 
lacrimalis)  gleichsam  mit  einem  Damme  umgeben  wird,  geschieht  es  häufig,  dafs  sich 
beim  Weinen  die  Thränen  durch  die  Nase  ergiefsen. 

Die  Hautfalte,  welche  sich  bei  den  inneren  Augenwinkeln  in  einer  schiefen 
Richtung  vom  oberen  Augenlide  über  das  untere  herabzieht,  ist  es  nun,  welche  das 
scheinbare  Schiefstehen  der  Augen  selbst  verursacht,  und  eine  solche  Augenbildung 
kann  bei  allen  Völkern  Vorkommen,  in  deren  Schädelbau  die  erwähnten  ursächlichen 
Momente  liegen.  In  geringerem  Grade  bemerkt  man  diese  Hautfalte  bei  unseren 
Kindern.  Sehr  ausgebildet  fand  ich  sie  bei  Javanen,  Makassaren,  Eskimos,  bei  Bo- 
tokuden  und  einigen  andern  aufsereuropäischen  Völkern. 

Bei  den  Japanern  und  Chinesen,  auch  bei  Koreanern  und  Cochinchinesen  findet 
sich  jedoch  noch  eine  merkwürdige  Eigentümlichkeit  in  den  äufseren  Teilen  der 


2.  Erörterung  des  Schiefstehens  der  Augen  bei  den  Japanern  und  einigen  anderen  Völkerschaften,  ^oi 

Hervortreten  der  Wangenknochen  verursacht  wird.  Daher  kommt  diese  Falten- 
bildung bei  jungen  Individuen  häufiger  vor  und  zeigt  sich  bei  Fetten  deutlicher  als 
bei  Mageren. 

Dieser  Überflufs  an  Haut  bedingt  auch  die  Gröfse  der  Augenöffnung.  Je  mehr 
jene  Faltenbildung  und  Spannung  durch  Knochenbau,  Alter,  Fett  oder  andere  Um- 
stände begünstigt  wird,  um  so  kleiner  wird  die  Augenöffnung,  und  ich  bemerkte  einen 
Fall,  wo  mehr  als  ein  Drittel  des  Augenknorpels  (Tarsus)  am  inneren  Augenwinkel 
bedeckt  und  die  Haut  so  straff  darüber  gespannt  war,  dafs  kaum  eine  nur  wenig  Linien 
weite  Öffnung  der  Augenlider  stattfinden  konnte. 


302 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Augen,  indem  nämlich  der  obere  Augenknorpel  beim  Aufschlagen  der  Augen  so  weit 
unter  die  überhängende  Haut  des  oberen  Augenlides  zurücktritt,  dafs  selbst  die  Augen- 
wimpern bis  zur  Hälfte  davon  bedeckt  sind.  Die  Linie,  welche  die  Haut  des  Augen- 
lides gegen  die  inneren  Augenwinkel  bin  beschreibt,  wird  dadurch  schärfer  bezeichnet, 
und  die  schiefe  Bildung  der  Augenlider  tritt  unter  den  ebenfalls  schief  gegen  die 
Schläfe  bin  zugeschorenen  Augenbrauen  noch  deutlicher  hervor. 

Dies  ist  meine  Ansicht  von  den  seither  als  schief,  schmal  und  geschlitzt  be- 
schriebenen Augen  dieses  Volksschlages.  Zu  näherer  Beleuchtung  mögen  die  Ab- 
bildungen einiger  Augen  in  Fig.  28  und  eine  Reihe  Portraits  dienen. 

Erklärung  der  Abbildungen. 


In  Fig.  28,  Nr.  1 ist  das  Auge  eines  jungen  Japaners  dargestellt  und  dessen  Bau 

durch  die  in  Nr.  6 gegebene 


& 


Skizze  nachgewiesen:  a,  b,  c 
zeigen  die  Hautfalte  des  oberen 
Augenlides,  wie  sie  sich  am 
inneren  Augenwinkel  (bei  c) 
über  das  untere  Augenlid 
herabzieht.  Der  Augenknorpel 
d zieht  sich  bei  b unter  die 
erwähnte  Hautfalte  zurück  und 
wird  bei  e und  f so  weit  von 
ihr  bedeckt,  dafs  man  die 
Caruncula  lacrimalis  kaum 
sehen  kann.  Bei  dem  Auge 
eines  Chinesen  (Nr.  3)  be- 
merken wir  ein  ähnliches 
Verlaufen  der  Hautfalte,  der 
Augenknorpel  und  dieCarunc. 
lacrimalis  sind  aber  weniger 
von  ihr  bedeckt.  Sehr  be- 
zeichnend ist  diese  Augen- 
bildungan  dem  oberen  Augen- 

o o 


Fig.  3 3.  Portrait v. Ko-Tsching-Dschang, einem  chinesischen Litteraten/  lide  eines  jungen  Koreaners 

(Nr.  2).  Sein  breites,  plattes, 

volles  Gesicht  begünstigt  sie  ungemein,  und  wir  sehen  den  oberen  Augenknorpel  von 
der  straff  gespannten  Spalte  am  inneren  und  am  äufseren  Augenwinkel  bedeckt.  Zum 
Vergleiche  der  chinesischen  Rasse  mit  der  ihr  verwandten  malaischen  ist  in  Nr.  4 
das  Auge  eines  jungen  Buginisen  von  Celebes  und  in  Nr.  5 das  eines  Ureinwohners 
von  Borneo,  eines  jungen  Dajak  beigesetzt.  An  dem  ziemlich  grofsen  offenen  Auge, 
welches  der  östlichen,  rein  malaischen  Rasse  eigen  ist,  läfst  sich  schon  eine  deutliche 
Spur  der  mehrerwähnten  Falte  des  oberen  Augenlides  erkennen,  und  bei  dem  diese 
Bildung  begünstigenden  Schädelbau  des  Dajak  finden  wir  sie  noch  deutlicher  ausgebildet. 
Fig.  29.  Komaki,  ein  japanischer  Jüngling. 

Fig.  30.  Simori,  ein  japanisches  Mädchen  von  etwa  achtzehn  Jahren. 

Fig.  31.  Ein  japanischer  Knabe  von  zwölf  Jahren. 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


303 


Fig.  32.  Ein  japanisches  Mädchen  von  gleichem  Alter  wie  der  Knabe.  Beide 
Bildnisse  tragen  sehr  bezeichnende  Merkmale  der  erwähnten  Augenbildung. 

Fig.  33.  In  dem  sprechend  getroffenen  Bildnisse  meines  chinesischen  Freundes 
Ko-Tsching-Dschang  hat  der  Zeichner  den  groben  Bau  der  Gesichtsknochen  und  die 
scharf  markierten  Züge,  welche  die  mehrnördlichen  Bewohner  von  China  charakterisieren, 
treu  aufgefafst,  und  dies  Bildnis  kann  als  ein  Muster  des  chinesischen  Volksschlages 
aufgestellt  werden. 

<«> 

3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der 

Kriegskunst. 

Von  den  Waffen. 

Die  Kenntnis  der  japanischen  Waffen  ist  gleich  wichtig  für  Altertums-  und  Völker- 
kunde, wie  für  die  Geschichte  der  Kriegskunst.  Denn  die  Bewohner  der  japanischen 
Inseln  haben,  abgeschnitten  vom  Festlande  Asien,  in  ihren  Waffen  den  Typus  jener 
Stämme,  aus  denen  sie  selbst  hervorgegangen,  ein  Jahrtausend  länger  und  in  jeder 
Hinsicht  reiner  bewahrt,  als  die  Völker  auf  dem  vielbewegten  Schauplatz  der  alten 
Welt.  Dort  begegneten  sich  im  fernsten  Altertum  rohe  und  gebildete  Stämme, 
welche  aus  den  verschiedensten  Himmelsgegenden  miteinander  in  Krieg  und  Frieden 
in  Berührung  kamen  und  sich  gegenseitig  mit  den  Mitteln  und  Werkzeugen  bekannt 
machten,  welche  sie  zum  Schutze  oder  zum  Angriff  erfunden  hatten. 

Woher  auch  die  ersten  Bewohner  dieser  Inseln  stammen,  es  waren  jedenfalls 
Jäger  und  Fischer,  die  entweder  ihre  Waffen  mitgebracht  hatten  oder  sie  den  heimat- 
lichen Mustern  nachbildeten,  um  in  der  neuen  Heimat  sich  gegen  Feinde,  gleich- 
viel ob  reifsende  Tiere  oder  Räuber,  zu  wehren  und  scheues  Wild  zu  erlegen.  Das 
Kriegs-  und  Jagdzeug  der  ältesten  Bevölkerung  der  japanischen  Inseln  gehört  ihr  somit 
als  Erbe  des  Stammes,  von  dem  sie  ausgegangen,  oder  als  selbstgeschaffenes  Eigentum  an. 

Waren  auch  diese  Geräte  nur  wenige  und  einfache,  für  die  Wissenschaft  hat 
eine  genauere  Kenntnis  derselben  hohes  Interesse ; denn  es  handelt  sich  um  ein  Insel- 
volk, das  abgeschieden  zwischen  beiden  Kontinenten  dasteht,  und  bei  dem  wir  den 
Typus  aufzufinden  hoffen,  der  uns  die  Urwaffen  des  Menschen,  wovon  wir  in  der 
alten  und  neuen  Welt  Überreste  von  auffallender  Ähnlichkeit  gefunden  haben,  näher 
bestimmen  hilft.  Von  diesem  Gesichtspunkt  aus  betrachtet,  werden  dergleichen  archäologi- 
sche Forschungen  bedeutsamer,  wenn  auch  ihre  Ergebnisse  nicht  so  reichhaltig  ausfallen. 

Was  wir  an  Waffen  bei  den  alten  Japanern  finden,  ist  alles  äufserst  einfach. 
Eine  Lanze,  Bogen,  Pfeil  und  Wurfspiefs  waren  die  Gewehre;  Helme,  panzerartige 
Bedeckungen  und  Schilde  die  Schutzwaffen.  Dem  Holz  und  Bambusrohr  wurde  ihre 
Schnellkraft  entliehen,  harte  Steine  oder  Bein  zu  Spitzen  des  Geschosses  verwertet 
und  das  Gefieder  von  Adlern  und  andern  Vögeln  zu  dessen  Beflügelung.  Messer, 
Beile  und  andere  schneidende  Werkzeuge  kamen  hinzu,  gleichfalls  von  Stein.  Diese 
alten  steinernen  Pfeilspitzen,  nach  Form  und  Gröfse  verschieden,  Messer,  Beile  und 
dergleichen  Überreste,  die  man  noch  in  alten  Gräbern  und  Höhlenwohnungen  findet 
und  in  Gebirgen  an  jenen  Stellen,  die  in  der  Vorzeit  bewohnt  waren,  aus  dem 
Schutte  gräbt,  sind  denjenigen  gleich,  welche  man  unter  skandinavischen  Altertümern, 


304 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


in  den  Gräbern  der  Germanen  vorgefunden,  in  Sibirien,  in  Süd-  und  Nordamerika 
ausgräbt,  und  welche  noch  heutzutage  von  den  Inselbewohnern  des  stillen  Ozeans  und 
einigen  Stämmen  auf  der  Nordwestküste  von  Amerika  benutzt  werden. 

Wir  werden  also  im  Verlaufe  dieser  Abhandlung  auch  auf  den  japanischen  Inseln 
entdeckte  Urwaffen  näher  kennen  lernen  und  zur  Einsicht  gelangen,  dafs  sie  demselben 
Volke,  welches  noch  jetzt  die  Hauptbevölkerung  dieses  Inselmeeres  ausmacht,  an- 
gehörten. Bei  dieser  Untersuchung  werden  uns  seine  Nachkommen,  heute  unstreitig 
das  gebildetste  Volk  von  Asien,  durch  ihre  literarischen  Mitteilungen  als  Wegweiser  dienen 
und  die  durch  Jahrtausende  verwischten  Fufsstapfen  ihrer  Voreltern  aufsuchen  helfen. 

Sind  einmal  die  Merkmale,  welche  die  Kriegs-  und  Jagdgeräte  des  japanischen 
Urvolkes  an  sich  trugen,  mit  Sicherheit  nachgewiesen,  so  wird  das  Fremde,  welches 
hinzukam,  seit  das  Volk  aus  dem  Dunkel  der  Sagenzeit  trat,  sich  um  so  bestimmter 
und  schärfer  unterscheiden  lassen  und  dadurch  von  Japan  aus  der  Völkerkunde  wie 
der  Geschichte  der  Kriegskunst  wichtige  Beiträge  erwachsen. 

Bis  zum  siebenten  Jahrhundert  vor  der  christlichen  Zeitrechnung  haben  die  Be- 
wohner der  japanischen  Inseln  den  Urtypus  ihrer  Waffen,  gleich  jenem  ihrer  Religion, 
ihrer  Sitten  und  Gebräuche,  frei  von  fremden  Einflüssen  erhalten.  Selbst  -dann  noch, 
als  Zinmu  Tenwo  seine  siegreichen  Scharen  ins  Herz  von  Jamato  führte  und  dort  mit  ihnen 
festen  Fufs  fafste  (66 i v.  Chr.),  ging,  die  nächste  Umgebung  des  Eroberers  ausge- 
nommen, von  der  alten  Form  der  Waffen  beim  Volke  selbst  nur  wenig  verloren. 
Neuerungen  fanden  nur  spärlich  Eingang.  Wir  können  dies  als  sehr  wahrscheinlich 
annehmen.  Auch  verdankte  Zinmu  seine  Überlegenheit  nicht  so  sehr  etwaigen  fremden 
Waffen,  die  er  einführte,  als  dem  Geiste,  womit  er  einige  Horden  der  Eingebornen 
zu  beseelen  wufste,  als  er  von  Kiusiu  aus  seine  Eroberungen  nach  Osten  und  Norden 
hin  begann.  Denn  jene  Voreltern  des  Eroberers,  die  in  vorgeschichtlichen  Zeiten  ab- 
sichtlich oder  zufällig  nach  Japan  gelangten,  konnten  nur  einzelne  wenige  Individuen 
gewesen  sein,  die  auf  beschränkten  Fahrzeugen  einem  unbekannten  Meer  sich  anver- 
trauten; sonst  würden  sie  nicht  erst  viele  Generationen  hindurch  der  Ruhe  bedurft 
haben,  um  durch  eigenen  Nachwuchs  zu  erstarken  und  die  dortigen  Eingebornen  um 
sich  zu  sammeln,  ehe  ein  später  Enkel  von  ihnen  zur  Eroberung  des  übrigen  Landes 
schreiten  konnte.  In  diesem  Sinne  darf  daher  der  Japaner  den  Ausspruch  wagen,  dafs 
die  Bevölkerung  seines  Landes  auf  dem  eigenen  Boden  noch  von  keiner  fremden 
Heeresmacht  besiegt  worden  ist.  Nur  die  Jahrtausende,  welche  die  Mythe  Zinmus 
Voreltern  — die  sogenannten  fünf  Generationen  der  Erdengötter  — auf  dem  süd- 
westlichen Ende  Japans  herrschen  läfst,  wollen  wir  auf  einige  Jahrhunderte  er- 
mäfsigen  — Zeit  genug,  dafs  sie  sich  mit  den  früheren  Einwohnern  zu  einem  Stamme 
verschmelzen  konnten. 

Dafs  Zinmus  Ahnen  von  einem  civilisierteren  auswärtigen  Volke  stammten,  geht 
mit  ziemlicher  Zuverlässigkeit  aus  dem  Lauf  der  Begebenheiten  hervor.  China  oder 
die  Halbinsel  Korea  scheint  ihr  Vaterland  gewesen  zu  sein.  Diese  Vermutung  ist 
nicht  allein  wahrscheinlich,  sondern  wird  selbst  ganz  annehmbar,  wenn  wir  die  viel- 
fachen Völkerbewegungen  auf  dem  asiatischen  Hochlande,  die  Einfälle  mongolischer 
Barbaren  und  die  inneren  Unruhen,  wodurch  China  bereits  zwölf  Jahrhunderte  vor 
unserer  Zeitrechnung  erschüttert  und  seine  Bewohner  leicht  zu  Auswanderungen  ge- 
trieben wurden,  in  Erwägung  ziehen.  Schwebt  uns  doch  ganz  derselbe  Fall  in  der 
Gründung  Dschao-siens,  des  geschichtlich  ältesten  Staates  der  koreanischen  Halbinsel 


3 . Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


305 


vor,  wo  gleichfalls  ein  Auswanderer  aus  China,  an  Kultur  überlegen,  sich  über  die 
ansässigen  Stämme  zum  Oberherrn  aufschwang,  zur  selben  Zeit,  als  in  China  auf  den 
Trümmern  der  Dynastie  Schang  sich  die  der  Dscheu  erhob.  Aufgeklärte  Japaner,  die 
diesen  Punkt  zum  Gegenstand  ihrer  Forschung  machten,  teilen  selbst  die  hier  aus- 
gesprochene Ansicht. 

Dafs  der  Eroberer  Jamatos,  als  fremden  Ursprungs,  auf  seinem  Feldzuge  auch 
fremde  Waffen  mit  sich  führte,  wenn  auch  nur  als  Machtzeichen  seiner  Ahnen,  halten 
wir  daher  nicht  nur  für  möglich,  sondern  selbst  für  wahrscheinlich,  sie  mögen  nun 
alte  Familienstücke,  oder  solchen  nachgebildet  gewesen  sein.  Und  in  der  That,  die 
Waffen,  Kriegszeichen  und  andere  Kleinodien,  welche  wir  auf  Votivbildern  und  in 
japanischen  Bilderbüchern,  worin  einzelne  Momente  aus  jenem  Eroberungszuge  dar- 
gestellt sind,  beobachten,  deuten  auf  einen  fremden  Ursprung  hin.  Selbst  die  Klei- 
dung und  Rüstung,  worin  man  den  Helden  und  seine  Krieger  auftreten  läfst,  die 
Bauart  der  Fahrzeuge,  womit  er  an  den  Küsten  von  Naniwa  und  Kii  landet,  wenn- 
gleich auf  japanischem  Boden  gezimmert,  tragen  ein  fremdes  Gepräge,  das  man  beim 
ersten  Blick  für  altchinesisch  oder  altkoreanisch  erkennen  mufs. 

Wir  sind  indessen  weit  entfernt,  dergleichen  Darstellungen  in  allen  Einzelheiten 
als  annehmbar  zu  verbürgen  oder  gar  unsere  Folgerungen  blofs  darauf  zu  gründen.  Der 
japanische  Historienmaler  mufste  in  der  Einkleidung  und  Ausstattung  eines  Gegen- 
standes, der,  an  die  Grenzen  der  vorgeschichtlichen  Zeiten  streifend,  noch  halb  in 
Sagen  gehüllt  ist,  seine  Zuflucht  zu  Formen  nehmen,  welche  seiner  Vorstellung  über 
die  betreffende  Zeit  entsprachen.  Auf  jeden  Fall  werden  wir  nicht  ungerecht  gegen 
ihn  sein,  wenn  wir  ihn  auf  gleiche  Stufe  historischer  Bildung  mit  unsern  alten  ehr- 
würdigen Bibelmalern  setzen,  welche  Paradies  und  Hölle  mit  den  geschichtlichen  Attri- 
buten der  Zeit,  in  der  sie  selbst  lebten,  ausstatteten  oder  auch  mit  unsern  Historien- 
malern des  16.  Jahrhunderts,  welche  ihre  deutschen  Ritter  auf  dem  Schlachtfelde  von 
Marathon  für  die  griechische  Freiheit  kämpfen  lassen. 

Von  der  Gründung  des  Japanischen  Reiches  bis  zum  Schlüsse  unsers  zweiten 
Jahrhunderts  erhielten  Waffen  und  Kriegskunst,  wenn  auch  langsam,  mehr  und  mehr 
Ausbildung.  Vielfache  Kriege  mit  den  Urbewohnern  des  Nordens  der  Insel  Nippon 
und  wiederholte  Expeditionen  gegen  einige  Stämme  auf  Kiusiu,  die  hartnäckig  ihre 
Unabhängigkeit  gegen  die  Herrscher  von  Jamato  behaupteten,  gaben  vielfach  Anlafs 
zur  Vervollkommnung  der  Kriegswaffen.  Da  warf  des  Mikado  Tsiuai  jugendliche 
Gemahlin  den  Blick  auf  die  Nachbarn  jenseits  des  Meeres,  namentlich  auf  Sinra,  von 
wo  aus  der  Geist  des  Widerstandes  auf  Kiusiu  bisher  angeregt  worden  war.  Die 
feindseligen  Nachbarn  sollten  auf  ihrem  eigenen  Boden  gezüchtigt  werden.  Der  Mikado 
war  selbst  auf  den  kühnen  Plan  nicht  eingegangen,  als  aber  ein  jäher  Tod  ihn  hinweg- 
gerissen hatte,  übernahm  die  Gemahlin,  gefeiert  unter  dem  Namen  Zingo  Kogo,  die  Zügel 
der  Regierung,  stellte  sich  an  die  Spitze  eines  Heeres  und  zog,  ihren  greisen  Feldherrn 
Takenoutsi  zur  Seite,  gegen  Sinra  (siehe  Fig.  36).  Vom  Himmel  und  Meere  begünstigt, 
erreicht  die  Flotte  die  Küsten  des  asiatischen  Festlandes.  Mit  einem  einzigen  Schlage  ent- 
scheidet die  Überlegenheit  der  japanischen  Tapferkeit  das  Los  der  koreanischen  Halbinsel. 
Die  Staaten  Sinra,  Kaori  und  Petsi  huldigen  der  Oberhoheit  Japans.  Das  Heer,  das  bei 
Beginn  des  Winters  im  Jahre  200  n.  Chr.  zum  erstenmal  den  Boden  des  asiatischen 
Festlandes  betreten,  sichert  in  Monatsfrist  die  Eroberung  durch  Besetzung  einiger  mili- 
tärischen Punkte  und  kehrt  mit  Beute  und  Geiseln  heim.  Der  Sohn,  den  Zingo  kurz 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2.  Anfl. 


20 


30 6 Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

nach  der  Rückkehr  auf  heimischem  Boden  gebar,  wird  neben  seiner  Mutter  und  ihrem 
erfahrenen  Feldherrn  noch  heute  mit  göttlichen  Ehren  verehrt.  Dieser  Zug,  der  eine 
bedeutende  Epoche  in  der  japanischen  Geschichte  bildet,  entflammte  den  bereits  von 
Zinmu  angefachten  kriegerischen  Geist  der  Nation,  und  in  Sagen  und  Erzählungen  fort- 
lebend, regte  er  noch  in  spätesten  Zeiten  die  Nachkommenschaft  zur  Nachahmung  an. 

Die  Vorbereitungen  zu  dem  auswärtigen  Kriege  führten  selbstverständlich  eine 
Vervollkommnung  kriegerischer  Werkzeuge  herbei.  Das  Zusammentreffen  mit  einem 
Volke,  welches  auf  einer  höheren  Stufe  der  Gesittung  stand,  konnte  nicht  lange  ohne 
Rückwirkung  auf  die  Sieger  bleiben;  es  mufste  der  Kultur  einen  bedeutenden  Auf- 
schwung geben,  da  sie  nach  Willkür  mit  dem  Eigentum  der  Besiegten  schalten,  das 
Vorzüglichste  sich  aneignen  konnten.  Nun  aber  hatte  auf  der  koreanischen  Halbinsel, 
infolge  mehrfacher  Verbindungen  mit  China,  Landbau,  Kunst  und  Gewerbsfleifs  des 
Reiches  der  Mitte  längst  festen  Fufs  gefafst,  und  die  Einwohner,  deren  Sitten  sich 
dadurch  verfeinert,  hatten,  mit  den  übrigen  Zweigen  der  Bildung,  auch  in  Waffen 
und  Kriegswesen  den  chinesischen  Typus  angenommen,  der  nun  wieder  mit  den 
koreanischen  Trophäen  hinüber  nach  Japan  verpflanzt  wurde. 

Der  jetzt  eröffnete  Verkehr  Japans  mit  seinen  überseeischen  Nachbarn  wurde 
von  Jahr  zu  Jahr  lebhafter.  Der  südliche  Teil  der  Halbinsel  blieb  lange  Japan  zins- 
bar. Kolonisten,  Landbauer,  Handwerker,  Künstler  und  später  Gelehrte  fuhren  hinüber; 
Gesandtschaften  kamen  und  gingen,  und  die  Verweigerung  des  Tributs,  namentlich 
von  seiten  Sinras,  gab  Japan  mehrmals  Anlafs  zu  neuen  Expeditionen. 

Auch  mit  China  wurden,  kurz  nach  dem  ersten  koreanischen  F.eldzuge,  Ver- 
bindungen angeknüpft,  die  in  der  Folge  Japan  mit  der  Kriegskunst  des  Reiches  der 
Mitte  bekannt  machten.  Spätere  Jahrhunderte  zeigten,  wie  überlegen  der  japanische 
Krieger  dem  chinesischen  ist;  denn  dem  dreimal  stärkeren  Feinde  hatte  er  ruhmvoll 
die  Spitze  geboten,  als  er  unter  Taiko  Hidejosi  mit  den  Waffen  in  der  Hand  zum 
letztenmal  den  koreanischen  Boden  betrat. 

Ungeachtet  dieses  Einflusses,  den  der  Zusammenstofs  mit  auswärtigen  Völkern 
auf  die  Ausbildung  der  Waffen  und  der  Kriegskunst  unserer  siegreichen  Inselbewohner 
hatte,  erhielt  sich  doch  an  den  gewöhnlichen  Angriffs-  und  Schutzwaffen  ein  beson- 
deres, eigentümliches  Gepräge,  das  sie  bis  auf  den  heutigen  Tag  auffallend  von  denen 
ihrer  Nachbarn  unterscheidet.  Auch  akurate  und  solide  Herstellung  giebt  ihnen  vor 
jenen  den  Vorzug.  Die  grofsen  Bogen,  wovon  die  Japaner  bei  alten  chinesischen  Ge- 
schichtsschreibern den  Namen  Ta  kong  tse,  Räuber  mit  grofsen  Bogen,  erhalten,  führen 
sie  noch  jetzt,  und  ihre  Säbelklingen  werden  bei  Chinesen  und  Koreanern  hoch  geschätzt. 

Gegen  die  Mitte  des  sechzehnten  Jahrhunderts  (1543)  lernten  die  Japaner  auch 
das  europäische  Feuergewehr  kennen,  und  die  bald  darauf  ausbrechenden  Bürger- 
kriege, der  Einfall  in  Korea  unter  dem  gewaltigen  Taiko  Hidejosi  und  die  Ver- 
folgung der  Christen  bewirkten,  dafs  es  ziemlich  allgemein  in  Aufnahme  kam.  Es  ist 
dabei  merkwürdig,  dafs  die  früher  gebräuchlichen  Waffengattungen  durch  diese  neue, 
ungleich  wirksamere,  nicht  wie  es  in  Europa  der  Fall  war,  verdrängt  wurden.  Durch 
Gewohnheit  liebgewonnen,  behaupteten  sie  sich  zugleich  mit  der  alten  Taktik  und 
wurden  selbst  noch  mehr  vervollkommnet,  während  die  Feuerwaffe  in  Japan  noch 
heutigen  Tages  ein  genaues  Nachbild  des  Luntengewehres  ist,  welches  die  portugiesischen 
Entdecker  dieses  Landes  eingeführt  hatten.  Wir  wollen  nun  die  Waffen  der  Japaner 
betrachten. 


3-  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 

b 


307 


n 


0 


Fig.  34.  Bogen  und  Pfeile. 


Angriffswaffen.  Der  Bogen  (Jumi). 

Bogen  und  Pfeil,  Spiels  und  Lanze  sind  die  ältesten  Angriffswaffen  der 
Japaner.  Wie  die  Chinesen  den  Ursprung  der  ersteren  in  die  ersten  Zeiten  ihrer 
Geschichte  setzen  — die  Völker  Hoangtis  sollen  sich  derselben  bedient  haben  — , so 
legt  auch  die  Mythe  der  Japaner  diese  Urwaffe  der  Göttin  der  Sonne  bei,  welche 
sich  derselben  zur  Bekämpfung  des  Mondgottes  bediente.  Auch  ihre  Enkel,  zur 

20* 


jo8  Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Erde  gesendet,  um  die  Bewohner  der  schilfumsäumten  Inseln  zu  unterwerfen,  treten 
damit  auf. 

Dafs  die  Urbewohner  der  japanischen  Inseln  Bogen  und  Pfeile  führten,  geht 
aus  der  ältesten  Geschichte  hervor.  Die  wilden  Stämme  im  Innern  von  Nippon 
empfingen  Zinmu  mit  einem  Pfeilregen,  wobei  einer  seiner  Brüder  tödlich  ver- 
wundet ward. 

Zinmus  Nachfolger,  der  Mikado  Suisei  (581  v.  Chr.),  liefs  schon  Pfeile  mit 
eisernen  Spitzen  hersteilen.  Bereits  damals  bestanden  eigene  Zünfte  zur  Anfertigung 
von  Bögen,  Pfeilen  und  Pfeilspitzen.1 

Der  japanische  Bogen  ist,  wie  gesagt,  gröfser  als  jener  der  Bewohner  des  be- 
nachbarten Festlandes.  Ausgezeichnete  Helden  führten  solche  von  ungewöhnlicher 
Länge  und  Stärke  und  dazu  schwere  Pfeile,  wie  man  deren  unter  andern  noch  von 
dem  berühmten  Krieger  Tametomo  (1170)  aufbewahrt. 

Die  jetzt  gebräuchlichen  Bögen  haben  in  ihrer  Spannung  gewöhnlich  die  Länge 
von  zwei  Metern.  Sie  bestehen  nicht  aus  einem  einzigen  Stücke,  wie  es  bei  den 
meisten  anderen  Völkern  der  Fall  ist,  sondern  aus  drei  und  mehreren  Blättern,  die 
mit  vieler  Kunst  schichtenweise  aufeinander  gefügt  und  mit  Leim  vereinigt  werden. 
Bambusspäne  bilden  die  Aufsenseiten  und  bedecken  den  dickeren  mittleren  Stab,  der 
von  Wachsbaum-  oder  Weidenholz  ist.2  Zum  Bogen  geformt  und  glatt  geschabt,  wird 
sodann  der  Stab  sorgfältig  mit  feinem  Hanfsplint  umwickelt,  mit  einigen  Zoll  breiten 
Gebinden  von  Rotang3  in  bestimmten  Zwischenräumen  umwunden  und  zuletzt  künst- 
lerisch schwarz  und  rot  lackiert.  Die  eigentümliche,  geschmackvolle  Biegung,  welche 
der  Bogen  im  Spannen  annimmt,  scheint  dadurch,  dafs  man  die  Rotanggebinde  in 
gewissen  Entfernungen  anlegt,  bewirkt  zu  werden;  denn  die  freien  Stellen  biegen  sich 
um  so  mehr,  je  weiter  die  Gebinde  von  einander  abstehen.  Der  abgespannte  Bogen 
bildet  einen  ziemlich  regelmäfsigen  Abschnitt  einer  Kreisfläche.  Beim  Spannen  wird 
er  nach  der  entgegengesetzten  Seite  gebogen,  so  dafs  er  die  in  Fig.  34  p ge- 
gebene Form  annimmt.  Abgespannt  und  losgelassen,  schnellt  er  wieder  mit  aller 
Kraft  in  seine  frühere  natürliche  Lage  zurück;  ein  Umstand,  auf  den  ich  - besonders 
aufmerksam  mache.  Die  chinesischen,  mongolischen  und  persischen  Bogen  haben  diese 
Eigenschaft  mit  dem  japanischen  gemein,  nicht  so  jene  der  Bewohner  der  neuen  Welt 
und  Australiens. 

Der  japanische  Soldat,  der  seinen  Bogen  wahrhaft  systematisch  studiert,  berück- 
sichtigt daran  zunächst  folgende  sechs  Eigenschaften : Stärke  des  Holzes,  Federkraft, 
Leimung,  die  Umwicklung  mit  Hanfsplint,  die  Rotanggebinde  und  endlich  die  Lackierung. 
Für  die  verschiedenen  Teile  und  Stellen  dieser  Waffe  hat  er  seine  angenommenen 
Kunstwörter,  wovon  wir  einige  nennen  wollen.  Kata,  die  «Schultern»,  an  den  Bogen- 
enden (Juhazu),  woran  die  Sehne  mit  ihren  Schlingen  befestigt  wird;  Ju-tsuka,  der 
«Bogengriff»,  der  sich  unterhalb  der  Mitte  befindet  und  mit  Leder  oder  Blech  belegt 
ist.  Auch  die  sogenannten  Schultern  werden,  um  der  Sehne  einen  helleren  Klang  zu 
geben,  bei  öffentlichem  Bogenschiefsen  mit  Kupfer-  oder  Bleiblättchen  gefüttert,  die 
daher  Oto  kane,  Klangerz,  heifsen. 


1 Nipponki,  IV,  Blatt  2. 

2 Rhus  succedaneum  (Hase).  Salix  Japonica  (Ito-janagi).  Bambusa  Mataka  und  B.  Möso. 

3 Calamus  Rotang;  ein  Artikel  der  Einfuhr. 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


309 


Die  Sehne  (Tsuru),  auf  deren  Güte  ebensoviel  wie  auf  die  des  Bogens  ankommt, 
wird  aus  ausgesuchten  langen  Stücken  Hanfsplints  verfertigt  und  nur  einfach  gedreht. 
Nach  den  Enden  zu  ist  sie  dicker,  und  die  Schlingen  zum  Anheften  werden  mit 
Streifen  feinen  Seidenzeuges  umwunden.  Im  Mittelalter  pflegte  man  die  Sehne  mit 
Harz  oder  Fett  zu  bestreichen  und  zu  lackieren,  und  man  verfuhr  darin  sehr  um- 
ständlich. Gegenwärtig  geschieht  es  nicht  mehr.  Man  spricht  auch  von  klingenden 
Sehnen,  womit  man  in  älteren  Zeiten  bei  der  Runde  im  Lager  die  Stunden  angab, 
wofür  jedoch  später  hölzerne  Klappern  eingeführt  wurden.  Die  ausgestellten  Wachen 
schlugen  bei  Annäherung  feindlicher  Patrouillen  ihre  Bogensehne  an,  wie  es  heifst, 
zur  Warnung,  ähnlich  unserem  «Wer  da?»  — Dafs  der  Aberglaube  auch  Zauberkraft 
im  Klange  der  Sehne  suchte,  wird  uns  eben  nicht  befremden.  Man  wähnte  durch  ihn 
vor  bösem  Einflüsse  sich  zu  wahren  und  Zaubersprüche  von  seiten  der  Weiber  zu 
entkräften.  Wenn  der  Mikado  sich  morgens  das  Wasser  zum  Waschen  schöpft,  so 
lassen  drei  seiner  Diener  (Kuraudo)  ihre  Bogensehnen  klingen,  um  etwaigen  bösen 
Einflufs  abzuwehren.  Also  nicht  blofs  mit  geweihten  Glöckchen  waffnete  der  Aber- 
glaube sich  gegen  den  Bösen,  er  griff  auch  zum  klingenden  Bogen. 

Zur  Aufbewahrung  seiner  vorrätigen  Sehnen-  führt  der  Soldat  einen  eigenen 
Sack.  In  früheren  Tagen  befestigte  man  sie  zusammengerollt  nur  an  der  Scheide 
des  Dolches.  Wir  sehen  dies  an  der  Rüstung  des  Helden  Takenoutsi  auf  Fig.  36. 

Von  den  Pfeilen  (Ja). 

Die  Erfindung  der  Pfeile  fällt  natürlich  mit  der  des  Bogens  zusammen.  In 
ethnographischer  Hinsicht  beschäftigt  uns  die  Frage,  ob  die  Pfeile  der  frühesten 
Bewohner  Japans  gefiedert  waren  oder  nicht.  Einige  Stellen  aus  den  mythologi- 
schen Schriften  dieses  Volkes  sprechen  für  das  erste,  indem  sie  den  vorgeschicht- 
lichen Heroen  Pfeile  beilegen,  die  zweiflügelig  waren.  Es  sind  dies  die  sogenannten 
Haha  baja. 

Diejenigen  Völker,  welche  aus  Mangel  an  hartem  Schilfrohr  oder  Bambus  ihre 
Pfeile  von  Holz,  gewöhnlich  von  Coniferen,  machten,  versahen  sie  mit  Gefieder,  um 
dadurch  die  denselben  abgehenden  Eigenschaften  eines  leichten,  hohlen  Rohres  zu 
ersetzen.  Die  Pfeile  aller  nördlichen  Bewohner  vom  alten  und  neuen  Kontinent 
sind  von  Holz  und  daher  gefiedert,  die  der  Bewohner  der  heifsen  Zonen  dagegen 
von  Rohr  und  gewöhnlich  ungefiedert.  Findet  man  nun  Völkerschaften  im  Süden 
unserer  gemäfsigten  Zone,  welche  ihre  aus  Rohr  geschnittenen  Pfeile  noch  überdies 
mit  Gefieder  versehen,  so  läfst  sich  daraus  füglich  der  Schlufs  ziehen,  dafs  sie  ein 
solches  Machwerk,  worin  beide  Vorteile  sich  vereinigen,  ihrer  nördlichen  Ab- 
kunft oder  dem  Verkehre  mit  nördlichen  Stämmen  zu  verdanken  haben.  Bei 
unseren  Japanern  wenigstens  ist  das  eine  ausgemachte  Sache.  Sie  verfertigen  ihre 
Pfeile  aus  einer  eigenen  Bambusart,  ihrem  sogenannten  Jatake,  Pfeilbambus,  und  be- 
flügeln sie  mit  den  Schwung-  oder  Schwanzfedern  von  Falken  und  anderen  Vögeln, 
was  den  Flug  derselben  nicht  nur  sehr  beschleunigt,  sondern  sie  auch  erstaunlich 
weit  trägt. 

Bei  den  Chinesen  und  Japanern  bilden  die  Bogen-  und  Pfeilmacher  zwei  ver- 
schiedene Handwerke.  Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache.  Pfeile  verschiefst  man,  wie 
bei  uns  Pulver  und  Blei,  in  Menge,  während  ein  einziger  Bogen,  oft  von  Voreltern 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


3 io 

ererbt,  jahrelang  hinreicht.  Beide  Nationen  machen  viel  Aufhebens  von  ihren  Pfeil- 
geschossen und  unterscheiden  mancherlei  Arten,  je  nach  ihrer  Art  und  Gebrauch.  Auch 
für  den  Pfeil  haben  Soldat  und  Jäger  eine  besondere  Terminologie.  Sie  nennen  den 
Schaft  Jakara,  die  Spitze  Jasaki,  das  Hinterteil  Jahadsu,  die  Kerbe,  womit  er  auf  der 
Sehne  angesetzt  wird,  Ja  nakano  fusi,  das  Gefieder  Ha  und  bezeichnen  selbst  die 
Gebinde  zur  Befestigung  des  Gefieders  und  der  Spitzen,  wie  auch  die  Knoten  des 
Bambusschaftes  mit  besonderen  Namen.  Es  mag  letzteres  nicht  ganz  ohne  Zweck  sein, 
und  es  wird  dem  Schützen  zur  Angabe  eines  Mafsstabes  dienen,  wie  weit  er  den 
Pfeil  anzuziehen  hat,  um  eine  bestimmte  Kraft  hervorzubringen.  Der  Schaft  besteht, 
wie  gesagt,  aus  einer  besonderen  Bambusart,  welche  sich  durch  ihren  schlanken, 
senkrechten  Wuchs,  bei  einem  festen  und  doch  leichten  Holze,  vor  anderen  dazu 
eignet.  Er  wird  gewöhnlich  über  Feuer  mit  Öl  gebräunt.  Hin  und  wieder  trifft  man 
wohl  auch  bemalte  oder  mit  farbigem  Papier  verzierte  Pfeile.  Der  Schaft  hat  sein 
bestimmtes  Mafs  und  ist  in  der  Regel  0,900  m lang,  0,010  m dick.  Am  hinteren 
Ende,  das  mit  einem  Knoten  aufhören  mufs,  ist,  gerade  noch  unterhalb  desselben,  die 
mehr  oder  weniger  tiefe  Kerbe  eingeschnitten,  die  in  die  Sehne  greift  (Fig.  34  b). 
Etwa  0,045  m höher  beginnt  das  Gefieder,  zwei  bis  drei,  höchstens  vier  Federn, 
die  der  Länge  nach  durchschnitten,  angeleimt  und  noch  überdies  mit  Hanfsplint 
umwickelt  sind.  Das  Gebinde  wird  noch  besonders  mit  rotem  oder  schwarzem 
Lack  überzogen,  was  den  Pfeilen  ein  gefälliges  Aussehen  giebt.  Mit  der  Güte,  Farbe 
und  Zeichnung  des  Gefieders,  das  man  von  Adlern,  Falken,  Kranichen,  wohl  auch  von 
Enteil,  Gänsen  und  selbst  Fasanen  nimmt,  wird  eine  wahre  Spielerei  getrieben.  Man 
zählt  an  fünfzig  verschiedene  Arten,  deren  jede  einen  eigenen,  bedeutsamen  Namen 
führt  und  nach  charakteristischen  Merkmalen  genau  klassifiziert  ist;  eine  Bereicherung 
an  unfruchtbaren  Kenntnissen,  die  der  Japaner  den  Oberjägern  und  Schützenmeistern 
seiner  Reichsgrofsen  zu  verdanken  hat,  welche  dort,  zumal  an  den  Höfen,  ihrem  be- 
schränkten Thun  und  Wissen  einen  wissenschaftlichen  Anstrich  zu  geben  suchen.  Der 
lange  Friede  hat  das  Seine  dazu  beigetragen. 

Wir  wenden  uns  zur  Spitze  des  Pfeiles,  an  der  wir  das  Material,  die  Form 
und  die  Art  der  Befestigung  am  Schafte  zu  berücksichtigen  haben.  Pfeile  zur 
Übung  und  Belustigung  haben  Spitzen  von  Holz,  Horn  und  Eisen,  welche  stumpf, 
oft  selbst  platt  sind.  Die  Form  wechselt  vom  pfriemförmigen  ins  lanzett-,  lierz- 
und  gabelförmige,  und  der  Geschmack  an  Mannigfaltigkeit  hat  selbst  halb- 
mond-,  kreuz-  und  keulenförmige  eingeführt.  Die  breiteren  sind  häufig  mit  Blumen 
durchbrochen.  Die  gewöhnlichsten  Formen  findet  man  auf  Fig.  34  c,  d,  g,  h,  i,  k,  1,  in 
abgebildet.  Was  die  Anheftung  betrifft,  so  sind  sie  meistens  mittelst  eines  langen 
Stieles  in  den  Schaft  eingesetzt  oder  sie  bedecken  kapselähnlich  die  Spitze  des 
Schaftes.  Letzteres  is  namentlich  mit  den  platten,  die  bei  Übungen  dienen,  der  Fall. 

Die  Chinesen  unterscheiden  acht  Arten  von  Pfeilen.  In  Bogen  oder  in  gerader 
Linie  fliegende,  für  nahen  und  fernen  Schiffs,  für  die  Jagd,  wurfspiefsartige  und  end- 
lich gewöhnliche  für  Bogen  und  Armbrust.  Auch  von  den  japanischen  Pfeilen  giebt 
es  zahlreiche  Arten.  Zu  den  vornehmsten  gehören: 

Die  Hornholzpfeile  (Tsunoki  ja).  Der  blanke  Schaft,  mit  Schwanzfedern  von 
grofsen  und  kleinen  Vögeln  gefiedert,  ist  am  unteren  Ende  gekerbt,  am  oberen  mit 
einer  Spitze  von  Hirschhorn  versehen.  Man  schiefst  damit  zur  Übung  nach  einem 
Bund  Stroh. 


3.  Von  den  Waffen.  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


3 1 1 

Der  Scheibenpfeil  (Mato  ja).  Das  Eigentümliche  dieses  Pfeiles  besteht  darin, 
dafs  er,  um  nicht  zu  verwunden,  statt  der  Spitze  einen  platten  Aufsatz  hat,  der  Ita 
tsuki,  Stofsblatt,  genannt  wird.  Man  bedient  sich  seiner  ausschliefslich  zum  Scheiben- 
schiefsen. 

Schauspielpfeile  (Sasi  ja).  Der  Schaft  leicht  gebräunt,  das  Gefieder  von  den  zweiten 
Schwungfedern  der  Enten,  die  Spitze  von  Holz.  Er  wird  zur  Erlernung  des  Schiefsens 
und  auf  der  Bühne  gebraucht. 

Spindelpfeile  (Kuri  ja).  Der  Schaft  von  einer  sehr  geschätzten  Bambusart,  welche 
auf  dem  heiligen  Berge  Köjasan  wächst  und  daher  Köjasan  take  heifst;  das  Gefieder 
von  den  ersten  Schwungfedern  wilder  Enten,  die  Spitze  von  Holz.  Mit  diesen  Pfeilen 
schiefst  man  nach  einem  sehr  fernen  Ziele,  welches  in  früheren  Zeiten  auf  6o  Ken 
(114  Meter)  ausgestellt  wurde. 

Centrumpfeile  (Naka  ja),  den  vorigen  gleich;  nur  haben  sie  eine  eiserne,  lanzett- 
förmige Spitze.  Fig.  34  c,  d,  in,  k. 

Lanzenpfeile  (Tokarija).  Das  Gefieder  besteht  bei  diesen  aus  vier  Federn,  ge- 
wöhnlich von  Falken.  Die  Spitze  ist  von  Eisen,  breitlanzettförmig,  durchbrochen  und 
mit  Widerhaken  versehen.  Fig.  34  g,  h,  i.  Diese  und  die  beiden  vorhergehenden 
wurden  vor  Zeiten  häufig  im  Kriege  gebraucht. 

Rübenförmige  Heulpfeile  (Kabura  ja).  Unter  einer  gabelförmigen  Spitze  befindet 
sich  ein  Knopf  von  Hirschhorn  oder  Stechpalmenholz,  in  Form  einer  Rübe  (Kabura) 
oder  vielmehr  Birne,  mit  zwei  bis  drei  Öffnungen,  welche  im  Fluge  Luft  fangen 
und  einen  pfeifenden,  heulenden  Ton  von  sich  geben.  Man  bedient  sich  ihrer  zur 
Übung  und  Belustigung,  im  Kriege  zu  Signalen.  Ganz  ähnliche  trifft  man  bei  den 
Chinesen  und  Mongolen  an.  In  der  alten  Geschichte  der  Hunnen  wird  ihrer  gedacht. 
Fig.  46  d. 

Gabelpfeile  (Kari  mata).  Pfeile  mit  gabelförmigen  Spitzen  von  mancherlei  Form. 
Man  nennt  sie  Kari  mata,  Gänsebügel,  wahrscheinlich  von  ihrer  Ähnlichkeit  damit. 
Die  Benennung  setzt  unseren  japanischen  Waffenbeschreiber  in  einige  Verlegenheit, 
da  sie  mancherlei  Auslegungen  unterliegt,  die  wir  dahingestellt  lassen  wollen.  Für 
den  Krieg  und  die  Jagd  auf  gröfsere  Tiere,  wozu  sie  bestimmt  gewesen  sein  sollen, 
sind  diese  Spitzen  nicht  sehr  zweckmäfsig.  Jetzt  bedient  man  sich  der  Gabelpfeile 
nur  noch  auf  der  Vogeljagd  und  um  als  Ziel  aufgesteckte  Gegenstände,  gleich  wie  bei 
unserem  Vogel-  und  Sternschiefsen,  abzuschiefsen.  Fig.  34/. 

Kolbenpfeile,  Zinto,  d.  i.  Kami  oder  Geisterköpfe,  eine  Benennung,  woraus 
unser  Japaner  selbst  nicht  klug  werden  kann.  Man  schiefst  damit  nach  kleinen, 
schmalen  Gegenständen.  Sie  haben  nur  kleine  oder  gar  keine  Spitzen,  und  die 
letzteren  führen  dann  den  Namen  Hikime,  Krötenaugen.  Fig.  46  c,f.  Sie  gleichen 
übrigens  ganz  den  Kolbenpfeilen,  deren  man  sich  in  Sibirien  zur  Zobeljagd  bedient. 

Unter  den  vielerlei  Formen  von  Pfeilspitzen  wmllen  wir  noch  auf  eine  sehr  ge- 
fällige (Fig.  46  e)  aufmerksam  machen,  welche  dem  Blatte  des  Pfeilkrautes  (Sagittaria 
sagittifolia)  nachgebildet  ist,  und  auf  eine  andere  (Fig.  34  g),  die  deshalb  beachtens- 
wert ist,  weil  sie  der  bekannten  Framea,  dem  Wurfspiefs  der  Germanen,  gleicht. 
Auch  wollen  wir,  der  auffallenden  Lautähnlichkeit  wiegen,  das  Wort  Cateja,  wto- 
mit  Isidoras  ein  gallisches  Wurfgeschofs  bezeichnet,  nicht  unberührt  lassen. 

Welche  Bewandtnis  es  mit  den  alten  Feuerpfeilen,  deren  hin  und  wieder  unter 
dem  Namen  Hija  gedacht  wird,  gehabt  habe,  läfst  sich  nicht  mit  hinreichender  Be- 


312 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


stimmtheit  ermitteln.  Man  soll  diese  bei  der  ersten  Expedition  gegen  Sinra  (200  unsr.  Z.) 
angewandt  haben,  um  die  feindlichen  Schanzen  in  Brand  zu  stecken.  Aber  es  liegen 
Gründe  vor,  diese  Angabe  in  Zweifel  zu  ziehen. 

In  den  Successionskriegen  der  Häuser  Heike  und  Gensi  (1182)  kommen  in- 
dessen Feuerpfeile  vor,  deren  Spitze  oder  hohler  Pfeilschaft  mit  brennbaren  Stoffen 
versehen  war,  und  die  mit  Bogen  geschossen  wurden.  Fig.  46  k,  m.  Nicht  verwechselt 
mit  ihnen  dürfen  die  Feuergeschosse  werden,  welche  1624 — 43  erfunden  und  gleich- 
falls Hi  ja  genannt  wurden.  Diese  sind  im  Grunde  nichts  anderes  als  Zündraketen 
in  Pfeilform,  Schaft  und  Gefieder  von  hartem  Holze  oder  Eisen;  sie  wurden  aus 
Feuerschlünden  geschossen.  Dafs  bei  den  Feuerpfeilen  der  frühesten  Zeit  eine  dem 
Schiefspulver  ähnliche  Mischung  gebraucht  wurde,  ist  denkbar;  Spuren  von  Pulver 
und  Feuerwaffen  lassen  sich  wenigstens  um  die  Mitte  des  13.  Jahrhunderts  nachweisen. 
Aber  unser  Feuergewehr  kam,  wie  gesagt,  erst  im  16.  Jahrhundert  dort  in  Aufnahme. 
— So  weit  das  Wissenswerteste  von  den  Pfeilen.  Ehe  wir  von  diesem  Gegenstände 
Abschied  nehmen,  wollen  wir  noch  eines  Aberglaubens,  der  auch  bei  den  Pfeilen  eine 
Rolle  spielt,  gedenken.  Man  glaubt  dort  an  Freipfeile,  wie  bei  uns  ehemals  an  Frei- 
kugeln. Sie  gehören  den  Geistern  oder  Kamis,  deren  unsichtbare  Hand  sie  leitet,  und 
sind  daher  ungefiedert.  Zingo  Kogo  soll  einen  solchen  geführt  haben.  Schon  die 
Benennung  Zindsuno  kuburaja,  d.  i.  von  Geistern  geleitete,  tönende  Pfeile,  giebt  über 
ihr  Wesen  Aufschlufs. 

Von  den  Köchern. 

Die  Köcher  haben  eine  doppelte  Bestimmung.  Sie  dienen  entweder  dem 
Krieger,  Jäger  und  Scheibenschützen  zur  Bergung  seiner  Pfeile  oder  sie  stehen  als 
Prunkstücke  mit  Bogen  und  Pfeilen  in  den  Vorzimmern  der  Grofsen  und  in  den 
Zelten  der  Feldherren  und  gelten  dann  nebst  anderen  Waffen  als  Insignien  des  Ranges 
und  der  Macht.  Sie  unterscheiden  sich  übrigens  auch  nach  Form  und  Gebrauch  mehr- 
fach und  erhalten  demgemäfs  verschiedene  Namen.  Die  vorzüglichsten  Köcher  sind 
folgende : 

Der  Siko,  für  Soldaten  und  Jäger.  Er  besteht  aus  einem  halbkugelförmigen  Be- 
hälter zur  Aufnahme  der  Pfeilspitzen.  Ein  einfaches  Gestell  ist  stielartig  daran  befestigt 
und  oben  mit  einem  Ringe  versehen,  der  die  Pfeile  zusammenhält.  Der  Behälter  ist 
von  leichtem  Kiriholze  (Paulownia  imperialis),  das  Gestell  von  Bambus  oder  Büffel- 
horn, lackiert  und  mit  Messing  beschlagen.  Am  Ringe  befinden  sich  gewöhnlich  Schnüre 
zur  Befestigung  der  Pfeile  und  am  Stiel  ein  Haken,  womit  man  den  Köcher  entweder 
am  Gurt  oder  an  einer  eigenen  Vorrichtung  am  Harnisch  befestigen  kann.  Fig.  34  r 
wird  die  Form  dieses  Köchers  anschaulich  machen.  Es  giebt  übrigens  noch  andere, 
recht  geschmackvolle  dieser  Art. 

Der  Utsubo  ist  eigentlich  ein  verschliefsbares  Pfeilfutteral  und  zum  Angürten 
gemacht.  Da  dies  sehr  bequem  ist,  ward  es  von  Reiterei  und  Fuisvolk  vorzugsweise 
getragen.  Unten  an  der  Seite  ist  eine  mit  einem  Deckel  versehene  Öffnung  zum 
Ein-  und  Ausnehmen  der  Pfeile.  Es  wird  lackiert  oder  mit  rohen  Tierfellen  bekleidet 
und  trägt  gewöhnlich  das  Wappen  von  dem  Besitzer  oder  dessen  Oberherrn.  Auf 
Votivbildern  und  historischen  Gemälden  sieht  man  häufig  die  japanischen  Helden  mit 
solchen  Usubos  aus  Bärenfellen.  Es  soll  schon  in  ältester  Zeit  im  Gebrauch  gewesen 
sein,  und  es  läfst  sich  auch  weit  eher  für  ein  ursprünglich  japanisches  Machwerk  an- 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst.  j y ^ 

nehmen  als  die  vorausgehenden  Formen,  die  ohne  Zweifel  chinesischen  Ursprungs 
sind.  Der  Köcher,  wovon  wir  die  Abbildung  auf  Fig.  34  n sehen,  befindet  sich  im 
Königlichen  Kabinette  von  Seltenheiten  im  Flaag.  Er  stammt  aus  der  Sammlung  von 
J.  Cock  Blomhoff.  Das  Wappen  darauf  ist  das  von  Inaba,  wie  es  die  Kriegsleute 
dieses  fürstlichen  Hauses  als  Auszeichnung  tragen. 


Fig.  35.  Bogenschützen. 

Die  beiden  folgenden  Köcher,  Janagui  und  Jebira  genannt,  werden  jeder  für 
sich  einzeln  oder  beide  zusammengenommen  als  ein  Geräte  gebraucht.  Das  Janagui 
ist  eigentlich  ein  Futteral  und  das  Jebira  ein  Tragkorb  (Fig.  34  0).  Jenes  ist 
von  Leder  oder  Papiermache  und  lackiert.  An  dem  Korbe  befindet  sich  ein  Gestell 
von  Kupferdraht  oder  Bambus,  gleichfalls  mit  lackiertem  Leder  überzogen  und  mit 
Schnüren  zum  Befestigen  versehen.  Bedient  man  sich  des  Tragkorbes  allein,  so  wird 
er  mit  24  Pfeilen  gefüllt;  das  Futteral  dagegen  fafst  nur  10  Stück,  oder,  wie  der 
Soldat  nach  Schützenbrauch  sich  ausdrückt,  fünf  Griff. 


3 x4 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Unser  japanischer  Schriftsteller  spricht  noch  von  einem  seidenen  Pfeilsack  oder 
Köcherüberzug  (Ja-boro),  dessen  man  sich  bediene,  um  dem  Auge  des  Feindes  die 
Zahl  der  Pfeile  zu  verbergen.  Aber  es  scheint,  dafs  dies  Waffenstück,  wohl  nur  im 
Frieden  gebräuchlich,  der  Ausrüstung  irgend  eines  Vornehmen  angehört. 

Die  Prunkgestelle  für  Bogen  und  Pfeile  — sie  heifsen  Tetö-kake  — sind  von 
mannigfacher  Form  und  Arbeit,  bald  korbähnlich,  bald  Sesseln  und  Tafeln  vergleich- 
bar. Sie  sind  leicht  tragbar  und  durchgehends  so  eingerichtet,  dafs  sie  zwei  Bogen 
und  zwanzig  Pfeile  fassen,  die  darin  geschmackvoll  eingereiht  werden. 

Von  den  beiden  Bogen  ist  der  eine  ein  Jang-,  der  andere  ein  Jinbogen,  d.  i. 
ein  Männchen  und  ein  Weibchen.  Der  gröfsere  oder  geringere  Grad  der  Kraft  be- 
stimmt den  Geschlechtsunterschied,  der  auch  auf  die  Pfeile  ausgedehnt  wird.  Bei 
diesen  müssen  die  Männchen  natürlich  schneller  und  weiter  tragen  und  schwerer  ver- 
wunden. Wir  wollen  mit  dem  japanischen  Krieger  uns  nicht  auf  das  vielbetretene 
Feld  der  Theorie  von  Jang  und  Jin  begeben.  Sie  spielt  in  allen  Spekulationen  der 
von  China  instruierten  Völker  eine  wichtige  Rolle.  Nur  scheint  diesmal  der  japanische 
Schütze,  oder  wer  sonst  diese  Theorie  hier  in  Anwendung  brachte,  über  seiner  ge- 
lehrten Kombination  vergessen  zu  haben,  dafs  es  dem  schönen  Geschlechte  seiner 
Nation  bei  aller  Anmut  nicht  an  heroischem  Geiste  gebricht,  und  dafs  eine  der 
glänzendsten  Kriegsthaten  der  Vorzeit  — die  erste  Expedition  nach  dem  asiatischen 
Festlande  — das  Werk  eines  Weibes,  der  Kaiserin  Zingo  Kögo,  war. 

Vom  mongolischen  Bogen. 

Unter  den  Geschenken,  die  der  König  von  Kudara  im  Jahre  246  einem  japanischen 
Abgeordneten  gab,  befand  sich  das  erste  Muster  des  mongolischen  Bogens,  welchen 
das  alte  japanische  Geschichtsbuch  Nipponki  noch  einen  Tsuno-jumi  oder  Hornbogen 
nennt.  Er  ward  in  Japan  nachgemacht,  und  da  er  kleiner  war  und  leichter  zu 
handhaben  als  der  einheimische  grofse,  nahm  man  ihn  auf  Reisen  in  den  Sänften 
gerne  mit  sich  und  nannte  ihn  Kago-jumi,  Sänftenbogen.  Er  diente  eigentlich  blofs 
für  den  Fall  der  Notwehr,  bis  die  Feuerwaffen  aufkamen.  Man  fertigte  ihn  aus 
Bambus  und  Fischbein,  auf  ähnliche  Weise  wie  den  grofsen  Bogen,  und  führte  ihn 
nebst  Pfeilen  in  einem  siko- ähnlichen  Köcher.  (Fig.  34  q.)  Die  besten  soll  man 
in  der  Landschaft  Kii  verfertigt  haben.  Gegenwärtig  nennt  man  den  mongolischen 
Bogen  Han-kiu  (chin.  Poen-kong),  d.  i.  Halb-Bogen,  im  Gegensatz  zu  dem  einheimi- 
schen grofsen,  der  Dai-kiu  heifst. 

Von  den  Hornbogen,  Tsunojumi. 

So  werden  jetzt  kleine,  ehemals  aus  Büffelhorn,  gegenwärtig  von  Fischbein  ver- 
fertigte Bogen  genannt.  Sie  sind  zierlich  gearbeitet  und  können,  wie  die  Abbildung 
(Fig.  34  d)  zeigt,  in  drei  Stücke  zerlegt  und  mit  einigen  Dutzend  Pfeilen  in 
einem  Kästchen  auf  bewahrt  werden.  Sie  dienen  teils  als  Spielzeug,  teils  zur  Übung 
im  Schiefsen.  Einen  vorteilhaften  Gebrauch  wissen  davon  Gaukler  zu  machen,  wenn 
sie  Jahrmärkte  und  Kirchweihen  beziehen.  Sie  schlagen  nämlich  in  den  Tempel- 
hainen Buden  auf,  die  sie  mit  bizarren  Dekorationen  ausschmücken,  ganz  wie  die 
Buden  italienischer  Polichinelli.  Im  Vordergründe  dieser  Bühnen,  wo  gewöhnlich 
einer  der  sieben  Götter  des  Reichtums  den  Vorsitz  hat,  werden  fünf  oder  sieben  kleine 
weifse  Scheiben  aufgestellt,  und  ein  Marktschreier  fordert  das  Volk  auf,  sich  an  den 
Glückszielen  zu  versuchen,  und  bietet,  vor  einer  auf  Schufsweite  angebrachten  Schranke 


3-  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 

von  Bambusstangen,  gegen  eine  kleine  Einlage,  Bogen  und  Pfeile  an.  Trifft  jemand 
das  Centrum  einer  Scheibe,  so  schnellt  ein  Orakel  herauf  und  begrübst  den  Schützen 
mit  einem  Sinnspruch  oder  auch  einem  Zerrbilde  zur  Belustigung  der  umherstehenden 
Menge. 

Von  der  Armbrust. 

Unter  dem  Namen  Do  oder  chinesisch  eigentlich  Nu  finden  wir  in  japanischen 
Büchern  ein  Schiefsgewehr  abgebildet,  das  ganz  unsrer  ehemaligen  Armbrust  gleicht 
und  durch  die  einfache  Erklärung,  dafs  es  ursprünglich  aus  dem  Bogen  entstanden 
sei,  dem  man  gleichsam  einen  künstlichen  Arm  angesetzt,  als  solche  bezeichnet  wird. 
Das  Nu  soll  bei  den  Chinesen  schon  zu  Zeiten  Hoangtis  gebräuchlich  gewesen  sein. 
Nach  Japan  kam  es  im  Jahre  6 1 8 und  zwar  als  Tribut  aus  Korea. 

Es  bestehen  von  dieser  Waffe  zwei  Arten.  Die  eine,  welche  hinsichtlich  der 
Form  und  Gröfse  ganz  mit  unserer  Armbrust  im  Mittelalter  übereinstimmt,  hat  einen 
Schaft  mit  kurzem  Anschläge,  woran  ein  (stählerner?)  Bogen  befestigt  ist,  der  mittelst 
eines  Spanners  gespannt  und  durch  einen  Drücker  abgeschnellt  wird.  Merkwürdiger 
ist  die  andere  Art,  welche  in  Japan  Ojumi,  grofser  Bogen,  oder  auch  Isijumi, 
Steinbogen,  genannt  wird,  und  sie  verdient,  wenn  seit  einigen  Jahrhunderten  auch 
keine  bestimmten  Spuren  ihres  Gebrauches  Vorkommen,  einigermafsen  unsere  Auf- 
merksamkeit. Es  ist  eine  kolossale,  aus  drei  Bogen  zusammengesetzte  Armbrust, 
welche  auf  einem  besonderen  Gestelle  ruht,  woran  ein  Windenbaum  zum  Spannen 
der  Sehnen  angebracht  ist.  Wie  jedoch  die  Sehnen  in  Spannung  gehalten  und  wie 
sie  wieder  losgelassen  • werden,  das  läfst  sich  an  der  japanischen  Abbildung  allein, 
wovon  wir  eine  Kopie  in  Fig.  4 6 s geben,  nicht  genügend  erkennen.  Aus  dem 
Stricke  mit  Haken  ( u ) und  dem  Schlegel  (t),  welche  beide  zur  Maschine  ge- 
hören, läfst  sich  jedoch  abnehmen,  dafs  jener  zum  Anziehen  und  Spannen  der 
Sehnen,  dieser  zum  Losschlagen  derselben  diente,  was  ohne  Zweifel  mittelst  des 
Keiles  geschah,  den  wir  am  unteren  Ende  des  Schaftes  bemerken.  Mit  diesem 
Wurfgeschofs  wurden  bei  Belagerungen  Steine  und  Pfeile  geschossen.  Zu  seiner 
Bedienung  sollen  fünf  bis  zehn,  ja  bei  einigen  Maschinen  selbst  hundert  Mann  nötig 
gewesen  sein.  Das  Werkzeug  ist  eigentlich  ein  chinesisches  und  kam,  wie  es  scheint, 
nur  in  Abbildung  nach  Japan. 

Zu  den  Wurfgeräten  mögen  noch  die  Schleudern  (Furi  dsunbai)  gerechnet 
werden,  die  man,  wenigstens  in  älterer  Zeit,  auch  im  Kriege  brauchte.  Gegenwärtig 
gehören  sie  blofs  zu  den  Knabenspielen  und  sind,  um  Unglücksfallen  vorzubeugen, 
meistens  verboten.  Der  den  Stein  umschlingende  Strick  ist  an  einem  Stiele  von  Holz 
oder  Bambus  befestigt. 

Auch  Schlagkugeln  und  Wurf  haken  kennt  man  in  Japan,  welch  letztere  in 
China  noch  zur  Ergreifung  von  Flüchtlingen  dienen  sollen  und  dort  ihrer  Gestalt 
wegen  Lung  tschao,  Drachenkrallen,  genannt  werden. 

Von  den  Lanzen,  Spiefsen  und  anderen  Waffen  dieser  Gattung. 

Die  Lanze  ist  ursprünglich  ein  verlängerter  Stab,  entweder  von  Bambus,  in  welchem 
Falle  das  obere  Ende  blofs  zugespitzt  und  in  Feuer  gehärtet  ist,  oder  von  Holz  und 
in  diesem  Falle  mit  einer  besonderen  Spitze  von  Knochen  versehen.  So  wenigstens 
waren  die  Lanzen  und  Wurfspiefse  unserer  alten  Japaner.  Erst  nachdem  ein  Volk 
zu  höherer  Stufe  der  Kultur  gelangt  ist,  verfallt  es  auf  den  Gedanken,  seine  kurzen 


316  Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Waffen,  die  Schwerter,  Säbel  und  Streitäxte,  dem  langen  Schafte  der'ersteren  anzufügen 
und  gewinnt  so  jene  Waffenarten,  die  wir  mit  den  Namen  Lanze,  Spiels,  Speer, 
Hellebarde  bezeichnen. 

Die  Mythe  spricht  von  einem  himmlischen  Spiefse  des  Schöpfers  der  japanischen 
Inseln,  und  bildliche  Darstellungen,  die  ein  hohes  Altertum  verraten,  geben  jenem  eine 
Spitze,  die  dem  altertümlichen  Schwerte  Tsurugi  gleicht. 

Wenn  wir  einen  Blick  auf  die  Mythen  der  Völker  überhaupt  werfen,  so  finden 
wir,  dafs  durchgängig  die  Wirklichkeit  den  Stoff  zu  ihrer  Entstehung  lieferte;  daher 
wird  dieselbe  für  uns  bedeutsam  bleiben,  wenn  auch  die  fabelhafte  Ausschmückung 
wie  ein  Luftgebilde  zerfliefsen  sollte.  Der  Dichter,  der  Veredler  der  alten  Sagen,  der 
die  dunklen  Ideen  von  übernatürlichen  Wesen  in  würdigen  Formen  verkörpern  soll, 
mufs  nach  dem  greifen,  was  ihm  in  der  Aufsenwelt,  in  seiner  eigenen  Nation  und  ihrer 
Kunst  entgegentritt.  Hieraus  wählt  er  das  Erhabenste,  das  Vortrefflichste  und  trägt 
es  in  den  Kreis  vorgeschichtlicher  Sagen  hinüber.  Wir  können  daher  aus  den  Formen 
und  Einzelheiten  mythologischer  Einkleidungen  wieder  manchen  Schliffs  auf  den 
Kulturzustand  jener  Zeiten  ziehen,  da  die  Sage  ihre  tiefere  poetische  Ausbildung  erhielt. 
Wenden  wir  das  Gesagte  auf  die  oben  berührte  Schöpfungsmythe  an,  so  werden  wir 
daraus  abnehmen  können,  dafs  Spiefse  von  edlem  Metalle,  ähnlich  dem  himmlischen 
des  Izanagi,  bestanden  haben  mufsten  als  eine  Waffe  alter  japanischer  Fürsten,  noch 
ehe  die  übrigen  Formen  dieser  Waffenart  durch  die  Berührung  mit  dem  asiatischen 
Festlande  bekannt  und  nachgeahmt  wurden. 

Die  Spiefse  asiatischen  Ursprungs  zeichneten  sich  durch  eigentümliche  Merk- 
male aus.  Ihre  Metallspitzen  waren  entweder  stumpf  und  meifselförmig  breit,  oder 
spitzig,  schmal  und  geflammt  und  dann  abwärts  mit  einem  sichelförmigen  Quer- 
eisen versehen.  Der  Schaft  war  wenigstens  sechs  Fufs  lang  und  das  untere  Ende  mit 
Metall  beschlagen. 

Seit  dem  8.  Jahrhundert  kam  in  Japan  eine  Waffe  auf,  welche  den  Vorteil  des 
Säbels  mit  dem  der  Lanze  vereinigte,  indem  ein  Säbel  auf  einen  langen  Schaft 
gesetzt  ward  (Fig.  37  0 ).  Sie  hat  daher  den  Namen  Naginata,  langer  Säbel, 
erhalten.  Auch  diese  Waffe  soll  fremden  Ursprungs,  Nachahmung  einer  auswärtigen 
sein.  Offiziere  von  Rang  pflegten  bis  gegen  das  Jahr  1160  ein  Naginata,  als  tüchtige 
Waffe  zur  Rechten  ihres  Sitzes  aufzupflanzen.  Später  liefsen  die  Fürsten  und  Reichs- 
grofsen  sie  unter  den  Insignien  hinter  ihrer  Sänfte  hertragen,  und  in  gleicher  Eigen- 
schaft folgen  sie  nun  auch  den  Sänften  vornehmer  Frauen  und  geben  bei  feierlichen 
Aufzügen  den  Stand  ihrer  Männer  an.  Einige  sehr  schöne  Exemplare  dieser  Waffe 
befinden  sich  in  der  Kunst-  und  Rüstkammer  zu  Dresden. 

Zu  den  in  neuerer  Zeit  in  Japan  gebräuchlichen  Lanzen  und  Spiefsen  gehören 
aufser  der  eben  erwähnten  noch  folgende: 

Die  Lanze  Jari,  angeblich  als  eine  Nachahmung  der  chinesischen  (Tsiang)  ums 
Jahr  1467  eingeführt.  Modifikationen  derselben  sind: 

1.  Die  Sujari  oder  geraden  Lanzen,  welche  blank  und  ohne  Verzierung  sind 
und  eine  einfache,  zweischneidige  Spitze  führen.  (Fig.  37  a und  A) 

2.  Die  Katakama  jari,  Spielse  mit  einem  sichelförmigen  Quereisen,  nach 
einer  Seite  hin.  (Fig.  37  e .)  Die  mit  doppeltem  werden,  wenn  die  Sichelfort- 
sätze aufwärts  gebogen  sind  (Fig.  37  d ),  Magari  jari,  wenn  abwärts,  Morokama  jari 


genannt. 


3*8 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


3.  Die  Kreuzspiefse,  an  welchen  das  Quereisen  einen  rechten  Winkel  mit 
der  Klinge  bildet  und  dem  Spiefse  die  Form  eines  Kreuzes  oder  chinesischen 
Zehners  giebt,  wovon  sie  ihre  Benennung  Zjumonzi-  (schi  wen  dsü)  jari  tragen. 
(Fig.  37  c.) 

Die  Spitzen  der  Jaris  sind  von  Stahl,  durchgehends  zweischneidig  und  dabei 
in  der  Art  geschliffen,  dafs  sie  auch  auf  beiden  Flächen  eine  scharf  zulaufende  Kante 
bilden.  Die  Flächen  sind  poliert,  bisweilen  auch  gefurcht.  Etwa  zwei  Fufs  unter  dem 


Fig.  37.  Lanzen  und  Speere. 


Einsatz  der  Spitze  befindet  sich  gewöhnlich  eine  Querstange,  der  Knebel,  und  an 
derselben  Stelle  oft  auch  seidene  Quasten. 

Um  die  Lanzenklingen  zu  bewahren,  zieht  man  besondere  Scheiden  und  Futterale 
darüber,  die  teils  aus  leichtem,  lackiertem  Holze,  teils  aus  Wollentuch,  Tierfellen  oder 
Federn  bestehen.  Sie  kommen  unter  den  mannigfaltigsten , sonderbarsten  Formen 
vor,  die  unverändert,  wie  sie  in  früherer  Zeit  festgesetzt  worden,  beibehalten  und 
mit  der  dieser  Nation  eigenen  Genauigkeit  beobachtet  werden.  Die  Jaris  führen  nach 
diesen  Formen  verschiedene  Namen,  als:  Abb.  / Wonomi  kuda  jari,  d.  i.  schwänz- 


3-  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


30 


förmige  Walzenlanze;  Abb.  g Kagijari,  Schlüssellanze;  Abb.  h Kudajari,  Walzen- 
lanze; Abb.  i Sjunagaje,  zinnoberfarbiger  Langschaft;  Abb.  k Kumage  nagasaja, 
bärenhaarige  Wurfspiefsscheide;  Abb.  1 Tennagesaja,  wieselhaarige  Wurfspiefs- 
scheide;  Abb.  m Sirotataki,  weifses  Tataki;  Abb.  n Abura  torigenagaje,  Nagaje 
mit  glänzenden  Hahnenfedern.  Dies  sind  die  gebräuchlichsten  Formen  der  Lanzen- 
futterale, mit  welchen  man  bekannt  sein  mufs,  um  sie  als  Insignien  der  Fürsten  und 
Reichsgrofsen  unterscheiden  zu  können. 

Der  Schaft  der  Lanzen  ist  gewöhnlich  von  Eichenholz  (Quercus  glauca),  zu- 
weilen auch  vom  Holze  des  japanischen  Mispelbaumes  (Eriobotrya  japonica)  oder  der 
Besenpalme  (Chamaerops  excelsa).  Er  ist  acht  bis  zehn  Fufs  lang  und  mit  Eisen 
oder  anderem  Metalle  beschlagen.  Auch  bei  den  Lanzen  und  Spiefsen  bewährt  sich 
der  gute  Stahl  und  die  saubere  Arbeit,  welche  an  Säbeln  und  anderen  Waffen  und 
Geräten  die  Aufmerksamkeit  und  Bewunderung  europäischer  Kunstkenner  auf  sich 
gezogen  haben.  Der  Beschlag  und  die  sonstigen  Verzierungen  des  Schaftes  haben 
ihre  besonderen  Namen,  in  deren  Anhäufung  sich  die  militärische  Kunstsprache  in 
hundertjähriger  Friedenspause  erschöpft  hat.  Für  uns  wird  es  genügen,  wenn  wir  mit 
folgenden  Benennungen  bekannt  werden:  Saki,  die  eiserne  Lanzenspitze,  die  Klinge; 
Kutsi  gane,  der  Metallring,  worin  die  Klinge  eingelassen  ist;  Kagi,  die  Querstange 
oder  der  Knebel;  Isidsuki,  die  Zwinge  oder  der  Beschlag  am  unteren  Ende.  Von 
letzterem  kommen  vielerlei  Formen  vor,  worunter  besonders  einige  antike  sehr 
gefällig  sind.  Auch  finden  sich  etliche  mit  einem  Loche  versehen,  um  mit  einer 
Schnur  oder  einem  Riemen  befestigt,  oder  nach  dem  Wurfe  wieder  zurückgezogen 
werden  zu  können. 

Die  Jaris  werden  von  Fufsvolk  und  Reitern  geführt.  Aufser  den  damit  bewaffneten 
Soldaten  darf  niemand  im  Lande  Lanze  und  Spiefs  führen,  dem  sie  nicht  von  Reichs  wegen 
als  Zeichen  der  Würde  und  Macht  zuerkannt  sind;  selbst  jene  Edelleute  vom  Ritterstande 
(Buke)  nicht,  welche  keine  öffentlichen  Chargen  bekleiden,  oder  unter  200  kok  (un- 
gefähr 2400  Gulden)  Einkünfte  haben.  Jari  und  Naginata  spielen  als  Insignien  eine 
grofse  Rolle.  Sie  figurieren  neben  andern  Würdenzeichen  in  den  Vorsälen  der 
Grofsen  und  werden  dem  Inhaber  bei  seinem  Ausgange  nachgetragen  und  zwar  den 
Reichsfürsten,  hohen  Staatsbeamten  und  Stabsoffizieren  in  gerader  aufrechter,  den  Be- 
amten und  Offizieren  untergeordneten  Ranges  in  schiefer  Richtung.  Die  Zahl  der- 
selben, ihre  Form,  Gestalt  und  Farbe  unterliegen  ebenso  genauen  Bestimmungen  wie 
die  Wappen,  Flaggen  und  andern  Würdezeichen,  was  alles  im  Staatskalender  ange- 
geben und  bildlich  dargestellt  wird. 

Vom  Seitengewehre. 

Nur  bei  solchen  Völkern,  welche  bereits  einige  Fortschritte  in  ihrer  Gesittung 
gemacht  haben,  finden  wir  Schwerter,  Säbel  und  ähnliche  Seitengewehre  von  Eisen 
oder  anderem  Metalle  als  eigenes  Machwerk.  Vor  der  Bekanntschaft  mit  Metallen 
und  deren  Bearbeitung  vertraten  Keulen  und  Streitäxte  von  hartem  Holz  oder  Stein 
ihre  Stelle.  Die  japanische  Sagenkunde  spricht  zwar  vom  Schwerte  Tsufrugi,  womit 
der  Gott  Izanagi  den  Kakudsutsi  (Trommelschläger)  in  Stücke  hieb;  doch  wir  wollen 
diese  Sage  nicht  weiter  berücksichtigen.  Nach  geschichtlichen  Angaben  hat  Prinz 
Inisiki,  der  unter  der  Regierung  des  Mikado  Suinin  lebte  (29—71  n.  Chr.),  die 
ersten  Schwerter  in  Japan  verfertigt.  Nach  den  Abbildungen,  die  sich  in  archäo- 


320 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

logischen  Originalwerken  finden,  ist  das  Tsurugi  ein  gerades  zweischneidiges  Schwert, 
das  nach  der  stumpfwinkeligen  Spitze  hin  breit  zuläuft.  Das  Gefäfs  ist  mit  einem 
Stichblatte  versehen,  und  der  Knopf  hat  ein  Loch  zur  Befestigung  der  Degenquaste. 
Das  Tsurugi,  wovon  wir  in  Fig.  46  h eine  Abbildung  geben,  gleicht  -ganz 
dem  chinesischen  Kien,  Fig.  46  r,  q , das  ihm  ohne  Zweifel  auch  zum  Muster 
gedient  hatte.  Auch  mit  dem  Schwerte , welches  bei  den  Römern  nach  dem 
zweiten  punischen  Kriege  eingeführt  wurde,  hat  es  eine  nicht  zu  verkennende  Ähn- 


lichkeit. Die  Chinesen  führen  den  Ursprung  ihres  Kien  bis  auf  Hoangti  zurück,  und 
die  ältesten  dieser  Waffen  sollen  aus  Metall  gegossen  gewesen  sein.  Ein  Tsurugi 
gehört  zu  den  Throninsignien  des  Mikado,  und  es  knüpft  sich  daran  die  wunderbare 
Sage,  es  habe  sich  im  Schweife  des  achtköpfigen  Drachen,  den  einst  der  vergötterte 
Held  Susano  - ö erlegte,  vorgefunden.  Darum  wird  auch  der  Drache,  Tatsu, 
das  fünfte  Zeichen  im  Tierkreise,  auf  Malereien  und  in  Bildhauerarbeiten  mit  einer 
dem  Tsurugi  ähnlichen  Schwanzspitze  dargestellt.  Dasselbe  Schwert  ward  später 
dem  gefeierten  Helden  Jamatotake  von  der  Priesterin  Jamato  hime  als  Talisman 
gegeben,  als  er  von  seinem  Zuge  gegen  die  östlichen  Wilden  in  den  Tempelhallen 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


321 


der  Sonnengöttin  zu  Ise  sein  Gebet  verrichtete.  Auch  in  buddhistischen  Abbil- 
dungen kommt  das  Tsurugi  als  Emblem  brahmanischer,  buddhistischer  und  lamaischer 
Gottheiten  vor. 

Die  gegenwärtig  in  Japan  gebräuchlichen  Seitengewehre  sind  das  Tatsi,  auch 
Jebuno  tatsi,  und  das  Zindatsi  — grofse  Staatssäbel;  das  Katana,  ein  langer  Säbel, 
und  das  Wakisasi,  ein  ähnlicher  kürzerer;  ferner  das  Sasizoje  und  das  Kwaiken  — 
kleine  dolchähnliche  Waffen,  erstere  von  Männern,  letztere  von  Edelfrauen  getragen. 
Das  Jebuno  tatsi,  Fig.  38  a,  und  das  Zindatsi,  Fig.  38  b,  sind  Prunksäbel,  die  als 
Würdezeichen  am  Hofe  des  Mikado  und  von  Oberpriestern  des  Kamidienstes,  über- 
haupt vom  Kugestande  getragen  werden.  In  alten  Zeiten,  wo  die  weltliche  Macht 
noch  mit  der  geistlichen  vereinigt  war,  durfte  blofs  der  Kriegsminister  (Dai  sjö)  den 
Säbel  Tatsi  tragen.  Die  genannten  Prunksäbel  unterscheiden  sich  von  den  übrigen 
Seitengewehren  besonders  dadurch,  dafs  sie  mittels  langer  Riemen  an  einer  Koppel, 
womit  man  sich  umgürtet,  befestigt  werden,  während  man  alle  anderen  Seitengewehre 
in  den  Leibgürtel  zu  stecken  pflegt  und  zwar  mit  aufwärts  gekehrter  Schneide.  In 
der  Kunstsprache  heifst  ersteres  haki,  umgürten,  letzteres  sasi,  anstecken.  Das  Stecken 
der  Säbel  in  den  Gürtel  soll  die  älteste  Tragweise  derselben  sein.  Das  Gefäfs  der 
Staatssäbel  ist  wie  bei  allen  japanischen  Säbeln  ohne  Bügel,  mit  Rochenhaut  (Same 
kawa)  bekleidet  und  oft  mit  Seidenschnüren  überzogen.  Es  ist  so  lang,  dafs  es  mit 
beiden  Händen  gefafst  werden  kann.  Das  Stichblatt  ist  teils  rund,  teils  viereckig 
oder  herzförmig  ausgeschweift,  platt  und  durchbrochen,  von  Eisen,  mit  Gold  und 
Silber  oder  andern  Metallen  eingelegt;  ebenso  sind  Knopf,  Zwinge  und  Koppelringe 
kunstvoll  und  prächtig  gearbeitet.  Die  Scheide  ist  gewöhnlich  schwarz  oder  rot 
lackiert,  zuweilen  auch  von  Rochenhaut;  die  Klinge,  etwas  gekrümmt,  ist  mit  dem 
Griffe  1,213  Meter  lang  und  von  vorzüglicher  Güte.  Das  auf  Fig.  38  a ab- 
gebildete Tatsi,  dessen  Zeichnung  nach  einem  Modelle  genommen  ist,  wurde  vom 
Mikado  Go  siragawa  (reg.  1156 — 59)  getragen. 

Die  eigentlichen  Soldatensäbel  sind  das  Katana  und  das  Wakisasi.  Sie  bilden 
zusammen  ein  Säbelpaar,  das  man  gemeinhin  Daisjö  nennt,  und  das  nur  der  Buke- 
stand — Reichsadel  und  Soldaten  — führt.  Dieses  Vorrecht  ward  beiden  Ständen 
durch  eine  Verordnung  vom  Jahre  1682  erteilt.  Reichsadel  und  Soldaten  sind  also 
zum  Tragen  dieser  zwei  Säbel  verpflichtet,  eine  Sitte,  welche  im  Dienst  sehr  be- 
schwerlich fällt,  zumal  den  jungen,  oft  kaum  zehnjährigen  Stellvertretern  ihrer  Väter, 
die  sich  mit  ihren  grofsen  Seitengewehren,  welche  ordonnanzmäfsig  nur  bis  zur  Hälfte 
im  Leibgurte  stecken,  ganz  lächerlich  ausnehmen  und  einem  unwillkürlich  jene  be- 
kannte höhnische  Frage  entlocken:  «Quis  te  gladio  alligavit?»  Das  Katana  Abb.  c ist 
gewöhnlich  einen  Meter  lang,  weniger  gekrümmt  als  das  obenerwähnte  Tatsi, 
übrigens  von  ähnlicher  Anfertigung.  Koppelringe  fehlen  ihm.  Das  Wakisasi  ist  etwas 
kleiner  und  gerader  als  das  Katana. 

Bürger  und  Bauern,  Beamte,  Wächter  und  Bediente  dürfen  blofs  einen  kurzen, 
mehr  oder  weniger  gebogenen  und  mit  einem  kleineren  Gefälse  versehenen  Säbel, 
ähnlich  dem  Wakisasi  Abb.  d tragen;  die  kleineren,  geraden  nennt  man  gemeinlich 
Sasi  zoje,  Abb.  /.  Edelfrauen  und  vornehme  Herren  führen  zu  Hause  das  oben- 
erwähnte Kwaiken  zur  Auszeichnung  oder  auch  zur  Notwehr.  Einige  ausgezeichnete 
Formen  des  letzteren  sind  auf  Fig.  38  g,  i gegeben;  erstere  soll  von  dem  ver- 
götterten Helden  Hatsimantarö  Minamoto  Josiije  herstammen.  Eine  der  Abb.  i ähn- 

v.  Sieb  old,  Nippon  I.  2.  Aufl.  21 


322 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


liehe  Waffe  dient  zum  Leibaufschlitzen.  Die  zu  diesem  Zwecke  bestimmten  Werk- 
zeuge zeichnen  sich  durch  Einfachheit  aus  und  haben  Griff  und  Scheide  von  dem 
weifsen  unlackierten  Holze  des  Lebensbaumes  (Thuja  Hinoki).  Noch  ist  ein  eigentüm- 
liches Seitengewehr,  das  Hatsi  wari,  zu  erwähnen,  welches  Feldhüter  und  Strafsen- 
aufseher  tragen.  Es  hat  etwa  die  Gröfse  des  Sasi  zoje  und  eine  viereckige,  pfriemförmig 
zulaufende  Klinge.  (Abb.  /?  und  /.)  — In  den  nördlichen  Landschaften  Japans  tragen 
Leute  aus  dem  Bürger-  und  Bauernstände  häufig  Seitengewehre,  welche  nach  Art  der 
Abb.  h und  k mit  künstlichem  Schnitzwerk  verziert  sind.  Sie  erinnern  uns  an  die 
Jagdmesser  der  Aino,  ihrer  Nachbarn,  deren  Kunstsinn  sich  mit  mannigfaltiger  Ver- 
zierung dieser  Geräte  beschäftigt. 

Das  T ragen  der  Seitengewehre  ist  demnach  in  Japan  eine  allgemeine  Sitte,  und 
mit  Ausnahme  der  Mönche,  Krämer,  Bettler  und  der  verachteten'  Volksklasse  Jeta 
trägt  jeder  Mann,  wenn  auch  nicht  im  täglichen  Leben,  doch  an  Festtagen,  bei  Feier- 
lichkeiten, Konvenienzbesuchen,  im  Dienste  oder  auf  Reisen,  seinen  Säbel. 

Der  Japaner  ist  stolz  auf  sein  Seitengewehr;  er  hält  es  hoch  in  Ehren.  Achtung 
für  diese  Waffe  wird  ihm  in  früher  Jugend  eingeprägt,  und  schon  dem  Knaben,  wenn 
er  sein  fünftes  Jahr  erreicht  hat,  wird  der  Säbel,  unter  Beobachtung  gewisser  Feier- 
lichkeiten, von  seinen  Eltern  übergeben  und  erlaubt,  denselben  zu  tragen.  Sein 
Seitengewehr  behandelt  jeder  mit  Achtsamkeit;  führt  er  es  nicht  bei  sich,  so  ist  es 
in  seiner  nächsten  Umgebung.  Bei  Tage  prunkt  es  auf  einem  eigenen  Gestelle  (Ka- 
tana  kake),  des  Nachts  liegt  es  zur  Seite  der  Schlafstätte.  Der  moralische  Linflufs 
dieser  Sitte  ist  unverkennbar;  schon  der  Knabe,  der  mit  seinem  Säbelpaare  einher- 
schreitet, zeigt  den  Ernst  und  die  Gesetztheit  des  Erwachsenen.  Stand  und  Vermögen 
haben  diese  nationale  Waffe  zum  Gegenstände  des  Luxus  erhoben.  Die  Güte  der 
Arbeit,  oft  blofs  der  Name  eines  aus  alter  Zeit  berühmten  Meisters  oder  Besitzers 
steigern  den  Wert  eines  Säbels  oder  einer  Klinge  zu  aufserordentlichen  Preisen.  Man 
hat  solche,  die  mehrere  tausend  Gulden  kosten. 

Wie  der  japanische  Schütze  bei  Pfeil  und  Bogen,  so  sieht  der  Soldat  auch  bei 
seinem  Säbel  auf  gewisse  gute  Eigenschaften.  Die  Klinge  ist  ihm  das  Wichtigste, 
dann  das  Stichblatt,  überhaupt  das  Beschläge  des  Gefäfses.  Die  Scheide,  obwohl 
kostbar  lackiert  und  beschlagen,  gilt  als  Nebensache.  Auffallend  genug  mag  es  sein, 
dafs  der  japanische  Ritter,  durch  den  Einflufs  eines  hundertjährigen  Friedens  verweich- 
licht, noch  so  hohen  Wert  auf  die  wesentlichen  Vorzüge  seiner  Waffen  setzt.  Aber 
seine  Voreltern  waren  ein  tapferes  vaterlandliebendes  Volk,  das  die  Thaten  seiner 
Helden  in  seinen  Geschichtsbüchern  verherrlicht  hat,  und  das  Andenken  derselben 
hat  sich  so  lebhaft  erhalten,  dafs  der  Krieger  noch  heutigen  Tages  nicht  allein  die 
von  den  berühmten  Ahnen  stammenden  Waffen  hoch  in  Ehren  hält,  sondern  auch 
fortwährend  mit  den  tüchtigsten  Verteidigungswerkzeugen  sich  versieht,  um,  wenn 
ihn  die  Stimme  des  Vaterlandes  ruft,  gleich  grofse  Heldenthaten,  wie  seine  vergötterten 
Voreltern  verrichten,  zu  können. 

Die  japanischen  Säbelklingen  sind  von  vorzüglicher  Güte,  und  die  Japaner  be- 
haupten, dafs  sich  ihnen  keine  von  auswärtigen  Ländern  an  die  Seite  setzen  lassen. 
Sie  sind  nicht  damasciert,  sondern  von  Cement-Stahl  verfertigt,  daher  sehr  hart  und 
wenig  elastisch.  Das  Verfahren  des  Cementierens  ist  äufserst  einfach,  verdient  aber 
unsere  Aufmerksamkeit  um  so  mehr,  da  daraus  hervorgeht,  dafs  der  gepriesene  ja- 
panische Stahl,  gleich  wie  der  indische  Wootzstahl,  aufser  dem  Kohlenstoff  auch  mit 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


323 


Aluminium  und  Silicium  verbunden  ist.  Nach  der  Mitteilung  eines  glaubwürdigen 
Mannes  — Mogami  Tokunai* — geschieht  die  Cementation  auf  folgende  Weise:  Die 
aus  gutem  Stabeisen  geschmiedeten  Klingen  werden  mit  einem  Teig  aus  Pottasche, 


Fig.  39.  Waffenbeschläge  und  Ornamente. 


Thon-  oder  Porzellanerde  und  Kohlenpulver  überzogen  und  an  der  Sonne  getrocknet, 
hierauf  dem  Feuer  ausgesetzt  und  so  lange  erhitzt,  bis  die  Cementmasse  eine  weifse 
Farbe  annimmt.  Die  glühende  Klinge  wird  nun  in  lauwarmes  Wasser,  das  aus  3/ 5 


324 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


siedendem  und  2,ff  kaltem  erhalten  wird,  getaucht  und  allmählich  abgekühlt.  Oft  er- 
hitzt man  blofs  die  Schneide  der  Klinge,  und  dann  geschieht  die  Abkühlung  in  kaltem 
Wasser.  Dafs  man  aus  unverrosteten  Überbleibseln  von  Eisen  auch  auf  Japan,  wie 
bei  den  alten  Celtiberiern,  Klingen  von  vorzüglicher  Güte  schmiedet,  ist  mir  nicht 
bekannt.  Übrigens  lassen  sich  die  gepriesenen  Vorzüge,  welche  Klingen  aus  ältester 
Zeit  besitzen  sollen,  durch  ein  ähnliches  Verfahren,  nämlich  Umschmieden  der  alten 
Klinge  erklären.  Von  den  berühmtesten  Klingenschmieden  (Kasi)  und  ihren  Mono- 
grammen bestehen  gedruckte  Verzeichnisse.  — Die  Säbel  sind  durchgehends  scharf 
geschliffen  und  werden  sorgfältig  in  diesem  Zustande  erhalten.  Zum  Schleifen  be- 
dient man  sich  einer  Art  Schleifsteine,  die  den  berühmten  levantinischen  ähnlich  sind. 
Sie  sind  von  vorzüglicher  Güte,  und  ihre  Ausfuhr  ist  streng  verboten. 

Nächst  der  Klinge  ward  auf  das  Gefäfs  die  meiste  Sorgfalt  verwendet.  Die 
Stücke,  aus  denen  es  besteht,  sind  luxuriös  zusammengesetzt.  Das  Säbelgefäfs  eines 
vornehmen  oder  wohlhabenden  Japaners  ist  eine  wahre  Sammlung  von  Kleinodien 
und  Kunstsachen,  mit  Geschmack  und  Kenntnis  zu  einem  Ganzen  vereinigt.  Es  lohnt 
sich  der  Mühe,  einige  solcher  Gefäfse  zu  zergliedern  und  kritisch  zu  betrachten.  Auf 
Fig.  39  haben  wir  ein  ganzes  Gefäfs  und  mehrere  Stücke  einzeln  abgebildet.  Die 
Gegenstände  sind  so  gewählt,  dafs  sie  uns  die  eigentümlichen  Züge  des  japanischen 
Volkscharakters  in  bis  jetzt  unbeachteten  Zeichen  und  Bildern  erkennen  lassen.  Die 
einzelnen  Stücke  gehören  zur  Garnitur  von  Säbeln  verschiedener  Volksklassen.  Abb.  s 
zeigt  ein  vollständiges  Gefäfs  eines  Säbels,  der  von  einem  reichen  Privatmanne  ge- 
tragen wurde.  Stichblatt  (Tsuba),  Knopf  und  Ring  des  Griffes,  wie  auch  die  einge- 
flochtenen Verzierungen  sind  von  Messing  und  vergoldet.  Der  Griff  (Tsuka)  ist  mit 
kostbarer  Rochenhaut  überzogen  und  mit  einer  seidenen  Schnur  zierlich  umwickelt. 
Auf  dem  durchbrochenen  Stichblatte  sind  zwei  Tiere  der  chinesischen  Mythologie,  das 
Kirin  und  der  Vogel  Hö,  angebracht,  deren  Erscheinen  auf  Erden  Glück  und  Wohl- 
sein verkündet.  Der  letztere  wiederholt  sich  in  dem  am  Griffe  eingeflochtenen  Emblem. 
Diesem  gegenüber  befand  sich,  auf  die  gleiche  Weise  befestigt,  das  in  Abb.  h abge- 
bildete Relief  — ein  gezäumtes,  von  einem  Affen  geleitetes  Pferd.  Auch  dieses  ist 
ein  Symbol  und  zwar  des  aus  Landbau  und  Handel  entspriefsenden  Wohlstandes.  Der 
ganze  Säbel  ist  auf  Eig.  38  d abgebildet,  und  die  Scheide  eines  kleinen  Messers 
daran  enthält  als  Ornament  eine  Grille  auf  einem  Grashalme  — das  Bild  eines  stillen 
Abends  des  Lebens.  So  sprechen  sich  in  den  Emblemen  seiner  Waffe  die  friedlichen 
Gesinnungen  eines  wohlhabenden  Bürgers  aus. 

Das  Stichblatt,  Abb.  a , ist  aus  vier  Venusmuscheln  zusammengesetzt.  Die  darauf 
erhaben  in  Silber  und  Gold  gearbeiteten  Bilder  spielen  auf  die  vier  Jahreszeiten  an: 
der.  blühende  Pflaumenzweig  bedeutet  den  Frühling,  die  Orchis  den  Sommer,  die 
fruchttragende  Rebe  den  Herbst  und  der  immergrüne  Bambus  den  Winter.  Auch  die 
drei  Schriftzeichen,  welche  mit  der  altchinesischen  Schrift  Schang  fang  ta  tschuen  Ähn- 
lichkeit haben  und  deren  Entzifferung  uns  nicht  gelang,  haben  ohne  Zweifel  eine 
allegorische  Bedeutung. 

Zu  diesem  Stichblatt  passen  die  Vignetten  Abb.  m,  der  Gott  des  Reichtums, 
Abb.  g,  der  Gott  der  Zeit  und  Abb . />,  Embleme  des  geselligen  Lebens,  Geräte  zur 
Bereitung  des  grünen  Thees.  Überlassen  wir  die  Wahl  derartiger  Säbelgarnituren 
dem  glücklichen  Mittelstände,  der  sich  von  Landbau  und  Gewerbe  nährt.  Noch  bleiben 
uns  Verzierungen,  welche,  auf  Heroen-  und  Heldenscenen  anspielend,  die  Säbel  der 


3 . Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


325 


Ritter  schmücken.  Alle  Bildchen  haben  Bedeutung;  sie  sind  der  vaterländischen  Ge- 
schichte entnommen.  In  den  Umrissen  auf  dem  Stichblatte,  Abb.  c,  läfst  sich  eine 
Scene  aus  dem  Gefechte  bei  Kawasaki  im  Jahre  1057  erkennen,  worin  der  jugend- 
liche Held  Josiije  sich  unsterblichen  Ruhm  erwarb;  auf  dem  Griffknopfe,  Abb.  i,  zeigt 
sich  das  Bild  des  Kriegsgottes  Wözin,  als  Hatsi  man  oder  Kami  der  acht  Flaggen  u.  s.  w. 
Abb.  / und  n sind  niedergelegte  Waffen  und  Rüstungen  und  spielen  auf  Krieg  und 
Frieden  an. 

Diese  in  Relief  und  durchbrochen  gefertigten  Arbeiten  verdienen  eine  besondere 
Aufmerksamkeit.  Sie  sind  eine  Mosaik  aus  verschiedenen  Metallen,  werden  im  Lande 
selbst  Sjakdö  genannt.  Man  hat  ausgezeichnete  Kunstwerke  dieser  Art. 

Eine  Erwähnung  verdient  noch  das  Abb.  d und  q abgebildete  Messer,  welches 
sich  gewöhnlich  an  den  Seitengewehren,  die  wir  als  Wakisasi  und  Sasizoje  kennen 
gelernt  haben,  befindet.  Abb.  r ist  der  untere  Teil  einer  Scheide  mit  der  Zwinge 
(Kosiri)  und  Abb.  / ein  Beschläge  am  oberen  Teile  der  Scheide,  woran  ein  Band  zur 
Befestigung  des  Säbels  im  Gürtel  angebracht  wird.  Abb.  b ist  ein  einfaches  Stichblatt 
mit  bedeutungslosen  Verzierungen. 

Von  der  Streitaxt,  dem  Streithammer  und  anderen  alten  Hiebwaffen. 

Die  Streitaxt  (Masakari,  d.  i.  Schlachtbeil)  gehört  nunmehr  unter  die  veralteten 
Waffen.  Sie  wurde  zu  den  Zeiten  Zingus,  zu  Aiffang  des  dritten  Jahrhunderts,  in 
Japan  bekannt  und  kam  ohne  Zweifel  vom  benachbarten  Festlande  herüber.  In  China 
ist  sie  noch  heutigen  Tages  als  Insignie  im  Gebrauch,  und  in  einer  chinesischen  Bilder- 
fibel finden  wir  Abbildungen  solcher  Beile,  deren  einige  viel  Ähnlichkeit  mit  den 
römischen  Fasces  haben.  Auch  Dr.  O.  Dapper  hat  Abbildungen  solcher  Beile  mit- 
geteilt. Die  merkwürdigsten  Formen  davon  sind  auf  Fig.  4 6 g,  a,  i und  / abgebildet. 

Auch  von  Streithämmern,  Streitkolben  und  anderen  derartigen  Waffen  des  Alter- 
tums finden  sich  Spuren.  Eiserne  Streitkolben,  ähnlich  den  sogenannten  Morgen- 
sternen, sieht  man  auf  Votivbildern  unter  den  Waffen  der  Heroen,  und  einige  sehr 
merkwürdige  Schwerter  mit  kolbenartiger  Verdickung  an  der  Spitze  wurden  im  Ge- 
birge Hikosan  in  der  Landschaft  Buzen  auf  Kiusiu  ausgegraben.  Diese  alten  Waffen, 
deren  Abbildung  (Fig.  50  b,  c ) ich  einem  Freunde  verdanke,  sind  von  Eisen 
und  samt  dem  Griffe  1,251  Meter  lang.  Der  Griff  mifst  0,342  Meter,  woraus  sich 
schliefsen  läfst,  dafs  diese  Hiebwaffe  mit  beiden  Händen  geführt  wurde.  Sie  scheint 
aus  Indien  zu  stammen,  und  wir  erkennen  dieselbe  in  der  Hand  des  auf  dem  Titel- 
blatte unseres  Nippon  dargestellten  Marisiten.  Chinesen  und  Koreaner  waren  übrigens 
damit  in  frühester  Zeit  bekannt.  Bemerkenswert  ist  noch  ein  anderes  Schwert,  welches 
im  Gebirge  Omijama  in  der  Landschaft  Tanba  auf  Nippon  ausgegraben  wurde.  Es 
ist  1,516  Meter  lang- und  auf  dem  Rücken  0,038  Meter  dick.  Der  gleichfalls  eiserne 
Griff  ist  zugerundet  und  hat  Einschnitte  zum  Einlegen  der  Finger.  Die  Klinge  läuft 
nach  vorne  allmählich  breiter  zu  und  hat  eine  beinahe  rechtwinkelig  abgestumpfte  Spitze 
— ein  kolossales  Schlachtschwert,  dessen  Form  uns  an  das  griechische  und  an  das  alte 
römische  Schwert  erinnert  (Fig.  50  a). 


^2 6 Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Von  den  Feuergewehren. 

Vom  Schiefspul ver  und  der  Einführung  der  Feuergewehre  in  China 

und  Japan. 

Die  Europäer  geben  den  Chinesen  die  Ehre,  das  Pulver  erfunden  und  bereits 
im  dritten  Jahrhundert  christlicher  Zeitrechnung  gekannt  zu  haben.  Selbst  die  Deut- 
schen sehen  von  dem  Ruhme  der  Erfindung  ab,  welche  die  Sage  ihrem  Landsmanne, 
dem  Franziskanermönche  Berthold  Schwarz  (1340),  zuschreibt,  und  vermuten,  dafs  die 
Saracenen  das  Pulver  zuerst  aus  Afrika  nach  Europa  gebracht  haben,  wo  seine 
Fabrikation  seit  dem  dreizehnten  Jahrhundert  in  allen  Ländern  bekannt  und  nach  und 
nach  sehr  verbessert  wurde.  In  den  Jahrbüchern  der  Chinesen  und  Japaner  findet 
man  vor  dem  dreizehnten  Jahrhundert  keine  Angabe,  woraus  hervorginge,  dafs  diese 
Nationen  die  Zubereitung  des  Schiefspulvers  und  dessen  Anwendung  zu  Feuergewehren 
gekannt  hätten.  Die  beiden  Marco-Polo,  welche  der  Belagerung  von  Siang  jang  fu  um 
das  Jahr  1275  beiwohnten,  melden  nichts  von  Feuergewehren,  aber  um  diese  Zeit 
wird  der  Gebrauch  des  Pulvers  zum  Steinschiefsen  in  den  Jahrbüchern  der  Chinesen 
erwähnt. 

Nach  japanischen  Mitteilungen  sollen  zwar  auf  der  Flotte,  welche  Kublaikhan 
1281  zur  Eroberung  Japans  ausgesandt  hatte,  die  aber  bei  der  Insel  Iki  durch  einen 
Orkan  zertrümmert  wurde,  Feuergewehre  gewesen  sein;  es  ist  dies  aber  nicht  mit 
Gewifsheit  anzunehmen,  und  umsichtigere  japanische  Schriftsteller  erkennen  darin  eine 
Art  Raketen,  die  noch  heutigen  Tages  unter  dem  Namen  Daikok  bija,  d.  i.  Feuer- 
geschosse des  grofsen  Reiches  (China),  Vorkommen.  So  bleibt  also  den  Europäern 
die  Ehre,  die  ersten  Feuergewehre  nach  China  gebracht  zu  haben,  und  die  chinesischen 
und  japanischen  Quellen  stimmen  darin  überein.  «Das  Feuergewehr»,  heifst  es  im 
japanischen  Werke  Bujö  ben  rjö  IV,  26,  «wurde  von  den  westlichen  Fremdlingen  er- 
funden und  dem  ersten  Kaiser  der  Dynastie  Ming  — es  war  Thaitsu,  der  von  1368 
bis  1399  regierte  — von  der  Nation  Mokitsu  dargebracht.  Es  war  eine  Art  Isibija 
(Kanone).  Da  niemand  ihm  zu  widerstehen  vermochte,  nannte  es  der  Kaiser  ein 
Geisterwerkzeug  (Schinkhi),  und  es  galt  als  ein  wichtiger  Schatz  des  Palastes.»  Eine 
Abbildung  einer  solchen  Kanone  ist  in  Fig.  46  w mitgeteilt  und  zwar  entlehnt 
aus  der  chinesischen  Bilderfibel,  Morogosi  Kimo  dsu-i,  herausgegeben  von  Hirazumi 
Senan  in  Kioto,  1719,  14  kiuen  in  10  Büchern.  Auch  die  mehrerwähnte  japanische 
Encyklopädie  giebt  die  Abbildung  einer  alten  Drehkanone,  welche,  laut  der  hinzu- 
gefügten Angabe,  aus  Portugal  stammt  und  von  einem  Schiffe,  das  im  Jahre  1520  in 
Canton  einlief,  mitgebracht  wurde.  Wie  bekannt,  erschien  in  diesem  Jahre  die  erste 
Gesandtschaft  der  Portugiesen  in  Peking  — der  unglückliche  Thomas  Pieres,  der 
nach  seiner  Rückkehr  vom  Hofe  zu  Canton  ausgeplündert,  gefangen  und  allem  Anschein 
nach  hingerichtet  worden  ist. 

So  viel  ist  uns  aus  zuverlässigen  Quellen  über  den  Gebrauch  des  Pulvers  und 
die  Einführung  der  Feuergewehre  in  China  bekannt.  Wir  müssen  demnach  den  Chi- 
nesen, ungeachtet  neuerdings  ein  englischer  Schriftsteller  auf  die  Autorität  des  gelehrten 
Visdelou  hin  nur  ihnen  die  Ehre  der  Erfindung  dieser  Mordwerkzeuge  zuerkennt,  sie  ihnen 
nicht  nur  streitig  machen,  sondern  geradezu  absprechen,  und  dies  um  so  nachdrück- 
licher, wenn  es  sich  bewährt,  dafs,  wie  man  aus  alten  Urkunden  wissen  will,  schon 
im  Jahre  1073  der  ungarische  König  Salomon  die  Mauern  von  Belgrad  mit  Kanonen 
beschossen  hat. 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


327 


In  Japan  findet  man  die  ersten  Spuren  von  Feuergewehren  zu  Anfang  des  sech- 
zehnten Jahrhunderts  unter  der  Regierung  des  Mikado  Go  Kasibara  (1501  — 1527). 
Allem  Anscheine  nach  waren  diese  vom  benachbarten  Festlande  herübergekommen. 
Aber  eine  genaue  Kenntnis  davon  erhielten  die  Japaner  erst  von  den  Nanbanzin  oder 
südlichen  Fremdlingen,  d.  h.  Europäern.  Geschichtlich  erwiesen  landete  das  erste 
schwarze  Schiff  (kuro  fune,  so  heifsen  noch  heutzutage  die  europäischen  Fahrzeuge) 
im  Jahre  1530  an  der  japanischen  Küste  und  zwar  im  Hafen  von  Funai  in  der  Provinz 
Bungo  und  brachte  dem  Fürsten  Ohotomono  Muneakira  zwei  Feuergewehre  zum  Ge- 
schenke. Näher  bekannt  wurde  man  mit  dem  Feuergewehre  und  der  Bereitung  des 
Schiefspulvers  erst  im  Jahre  1543,  als  Fernan  Mendez  Pinto  nach  Tanegasima  kam. 
Eine  ausführliche  Erzählung  dieses  VorFilles,  und  zwar  nach  den  eigenen  Angaben 
der  japanischen  Jahrbücher,  findet  sich  in  der  Entdeckungsgeschichte  von  Japan 
Mura  Sjuksja  und  Krista  Möta;  die  Kapitäne  des  Nanbanschiffes  werden  uns  darin 
als  diejenigen  genannt,  welche  Feuergewehre  (Teppo)  mit  sich  führten  und  eines 
davon  einem  gewissen  Tokitaka,  Befehlshaber  der  Insel  Tanegasima,  zum  Geschenke 
gaben,  ihn  auch  die  Bereitung  des  Schiefspulvers  lehrten.  Diese  Begebenheit 
findet  in  den  abenteuerlichen  Reisen  des  portugiesischen  Seefahrers  Fernan  Mendez 
Pinto  ihre  Bestätigung,  was  uns  somit  berechtigt,  in  den  obengenannten  Fremd- 
lingen Pintos  beide  Gefährten  Diego  Zeimoto  und  Christoval  Borallo  zu  erkennen. 
Beide  sehen  wir  in  dem  japanischen  Originalwerke  Mangwa  Tom.  VI  abgebildet, 
ersteren  mit  einer  Luntenbüchse,  letzteren  mit  einer  Rolle  Papier  und  Arzneikräutern. 
Sie  hatten  sich,  der  eine  als  Schütze,  der  andere  als  Wundarzt,  rühmlichst  in  Japan 
bekannt  gemacht. 

Sjögun  Tokijasu  liefs  hierauf  durch  einen  Schmied,  Namens  Kunijasu,  zehn 
Teppö  anfertigen,  und  ein  Kaufmann  von  Sakai,  Tatsibanaja  Jusanrö,  begab  sich 
zur  Erlernung  der  Schiefskunst  nach  Tanegasima,  wo  er  zwei  Jahre  darauf  verwendete. 
Man  nannte  diese  neue  Kunst  Teppö-ju,  und  ihre  Verbreitung  im  Reiche  erfolgte 
raschen  Schrittes.  Man  belegte  das  Teppo  auch  mit  dem  Namen  Tanegasima  Teppo, 
d.  i.  eiserne  Röhre  von  Tanegasima;  ein  neuer  Beweis,  dafs  es  auf  der  genannten 
Insel  zuerst  eingeführt  worden. 

Zu  unterscheiden  vom  Teppo  ist  das  Isi  bija,  wörtlich  Stein-Feuer-Pfeil,  worunter 
man  Kanonen  versteht.  Von  diesem  Geschütze  hatten  die  Japaner  bereits  im 
Jahre-  1528  durch  den  Verkehr  mit  China  Kenntnis  erlangt;  doch  erst  im  Jahre  1551 
brachte  ein  Nanban-Schiff,  das  den  Hafen  zu  Usuki  in  Bungo  besuchte,  dem  Fürsten 
Otomono  Muneakira  eine  Kanone  zum  Geschenke.  Nach  glaubwürdigen  Augen- 
zeugen wird  dieselbe  noch  zu  Usuki  aufbewahrt. 

V on  den  Handfeuergewehren,  Gewehren  mit  Lunten- 
schlössern, Vielgeschossen  u.  dgl. 

Die  Handfeuergewehre  (Teppö),  welche  gegenwärtig  im  Gebrauche  sind,  unter- 
scheiden sich  in  ihrer  Form  und  Einrichtung  wenig  von  den  Modellen,  welche  die 
Portugiesen  im  sechzehnten  Jahrhundert  nach  Japan  gebracht  haben.  Es  sind  noch 
ganz  die  alten  Luntengewehre.  Die  Lunte,  Hinawa , d.  i.  Feuerstrick,  ist  auf  dem 
Hahne,  den  man  durch  einen  Druck  auf  das  Zündloch  niederlassen  kann,  befestigt. 
Der  Hahn  ist  zu  diesem  Zwecke  mit  einer  Rinne  versehen,  in  welche  man  die  Lunte, 
welche  die  Dicke  eines  kleinen  Fingers  hat,  einzwängt  (er  heifst  daher  nicht  un- 


328 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


passend  Hinawa  hazami,  Luntenzange).  Die  Zündpfanne  (Hisara,  Feuerschale)  wird 
durch  einen  Sicherheitsdeckel  (Hifuta,  Feuerdeckel)  vor  zufällig  abfallenden  Funken 
geschützt.  Auf  Fig.  40  Nr.  1 ist  ein  Jagdgewehr  mit  der  Lunte  und  geschlossener 


Fig.  40.  Schiefsgewehr  und  grobes  Geschütz. 


Pfanne  und  in  Nr.  1 a das  Schlofs  mit  geöffnetem  Sicherheitsdeckel  abgebildet.  Bei 
Soldaten-  und  Jagdgewehren  geht  die  Lunte  durch  ein  am  Anschlag  befindliches 
Loch  (Hinawa  towosi  ana,  Loch  zum  Durchgang  des  Feuerstrickes),  und  das  aufge- 
rollte Ende  derselben  wird  an  den  linken  Arm  gesteckt  und  bleibt  beim  Schiefsen 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


329 

daran  hängen.  Man  hat  auch  einen  eigenen  Gürtel,  worin  man  Luntenstücke  zu 
Pistolen  und  Gewehren  steckt  (Fig.  40  Nr.  5)  wie  auch  den  Zunder  bewahrt.  Mit 
dieser  dürftigen  Einrichtung  behilft  man  sich  bis  auf  den  heutigen  Tag.  Übrigens 
sind  die  Luntengewehre,  wie  der  Soldat  und  Jäger  sie  trägt,  ganz  geschäftet  und  mit 
einem  kurzen  Kolben  versehen.  Man  fafst  diesen  beim  Schiefsen  mit  der  Rechten, 
und  führt  den  Ballen  des  Daumens  gegen  die  rechte  Wange.  Das  Gewehr  ruht  so 
mit  seinem  vollen  Gewichte  auf  beiden  Armen  und  findet  keine  Stütze  an  der  Schulter, 
gegen  die  sich  Gewehre  mit  grofsen  Kolben  anstemmen.  Der  kurze  Kolben  und  die 
Weise  des  Anlegens  erfordert,  dafs  der  Drucker  (Hiki  kaue,  Zieheisen)  um  vieles 
weiter  als  bei  unseren  Gewehren  nach  hinten  steht.  Der  Lauf  ist  meistens  acht- 
eckig, an  der  Mündung  in  einen  umgekehrt  kegelförmigen  Wulst  auslaufend,  ist  sehr 
massiv  aus  Eisen,  hat  aber  kleines  Kaliber;  der  Kugeldurchschnitt  eines  Jagdgewehres 
ist  gewöhnlich  0,015  Meter.  Man  hat  grade  und  schneckenförmig  gezogene  Läufe. 
Sie  sind  durchgehends  mit  einem  doppelten  Visier,  einem  oberen  (sjögi  kata)  und 
unteren  (maimi  ate),  wie  unsere  Kugelbüchsen  versehen.  Zum  Scheiben-  und  Raketen- 
schiefsen  sind  aufserdem  noch  sehr  plumpe,  schwere,  aber  verhältnismäfsig  kurze 
Büchsen  im  Gebrauche,  wrelche  selbst  der  stärkste  Mann  nur  mühsam  aus  freier  Hand 
abzufeuern  vermag.  Manche  wfiegen  an  hundert  Pfund,  schiefsen  eine  Kugel  von 
0,030  bis  0,040  Meter  im  Durchmesser  und  sind  mit  Handhaubitzen  und  Raketen- 
röhren zu  vergleichen.  Die  Pistolen,  deren  man  von  verschiedener  Gröfse  hat,  haben 
dieselbe  Einrichtung  wie  die  Luntengewehre.  Auch  haben  die  Chinesen  und  Japaner 
Versuche  mit  doppelten,  dreifachen,  selbst  fünffachen  Gewehren  gemacht.  Auf 
Fig.  4 6 0,  p sind  solche  nach  Abbildungen  aus  der  obenerwähnten  chinesischen 
Bilderfibel  mitgeteilt.  Die  Läufe  solcher  Vielgeschosse  sind  derart  zusammengelötet, 
dafs  sie  eine  drei-,  vier-  oder  fünfeckige  Stange  bilden,  an  deren  unterem  Ende  ein 
langer  eiserner,  die  Stelle  eines  Kolbens  vertretender  Handgriff'  mit  einem  Luntenhahne 
angebracht  ist.  Die  Läufe  werden  beim  Abfeuern  wie  bei  unseren  Drehbüchsen 
umgedreht.  Allem  Anscheine  nach  bediente  man  sich  dieser  Vielgeschosse,  welche 
sehr  schwer  und  von  plumpem  Machwerke  waren,  nur  zur  Wrtheidigung  von  Schanzen 
und  Festungen.  Auch  machte  man  Versuche,  Spiefse  und  Hellebarten  mit  Feuer- 
rohren zu  versehen.  Ich  rnufs  hier  noch  bemerken,  dafs  man  in  Japan  keine  Gewehre 
mit  Bajonetten  hat. 

Von  Patronen,  Patrontaschen,  Pulverhörnern  und  Kugelbeuteln. 

Der  japanische  Jäger  lädt  aus  der  Hand  oder  mit  einer  am  Pulverhorn  be- 
findlichen Ladung  (Fig.  40  Nr.  8)  und  nimmt  verhältnismäfsig  weniger  Pulver 
und  Schrot  als  wir;  namentlich  ist  er  mit  dem  Schrot  sehr  sparsam.  Der  Soldat 
dagegen  führt  seine  Patronen  (Hajagö,  schnelle  Ladung)  in  einer  der  unsrigen  ähnlichen 
Patrontasche  (Hajagö  ire,  Nr.  6)  mit  sich.  Die  Patronen  sind  entweder,  wie  die 
unseren,  Papierhülsen,  die  Pulver  und  Kugel  enthalten  (Nr.  4),  oder  es  sind  mit 
einem  Stopfer  versehene  Büchs chen  von  Holz  oder  Kupferblech,  worin  sich  ein  Schufs 
Pulver  mit  der  Kugel  (Nr.  2),  oder  blofs  Pulver  (Nr.  3)  befindet.  In  letzterem 
Falle  hat  der  Soldat  einen  eigenen  Kugelbeutel.  Der  in  Nr.  10  abgebildete  verdient 
seines  sinnreichen  Mundstückes  wegen  beachtet  zu  werden;  er  ist  aus  einem  Gerns- 
horn  verfertigt  und  hat  die  Form  eines  Schnabels,  der  die  Kugel,  wenn  sie  aus  dem 
Beutel  tritt,  festhält,  bis  man  sie  mit  dem  Daumen  und  Zeigefinger  herauszieht. 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


33° 

Nicht  unpassend  wird  er  daher  Rabenschnabel  (Karasu  kutsi)  genannt.  Jäger  und 
Soldaten  führen  als  Zündkraut  noch  feines  Pulver  in  kleinen  Büchschen  (Nr.  7 u.  9)  mit 
sich,  ein  Bedürfnis  bei  allen  Völkern,  welche  sich  mit  gemeinem  Stückpulver  be- 
helfen müssen.  Die  Chinesen  und  Japaner  sind  in  der  Bereitung  des  Pulvers  noch 
zurück.  Sie  kennen  zwar  die  Mischungsverhältnisse;  aber  es  fehlt  ihnen  an  den 
mechanischen  Vorrichtungen,  womit  die  Ingredienzien  gestofsen  und  gehörig  unter- 
einander gemengt  werden.  Auch  ist  man  mit  dem  Körnen  wenig  und  mit  dem 
Glätten  gar  nicht  bekannt.  Die  Verhältnisse  des  japanischen  Pulvers  sind  gewöhnlich 
7 5,7  °l 0 Salpeter,  14,4  °/o  Kohle  und  9,9  °/o  Schwefel. 

Vom  groben  Geschütze. 

Das  grobe  Geschütz,  welches  ich  zu  sehen  Gelegenheit  hatte,  bestand  in  eisernen 
Kanonen,  12-  und  24-Pfündern,  auf  schweren,  unbehülflichen  Laffetten,  gleich  denen 
der  alten  Schiffskanonen,  die  zu  Modellen  gedient  haben.  Sie  heifsen  bis  heute  noch 
Isi-bija,  d.  i.  Stein-Feuer-Geschosse,  und  anfänglich  schofs  man  daraus  Steine  von 
12  Pfund  und  darüber.  Die  erste  Kunde  von  solchen  Feuerschlünden  hat  man  in 
Japan,  wie  erwähnt,  aus  China  erhalten;  genauer  lernte  man  sie  erst  seit  der  Mitte 
des  sechzehnten  Jahrhunderts  kennen.  Gegenwärtig  hat  man  Kanonen  und  Haubitzen 
nach  europäischen  Mustern  des  17.  und  18.  Jahrhunderts  in  Eisen  und  Metall  ge- 
gossen, Fig.  40  Nr.  12  und  13.  Es  ist  meistenteils  Festungsgeschütz.  Unseren 
Bomben  ähnliche  Kammergeschütze  sind  mir  in  Japan  nicht  bekannt  geworden.  Von 
Handgranaten  ist  auf  Fig.  40  Nr.  14  eine  Abbildung  gegeben.  Mit  unserem  Feld- 
geschütz der  neuesten  Zeit  ist  man  übrigens  auch  genauer  bekannt  geworden,  indem 
im  Jahre  1825  das  Niederländisch-Indische  Gouvernement  zwei  Feldstücke  — Sechs- 
pfünder  mit  allem  Zubehör  • — als  Geschenke  für  den  Sjögun  nach  Nagasaki  sandte. 
Die  Annahme  dieser  in  jeder  Hinsicht  für  Japan  wichtigen  Kriegsgeräte  wurde  von 
seiten  des  Sjögun  offiziell  abgelehnt,  während  ein  gewisser  Takaki  Mitsunoske,  Ober- 
konstabler und  Befehlshaber  der  Wache  von  Nagasaki,  sich  dieselben  unter  der  Hand 
zu  verschaffen  wufste.  Es  ist  dies  wieder  ein  Pröbchen  japanischen  Nationalstolzes 
und  der  feinen  Kunstgriffe,  womit  man  die  niedrige  Stufe,  auf  welcher  Kriegswissenschaft 
und  Kriegswesen  offenbar  stehen,  den  Europäern  zu  verhüllen  sucht.  Unsere  Waffen  und 
Kriegsgeräte  erklärt  man  für  unnötig,  und  untersagt  bei  Todesstrafe  die  Ausfuhr 
japanischer  Säbel,  Luntengewehre,  Bogen  und  Pfeile  u.  dgl.  Die  Ausländer  dürfen 
sich  von  den  einheimischen  Waffen  nicht  einmal  Abbildungen  fertigen  lassen;  ja,  man 
geht  in  der  Auslegung  des  Gesetzes  so  weit,  dafs  kein  Bildchen,  kein  Püppchen, 
woran  sich  Waffen  erkennen  liefsen,  auf  öffentlichem  Wege  nach  Dezima  gebracht 
und  zum  Kaufe  angeboten  werden  darf.  Auch  die  Einfuhr  von  Waffen  jeder  Art  ist 
streng  verboten  und  sogar  das  Tragen  von  Degen  und  anderen  Gewehren  den  Nieder- 
ländern an  Bord  der  Schiffe  und  auf  Dezima  untersagt. 1 

1 I11  früheren  Jahren  bis  177 6 trugen  sämtliche  nach  dem  Hofe  zu  Jedo  ziehenden  Niederländer 
ihre  Degen.  Jetzt  ist  dieses  nur  den  Gesandten  gestattet,  und  man  weifs  nicht  recht  zu  sagen,  wie 
seine  Begleiter  des  gleichen  Rechts  verlustig  wurden.  Der  russische  Gesandte  von  Resanoff  wufste 
es  sehr  gut  zu  erwirken,  dafs  man  seinen  Offizieren  das  Tragen  ihrer  militärischen  Auszeichnungen 
erlaubte,  und  eine  russische  Ehrenwache  begleitete  ihn  zur  Audienz  bei  dem  Statthalter  von  Nagasaki. 
Dagegen  begnügen  sich  die  Direktoren  des  niederländischen  Handels  mit  einem  spanischen  Rohre,  wo- 
mit sie  auf  Dezima  einherschreiten,  und  lassen  sich  bei  offiziellen  Besuchen,  auch  bei  sonstigen  Ver- 
gnügungsausflügen ihren  Degen  als  Würdezeichen  mit  Pantoffeln,  Theemaschine  und  Laternen  nach- 
tragen. Es  ist  dies  angeblich  japanische  Sitte! 


3 . Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


i 


Von  der  R ü s t u n g. 

Die  älteste  Schutzwaffe  ist  der  Schild.  Wir  finden  ihn  bei  allen  Völkern  der 
Welt.  Von  den  bereits  untergegangenen  sind  uns  in  Denkmälern  und  Überresten 


i 


Fig.  41.  Rüstungen,  namentlich  Schuppenpanzer  und  Helme. 

verschiedene  Formen  desselben  bekannt  geworden,  und  die  wilden  Stämme,  die  wir 
von  Zeit  zu  Zeit  noch  entdecken,  treten  uns  häufig  mit  dieser  Schutzwaffe  entgegen. 


3^2  Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Mit  der  fortschreitenden  Civilisation  und  unter  einem  Himmelstriche,  der  eine  dichtere 
Bekleidung  des  Leibes  erlaubt,  begnügte  sich  der  Mensch  nicht  mehr  mit  dem  Schilde 
allein;  er  erfand  bald,  zur  Beschützung  der  edelsten  Teile  seines  Körpers,  eine  Be- 
kleidung, wie  sie  ihm  am  zweckmäfsigsten  schien,  oder  wie  die  Verhältnisse,  worin 
er  lebte,  es  zuliefsen.  Die  Anfertigung  solcher  Schutzkleider  hielt  gleichen  Schritt 
mit  dem  Fortschritte  der  Künste  und  Gewerbje,  bis  endlich  der  Zufall  ein  Mittel  und 
der  denkende  Geist  Werkzeuge  erfand,  denen  menschliche  Kraft  und  Kunst  kein 
widerstandsfähiges  Schutzmittel  entgegenzustellen  vermochten.  So  ist  denn  auch 
seit  der  Erfindung  der  Feuergewehre  in  Europa  und  den  übrigen  von  Europäern  be- 
völkerten Ländern  die  Schutzrüstung  des  Körpers  bis  auf  den  Kürafs  abgeschafft 
worden.  Unter  den  asiatischen  Völkern  haben  indessen  die  gebildetsten  — die 
Chinesen  und  Japaner  — den  Harnisch  beibehalten,  und  er  gehört  dort  zur  Bewaffnung 
eines  Soldaten. 

Die  Erfindung  des  Harnisches  fällt  bei  den  Japanern  in  das  hohe  Altertum. 
Zinrnu,  der  Eroberer,  soll  sich  einen  zu  Mijasaki  in  Hiuga  haben  fertigen  lassen 
(66 1 vor  Chr.  Geb.),  Jamatotake  trug  einen  Harnisch,  als  er  iio  nach  Chr.  Geb. 
zur  Bekämpfung  der  östlichen  Wilden  auszog,  und  von  der  gefeierten  Eleidin  Zingu- 
Kogo  und  ihrem  greisen  Feldherrn  Takeutsi  wissen  wir,  dafs  sie  bei  der  ersten  Expedition 
nach  der  koreanischen  Halbinsel  im  Jahre  200  n.  Chr.  Geb.  Rüstungen  getragen. 

Von  diesem  Zeitpunkt  an  kamen  die  Rüstungen  mehr  und  mehr  in  Gebrauch, 
und  im  Jahre  790  wurden  zu  einer  Expedition  nach  Osju  auf  Befehl  des  Mikado 
zweitausend  lederne  Panzer  und  zweitausend  neunhundert  eiserne  Pickelhauben  an- 
gefertigt. 

Die  Rüstung,  worin  gegenwärtig  der  japanische  Ritter  erscheint,  wenn  er  im 
Dienste  ist,  und  die  er  mit  den  Trophäen  eines  hundertjährigen  Friedens  mit  den 
Erzeugnissen  der  Kunst  und  den  Erfindungen  der  Prachtliebe  ausschmückt,  besteht 
aus  einem  Panzer  mit  Lenden-,  Schenkel-,  Bein-,  Arm-  und  Schulterschienen  und 
aus  einem  Helme  mit  Nackenschirm,  Visier  und  Ringkragen.  Dazu  kommen  ganz 
eigene  Schuhe  und  Unterkleider.  Gewöhnlich  ist  Helm,  Panzer  und  Zubehör  aus 
Leder  verfertigt,  mit  Metall  beschlagen  und  verziert  und  mit  seidenen  Schnüren  durch- 
flochten und  zusammengeheftet. 

Seltner  ist  die  Rüstung  von  Eisen  oder  sonstigem  Metalle;  nur  Reiter  tragen 
derlei  Kürasse  und  Pickelhauben.  Häufig  sind  auch  Wämser,  aus  Eisendraht  geflochten, 
im  Gebrauch.  Für  Kinder  und  zum  Prunke  hat  man  Rüstungen  von  Papiermache, 
mit  Messing  und  seidenen  Schnüren  und  Quasten  verziert.  Die  Farbe  der  Rüstung, 
des  lackierten  Leders  und  der  seidenen  Schnüre  nämlich,  richtet  sich  nach  dem  Stamm- 
hause, dem  der  Ritter  angehört.  Das  Haus  Minamoto  trägt  schwarze  Rüstung, 
das  Haus  Taira  purpurne,  das  Haus  Fudsiwara  blafsgelbe,  das  Haus  Tatsibana  hoch- 
gelbe. Die  Vasallen  eines  jeden  dieser  vier  Häuser  führen  dieselben  Farben.  Bedient 
sich  ein  Ritter  einer  andern  Farbe,  so  kann  dies  nur  infolge  einer  ehelichen  Ver- 
bindung geschehen. 

Li  ethnographischer  Hinsicht  verdienen  die  japanischen  Rüstungen  um  so  mehr 
unsere  Aufmerksamkeit,  als  sie  eines  der  wesentlichsten  Kriegsgeräte  eines  Volkes 
bilden,  das  im  Mittelalter  auf  dem  Tummelplätze  des  nordöstlichen  Festlandes  von 
Asien  eine  gröfsere  Rolle  gespielt  hat,  als  man  von  einem  so  abgelegenen  Insel- 
volke hätte  erwarten  sollen.  Stammten  doch  wahrscheinlich  die  Ahnen  des  Mongolen- 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskenst. 


^ 1 


fürsten  Kublai  khan,  der  den  Thron  von  China  eroberte,  aus  dem  japanischen 
Fürstenhause  Minamoto 1. 


I 2 

Fig.  42.  Rüstungen  und  Details  derselben. 


] Meinem  unvergefslichen  Freunde  Tsjusiro,  Dolmetscher  am  Hofe  des  Sjogun  (1822—1826), 
verdanke  ich  die  nachstehende,  in  historischer  Hinsicht  höchst  interessante  Mitteilung.  «Joritomo,  der 
sich  im  Jahre  1185  zum  Oberfeldherrn  des  Reiches  mit  unumschränkter  Gewalt  aufgeworfen  hatte, 
verbannte  seinen  jüngsten  Bruder  Jositsune  nach  Osju,  dem  nördlichen  Teile  von  Nippon.  Der  Ver- 
wiesene fand  da  gute  Aufnahme  und  zahlreiche  Anhänger  seiner  Partei.  Da  sandte  Joritomo  Truppen 


334  Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Aber  auch  in  rein  technischer  Hinsicht  erweckt  diese  Kriegskleidung  unser  In- 
teresse. Der  japanische  Kunstfleifs  zeigt  sich  auch  an  ihr  in  vorteilhaftem  Lichte. 
Die  feinlackierten  ledernen  Streifen,  dachschindelartig  durch  zierlich  verknüpfte  seidene 
Schnüre  übereinander  geschichtet;  die  gegossenen,  geprefsten  oder  gravierten  me- 
tallenen Verzierungen,  an  Helm  und  Panzer  geschmackvoll  zu  einem  Ganzen  vereinigt, 
ziehen  die  Aufmerksamkeit  des  Kunstfreundes  auf  sich,  ohne  dafs  die  Umrisse  das  an 
griechische  und  römische  Formen  gewohnte  Auge  beleidigen.  Ihre  Ähnlichkeit  mit 
den  altgriechischen  Rüstungen  ist  unverkennbar.  Ja  sie  können  uns  selbst  über  das 
Machwerk  jener  ältesten  Panzer,  wovon  uns  Pausanias  die  besten,  aber  immer  noch 
unzureichenden  Berichte  mi-tgeteilt  hat,  eine  Aufklärung  geben,  die  jeden  Zweifel  be- 
seitigt. Wir  wollen  nun  die  einzelnen  Stücke,  woraus  die  Rüstung  unserer  Japaner 
zusammengesetzt  ist,  näher  betrachten. 

Von  dem  Helme. 

Auf  Fig.  41  und  42  sind  vollständige  Rüstungen  abgebildet.  Zu  Nr.  1 der 
Fig.  41  diente  ein  Modell,  welches  die  Rüstung  des  ersten  Kriegsministers  (Daisjö) 
am  Hofe  des  Mikado  vorstellt.  Auf  dem  Helme  (Kabuto)  bemerken  wir  einen 
Drachenkopf  (Tatsu  gasira),  den  nur  der  genannte  hohe  Staatsbeamte  führen  darf. 
Auch  die  übrigen  Verzierungen  dieses  Helmes  sind  Embleme,  welche  nur  den  Würden- 
trägern am  Hofe  der  Nachkömmlinge  der  Sonnengottheit  zukommen.  Wir  erkennen 
darin  eine  Sonnenscheibe  (Nitsirin),  einen  Halbmond  (Hangets)  und  zwei  Hörner 
(Kuwagata).  In  den  letztem  will  man  Bilder  des  Handpfluges  (Kuwa)  erkennen, 
und  erklärt  sie  nebst  einem  andern  Zeichen,  das  die  Form  von  Stierhörnern  hat,  für 
die  ältesten  Helmverzierungen.  Aufser  den  eben  berührten  giebt  es  der  Helmver- 
zierungen noch  mancherlei,  als  Ochsen-,  Bocks-  und  Gemsenhörner,  Hirschgeweihe, 
dem  Ken  nachgebildete  Schwerter,  Dreizacken  u.  s.  w.  Ihre  allgemeine  Benennung  ist 
Tate  mono.  Sie  werden  nur  von  Rittern  von  hoher  Abkunft  und  distinguiertem  Range 
getragen.  Die  Hörner  gelten  als  Sinnbild  der  männlichen  Kraft  und  Stärke.  An  dem 
Helm  Nr.  2 und  3 haben  wir  ferner  noch  zu  bemerken  die  beiden  flügelförmigen 
Seitenblätter  (Fuki  gajesi),  worauf  wir  in  Nr.  2 das  Wappen  des  Sjögun  erkennen; 
dann  das  Wetterdach  (Mabi  sasi),  den  bis  auf  die  Schulter  herabgehenden  Nacken- 
schild (Sikoro)  und  ein  an  der  Spitze  des  Helms  befindliches  Loch  (Iki  dasi  no  ana, 
d.  h.  Loch,  wodurch  der  Atem  hinausgeht),  welches  der  Aberglaube  zum  Sitze  der 
Geistereingebung  (schin  ling)  macht. 

Von  dem  Kegel  an  den  Helmen  bestehen  vielerlei  Formen.  Es  sind  deren 
über  sechzig  bekannt,  wovon  jede  ihren  besonderen  Kunstnamen  trägt.  Man  bemerkt 

zu  deren  Vernichtung.  Doch  Jositsune  entwich  mit  seinen  Getreuen  nach  Jezo,  von  wo  aus  er  nach  der 
Tatarei  übersetzte.  Von  diesem  Jositsune  stammt  angeblich  Pei-li-wang,  König  der  Kiur  ki»  (Genghis). 
Diesem  wichtigen  Ereignis  spricht  zwar  die  japanische  Reichsgeschichte  geradezu  entgegen;  denn  laut 
dem  Wakan  nenkei  wurde  Jositsune  im  4.  Monat  1189  vom  General  Jasuhira  in  Osju  geschlagen 
und  nahm  sich  selbst  das  Leben;  und,  nach  einer  Angabe  des  Nippon  Wodai  itsiran,  sandte  Jasuhira 
sogar  das  Haupt  des  Gefallenen  an  den  Sjögun  Joritomo:  allein  dieser  Widerspruch  läfst  sich  leicht 
aufklären,  wenn  man  dabei  nur  die  Strenge  der  Gesetze  im  Auge  hat,  welche  den  gegen  Jositsune 
entsandten  General,  bei  bekannt  gewordener  Flucht  des  Empörers,  unfehlbar  mit  dem  Tode  be- 
straft hätten,  und  wenn  man  die  japanische  Politik  näher  kennt,  der  alles  daran  gelegen  sein  mufste, 
die  Flucht  eines  der  ersten  Reichsgrofsen,  der  unberechenbaren  Folgen  wegen,  als  Staatsgeheimnis 
zu  bewahren. 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


335 


darunter  Tiger-  und  Drachenköpfe  und  solche,  welche  Schlangen,  Hähne  und  Hasen 
vorstellen.  Sie  erinnern  uns  an  die  Zeichen  des  Tierkreises  und  erhalten  somit  ihre 
Bedeutung. 

Merkwürdig  ist  an  den  japanischen  Helmen  das  Visier.  Es  besteht  aus  einer 
Larve  mit  einer  Adlernase,  einem  grofsen  Munde  voll  silberner  Zähne,  einem  schwarzen, 
roten  oder  weilsen  Schnurr-  und  Knebelbart  und  tiefen  Furchen  in  den  Wangen. 
Diese  gräuliche  Larve  heifst  Menbö,  und  wenn  die  Nase  fehlt,  Sarubö,  Affengesicht. 
Oben  ist  sie  mit  Riemen  an  dem  Helme  und  unten  an  dem  Ringkragen  befestigt, 
und  wird  noch  durch  ein  über  das  hervorragende  Kinn  gehendes  Sturmband  festge- 
halten. Die  Augen  bleiben  frei  und  ohne  Schutz.  Der  Ringkragen  (Notowa)  ist  dicht 
unter  dem  Kinn  angebracht  und  besteht  aus  einem  Stücke,  nur  selten  aus  zwei  oder 
drei  Lappen.  Auf  Fig.  41  Nr.  3 findet  man  diese  Einzelheiten  getreu  abgebildet. 


Von  dem  Harnisch. 


Der  Harnisch,  nicht  weniger  kompliziert  als  der  Helm,  besteht  aus  verschiedenen 
Stücken,  die  wir  einzeln  näher  betrachten  wollen.  Den  vornehmsten  Teil  bildet  der 
Panzer  (Zengo).  Man  begreift  darunter  einen  Kürafs  mit  Lendenschienen  und  unter- 
scheidet zwei  Arten  desselben:  einen  mit  sieben  (Fig.  41  Nr.  1)  und  einen  mit  acht 
Lendenschienen  (Fig.  42  Nr.  1,  2).  Ersterer  wird  von  vornehmen  Rittern  getragen. 
Der  Kürafs  ist  aus  einem  Brust-  und  Rückenstücke  zusammengesetzt,  läfst  sich  an  der 
rechten  Seite  öffnen  und,  wenn  er  angelegt  ist,  zuschnüren.  Brust-  und  Rückenstück 
werden  durch  Schulterspangen  und  Schnüre  aneinander  befestigt  und  die  Lendenschienen 
(Kusa  zuri)  mit  beinernen  Knöpfen  und  seidenen  Litzen  am  Kürasse  angeheftet  (Fig.  42 
Nr.  1).  Sie  gleichen  den  am  Gurte  der  trojanischen  Helden  befestigten  Blechstreifen, 
die  nach  den  Darstellungen  auf  Vasen  als  herabhängende  Streifen  (Trxspol)  erscheinen. 


Bei  den  meisten  Rüstungen  ist  auf  dem  Rücken  des  Panzers  ein  eigenes  Futteral  (Uke 
tsudsu)  angebracht,  worin  Fahnenjunker  und  Offiziere  eine  Standarte  (Sifan)  mit  sich 
tragen  (Fig.  42  Nr.  2).  Eine  ähnliche  Vorrichtung  dient  auch  zur  Befestigung  des 
Köchers.  Die  Schultern  sind  durch  eigene  Schienen  (Sode),  welche  den  ganzen  Ober- 
arm decken,  geschützt,  und  lederne  Ärmel  (Kode),  künstlich  mit  Eisendraht  überflochten 
und  mit  metallenen  Knöpfen  und  Verzierungen  besetzt,  decken  die  Arme  und  Hände 
(Fig.  42  Nr.  5 und  8).  Auch  die  Beinschienen  (Sune  ate)  sind  von  Leder  und  mit 
Metall  beschlagen.  In  alten  Zeiten  trugen  vornehme  Ritter  Schuhe  von  Bärenfell,  wie 
wir  sie  in  Fig.  41  Nr.  4,  5 abgebildet  sehen.  Jetzt  sind  solche  nur  bei  Feierlich- 
keiten gebräuchlich,  während  im  Felde  die  Fufsbekleidung  des  Soldaten  aus  Strümpfen 
(Tabi)  und  Strohschuhen  oder  vielmehr  Strohsohlen  (Wara  kudsu),  welche  mittels  Stroh- 
seilen an  die  Füfse  gebunden  werden,  besteht.  — Die  Beinharnische  haben  viel  Ähn- 
lichkeit mit  den  Kvy][u§£<;  der  Griechen  und  Ocreae  der  Römer,  werden  ebenso  be- 
festigt, aber  an  beiden  Beinen  angelegt. 

Noch  sind  ein  Paar  Schienen  zu  berühren,  welche  wir  auf  Fig.  42  Nr.  1 unter 
den  Lendenschienen  hervorragen  sehen.  Sie  sollen  zur  Beschützung  der  Schenkel  und 
Kniescheiben  dienen  und  heifsen  Wakiate.  Zur  vollständigen  Rüstung  gehören  auch 
Hosen,  Sita  bakama,  kurze,  aus  einem  schweren,  oft  sehr  kostbaren,  mit  Gold  durch- 
wirkten Seidenstoffe  verfertigte  Beinkleider,  die  so  eingerichtet  sind,  dafs  der  geharnischte 
Mann  durch  kein  natürliches  Bedürfnis  in  Verlegenheit  geraten  kann. 

Dies  wären  nun  die  vorzüglichsten  Stücke  der  Rüstung  eines  japanischen  Ritters. 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Er  nennt  sie  Kamigi , Oberkleider , im  Gegensätze  von  Simogi , Unterkleider , deren 
Beschreibung  uns  noch  erübrigt.  Liebhaber  der  Waffenkunde  und  Freunde  des 
Altertums  werden  mich  entschuldigen,  wenn  ich  in  solche  Einzelheiten  eingehe.  Es 
hat  für  sie  ein  wesentliches  Interesse,  und  meine  übrigen  Leser  mufs  ich  bitten,  jenen 
zu  lieb  noch  mit  anzusehen,  wie  der  japanische  Ritter  von  Fufs  bis  Kopf  sich  ankleidet 
und  Rüstung  und  Waffen  anlegt. 

Das  erste,  was  unser  Kriegsmann  auf  den  blofsen  Leib  anlegt,  ist  ein  Brustlatz 
(Fundosi),  der  sich  als  Schamschürzchen  verlängert  und  mit  einem  Bande  über  dem 
Nacken  und  um  die  Lenden  befestigt  wird.  Das  Bruststück  ist  mit  Moksa  wattiert, 
welche  den  Leib  vor  Erkältung  und  Erhitzung  bewahren  soll.  Hierauf  zieht  er  ein 
Unterkleid  (Sitagi)  oder  nur  ein  gewöhnliches  Hemde  (Hadagi)  an  und  bindet  es 
gleichfalls  mit  einem  Bande  (Hoso  obi)  um  die  Hüfte  fest.  Diese  Hemden  sind  vorne 
offen,  von  hellblauem,  selten  weilsem  Kattun,  zur  heifsen  Jahreszeit  von  Nesseltuch 
oder  Seidenzeug,  im  Winter  wattiert.  Nun  greift  der  Ritter  zu  den  Strümpfen  — 
kurze  Socken,  welche  die  grofse  Zehe  frei  lassen  — über  welche  er  Beinbinden  (Ki 
jahan)  von  Kattun,  Binsen  oder  Baumbast  anlegt.  Sie  haben  den  Zweck,  das  Schien- 
bein vor  Druck  und  Reibung  der  Beinharnische  zu  bewahren.  Jetzt  werden  die  oben- 
beschriebenen Hosen  und  Beinschienen  angezogen,  und  da  sich  unser  Ritter  noch  be- 
quem bücken  kann,  so  bindet  er  seine  Strohschuhe  fest.  So  weit  kleidet  er  sich  auf 
seinem  Rüstungskoffer  sitzend  an;  Stück  für  Stück  wird  in  der  angegebenen  Ordnung 
und  nach  bestimmten  Handgriffen  angelegt.  Alles  geht  in  bestimmten  Tempos  vor 
sich.  Nun  steht  er  auf,  zieht  den  linken,  dann  den  rechten  Panzerärmel  an,  fällt  aufs 
rechte  Knie,  steckt  den  linken  Arm  durchs  Armloch  des  Kürasses,  befestigt  den  rechten 
Achselriemen  und  schnürt  den  Panzer  zu.  Hierauf  umgürtet  er  sich  mit  einer  Schärpe, 
steckt  sein  grofses  und  sein  kleines  Seitengewehr  zu  sich,  legt  ein  Stirnband  an,  setzt 
seinen  Helm  auf  und  befestigt  mit  dem  Sturmband  die  Larve.  Da  steht  nun  unser 
Krieger  in  voller  Rüstung  und  hat  nur  noch  nach  Spiefs  oder  Bogen  und  Köcher  zu 
greifen,  um  zu  Fufs  oder  zu  Pferde  ins  Feld  zu  ziehen.  Es  ist  aber  in  Japan  seit  dem 
Jahre  ein  tausend  sechs  hundert  und  vierzig  — Friede! 

Von  dem  Schilde. 


Die  Schilde  schreiben  sich  gröfstenteils  aus  alten  Zeiten  her,  wo  man  noch  keine 
Feuergewehre  hatte.  Sie  haben  sich  aber,  trotz  der  Bekanntschaft  mit  diesen,  nicht 
blofs  im  Andenken  erhalten,  sondern  sind  hier  und  da  auch  im  Gebrauche  geblieben. 
Am  wenigsten  gebräuchlich  war  der  Handschild  (Tetate);  denn  die  tüchtigen  Har- 
nische machten  dem  japanischen  Ritter  ein  Geräte  entbehrlich,  das  ihm,  wollte  er 
sein  Schwert  mit  beiden  Händen  führen  oder  den  Pfeil  abschiefsen,  mehr  hinderlich 
als  nützlich  war.  Um  so  mehr  dagegen  bewährten  sich  im  offenen  Felde  wie  im 
verschanzten  Lager  die  sogenannten  Katsi  täte,  d.  i.  Fufsgängerschilde,  die  das  leichte 
Fufsvolk  trug  und  dem  angreifenden  Feinde  wie  eine  Brustwehr  entgegenstellte.  Bei 
dem  Rückzüge  trug:  man  sie  auf  den  Schultern  und  deckte  sich  damit  nach  Art  der 
testudo  militaris.  In  alter  Zeit  waren  sie  bemalt  und  auf  der  Mitte  war  ein  Drachen- 
kopf u.  dgl.  angebracht.  Die  Katsi  täte  sind  noch  gegenwärtig  im  Gebrauche.  Man 
hat  sie  3 — 5 Fufs  hoch,  in  Form  eines  länglichen  Vierecks,  aus  3 — 5 Zoll  dicken 
Brettern  der  asiatischen  Celtis  oder  des  Kampferbaumes  verfertigt.  Auch  aus  Ochsen- 
häuten werden  sie  hergestellt.  Auf  der  inneren  Seite  ist  ein  beweglicher  Stock  an- 


3-  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


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gebracht,  mittels  dessen  der  auf  den  Boden  gestellte  Schild  in  mehr  oder  weniger 
aufrechter  Stellung  sich  halten  und  einen  ganzen  Mann  verbergen  kann.  Auf  Fig.  43 


Abb.  a ist  ein  solcher  Schild  abgebildet, 


Von  dem  Räderschilde  und  andern  Verteidigungsmitteln 

gegen  Wurfgeschosse. 

Aus  der  Vereinigung  mehrerer  Schilde  entstand  der  schwerfälligere  Räderschild 
(Kuruma  täte).  Er  bildet  eine  Dielenwand  mit  Schiefsscharten  und  ruht  auf  einem 


Fig. 


43.  Schilde,  Leitern  und  anderes  Kriegsgerät. 


Gestelle  mit  vier  niedrigen  Rädern.  Fig.  43  Abb.  b.  Später,  etwa  in  der  Mitte  des 
sechzehnten  Jahrhunderts,  verfertigte  man  solche  Räderschilde  aus  aneinandergereihten 
Bambusbündeln.  Sie  vereinigen  mit  gröfserer  Leichtigkeit  den  Vorteil,  dafs  sie  auch 
eine  Schutzwehr  gegen  Feuerwaffen  bilden.  Die  auf  Rädern  stehenden  heifsen  Kuruma 
taketaba  (Abb.  c),  die  ohne  Räder  Taketaba.  Letztere  sind  tragbar.  Man  hat  auch  mit 
Pfählen  auf  dem  Grunde  befestigte  Hürden  (Uje  taketaba,  d.  i.  aufgepflanzte  Bambus- 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


22 


338 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Schilde),  welche  unsern  Schanzkörben  gleichen  und  zur  Deckung  gegen  grobes  Ge- 
schütz errichtet  werden. 

Von  den  Blendungen. 

Eine  grofse  Rolle  spielten  in  Japan  von  jeher  und  bis  auf  den  heutigen  Tag  die 
sogenannten  Maku  — eigene  Vorhänge,  deren  man  sich  ursprünglich  zur  Abwehr 


Fig.  44.  Flaggen  und  Standarten. 


von  Pfeilen,  Steinen  und  anderen  Wurfgeschossen  bediente.  Anfänglich  umkleidete 
man  damit  nur  Schanzen  und  Brustwehren  der  Festungen,  spannte  sie  bei  Piketen 
auf,  umhing  damit  Kriegsfahrzeuge  und  wendete  sie  überall  da  an,  wo  man  einer 
Schutzwehr  gegen  Wurfgeschosse  bedurfte.  Gewöhnlich  waren  sie  von  Hanftuch  oder 
starkem  Kattun,  weifs  oder  blau  und  mit  dem  Wappen  des  Fürsten,  des  Feldherrn 
oder  irgend  eines  kommandierenden  Offiziers  verziert.  Es  waren  Schanzkleider  im 
eigentlichen  Sinne  des  Wortes.  Später  wurden  sie  auch  bei  militärischen  und  andern 
Feierlichkeiten,  an  öffentlichen  Plätzen  und  vor  den  Palästen  der  Grofsen  als  Blenden 
aufgehängt.  Ihr  Gebrauch  wurde  immer  allgemeiner,  und  bald  gehörten  sie  zu  den 

C j o o z o 


3 . Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


339 


Macht-  und  Würdezeichen  der  Grofsen.  Prachtliebe  spannte  sie  allenthalben  zum 
Prunke  aus.  Jetzt  flattern  sie  vor  der  Burg  des  Sjögun,  an  Kamihallen  und 
Buddhatempeln,  vor  Kasernen  und  vor  Schauspielhäusern.  Blühende  Kirschenhaine 
sind  damit  umgeben  und  werden  so  zu  Lustzelten  umgeschaffen;  auch  die  Gallerien 
der  Theehäuser  der  berüchtigten  Josi  wara-Strafse  in  Jedo  sind  mit  solchen  Schanz- 
kleidern behängen  Weifs  und  hellblau  sind  noch  immer  die  beliebtesten  Farben; 
man  hat  aber  auch  gelbe,  purpurfarbige  und  grüne. 

Als  Kriegsgeräte  sind  die  Schanzkleider  noch  gegenwärtig  allgemein  im  Ge- 
brauche und  bei  Garnisonen,  in  Festungen  und  Wachthäusern  vorhanden.  Vor  der 
Einführung  der  Feuergewehre  mögen  sie  gute  Dienste  geleistet  haben;  jetzt  dagegen 
sind  sie  eher  für  Kriegssignale  und  Feldzeichen  als  für  Schutzschirme  anzusehen.  Als 
erstere  liegen  sie  auf  den  ersten  Wink  bereit,  und  kaum  zeigt  sich  ein  fremdes  Segel 
an  der  Küste,  so  werden  alle  Wachen  und  Batterien  damit  behängen. 

Von  den  zum  Kriegsdienste  bestimmten  Schanzkleidern  hat  man  zwei  Arten, 
die  gewöhnlichen  Maku  und  die  Utsi  maku  oder  inneren  Vorhänge.  Bei  den  ersteren 
ist  der  Stoff,  woraus  sie  bestehen,  in  wagrechter  Richtung  zusammengenäht,  bei  den 
letzteren  läuft  die  Naht  der  Streifen  von  oben  nach  unten.  Beide  sind  oben  mit 
Schleifen  (Tsi)  besetzt,  durch  welche  ein  Seil  (Tenawa)  gezogen  und,  wenn  man 
sie  im  Felde  braucht,  an  eisernen  Pflöcken  (Kusi)  befestigt  wird.  Form  und 
Mafs  sind  genau  bestimmt,  auch  die  Zahl  der  Streifen,  Schleifen  und  Lugschlitze. 
Astrologische  Deutungen  und  Glück  kündende  Zahlenverhältnisse  kommen  auch  hier- 
bei in  Betracht.  So  setzt  man  die  Zahl  der  Schleifen  gerne  auf  28  fest  und  benennt 
sie  nach  den  28  Sternbildern,  während  man  die  9 Lugschlitze  (Monomi)  eines  Maku 
mit  den  Namen  von  Sonne,  Mond  und  den  sieben  Planeten  belegt.  Die  Maku  haben 
gewöhnlich  nur  fünf  Streifen,  abwechselnd  von  blauer  und  weifser  Farbe.  Die  Utsi 
maku  bestehen  aus  einem  querlaufenden  Streifen,  woran  12  und  mehrere  Streifen 
lotrecht  herabhängen.  Diese  Art  Blendungen  sind  gewöhnlich  einfarbig,  jetzt  weifs; 
in  alten  Zeiten  waren  sie  auch  hellgelb,  violett  oder  hellgrün.  An  den  Höfen  der 
Grofsen  und  bei  Festen,  wo  sie  zum  Prunke  dienen,  hat  man  sie  von  Damast  und 
anderen  kostbaren  Seidenzeugen.  Häufig  werden  sie  mit  Wappen  versehen,  welche 
bei  den  Utsi  maku  auf  dem  oberen  Querstreifen  angebracht  sind,  bei  den  Maku 
hingegen  mehr  oder  weniger  die  fünf  Felder  bedecken  oder  auf  denselben  zerstreut 
stehen  und  zwar  in  der  Weise,  dafs  man  aus  ihrer  Stellung  und  Gröfse  nicht  blofs 
Rang  und  Würde,  sondern  selbst  Geburtsvorrechte  vom  Majorate  bis  zum  sechsten 
Sohne  erkennen  kann.  So  ist  z.  B.  auf  dem  Maku  des  Mikado  und  des  Sjögun 
das  Wappen  von  solcher  Gröfse  angebracht,  dafs  es  bis  ins  fünfte  oder  unterste 
Feld  reicht,  während  es  bei  den  übrigen  Fürsten  (den  Koke  und  Daike,  d.  i. 
hohen  und  grofsen  Häusern)  vom  zweiten  bis  ins  vierte  Feld  und  bei  Offizieren  (Sjo  si) 
vom  zweiten  bis  ins  dritte  geht.  Die  einzelnen  Felder  oder  querlaufenden  Streifen 
haben  ihre  besonderen  Namen;  das  oberste  heifst  Tsi  tsuki  no  110,  d.  i.  Feld,  woran 
die  Schleifen  sitzen;  das  zweite  Monomi  no  no,  das  Späherfeld,  weil  es  die  Lugschlitze 
enthält;  das  dritte  Gun  sjö  no  no  oder  Siegesfeld;  das  vierte  Feian  no  no,  Feld  des 
Friedens;  das  unterste  Siba  utsi  no  no. 

Die  für  den  Kriegsdienst  bestimmten  Schanzkleider  werden  gegenwärtig  nach 
den  auf  Fig.  44  Abb.  i und  Fig.  45  Abb.  k abgebildeten  verfertigt.  Die  gröfseren 
sind  4 Zjö  2 Sjak  (16,030  Meter)  lang,  die  mittleren  3 Sjö  6 Zjak  (12,728  Meter) 


340 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


und  die  kleinen  3 Zjö  (10,454  Meter).  Die  Höhe  der  Maku  ist  durchgehends  die 
gleiche,  6 Sjak  (2,274  Meter),  also  der  Gröfse  eines  Mannes  entsprechend;  die  Utsi 
maku  hingegen  sind  bald  niedriger,  bald  höher,  je  nachdem  sie  zu  Blendungen  oder 
Zelten  dienen.  In  letztem  Falle  werden  sie  in  Form  eines  Vierecks  aufgestellt,  und 
ein  ganzes  Feldlager  von  solchen  Zelten  heifst  Maku  fu,  Blendenstadt.  In  alten  Zeiten 
hatte  man  ein  sehr  einfaches,  aus  Bambusreifen  verfertigtes,  mit  Tuch  oder  geöltem 


Papiere  überzogenes  Gestelle  — Kakuntö,  das  einem  Wiegenschirme,  womit  man 
Kinder  gegen  Fliegen  schützt,  glich.  Unsere  alten  Japaner  schützten  sich  damit 
vor  Moskiten  und  Regen.  Bei  Feldzügen  in  heifsen  Ländern  wäre  diese  Vorrichtung 
einer  Beachtung  würdig;  man  müfste  sie  derart  anfertigen,  dafs  sie  leicht  fortzu- 
schaffen wäre  und  den  kampierenden  Soldaten  vor  Regen  und  den  unerträglichen 
Moskiten  schützte. 

Von  den  künstlichen  Hindernissen. 


So  lange  die  Kriegskunde  bei  einem  Volke  noch  auf  einer  niedrigen  Stufe  steht, 
fällt  es  schwer,  bei  der  Beschreibung  seiner  kriegerischen  Werkzeuge  zwischen  eigent- 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


34 1 


liehen  Schutzwaffen  und  anderen  Gegenständen,  welche  man  zu  persönlichem  Schutze, 
oder  zur  Verteidigung  einer  gröfseren  oder  kleineren  Anzahl  Krieger  anwendet,  eine 
genaue  Grenze  zu  ziehen.  Zu  den  eigentlichen  Schutzwaffen  gehören  streng  genommen 
nur  solche  Werkzeuge,  die  der  Krieger  trägt  oder  leicht  tragen  kann,  und  welche 
dazu  dienen,  die  Wirkung  der  feindlichen  Waffen  zu  verringern  oder  gänzlich  aufzu- 
heben, also  Rüstung  und  Schild.  Die  leicht  beweglichen  Räderschilde  führten  auf 
den  Gedanken,  tragbare  Schanzkörbe  aus  Bambus  herzustellen.  Wir  haben  diese 
Kriegswerkzeuge  oben  beschrieben,  da  sie  sich  nicht  leicht  von  den  übrigen  Schutzwaffen 
trennen  lassen.  Wir  wollen  nun  noch  die  Mittel  anführen,  wodurch  man  dem  Feinde 
selbst  den  Zugang  erschwert,  nämlich  die  sogenannten  künstlichen  Hindernisse.  Hier- 
her gehören  die  Fallstricke  und  Verhaue,  die  spanischen  Reiter,  Fufsangeln  und  Wolfs- 
gruben. Diese  Otosi  ana,  Fallgruben  genannt,  sind  gewöhnlich  5 Fufs  lang  und 
3 Fufs  breit,  bei  einer  Tiefe  von  4 Fufs;  der  Boden  ist  mit  spitzen  Pflöcken  besteckt, 
und  eine  leichte  Decke  von  Gesträuche,  Laub  und  Gras  verbirgt  sie  dem  Auge  des 
Feindes.  Sie  werden  auf  den  Wegen,  die  der  Feind  voraussichtlich  zu  begehen  hat, 
innerhalb  und  aufserhalb  der  Festungsthore  angebracht  und  zwar  je  drei  in  Form 
eines  gleichseitigen  Dreiecks.  Nebstdem  wurden  die  Zugänge  auch  mit  Fallstricken 
versehen,  die  man  an  Pflöcken,  welche  in  unregelmäfsigen  Abständen  in  den  Boden 
geschlagen  worden,  so  befestigte,  dafs  Mannschaft  und  Pferd  darüber  straucheln  mufsten. 
Sie  haben  Ähnlichkeit  mit  unseren  Verpfählungen  und  den  sogenannten  Eggen.  Die 
Stellung  der  Pflöcke  und  die  Art  und  Weise,  die  Stricke  zu  legen,  ist  nach  dem 
Terrain  verschieden.  Man  nennt  diese  Vorrichtung  Rankugi,  Streitpflöcke.  Das 
Dornengesträuche  (Sakamogi)  besteht  aus  hirschgeweihartig  zugespitzten  Ästen, 
welche  man  im  Boden  befestigt  und  einige  Fufs  über  die  Erde  hervorragen  läfst. 
Sie  werden,  gleich  unserem  Verhaue,  vor  Feldbefestigungen  und  auf  dem  Glacis  der 
Festungen  angebracht,  um  der  Reiterei  den  Zugang  zu  wehren.  Auch  spanische 
Reiter  werden  in  Japan  gebraucht.  Sie  bestehen  aus  kreuzweis  auf  einem  eigenen 
Lattenwerke  befestigten,  zugespitzten  Bambusstangen  und  werden  auf  Brustwehren  und 
Mauern  angebracht.  Sie  heifsen  Takesakamogi.  Unser  Staatsgefängnis  Dezima  ist 
damit  befestigt;  auch  die  russische  Gesandtschaft  hat  sie  in  Megasaki  kennen  gelernt. 
Fufsangeln,  ganz  ähnlich  den  Fufseisen,  deren  sich  die  Römer  gegen  Reiterei, 
Kamele  und  Sichelwägen  bedienten,  sind  die  Hisi-Hörner  der  Japaner,  die  ihren 
Namen  von  einer  Art  Wassernufs  (Trapo  bicornis),  Hisi  genannt,  entlehnt  haben. 
Sie  sind  aus  gekrümmtem,  zugespitztem  Bambusrohre  oder  aus  Eisen  verfertigt, 
stehen  immer  auf  drei  Spitzen  und  kehren  die  vierte  in  die  Höhe.  Sie  werden 
als  offene  und  verborgene  Schutz  wehr,  auf  grasbedeckten  Feldern  und  in  Wasser- 
gräben und  Furten  angewendet.  Sie  verwunden  Menschen  und  Pferde  und  machen 
sie  untauglich. 

Noch  ist  eine  sinnreiche  Vorrichtung  zu  erwähnen,  um  den  in  die  unter- 
irdischen Gänge  der  Festungen  eindringenden  Feind  zurückzutreiben.  Es  ist  ein  Wind- 
rad, ganz  ähnlich  den  Flügelrädern  der  Getreide-Fegemühlen,  und  man  treibt  damit 
den  Feinden  Kalkstaub  in  die  Augen,  Man  heifst  diese  Maschine  Fusenscha,  d.  i. 
Fächermühle.  Ihre  Gröfse  riebet  sich  nach  dem  Raume  des  Ganges,  w7o  sie  aufge- 
stellt werden  soll. 

Zu  den  künstlichen  Hindernissen  kann  man  auch  das  Sperren  von  Häfen  und 
Flufsmündungen  mittels  schwerer  Ketten  zählen.  Eine  solche  liegt  zu  Nagasaki  bereit, 


342 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


um  den  Eingang  des  Hafens  bei  den  sogenannten  kaiserlichen  Wachen  zu  sperren, 
und  wahrscheinlich  hält  man,  zur  Sicherheit  der  Residenzstadt  des  Sjögun,  auch  in  der 
Bai  von  Jedo  und  bei  den  Forts  an  der  Mündung  des  Nakagawa  ähnliche  Vorrich- 
tungen bereit. 


3-  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


a43 

Von  den  Angriffs-  und  Vert ei digungs -Waffen  und  Maschinen 

bei  Belagerungen. 

Zum  Schlüsse  des  Kapitels  von  den  Waffen  mufs  ich  meine  Leser  noch  mit 
einigen  Werkzeugen  und  Vorrichtungen  bekannt  machen,  welche  man  in  Japan  und 
China  vor  der  Einführung  der  Feuerwaffen  beim  Angriff'  und  bei  der  Verteidigung 

o O O o 

befestigter  Lager  und  Festungen  in  Anwendung  gebracht  hat  und  zum  Teile  noch 
jetzt  in  Zeughäusern  für  den  Fall  eines  Krieges  bereit  hält. 

Die  Maschinen  und  Vorrichtungen,  welche  wir  hier  noch  zu  beschreiben  haben, 
gehören  also  gröfstenteils  der  Zeit  vor  Einführung  der  Feuerwaffen  an  und  einige 
davon  scheinen  selbst  die  Japaner  blofs  dem  Namen  nach  und  aus  Abbildungen,  welche 
chinesische  Bücher  davon  gaben,  gekannt  zu  haben.  Nur  wenige  davon  sind  gegen- 
wärtig noch  gebräuchlich  oder  werden  in  Zeughäusern  aufbewahrt. 

Für  die  Taktik  der  Gegenwart  werden  unsere  Mitteilungen  über  dergleichen 
Werkzeuge,  einige  sinnreiche  Verbesserungen  an  den  Sturmleitern  ausgenommen, 
wenig  Wert  haben,  aber  um  so  wichtiger  sind  sie  für  Altertumskunde  und  Ge- 
schichte; denn  wir  lernen  Gegenstände  kennen,  welche,  obgleich  am  äufsersten  Ende 
der  alten  Welt  aufgefunden,  eine  zu  auffallende  Ähnlichkeit  mit  den  Kriegswerkzeugen 
der  alten  Griechen  und  Römer  haben,  als  dafs  man  einen  Verkehr  derselben  mit  dem 
weitentlegenen,  aber  in  der  Gesittung  ihnen  vorausgeschrittenen  China  länger  in 
Zweifel  ziehen  könnte.  Doch  nicht  blofs  Ähnlichkeit  werden  wir  zwischen  diesen 
Kriegsgeräten  und  denen  der  beiden  klassischen  Völker  finden,  sondern  auch  Aufschlufs 
und  Belehrung  über  die  Beschaffenheit  und  Einrichtung  mancher  uns  blofs  dem  Namen 
nach  oder  aus  mangelhaften  und  zum  Teil  fingierten  Abbildungen  bekannt  gewordener 
Werkzeuge  und  Vorrichtungen.  In  dieser  Hinsicht  sind  die  Mitteilungen,  welche  wir 
geben  zu  können  glauben,  gleich  wichtig  und  unterhaltend,  und  wir  wollen  also  mit 
einer  aus  der  klassischen  Literatur  allgemein  bekannten  Belagerungsmaschine  den  Anfang 
machen.  Der  Mauerbrecher,  der  Tschoang  tsche,  d.  i.  Stofswagen  der  Chinesen,  der 
indessen  längst  schon  aus  dem  Gebrauche  gekommen.  Er  ist  dem  sogenannten 
schwebenden  oder  tyrischen  Sturmbock  (aries  pensilis),  dessen  sich  die  Griechen  und 
Römer  bedienten,  ähnlich.  Das  Kopfstück  war  in  Form  einer  Pfeilspitze,  massiv  von 
Eisen  oder  Metall,  und  der  Stofsbalken  wurde  in  der  Mitte  mit  einem  Seile  an  einer 
walzenförmigen  Winde,  welche  quer  auf  zwei  auf  einem  Gestelle  mit  vier  niedrigen 
Rädern  errichteten  Pfählen  ruhte,  aufgehängt.  Mittels  der  Winde  konnte  der  Stofs- 
balken höher  oder  tiefer  gehängt  werden,  wodurch  er  beim  Stofsen  gegen  die  Mauer 
mehr  oder  weniger  Spielraum  und  Kraft  gewann.  Das  Nähere  zeigt  die  Abbildung, 
Fig.  46  Abb.  v die  aus  der  mehrerwähnten  chinesischen  Bilderfibel  entlehnt  ist.  Ab- 
gesehen von  dem  Namen,  giebt  die  dort  eingerückte  Erklärung:  «Kosiraje  wa  abura, 
simegino  gotosi,  sirowo  tsuku  mono  nari»,  «an  Gestalt  einer  Ölpresse  ähnlich, 
dient  dies  Geräte  zum  Stofsen  gegen  Festungsmauern»  den  Zweck  dieser  Maschine 
deutlich  an. 

Die  Räderschilde  haben  wir  bereits  oben  erwähnt  und  in  Fig.  43  Abb.  b und  c 
die  noch  gegenwärtig  gebräuchlichen  abgebildet.  Vor  Einführung  der  Feuerwaffen, 
bedienten  sich  auch  die  Chinesen  bei  Belagerungen  einer  der  Nr.  2 ähnlichen 
Maschine.  Sie  hiefs  Mök  miu  teu,  d.  i.  hölzerner  Mädchenkopf,  war  sehr  massiv 
aus  Dielen  verfertigt,  6 Fufs  hoch  und  3 breit  und  konnte  auf  vier  Rädern  fortbewegt 
werden. 


344 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Die  Chinesen  hatten  noch  andere  bewegliche  Schutzdächer,  welche,  nach  den 
Abbildungen  zu  urteilen,  mit  dem  Musculus  und  der  Testudo  fossaria  der  Römer 
grofse  Ähnlichkeit  hatten  und  zu  gleichem  Zwecke  gebraucht  wurden.  Eine  Ab- 
bildung eines  solchen  Schutzdaches  teilen  uns  die  französischen  Missionäre  zu  Peking, 
im  VIII.  Bande  ihrer  Memoires  (Nr.  46)  mit  unter  der  Benennung:  «Ane  de  bois 
a tete  pointue«.  Eigentlich  war  es  eine  mit  ungegerbten  Ochsenhäuten  überspannte, 
auf  sechs  Rädern  bewegbare  Hütte,  15  Fufs  hoch  und  8 lang  und  breit,  worin  zehn 
Mann  Platz  hatten.  Unter  diesem  Schutzdache  näherte  man  sich  den  Mauern  einer 
belagerten  Stadt,  wenn  man  sie  untergraben  wollte.  Auch  bei  der  Herstellung  einer 
Mine  kamen  sinnreiche  Vorrichtungen  in  Anwendung.  Man  bediente  sich  während 
des  Unterminierens  eigentümlicher  Stützen,  viereckiger,  aus  Balken  verfertigter,  trag- 
barer Gestelle,  welche,  in  kurzen  Zwischenräumen  gesetzt,  das  Einstürzen  der  Erde 
und  Gesteine  hinderten  und  einen  Stollen  bilden  halfen,  der  sodann  mit  Reisholz  und 
anderen  brennbaren  Stoffen  ausgefüllt  und  angezündet  wurde.  Mit  dem  Verbrennen 
der  hölzernen  Stützen  fiel  der  Stollen  ein,  und  Wall  oder  Mauer,  welche  auf  diese 
Weise  untergraben  waren,  stürzten  zusammen.  Die  Chinesen  nennen  eine  solche  Mine 
Ti  tao,  d.  i.  Erd-  (unterirdischer)  Gang. 

Auch  in  der  Kriegskunst  der  alten  Römer  finden  sich  die  eben  berührten  Vor- 
richtungen der  Chinesen  wieder.  Die  chinesische  Räderhütte  steht  der  Testudo 
fossaria  gegenüber,  während  die  viereckigen  Balkengerüste  unverkennbar  die  von 
Vegetius  unter  dem  Namen  Musculus  beschriebenen  kleineren  Maschinen  sind,  deren 
mehrere  miteinander  verbunden  zum  Untergraben  der  Mauern  gebraucht  wurden. 
Im  Ti  tao  selbst  lassen  sich  jene  verborgenen,  unterirdischen  Minen,  welche  die 
Römer  Cuniculi  nannten,  wiedererkennen. 

In  chinesischen  und  japanischen  Büchern  werden  noch  einige  andere  höchst 
merkwürdige  Maschinen,  womit  man  sich,  vor  der  Bekanntschaft  mit  den  Feuerwaffen, 
verteidigte,  beschrieben  und  abgebildet.  Auf  den  ersten  Blick  erkennt  man  in  ihnen 
Wurfmaschinen,  ähnlich  den  Katapulten,  Ballisten  und  Onager;  die  Abbildungen  der 
Chinesen  und  Japaner  geben  uns,  was  noch  wichtiger  ist,  von  solchem  groben  Ge- 
schütze einen  weit  deutlicheren  Begriff,  als  die  mangelhaften  Beschreibungen  griechischer 
und  römischer  Schriftsteller  mit  all  ihren  Commentatoren. 

Die  Namen  Catapultae  (xaTaTrsXrai)  und  Ballistae  (v.  ßaXXeiv)  werden  bei  den 
alten  Schriftstellern  häufig  miteinander  verwechselt.  Erstere  kamen  bei  den  Römern 
ganz  aufser  Gebrauch;  ihr  Name  findet  sich  bei  Vegetius,  der  unter  Valentinian 
(370 — 378)  lebte,  nicht  mehr.  Über  die  Einrichtung  beider  Maschinen  ist  uns  nichts 
genau  bekannt  geworden.  Wahrscheinlich  waren  es  grofse  Bogen,  welche  man  mit 
Stricken  und  eigenen  Vorrichtungen  spannte  und  damit  ungeheure  Pfeile  — oft 
12  Fufs  lange  Balken  mit  starken  eisernen  Spitzen  — abschofs.  Die  Katapulten 
unterschieden  sich  von  den  Bailisten  dadurch,  dafs  sie  ihre  Geschosse  mehr  horizontal 
warfen,  während  die  der  letzteren  eine  bogenförmige  Flugbahn  hatten.  Jene  vertraten 
unsere  Kanonen,  diese  unsere  Mörser.  Die  Onager  (onagri  6'vaypoi,  [xovdrpuovsc)  waren, 
allem  Anscheine  nach,  grofse  Schleudern,  womit  man  Steinmassen,  getötete  Soldaten, 
ja  selbst  tote  Pferde  u.  dgl.  in  die  belagerten  Städte  schleuderte. 

Eine  den  Katapulten  und  Ballisten  der  Griechen  und  Römer  ähnliche  Wurf- 
maschine ist  unstreitig  der  Ojumi  der  Japaner  oder  Nu  der  Chinesen  — eine 
kolossale,  aus  drei  Bogen  zusammengesetzte  Armbrust,  welche  auf  einem  Gestelle 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


345 


ruht.  Wir  haben  von  diesem  merkwürdigen  Kriegswerkzeuge  auf  Fig.  46  Abb.  5 
eine  genaue  Abbildung  nach  der  mehrmals  citierten  chinesischen  Bilderfibel  gegeben 
und  bereits  früher  derselben  erwähnt.  Dafs  diese  Wurfmascbine  aus  China  stammt, 
unterliegt  keinem  Zweifel.  Die  Japaner  haben  sie  übrigens,  laut  Aussage  ihrer  Ge- 
schichte, zuerst  im  Jahre  618  aus  Korea  erhalten.  Man  schofs  damit  grofse  Pfeile 
mitunter  auch  Feuerpfeile,  welche  mit  Werg  und  anderen  brennbaren  Stoffen  um- 
wunden und  mit  Harz  und  Schwefel  bestrichen  waren  und  auf  Häuser,  Fahrzeuge 
und  Kriegsmaschinen  der  Feinde  geschossen  wurden,  wo  sie  stecken  blieben  und 
zündeten.  Sie  erinnern  uns  an  die  ignita  tela,  8idwuopa  ßsky],  oder  falaricae,  ßsXo- 
ovs vöövai,  jene  brennenden  Pfeile  des  Altertums,  welche  eine  drei  Fufs  lange  eiserne 
Spitze  hatten,  und  deren  9 Fufs  langer  Schaft  mit  brennbaren  Stoffen  umwickelt 
war.  Der  in  Fig.  46  Abb.  n abgebildete  japanische  Feuerpfeil  entspricht  dieser  Be- 
schreibung. 

Ein  anderes  kolossales  Wurfgeschofs  war  der  Pao  tsclie  oder  Schleuderwagen 
der  Chinesen,  womit  man  Steine  aus  den  Festungen  auf  die  Belagerer  warf.  Man 
hatte  mehrere  Arten:  solche,  welche  auf  einem  eigenen  Gestelle  mit  Rädern  standen, 
und  andere,  welche  auf  blofsem  Boden  befestigt  wurden.  Die  Einrichtung  beider  ist 
eine  und  dieselbe  und  äufserst  einfach.  Ihre  Wirkung  beruht  auf  den  Gesetzen  eines 
zweiarmigen,  physischen  Hebels.  Eine  auf  einem  Gestelle  bewegliche  Welle  dient 
zur  Unterstützung  eines  Hebebaumes,  an  dessen  langem  Arme  eine  Schleuder  zur 
Aufnahme  der  Wurfgeschosse,  und  an  dessen  kurzem  Arme  dagegen  15  bis  20  Stricke 
befestigt  sind.  An  diesen  konnten  eine  Menge  Leute  ziehen,  um  das  in  der  Schleuder 
befindliche  Wurfgeschofs  emporzuschnellen.  Die  Welle  ist  in  der  Mitte  durchbohrt, 
und  durch  das  Loch  läuft  der  Hebebaum,  der  aus  seinem  Gleichgewichte  verschoben 
werden  kann.  Es  versteht  sich  von  selbst,  dafs  in  dem  Verhältnisse,  als  man  den 
Hebelsarm  der  wegzuschleudernden  Last  verlängert  und  somit  den  Hebelsarm  der 
Kraft  verkürzt,  das  Geschofs  durch  die  Maschine  um  so  weiter  fortgeschleudert,  aber 
auch  mehr  Menschenkraft  dazu  erfordert  wird.  Zur  Berechnung  des  Abstandes  — des 
gröfseren  oder  kleineren  Bogens,  den  das  Geschofs  zu  beschreiben  hat,  um  das  vor- 
gesteckte Ziel  zu  erreichen,  ist  der  Hebebaum  in  Grade  geteilt.  Das  Gestelle,  worauf 
die  Welle  ruht,  kann  nach  allen  Richtungen  gedreht  werden,  ohne  dafs  der  Wagen  selbst 
gewendet  werden  mufs.  Auf  Fig.  47  n haben  wir  von  einem  solchen  Schleuderwagen 
eine  Abbildung  gegeben.  Die  Maschine  ist  in  hohem  Grade  merkwürdig  und  hat, 
ihrer  Wirkung  nach  zu  urteilen,  viel  Ähnlichkeit  mit  den  Onagern  der  Römer. 

Eine  andere,  noch  einfachere  Wurfmaschine  der  Chinesen  war  der  Hi  kiü,  d.  i. 
fliegende  Strohwisch.  Sie  bestand  in  einer  Stange  — einem  Hebel,  der,  statt  auf 
einer  Welle,  blofs  auf  einem  mit  einer  Gabel  versehenen  Pfahle  ruhte.  Am  Hebelsarm 
der  Last  war  der  wegzuschleudernde  Gegenstand,  ein  brennender  Strohwisch  oder 
Pechkranz,  und  am  Hebelsarm  der  Kraft  ein  Strick  befestigt.  Diese  Maschine  warf 
nicht  weit  infolge  ihrer  geringen  Kraft  (Fig.  47  lo).  Sie  gleicht  in  ihrem  Mecha- 
nismus dem  Tolleno  der  Alten,  der  höchst  wahrscheinlich  auch  nur  als  Hebel- 
schleuder diente  und  nicht,  wie  man  glaubt,  um  Mannschaften  auf  die  Türme  und 
Mauern  belagerter  Festungen  zu  setzen  oder  einen  Mann  in  die  Höhe  zu  heben  zur 
Erspähung,  was  oben  in  den  Türmen  oder  innerhalb  der  Mauern  vorging.  Für 
diesen  Zweck  hatten  die  Alten  gewifs  auch  ihre  Maschinen,  gerade  wie  die  Japaner 
und  Chinesen. 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Bei  den  beiden  letztgenannten  Völkern  trifft  man  Maschinen,  welche  sehr  gut 
die  Stelle  eines  Wachturms  vertreten,  wenn  es  sich  darum  handelt,  die  herannahenden 
Feinde  zu  erspähen,  oder  ihre  Stellung  zu  beobachten,  oder  zu  erforschen,  was  in 


Fig.  47.  Streitwagen  und  Belagerungsmaschinen. 


verschanzten  Lagern  oder  belagerten  Städten  vorgehe.  Die  Konstruktion  dieser  Kriegs- 
maschinen ist  von  verschiedener  Art.  Am  vollkommensten  ist  der  sogenannte  Kuruma- 
seirö,  d.  i.  mit  Rädern  versehene  Nestturm,  den  man  auch  Hiki  seirö,  Nestturm 


3-  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


347 


zum  Ziehen  und  Tsuri  seirö , Angelnestturm  nennt.  Er  besteht  aus  zwei  Masten, 
die  auf  einem  mit  vier  Rollen  versehenen  Gestelle  befestigt  und  an  ihrem  oberen 
Ende  durch  eine  eiserne  Querstange  verbunden  sind.  An  dieser  ist  ein  Flaschenzug 
befestigt,  mittelst  dessen  ein  viereckiger  Kasten,  worin  sich  ein  oder  mehrere  Soldaten 
befinden,  in  die  Höhe  gezogen  wird.  Der  Käfig,  15  Fufs  hoch  und  4 Fufs  breit, 
war  ehemals  mit  Rindshaut  überzogen;  jetzt  ist  er  gewöhnlich  mit  Kupferplatten  be- 
legt und  mit  Lugschlitzen  und  Schiefsscharten  versehen.  Die  Abbildung,  welche  wir 
dem  obenerwähnten  Aufseher  des  Arsenals  zu  Jedo  verdanken,  befindet  sich  auf 
Fig.  43  Abb.  h. 

Mit  einer  ähnlichen  Maschine  der  Chinesen  haben  uns  die  Missionäre  zu  Peking 
bekannt  gemacht.  Sie  nennen  dieselbe:  Echelle  ä etage,  pour  voir  par  dessus  les 
murailles  d’une  ville.  Von  dem  Kuruma  seirö  der  Japaner  scheint  sich  diese  dadurch 
zu  unterscheiden,  dafs  der  Kasten  nicht  aufgezogen  wird,  sondern  auf  einem  Maste 
befestigt  ist,  an  dem  ein  Soldat  hinauf  klimmen  mufs.  In  unserer  chinesischen  Bilder- 
fibel findet  sich  eine  bessere  Abbildung  dieser  Maschine,  die  da  unter  dem  chinesischen 
Namen  Wang  kö,  d.  i.  Lugturm,  aufgeführt  wird.  Der  Wächter  oben  steckt  bei 
Annäherung  des  Feindes  eine  Fahne  aus. 

Zu  einem  ähnlichen  Zwecke  brauchen  die  Japaner  noch  eine  andere,  einfachere, 
aber  sinnreich  ausgedachte  Maschine,  den  Kumi  age  seirö  oder  Nestturm,  um  mehrere 
Leute  in  die  Höhe  zu  bringen.  Er  ist  ein  massives,  aus  Balken  in  Form  einer  drei- 
eckigen Pyramide  gezimmertes  Gestelle,  aus  verschiedenen  Stockwerken  zusammen- 
gesetzt, die  wieder  abgenommen  und  auf  diese  Weise  leicht  fortgeschafft  werden 
können.  (Fig.  43  Abb.  y).  Diese  turmartige  Steige  gehört  auch  zu  den  Sturm- 
geräten und  ist  noch  im  Gebrauch. 

Zum  Ersteigen  der  Mauern  bedienen  sich  die  Japaner,  nach  dem  Vorbilde  der 
Chinesen,  hölzerner  Steigleitern,  Strickleitern  und  Hakenstricke.  Von  den  Steigleitern 
sind  uns  zwei  Formen  bekannt  geworden,  wovon  die  eine  leicht  tragbar  ist  und  eine 
ungemein  scharfsinnige  Einrichtung  hat.  Sie  besteht  nämlich  aus  3 oder  4 etwa 
3 Fufs  langen  Stücken,  die  je  fünf  Sprofsen  enthalten  und  durch  Scharniere  verbunden 
und  wfieder  auseinandergenommen  werden  können,  so  dafs  ein  Mann  im  Sturmmarsche 
sie  leicht  tragen  kann.  Da  wieder  mehrere  solcher  Leitern  durch  künstliche  Ver- 
bindungsbeschläge vereinigt  und  aufeinander  gesetzt  werden  können,  so  sind  auf  diese 
Weise  drei  tüchtige  Soldaten  imstande,  eine  an  36  Fufs  hohe  Leiter  eilends  zum 
Sturme  herbeizuschaffen.  Gewöhnlich  findet  man  die  Mauern  der  Festungen  beim 
Ersteigen  höher,  als  man  sie  vorher  geschätzt  hat,  und  in  den  meisten  Fällen  sind 
die  Sturmleitern  zu  kurz.  Diesen  Fehler  verbessern  die  japanischen  Scharnierleitern, 
welche  man  durch  Zusammensetzen  beliebig  verlängern  kann.  Sie  heifsen  Tsugi 
hasigo,  d.  i.  Leitern  zum  Zusammenfügen  (Fig.  43  Abb.  d). 

Eine  andere  Art  hölzerner  Sturmleitern  heifst  Kaki  hasigo,  Hängleiter.  Sie  sind 
niedrig,  haben  blofs  sieben  Sprossen  und  sind  am  oberen  Ende  mit  eisernen  Haken  und 
Stricken  versehen,  um  sie  leicht  befestigen  zu  können  (Abb./).  Es  scheint,  dass  man 
in  gewissen  Fällen  beide  Arten  von  Leitern  miteinander  verbindet. 

Die  Chinesen  und  Japaner  haben  auch  Sturmleitern,  welche,  gleich  jenen  der 
Alten,  am  oberen  Ende  zwei  Räder  führen,  um  sie  an  den  Mauern  hinauf  zu  rollen. 

Die  Strickleitern,  Tsuna  hasigo,  weichen  wenig  von  den  unseren  ab.  Sie  werden 
meistens  aus  Hanf,  auch  aus  dem  Gewebe  der  Besenpalme  (Chamaerops  excelsa)  ver- 
fertigt. Abb.  e. 


348 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Der  Hakenstrick  ist  ein  starker  Strick,  am  Ende  mit  einer  eisernen  Klaue  ver- 
sehen. Auf  dem  Stricke  sind  längere  oder  kürzere  Bambusstücke  eingereiht,  welche 
einen  festen  Anhaltspunkt  beim  Aufklimmen  gewähren.  Sie  heifsen  Kaki  nava.  (Abb.  i). 

Vor  der  Bekanntschaft  mit  den  Feuerwaffen  waren  in  China  und  wahrscheinlich 
auch  in  Japan  eigentümliche  Sturmbrücken  zum  Ersteigen  der  Mauern  in  Gebrauch. 
Man  hatte  deren  von  verschiedener  Bauart  und  Gröfse.  Die  Missionäre  haben  uns 
Abbildungen  davon  gegeben,  welche  mit  jenen  der  grofsen  japanischen  Encyklopädie 
und  der  mehrerwähnten  Bilderfibel  ganz  übereinstimmen.  Auch  auf  unserer  Fig.  46 
befindet  sich  eine  aus  letzterem  Buche  entlehnte  Abbildung  (Abb.  v),  welche  uns  eine 
deutliche  Vorstellung  von  einer  solchen  Kriegsmaschine  giebt.  Sie  ist  dieselbe,  welche 
die  Missionäre  unter  Nr.  47  abgebildet  und  mit  folgenden  Worten  beschrieben  haben: 
«Echelle  a monter  aux  nues,  Test  le  110111  d’une  echelle  qu’on  emploie  pour  escalader 
les  murailles.  Le  bas  forme  une  espece  de  chambre  oü  sont  les  gens  armes.  Elle 
a six  roues.  LAchelle  est  double,  chaqtie  partie  est  longue  de  vingt  pieds.  Ges  deux 
parties  entrent  k une  dans  kautre;  et  lorsqu’on  les  developpe,  eiles  forment  une  echelle 
de  quarante  pieds.  L’endroit  oü  sont  les  gens  armes  est  couvert  d’une  peau  de  boeuf 
non  tannee.»  Das  Auf-  und  Zurückschlagen  der  Brücke  geschah  mittelst  starker  Seile 
von  den  unter  dem  Verdecke  verborgenen  Soldaten;  am  obern  Ende  der  Schlag- 
brücke befanden  sich  eiserne  Haken,  um  beim  Aufziehen  die  Mauern  zu  fassen  oder 
sich  ins  Gebälke  einzuklammern.  Diese  Haken  wurden,  da  sie  auf  dem  Originalbilde 
nicht  deutlich  genug  zu  sehen  w7aren,  auf  unserer  Abbildung  leider  vergessen. 

Ähnlich,  nur  einfacher,  ist  die  von  den  Missionären  unter  Nr.  52  angeführte 
Sturmbrücke;  sie  hat  blofs  vier  Räder  und  kein  Verdeck. 

Diese  Kriegsmaschinen  verdienen  noch  jetzt  unsere  Aufmerksamkeit,  insofern  sie 
uns  vielleicht  einigen  Aufschlufs  über  ähnliche  Sturmgeräte  der  Griechen  und  Römer 
geben,  um  so  mehr,  da  wir  von  der  Einrichtung  der  beweglichen  Türme  (turres 
ligneae,  quae  rotarum  et  cylindrorum  ope  ad  moenia  pellebantur),  der  Fall-  und 
Schiebbrücken  (sambucae  et  exostrae)  der  Alten  nur  sehr  oberflächliche  Begriffe  haben. 

Aus  den  wiederholt  angeführten  japanischen  und  chinesischen  Quellen  fliefsen 
uns  noch  einige  andere  Mitteilungen  zu  über  Angriffs-  und  Verteidigungswaffen  und 
Belagerungsmaschinen,  welche  die  alten  Bewohner  des  Reiches  der  Mitte  gebrauchten. 
Wir  müssen  darüber  noch  einiges  zur  Sprache  bringen,  da  die  Missionäre,  die  der- 
selben in  ihren  Memoiren  gedachten,  nur  oberflächliche  und  zum  Teil  unrichtige  Mit- 
teilungen überliefert  haben.  Dahin  gehören  die  Räderbrücken,  womit  man  über  Gräben 
und  Furten  setzt,  und  einige  Vorrichtungen  und  Hülfsmittel  gegen  Wurfgeschosse  und 
zur  Verteidigung  der  Mauern  oder  Breschen. 

Die  Räderbrücken  waren  entweder  einfach,  ein  unsern  Karren  ähnliches,  auf  zwei 
oder  vier  Rädern  bewegliches  Gerüst  von  verschiedener  Gröfse  (Mem.  conc.,  a.  a.  O., 
Nr.  44),  oder  sie  waren  doppelt,  und  es  konnte  ein  Teil,  wie  bei  den  Fallbrücken, 
aufgezogen  und  herabgelassen  werden  (Mem.  conc.,  Nr.  45).  Man  hatte  deren  auch 
solche,  welche  mit  einem  Schutzdache  versehen  waren  und  gleich  unsern  Fähren  mittels 
über  das  Wasser  gespannter  Seile  fortbewegt  wurden.  Der  Seile  wurden  je  zwei  ge- 
spannt und  durch  einen  Windebaum  straff  angezogen.  Auf  Fig.  47  Abb.  m findet  sich 
eine  Abbildung  davon,  der  mehrerwähnten  Bilderfibel  entnommen. 

Gegen  Wurfgeschosse  gebrauchte  man  aufser  den  bereits  oben  beschriebenen 

OOO 

Räderschilden,  Hürden  und  Blendungen  noch  massive  Häng-  und  Steckschilde,  die  mit 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


349 


rohen  Ochsenhäuten  überzogen,  oder  mit  Metallplatten  belegt  und  in  der  Mitte  mit 
einer  Schiefsscharte  oder  einem  Spähschlitze  versehen  waren  (Mem.  conc.,  Fig.  59,  61,  66. 
— Fig.  47  Abb  c).  Ähnliche  Schirme  von  gröfserem  Umfang  wurden  zur  Verteidigung 
der  Breschen  oder  zur  Beschützung  der  mit  Ausbesserung  der  Mauer  beschäftigten 
Arbeiter  verwendet  (Fig.  47  Abb.  a;  Mem.  conc.,  Nr.  65  A und  B). 

Mit  eigenen  Hängthoren  schlofs  man  die  erbrochenen  Thore  aufs  neue  (Mem. 
conc.,  Fig.  58)  und  schob  im  äufsersten  Notfälle  eine  auf  zwei  Rädern  bewegliche 
Bohlenwand,  die  mit  eisernen  Spiefsen  besetzt  war,  dem  eindringenden  Feinde  entgegen 
(Fig.  47  Abb.  0).  Dieser  Schubkarren  hiefs  Tao  tsche  (jap.-chin.  Tö  sja),  d.  i.  Schwert- 
wagen. Man  darf  damit  nicht  einen  ähnlichen,  auch  mit  Lanzen  bewaffneten  Karren 
verwechseln,  den  die  Missionäre  unter  Fig.  137  als  Machine  en  forme  de  char  pour 
porter  le  feil  dans  le  camp  ennemi  beschrieben  haben.  Auch  thun  sie  noch  eines 
andern  Feuerwagens  Erwähnung  und  teilen  von  ihm  unter  dem  Namen  Char  ä huile 
pour  mettre  le  feu  in  Fig.  138  eine  Abbildung  mit;  ebenso  von  einem  Char  ä garantir 
du  vent  (Fig.  135)  und  einem  Char  volant  (Fig.  139). 

Von  dem  eigentlichen  Sichelwagen  der  Alten  (currus  falcatus,  appta  8pe7uavY]- 
(popoc)  finden  wir  bei  den  Chinesen  und  Japanern  keine  deutliche  Spur,  wohl  aber 
von  den  Streitwägen.  Diese  kommen  bereits  unter  der  Dynastie  Tscheu  (1077  bis 
255  v.  Chr.)  unter  dem  Namen  Juen  schü,  d.  i.  die  ersten  Soldaten,  vor,  waren 
zweiräderig  und  wurden  mit  vier  gepanzerten  Pferden  bespannt.  Auf  diesen  Streit- 
wägen fuhren  drei  geharnischte  Krieger;  der  zur  Linken  führte  den  Bogen,  der  zur 
Rechten  den  Speer,  und  der  mittlere  lenkte  die  Pferde.  Zehn  solcher  Streitwägen 
fuhren  dem  Heere  voraus  (Fig.  47  Abb.  q).  Unter  der  Dynastie  Tsin  (237  bis 
209  v.  Ch.)  kam  der  Siao  schü,  d.  i.  kleinere  Soldat,  auf.  Auch  dieser  Wagen,  vom 
vorigen  wenig  verschieden,  ward  mit  vier  Pferden  bespannt,  fafste  aber  nur  einen 
einzigen  Krieger  (Fig.  47  Abb.  p).  Zur  Zeit  des  trojanischen  Krieges  fochten  die 
griechischen  Heroen  auf  ähnlichen  Streitwagen. 

Zu  den  Verteidigungsmaschinen  gehörten  ferner  noch  der  chinesische  Mu  lüi 
und  Ji  tsch’a  lui,  mit  eisernen  Nägeln  versehene  Walzen  von  hartem  Holze,  welche 
man  den  Anstürmenden  entgegenrollte.  Letztere  hatten  zwei  Räder  und  waren  an 
Stricken  befestigt,  womit  sie,  nachdem  sie  losgelassen,  wieder  zurückgezogen  werden 
konnten  (Fig.  47  Abb.  Tz). 

Ein  furchtbares  Geräte  war  das  sogenannte  eiserne  Feuerbett  (Fu  ho  tsch’ong),  ein 
eiserner,  vierräderiger  Wagen,  der,  an  einer  Kette  befestigt,  glühend  von  den  Mauern 
auf  die  Feinde  herabgerollt  wurde  (Fig.  47  Abb.  /).  Ebenso  warf  man  glühende 
eiserne  Platten  auf  die  Belagerer  (Abb.  ff).  Auf  die  den  Mauern  nahenden  Feinde 
wurde  auch  glühender  Sand,  siedendes  Wasser  oder  Öl,  das  man  in  eigenen  Kesseln, 
Jen  hö  Pie  siang,  d.  i.  wandernder  eiserner  Feuerkessel,  erhitzte,  geschüttet  (Abb.  ff). 
Auch  grofse,  mit  dreieckigen  Nägeln  versehene  Rahmen  (Abb.ff)?  glühende  Kugeln  und 
eiserne  Sterne  (Abb.  g)  und  andere  dergleichen  Wurfwerkzeuge,  an  Stricken  und  Ketten 
befestigt,  schleuderte  man  von  der  Mauer  aus  den  andringenden  Belagerern  entgegen. 

Alle  diese  Geräte  und  Maschinen  gehören  halbgesitteten  Völkern  der  vorchrist- 
lichen Zeit,  den  alten  Bewohnern  des  Reiches  der  Mitte  an;  ähnliche,  wo  nicht  die- 
selben, waren,  wie  wir  nachgewiesen,  bei  den  Griechen  und  Römern  im  Gebrauche  — 
Nationen,  die  uns  als  Muster  der  Gesittung  gelten  und  die  wir  noch  heutigen  Tages 
als  Vorbilder  der  Kunst  und  als  Überlieferer  der  Wissenschaft  verehren. 


350 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Wir  wollen  keinen  Vergleich  anstellen  zwischen  den  alten  Kriegsgeräten  asia- 
tischer Nationen  und  den  Waffen  unserer  Zeit,  diesen  verabscheuungswürdigen 
Mitteln,  die  der  Mensch  noch  fortwährend  ersinnt,  um  sie  zur  Vernichtung  seines 
eigenen  Geschlechtes  anzuwenden.  Solche  furchtbare  Bilder  wollen  wir  nicht  vor 
unsere  Seele  bringen;  sie  würden  uns  nur  zu  traurigen  Betrachtungen  führen  über 
den  Zustand  der  Jetztwelt,  die  sich  einer  so  hohen  Stufe  der  Gesittung  und  Geistes- 
bildung rühmt.  Von  allen  diesen  Emblemen  des  die  Welt  noch  beherrschenden 
kriegerischen  Geistes  das  Auge  wendend,  wollen  wir  auf  die  Waffen  und  ähnliche 
Werkzeuge  der  Urbewohner  unserer  Erde  hinblicken,  deren  Ära  wir  nach  den  uns 
von  ihnen  hinterlassenen  Kunsterzeugnissen  das  Steinzeitalter  nennen. 

Blick  auf  die  Steinwaffen  der  Urbewohner 
der  japanischen  Inseln. 

Die  Waffen  und  andere  schneidende  Gerätschaften  der  Urbewohner,  d.  i.  der 
ersten  rohen  Bevölkerung  aller  bekannten  Teile  der  Erde,  waren  von  Stein,  Knochen, 
Konchylien  oder  hartem  Holze.  In  den  meisten,  wohl  in  allen  Ländern  der  Welt 
Endet  man  Überbleibsel  solcher  Geräte.  Sie  gehören  den  Urahnen  teils  noch  lebender, 
teils  bereits  vor  Jahrtausenden  untergegangener,  gesitteter  oder  halbgesitteter  Völker 
an.  Es  waren  Erzeugnisse  des  Kunstfleifses  in  jener  Periode,  wo  man  die  Metalle 
noch  nicht  kannte  oder  nicht  zu  bearbeiten  wufste.  Mit  Recht  nennen  daher  die 
Altertumsforscher  diese  Periode  in  der  Entwicklung  eines  Volkes  sein  Stein-Zeitalter 
und  steigen  mit  ihm  aus  diesem  zum  Bronze-  und  Eisen-Zeitalter  auf. 

Jedes  Volk,  welches  wir  jetzt  noch  auf  der  Stufe  der  Halbgesittung  erblicken 
oder  unserer  europäischen  Kultur  zur  Seite  stehen  sehen,  durchlief  in  längeren  oder 
kürzeren  Zeiträumen  diese  drei  Perioden;  und  jene  Völker,  welche  wir  noch  in  ihrem 
Urzustände,  abgeschlossen  in  fernen  Ländern  entdecken,  alle  diese  — wir  nennen  sie 
Wilde  - — treffen  wir  noch  im  Steinzeitalter  ihrer  Kultur  an.  Bei  den  alten  Ägyptern, 
bei  den  Voreltern  der  Griechen,  der  Etrusker  und  der  Römer,  bei  den  Germanen 
und  den  gotischen  Nordbewohnern  und  bei  jenen  Völkerstämmen,  welche  wir  die 
wendisch-slavischen  nennen,  und  deren  Spuren  sich  vom  fernsten  nordöstlichen  Asien 
her  verfolgen  lassen,  bei  den  Indern,  den  Urbewohnern  Mittelasiens,  bei  den  alten 
Mexikanern  — bei  allen  diesen  Völkern  gab  es  eine  Zeit,  wo  steinerne  Waffen  und 
andere  Steingeräte  in  allgemeinem  Gebrauche  waren.  Noch  heutigen  Tages  bedienen 
sich  solcher  einige  nord-  und  südamerikanische  Völkerstämme,  die  noch  nicht  zur 
Kenntnis  der  Bearbeitung  der  Metalle  gelangt  sind. 

Die  Urbewohner  unter  allen  Himmelsstrichen  haben  also,  wie  erwähnt,  ihr  Haus- 
geräte und  Handwerkszeug,  ihre  Keulen  und  andern  massiven  Hiebwaffen  aus  Stein 
gebildet.  Auch  zu  Geschossen  finden  wir  Steine  verwendet,  seltener  zwar  und  nur 
im  höchsten  Notfälle  bei  Völkern  der  heilsen  Zone,  aber  um  so  häufiger,  je  mehr 
die  Völker  dem  Norden  sich  nähern.  Hartes  Palmenholz  und  scharfes  Bambusrohr, 
im  Feuer  gestählt,  sind  stark  genug,  den  unbekleideten  Leib  des  Feindes  zu  durch- 
bphren  oder  das  Wild  zu  töten  und  sich  gegen  mächtige,  aber  dünnbehaarte  Raub- 
tiere der  Tropenwelt  zu  verteidigen.  — Nicht  so  in  den  mehr  dem  Norden  zuge- 
kehrten Himmelsstrichen.  Dort  vertreten  weiche  Nadelhölzer  und  zerbrechliches 
Schilfrohr  die  Stelle  der  Palmen  und  des  Bambus,  und  der  rohe  Naturmensch  schützt  sich 
durch  Bekleidung  mit  Tierfellen  und  Fischhäuten  gegen  das  rauhe  Klima.  Ein  wolliges 


3.  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


351 


Fell  oder  dichtes  Gefieder  bedeckt  das  Wild,  und  die  zur  Nahrung  unentbehrlichen  See- 
tiere sind  mit  einer  harten  Haut  bekleidet.  Die  Bewohner  solcher  Gegenden  nahmen 
daher  zu  scharfen  Steinen  und  spitzigen  Knochen  ihre  Zuflucht  und  benutzten  sie  zu 
Jagd-  und  Fischergeräten,  zu  Verteidigungs-  und  Angriffswaffen. 

Waren  sie  nur  zum  gewöhnlichen  Gebrauche  bestimmt,  so  wählte  man  zu 
Waffen  und  andern  Gerätschaften  jene  taugliche  Steinart,  welche  am  häufigsten  an 
dem  Wohnorte  eines  Volkes  selbst  oder,  wenn  sie  da  fehlten,  in  dessen  Nachbarschaft 
vorkamen.  Nach  Umständen  verfertigte  man  indessen  auch  aus  seltenen,  oft  kostbaren 
Gesteinen  Gegenstände,  und  an  ihnen  versuchte  sich  die  Kindheit  der  Kunst.  Der 
Wohlhabende,  der  Vornehmere  strebte  nach  ihrem  Besitze  und  bewahrte  sie  sorgfältig 
als  einen  Schatz.  Oft  gab  man  sie  dem  Eigentümer  mit  in  das  Grab  oder  hielt  sie 
als  dauerndes  Andenken  des  Verstorbenen  hoch  in  Ehren.  Sagen  und  religiöse  Deu- 
tungen knüpften  sich  mit  der  Zeit  daran,  und  spätere  Generationen  achteten  die  aus 
der  Vorzeit  erhaltenen  Steinwaffen  und  andere  seltene  Geräte  von  Stein  als  Heilig- 
tümer. Doch  wie  dauerhaft  auch  dergleichen  heilige  Reste  waren,  sie  gingen  gröfsten- 
teils  mit  der  fortschreitenden  Civilisation  verloren.  Nur  ein  einziges  Volk  auf  Erden, 
und  zwar  ein  gesittetes,  bewahrt  noch  aus  rein  religiösem  Gefühle  seine  altertüm- 
lichen Steinsachen.  Während  in  allen  andern  Ländern,  welche  von  gesitteten  Völkern 
bewohnt  werden,  diese  Reste  tief  unter  dem  Schutte,  den  die  Menschheit  bei  ihrem 
Heraustritte  aus  der  Barbarei  aus  Unwissenheit  oder  Fanatismus  darüber  geworfen  hat, 
begraben  liegen,  entzieht  der  Japaner  sie  der  Zerstörung.  Auch  zu  ihm  drang  der 
Lichtstrahl  der  Kultur  vom  benachbarten  Festlande,  aber  mit  sanfterem  Tritte  schritt 
er  über  die  Überreste  seiner  grauen  Vorzeit.  Obwohl  auf  einer  hohen  Stufe  der  Ge- 
sittung stehend,  blickt  dieses  Volk  mit  Ehrfurcht  auf  dergleichen  Altertümer,  nähert 
sich  ihnen,  durchdrungen  von  heiligem  Schauer,  und  macht  deren  Erhaltung  zu  einer 
religiösen  Pflicht  — sind  es  doch  Überbleibsel  aus  ihrer  Geisterzeit,  die  Nachlassen- 
schaft ihrer  Karnis  — der  himmlischen  Abkömmlinge,  von  denen  sie  selbst  ihre  Ab- 
kunft herleiten.  So  finden  wir  noch  heutzutage  in  den  Kapellen  und  Kamihallen 
Japans  Steinwaffen  und  sonstige  Steingeräte  neben  andern  hoch  in  Ehren  gehaltenen 
Reliquien  aufbewahrt.  Sie  ruhen  da  unter  dem  Schutze  des  Kamidienstes  und  werden 
den  Pilgern  und  Reisenden  von  den  Priestern  vorgezeigt.  Unauslöschliche  Spuren 
des  Eetischdienstes  bezeichnen  ohnehin  die  religiöse  Seite  der  gemeinen  Volksklasse: 
nicht  zu  verwundern  also,  wenn  solche  Gegenstände  mit  Ehrerbietung  betrachtet  und 
angestaunt  wurden;  aber  auch  nicht  zu  verwundern,  wenn  die  schlauen  Priester  zu 
wunderbaren  Sagen  und  Legenden  der  Vorzeit  griffen  und  dadurch  die  Aufmerksam- 
keit des  herbeiströmenden  Volkes  noch  mehr  zu  fesseln  suchten! 

Wollen  wir  nun  die  Steinwaffen  und  andere  Steinsachen,  welche  man  in  Japan 
bewahrt  und  zuweilen  noch  ausgräbt,  einer  wissenschaftlichen  Betrachtung  unterziehen 
und  sie  mit  ähnlichen  Gegenständen  des  Altertums,  wie  auch  mit  solchen,  welche 
man  noch  jetzt  bei  einigen  Völkern  im  Gebrauche  findet,  vergleichen.  Vielleicht 
gelingt  es  uns,  aus  den  gemeinschaftlichen  Merkmalen  derselben  die  Verwandtschaft 
der  Urbewohner  der  japanischen  Inseln  mit  andern,  längst  von  ihnen  getrennten 
Stämmen  zu  entdecken  und  ihre  gemeinschaftliche  älteste  Pleimat  aufzufinden. 

Steinwaffen  und  anderes  Steingeräte  wurden  in  Japan  und  werden  noch  jetzt  mit 
anderen  Überresten  aus  der  sogenannten  Kamizeit  auf  alten  Begräbnisplätzen,  in  Kami- 
höfen,  in  Höhlenwohnungen  und  an  verschiedenen  Stellen  wilder  Gebirgsgegenden  aus- 


352 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


gegraben.  Auch  am  Meeresstrande,  an  den  Ufern  und  Mündungen  der  Flüsse  und  an 
Wildbächen  will  man  sie,  zu  Tage  liegend,  gefunden  haben.  Man  behauptet  es  zumal 
von  den  Pfeilspitzen  (Jasiri  isi,  d.  i.  Pfeilspitzen-Stein),  und  Fabeln  und  Märchen  knüpfen 
sich  daran. 

Steinerne  Pfeilspitzen  kommen  in  den  archäologischen  Sammlungen  der  Japaner 
am  zahlreichsten  vor;  in  einigen  Gegenden  mufs  eine  aufserordentliche  Menge  der- 
selben gefunden  worden  sein.  Unsere  Sammlung,  welche  wir  gröfstenteils  dem  Leib- 
ärzte des  Sjögun  Katsuragawa  zu  verdanken  haben,  zählt  deren  102,  und  der  Verfasser 
der  genannten  japanischen  Mineralogie  spricht  von  tausend  verschiedenen  Arten,  welche 
er  zu  beobachten  Gelegenheit  hatte.  Nach  seiner  Angabe  sind  die  vorzüglichsten  Fundorte 
derselben:  der  Berg  von  Nisi  Tanbaitsi,  3 Ri  vom  Tempel  Ofu  rjuzi  in  der  Provinz 
Jamato;  gröfsere  Exemplare  kommen  da  selten  vor;  — Mifudsimura  in  Owari;  der 
Strand  von  Kasima  in  Fidatsi;  Sakamoto  und  der  Berg  des  Hirahige  Mijözin  in  der 
Provinz  Omi;  verschiedene  Orte  der  Landschaft  Mino,  wo  sie  besonders  häufig  Vor- 
kommen; die  Provinzen  Hida,  Simodsuke;  ferner  Tsugaru,  Matsumae,  Sendai,  Nanbu, 
namentlich  Sawimura;  die  Provinz  Dewa,  vorzüglich  die  Gegend  von  Akumi,  Ihi  mori 
dsuka,  das  Gebirge  von  Akita,  Honsjö  und  der  Bezirk  Dagava;  in  der  Provinz  Jetsigo 
die  Orte  Kurotori,  Kamo,  Bazeömen  rnura,  ferner  die  Orte  Wakinomatsi  und  Okino- 
siro  des  Bezirkes  Misima,  und  Josukura  tani  und  der  Berg  des  Tempels  Kensjözi  im 
Bezirke  Kuiki;  die  Landschaften  Noto,  Sado,  Höki,  Idsumo,  Sanuki;  der  O'idake  bei 
Omura  in  der  Provinz  Hizen  und  einige  Gegenden  der  Provinz  Higo. 

Aus  dieser  Aufzählung  der  Fundorte  geht  hervor,  dafs  die  Steinpfeilspitzen  am 
häufigsten  im  nördlichen  Teile  der  grofsen  Insel  Nippon  gefunden  wurden,  dort,  in 
dem  sogenannten  Jebisu  no  kuni  oder  Lande  der  Wilden,  dessen  rohe  Bevölkerung 
sich  erst  spät  und  nur  nach  hartnäckigen  Kämpfen  unter  das  Joch  der  Mikadodynastie 
beugte.  Dafs  dieser  Völkerstamm  derselbe  war,  welcher  jetzt  noch  die  Insel  Jezo 
und  die  südlichen  Kurilen  bewohnt,  ist  eine  ausgemachte  Sache.  Der  nördliche  Teil 
der  Insel  Nippon  selbst  führte  bei  den  alten  Geographen  den  Namen  Jezo,  während 
sie  die  nunmehrige  Insel  Jezo  mit  dem  Namen  Watarisima  no  Jezo,  d.  i.  die  Insel 
Jezo  jenseits  des  Kanals  bezeichneten.  An  den  Bergbewohnern  der  Provinzen  Dewa 
und  Mutsu  (oder  wie  man  letzteres  sonst  nennt,  Mitsino-oku),  läfst  sich  Ähnlichkeit  in 
Leibesbildung,  Sitten  und  anderen  Eigenschaften  mit  den  Aino-Stämmen  auf  Jezo  nicht 
verkennen.  Auch  teilen  aufgeklärte  japanische  Gelehrte  selbst  unsere  Meinung  und 
halten  die  Steinpleilspitzen  für  Geschosse  der  sogenannten  Jebisu,  der  Bewohner  Jezos, 
welche  noch  in  den  ersten  Jahrhunderten  unserer  Zeit  den  Norden ' und  nordöstlichen 
Teil  der  Insel  Nippon  inne  hatten. 

Die  Steinpfeilspitzen  sind,  was  ihre  Form,  Gröfse,  Steinart  und  Farbe  anlangt, 
sehr  verschieden.  Unser  mehrerwähnter  Verfasser  der  japanischen  Mineralogie  unter- 
scheidet 36  verschiedene  Formen.  Die  ausgezeichnetsten,  welche  wir  in  unserer  Sammlung 
besitzen,  sind  auf  Fig.  48  abgebildet. 

Ihrer  Form  nach  lassen  sich  die  Stein-Pfeilspitzen  in  gestielte  und  ungestielte 
und  die  gestielten  wieder  in  dreieckige  (Nr.  1,  2,  3,  4,  5,  8,  11),  rautenähnliche  (Nr.  9, 
10,  12,  13)  und  lanzettförmige  (Nr.  6,  7);  die  ungestielten  dagegen  in  dreieckig-herz- 
förmige (Nr.  15,  16,  17,  18)  und  in  oval-herzförmige  (Nr.  14,  19,  20)  einteilen.  Von 
diesen  Grundformen  giebt  es  mannigfache  Abweichungen;  so  macht  z.  B.  Nr.  11  den 
Übergang  von  den  gestielten  dreieckigen  zu  den  lanzettförmigen  und  Nr.  9 den  Über- 


3-  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


353 


gang  zu  den  rautenähnlichen.  Eine  einfachere  Einteilung,  welche  andere  Altertums- 
forscher machen,  ist,  die  gestielten  als  spiefsblattförmige  und  die  ungestielten  als  herz- 
förmige zu  bezeichnen. 

Die  gröbsten  japanischen  Steinpfeilspitzen  in  unserer  Sammlung  sind  0,06  Meter 
lang,  am  breitesten  Durchmesser  0,024  Meter  breit  und  0,006  Meter  dick;  die  kleinsten 
0,02  Meter  lang,  0,011  Meter  breit  und  0,003  Meter  dick.  Unser  japanischer  Autor 
will  dergleichen  von  3 bis  5 Sun  (0,0909  bis  0,1515  Meter)  bis  zu  einem  Sjaka 


(0,303  Meter)  Länge  gesehen  haben.  Die  gröfseren  waren  ohne  Zweifel  Lanzen- 
oder Harpunenspitzen.  Auch  beschreibt  er  eine  solche  unter  dem  Namen  Ka- 
mino  jari,  Kami-  oder  Geister-Wurfspiefs.  Das  Exemplar,  wovon  er  eine  Abbildung 
giebt,  war  von  glänzender  Farbe,  wie  lackiert  (von  Obsidian?),  7 Sun  5 Bun 
(0,22725  Meter)  lang  und  ungefähr  4 Sun  (0,1212  Meter)  breit?,  am  einen  Ende  zu- 
gespitzt, am  andern  abgerundet,  die  Oberfläche  hier  und  da  beschädigt.  Dergleichen 
Steinwaffen  werden  laut  seiner  Aussage  von  Zeit  zu  Zeit  am  Eukurojama  in  Dewa 
gefunden  und  sind  im  Volksmunde  unter  obigem  Namen  bekannt. 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2.  Aufl. 


23 


354 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Von  grofser ' Wichtigkeit  ist  es,  die  Art  des  Gesteins  zu  kennen,  -woraus  diese 
Pfeilspitzen  verfertigt  sind.  Die  in  unserer  Sammlung  befindlichen  japanischen  sind 
von  Obsidian,  Hornstein,  Feuerstein,  Karneol,  Opal,  Eisenkiesel  und  Kieselschiefer. 
Von  den  auf  Fig.  48  abgebildeten  bestehen  Nr.  1 bis  3 aus  Hornstein;  als  seltenere 
Stücke  finden  sich  darunter  Exemplare  von  Kieselschiefer  und  Eisenkiesel.  Nr.  4 
ist  von  Obsidian,  Nr.  5 von  Kieselschiefer,  Nr.  6 und  7 von  Hornstein,  Nr.  8 zeigt 
Exemplare  von  allen  obengenannten  Gesteinen,  auch  eines  von  Karneol;  Nr.  9 von 
Obsidian;  Nr.  10  von  Opal;  Nr.  11  von  Hornstein,  mitunter  auch  von  Opal; 
Nr.  12  und  13  von  Hornstein;  Nr.  14,  15,  16  von  Obsidian,  auch  Exemplare  von 
Opal  und  Hornstein;  Nr.  17  von  Kieselschiefer;  Nr.  18  von  Hornstein;  Nr.  19  und 
20  von  Feuerstein. 

Wir  haben  bemerkt,  dafs  gewisse  Formen  der  Pfeil-  und  Lanzenspitzen  aus  ein 
und  derselben  Steinart  bestehen,  und  wir  halten  dafür,  dafs  dies  in  irgend  einem  Zu- 
sammenhang mit  Lokalverhältnissen  stehen  müsse,  eine  Mutmafsung,  die,  wenn  sie 
sich  bestätigt,  zu  wichtigen  Folgerungen  führen  und  über  Verwandtschaft  und  Heimat, 
über  Verkehr  und  Kriege  so  mancher  Völkerstämme  in  vorgeschichtlicher  Zeit  Auf- 
schlufs  geben  und  den  Schleier  lüften  würde,  der  ihre  frühere  Geschichte  in  undurch- 
dringliches Dunkel  hüllt.  Ist  es  schon  in  hohem  Grade  auffallend,  dafs  man  an  Pfeilspitzen, 
welche  in  so  weit  voneinander  entlegenen  Landstrichen,  wie  z.  B.  am  Ohio  und  in 
Dänemark,  in  Holland  (Geldern)  und  im  Norden  von  Japan  aufgefunden  worden, 
eine  täuschende  Ähnlichkeit  in  der  Form  entdeckt;  wie  wird  man  um  so  mehr  erstaunen, 
wenn  man  bei  näherer  Vergleichung  sich  überzeugt,  dafs  auch  die  Steinart,  woraus 
sie  verfertigt  worden,  ein  und  dieselbe  ist.  Solche  Untersuchungen  liefsen  sich  noch 
mehrere  anstellen,  da  wir  Steinpfeilspitzen  aus  vielen  anderen  Ländern  der  alten  und 
der  neuen  Welt  besitzen.  Doch  vorerst  genüge  der  Nachweis,  dafs  Pfeilspitzen  aus  Stein 
ein  gemeinschaftliches  Eigentum  der  Urbevölkerung  unserer  ganzen  Erde  gewesen  sind. 
Dafs  sie  noch  heutzutage  nebst  anderen  Steinwaffen  und  Steingerätschaften  bei  einigen 
Völkern  im  Gebrauche  sind,  haben  wir  oben  bereits  gesagt  und  unterlassen  eine  Auf- 
zählung der  wilden  Stämme,  die  solche  Geschosse  führen,  als  zu  weitläufig  für  unseren 
gegenwärtigen  Zweck. 

Wir  wenden  uns  zu  den  Pfeilen  und  Harpunen,  wie  wir  sie  noch  gegenwärtig 
bei  den  Koljuschen  auf  Sitcha  und  bei  einigen  anderen  Stämmen  auf  den  Aleuten 
und  auf  der  Nordküste  von  Amerika  vorfinden  und  deren  Anfertigung  unsere  be- 
sondere Aufmerksamkeit  verdient,  weil  die  Wreise,  wie  die  Spitzen  mittels  eines 
knöchernen  Schaftes  an  dem  Pfeile  oder  Stiele  des  Wurfspiefses  befestigt  werden,  uns 
Aufschlufs  über  die  Befestigung  der  Steingeschosse  im  Altertume  giebt.  Der  knöcherne 
Schaft  hat,  je  nachdem  er  zur  Aufnahme  gestielter  oder  ungestielter  Pfeilspitzen  dienen 
mufs,  eine  verschiedene  Einrichtung.  Zur  Aufnahme  einer  ungestielten,  oval -herz- 
förmigen, aus  Thonschiefer  verfertigten  Pfeilspitze  befindet  sich  am  oberen  Ende 
des  0,28  Meter  langen  Schaftes  eine  Längenspalte,  worin  die  Pfeilspitze  in  auf- 
rechter Stellung  gleichsam  eingezwängt  und  mit  einem  Kitt  von  Pech  befestigt 
wird.  Der  rundlich  zusammengedrückte  Schaft  ist  der  Länge  nach  gefurcht  und 
an  der  einen  Seite  mit  ein  oder  zwei  scharfen  Einschnitten,  welche  Widerhaken 
bilden,  versehen.  Am  unteren  Ende  hat  der  Schaft  eine  Spitze,  womit  er  in  den  hölzernen 
Pfeil  eingelassen  und  befestigt  wird  (Nr.  23  und  25).  Auf  ähnliche  Weise  müssen  alle 
altertümlichen  ungestielten  Pfeilspitzen  auf  den  Pfeilen  befestigt  gewesen  sein. 


3-  Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


355 


Eine  andere  Einrichtung  hat  der  knöcherne  Schaft  zur  Aufnahme  der  ge- 
stielten Pfeil-  oder  Wurfspiefsspitzen.  Er  ist  nicht  gespalten,  sondern  ausgehöhlt, 
so  dafs  der  Stiel  der  Spitze  gut  hineinpafst  und  mit  Kitt  befestigt  und  mit  Darm- 
saiten umwickelt  werden  kann.  Man  vergleiche  hiermit  unsere  Abbildungen  (Nr.  22 
und  24),  die  so  deutlich  sind,  dafs  sie  uns  einer  weitläufigeren  Beschreibung  über- 
heben. 

Die  Nach  Weisung  der  Art  und  Weise,  wie  die  steinernen  Pfeil-  und  Wurfspiefs- 
spitzen befestigt  wurden,  kommt  uns  gut  zu  statten,  da  die  ursprünglichen  Waffen- 
geräte, woran  sie  befestigt  waren,  in  Japan,  wie  überall,  mit  ihren  ehemaligen  Be- 
sitzern längst  zu  Grunde  gegangen  sind.  Ohne  diesen  Nachweis  würde  es  schwer 

O OOO  t 

gewesen  sein,  die  eigentümliche  Befestigungsart  solcher  Geschosse  darzuthun;  ja,  man 
könnte  selbst  ihre  eigentliche  Bestimmung  — als  Waffen  untergegangener  Völker  — 
in  Zweifel  ziehen,  wenn  wir  nicht  ähnliche  Waffen,  Jagd-  und  Fischergeräte  jetzt 
noch  in  den  Händen  lebender  Stämme  angetroffen  hätten.  Es  sind  dieses  die  Polar- 
völker, dieselben,  welche,  allen  neueren  Beobachtungen  zufolge,  durch  Verwandtschaft 
der  Sprache,  Religion,  Sitten  und  Gebräuche  nicht  nur  unter  sich,  sondern  auch  mit 
anderen,  jetzt  in  weit  vom  Norden  entfernten  Himmelsstrichen  lebenden  Völkern  innig 
verbunden  sind  und  welche  ihre  weite  Bahn  mit  diesen  Überresten  ihrer  rohen  Kunst- 
produkte bezeichnet  haben.  Von  diesem  Gesichtspunkt  aus  müssen  wir  die  einander 
täuschend  ähnlichen  nordamerikanischen,  nordjapanischen  und  skandinavischen  Stein- 
pfeilspitzen betrachten  und  dabei  erwägen,  dafs  die  ausgewanderten  Stämme  der  Polar- 
bewohner nicht  im  Sturmmarsche  gerade  vorwärts,  sondern  in  langsamen  Schwingungen 
sich  fortzubewegen  hatten,  um  nach  Jahrtausenden  tausend  Meilen  von  ihrem  ersten 
Wohnplatz  entfernte  Himmelsstriche  zu  erreichen. 

Nicht  weniger  allgemein  als  die  Pfeilspitzen  sind  die  sogenannten  Donnerkeile.  Wir 
haben  solche  aus  allen  Erdteilen  vor  uns  liegen.  Die  meisten  gehören  dem  Altertum  an  und 
dienten  als  Handwerkszeug  oder  Waffe,  zu  Keulen  oder  Beilen,  als  Streithämmer  und  Streit- 
äxte, als  welche  sie  hier  und  da  noch  jetzt  bei  lebenden  Völkern  Vorkommen.  Sie  zeugen 
von  dem  Zustande  des  Kunstfleifses  untergegangener  oder  noch  lebender  Stämme. 
Manche  sind  von  kostbarem  Gesteine,  mit  bewunderungswürdigem  Eleilse  gearbeitet,  und 
solche  aus  späterer  Zeit  mit  edlen  Metallen  beschlagen.  Aus  ihrer  Form  läfst  sich  mit  mehr 
oder  weniger  Sicherheit  auf  ihren  Zweck  schliefsen.  Einige  wurden  blofs  mit  der 
Hand  gefafst,  wie  aus  dem  spindelförmig  verlängerten  Handgriff  des  rundlich  zusammen- 
gedrückten Keils  hervorgeht;  andere  wurden  in  ein  am  oberen  Ende  einer  Keule  be- 
findliches Loch  gesteckt,  und  die  zu  diesem  Zwecke  verwendeten  Steine  sind  zusammen- 
gedrückt, kürzer  und  plumper.  Die  Herren  Macklot  und  Müller  haben  Steinkeulen 
bei  den  rohen  Bewohnern  der  Südwestküste  von  Neu-Guinea  im  Gebrauche  gefunden. 


Einige  Steine  waren  ungebohrt  und  waren  in  einem  am  oberen  Ende  der  Keule  befind- 
lichen Loche  befestigt.  Ein  Stein  war  gebohrt,  vierstrahlig  sternförmig,  von  Hornstein  und 
am  oberen  Ende  einer  mit  Schnitzwerk  verzierten  Keule  angebracht.  Am  häufigsten 
kommen  Steinkeile  an  hölzerne  Stiele  gebunden  und  als  Zimmer-  und  Schlachtbeile 
verwendet  vor.  Bei  den  Neuseeländern  auf  den  Gesellschafts-  und  Freundschaftsinseln 
hat  sie  Cook  mit  eigentümlichem  Schnitzwerke  verziert  angetroffen;  Wilson  fand  ähnliche 
auf  den  Pelewinseln,  von  Langsdorf  aufNukahiwa;  und  die  meisten  Seefahrer,  welche 
die  Inseln  des  stillen  Ozeans  zuerst  oder  kurz  nach  deren  Entdeckung  besucht  haben, 
erwähnen  ihrer.  Jetzt  gehören  diese  Werkzeuge  schon  unter  die  ethnographischen 


Seltenheiten,  und  bald  werden  sie,  namentlich  auf  den  Sandwich-  und  Gesellschafts- 
inseln, von  den  Enkeln  der  früheren  Besitzer  als  Überreste  aus  dem  Steinzeitalter  ihrer 
Voreltern  angestaunt  werden.  Im  Altertum  waren  die  Steinkeile  meistenteils  bestimmt, 
in  Holz  eingesetzt  zu  werden  und  wahrscheinlich  von  ähnlicher  Herstellungsart,  wie 
die  noch  lebenden  Stämmen  angehörigen  Werkzeuge;  es  sei,  dafs  sie  als  Zimmer- 
und  Streitäxte  oder  zu  einem  gottesdienstlichen  Gebrauche  dienten. 


i 


Fig.  49.  Verschiedene  Formen  von  Steinwaffen 


Das  auf  Fig.  49  Abb.  i in  lji  nat.  Gröfse  abgebildete  Beil  legen  wir  als  Muster 
vor.  Wir  verdanken  es  nebst  einem  ähnlichen  unserem  hohen  Gönner  und  Freunde, 
dem  Fürsten  Soltykoff  in  Petersburg.  Beide  sollen  von  den  Washington-Inseln  stammen. 
Auf  eine  von  der  ebenerwähnten  abweichende  Weise  an  den  Stiel  befestigt  sind  die 
Steinkeile,  welche  Cook  bei  den  Neu-Caledoniern  antraf.  Hier  ist  der  Steinkeil  in 
die  Spalte  eines  mit  dem  kurzen  Stiele  einen  spitzen  Winkel  bildenden  Schnabels 
eingelassen  und  mit  Stricken  befestigt. 


3 Von  den  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 


357 


In  Japan  findet  man  Steinkeile  häufig  in  den  Mineraliensammlungen  dortiger 
Liebhaber,  und  sie  werden  zuweilen  jetzt  noch  mit  anderen  Steingeräten  ausgegraben. 
Auch  hier  nennen  die  Eingeborenen  sie  Donnerkeile,  Raifu  seki,  oder  Tengu-no  ma- 
sakari,  Schlachtbeil  des  Tengu,  Wächters  des  Himmels.  Auf  Fig.  49  e,  f und  h 
sind  die  in  unserer  Sammlung  befindlichen  Donnerkeile  von  Japan  abgebildet.  Abb.  e 
ist  aus  grauem  Feldsteinporphyr,  Abb./  aus  grünlich -gelbem  dichten  Feldstein,  und 
Abb.  h aus  einem  gelblich -grauen  Hornsteinporphyr  verfertigt.  Unsere  japanischen 
Keile  sind  meistens  kegelförmig  zugespitzt,  und  die  beiden  schmalen  Seiten  gewöhnlich 
abgerundet  (s.  Abbildungen  e und  /),  selten  eckig  (Abb.  g)  und  nie  so  scharf, 
wie  man  sie  bei  den  skandinavischen  Keilen  antrifft.  Sie  sind  auf  allen  Seiten  glatt 
geschliffen  und  unterscheiden  sich  auch  dadurch  von  den  skandinavischen  Steinkeilen, 
welche  gewöhnlich  roh  zugehauen  sind.  Aber  auch  unter  diesen  nordischen  Alter- 
tümern finden  sich  Keile  von  gleicher  Form,  wie  die  unseren.  Bei  Pfalzdorf  unweit 
Kleve  gefundene  Donnerkeile  haben  mit  den  japanischen  eine  auffallende  Ähnlichkeit. 
Den  dortigen  Fandleuten  gelten  sie  als  ein  Talisman  gegen  Donnerschlag  und  Vieh- 
krankheiten. Bemerkenswert  ist  es  übrigens,  dafs  man  auf  Japan  noch  keine  gebohrten 
Keile,  welche  man  so  häufig  unter  den  skandinavischen  Steinsachen  gefunden,  entdeckt 
hat.  Gebohrte  Steine  scheinen  überhaupt  einer  späteren  Zeit  anzugehören. 

An  die  Donnerkeile  reihen  wir  eine  andere  Art  alter  Steinwerkzeuge,  die  so- 
genannten Fuchshobel  (Kitsuneno  kanna)  und  die  Fuchsbeile  (Kitsuneno  nomi), 
nach  dem  japanischen  Volksglauben,  Geräte  des  Teufels,  für  dessen  Symbol  der  Fuchs 
gilt.  Unter  der  ersten  Benennung  besitzt  der  mehrerwähnte  japanische  Autor  ein 
Exemplar,  welches  er  im  Jahre  1773  aus  der  Provinz  Noto  erhalten,  wo  es  zu  Iwa 
kuruma  bei  Nanawo  gefunden  worden.  Seine  Abbildung  gleicht  unserer  Abb.  g auf 
Fig.  49;  nur  ist  sein  Stein  kürzer  als  der  unsrige  und  auf  einer  Seite  gewölbt.  «Was 
die  Form  angeht»,  sagt  unser  Autor,  «unterscheiden  sich  diese  altertümlichen  Steine 
nicht  von  dem  Schab-  oder  Hobeleisen  der  Zimmerleute;  sie  sind  schwarz  und 
rot,  glänzen  wie  polierte  Juwelen  und  sind  sehr  schön  und  selten.  Aus  demselben 
Lande  habe  ich  später  ein  Exemplar  erhalten,  das  glänzend  gelblich  und  rot  ist.  In 
jenen  Gegenden  nennt  sie  der  Volksmund  Kitsuneno  kanna.  Es  mögen  indessen  Alter- 
tümer aus  der  Kamizeit  sein.  Meines  Wissens  bin  ich  allein  im  Besitze  solcher 
Stücke.»  Unser  Exemplar  ist  von  dunkelgrüner,  glänzender  Farbe,  aus  dichtem  Feld- 
steine verfertigt.  «Die  Kitsuneno  nomi  (Fuchsbeile)»,  fährt  unser  japanischer  Autor 
fort,  «stammen  gleichfalls  aus  der  Provinz  Noto  und  zwar  von  demselben  Orte  w7ie 
die  Teufelshobel;  sind  aber  von  einer  andern  sehr  harten  Steinart.  Sie  haben  holz- 
artige Structur,  sind  glatt  rund  und  vorne  zugeschliffen.  Auch  sie  gehören  w7ohl  der 
vorgeschichtlichen  Geisterzeit  an.»  Der  Verfasser,  der  im  alleinigen  Besitze  solcher 
Stücke  zu  sein  glaubt,  behauptet  gleichfalls,  dafs  sie  in  die  Klasse  der  Donnerkeile 
gehören,  ob  sie  auch  in  Hinsicht  auf  Form  und  Steinart  davon  verschieden  sind. 

Auch  steinerne  Messer  und  andere  ähnliche  schneidende  Werkzeuge  werden  • 
in  Japan  gefunden.  Einige  davon  aus  unserer  Sammlung  haben  wir  auf  Fig.  49  in 
natürlicher  Gröfse  abgebildet.  Abb.  a und  b zeigen  uns  zwei  Messer  und  Abb.  c und  d 
meifselförmige  Werkzeuge.  Die  drei  ersten  sind  von  ockergelbem  Holzsteine,  das 
vierte  Stück  von  Feuerstein.  Auch  unser  japanischer  Archäolog  beschreibt  Steinmesser 
unter  der  Benennung  Seki  tö  (chin.  Schi  tao,  d.  i.  steinerne  Messer).  Die  eine  Art 
gleicht  unserer  Abb.  b , die  andere,  deren  Abbildung  wir  auf  Fig.  50  Abb.  k und  / 


J5§ 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

wiedergeben,  den  Messern  von  Thonschiefer,  welche  noch  heutzutage  die  Koljuschen 
gebrauchen.  «Es  sind»,  sagt  unser  Autor,  «Geisterstücke  des  Altertums,  und  die 
Sammlung  des  Tempels  Fugenin  bewahrt  davon  zwei  Arten,  welche  beide  in  Ja- 
mato  auf  dem  Berge  Miwano  jama  ausgegraben  wunden.»  Unsere  Abb.  k gehört 
dahin.  Eine  andere  Art  stammt  vom  Berge  Akiwasan  in  Sinano  und  befindet  sich 
in  der  Sammlung  unseres  japanischen  Archäologen  (Abb.  /),  der  aufser  diesen  noch 
einige  andere  denkwürdige  Schneidewerkzeuge  von  Stein  beobachtete,  und  dessen 
Mitteilung  darüber  wir  hier  als  einen  wichtigen  Beitrag  aus  seinem  Werke  aufnehmen 
wollen.  «Das  Seirjö  töisi,  d.  i.  Steinmesser  des  grünen  Drachen»  (Fig.  50  Abb.  5), 
heifst  es,  «wurde  von  einem  Altertumsfreunde  aus  Matsumae  (auf  Jezo)  nach  Mijako 
geschickt.  Der  Sender  hat  es  am  Kumaisi  in  der  Nähe  von  Jesasimura,  Bezirk 
Matsumae,  ausgegraben.»  Zu  näherem  Verständnisse  des  Namens  erinnern  wir  den 
Leser,  dafs  die  japanische  Mythe  den  Drachen  mit  einem  Schwerte  als  Schweifspitze 
bewaffnet.  «Ein  ähnliches  (Abb.  m)  besteht  aus  einem  aschfarbigen  harten  Stein,  ist 
5 Bun  (0,01515  Meter)  dick  und  entspricht,  was  die  Form  anlangt,  der  zur  Seite 
stehenden  Abbildung.  Das  Exemplar  befindet  sich  nebst  andern  in  einer  Sammlung 
des  Tempels  Kwökokzizu  Takada  in  Jetsigo.»  Ein  anderes  (Abb.  n)  wurde  auf 
dem  Berge  von  Atano  in  Fida  ausgegraben  und  befindet  sich  in  der  Sammlung  eines 
Liebhabers  zu  Takajama  in  Hida.  Die  eine  Seite  ist  scharf,  die  andere  stumpf;  das 
Messer  ist  8 Sun  (0,2424  Meter)  lang,  1 Sun  3 Bun  (0,03939  Meter)  breit,  8 Bun 
(0,02424  Meter)  dick  und  besteht  aus  sehr  hartem  mausfarbigem  Stein»  (wahrschein- 
lich auch  aus  Schieferstein). 

Ferner  beschreibt  unser  japanischer  Autor  unter  dem  Namen  Tenguno  mesi- 
kui,  d.  i.  Reislöffel  des  Tengu,  Steine,  welche  zwischen  den  Pfeilspitzen  und  Stein- 
messern die  Mitte  halten  und,  wie  uns  dünkt,  ursprünglich  an  hölzernen  Griffen  be- 
festigt, zu  Messern  dienten.  In  unserer  Sammlung  befinden  sich  auch  solche  aus  ocker- 
gelbem Holzsteine;  aber  wir  hielten  sie  für  nachgemacht  und  gaben  daher  keine  Ab- 
bildung davon.  Unser  Japaner  hat  28  Arten  abgebildet.  «Sie  gehören»,  sagt  er  in 
seiner  Erläuterung,  «zur  Klasse  der  steinernen  Pfeilspitzen  und  haben,  was  die  Form 
im  allgemeinen  angeht,  unter  sich  viel  Übereinstimmendes.  In  der  Provinz  Mino  bei 
Akasaka  in  dem  Dorfe  Itsibasi  mura  am  Fufse  des  Berges  Kinsjözan,  wto  sich  eine 
Sammlung  steinerner  Pfeilspitzen  befindet,  bewahrt  man  auch  20  Exemplare  dieser 
steinernen  Löffel,  die  auf  dem  genannten  Berge  gefunden  worden.  Sie  sind  nicht 
alle  von  ganz  gleicher  Form  und  Farbe,  sondern  teils  grün,  teils  schwarz,  teils  rot 
und  selbst  purpurfarbig,  durchgängig  aber  ganz  glatt.  Sie  kommen  zwar  an  jenen 
Stellen,  w7o  sich  Donnerkeile,  steinerne  Pfeilspitzen  und  Magatama  finden,  vor,  aber 
äufserst  selten,  weswegen  sie  auch  schwer  zu  erhalten  sind.  Im  Lande  Mino  nennt 
man  sie  Tenguno  mesikui,  ebenso  in  den  Provinzen  Dewa,  Jetsigo  und  Hida,  wo 
sie  gleichfalls  gefunden  werden.  Die  Bewohner  von*Sado  und  Noto  dagegen  heifsen 
sie  Kitsuneno  kui  (Fuchs-Löffel).  Ich  habe  mir  aus  den  genannten  sechs  Provinzen 
10  Stücke  verschafft  und  sie  mit  den  in  der  (Sokusekitei)  Pfeilspitzensammlung  zu 
Itsibasimura  und  im  Tempel  Dösi  des  Landes  Mino  auf  bewahrten  Exemplaren  ver- 
glichen.» 

Auf  Fig.  50  haben  wir  noch  einige  andere,  uns  sehr  merkwürdig  scheinende 
Steinsachen,  gröfstenteils  aus  dem  öfters  genannten  Buche  unseres  japanischen  Archäo- 
logen entlehnt,  abgebildet.  Sie  gehören  alle  dem  mythologischen  Alterthum,  der  so- 


3-  Von  Jen  Waffen,  Waffenübungen  und  der  Kriegskunst. 
genannten  Geisterzeit,  an  und  waren  allem  Anscheine  nach  Waffen  oder  Verzierungen 

O 

von  Waffen.  Wir  nennen  zuerst  die  Seki  kentö,  d.  i.  steinernen  Säbelknöpfe,  die 
halbmondförmig  ausgeschnitten  und  mit  Knöpfen  versehen  sind.  «Sie  wurden»,  sagt 
unser  Archäolög,  «wiewohl  selten,  hie  und  da  in  Jamato  auf  altem  Boden  von  Karni- 
ka pellen  ausgegraben,  und  Exemplare  davon,  aus  Jamato  stammend,  befinden  sich  in 
verschiedenen  Sammlungen  in  Jamato,  Ise  und  Osaka.  Der  Inhaber  der  Kuriosi- 


Fig.  50.  Waffen  aus  der  ältesten  Zeit. 

tätensammlung  in  Ise,  Tanigava  Udsi,  erklärt  diese  Stücke  für  Säbelknöpfe  aus  der 
Geisterzeit.»  Das  in  Abb.  d in  natürlicher  Gröfse  abgebildete  Stück  fanden  wir  in 

o 

einer  Mineraliensammlung,  welche  wir  in  Osaka  gekauft.  Es  ist  grünlich-grauer  Speck- 
stein. Wahrscheinlich  waren  die  Originale  der  im  angeführten  japanischen  Werke 
befindlichen  Abbildungen  von  demselben  Gesteine,  was  höchst  merkwürdig  wäre,  da 
der  Speckstein  nur  selten  in  Japan,  um  so  häufiger  aber  auf  dem  benachbarten  Fest- 
lande, in  Korea  und  China,  vorkommt.  Das  Original  zu  Abb.  e soll  in  einer  Sammlung 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

in  Ise  aufbewahrt  werden.  Sein  Fundort  ist  unbekannt.  Abb.  / wurde  zu  Akitsu- 
kimura,  Bezirk  Nagusa  der  Provinz  Kii,  gefunden  und  wird  in  einer  Sammlung  des 
Tempels  Jekisjö  zensi  zu  Karatsu  in  Omi  bewahrt.  Abb.  g kommt  vom  Berge 
Miwajama  in  Jamato;  Abb.  /;  wurde  in  dem  Weichbild  der  Kamihalle  Nitsizengu  in 
Kii  und  Abb.  i auf  dem  Territorium  des  Kamihofes  des  Dai  mjö  zin  im  Bezirke 
Kubiki  der  Provinz  Jetsigo  ausgegraben;  ersteres  ist  grün,  letzteres  mausefarbig.  Diese 
Säbelknöpfe  sind  meistenteils  mit  einem  Loche  versehen,  und  man  trug  sie  mit  Magatama 
und  anderen  Kostbarkeiten  an  Schnüren  angereiht,  wie  es  jetzt  noch  die  Ainos  auf 
Jezo  mit  japanischen  Säbelstichblättern  und  anderen  Seltenheiten  thun. 

Wir  kommen  zu  den  in  Abb.  o,  p und  q abgebildeten  Steinschlägeln,  deren 
Umrisse  wir  aus  dem  mehrerwähnten  Buche  entlehnen.  Von  Abb./)  teilt  der  Japaner 
folgendes  mit:  «In  der  Provinz  Omi,,  im  Bezirke  Kurimoto,  stand  vor  Alters  ein 
Buddhatempel  Namens  Sintö  (Tempel  der  Wahrheit).  Nach  dessen  Abbruch  bildete 
sich  da  ein  Dorf,  das  den  Namen  Sintö  rnura  führte.  Im  6.  Jahre  Anjei  (1777)  fand 
man  in  dem  Weichbilde  dieses  Dorfes  in  einer  Tiefe  von  5 Fufs  einen  chinesischen 
Sarg  von  Stein,  worin  ein  Stein  von  sehr  sonderbarer  Form,  1 Fufs,  7 Sun,  5 Bun 
lang,  in  der  Mitte  mit  einem  Griffe  versehen  und  nach  beiden  Enden  hin  dünner 
zulaufend;  er  war  sehr  hart  und  von  grünem  Edelstein.  Was  es  sei,  wusste  niemand 
zu  sagen.  Allem  Anscheine  nach  war  es  ein  Schatzstück  des  alten  Tempels.»  Der 
Verfasser  meint,  es  sei  ein  Isitsutsutsui  (steinerner  Schlägel),  dessen  im  alten 
Nipponki  in  der  Biographie  Zinmus  Erwähnung  geschieht.  Wie  dem  Verfasser  ein 
Mann  aus  Jesasimura  bei  Matsumae  erzählte,  hat  man  auch  in  der  Nähe  jenes  Dorfes 
ein  solches  Stück  gefunden,  und  da  dies  gerade  nach  einem  Ungewitter  stattfand,  es 
für  den  Trommelschlägel  des  Donnergottes  gehalten,  und  als  man  diesem  eine  Kapelle 
baute,  dasselbe  darin  verehrt.  Das  abgebildete  Stück  hat  in  der  Mitte  5 Sun  8 Bun 
(0,17574  Meter)  im  Umfang;  der  Knopf  am  oberen  Ende  mifst  3 Sun  8 Bun 
(0,11514  Meter),  der  am  unteren  4 Sun  6 Bun  (0,13938  Meter)  im  Umfang. 

Unsere  einfältigen  Landleute,  welche  in  den  keilförmigen  Steinwaffen  der  Ur- 
bewohner ihrer  Gaue  die  Donnerkeile  aufzufinden  glaubten,  welche  einst  ihre  hundert- 
jährigen Eichen  zerschmetterten,  würden  mit  der  Benennung  dieses  schlegelförmigen 
Steines  in  Verlegenheit  gekommen  sein.  Die  sinnigen  Eingeborenen  der  japanischen 
Inseln,  welche  schon  der  Bedeutung  der  Donnerkeile  näher  auf  der  Spur  sind  und  die 
keilförmigen  Steine  Schlachtbeile  des  Himmelswächters  nennen,  erkannten  sogleich 
den  antiken  Trommelschläger  ihres  Zeus,  des  Raiden,  d.  i.  Donner  und  Blitz,  den  die 
japanische  Mythologie  als  einen  gehörnten,  grimmigen,  riesenstarken  menschenähnlichen 
Himmelsgeist  darstellt  und  ihn,  in  schwarze  Wolken  gehüllt,  auf  sich  um  ihn  im 
Kreise  drehende  Trommeln  mit  schweren  Schlägeln  schlagen  läßt.1 

1 Siehe  Pantheon,  pag.  143,  Tab.  36,  Fig.  523.  1.  Auflage  d.  Nippon. 




4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjögunats.  :>ÜI 


4.  Geschichte  der  Entwickelung  der  Volkskultur  und 
der  Entstehung  und  Begründung  des  Sjögunats. 

«Lange  hielten  sich  in  Japan  unter  einem  unbekannten  Namen  Gäste  aus  Dats, 
der  Tatarei,  auf;  sie  lebten  zerstreut  in  den  Landschaften  und  führten,  vom  Fisch- 
fänge sich  nährend,  ein  rohes  Leben,  bis  ZinmuTenwö1,  ein  Zeitgenosse  des  Stifters 
des  Römischen  Reiches,  ein  Fürst,  allen  an  Geistes-  und  Körpervorzügen  überlegen, 
unter  den  Seinigen  ein  Reich  gründete.»  (Engelbrecht  Kämpfer. 2) 

So  unterbrach  dieser. Held,  von  Süden  nach  Osten  und  Norden  das  japanische 
Inselland  durchziehend,  die  Ruhe  dör  Bewohner  dieser  Inseln,  denen  bei  ihrer  ge- 
ringen Anzahl  die  üppige  Vegetation  und  die  fischreichen  Küsten  die  Bedürfnisse  eines 

*<■ 

Naturlebens  unter  einem  gemäfsigten  Himmelsstriche  in  Fülle  darboten.  Bei  einem 
gastfreundschaftlichen  Zusammenleben,  gesichert  durch  wechselseitige  Unterstützung 
einer  gröfseren  oder  kleineren  Stammesgenossenschaft,  bei  einem  einfachen  Tausch- 
handel mit  Naturerzeugnissen  kannte  man  keinen  Mangel,  keine  Not.  Ein  selbstge- 
fertigter Kahn,  Fischergeräte,  Bogen  und  Pfeile,  Lanzen  und  Wurfspiefse;  ein  leichtes 
Gewand  im  Sommer,  Kleider  von  Tierfellen  im  Winter  waren  die  zum  Leben  nötigen 
Bedürfnisse.  Eine  Hütte  schützte  gegen  Hitze  und  Regen  und  eine  Felsenhöhle  gegen 
Kälte  und  Sturm.  Das  Bestreben,  die  Geräte  am  brauchbarsten  und  schönsten  anzu- 
fertigen, war  die  Wiege  der  Kunst,  sie  am  besten  und  zweckmäfsigsten  und  zu  Ehren 
der  Gottheit  anzuwenden,  war  die  Kindheit  der  Wissenschaft.  In  der  alles  erleuch- 
tenden und  erwärmenden  Sonne  und  dem  ihre  Stelle  zur  Nachtzeit  vertretenden  Monde 
und  den  Sternen  erkannten  diese  Naturmenschen  die  höheren  Wesen,  die  der  Ge^en- 

J O 

stand  ihrer  Verehrung  waren:  Ama-terasu-ökami,  der  Himmel  beleuchtende  grofse 
Geist  und  Tsuki-jo-mino-mikoto,  sein  durch  die  Nacht  schauender  Bruder;  auch  alles 
Ungewöhnliche  im  Reiche  der  Natur  war  ihnen  hehr  und  heilig.  Ihre  Religionsbegriffe 
äufserten  sich  durch  ein  zaghaftes  Ahnen  überirdischer  Wesen,  guter  und  böser  Geister, 
welchen  sie,  wenn  ihnen  Gutes  begegnete,  dankten  und  ihnen  Feste  feierten,  und  wenn 
sie  ein  Unglück  traf,  in  Trauergewändern  Versöhnungsopfer  darbrachten.  So  müssen 
wir  uns  die  Bewohner  Japans  vor  etwa  zweitausendfünfhundert  Jahren  denken. 

Wir  wissen  nicht,  ob  Zinmu  sich  aus  eigener  Kraft  durch  die  Vorzüge  seines 
Geistes  über  die  Seinigen  erhoben  hatte  oder  durch  das  Beispiel  einer  fremden,  mehr 
gesitteten  Nation  auf  eine  höhere  Stufe  gestiegen  war.  Es  ist  möglich,  dafs  seine 
Ahnen  oder  Eltern  selbst  Fremdlinge  gewesen  sind,  aber  jedenfalls  erschien  mit  ihm, 
dem  gefeierten  Krieger,  über  Jamato,  so  heifst  das  alte  Japan,  der  erste  Strahl  der 

1 Die  Mythe  von  Zin-mu-ten-wö  (nach  der  neuen,  allgemein  üblichen  Orthographie  Jimmu  Tenno 
geschrieben)  beruht,  wie  Aston,  Bramsen  und  Chamberlain  nachgewiesen  haben,  nur  auf  Tradition ; denn 
die  ältesten  japanischen  Geschichtswerke  das  Kosiki  und  das  Nihongi,  welche  die  Urgeschichte  behandeln, 
sind  erst  im  8.  Jahrhundert  n.  Chr.  verfafst  worden.  Die  moderne  historische  Kritik  bezeichnet  den 
Anfang  des  6.  Jahrhunderts  n.  Chr.  als  die  älteste  Periode,  wo  die  japanische  Geschichte  vom  wissen- 
schaftlichen Standpunkt  anfängt.  Bemerkung  zur  2.  Auflage. 

2 Latuerunt  diu  obscuro  nomine  e Dats,  seu  Tartaria  hospites  in  Japonia  et  per  provincias 
disseminati  incultam  ichtyophagorum  vitam  vixerunt : cum  Romanae  gentis  conditori  coaevus  Dsin  Muu 
Tei,  princeps  prudentia  et  corporis  majestate  ceteros  antecellens  monarchiam  inter  suos  conderet.» 
E.  Ktempferi,  Amoenitatum  exoticarum  Fase.  II,  pag.  491. 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Kultur  den  Fischer-  und  Jägerfamilien,  welche  sich  allmählich  über  dieses  Inselreich 
verbreitet  hatten.  Als  höchst  wahrscheinlich  ist  anzunehmen,  dafs  die  Bevölkerung 
Japans  gröfstenteils  vom  Norden  der  grofsen  Insel  Nippon  ausging.  Die  Kultur  kam 
von  Süden,  von  der  Insel  Kiusiu;  Sikoku,  die  östliche  Insel,  blieb  am  längsten  im 
Zustande  der  Rohheit.  Zinmu  vereinigte  die  verschiedenen  Stämme  unter  seiner 
Herrschaft,  gab  ihnen  Gesetze,  läuterte  ihren  Kultus  und  stellte  Zeitrechnung,  Sitten  und 
Gebräuche  fest.  Die  Mythologie  der  Japaner,  wie  sie  noch  heutzutage  gelehrt  wird, 
gründete  sich  auf  das,  was  Zinmu  seinem  Volke  von  dessen  himmlischen  und  irdischen 
Voreltern  überlieferte;  der  Kami- (Sintö-)  Dienst,  so  wie  er  sich  noch  bis  jetzt  rein  am 
Hofe  der  Mikados,  der  Nachfolger  Zinmus,  erhalten  hat,  ist  durch  ihn  eingesetzt, 
— eine  Verschmelzung  der  Religionsbegriffe  der  Ahnen  dieses  Fürsten  mit  dem 
früheren  Kultus  seiner  Unterworfenen.  Viele  Sitten  und  Gebräuche,  welche  noch  jetzt 
in  Ehren  gehalten  werden,  weisen  auf  jene  ersten  Bewohner  hin  und  zeugen  von 
Einfalt,  Gutmütigkeit  und  Redlichkeit,  wie  wir  sie  noch  heute  bei  ihren  nördlichen, 
wenig  gesitteten  Nachbarn,  den  Ainos,  finden.  Der  gelehrte  Arai,  Fürst  von  Tsikugo, 
sagt:  '■(Ich  vergleiche  die  Aino  auf  Jezo  mit  unsern  Japanern  vor  Zinmu»  und 
v.  Krusenstern  schildert  uns  dieses  Volk  also:  «Einigkeit,  Stille,  Gutmütigkeit,  Bereit- 
willigkeit, Bescheidenheit,  alle  diese  wirklich  seltenen  Eigenschaften,  die  sie  keiner 
verfeinerten  Kultur  zu  verdanken  haben,  sondern  welche  nur  die  Gefühle  ihres  natür- 
lichen Charakters  sind,  veranlassen  mich,  die  Ainos  für  das  beste  von  allen  Völkern 
zu  halten,  die  ich  bis  jetzt  kenne.» 

Es  ist  schwer,  den  Standpunkt  der  Gesittung,  auf  welchem  Zinmu  bei  Stiftung 
seines  Reiches  stand  (660  v.  Chr.),  und  jenen,  auf  dem  sich  das  japanische  Volk  be- 
fand, als  es  zuerst  durch  Krieg  und  Friede  mit  seinen  Nachbarn,  den  Koreanern  und 


Chinesen,  bekannt  wurde  (von  der  Mitte  des  ersten  bis  zum  Anfang  des  dritten  Jahr- 
hunderts n.  Chr.),  nachzuweisen  und  zu  bestimmen. 

Mehrere  japanische  Gelehrte  sind  der  Meinung,  dafs  bereits  den  Voreltern  Zin- 
mus die  Schrift  bekannt  gewesen  sei  und  führen  bis  jetzt  erhaltene  Proben  davon 
an;  auch  schreiben  sie  diesen  viele  nützliche  Erfindungen,  sowie  Kenntnis  von  Hand- 
werken, Landbau  und  Landwirtschaft  zu.  Dessenungeachtet  erscheinen  die  Japaner 
den  Chinesen,  denen  sie  im  ersten  Jahrhundert  unserer  Zeitrechnung  bekannt 
wurden,  als  Barbaren.  Wir  wollen  uns  hier  nicht  in  die  Streitfrage  über  die 
alte  Zivilisation  Chinas  einlassen,  aber  soviel  dürfen  wir  annehmen,  dafs  die  Kultur 
von  China  um  mehr  als  zwei  Jahrtausende  der  von  Japan  vorausgegangen  ist.  Auch 
hatte  sich  schon  im  Jahre  1240  v.  Chr.  Geb.  auf  der  dem  südwestlichen  Teile  von 
Kiusiu  gegenüberliegenden  chinesischen  Küste,  an  der  Mündung  des  Hoang  ho,  ein 
aus  dem  Reiche  der  Mitte  entsprossenes  Kulturvolk  niedergelassen,  und  es  bestand 
bereits  im  Jahre  1119  v.  Chr.  im  Norden  von  Korea  ein  nach  chinesischem  Vor- 
bilde geordneter  Staat.  Es  ist  daher  höchst  wahrscheinlich,  dafs  Zinmus  Voreltern  vom 
festen  Lande  Asiens  stammen,  sei  es  von  China  oder  Korea,  die  entweder  absichtlich 
ausgewandert  oder  durch  Stürme  an  die  japanischen  Küsten  verschlagen  worden  waren. 
Die  südlichste  Insel,  das  jetzige  Kiusiu,  welches  zu  Zeiten  Zinmus  Tsukusi  hiefs,  war 
so  in  vorgeschichtlicher  Zeit  das  Asyl  schiffbrüchiger  Fremdlinge  geworden,  die  eine 
höhere  Gesittung  mitbrachten.  Aber  auch  nach  Zinmus  Eroberungszügen  und  der 
Auswanderung  seines  Stammes  aus  dem  Gebirge  Fakatsiho  in  Hiuga  auf  Tsukusi 
nach  seinem  neugegründeten  Reiche  in  Jamato  auf  Nippon  müssen,  wie  früher, 


4-  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats.  3Ö3 

solche  zufällige  Ansiedelungen  gesitteter  Völker  dort  stattgehabt  haben.  Die  Ge- 
schichte erwähnt  ihrer  nicht,  weil  die  im  Herzen  von  Nippon  herrschende  Mikado- 
Dynastie  in  den  ersten  Jahrhunderten  mit  den  südlichen  Ländern  keine  Verbindung 
unterhielt. 

Die  Hindu  und  Chinesen  wagen  im  Osten  der  alten  Welt,  wie  die  Griechen 
und  Römer  im  Westen,  die  Verbreiter  von  Sprache  und  Schrift,  Kunst  und  Wissen- 
schaft, Religion  und  Staatsformen.  Unter  der  Regierung  des  Mikado  Körei  tenwo  (290 
bis  315  v.  Chr.  Geb.)  und  des  chinesischen  Kaisers  Schi  huang  ti  (nach  japanischer 
Aussprache  Schi-no  Kotei)  aus  der  Dynastie  derTs’in,  soll  der  Chinese  Zjoluku(Siüfu)  nach 
Japan  gekommen  und  ein  Arzt  des  berühmten  Kaisers  von  China  gewesen  sein,  der  ihn 
zum  Aufsuchen  eines  Krautes  für  Unsterblichkeit  nach  Phung  lä  chan,  auf  Japanisch  Hora'i 
no  Kuni,  einer  der  drei  unzugänglichen  Geisterinseln,  ausgesendet  hatte.  Dieser  soll 
zuerst  fremde  Künste  und  Wissenschaften  nach  Japan  gebracht  haben;  die  Japaner 
verewigten  ihn  mit  göttlichen  Ehren  und  bauten  ihm  zu  Kumano  einen  Tempel. 
Diese  abenteuerliche  Sage  lassen  wir  dahingestellt;  dafs  übrigens  unter  der  Regierung 
des  chinesischen  Kaisers  Schi  huang  ti,  namentlich  in  den  Tagen  des  Unterganges 
der  Herrschaft  Ts’in,  chinesische  Flüchtlinge  als  Kolonisten  nach  Japan  und  zwar  nach 
Kumano  gekommen  sind,  beweist  die  unter  dem  erwähnten  Kaiser  gegossene  Münze 
Han-rio,  welche  man  häufig  zu  Kumano  ausgegraben  hat  und  noch  in  Sammlungen 
bewahrt.  Im  elften  Jahre  der  Regierung  des  Mikado  Sjuzin  (87  v.  Chr.  Geb.)  haben 
zahlreiche  Einwanderungen  vom  benachbarten  Korea  stattgehabt,  und  im  fünfund- 
sechzigsten Regierungsjahre  desselben  (33  Jahre  v.  Chr.)  kam  ein  Gesandter  aus 
Mimana1  (dies  ist  der  alte  Name  einer  Landschaft  in  Korea)  mit  kostbaren  Geschenken 
nach  Japan  und  hielt  sich  dort  mehrere  Jahre  auf.  Im  dritten  Regierungsjahre  des 
Mikado  Suinin  (27  v.  Chr.  Geb.)  kam  abermals  ein  Gesandter,  ein  Königssohn  Namens 
Amano  Hiboko  aus  Sinra,  gleichfalls  einer  Landschaft  in  Korea.  Unter  den  Geschenken, 
die  er  dem  Mikado  dargeboten,  werden  Spiegel,  Edelsteine,  Waffen  und  andere  Kost- 
barkeiten genannt.  Der  Prinz  blieb  und  liefs  sich  in  der  Landschaft  Tasima  nieder. 
Ein  Nachkomme  desselben,  Namens  Hiohiko,  überbrachte  dem  Mikado  (59  n.  Chr.) 
sogenannte  « Geisterschätze »,  welche  der  Prinz  aus  Sinra  mitgebracht  hatte.  Japanische 
Gelehrte  behaupten,  es  seien  die  Schriften  des  Confucius  gewesen. 

Aufser  dem  Abenteuer  von  Zjofuku  finden  sich  in  den  zwei  ersten  Jahrhunderten 
unserer  Zeitrechnung  wenige  Spuren  des  Verkehrs  mit  China  in  den  Geschichtsbüchern 
beider  Völker.  Im  siebenundfünfzigsten  Jahre  n.  Chr.  sollen  sich  Abgeordnete  dahin 
begeben  haben  und  im  einundsechzigsten  ein  gewisser  Tatsi  Mamori  nach  dem 
«Ewigen  Land»  gereist  sein,  um  die  wohlriechenden  Früchte  (vermutlich  Orangen)  zu 
holen,  und  im  Jahre  193  ein  Nachkomme  des  Kaisers  Schi  huang  ti  nach  Japan  ge- 
kommen sein.  Aber  auch  vom  Verkehre  mit  Korea,  vor  dem  ersten  koreanischen 
Kriege  finden  sich  aufser  den  obenerwähnten  Ereignissen  keine  Nachrichten.  Aus  der 
Veranlassung  dieses  Krieges  geht  jedoch  hervor,  dafs  nicht  nur  ein  Verkehr  mit  dieser 
Halbinsel,  nämlich  zwischen  Sinra  und  dem  damals  noch  freien  Volksstamme  der  Ku- 
maoso,  der  einen  grofsen  Teil  von  Kiusiu  inne  hatte,  sondern  auch  eine  beständige 
Aufwiegelung  und  Unterstützung  dieses  kriegerischen  Volksstammes  von  dort  her  statt- 

1 Mimana,  auf  koreanisch  Kara  oder  Imna.  Vergl.  Astons  Übersetzung  des  Nihongi,  Vol.  I, 
pag.  164.  Note  zur  2.  Auflage. 


364  Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

gehabt  hat.  Wenn  es  auch  keine  geistige  und  sittliche  Bildung  war,  welche  auf  diese 
Weise  die  noch  unabhängigen  Stämme  des  südlichen  Teiles  von  Japan  erhalten  haben,  so 
verschafften  sie  sich  doch  gewifs  von  dorther  manche  nützliche  Kenntnisse  und  An- 
nehmlichkeiten des  geselligen  Lebens.  Der  erste  Feldzug,  welchen  die  berühmte 
Heldin  Zingu  nach  Korea  unternommen  hat  (201  n.  Chr.),  und  die  beiden  folgenden 
(249  und  262)  trugen  viel  zur  Civilisation  der  Japaner  bei. 

Aber  in  der  Literaturgeschichte  von  Japan  ist  das  Jahr  284  und  285  verewigt. 
Im  fünfzehnten  Regierungsjahre  des  Mikado  Ozin  heifst  es:  «Der  König  von  Kudara1, 
koreanisch  Pekche  (eine  ehemalige  Landschaft  im  Südwesten  von  Korea),  sendet  seinen 
Sohn  Atogi  mit  Rossen  nach  Japan.  Atogi  legt  in  Japan  den  ersten  Grund  zur  Kennt- 
nis der  chinesischen  Schrift»,  und  im  sechzehnten  Jahre  liefst  man:  «Der  chinesische 
Philosoph  Wang  in  (oder  Wani)  kommt  aus  Kudara  an  den  japanischen  Hof  und 
erteilt  den  ersten  Unterricht  in  der  chinesischen  Literatur».  Beide  brachten  damals 
schon  Bücher  von  Confucius  und  seiner  Schule  mit. 

Der  Gelehrte  Wani  war  chinesischer  Abkunft  und  hatte  sich  erst  kurz  vorher 
in  Kudara  niedergelassen;  sein  Unterricht  hatte  sich  dort  nur  auf  den  engen  Kreis 
des  Hofes  beschränkt.  In  Japan  war  zwar  dasselbe  der  Fall,  aber  seine  Lehre  schlug 
hier  tiefere  Wurzeln,  und  die  Japaner  rühmen  sich  mit  Recht,  dafs,  wenn  sie  auch 
von  der  benachbarten  Halbinsel  her  den  ersten  litterarischen  Unterricht  erhalten,  hätten, 
derselbe  doch  sofort  allgemeiner  bei  ihnen  verbreitet  worden  sei  als  dort,  wo  die  Lehre 
des  Confucius  erst  in  der  zweiten  Hälfte  des  vierten  Jahrhunderts,  nur  ein  Jahrzehnt 
früher  als  das  Buddhatum,  eine  weitere  Verbreitung  erhielt.  Von  dieser  Zeit  an  fand 
ein  lebhafter  Verkehr  mit  Korea  statt,  wovon  mehrere  Landschaften  an  Japan  zinsbar 
waren.  Diese  Schutzherrschaft  der  Mikados  veranlafste  häufig  kriegerische  Expeditionen 
dahin,  welche  die  Erweiterung,  besonders  von  technischen  Kenntnissen  und  die  Über- 
siedelung von  Handwerkern  und  Künstlern  nach  Japan  zur  Folge  hatten.  Auch  aus  den 
nächstgelegenen  Landschaften  von  China  kamen  zahlreiche  Kolonisten  herüber  und  ver- 
pflanzten ihre  Sitten  und  Gebräuche  und  viele  nützliche  Erwerbszweige  auf  japanischen 
Boden.  Ihnen  verdankt  man  auch  die  Einführung  des  Seidenbaues  (463  n.  Chr.),  der 
dadurch,  dafs  man  die  chinesischen  Einwanderer  sich  ausschliefslich  damit  beschäftigen 
liefs  und  ihre  Abgaben  nur  in  Seide  erhob,  sehr  gefördert  wurde.  Um  das  Jahr  540 
zählte  man  im  japanischen  Reiche  7053  Familien  von  chinesischer  Herkunft.  Die 
Schutzherrschaft  über  einige  der  mächtigsten  Staaten  Koreas,  welche  beständig  unter- 
einander und  mit  den  angrenzenden  Ländern  in  Fehde  lagen,  trug  vieles  bei  zur  Er- 
haltung eines  kriegerischen  Geistes  und  zur  Ausbildung  in  der  Kriegskunst,  worin  die 
Japaner  ein  Jahrtausend  lang  allen  ihren  Nachbarn  überlegen  blieben.  Der  Verkehr 
mit  dem  Festlande  förderte  zugleich  die  Entwickelung  der  geistigen  und  sittlichen  Bildung. 
So  kam  unter  andern  im  Jahre  513  n.  Chr.  ein  Meister  der  klassischen  Literatur 
Chinas,  Namens  Tan-jo-dsi  aus  Kudara,  nach  Japan,  welcher  in  den  fünf  klassischen 
Büchern,  japanisch  Gokio,  besonders  bewandert  gewesen  sein  soll. 

Der  Buddhaismus,  dieser  aus  Indien  stammende  Gottesdienst,  hatte  sich  bereits 
im  ersten  Jahrhunderte  unserer  Zeitrechnung  nach  China  (58 — 75)  und  von  da  nach 
Korea  (372)  verbreitet.  Von  hier  und  zwar  aus  Kudara  wanderte  er  (552)  nach 


1 Nach  dem  Kojiki  fand  dieses  Ereignis  anno  domini  367—375  statt,  und  wird  der  Prinz 
Atsikisi  genannt.  Note  zur  2.  Auflage. 


4-  Geschichte  d,  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats.  ^65 


Japan.  Der  Brief  des  Königs  von  Kudara,  womit  er  die  Übersendung  einer  ehernen 
Statue  des  Sjaka  Buddha;  eines  Baldachins  und  religiöser  Bücher  an  den  Hof  des 
Mikado  Kinmei  begleitet  hat,  und  der  wahrscheinlich  von  einem  Hohepriester  ge- 
schrieben war,  mag  als  eine  günstige  Empfehlung  der  Lehre  Buddhas,  so  wie  diese 
anfänglich  in  ihrer  Reinheit  auftrat,  hier  eine  geeignete  Stelle  finden:  «Diese  Lehre 
ist  die  beste  von  allen;  was  selbst  einem  Confucius  Rätsel  und  Geheimnis  war,  wird 
durch  sie  geoffenbart.  Sie  verschafft  uns  Glückseligkeit  und  Vergeltung  ohne  Mafs 
und  ohne  Grenze  und  machte  uns  endlich  zu  einem  unübertrefflichen  Boddhi.  Sie  ist, 
um  ein  Gleichnis  zu  gebrauchen,  ein  Schatz,  der  alles,  wonach  das  menschliche  Herz 
trachtet,  in  sich  fafst  und  alles,  was  uns  zum  Heile  gereicht,  leistet.  Und  da  sie  zu- 
gleich der  Natur  unserer  Seele  sich  so  ganz  anschmiegt,  so  hat  diese  wunderbare 
Lehre  doppelten  Wert.  Betet  oder  machet  Gelübde,  je  nach  der  Stimmung  des  Ge- 
mütes, es  wird  euch  an  nichts  mangeln.  — Die  Lehre  kam  zu  uns  aus  dem  fernen 
Indien.  Der  König  von  Kudara  teilt  sie  dem  Reiche  des  Mikados  mit,  auf  dafs  sie 
verbreitet  und  somit  erfüllt  werde,  was  in  den  Büchern  Buddhas  geschrieben  steht: 
„Meine  Lehre  wird  sich  gegen  Osten  verbreiten“.» 

Zwar  erklärte  sich  der  Mikado,  obgleich  er  selbst  der  persönliche  Vertreter  des 
Kamidienstes  und  auch  der  chinesischen  Literatur  und  der  Moraltheologie  des  Con- 
fucius nicht  abgeneigt  war,  nicht  gegen  den  fremden  Gottesdienst.  «Es  ist  recht  und 
billig  (sagte  er)  zu  gewähren,  was  der  Mensch  im  Herzen  hegt  und  sich  wünscht;  lafst 
daher  Iname  (einer  seiner  Minister)  das  Bild  verehren».  Andere  Reichsgrofsen  befürch- 
teten aber  durch  die  Verehrung  eines  fremden  Kami  die  einheimischen  zu  erzürnen. 
Bald  brach  auch  eine  Seuche  aus,  und  die  dem  Buddhabilde,  von  Iname  errichtete 
Kapelle  ward  in  Asche  gelegt  und  die  Statue  in  den  Llufs  geworfen.  Erst  nach 
seinem  zweiten  Auftreten  (584)  fafste  das  Buddhatum  festen  Lufs.  Unter  der  Kaiserin 
Suiko  (593 — 628)  — hatte  der  neue  Glaube  schon  einen  so  grofsen  Anhang  ge- 
funden, dafs  es  46  buddhistische  Tempel,  816  Mönche  und  566  Nonnen  im 
Reiche  gab. 

Mönche  und  Nonnen  kamen  und  mit  ihnen  Handwerker  und  Künstler  aller 
Art  von  Korea  herüber,  und  unter  dem  Schutze  dieses  Gottesdienstes  breiteten 
sich  Künste  und  Wissenschaften  im  Reiche  aus.  Ls  fand  von  nun  an  auch  ein 
lebhafter  Verkehr  mit  China  statt  und  japanische  Priester  begaben  sich  häufig 
dahin  und  sogar  bis  nach  Indien,  zur  gründlichen  Erforschung  und  Erlernung 
der  Buddhalehre,  der  heiligen  Schrift  und  Sprache.  Handwerker,  Künstler  und  Ärzte 
begleiteten  sie,  um  sich  in  der  Lremde  auszubilden.  Bereits  im  Jahre  720  wurde  am 
Hofe  des  Mikado  eine  Reichschronik , das  denkwürdige  Geschichtsbuch  Nipponki, 
veröffentlicht.  Ebenso  war  früher,  71 1,  das  Buch  der  Annalen,  Kosiki,  erschienen 
und  im  Jahre  718  das  Buch  Lu  do  ki  (Taikö  ritzu  yö),  eine  Topographie,  Naturge- 
schichte und  Sagensammlung  jeder  Landschaft,  verfafst  worden.  Auch  war  eine 
Receptensammlung  in  100  Bänden  bekannt  gemacht  worden  (808). 

Die  Dichtkunst  kam  bereits  unter  der  Regierung  der  Mikados  Tentsi  und 
Tenmu  (662  — 686)  in  Aufnahme,  nämlich  die  chinesichen  Gedichte,  auch  unter- 
hielt man  sich  am  Hofe  (Dairi)  mit  Reimgedichten.  Die  Jahrbücher  sprechen 
häufig  von  Versammlungen  von  Dichtern  und  Dichterinnen  in  Dairi,  und  bereits  im 
Jahre  827  wurde  eine  Liedersammlung  (Kei  koku  sju)  in  20  Bänden  vollendet.  Proben 
der  Poesie  von  hundert  Dichtern  und  Dichterinnen,  worunter  solche  von  Mikados, 


^66  Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

ihren  'Gemahlinnen,  von  Prinzen  und  Hofleuten  und  auch  von  Priestern  prangen, 
finden  sich  im  Buche  von  hundert  Dichtern  (Hjaku  ninsju.)  verewigt. 

Man  befleifsigte  sich  immer  mehr  und  mehr  des  Studiums  der  chinesischen  Schrift 
und  Litteratur.  Aber  sowohl  die  buddhistischen  Geistlichen,  in  deren  Hcänden  sich 
grölstenteils  die  Wissenschaften  befanden,  als  auch  andere  strebsame  Männer  fühlten 
das  Bedürfnis  einer  Schrift  für  die  in  vielsilbigen  Wörtern  und  freier  Wortfügung  sich 
bewegende  japanische  Sprache.  Anfänglich  bediente  man  sich  der  chinesischen  Schrift- 
zeichen, um  damit,  wie  in  China,  ganze  Wörter  zu  bezeichnen,  welche  man  in  dem 
chinesischen  Han-Dialekte  (Kwan  won)  aussprach.  Hierauf  suchte  man  eine  gewisse 
Anzahl  solcher  chinesischen  Zeichen  aus  der  Menge  heraus,  um  damit  die  in  den  viel- 
silbigen japanischen  Wörtern  vorkommenden  Laute  zu  bezeichnen,  und  setzte  in  Nach- 
ahmung des  Dewanagari,  der  alten  indischen  Schrift,  ein  Syllabarium  von  47  Buch- 
staben zusammen,  womit  man  die  silbenreichen  japanischen  Wörter  schrieb,  wahr- 
scheinlich auch  die  Laute  buddhistischer  Gebete  und  Götternamen  bezeichnete.  Für 
jede  Silbe  des  Wortes  ward  so  ein  chinesisches  Schrift-  oder  Wortzeichen  verwendet, 
was  das  Lesen  und  Schreiben  sehr  erschwerte.  Zwei  Gelehrten,  Kibi  und  Kobo  ver- 
dankt man  eine  Abkürzung  dieser  Lautschrift;  der  erstere  (f  175)  stellte  die  Syllabar- 
schrift  Katakana,  der  letztere  (lebte  774 — 835)  das  sogenannte  Hirakana  zusammen. 
Durch  diese  leichte  und  bis  jetzt  unverändert  gebliebene  Silbenschrift  hat  sich  die  alte 
japanische  Sprache  rein  und  zugleich  mit  ihr  eine  reiche  Litteratur  erhalten.  Auch  be- 
zeichnete und  erklärte  man  damit  die  Aussprache  der  chinesischen  Schriftzeichen. 

Wir  führen  diese  aus  den  Jahrbüchern  des  achten  und  neunten  Jahrhunderts 
entlehnten  Einzelheiten  der  Fortschritte,  welche  schon  um  diese  Zeit  die  unter  dem 
Geleite  der  Religion  aus  dem  benachbarten  Festlande  nach  Japan  eingewanderten 
Wissenschaften  gemacht  hatten,  absichtlich  an,  damit  sie  als  Mafsgabe  des  damaligen 
Kulturzustandes  im  allgemeinen  dienen  können.  Zwar  trug  der  aus  der  Fremde  ge- 
kommene Samen  am  Hofe  der  Mikados,  auf  einem  seit  mehr  als  einem  Jahrtausend 
veredelten  Boden,  die  besten  Früchte;  aber  auch  durch  das  ganze  Reich  hindurch,  in 
den  immer  zunehmenden  Tempeln  der  Buddhapriester  und  der  Diener  des  Kami- 
dienstes1  ausgestreut  und  von  den  sich  gleichfalls  mehrenden  Anhängern  der  Schule 
des  Confucius  sorgfältig  gepflegt,  gedieh  derselbe  und  pflanzte  sich  mit  unzerstörbarer 
Lebenskraft  beim  Volke  fort.  Künste  und  Wissenschaften  waren  Arm  in  Arm  mit 
ihren  älteren  Brüdern,  dem  Gewerbfleifse  und  religiösen  Sinne,  eingewandert,  und  diese 
bahnten  ihnen  den  Weg  nach  den  sich  allmählich  erweiternden  Kreisen  des  geselligen 
Lebens,  wo  sie  Wifsbegierde,  Bedürfnis  und  Bequemlichkeit  gleich  willkommen  hiefsen. 
Landbau  und  Landwirtschaft  hatten  mittlerweile  die  früher  wandernden  Jäger  und  Fischer 
an  bleibenden  Wohnsitzen  sefshaft  gemacht,  und  die  von  der  Mitte  des  achten  bis 
neunten  Jahrhunderts  im  eigenen  Lande  entdeckten  edlen  Metalle  den  beschwerlichen 
Tauschhandel  erleichtert.  So  waren  aber  auch  die  mächtigsten  Elemente  geschaffen 
zur  Aufregung  menschlicher  Leidenschaften ; und  wTenn  schon  bis  dahin  die  Macht  der 
Mikados  kaum  hinreichte,  die  meuterischen  Volksstämme  des  Südens  im  Zaume  zu  halten, 
die  wilden  Völker  des  Nordens  zu  bändigen  und  die  Oberherrschaft  über  die  Halb- 
insel Korea  zu  behaupten,  jetzt  hatten  diese  im  Herzen  des  Reiches  noch  einen  ge- 
fährlicheren Feind  zu  bekämpfen,  — die  Religion  und  die  Volkskultur,  die  jetzt  nicht 


1 Unter  Kamidienst  ist  hier,  wie  sonst  überall,  die  Sintoreligion  gemeint. 


4-  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats. 


blofs  von  fanatischen,  sondern  auch  herrschsüchtigen  buddhistischen  Priestern  zu  ihren 
Zwecken  mifsbraucht  wurden.  Bereits  im  Jahre  806  zählte  man  neun  verschiedene 
Sekten  des  Buddhaismus  in  Japan,  und  das  Bauen  von  Klöstern  und  Tempeln  hatte 
so  überhand  genommen,  dafs  der  Mikado  Kwanmu  schon  im  Jahre  783  ein  Verbot 
dagegen  hatte  ergehen  lassen. 

Anfänglich  hatte  die  Einführung  des  Buddhismus  beim  Volke  und  am  Elofe  des 
Mikado  heftige  Widersacher  gefunden.  Mönchsschlauheit  wufste  diese  jedoch  durch 
Überredung  zu  besiegen  und  selbst  einen  Prinzen  ans  der  Herrscherreihe  der  ver- 
götterten Kami,  Sjötoku  Daizi,  für  sich  zu  gewinnen  und  als  Hohepriester  des 
Buddhadienstes  einzusetzen.  Darauf  wufsten  sie  die  Mikados  zu  bewegen,  ihre  Kinder 
zu  Vorstehern  grofser  Tempel  und  Klöster  zu  ernennen  und  den  höchsten  buddhis- 
tischen Titel  Howö,  d.  i.  Fürst  des  Gesetzes  einzuführen. 

Wunder,  Götter-  und  Geistererscheinungen,  göttliche  Eingebungen  und  Traum- 
gesichte mancherlei  Art  waren  an  der  Tagesordnung  ; die  im  Sintö  so  hochgeschätzten 
göttlichen  und  vergötterten  Ahnen,  die  alten  Kamis,  kamen  bald  hier  bald  dort  in 
buddhistischen  Tempeln,  unter  der  Hülle  indischer  Gottheiten  zum  Vorschein,  während 
indische  Götter,  in  Japan  wiedergeboren,  in  den  Personen  lebender  Regenten,  Helden 
und  anderer  grofser  Männer  auftraten.  Die  Schlauheit  dieser  Mönche  ging  so  weit,  dafs 
sie  vorgaben,  die  japanische  Sonnengottheit,  Tensjöko-Daizin,  die  höchste  im 
Kamidienste,  unter  der  Maske  eines  indischen  Gottes  in  China  angetroffen  zu  haben, 
wo  sie  erschienen  sei,  um  feindliche  Anschläge  von  ihrem  Schutzlande  Japan  abzu- 
wenden. Sie  zeigten  selbst  das  Bild  der  in  China  auferstandenen  Sonnengöttin  vor 
und  suchten  darum  nach,  derselben  einen  Tempel  in  Japan  zu  bauen.  Auch  waren 
es  buddhistische  Mönche,  welche  einige  Jahrhunderte  später  den  Palast  des  Mikado 
in  Brand  steckten,  als  dieser  ihre  Wünsche  nicht  befriedigte  oder  ihren  unersättlichen 
Ehrgeiz  nicht  genügend  nährte;  und  dieser  ging  so  weit,  dafs  manche  Hohepriester 
sich  auch  den  Titel  Howö  anmafsten. 

Wir  mufsten  hier  dieses  unvorteilhalte  Bild  von  den  Verbreitern  der  religiösen  und 
geistigen  Gesittung  in  Japan  entwerfen,  damit  sich  der  Leser  den  Einflufs,  welchen  sie 
jahrhundertelang  auf  die  politischen  Ereignisse  ausübten,  und  den  thätigen  Anteil,  den 
sie  an  der  Umwälzung  der  ursprünglichen  Staatseinrichtung  der  Mikadoherrschaft  und 
jedesmal  bei  dem  Sturze  der  Dynastien  der  Sjöguns  - — der  Usurpatoren  der  Ober- 
herrschaft — genommen  haben,  leichter  erklären  kann.  Wir  wollen  es  aber  auch 
versuchen,  ein  Bild  aufzustellen  von  dem  Kulturzustande  selbst,  in  welchem  sich  das 
japanische  Volk  gegen  das  Ende  des  zehnten  Jahrhunderts  befand,  wo  die  Mikado- 
herrschaft zu  wanken  begann,  und  wenn  auch  noch  kein  Verfall  der  Wissenschaft, 
wohl  aber  eine  Beschränkung  derselben  auf  engere  Kreise  und  eine  Hemmung  ihrer 
allgemeinen  Verbreitung  stattfand.  Die  religiöse  Aufklärung  des  Volkes  befand 
sich  trotz  der  Bemühungen  der  Buddhisten  noch  unter  dem  Einflufs  des  alten  Geister- 
dienstes (Sintö).  Dagegen  erblickt  man  schon,  wenn  auch  nur  in  leichten  Umrissen, 
die  guten  Eindrücke,  welche  die  Lehre  des  Confucius  auf  die  sittliche  Bildung  des 
Volkes  gemacht  hatte.  Wenn  auch  damals  noch  nicht  die  Worte  des  Weltweisen 
zum  gemeinen  Volke  dringen  konnten,  so  war  es  das  Beispiel  seiner  sich  im  ganzen 
Lande  verbreitenden  Schüler,  welches  seinen  wohlthätigen  Einflufs  auf  das  Volk 
ausübte,  in  dessen  Mitte  jetzt  diese,  gleich  wie  früher  ihr  grofser  Meister  an  den 
entsitteten  Höfen  der  Fürsten  verweilten. 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


368 

Das  Reich  war  bereits  im  Jahre  828  in  Landschaften  und  Kreise  eingeteilt, 
Strafsen,  Kanäle,  Brücken,  Grenzwehren  und  Schlösser  für  den  Verkehr  und  zur  all- 
gemeinen Sicherheit  gebaut  (802),  öffentliche  Magazine,  Hospitäler  und  Apotheken 
zum  Besten  des  Volkes  errichtet  worden.  (730,  825). 

Der  Hof  der  Mikados  bestand  schon  mit  seinen  Würdenträgern  und  Staats- 
beamten, wie  sie  noch  heutzutage  im  Staatskalender  figurieren;  es  waren  Statthalter 
in  den  acht  Kreisen  eingesetzt,  Gerichtshöfe,  Gesetzbücher,  Strafenordnung  eingeführt. 
Ebenso  Familien-  und  Geschlechtsnamen  (684),  Titel,  Rangstufen  (730),  Hofcere- 
monien  (804),  Kleiderordnung  für  Staatsdiener  (805)  und  für  Frauen  (719).  Die 
Jugend  jedes  Standes  wurde  durch  ein  Gesetz  zum  Schulbesuch  angehalten  (806), 
Sittenmeister,  Examinatoren  (728)  angestellt. 

Schrift  und  Literatur  waren  allgemein  verbreitet,  aber  noch  nicht  Eigentum  des 
Volkes  geworden.  Es  gab  Lehrer  der  chinesischen  Literatur  (845),  astronomische 
Bücher  und  Kalender  waren  schon  seit  602  aus  Korea  herübergebracht,  und  die  in 
China  gebräuchlichen  Kalender  allenthalben  eingeführt  (861);  ebenso  Münzen  und 
Mafse.  Den  Kompafs  kannte  man  bereits  543  und  Wasseruhren  660;  auch  Wasser- 
und  Getreidemühlen.  Die  kriegerische  Ausbildung  hatte  während  der  beständigen 
Kriegszüge  nach  Korea  gute  Fortschritte  gemacht;  Bogenschiefsen  (677),  Ringen, 
Falkenjagd  (355),  Pferderennen  (924)  fanden  als  ritterliche  Vergnügungen  statt. 

Die  fortwährenden  Feldzüge  gegen  die  noch  rohen  Urstämme  im  Norden  und 
gegen  die  südlichen  und  westlichen  Völker,  die  beständig  durch  zahlreiche  Einwan- 
derer von  der  benachbarten  koreanischen  Halbinsel  aufgewiegelt  wurden,  und  häufige 
andere,  innere  Unruhen,  wie  auch  Seezüge  gegen  die  Seeräuber,  welche  von  813  bis 
1019  auf  der  Süd-  und  Westküste  hausten,  waren  eine  tüchtige  Schule  der  Kriegs- 
kunst, worin  sich  selbst  Kami-  und  Buddhapriester  übten. 

Die  bildenden  Künste,  Baukunst,  Bildhauerei,  Malerei,  vervollkommneten  sich  als 
unentbehrliche  Hülfsmittel  sinnbildlicher  Ausschmückung  von  Kami-  und  Buddhatempeln 
und  der  nach  ähnlichem  Stile  erbauten  Paläste  der  Mikados  und  anderer  Reichsgrofsen ; 
gleiche  Fortschritte  machte  auch  die  Musik.  Die  Tonkunst,  durch  deren  Macht  einst 
die  in  einer  Höhle  verborgene  Sonnengöttin  von  ihren  Priesterinnen  hervorgelockt 
wurde,  blieb  eine  treue  Gefährtin  des  alten  Kamidienstes  und  ward  eine  thätige  Ge- 
hülfin  bei  buddhistischen  Feierlichkeiten  und  Festen.  Sitten  und  Gebräuche,  diese 
edlen  Herrscher  im  Kreise  des  geselligen  Lebens,  waren  meistens  noch  im  einfachen 
Gewände  des  alten  Kamidienstes  gekleidet.  Am  Hofe  des  Mikado  waren  bereits  durch 
den  Einflufs  des  Sjötoku  Daizi,  des  ersten  buddhistischen  Patriarchen  (siehe  oben), 
im  Hofceremoniel  und  mit  den  Staatsbeamten,  wahrscheinlich  im  Interesse  des  Buddhis- 
mus, Änderungen  vorgenommen  worden.  Seit  757,  wo  die  Lektüre  des  Kö-kio,  der 
Bücher  des  Confucius  durchs  ganze  Reich  anbefohlen  wurde,  fand  am  Hofe  wie  beim 
Volke,  zur  Seite  der  strengen  Beobachtung  der  Sitten  und  Gebräuche  des  Kamidienstes 
einiges  aus  dem  Ritual  des  alten  Reiches  der  Mitte  Zutritt.  Auch  hatten  dort  die 
buddhistischen  Priester,  welche  sich  allmählich  den  Weg  nach  dem  Hofe  bis  in  die 
nächste  Umgebung  des  Mikado  zu  bahnen  wufsten,  wo  einer  Namens  Dökiö  sogar 
auf  kurze  Zeit  erster  Minister  (765 — 786),  andere  unentbehrliche  Mitglieder  des  Dichter- 
kränzchens und  der  wissenschaftlichen  und  artistischen  Vereine  daselbst  geworden  waren, 
einige  ihren  Zwecken  zusagende  Gebräuche  eingeführt. 


4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjögunats.  ^69 

Volksfeste  und  Feierzüge  zu  Ehren  der  Kamis,  als  Schutzpatronen  von  heiligen 
Orten,  von  Landschaften  und  des  ganzen  Reiches  Nippon,  waren  im  zehnten  Jahr- 
hundert schon  allgemein  und  wurden  mit  vielem  Aufwande  und  Gepränge  begangen. 
Sie  waren  Triumphzüge  der  Priester  des  alten  Kamidienstes,  der  damals,  wie  noch 
heutzutage,  trotz  der  Remonstrationen  der  gesamten  buddhistischen  Geistlichkeit,  der 
herrschende  Volksgottesdienst  war.  Solche  religiöse  Volksfeste,  welche  sich  durch 
feierliche  Aufzüge  auszeichneten,  erhielten  das  Andenken  an  alte  Sitten  und  Trachten 
und  waren  gleichsam  die  Probeakte  der  dramatischen  Dichtkunst,  die  Schule  natio- 
naler Begeisterung  für  die  Jugend , die  dabei  eine  Hauptrolle  spielte.  Und 
so  sind  sie  es  noch  heute.  Ähnliche  Feste  und  Feierzüge  wurden  auch  von  den 
Buddhapriestern  angestellt  und  gingen  mit  noch  gröfserer  Pracht  und  Sinnestäuschung 
von  den  berühmten  Tempeln  aus,  und  um  das  Volk  dabei  zu  gewinnen,  hatte  man  eine 
neue  buddhistische  Sekte  gestiftet  — die  des  Riobu  Sintö  — des  zweischulterigen  Kami- 
dienstes, wo  man  Kamis  als  wiedergeborene  indische  Gottheiten  anerkannte  und  in 
Buddhatempeln  zur  Verehrung  aufstellte. 

Der  Sinn  für  chinesische  Literatur  nahm  immer  mehr  zu,  und  das  Studium  der 
Moralphilosophie  des  Confucius  wurde  allgemein  gepflegt,  seitdem  dasselbe  vom  Mi- 
kado selbst  anempfohlen  (757)  und  beinahe  gleichzeitig  der  grenzenlosen  Ausbreitung 
des  Mönchswesens  Schranken  gesetzt  worden  war  (783).  Der  fremde,  auf  dem 
fruchtbaren  Boden  des  allmählich  organisierten  Reiches  ausgestreute  Samen  trug  nicht 
nur  reichliche,  sondern  auch  veredelte  Früchte.  Es  entstand  eine  Nationalliteratur,  die 
Schöpferin  und  Verbreiterin  der  Wissenschaft.  Im  Reiche  Nippon  — dem  Sonnen- 
aufgangslande — begann  es  zu  tagen,  als  mit  einem  Male  durch  ein  Gesetz,  welches 
mit  Ausnahme  der  Priester  allen  Eingebornen  das  Studium  der  chinesischen  Literatur 
untersagte,  dem  Fortschritte  der  Volksbildung  eine  Grenze  gesetzt  wurde.  Es  war  dies 
das  Werk  der  buddhistischen  Mönche;  denn  auch  diese  bewahrten  sorgfältig  die 
Wissenschaften,  doch  nur  für  sich,  während  sie  das  gemeine  Volk  zur  Unwissenheit 
verdammt  wissen  wollten. 

Der  freundschaftliche  Verkehr  mit  Korea  verminderte  sich  durch  häufige  Kriege 
und  ward  endlich  ganz  unterbrochen.  Die  kriegerischen  Expeditionen  nach  der 
Halbinsel,  wobei  geistige  und  körperliche  Gewandtheit  zu  statten  kam,  verwandelten 
sich  in  Kämpfe  gegen  Land-  und  Seeräuber;  unruhigen  und  ehrgeizigen  Köpfen 
war  der  Weg  zu  Abenteuern  in  die  Fremde  abgeschlossen  und  den  Mikados  die 
Gelegenheit  benommen,  solche  auf  eine  ehrenvolle  Weise  des  Landes  zu  ver- 
weisen. Innere  Unruhen  w7aren  eine  natürliche  Folge  davon,  aber  diese  und  sogar 
Umwälzungen  des  Staatsgebäudes  waren  auch  unvermeidlich  bei  der  immer  mehr 
zunehmenden  Macht  des  Buddhismus,.  wreil  mit  dessen  Satzungen  die  alte  Gesetz- 
gebung im  Widerspruche  stand  und  dessen  Priester  und  Laien,  wie  die  Geschichts- 
bücher bezeugen,  von  1038  an  mit  Feuer  und  Schwert  den  Weg  zu  einer  Priester- 
herrschaft zu  bahnen  suchten. 

Diese  geschichtliche  Übersicht  des  Beginns  und  des  Fortschrittes  der  Kultur 
Japans,  von  der  Begründung  des  Mikadoreiches  bis  zum  Anfänge  des  zwölften  Jahr- 
hunderts, glaubten  wir  ausführlicher  entwerfen  zu  müssen,  da  die  Ereignisse,  welche 
von  dieser  Zeit  an  den  Verfall  der  Mikadoherrschaft  herbeiführen,  unverkennbar  die 
Folge  fremder,  auf  japanischen  Boden  verpflanzter  Ideen  gewesen  sind.  Die  Verbreiter 
waren  die  Buddhapriester,  welche,  wo  nicht  nach  der  obersten  Staatsgewalt  selbst,  doch 

v.  Sieb  old,  Nippon  I.  2.  Aufl.  24 


370 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

wenigstens  nach  einer  unumschränkten  Herrschaft  ihrer  Kirche  strebten.  Im  Volks- 
glauben wurden  verheerende  Seuchen,  die  zufällig  auftraten,  als  Folgen  der  Einführung 
dieses  indischen  Gottesdienstes  empfunden,  so  dafs  man  die  kaum  errichteten  Buddha- 
tempel wiederum  in  Asche  legte  und  die  fremden  Götterbilder  ins  Wasser  warf  (585). 
Aber  schon  einige  Jahre  später  wagte  es  ein  Minister,  Murnako,  die  Erbauung  eines 
Buddhatempels,  dem  er  den  Hamen  Höhiösi,  d.  i.  Tempel  der  Ausbreitung  des 
Gesetzes,  gab,  dadurch  zu  stände  zu  bringen,  dafs  er  den  Mikado  meuchlings  aus  dem 
Wege  räumte.  Und  doch  bestand  noch  ein  halbes  Jahrtausend  später  die  alte  Herrscher- 
dynastie, der  Gottesstaat  der  Mikado’s,  zur  Seite  einer  neuen  Religion,  deren  Satzungen 
weit  über  die  Fabelsagen  eines  Naturkultus  erhaben  waren  und  deren  Glaubensboten 
aus  dem  reichen  Borne  der  alten  Gesittung  von  Indien  und  China  geschöpft  hatten. 
Wir  sehen  hier  das  japanische  Volk  bereits  auf  einem  Standpunkt  angelangt,  wo  es 
sich  seiner  Volkstümlichkeit  vollständig  bewufst  war  und  sich  kräftig  genug  fühlte,  für 
eine  Partei  zu  kämpfen,  deren  Lehren  seinen  eigenen  Ansichten  am  meisten  zusagten, 
aber  auch  bei  seiner  Einfalt  des  Herzens  mit  gleicher  Begeisterung  sich  teils  der  alten, 
teils  der  neuen  Glaubenslehre  zuwandte,  je  nachdem  es  deren  Vorkämpfern  glücken 
mochte,  dasselbe  für  sich  und  ihre  Ideen  zu  gewinnen. 

Es  war  ein  Kampf,  der  mehrere  Jahrhunderte  währte  und  bei  dessen  Beendigung 
auch  christliche  Elemente  mitkämpften.  In  diesem  Kampfe  unterlag  das  Buddhatum 
insofern,  dafs  es  allen  politischen  Einflufs  verlor,  aber  es  siegte  über  den  alten  Kami- 
dienst,  indem  seine  Sekten  vom  Usurpator  der  Mikadoherrschaft  als  Staatsreligion  an- 
erkannt wurden.  Bei  den  höheren  Volksklassen  errang  es  sich  kein  Ansehen,  bei  den 
niederen  hingegen  zählte  es  zahlreiche  Anhänger.  «Der  Buddhadienst  hat  in  Japan  wie 
in  China  die  lebendige  Strömung  verloren  und  ist  in  trüber  Mischung  mit  fremden 
Elementen  versumpft  und  zum  mechanischen  Formelwesen  herabgesunken.» 

Die  Lehre  des  Confucius  dagegen  pflanzte  sich  stets  tiefer  wurzelnd  auf  einem 
neutralen  Boden  fort  und  hat  bei  der  siegenden  Partei  eine  bleibende  Freistätte  ge- 
funden und  seit  einem  zweihundertjährigen  Frieden  ihr  Ansehen  erhalten.  Sie  ist  die 
Religion  der  gebildeten  Volksklassen,  gleichwie  in  China  die  Staatsreligion  geworden. 
Während  des  Kampfes,  der  nur  ein  Ringen  nach  Oberherrschaft  war,  und  wo  sich, 
ohne  die  alte  Theokratie  der  Mikados  umzuwerfen  und  zu  vernichten,  keine  absolute 
Alleinherrschaft  errichten  liefs,  treten  in  Zwischenräumen,  wo  der  Umsturz  der  einen 
oder  andern  Dynastie  der  Sjöguns  (der  Obergeneräle)  versucht  wurde,  Heer- 
könige auf,  die  durch  Macht,  Talent  und  Kriegsglück  begünstigt,  die  bestehenden  Sjögun- 
dynastien  stürzten  und  die  Stifter  von  neuen  wurden.  Aus  einem  solchen  Heerkönig- 
tum, das  in  der  Waffengenossenschaft  ein  mehr  selbständiges  Leben  gestattete,  hat 
sich  auch  das  Feudalsystem,  welches  mit  dem  Eroberungszuge  Zinmus,  der  eigent- 
lich auch  ein  Heerkönig  war,  schon  seinen  Ursprung  gefunden  hatte,  vollkommen 
entwickelt. 

Dieses  Feudalsystem  hat  sich  aber  unter  einer  Regierungsform  ausgebildet,  für 
welche  in  der  Jetztzeit  kein  Beispiel  besteht,  womit  man  dieselbe  vergleichen  könnte. 
Ursprünglich  war  nämlich  die  Regierungsform  des  von  Zinmu  begründeten  Mikado- 
reiches eine  theokratische.  Es  unterscheidet  sich  aber  die  Theokratie  des  Mikado  von 
jener  anderer  alter  Völker,  die  sich  aus  einer  patriarchalischen  Staatsform  entwickelt  hat, 
«wobei  die  der  Patriarchie  innewohnende  Idee  der  väterlichen  Gerechtigkeit  und  Liebe 
auf  den  ewig  waltenden,  persönlich  gedachten  Nationalgott  übertragen  wird,  zu  dem 


4-  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats.  371 

das  Gesamtvolk  im  Verhältnis  der  Kindschaft  steht  und  dessen  Willen  und  Gebote  das 
Staatsoberhaupt  zu  vollziehen  hat».  Auf  einem  solchen  Grunde  ruhte  der  japanische 
Gottesstaat  nicht,  sondern  auf  dem  Boden  von  Mythen,  welche  die  Beherrscher  der 
Menschen,  die  Mikados,  von  Erdengöttern  (Dsi-zin),  und  diese  von  Himmelsgöttern 
(Ten-zin)  abstammen  lassen  und  wobei  diese  Sagen  zum  Volksglauben  gestempelt 
wurden,  indem  die  Herrscher  sich  Suberage,  d.  i.  der  Göttliche , auch  später  in 
chinesischer  Nachahmung  Himmelssohn  (Tenzi)  oder  Himmelskönig  (Tenwö)  nannten 
und  daher  auch  beim  Volke  bei  Lebzeiten  göttlich  verehrt  und  nach  dem  Tode  als 
Kami, Volk  und  Land  beschirmende  himmlische  Geister  angebetet  werden.  Sie  waren  auch 
zugleich  die  höchsten  Würdenträger  des  von  ihren  göttlichen  Ahnen  ererbten  Geister- 
dienstes, zu  denen  sie  nach  dem  Tode  als  vergötterte  Könige  der  Menschen  (Nin  wö) 
wieder  zurückkehren.  ZinmuTenwo,  der  «göttliche  Krieger der  «Himmelsfürst»,  hatte 
mit  seinen  tapfersten  Stammesverwandten  oder  Bundesgenossen  einen  Eroberungszug 
nach  dem  Osten  unternommen  und  sich  zum  Herrscher  über  die  unterjochten  Volks- 
stämme aufgeworfen  mit  unumschränkter  Gewalt  und  dem  Rechte  der  Erblichkeit.  Als 
unbeschränkt  läfst  sich  die  Alleinherrschaft  der  Mikados  insofern  bezeichnen,  dafs  sie 
als  Himmelssöhne  (Tenzi)  im  Auge  des  Volkes  als  auserwählte  Vertreter  der 
höchsten  göttlichen  Macht  erschienen.  Aber  das  Recht  der  Erblichkeit  gründete 
sich  nicht  auf  die  Erstgeburt;  Zinmu’s  fünfter  Sohn  folgte  in  der  Regierung.  «Die 
Vorzüge  seines  Herzens  und  Geistes  (so  liest  man  im  Wanenkei),  seine  kriegerischen 
Talente  hatten  seinen  Vater  bestimmt,  ihm  bereits  in  einem  Alter  von  14  Jahren  die 
Thronfolge  zuzuerkennen.»  In  der  ersten  Periode  der  Mikadoherrschaft  von  Zinmu 
bis  zum  ersten  koreanischen  Kriege  (660  v.  Chr.  bis  201  n.  Chr.)  findet  sich  unter 
13  Mikados  auch  nur  ein  erstgeborner  Sohn  als  Thronfolger  angeführt.  Aber  jedesmal 
wurde  die  Ernennung  des  Erbprinzen  noch  während  der  Regierung  des  Vaters  ver- 
kündigt, um  durch  Veröffentlichung  der  Willenserklärung  des  regierenden  Mikado 
Successionskriege  zu  vermeiden. 

Die  gesetzgebende  Gewalt  ging  vom  Mikado  aus,  dem  ein  Reichsrat  zur  Seite 
stand,  dessen  erster  Würdenträger  den  Titel  eines  Reichskanzlers  (Kwambaku)  führte. 
Die  vollziehende  Gewalt  war  am  Hofe  acht  Ministern  und  in  den  Provinzen  Reichs- 
statthaltern anvertraut.  Der  Mikado  hatte  seine  Leibwache,  und  ein  oberster  Feldherr, 
der  ein  Mitglied  des  Reichsrats  war,  befehligte  das  Kriegsheer  in  den  Kronländern  und 
kam  im  Falle  der  Not  den  Statthaltern  zu  Hülfe.  Den  Statthaltern  war  das  nötige 
Kriegsvolk  untergeordnet,  um  in  ihrem  Gebiete  Ordnung  und  Frieden  zu  erhalten. 
Die  Macht  der  Statthalter  beruhte  zwar  auf  den  rohen  Grundlagen  des  aus  einem  Heer- 
königtume  hervorgegangenen  Feudalismus,  «das  Eroberungsrecht,  das  Kriegsdienstver- 
hältnis und  die  Territorialgewalt»;  sie  war  aber  als  Ausflufs  einer  ursprünglichen  Gottes- 
herrschaft um  vieles  gemildert,  und  ebenso  waren  die  Unterthanen,  wenn  auch  durch 
eine  Art  Leibeigenschaft  an  den  Boden  und  dessen  Besitzer  gefesselt,  mehr  durch  einen 
gottesdienstlichen  Trieb  und  durch  Pietät,  als  durch  die  Begriffe  von  wechselseitigen 
Pflichten  und  Rechten  den  Statthaltern,  den  Repräsentanten  ihres  götterentsprossenen 
Beherrschers  unterthänig. 

Die  Züge  solcher  Unterwürfigkeit  und  Treue  bezeichneten  jedoch  nicht  allezeit 
die  Handlungen  der  Statthalter  in  den  entfernten  Provinzen  und  das  Regiment  der  Generäle 
als  Beschützer  der  Kronländer.  Die  Mikadoherrschaft  schwankte  Jahrhunderte  auf  dem 
lockeren  Boden  einer  aus  so  verschiedenartigen  Elementen  zusammengesetzten  Staatsform. 

24  * 


372 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Von  den  dunklen  Wolken  einer  drohenden  Priesterherrschaft  überschattet,  konnte 
sie  sich  nicht  in  die  Regionen  einer  freieren  Selbständigkeit  erheben  und  sank  zeitweise 
wieder  in  das  schaurige  Chaos  der  sich  bekämpfenden  Heerführer  zurück.  Endlich 
erstand  unter  diesen  der  weltberühmte  Taikosama,  welcher  alles  vor  sich  niederwerfend 
den  Grund  zu  einer  Staatsverfassung  legte,  mit  der  er  seiner  Familie  dauernd  die 
Suprematie  im  Reiche  zu  sichern  hoffte.  Wenn  auch  dieses  ihm  nur  insofern  gelang, 
als  er  der  Begründer  einer  Hegemonie  wurde,  deren  Früchte  nicht  seiner  Linie,  sondern 
einem  andern,  dem  Usurpator  Minamoto  Ijejasu,  zu  gunsten  kamen,  so  gab  doch  das 
von  Taikosama  gegründete  System  nach  den  letzten  gewaltsamen  Erschütterungen  dem 
Reiche  einen  dauernden  Frieden. 

Es  ist  dies  die  gegenwärtige  Sjögunherrschaft,  welche  auf  dem  alten,  aber  noch 
immer  wurzelgrünen  Stamme  des  Gottesstaates  der  Mikados  parasitisch  wuchert 
und  gleichzeitig  mit  unlösbaren  Ranken  den  mächtigsten  Feudalstaat  der  Welt  um- 
schlungen hält. 1 

Wir  wollen  auf  jenen  denkwürdigen  Zeitabschnitt  der  Geschichte  des  Reiches 
Nippon  zurückblicken,  wo  sich  zuerst  die  Herrschaft  der  Obergeneräle  gleichsam  als 
Stütze  der  wankenden  Macht  der  Mikados  erhob  und  dieselbe  anfänglich  unter  heftigen 
Stürmen  aufrecht  erhielt.  Allein  diese  konnte  sich  infolge  der  in  der  Natur  des  Bud- 
dhismus wurzelnden  und  der  durch  Üppigkeit  und  Übermut  entstandenen  eigenen 
Schwäche  auf  die  Dauer  nicht  behaupten.  Zuerst  durch  Zeitstürme  gebeugt,  schliefs- 
lich  von  Grund  aus  vernichtet,  mufste  sie  der  Macht  der  Sjöguns  die  Regierungsgewalt 
abtreten  und  schliefslich  sich  in  die  Errichtung  eines,  von  den  Ausländern  als  welt- 
liches Kaisertum2  bezeichnetes,  erblichen  Sjögunats  fügen,  dessen  Nachkommen  jetzt 
noch  die  Zügel  der  Regierung  behaupten.3 

Die  Entwickelung  dieses  Vorgangs  haben  wir  bereits  oben  angedeutet  und  ge- 
sehen, dafs  die  inneren  Unruhen,  die  meistenteils  von  buddhistischen  Mönchen  ange- 
stiftet worden  waren,  schon  seit  dem  Anfänge  des  elften  Jahrhunderts  den  Thron  des 
Mikado  erschüttert  und  häufige  Thronwechsel  veranlafst  hatten. 

Da  nun  die  Thronfolger  oft  nur  Kinder  waren,  der  Exmikado  oder  die  Mutter 
die  Regentschaft  führte  und  diese  vom  Reichskanzler  beherrscht  wurden,  der  die  voll- 
ziehende Gewalt  zugleich  mit  den  höchsten  Würdenträgern  ausübte,  so  mafste  sich 
dieser  nicht  nur  die  Herrschaft  an,  sondern  veranlafste  oder  unterstützte  aus  Herrsch- 
und Parteisucht  selbst  Unruhen  und  Empörungen.  Es  kam  sogar  soweit,  dafs  ein 
Reichskanzler  (Tairano  Kijomori)  den  Exmikado  (Sirakawa)  einschlofs  und  hohe  Staats- 
diener verbannte. 

Durch  die  Duldung  des  Buddhismus  hatten  sich  die  Mikados  als  die  höchsten  Ver- 
treter des  alten  Kamidienstes  eine  gefährliche  Gegenpartei  geschaffen,  und  es  enstand  in 
ihrer  eigenen  Familie,  aus  der  allmählich  die  Reichsgrofsen  im  Dairi  und  die  meisten 


1 (Geschrieben  1832!)  Bekanntlich  wurde  1868  diese  Sjogun  - Herrschaft  gestürzt,  und  der 
Mikado  hat  wieder  in  eigener  Person  die  Regierung  übernommen.  Note  z.  2.  Aufl. 

2 Die  Bezeichnung  des  Sjogun  (später  in  den  Verträgen  auch  Taikun  genannt)  als  weltlicher 
Kaiser  im  Gegensätze  zum  Mikado  als  geistlicher  Kaiser,  die  in  den  populären  europäischen  Werken 
über  Japan  allgemein  üblich  war,  beruht  auf  einer  irrtümlichen  staatsrechtlichen  und  geschichtlichen 
Auffassung,  deren  Unrichtigkeit  Ph.  Fr.  v.  Siebold  zuerst  nachgewiesen  hat.  Note  z.  2.  Aufl. 

3 Siehe  Note  1.  Der  Einflufs  der  letzten  regierenden  Sjögun-Familie  hat  selbstverständlich  mit 
der  Restauration  der  kaiserlichen  Herrschaft  ihr  Ende  erreicht.  Note  zur  2.  Auflage. 


4-  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjögunats.  37  j 


im  Lande  verbreiteten  Fürsten  hervorgegangen,  ein  religiöse  Spaltung.  Der  Zweig 
der  Heike  (Geschlecht  Taira)  war  dem  alten  Kamidienste  treu  geblieben;  der  der 
Gensi  (Geschlecht  Minamoto)  neigte  sich  nach  der  Seite  des  Buddhismus.  So  kam 
es  zu  einem  Kriege,1  Der  einundachtzigste  Mikado  ( 1 1 8 1 — 1185),  Antoku, 
ein  Kind  von  4 Jahren,  mufste  aus  Kioto  flüchten,  worauf  der  Ex-Mikado 
Gosirakawa  (1156—1158)  die  Regierung  übernahm  und  Antokus  jüngeren  Bruder, 
gleichfalls  ein  Kind,  zum  Mikado  proklamieren  liefs.  In  der  Seeschlacht  bei  Amaga- 


seki  war  Antok  mit  dem  gröbsten  Teile  seines  Hofstaates  ein  Raub  der  Fluten  ge- 
worden und  somit  das  Geschlecht  der  Heike  gröfstenteils  zugrunde  gegangen.  Dessen- 
ungeachtet sah  sich  Gosirakawa,  der  die  Regentschaft  fortführte,  veranlafst,  einen 
seiner  Generäle  zur  Belohnung  seiner  Verdienste  zum  Reichs-Oberbefehlshaber,  Ten 
kano  sotsuihosi,  zu  ernennen,  um  den  Thron  des  Mikado  zu  beschützen  und  den 
noch  fortdauernden  Kampf  der  Parteien  zu  bezwingen.  Dies  war  Minamoto  no  Jori- 
tomo,  der  nach  dem  Tode  des  Exmikado  (1192)  vom  neuen  Mikado  zum  Sei- 
i-tai  Sjögun,  d.  i.  oberster  Feldherr  gegen  die  Barbaren,  i.  e.  Rebellen,  ernannt 
und  mit  einer  unumschränkten  weltlichen  Gewalt  bekleidet  wurde.  Unter  ihm 
standen  alle  Statthalter  der  Provinzen,  welche  er  aufs  neue  bestätigte.  Er  residierte 
zu  Kamakura  in  der  Provinz  Sagami.  So  wurde  Minamoto  Joritomo  der  Gründer 
der  Sjögun-Herrschaft,  welche  sich  in  fünf  Dynastien,  vom  Jahre  1186  bis  heute,  er- 
halten hat.2 

Joritomos  Sohn,  Joriije,  der  nur  eine  kurze  Zeit  regierte,  beschränkte  seine 
Macht,  indem  er  die  Reichsangelegenheiten  einem  Reichsrate  überliefs  und  sich  den 
Vergnügungen  seines  Hofes  hingab.  Es  blieben  zwar  von  nun  an  die  Sjöguns  den 
Mikados  gegenüber  als  eine  bedeutende  Militär-Staatsgewalt  bestehen;  der  Friede  im 
Reiche  und  an  beiden  Höfen  war  jedoch  dadurch  noch  nicht  gesichert.  Die  Partei 
der  Heike  war  nicht  ganz  vernichtet  worden,  die  Buddhamönche  fuhren  fort,  ihr 
Unwesen  zu  treiben,  und  ihr  Fanatismus  nährte  die  Flamme  der  Zwietracht  wie  früher. 
Der  öftere  Thronwechsel  der  Mikados  und  die  Regierungsfolge  der  Sjöguns  wurden 
häufig  mit  Blut  befleckt.  Die  Exmikados  spielten  im  ersten  Akte  der  Sjögun-Herr- 
schaft oft  noch  eine  bedeutende  Rolle,  obgleich  man  sie  ins  Exil  schickte,  in  Klöster 
verbannte  oder  auf  andere  Weise  unschädlich  zu  machen  suchte,  um  den  noch  un- 
mündigen Mikado  beherrschen  zu  können.  Anfangs  blieb  die  Sjögun-Herrschaft  erblich  im 
Hause  der  Joritomo,  wurde  aber  später  (1252)  auf  eine  mit  dem  Mikado  nahe  verwandte 
Familie,  die  den  Beinamen  Sinwo  (d.  i.  Königs-Verwandten)  führte,  übertragen.  Bereits 
unter  dem  dritten  Nachfolger  von  Joritomo,  dem  Sjögun  Minamoto  Sanetomo,  hatte 
sich  der  erste  Minister,  er  hiefs  Tokimasa,  unter  dem  Titel  Sitsken  eine  Selbständigkeit 
in  der  Regierung  angemafst,  welche  den  persönlichen  Einflufs  seines  Herrn  nicht  nur 
schwächte,  sondern,  da  sich  diese  Minister-Herrschaft  in  der  Familie  Hösjo  in  einer 
Reihe  von  neun  Abkömmlingen  erblich  erhielt  (1205  bis  1333),  dessen  Macht 


1 Nach  dem  japanischen  Geschichtswerke  «Nippongaishi»  und  den  modernen  Geschichtswerken, 
wie  «Nippon  Rekshi»  und  «Dai  Nippon  Teikokschi»  wird  die  oben  angeführte  Einwirkung  des  reli- 
giösen Elements  in  den  Kriegen  der  Heike  und  Gensi  nicht  anerkannt.  Die  Ursache  wird  auf  eine 
Schwächung  der  Autorität  des  Kaisers,  entstanden  durch  Zerwürfnisse  innerhalb  des  Kaiserlichen 
Hauses,  auf  die  Intriguen  der  den  Thron  umgebenden  Familien  Fujiwara  u.  s.  w.,  sowie  auf  die  A11- 
mafsungen  der  Heeresführer  und  des  Militäradels  zurückgeführt.  Anmerkung  zur  2.  Auflage. 

2 Geschrieben  vor  der  Restauration  des  Mikado  im  Jahre  1868.  Note  zur  2.  Auflage. 


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Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


lähmte.  Diese  Sitsken  und  namentlich  der  letzte  in  der  Regierung,  Takatoki, 
waren  die  Hauptursache  einer  neuen  Regierungs -Umwälzung,  aus  der  eine  zweite 
Sjögun-Dynastie  hervorging.  — Noch  müssen  wir  eines  denkwürdigen  Ereignisses 
während  der  ersten  Sjögun-Herrschaft  erwähnen,  welches  China  von  Grund  aus  er- 
schütterte und  auch  das  Japanische  Reich  mit  dem  Untergange  bedroht  hat.  In 
der  zweiten  Hälfte  des  dreizehnten  Jahrhunderts  kamen  nämlich  mongolische  Gesandte 
von  der  Juen-Dynastie  mit  der  Aufforderung  zur  Unterwerfung  über  Korea  nach  Japan, 
welche  abgewiesen  und  deren  letzter  sogar  enthauptet  wurde.  Dieses  hatte  wiederholte 
Einfälle  Kublai  kahns  zur  Folge,  die  jedoch  durch  die  Waffengewalt  der  damals  kriegs- 
gewohnten Japaner  und  durch  einen  Orkan  — unter  dem  Beistände  der  Landes- 
Schutzgötter  — ab  gewehrt  wurden.  Es  zeigte  dabei,  die  Sjögun-Herrschaft  gleichviel 
Trotz  als  Macht. 

Die  Beherrschung  der  Sjöguns  durch  ihre  ersten  Minister  (Sitsken),  welche 
sich  grofse  Anmafsung  auch  gegen  die  Mikados  erlaubten,  der  Einflufs  der  Exmikados 
auf  den  Hof  der  Mikados,  wo  wiederum  der  Kwambaku  oder  Reichskanzler  die  oberste 
Macht  in  Händen  hatte,  das  beständige  Einmischen  in  Staatssachen  von  seiten  der 
Oberpriester  der  buddhistischen  Klöster,  die  häufig  Verwandte  der  beiden  Höfe,  oft 
auch  zurückgesetzte,  ins  Kloster  gegangene  Staatsdiener  waren,  alle  diese  verschiedenen 
Ursachen  machten  den  Umsturz  des  Staatsgebäudes  unvermeidlich,  der  dann  auch  unter 
dem  fünfundneunzigsten  Mikado  und  dem  neunten  Sjögun  erfolgte. 

Der  Mikado  Godaigo  hatte  mit  einem  seiner  Söhne  und  mehreren  Oberpriestern 
buddhistischer  Klöster  einen  Anschlag  zum  Sturze  der  Sjögun-Herrschaft  entworfen 
und  einen  Handstreich  auf  Kamakura,  den  Sitz  des  Sjögun,  vorbereitet,  was  jedoch 
entdeckt  und  die  Flucht  des  Mikado  und  die  Proklamierung  eines  neuen  Thronfolgers 
zur  Folge  hatte  (1331).  Es  entstand  ein  blutiger  Kampf  um  die  Obergewalt,  wobei 
der  Sitsken  Takatoki  gestürzt,  das  Haus  Hösjo  gröfstenteils  vernichtet  und  Godaigo 
wieder  als  Mikado  eingesetzt  wurde.  Die  Würde  eines  Sei-i-tai  - Sjögun  erteilte 
dieser  seinem  Sohne  Moritosi,  und  das  wichtige  Amt  eines  Reichskanzlers  (Kwam- 
baku) wurde  aufgehoben.  Der  Mikado  wollte  selbst  regieren.  Aber  bald  entstand 
wieder  eine  Meuterei,  an  deren  Spitze  Tokijuki,  der  Sohn  des  gestürzten  Ministers 
Takatoki,  stand,  der  gegen  den  neuen  Sjögun  zu  Kamakura  zu  Felde  zog.  Asi- 
kaga  Taka-udsi,  ein  tapferer  General,  welcher  dem  Mikado  wieder  auf  den  Thron 
verholfen  hatte,  wurde  dem  Sjögun  zu  Hülfe  gesendet,  vernichtete  die  Meuterer,  warf 
sich  aber  selbst  zum  Sei-i-tai-Sjögun  auf.  Ein  neuer  Krieg  entsteht;  Taka-udsi  siegt, 
erobert  Kioto  und  bemächtigte  sich  der  Person  des  Mikado,  der  jedoch  später  wieder 
entkam  und  ins  Gebirge  flüchtete. 

Auf  diese  Weise  begründete  Asikaga  Taka-udsi  eine  neue  Sjögun-Dynastie 
(1338),  während  sich  eine  Reihe  Mikados  (1337  bis  1394),  von  ihm  und 
seinen  Nachfolgern  unterstützt,  auf  dem  Throne  zu  Kioto  behauptete.  Diese 
gründeten  daselbst  den  nördlichen  Hof  Hoku-tsjö  oder  das  neue  Mikado-Haus,  Sinin, 
und  der  Mikado  Godaigo,  der  sich  ins  Gebirge  von  Josino  in  der  Provinz  Jamato 
geflüchtet  hatte,  erhielt  dort  das  rechtmäfsige  Haus  Hönin  , den  südlichen  Hof, 
Nansjö.  So  bestand  während  sechsundfünfzig  Jahren  eine  doppelte  Mikado-Herr- 
schaft, wovon  jede  ihren  Sjögun  hatte,  unter  beständigen  Parteikämpfen,  bis  endlich 
durch  einen  Vertrag  der  Friede  hergestellt  wurde.  Kraft  dieses  Vertrages  blieb 
der  Mikado  des  einen  Hauses  auf  dem  Throne  und  zwar  der  nördliche  Mikado,  Gogomatsi, 


4.  Geschichte  d Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats. 


der  des  alten  erhielt  den  Titel  Da-djo-ten-no,  womit  er  von  der  Regierung  zurücktrat, 
und  seinem  Sohne  wurde  die  Thronfolge  zugesichert.  Die  Regierungsform  des  Reiches 
Nippon  war  nun  beinahe  dieselbe  wie  zu  Zeiten  Joritomos  geworden,  nur  mit  dem 
Unterschiede,  dafs  ein  besseres  Einverständnis  zwischen  dem  Hofe  des  Mikado  und 
dem  des  Sjögun  bestand.  Ein  Reichsfriede  war  aber  nicht  zustande  gekommen,  und  die 
Parteien  gestürzter  und  erhobener  Reichsgrofsen  und  Landesfürsten  waren  beständig 
miteinander  in  Fehde,  Bei  der  erblichen  Regierungsfolge  der  Sjöguns  stellte  sich 
das  alte  Gebrechen  ein,  dafs  sie  wieder  von  einem  ersten  Minister,  der  jetzt  den  Titel 
Kwanrei  führte,  abhängig  wurden.  Diese  mächtigen  Staatsmänner,  welche  aus 
einigen  wenigen  bevorrechteten  Fürsten-Familien  hervorgegangen  waren,  herrschten, 
wie  früher  die  Sitsken , zu  Kioto  und  suchten  sich  in  ihrem  hohen  Amte  durch 
Gewalt  und  Intriguen  zu  erhalten,  was  oft  die  Abdankung,  sogar  die  Verweisung 
und  Ermordung  des  Sjögun  zur  Folge  hatte.  Auch  wurde  dadurch  ein  häufiger 
Wechsel  der  hohen  Würden  an  beiden  Höfen  veranlafst,  was  natürlich  Mifsvergnügen 
und  Meutereien  verursachte.  Kioto  wurde  wiederum  der  Tummelpktz  der  Herrsch- 
sucht und  des  Eigennutzes,  wodurch  der  Hof  des  Mikado  und  des  Sjögun  in  poli- 
tische Ohnmacht  und  Armut  verfiel;  ja,  es  gab  eine  Zeit,  wo  viele  Würdenträger  im 
Dairi  die  Stadt  Kioto  verliefsen,  um  in  den  Provinzen  ihren  Unterhalt  zu  suchen, 
andere  in  der  Residenz  von  Almosen  lebten.  Es  kam  sogar  der  Fall  vor,  dafs  ein 
Mikado  nicht  begraben  wTerden  konnte,  weil  es  an  Mitteln  zu  einem  feierlichen 
Leichenbegängnisse  fehlte,  ein  anderer  aus  demselben  Grunde  das  Krönungsfest  auf- 
schieben mufste,  bis  ein  befreundeter  Fürst  die  Kosten  bestritt  und  dafür  einen  hohen 
Ehrentitel  erhielt. 

Bei  allem  dem  erhielt  sich  das  Haus  der  Asikaga  circa  230  Jahre  (1338  bis 
1568)  und  zählte  eine  Regierungsfolge  von  fünfzehn  Oberfeldherren.  Der  Verkehr 
mit  China,  der  seit  der  Juen- (Mongolen-)  Dynastie  abgebrochen  war,  wurde  unter 
der  Ming- Dynastie  wieder  hergestellt,  und  es  fand  seit  1403  wechselseitig  Gesandt- 
schaften und  Verkehr  statt;  auch  mit  Korea  waren  wiederum  Verbindungen  ange- 
knüpft worden. 

Wie  bekannt,  wurde  gegen  die  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  Japan  von  den 
Portugiesen  entdeckt.  Ein  allgemeiner  Landesfriede  war  eigentlich  in  diesem  Reiche 
nie  zustande  gekommen.  Ein  Jahrtausend  hatten  die  Mikados  zu  kämpfen,  um  die 
rohen  Stämme  des  weit  ausgebreiteten  Inselrneeres  zu  unterjochen,  und  dann  kämpfte 
man  für  die  Erhaltung  der  Dynastie  und  stritt  sich  um  die  Oberherrschaft.  Auch 
zur  Zeit,  w7o  durch  Zufall  die  ersten  Europäer,  Nanbanzin  oder  Süd  - Barbaren, 
an  die  Küste  von  Japan  verschlagen  worden  waren,  befehdeten  sich  einige  Landes- 
fürsten, und  der  Krieg  war  auch  wieder  in  den  Kronländern  (Kwantö)  ausgebrochen. 
In  der  Hauptstadt  Kioto  war  es  noch  ruhig;  doch  nur  für  kurze  Zeit. 

Die  ersten  Minister,  die  Kwanrei,  waren  seither  meistenteils  aus  der  fürstlichen 
Familie  der  Hossokawa  hervorgegangen,  welche  sehr  begütert  war  und  den  gröbsten 
Teil  der  Insel  Sikoku  besafs.  I111  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  verschwand  allmählich 
der  Reichtum  dieses  Hauses  und  somit  dessen  Glanz  und  Einflufs.  Dagegen  erhob 
sich  ein  Nebenzwreig  desselben,  der  der  Mijosi,  welcher  seine  Macht  über  das  ganze 
Reich  ausbreitete  und  nach  der  Oberherrschaft,  d.  h.  der  mächtigen  Stelle  eines  Kwan- 
rei strebte.  Auch  scheint  es,  dafs  die  früheren  Statthalter,  welche  zu  Zeiten  Joritomos 
in  den  Provinzen  regierten,  ihre  Macht  mifsbraucht  und  sich  zu  souveränen  Fürsten 


37^ 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


aufgeworfen  hatten.  Diese  waren  beständig  miteinander  im  Zwiste,  wobei  gewöhnlich 
das  Waffenglück  entschied,  und  der  Krieg,  wenn  der  Sjögun  sich  einmischte,  bis  in 
die  Kronländer  verbreitet  wurde. 

Die  Buddha-Mönche,  welche  Kioto  mit  ihren  befestigten  Tempelhöfen  und  ihren 
Klöstern  gleichsam  eingeschlossen  hielten,  und  denen  die  vielen  Verwandten  und 
in  Ungnade  gefallenen  Grofsen  beider  Höfe,  die  dort  ihr  Asyl  gefunden,  eine  einflufs- 
reiche  politische  und  religiöse  Stellung  verursachten,  verursachten  bei  jeder  Gelegen- 
heit Unruhen  und  erschienen  mit  dem  Schwerte  und  der  Brandfackel  vor  dem 
Dairi  und  dem  Palaste  des  Sjögun  und  seines  ersten  Ministers.  So  war  im  Jahre 
1536  Kioto  von  den  berüchtigten  Mönchen  des  Berges  Hiesan  in  Brand  gesteckt 
und  die  gröfste  Hälfte  dieser  Residenzstadt  vernichtet  worden.  Auch  unter  den 
Buddha-Sekten  hatten  sich  Parteien  gebildet,  und  die  von  Sjöto-Zinsju  sich  für  den 
Sjögun  erklärt,  wofür  den  Priestern  noch  bis  heutzutage  gewisse  Vorrechte  einge- 
räumt werden. 

Der  Krieg  war  bereits  wiederum  bis  in  die  Kronländer  verbreitet  und  die  Haupt- 
stadt bedroht;  der  Sjögun  Josiharu  hatte  seine  Würde  niedergelegt,  und  sein  elf- 
jähriger Sohn  Jositeru  war  zum  Sei-i-tai-Sjögun  ausgerufen  worden  (1546).  Als- 
bald hatte  sich  ein  neuer  Bewerber  um  die  Stelle  eines  Kwanrei,  Harumoto,  aus 
dem  Hause  Hossogawa,  von  Verwandten  der  Mijosi  unterstützt,  der  Stadt  be- 
meistert.  Diese  beiden  Familien  stritten  nun  eine  Zeitlang  um  die  Obergewalt, 
während  die  übrigen  Fürsten  ungehindert  einen  Eroberungskampf  unter  sich  führten. 
Bei  ihnen  galt  jetzt  das  Recht  des  Stärkeren,  und  einige  hatten  sich  zu  Herren  vieler 
Provinzen  gemacht  und  waren  mächtig  und  gefährlich  geworden.  Die  Macht  des 
Mikado  war  längst  gebrochen,  die  Sjögun-Herrschaft  immer  machtloser,  die  Reichs- 
regierung zügelloser  geworden,  die  Gewalt  der  Kwanrei  und  der  Sitsken  unbe- 
schränkter. 

Jositeru,  den  jungen  Sjögun,  sah  man  unter  dem  Schutze  seines  Vaters  Josi- 
haru bald  aus  Kioto  flüchten,  bald  wiederum  einziehen,  je  nachdem  es  das  Kriegs- 
glück gestattete.  Unter  dem  Geräusche  der  Waffen  zum  Manne  gereift,  scheint  in 
ihm  der  Gedanke  nach  einer  selbständigen  Herrschaft  erwacht  zu  sein.  Jositeru  und 
sein  Vater  griffen  zu  den  Waffen  gegen  die  oben  bezeichneten  Usurpatoren  der  Staats- 
gewalt, welche  mit  den  mächtigen  Oberpriestern  der  Buddha -Tempel  gemeinsame 
Sache  gemacht  hatten.  Der  Sohn  hatte  sich  in  seinem  Schlosse  zu  Kioto  befestigt, 
während  der  Vater  das  im  Süden  der  Hauptstadt  gelagerte  vereinigte  Heer  des  Kwan- 
rei, des  Sitsken  und  der  Priester  mehrmals  angriff,  aber  jedesmal  zurückgeschlagen 
wurde;  da  überfiel  Jositeru  durch  einen  unerwarteten  Ausfall  die  Sieger  und  trieb  sie 
in  die  Flucht.  Durch  Vermittlung  des  Mikado  kam  ein  Friede  zustande;  Jositeru 
behauptete  sich  in  der  Obergewalt  und  residierte  zu  Kioto  (1553).  Sein  Vater 
verschwand  vom  politischen  Schauplatze;  dagegen  scheinen  seine  Mutter  und  Frau 
eine  einflufsreiche  Rolle  zu  gespielt  zu  haben. 

Zur  Zeit,  wo  die  christlichen  Glaubensboten  an  seinen  Hof  zugelassen  wurden 
(Februar  1565),  hatte  der  Sjögun  eine  erstaunliche  Pracht  und  Macht  entwickelt,  und 
seine  Mutter  und  Gemahlin  standen  in  grofsem  Ansehen.  Es  war  kurz  vor  seinem 
Untergange.  Seine  beiden  gedemütigten  Reichsgrofsen,  Mijosi  Jositsugu  und  Mitsu- 
naga  Hisahide,  waren  zwar  wieder  in  ihre  Würden  als  Kanzler  und  Feldherr  einge- 
setzt und  in  ihre  Schlösser  zu  Imori  und  Nara  in  der  Nähe  der  Residenz  zurück- 


4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjögunats.  ^yy 


gekehrt,  hatten  jedoch  nach  einer  so  grofsen  Niederlage  das  Vertrauen  und  ihre 
Obergewalt  gröfstentells  verloren,  und  es  war  sogar  bei  der  thatkräftigen  Haltung  des 
Sjögun  selbst  ihre  Existenz  bedroht.  Ersterem,  aus  der  Familie  der  mächtigen  Mijosi, 
war  es  ein  leichtes,  den  letzteren,  der  ihm  durch  die  Vergiftung  seines  Pflegevaters 
(Joritsugu),  des  früheren  Kwan  rei,  zur  Regierung  verholfen  hatte  (1561),  für  einen 
Anschlag  gegen  das  Leben  des  Sjögun  zu  gewinnen;  sie  hatten  die  Absicht,  die  un- 
beschränkte Herrschaft  an  sich  zu  reifsen  und  das  Reich  unter  sich  zu  teilen.  So  waren 
beide  zu  einem  Hochverrate  entschlossen  und  konnten  auch  auf  Unterstützung  von 
seiten  der  gleichfalls  in  ihrer  Herrschaft  beschränkten  Priester  hoffen.  Da  es  ihnen 
nicht  glückte,  sich  der  Person  des  Sjögun  durch  List  zu  bemächtigen,  beschlossen 
sie,  ihn  mit  bewaffneter  Hand  in  seinem  Schlosse  anzugreifen.  Der  Sjögun  suchte 
sich  an  der  Spitze  seiner  Getreuen  tollkühn  den  Weg  zur  Flucht  mit  dem  Schwerte 
zu  bahnen;  schwer  verwundet  tötete  er  sich  selbst  und  starb  so  als  Held  in  der 
Kraft  seines  Lebens,  erst  30  Jahre  alt.  Sein  Schlofs  ward  geplündert  und  ein  Raub 
der  Flammen,  seine  Kinder  und  seine  alte  Mutter  wurden  grausam  ermordet  und 
seine  Gemahlin,  welche  sich  in  ein  Kloster  geflüchtet  hatte,  wurde  verraten  und  ent- 
hauptet. 

Die  beiden  Empörer  setzten  sich  in  ihren  Schlössern  fest  und  boten  alles  auf, 
sich  in  der  obersten  Gewalt  zu  behaupten.  Dem  Mikado  und  dem  Volke  kündigten 
sie  sich  an  als  Befreier  von  der  Zwangsherrschaft  des  übermütigen  Sjögun,  und  um 
ihr  eigenes  Interesse  ganz  in  den  Hintergrund  treten  zu  lassen  und  dem  Ehrgeiz  der 
Priester  zu  schmeicheln,  gaben  sie  vor,  den  Bruder  des  gefallenen  Sjögun,  einen 
Oberpriester,  an  dessen  Stelle  erheben  zu  wollen.  Dieser  hatte  nämlich  zwei  Brüder, 
welche  beide  buddhistische  Oberpriester  waren.  Den  jüngeren  hatten  sie  ermorden 
lassen,  den  älteren,  Gakkei,  in  Gewahrsam  gebracht,  woraus  er  jedoch  glücklich  ent- 
kommen, war  nach  Omi  geflüchtet  und  sich  dem  Schutze  des  dortigen  Fürsten  Sasaki 
Sjötei  anvertraut  hatte.  In  den  Annalen  von  Nippon  heifst  es:  «Er  liefs  sich  dort 
seine  Haare  wachsen  und  nahm  den  Namen  Josiaki  an».  Aber  hier  sah  er  sich  bald 
nicht  mehr  sicher,  da  der  Sohn  des  Fürsten  in  ein  geheimes  Verständnis  mit  den 
Mijosi  getreten  war;  er  flüchtete  nach  Wakasa  und  von  da  weiter  nach  Jetsisen  zum 
Fürsten  Josikage  (1567). 

Ota  Nobunaga,  Sohn  des  Fürsten  von  Ow7ari,  hatte  sich  in  den  Fehden  mit 
seinen  Nachbarn  einen  furchtbaren  Namen  gemacht  und  kurz  zuvor  das  Fürstentum 
Mino,  die  an  Jetsisen  grenzende  Provinz,  erobert.  Seine  Fürstentümer  bildeten  mit 
denen  von  Jetsisen,  Omi  und  Wakasa,  welche  mit  dem  Sjögun-Hause  Friede  hatten, 
von  Norden  bis  Süd-Osten  eine  starke  Ringmauer  um  die  Kronländer,  die  sich  in  der 
Gewalt  der  Usurpatoren  befanden.  An  diesen  mächtigen,  kriegsgewohnten  Fürsten 
wendete  sich  Josiaki  und  bat  um  Schutz  und  Beistand  gegen  die  Empörer,  deren 
Haupt  Mijosi  Jositsugu  war  (August  1568). 

Nobunaga  versprach  ihm  seinen  Schutz,  liefs  den  Prinzen  unter  dem  Geleite 
der  Fürsten  von  Kawatsi  und  Bizen  zu  sich  kommen  und  erteilte  dem  Fürsten  von 
Omi  Befehl,  gegen  Mijosi  zu  Felde  zu  ziehen.  Da  dieser  nicht  sofort  Folge  leistete, 
zou  er  se^en  ihn,  eroberte  und  zerstörte  zwei  seiner  Festungen,  besetzte  Omi  und 
nahm  darnach  Josiaki  zu  sich.  Unter  dem  Befehle  eines  gewissen  Hatadono  wurden 
die  Usurpatoren  bei  Sakai  geschlagen,  worauf  Nobunaga  mit  seiner  Armee  gegen  die 
Stadt  Kioto  zog,  die  ihm  ihre  Thore  öffnete.  Er  bezog  den  die  Stadt  beherrschenden 


37§ 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Tempel  Kiomitsu,  und  sein  Schützling  liefs  sich  im  Tempel  Tofuksi  nieder  (28.  des 
9.  Monats  | Oktober]  1568). 

Im  folgenden  Monate  zog  Nobunaga  mit  dem  Prinzen  nach  der  Provinz  Setsu,  um 
den  Mijosi  hinrichten  zu  lassen.  Dieser  war  jedoch  diesmal  entkommen.  Matsunaga 
Hisahide  und  Mijosis  Verwandte  unterwarfen  sich,  und  schon  am  18.  desselben  Monats 
ward  Josiaki  zum  Sei-i-tai-Sjögun  ernannt.  Nobunaga  kehrte  nach  seinem  Schlosse 
Gifu  zurück.  Die  Mijosi,  welche  aufs  neue  zu  Kioto  eine  Meuterei  veranlafsten, 
wurden  aus  der  Stadt  verwiesen;  Nobunaga  kam  zurück;  er  liefs  dem  Sjögun 
ein  Schlofs  bauen  und  beorderte  einen  seiner  Generäle,  zu  dessen  Schutze  zurück- 
zubleiben. 

Es  war  Hidejosi,  der  später  unter  dem  Namen  Taikosama  weltberühmte  Eroberer. 
Auch  nennt  die  Geschichte  jetzt  unter  den  Verbündeten  Nobunagas  den  tapferen  Ije- 
jasu,  der  sich  im  Anfänge  des  17.  Jahrhunderts  zum  Begründer  der  noch  jetzt  regie- 
renden Sjögun-Dynastie  aufwarf. 

Aufser  diesen  hervorragenden  Persönlichkeiten,  welche  sich  auf  dem  Kampf- 
plätze zeigten,  waren  noch  zwei  andere  mächtige  Faktoren  erstanden,  welche  einen 
bedeutenden  Einflufs  auf  den  Kampf  um  die  Oberherrschaft  ausüben  mufsten.  Es 
war  in  erster  Linie  das  Christentum,  welches  seit  der  Ankunft  des  ersten  Glaubens- 
boten (Franciskus  Xaverius  1548)  im  Süden  des  Reiches  festen  Fufs  gefafst  und  seit 
einem  Jahrzehnt  auch  zu  Kioto,  dem  Sitze  der  Erbregenten  der  Mikados  und  ihrer 
Beherrscher,  der  Sjöguns  Verbreitung  gefunden  und  bereits  viele  Tausende  dem  Opfer- 
herde des  alten  Kami-Dienstes  und  den  Tempeln  Buddhas  abwendig  gemacht  hatte. 
Sodann  die  Einführung  der  Feuerwaffen,  dieses  verhängnisvolle  Mordinstrument,  welches 
der  erste  Portugiese,  der  den  japanischen  Boden  betrat  (1543),  einem  Fürsten  anbot 
und  welches  von  nun  an  als  Würgengel  unter  den  fanatischen  und  herrschsüchtigen 
Parteien  wütete.  Das  Wort  Fanatismus  gilt  aber  jetzt  noch  nicht  den  Christen;  diese 
kannten  es  noch  nicht  in  der  gefährlichen  Bedeutung,  in  der  es  seit  dem  12.  Jahr- 
hundert schon  die  Buddha-Priester  ihren  Laien  ausgelegt  hatten.  Das  Christentum 
befand  sich  noch  damals  in  Japan  in  seiner  unverdorbenen  Kindheit,  und  die  Satzungen 
der  christlichen  Lehre  waren  mit  reinen  Zügen  von  einigen  wenigen  aus  edlem  Berufs- 
eifer herbeigekommenen  Lehrern  tief  in  die  Seele  ihrer  Schüler  geschrieben  worden; 
damals  war  noch  Überzeugung  das  Losungswort,  das  zu  dem  so  mühseligen  Über- 
tritt aus  dem  Buddhismus  ermutigte,  und  die  brüderliche  Liebe,  welche  die  Neu- 
geweihten beseelte.  Fürstensöhne  und  selbst  Priester  waren  aus  innigster  Überzeugung 
Christen  geworden,  und  kein  von  Mönchen  überredeter  gemeiner  Haufen  oder  von 
Fanatikern  angespornte  Rebellen  standen  sich  auf  dem  Kampfplatze  gegenüber.  Den 
beiden  Reihen  der  Kämpfenden  wurden  Kriegsfahnen  mit  einem  Kreuze  vorgetragen, 
und  an  den  Helmen  blinkte  ein  allgemeines  Kennzeichen  der  Christen.  Nicht  aus 
leidenschaftlichem  Parteigeiste,  sondern  aus  Ergebenheit,  Treue  und  Pflicht  gegen 
ihre  Herren  leisteten  sie  Pleerfolge,  die  nicht  mit  dem  Bluteide  beschworen, 
sondern  mit  dem  Siegel  des  christlichen  Glaubens  — der  Wahrheit  — bekräf- 
tigt war. 

Das  Haupt  der  Verschwörung,  Mijosi  Jositsugu,  war,  wie  gesagt,  entkommen 
und  hatte  sich  wahrscheinlich  in  einen  Tempel  oder  zu  Buddha-Priestern  geflüchtet, 
welche  damals  grofse  Herren  waren  und  Fürstentümer  befafsen,  und  von  denen  einer, 
Namens  Kwösa,  die  starke  Festung  von  Osaka  inne  hatte.  Auch  war  Nobunaga 


4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats. 


entweder  zu  schonend  oder  zu  unvorsichtig  gegen  die  Mitverschworenen  verfahren. 
Er  selbst  lag  mit  mehreren  Fürsten,  die  ihm  zu  mächtig  wurden,  in  Fehde  und 
breitete  seine  Länder  immer  mehr  aus.  Die  Bonzen,  deren  Widersacher  er  von  jeher 
gewesen,  hatte  er  aufs  neue  dadurch  gegen  sich  erbittert,  dafs  er  ihre  Tempel 
abbrach  und  aus  dem  Material  sein  Schlofs  erbaute  und  seinen  Palast  mit  den  antiken 
Kunstwerken  derselben  ausschmückte.  Diese  und  die  gestürzten  Mijosi  sparten  keine 
Kunstgriffe,  dem  von  Nobunaga  auf  den  Thron  erhobenen  Sjögun,  der  selbst  vorher 
ein  Buddha-Priester  gewesen  war,  Argwohn  gegen  seinen  mächtigen  Beschützer  ein- 
zuflöfsen.  Es  entstand  so  neuerdings  eine  Meuterei,  an  deren  Spitze  wiederum  die 
Mijosi  und  ihre  Partei,  die  Buddha-Priester  und  Mönche,  standen. 

Da  wir  nun  Nobunaga  seine  Waffen  gegen  seinen  Schützling  und  Oberherrn 
kehren  und  die  Zügel  des  Reiches  mit  voller  Faust  ergreifen  und  bald  als  unbe- 
schränkten Herrscher  auftreten  sehen  werden,  so  wollen  wir  ein  Bild  von  ihm  auf- 
stellen, das  nicht  in  dem  Augenblicke  entworfen  ist,  wo  aufgeregte  Leidenschaft  seine 
Züge  entstellen  konnte,  sondern  aus  jener  denkwürdigen  Epoche  stammt,  wo  er  dem 
gestürzten  Fürsten  hause  seinen  Beistand  anbot  und  es  wieder  aufrichtete.  Nobunaga 
war  von  grofser  Gestalt,  aber  schwachem  Körperbau  und  nicht  geschaffen,  die  Stra- 
pazen des  Krieges  zu  ertragen.  Ein  fester  Wille,  ein  lebhafter  Geist  und  unbändiger 
Ehrgeiz  ersetzte  seine  Körperschwäche.  Er  war  unerschrocken,  tapfer,  gerecht,  grofs- 
mütig  und  verabscheute  Verräterei.  Er  besafs  einen  durchdringenden,  lebhaften  Ver- 
stand und  zeigte  sich  in  Geschäften  gewandt  und  wohl  beraten.  Er  war  zum  obersten 
Feldherrn  wie  geschaffen;  ein  Meister  im  Festungsbau  und  der  Belagerungskunst,  ent- 
warf er  selbst  die  Pläne  und  ordnete  sein  Kriegslager.  Im  Rate  war  er  das  einzige 
Haupt,  und  er  besprach  sich  nicht,  um  Rats  zu  erholen,  sondern  um  die  Gesinnungen 
seiner  Umgebung  kennen  zu  lernen.  Er  selbst  war  nicht  zu  durchschauen.  Er  sah 
alles,  in  ihm  war  alles  verschlossen.  Er  war  ein  abgesagter  Feind  des  buddhistischen 
Mönchswesens,  weil  er  die  Priester  für  Betrüger  und  selbst  lasterhafte  Menschen  hielt. 


Dem  Christentume  war  er  nicht  abgeneigt  und  liefs  sich  gerne  in  theologische  Streit- 
fragen mit  den  Jesuiten  ein.  Ein  Hauptzug,  der  ihn'  als  Feldherrn  bezeichnete  und 
seine  Eroberungen  krönte,  war  seine  Entschlossenheit  und  die  schnelle  Ausführung 
seiner  Pläne. 

Noch  kurz  zuvor  war  Josiaki  selbst  mit  Nobunaga  gegen  Mijosi  und  den 
mächtigen  Buddha-Priester  Kwösa  zu  Felde  gezogen;  auch  hatte  er  ihn  auf  seinem 
Feldzuge  nach  Omi  und  bei  einem  Angriffe  auf  den  Tempelberg  Hiesan  begleitet, 
und  durch  seine  Vermittelung  waren  mehrere  Fehden  mit  anderen  Fürsten  beigelegt 
worden  (1570).  Zur  Bestrafung  räuberischer  Einfälle  in  Omi,  welche  auf  Anstiften 
der  Mönche  von  Hiesan  geschehen  waren,  erstürmte  Nobunaga  den  befestigten  Berg, 
steckte  die  Tempel  und  Klöster  in  Brand  und  liefs  die  Priester  und  Mönche  sämtlich 
erwürgen  (1571).  Diese,  als  sie  sich  rettungslos  verloren  sahen,  baten  ihn  um  Schonung 
aus  Achtung  gegen  die  Götter,  deren  Schützlinge  sie  seien.  ((Wenn  dies  wahr  ist)), 
erwiderte  er,  «warum  fürchtet  ihr  mich?  Ist  es  unwahr,  dann  mufs  ich  das  Volk, 
das  ihr  täuscht,  und  die  durch  eure  Heuchelei  erzürnten  Götter  rächen.»  Nobunaga 
hatte  sich  bei  der  Erhebung  Josiakis  auf  den  Sjögun-Thron  eine  unumschränkte  Ge- 
walt als  Reichsregent  Vorbehalten.  Der  neue  Sjögun  war  von  Natur  aus  wenig  be- 
gabt, sanft  und  friedfertig;  er  würde  sich  auch  nie  gegen  seinen  Befreier  erhoben 
haben,  wenn  ihn  seine  Umgebung  — die  Mehrzahl  der  Würdenträger  an  seinem  Hofe 


3§o 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


und  sogar  der  neuerwählte  Singen  (General)  waren  Priester  — nicht  beständig  auf- 
gereizt hätte.  Die  Zerstörung  des  Eliesan  hatte  ihre  Rachsucht  aufs  neue  angefacht. 
Die  durch  den  Sjögun  erfolgte  Wahl  eines  Priesters  zum  General  (Takeda,  Fürsten 
von  Kai)  war  von  Nobunaga  sehr  unwillig  aufgenommen  worden,  zumal  da  der 
vorige  — der  oben  erwähnte  Hatadono  — sein  tapferer  und  treuer  Anhänger  gleich- 
falls auf  Anstiften  der  Priester  getötet  worden  war.  Er  machte  dem  Josiaki  Vorwürfe 
darüber  und  soll  sogar,  als  dieser  im  geheimen  Vorbereitungen  zum  Kriege  traf,  ihm 
sehr  friedliebend  geschrieben  und  seinen  Sohn  als  Unterpfand  seiner  Treue  angeboten 
haben.  Das  Benehmen  eines  sonst  so  trotzigen  Mannes  suchte  man  als  Schwäche  aus- 
zulegen; der  Sjögun  wurde  dadurch  bewogen,  Briefe  und  Geifsel  zurückzusenden. 
Es  war  eine  Kriegserklärung.  «Im  ersten  Monat  1573»,  heifst  es  in  den  Annalen 
von  Nippon,  «erhebt  der  Sjögun  Josiaki  die  Waffen  gegen  Nobunaga  und  befestigt 
sich  in  der  Burg  Iwajama;  doch  dieser  sendet  Truppen,  welche  die  Burg  erobern.» 

Der  Sjögun  hatte  sich  nicht  nur  mit  den  noch  immer  sehr  mächtigen  Priestern 
und  einigen  anderen  Fürsten,  sondern  sogar  mit  den  Mördern  seines  Bruders,  den 
Kij  osi  und  deren  Mitverschworenen  verbunden.  Diese  und  der  General  Takeda  ziehen 
nun  gegen  Nobunaga  zu  Felde,  müssen  jedoch  vor  der  Kriegsmacht  zurückweichen,  mit 
welcher  er  gegen  Kioto  zieht.  Das  Resultat  dieses  Feldzuges  findet  sich  in  den  er- 
wähnten Annalen  kurz  niedergeschrieben.  «Josiaki  greift  (im  7.  Monate  1573) 
Nobunaga  an,  wird  aber  geschlagen  und  gerät  in  die  Hände  des  Siegers,  der  ihn 
nach  der  Burg  Wakaje  in  Omi  in  Verwahrung  bringen  läfst.  Hierdurch  erreicht 
das  Haus  Asikaga  sein  Ende.»  Hierzu  fügt  das  Nipponki:  «Josiaki  wird  als  Sjögun 
abgesetzt,  schert  sein  Haupt  und  erhält  den  Namen  Siösan,  der  später  in  Reio  in 
umgeändert  wurde.  Er  verschwindet  aus  der  Geschichte. 

Bei  seiner  ersten  Erhebung  gegen  Nobunaga  (im  1.  Monat  1573)  war  dem  Sjögun 
ein  christlicher  Fürst  mit  einigen  Tausend  Kriegern,  worunter  auch  Christen,  zu  Hülfe 
gekommen;  ebenso  befanden  sich  Tausende  von  Christen  in  dem  Heere  von  Mijosi. 
Man  darf  diesen  Umstand  nicht  unbeachtet  lassen,  da  Nobunaga,  als  er  in  den  Besitz 
der  höchsten  Gewalt  gelangt  war,  die  Christen  dessenungeachtet  begünstigte.  Es  läfst 
sich  sein  Benehmen  nicht  wohl  anders  erklären  als  ein  Beweis  seiner  Würdigung  der 
Grundsätze  der  damaligen  Christen,  welche  ilnter  allen  Umständen  ihrer  Pflicht  und 
ihrem  Worte  getreu  blieben.  Die  Jesuiten  als  Berichterstatter  der  damaligen  Ereig- 
nisse bewundern  die  Mäfsigung,  womit  sich  Nobunaga  gegen  Josiaki  benahm,  in- 
dem er  alles  auf  bot,  diesen  Prinzen,  der  das  Werkzeug  der  ihn  beherrschenden  buddhi- 
stischen Priester  war,  vom  Untergange  zu  retten. 

In  den  mehrgenannten  Geschichtstabellen  finden  war  im  ersten  Jahre  des  Nengo 
Tensei  (1573)  Tairano  Nobunaga  als  XXVII.  Sjögun  eingetragen.  Aber  erst  im 
dritten  Monate  des  folgenden  Jahres  hielt  er  seinen  Einzug  in  Kioto,  wro  er  zum 
Sangi1  vom  Mikado  ernannt  wurde.  Inzwischen  hatte  er  die  Rebellen  und  einige 
andere  feindliche  Fürsten  verfolgt  und  gezüchtigt  und  die  Hauptverräter  hingerichtet, 
unter  andern  auch  den  Sjögun-Mörder  Mijosi  Jositsugu  und  den  Mönch  Sagitane,  der 
ein  Jah  r zuvor  ihm  selbst  nach  dem  Leben  getrachtet  hatte.  Diesen  liefs  er  in  zwei 
Stücke  sägen.  Hidejosi,  dem  er  unter  seinen  Generälen  das  meiste  Vertrauen 
schenkte,  Ijejasu  und  seine  Söhne  Nobutade,  Nobuwo  und  Nobutaka  halfen  ihm 

Sangi  soviel  wie  Reichsrat. 


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4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats. 


die  noch  im  ganzen  Reiche  Nippon  lodernde  Kriegsfackel  ausznlöschen  und  eroberten 
für  ihren  Herrn  und  für  sich  eine  Provinz  nach  der  andern.  Friede  ward  es  aber  noch  nicht. 

Nobunaga,  der,  wie  wir  oben  gesesehen,  eine  Hauptrolle  in  der  japanischen  Ge- 
schichte gespielt,  stammte  aus  dem  Geschlechte  der  Heike  (Taira),  jenem  Zweige  des 
Stammes  der  Mikados,  welcher  im  Jahre  1185  mit  dem  81.  Mikado  Antoku  zu  Grunde 
gegangen  ist.  Er  war  somit  von  Geburt  aus  ein  Widersacher  des  Buddhatums;  auf 
einem  Zuge  durch  Osaka  nach  Kioto  war  er  von  den  Mönchen  der  Sekte  Ikkosju  be- 
leidigt worden,  was  eine  Züchtigung  derselben,  aber  auch  einen  Aufstand  dieser  mäch- 
tigen Sekte  in  seinem  Fürstentume  Owari  und  im  ganzen  Reiche  veranlafste.  Er  zog 
mit  seinem  Sohne  Nobutada  nach  Owari,  den  Aufstand  zu  dämpfen,  worauf  er  1575 
vom  Mikado  zum  Obergeneral  zur  Rechten  mit  der  Hofwürde  eines  Dainagon  ernannt 
wurde.  Die  Mönche  der  Ikkosju-Sekte  stifteten  fortwährend  Unruhen  an.  La  Japan 
herrschte  nun  überall  das  Faustrecht. 

Auf  der  Fasel  Kiusiu  brach  ein  Krieg  der  dortigen  Fürsten  gegen  den  mächtigen 
Dynasten  der  südlichen  Fandschaft  Satsuma  aus.  Fa  Jetzigo  kämpfte  naan  um  die  Erb- 
folge, und  die  Fürsten  von  Aki  und  Setsu  lehnten  sich  auf.  Nobunagas  Sohn,  Nobu- 
tada, der  ein  tüchtiger  Feldherr  war,  und  seine  beiden  tapfersten  Generäle  Hidejosi 
und  Ijejasu  waren  beständig  unter  den  Waffen,  und  wo  es  not  that,  erschien  Nobu- 
naga selbst  auf  dem  Kampfplätze,  von  dem  er  jedesmal  siegreich  nach  seinem  Schlosse 
Adsutsi  in  Omi  zurückkehrte.  Dieses  Schlofs,  welches  er  1576  erbauen  liefs  und  das 
nur  eine  kleine  Tagreise  von  der  Hauptstadt  entfernt  war,  pflegte  er  sein  Paradies  zu 
nennen;  es  zeichnete  sich  durch  seine  reizende  Fage  am  See  Biwako,  durch  prächtige 
Gebäude  und  kostbare  Einrichtung  aus. 


Denkwürdig  sind  die  theologischen  Disputationen  zwischen  den  Priestern  der 
Sekte  Sjudosju  und  Nitsirensju,  welchen  er  auf  seinem  Sanssouci  persönlich  bei- 
wohnte, (1579)  und  der  vertrauliche  Umgang  mit  den  Jesuiten,  denen  er  die  Errich- 
tung eines  Seminars  für  adelige  Jünglinge  daselbst  gestattete,  während  er  keiner  bud- 
dhistischen Sekte  die  Erbauung  von  Klöstern  und  Tempeln  bei  seinem  Schlosse  erlaubte. 
Nobunaga  besafs  schon  ein  angeborenes  Mifstrauen  gegen  die  buddhistische  Geistlich- 
keit, aber  auch  die  Geschichte  des  allmählichen  Verfalles  der  Mikadoherrschaft  und 
des  Sturzes  der  beiden,  seiner  Herrschaft  vorhergegangenen  Sjögundynastien  dienten 
als  warnende  Beispiele.  Die  Ereignisse  seiner  Zeit  lieferten  ihm  zu  deutliche  Beweise 
der  Priesterherrschsucht  und  zwangen  ihn,  ihre  Macht  und  ihren  Einflufs  mit  eiserner 
Hand  zu  beschränken.  Den  christlichen  Glaubensboten  sprach  er  unverhohlen  seine 
Meinung  über  die  buddhistischen  Priester  aus  und  versicherte  ihnen,  dafs  diese  ihm 
eingestanden  hätten,  «ihre  Glaubensgeheimnisse  seien  nur  Fabeln»,  und  fragte  sie,  ihm 
aufrichtig  zu  gestehen,  ob  sie  auch  alles,  was  sie  predigten,  selbst  glaubten.  Als  Be- 
weis ihrer  befriedigenden  Antwort  mag  gelten,  dafs  er  sich  den  Jesuiten  gegenüber 
bei  der  obenerwähnten  Genehmigung  zur  Errichtung  eines  Seminariums  und  einer  Kirche 
folgendermafsen  äufserte:  «Grofsen  Herren  habe  ich  es  verweigert,  sich  einen  Palast 
dem  meinigen  gegenüber  zu  erbauen,  aber  gerne  sehe  ich  da  ein  dem  wahren  Gotte 
geweihtes  Haus». 

Ein  solcher  Schutz,  den  dieser  mächtige  Sjögun  den  Missionären  verlieh,  mufste 
das  Ansehen  der  christlichen  Kirche  in  Japan  sehr  heben,  und  die  Jesuiten  hegten 
sogar  die  Hoffnung,  dafs  er,  ein  abgesagter  Feind  des  Buddhatums  und  bei  dessen 
Priesterschaft  verhafst,  sich  zum  christlichen  Glauben  bekennen  werde,  zumal  da 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


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mehrere  seiner  besten  Offiziere  Christen  waren,  und  seine  Söhne,  vor  allen  Nobutada 
zum  Übertritt  geneigt  schienen.  Sie  wufsten  aber  auch  sehr  gut,  dafs  der  herrsch- 
und ruhmsüchtige  Eroberer  einen  solchen  Schritt  mehr  aus  Politik  als  aus  Über- 
zeugung thun  würde,  indem  sie  selbst  von  ihm  sagten:  «Er  erkenne  keinen  anderen 
Gott  an  als  sein  Schwert».  Bei  den  erwähnten  Disputationen  soll  er,  nach  den  Be- 
richten der  Missionäre,  als  Schiedsrichter  in  den  Streitigkeiten  wegen  Glaubens- 
satzungen der  beiden  genannten  buddhistischen  Sekten,  welche  sich  jahrelang  darüber 
angefeindet  hatten,  aufgetreten  und  die  besiegte  Partei  aufs  grausamste  behandelt 
haben.  Es  war  ihm  aber  wahrscheinlich  nur  darum  zu  thun,  den  Geist  der  Satzungen 
dieser  Sekten  und  ihre  Absichten  näher  kennen  zu  lernen. 

Einem  Charakter  wie  Nobunaga  schien  weder  das  Buddhatum  noch  das  Christentum 
zur  Befriedigung  seiner  Leidenschaften  und  zur  Ausführung  seines  Vorhabens,  sich  als 
Alleinherrscher  im  Reiche  Nippon  aufzuwerfen,  zuzusagen,  und  da  in  seinen  Augen  die 
öffentliche  Gottesverehrung  aller  Religionssekten  nur  ein  Trugwerk  zur  Erreichung  selbst- 
süchtiger Zwecke  war,  so  wollte  er  sich  selbst  ein  solch  mächtiges  Verblendungs- 
werkzeug schaffen.  Er  liefs  einen  prachtvollen  Tempel  erbauen  und  darin  die  als 
wunderthätig  berühmte  Statue  des  Sjaka  und  einen  mit  seinem  Wappen  und  Namen 
bezeichneten  Stein  — - nach  andern  seine  eigene  Bildsäule  — zur  allgemeinen  Ver- 
ehrung aufstellen.  Diese  Selbstvergötterung  wurde  ihm  von  der  buddhistischen  und 
christlichen  Geistlichkeit  sehr  übel  ausgelegt,  und  beide  Parteien  scheinen  den  wahren 
Grund  seiner  eigenen  Apotheose  zur  Seite  des  Wunderbildes  des  Sjaka  durchschaut 
zu  haben.  Die  Errichtung  eines  Göttertempels,  wohin  er  sich  selbst  versetzte,  sollte 
ihm  nur  zum  Mafsstabe  dienen,  die  Macht  des  herrschenden  Gottesdienstes  zu  prüfen 
und  die  Heuchler  und  Schmeichler  kennen  zu  lernen.  Er  soll  gleichzeitig  eine 
Suspension  jedwelchen  Gottesdienstes  im  Reiche  befohlen  und  zeitliche  Belohnungen 
und  himmlische  Güter  den  Wallfahrern  verheifsen  haben.  Bei  der  Eröffnung  dieses 
neuen  Gotteshauses  und  bei  der  Enthüllung  der  Macht-  und  Wunderbildsäulen  soll 
die  Zuströmung  des  Volkes  aus  allen  Provinzen  und  allen  Ständen  nach  seinem  Tempel 
so  grofs  gewesen  sein,  dafs  die  Stadt  Kioto,  in  deren  Nähe  der  Tempel  errichtet  war, 
die  Masse  nicht  fassen  konnte.  Man  beugte  sich  gleich  tief  vor  Sjakas  und  Nobunagas 
Bildsäulen.  Aber  Christen  waren  keine  erschienen! 

Jetzt  hatte  Nobunaga  die  höchste  Stufe  seiner  Lebensbahn  als  Feldherr  und 
Staatsmann  erreicht.  Die  bedeutendsten  Provinzen  des  Reiches  waren  erobert,  von 
ihm  selbst,  seinen  drei  Söhnen  und  von  seinen  tapfersten  Generälen  und  Offizieren, 
welche  er  damit  belehnt  hatte,  beherrscht.  Auch  war  die  seit  mehreren  Jahren  von 
seinen  Truppen  belagerte  Festung  Osaka,  worin  sich  der  mächtige  Mönch  Kwösa 
festgesetzt  hatte,  in  seine  Hände  gefallen,  und  durch  einen,  bei  Gelegenheit  eines  zu 
Kioto  veranstalteten  grofsen  Ritterfestes  verübten  Gewaltstreich  hatte  er  seinem  dritten 
Sohne  Nobutaka  den  Besitz  der  ganzen  Insel  Sikoku  verschafft.  Die  Fürstentümer, 
welche  die  Kronländer  umgaben,  waren  allmählich  unter  die  Oberherrschaft  Nobunagas 
gebracht  worden.  In  den  östlichen  Provinzen  des  Reiches  befehligte  der  als  Feldherr 
ausgezeichnete  Ijejasu,  der  (1582)  mit  dem  Fürstentume  Suruga  belehnt  worden  war. 
Ebenso  war  einer  seiner  Günstlinge,  Takigawa  Katsumasu,  zum  Statthalter  der  öst- 
lichen Provinz  Kwantö  ernannt  und  mit  Gütern  in  dem  eroberten  Fürstentum  Sinano 
belehnt  worden,  wo  auch  anderen  verdienstvollen  Offizieren  Ländereien  verliehen 
wurden. 


4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats.  383 

Nobunaga  selbst  und  seine  beiden  älteren  Söhne  Nobutada  und  Nobuwo  hatten 
die  den  Kronländern  zunächst  gelegenen  Fürstentümer  Jetsizen,  Mino,  Owari,  Omi, 
und  Ise  in  Besitz.  Sein  tapferster  Feldherr  Hidejosi,  der  bereits  früher  (1575)  mit 
der  Provinz  Tsikuzen  belehnt  worden  war,  hatte  das  Fürstentum  Harima,  welches  den 
westlichen  Schlüssel  zu  den  Kronländern  bildet,  erhalten.  Die  Provinz  Harima,  diesen 
militärisch  wichtigsten  Punkt,  hatte  Nobunaga  seinem  tüchtigsten  Feldherrn  absicht- 
lich anvertraut,  um  von  dort  aus  seine  Macht  über  die  westlichen  Länder  von  Nippon 
ausbreiten  zu  können.  Dort  hatte  sich  aber  ein  mächtiger  Fürst,  Mori  Terumoto, 
in  den  ansehnlichen  Fürstentümern  Nagato  und  Aki  festgesetzt  und  war  bereits  mit 
seinem  Heere  bis  nach  Bitsiu  vorgedrungen,  wo  er  Hidejosi  gegenüber  lagerte  (Juni 
1582).  I11  den  Kronländern  selbst  waren  Unruhen  zu  befürchten,  da  dort  die  Rach- 

sucht der  gestürzten  Reichsgrofsen  und  Buddhapriester  noch  nicht  gestillt  war; 
auch  erweckte  das  unverkennbare  Streben  Nobunagas  nach  unumschränkter  erblicher 
Alleinherrschaft  bei  seinen  ehrgeizigen  Feldherren  Besorgnis,  welche,  wie  später  die 
Geschichte  gezeigt  hat,  darauf  ausgingen,  die  Landeshoheit  in  ihren  Fürstentümern  zu 
erlangen.  Nicht  für  Nobunagas  Herrschaft,  sondern  für  ihre  Selbständigkeit  hatten  sie 
bisher  gekämpft  und  grosse  Opfer  gebracht.  Wenn  auch  die  Jahrbücher  von  Nippon, 
soweit  wir  diese  kennen,  darüber  schweigen,  so  steht  es  dennoch  fest,  dafs  der  Sturz 
des  mächtigen,  aber  übermütig  gewordenen  Nobunaga  kein  Zufall  war,  viel  weniger  noch 
die  Folge  eines  unüberlegten  Schrittes.  Es  war  vielmehr  die  Frucht  einer  reifen  Ver- 
schwörung und  das  Werk  schlauer  Berechnung  seiner  Parteigänger.  Selbst  Hidejosi 
und  Ijejasu  können  von  der  Teilnahme  daran  nicht  freigesprochen  werden.  Beide 
waren  einige  Zeit  zuvor  an  den  Hof  des  sich  selbst  vergötternden  Herrschers  zur 
Huldigung  gekommen,  wobei  Ijejasu  mit  dem  Günstlinge  Nobunagas,  dem  treulosen 
Aketsi,  der  das  Haupt  der  Verschwörung  war,  sehr  vertraut  geworden  sein  soll.  So- 
wohl Hidejosi,  wie  Ijejasu,  hatten  kurz  vorher  das  politische  Terrain  in  den  Kron- 
ländern und  in  der  Hauptstadt  Kioto  sondiert.  Dort  allein  konnte  Nobunagas  Sturz 
vorbereitet  und  zur  Ausführung  gebracht  werden.  Der  günstige  Moment  dazu  schien 
gekommen:  Hidejosi,  vom  mächtigen  Fürsten  Mori  Terumoto  in  Bitsiu  bedrängt, 
fordert  dringend  Hülfe  von  Nobunaga;  dieser  eilt  auch  nach  Kioto,  nimmt  seinen 
Wohnsitz  im  Tempel  Hon-nösi,  sammelt  die  in  der  Stadt  und  Umgebung  befind- 
lichen Truppen  und  sendet  an  30000  Mann  unter  dem  Befehle  seines  Günstlings 
Aketsi  Mitsihide  ab,  um  Hidejosi  zu  unterstützen.  Der  treulose  Aketsi  führt  jedoch  im 
Einverständnis  mit  seinen  Offizieren  unter  dem  Vorwände  eines  Gegenbefehls  sein 
Heer  nach  Kioto  zurück,  bemächtigt  sich  der  von  Verteidigern  entblöfsten  Stadt  und 
zieht,  ohne  Widerstand  zu  begegnen,  nach  dem  Tempel  Hon-nösi,  wo  er  bei  Tages- 
anbruch Nobunaga  überfällt.  Diesem  verkündete  ein  Pfeilschufs,  der  ihn  verwundete, 
die  Gefahr,  in  welcher  er  schwebt.  An  der  Spitze  seiner  Leibwachen  wirft  er  sich 
den  Verrätern  entgegen  und  kämpft  mit  dem  Mute  der  Verzweiflung.  Kampfunfähig 
geworden  und  rettungslos  verloren  steckt  er  den  Tempel  in  Brand  und  durchbohrt 
sich  mit  dem  Schwerte.  Sein  Sohn  Nobutada,  der  einen  andern  Tempel  Mikakusi 
bezogen  hatte,  eilt  zwar  herbei,  flüchtet  sich  aber,  wie  er  die  Wohnung  seines  Vaters 
in  Flammen  findet,  nach  dem  Palaste  Nisino-gojö,  dem  Sitze  eines  Sohnes  des 
Mikado,  wo  er  sich  sicher  wähnte.  Aber  auch  dieser  Palast  wurde  von  den  Ver- 
schworenen erstürmt,  und  Nobutada  und  seine  Getreuen  legten  Hand  an  sich  selbst, 
um  nicht  lebend  in  die  Hände  der  Feinde  zu  fallen.  Anfangs  schien  Aketsis  Ge- 


384 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

waltstreich  auf  die  Bevölkerung  von  Kioto , dem  Mittelpunkte  des  Buddhismus,  einen 
günstigen  Eindruck  gemacht  zu  haben,  den  er  durch  Erlass  aller  Abgaben  und 
Steuern  noch  zu  erhöhen  suchte.  Von  hier  aus  zog  Aketsi  an  demselben  Tage  nach 
dem  Schlosse  Atsutsi,  welches  er  samt  den  unermefslichen  dort  aufgespeicherten 
Schätzen  Nobunagas  in  seine  Gewalt  bekam.  Er  verteilte  die  Beute  unter  seine  An- 
bänger  und  kehrte  darauf  wieder  nach  Kioto  zurück. 

So  fiel  denn  am  20.  Juni  1582  Nobunaga,  gleich  grofs  als  Feldherr  wie  als 
Staatsmann,  in  der  Vollkraft  seines  Lebens,  erst  49  Jahre  alt.  Mitten  in  seinen  Er- 
oberungen und  im  bewufsten  Streben  nach  einer  von  allen  weltlichen  und  geistlichen 
Einflüssen  befreiten  Alleinherrschaft  war  er  bereits  Herr  und  Gebieter  von  34  Fürsten- 
tümern des  Reiches  geworden  und  begann  seine  Blicke  schon  nach  dem  asiatischen 
Festlande,  nach  Korea  und  China  zu  richten.  Er  war  ein  abgesagter  Feind  der  bud- 
dhistischen Geistlichkeit,  deren  Heuchelei  seinen  Widerwillen  erweckt  hatte,  dagegen 
zeigte  er  sich  dem  Christentum  zugethan,  wohl  infolge  des  guten  Eindrucks,  welchen 
seine  christlichen  Unterthanen  im  Gegensatz  zu  den  Anhängern  der  buddhistischen 
Religion  auf  ihn  gemacht  hatten.  Mit  Nobunaga  erlosch  das  Licht  der  Aufklärung,  welches 
einen  Augenblick  in  Japan  aufgeflackert  hatte;  seine  Erhebung  wie  sein  Untergang 
stählte  die  Waffen  des  Despotismus,  welcher  bald  unter  seinen  Nachfolgern  zwar  mit  Mut 
und  Kühnheit,  aber  auch  mit  unbeugsamer  Strenge  und  mifstrauischem  Argwohn  ge- 
paart, das  Scepter  führen  sollte.  Während  der  Glanzperiode  der  Herrschaft  Nobunagas 
hatte  auch  die  christliche  Kirche  ihren  glorreichsten  Höhepunkt  in  Japan  erreicht. 
Als  bester  Beweis  desselben  dient  die  weltberühmte  Gesandtschaft,  welche  die  zum 
Christentum  bekehrten  japanischen  Granden  an  den  päpstlichen  Stuhl  über  Lissabon 
abgesandt  hatten. 

Aketsi  versuchte,  sich  zu  Kioto  in  der  obersten  Macht  zu  behaupten  und  seine 
Herrschaft  durch  die  Vernichtung  aller  Anhänger  Nobunagas  zu  befestigen;  die  ab- 
geschlagenen Häupter  sollen  einen  Berg  vor  seinem  Palaste  gebildet  haben.  Hide- 
josi  aber  hatte  schleunigst  mit  Mori  Terumoto  Frieden  geschlossen  und  kehrte  nach 
seinem  Schlosse  von  Himeji  zurück.  Hierauf  marschierte  er  gegen  Kioto,  wohin  auch 
Nobutaka,  der  dritte  Sohn  Nobunagas,  mit  seinen  Getreuen  im  Anzuge  war,  denen 
sich  Takajama  Ukon,  Herr  von  Takatsuki  in  der  Provinz  Setsu,  welcher  Christ  war, 
an  der  Spitze  von  tausend  auserlesenen  Kriegern  anschlofs.  Am  1.  Juli  kam  es  bei 
Jamasaki  zu  einem  Treffen,  in  welchem  Aketsi  geschlagen,  seine  Truppen  zerstreut 
und  er  selbst  schwer  verwundet  wurde.  Als  er  verkleidet  zu  entfliehen  versuchte, 
wurde  er  von  den  Bauern  erschlagen.  So  war  in  wenig  Tagen  Aketsis  Herrschaft 
wieder  gestürzt  worden,  ein  Ereignis,  das  zum  warnenden  Sprichwort  im  Volksmunde 
geworden  ist.  «Aketsi  no  tenka  mika»,  d.  i.  «Aketsis  Herrschaft  dauerte  drei  Tage». 

Die  Missionäre  schreiben  dem  Takajama,  den  sie  Ukon  dono  nennen,  das  Ver- 
dienst zu,  mit  seinem  kleinen  ausgesuchten  Corps  den  Aketsi  in  seiner  Verschanzung 
angegriffen  und  vernichtet  zu  haben.  Ijejasu  spielte  bei  dieser  Gelegenheit  eine 
zweideutige  Rolle.  Obgleich  er  mit  seinen  Truppen  nicht  weit  vom  Kriegsschauplatz 
zu  Sakai  stand,  vermied  er  es  gegen  die  Verräter  zu  Felde  zu  ziehen  und  kehrte 
nach  seinem  Schlosse  Hamamatsu  in  der  Provinz  Tötomi  zurück.  Angeblich  hatten 
ihn  seine  Anhänger  von  der  Beteiligung  an  der  Schlacht  abgehalten. 

Nobutaka,  der  dritte  Sohn  Nobunagas,  ein  tüchtiger  Feldherr  und  warmer  Freund 
der  Christen,  hegte  die  Hoffnung,  seinem  Vater  in  Rang  und  Würden  nachzufolgen. 


4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats.  385 

Er  sollte  jedoch  bald  enttäuscht  werden;  denn  Hidejosi  hatte  es  anders  beschlossen. 
In  Übereinstimmung  mit  einigen  andern  Führern  wurde  der  junge  Sanbosi,  der  Sohn  des 
in  Kioto  umgekommenen  ältesten  Sohnes  Nobunagas,  zum  Nachfolger  ausersehen;  ob- 
gleich er  eigentlich  nur  ein  Adoptivsohn  Nobutadas  war.  Dieser  wurde  dem  Mikado  zur 
Ernennung  zum  Sjögun  vorgeschlagen,  und  die  Vormundschaft  über  ihn  sollte  dem 
zweiten  Sohne  Nobunagas,  dem  Nobuwo,  übertragen  und  ihm  die  Landschaft  Owari  als 
Lehen  vom  Kaiser  verliehen  werden.  Nach  dem  Zeugnisse  der  Patres  soll  aber  dieser 
Nobuwo  später  wahnsinnig  geworden  sein  und  das  Schlofs  in  Brand  gesteckt  haben. 

Nobutaka,  der  von  seinem  Vater  designierte  Fürst  von  Sikoku,  erhielt  jetzt  das 
Fürstentum  Mino.  Es  war  nun  infolge  der  allgemeinen  Erschöpfung  momentane 
Ruhe  im  Reiche  eingetreten.  Es  war  aber  kein  dauernder  Friede,  sondern  gleichsam 
nur  die  Stille  im  Mittelpunkte  der  Bahn  eines  fürchterlichen  Orkans. 

Die  Ursachen  der  Erschütterungen,  Ehrgeiz  und  Herrschsucht,  bestanden  fort  und 
mufsten  abermals  zu  einem  Konflikte  führen. 

In  der  Mitte  der  Kronländer  behauptete  sich  jetzt  Hidejosi,  der  sich  Kioto  zum 
Beobachtungsposten  auserwählt  hatte.  I111  Vertrauen  auf  sein  siegreiches  Schwert 
richtete  er  seinen  Blick  auf  die  Eroberung  der  Alleinherrschaft.  Die  Fackel  des  religiösen 
Fanatismus,  welche  Nobunaga  in  den  Staub  getreten  hatte,  brannte  zwar  noch,  aber  ihre 
früheren  Träger  hatten  bis  dahin  es  nicht  gewagt,  sie  zu  erheben,  so  lange  noch  die 
Glücksschale  sich  zu  Gunsten  dieses  Kronbewerbers  geneigt  hatte,  dessen  religiöse  Richtung 
eine  dem  Buddhismus  entgegengesetzte  Richtung  verfolgt  hatte.  Wenn  auch  so 
manchen  Fürsten  und  Reichsgrofsen  nach  den  Trümmern  des  Reiches  Nobunagas  ge- 
lüstete, so  war  doch  hauptsächlich  nur  ein  Triumvirat,  das  nach  der  Oberherrschaft 
strebte:  Hidejosi,  der  seinen  gestählten  Arm  scheinbar  zum  Schutze  einer  entnervten 
Legitimität  erhob;  Nobutaka,  der  mit  seinen  Getreuen  den  Mörder  seines  Vaters  ver- 
nichtet hatte  und  rechtmäfsigen  Anspruch  auf  die  Regierungsverwaltung  zu  haben  glaubte, 
und  Ijejasu,  ein  mächtiger  Fürst  und  guter  Feldherr,  der  im  Hinterhalte  lauerte. 

Hidejosi,  der  inzwischen  einen  hohen  Hofrang  vom  Mikado  erhalten  hatte  und 
von  ihm  zum  zweiten  General  zur  Rechten  ernannt  worden  war,  suchte  seine  An- 
hänglichkeit an  das  Haus  Nobunaga  kund  zu  geben,  indem  er  den  Mikado  bestimmte, 
dem  verstorbenen  Nobunaga  noch  nachträglich  den  Ehrentitel  eines  Daisjö  Daizin 
(der  zweite  Rang  erster  Klasse)  und  den  posthumen  Namen  Suken-in  zu  verleihen. 
Er  ordnete  bei  dessen  Beisetzung  im  Tempel  Daikokusi  ein  so  feierliches  Leichenbe- 
gängnis an,  dafs  es  fast  mit  einer  Vergötterung  zu  vergleichen  war.  Aber  bald  nach- 
her (Dezember  15 82)  zog  er  mit  einem  Heere  nach  Mino  gegen  Nobutaka,  der  an- 
geblich gegen  ihn  und  den  Regenten  Nobuwo  feindliche  Absichten  im  Schilde  führte. 
Er  kehrte  jedoch,  da  dieser  um  Frieden  bat,  bald  wieder  nach  Kioto  zurück.  Auch 
Ijejasu,  der  sich  gleich  anfangs  auf  sein  Schlofs  Hamamatsu  in  Tötomi  zurückgezogen 
hatte,  benützte  den  Aufstand  in  seinen  Nachbarländern  und  bemeisterte  sich  der  Provinz 
Sinano,  wodurch  er  in  den  Besitz  von  drei  grofsen  Fürstentümern  im  Osten  der  Kron- 
Tänder  und  dicht  im  Rücken  der  beiden  Söhne  Nobunagas  gelangte.  Denkwürdig  ist 
der  Besuch,  den  Hidejosi  am  Schlüsse  dieses  verhängnisvollen  Jahres  seinem  Schütz- 
linge, dem  unmündigen  Enkel  Nobunagas  und  dessen  Vormunde  Nobuwo  aut  dem 
Schlosse  zu  Atsusi  machte,  und  die  daraut  vom  Mikado  erfolgte  Ernennung  des  noch 
unmündigen  Prinzen  zum  Sjögun  unter  der  Vormundschaft  des  blödsinnigen  Nobuwo. 
Dadurch  hatte  sich  Hidejosi  die  Tatsächliche  Oberfeldherrn-Gewalt  gesichert,  aber 

v.  Siebold,  Nippon  I.  2.  Aufl.  2S 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


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zugleich  auch  seine  ehrgeizigen  Pläne  verraten.  Nobutaka  als  Prätendent  griff  nun, 
von  seinem  Freunde,  Katsuje,  Fürsten  von  Jetsizen,  und  seinem  Neffen  Morimasa 
unterstützt,  zu  den  Waffen.  Bereits  im  Februar  1583  hatte  sich  Hidejosi  nach 
Omi  begeben,  welche  Landschaft  im  Osten  an  Mino  (Nobutakas  Fürstentum)  und  im 
Norden  an  Jetsizen  (Jatsujes  Fürstentum)  grenzt  und  wo  sich  der  Kriegsschauplatz  er- 
öffnen mufste.  Im  April  stand  er  schon  einem  mächtigen  Heere  von  Morimasa  gegen- 
über. Er  übergab  jedoch  das  Kommando  seinem  General  Kojohide  und  wandte  sich 
selbst  nach  Mino  gegen  Nobutaka.  General  Kojohide  wurde  aber  von  Morimasa  geschlagen 
und  verlor  dabei  sein  Leben.  Hidejosi  sah  sich  daher  genötigt,  mit  seinen  Truppen  zu- 
rückzukehren und  sich  Morimasa  entgegenzuwerfen,  den  er  mit  seinen  sieben  tüchtigsten 
Generälen  angriff,  schlug  und  gefangen  nahm.  Nun  drang  er  in  Jetsizen  ein,  um 
Katsjuje,  der  sich  auf  sein  Schlols  Gifu  zurückgezogen  hatte,  anzugreifen.  Dieser 
entleibte  sich.  Hierauf  marschierte  er  nach  Mino  gegen  Nobutaka  und  vernichtete 
diesen.  So  wurde  auch  dieser  gefährliche  Prätendent  beseitigt.  Der  schlaue  Ijejasu 
blieb  inzwischen  ruhiger  Zuschauer.  Schon  im  Juni  kehrte  Hidejosi  siegreich  nach 
Kioto  zurück.  Der  Statthalter  der  östlichen  Provinzen  Takegawa  Katsumoto,  ein 
Günstling  Nobunagas,  war5  gleich  nach  dem  Sturze  seines  Herrn  mit  dem  Fürsten  von 
Wodowara  (in  Sagarni)  in  Fehde  gekommen  und  hatte  sich  von  Musasi  nach  Owari 
in  das  Schlofs  Nagasima  zurückgezogen.  Bis  jetzt  hatte  er  sich  noch  nicht  dem  Hide- 
josi unterworfen.  Es  lag  jedoch  im  Interesse  dieses,  ihn  für  sich  zu  gewinnen,  und  so  wurde 
er  zum  Sangi,  einer  hohen  Stelle  äm  Hofe  des  Mikado,  auf  Hidejosis  Empfehlung  ernannt. 

Im  südwestlichen  Teile  des  Reiches,  auf  der  Insel  Kiusiu,  war  es  seit  der  Mitte 
des  16.  Jahrhunderts  nicht  . zum  Landesfrieden  gekommen.  Die  Fürsten  der  neun 
Provinzen  dieser  Insel  und  ihre  Vasallen  waren  beständig  in  Fehde,  wozu  die  christ- 
lichen Glaubensboten  und  ihre  Neubekehrten  häufig  Anlafs  gaben.  Ein  solcher  Kampf 
fand  eben  in  diesem  Jahre  von  seiten  des  gefürchteten  Fürsten  von  Hizen,  eines  fana- 
tischen Buddhisten,  der  bereits  den  Fürsten  von  Bungo,  einen  eifrigen  Anhänger  der 
Christen,  besiegt  und  die  Fürstentümer  Buzen,  Tsikugo  und  einen  Teil  von 
Higo  erobert  halte,  gegen  die  kleineren  christlichen  Fürsten  von  Arima  und  Omura 
statt;  diesen  kam  der  mächtige  Fürst  von  Satzuma  zu  Hülfe,  obgleich  er  kein  Christen- 
freund war,  aber  aus  Besorgnis,  auch  in  seinen  Staaten  von  dem  ihm  gefährlich 
werdenden  Sieger  angegriffen  zu  werden.  Es  kam  zu  einer  mörderischen  Schlacht 
auf  der  Halbinsel  Simabara,  wobei  die  Truppen  von  Satsuma  den  Ausschlag  gaben, 
und  der  Fürst  von  Hizen  Riözosi,  Takanobu  das  Leben  verlor  (24.  April  1583). 
Der  Fürst  von  Satsuma,  er  hiefs  Simadsu  Josihisa,  beabsichtigte  das  Fürstentum  Tsikugo 
sich  anzueignen,  welches  aber  der  Fürst  von  Bungo,  der  ein  Christ  und  der  mäch- 
tigste Beschützer  der  Christen  auf  Kiusiu  war  und  dessen  Eigentum  es  früher  gewesen, 
inzwischen  bereits  in  Besitz  genommen  hatte.  Der  Fürst  von  Satsuma  begnügte  sich  des- 
halb, damit  sich  seiner  verlorenen  Besitzungen  in  Higo  zu  versichern  und  schob  seinen 
Feldzug  gegen  den  Fürsten  von  Bungo  bis  zu  einem  günstigeren  Zeitpunkte  auf.  Bald 
sollte  auch  ein  Zerwürfnis  zwischen  Hidejosi  und  Nobuwo,  der  nur  dem  Namen  nach 
die  Vormundschaft  über  den  unmündigen  Sjögun  führte,  eintreten.  Jetzt  kam  aber 
Ijejasu  dem  Nobuwo  zu  Hülfe,  schlug  Hidejosis  Schwiegersohn  Hidetsugu  und  errang 
grofse  Vorteile  über  seine  Gegner  (April  1584).  Hidejosi  marschierte  nach  Owari, 
wo  es  zu  einem  Treffen  kam,  in  welchem  der  Sangi  Takejama  Katsumasa,  der  auch 
auf  Nobuwos  Seite  getreten  war,  geschlagen  wurde.  Hidejosi  nahm  nun  die  Provinz 


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Mikawa  ein,  wo  sich  ihm  Ijejasu  entgegen  warf  und  ihn  zurücktrieb.  Ijejasu  zog  sich  hierauf 
auf  sein  Schlofs  Hamamatsu  in  Tötomi,  und  Hidejosi  nach  Kioto  zurück.  Es  kam  ein 
vorläufiger  Friede  zwischen  letzterem  und  Nobuwo  zu  stände  (November  1584). 
Hidejosi  erhielt  darauf  vom  Mikado  die  Hofwürde  eines  Dainagon  (die  fünfte  im 
Range).  Doch  stets  rastlos,  zog  er  nun  gegen  die  aufständischen  Mönche  zu  Felde 
und  entsandte  eine  Expedition  nach  der  Insel  Sikoku,  um  diese  sich  zu  unterwerfen. 

Im  Kaufe  des  Jahres  1585  fanden  grofse  Veränderungen  am  Hofe  des  Mikado 
statt,  welche  damit  endigten,  dafs  man  Hidejosi,  der  nicht  wohl  zum  Krongeneral 
(Sei-i-Sjögun)  erhoben  werden  konnte,  zum  Kwanbaku  oder  Premierminister  'des 
Mikado  ernannte,  wodurch  er  faktisch  Regent  des  Reiches  wurde  (August  1585). 

Der  sogenannte  Cambacun  dono  oder  «Kaisen)  Taikosama,  dessen  die  Missions- 
berichte des  16.  Jahrhunderts  so  häufig  erwähnen,  ist  daher  unser  Hidejosi,  den  die 
Patres  in  den  verschiedensten  Farben  schildern.  Bald  erscheint  er  ihnen  als  ein  Be- 
schützer, bald  als  ein  Verfolger  der  Christen  und  schliefslich  als  der  Zerstörer  der 
christlichen  Kirche  im  Reiche  Nippon.  Im  Kaufe  jenes  Jahres  unternahm  er  noch  einen 
Feldzug  nach  Jetsju  und  Noto  und  unterwarf  auch  diese  Fürstentümer  seiner  Herrschaft. 

Aber  Ijejasu,  der  inzwischen  noch  mächtiger  geworden  und  im  Besitze  von  acht 
Fürstentümern  war,  dabei  ein  vorzüglicher  Stratege  und  gewandter  Staatsmann,  stand 
noch,  wenn  auch  nicht  gerade  feindlich,  doch  kühn  und  trotzig  dem  mächtigen  Hide- 
josi gegenüber.  Der  schlaue  und  vorsichtige  Hidejosi  liefs  ihn  durch  Nobuwo,  den 
Vormund  des  Sjögun,  auffordern,  nach  Kioto  zu  kommen,  was  er  jedoch  verweigerte. 
Er  liefs  ihn  hierauf  vom  Mikado  zum  Sangi  ernennen  (März  1586),  was  er  gleichfalls 
ablehnte.  Hidejosi  übersandte  ihm  hierauf  seine  jüngste  Schwester  zur  Gemahlin  und 
endlich,  als  auch  dies  Mittel  ihn  nicht  nachgiebig  machte,  sandte  er  ihm  seine  alte 
Mutter  als  Unterpfand  seiner  Freundschaft.  Jetzt  erst  entschlofs  sich  Ijejasu  nach  Kioto 
an  den  Hof  des  Mikado  und  nach  Osaka  zu  kommen  und  Hidejosi  in  seinem  Schlosse 
zu  besuchen.  Er  ward  vom  Mikado  zum  Tsunagon  (der  sechste  Rang  am  Hof) 
ernannt,  und  Hidetsugu  zum  Sangi  (November  1586).  Ijejasu  kehrte  darauf  nach 
seinem  Schlosse  Hamamatsu  zurück  und  entliefs  Hidejosis  Mutter.  Wir  glauben  diese 
Ereimfisse  umständlich  erwähnen  zu  müssen,  weil  dadurch  damals  nicht  blofs  der  Reichs- 
friede  zu  stände  kam,  sondern  weil  sich  auch  die  politische  Tragweite  derselben  auf 
einige  Jahrhunderte  hinaus  bis  auf  die  Jetztzeit  erstreckt.  Am  Schlüsse  dieses  denk- 
würdigen Jahres  erhielt  Hidejosi  die  höchste  Würde  am  Hofe  des  Mikado,  die  des 
Daisjö  daizin.  Er  nahm  den  Geschlechtsnamen  Tojotomi  an;  und  von  da  an  wird 
Tojotomi  Hidejosi  in  den  Reichsannalen  als  XIX.  Sjögun  aufgeführt.  Hidenobu,  der 
drei  Jahre,  von  1582—85  als  XVIII.  Sjögun  figurierte,  und  sein  Vormund  Nobuwo 
verschwinden  aus  der  Geschichte. 

Tojotomi  Hidejosi  war  nach  einigen  Geschichtsschreibern  von  niederer  Herkunft, 
nach  anderen  der  natürliche  Sohn  eines  in  Ungnade  gefallenen  Würdenträgers  am  Hofe 
des  Mikado.  Er  hatte  sich  vom  Bedienten  (Knappen)  zum  Krieger  (Ritter)  und  durch 
seine  Verdienste  zum  Günstling  und  hervorragenden  Feldherrn  Nobunagas  empor- 
geschwungen. Er  war  von  kleiner  Statur,  beleibt,  aber  sehr  kräftig;  seine  Gesichtsbildung 
war  häfslich;  er  hatte  keinen  Bart,  kleine  runde  Augen;  man  nannte  ihn  daher  zum  Spott: 
«Sarutsura»,  Affengesicht'.  Als  Krieger  zeichnete  er  sich  durch  Mut  und  Kühnheit,  als 
Feldherr  durch  Entschlossenheit  und  Scharfsinn,  als  Staatsmann  durch  Klugheit  und  Schlau- 
heit, die  oft  in  Trug  und  Fist  entartete,  aus.  Leidenschaften  jeder  Art  leiteten  seine 


388  Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Handlungen  und  zeichneten  sie  trotz  seiner  Selbstbeherrschung  mit  den  grellsten 
Farben.  Seine  Habsucht,  Verschwendung,  Herrschsucht,  Sinnlichkeit  und  Grausam- 
keit traten  immer  wieder  hervor;  er  war  ein  unersättlicher  Eroberer,  der  auf  der  end- 
losen Bahn  seiner  herrschsüchtigen  Pläne  schliefslich  zu  Grunde  ging,  ohne  seine  höchsten 
Ziele  erreicht  zu  haben.  Nobunaga,  obgleich  auch  dieser  den  Gipfel  der  Macht 
nicht  erreicht  hatte,  diente  ihm  als  Vorbild,  das  er  noch  zu  übertreffen  bestrebt  war. 

So  hatte  er  sich  die  Stadt  Osaka  und  die  Festung  daselbst  als  Residenz  erkoren, 
und  die  Anlagen  übertrafen  bei  weitem  Nobunagas  berühmte  Burg  von  Atsusi.  Auch 
der  von  ihm  erbaute  Tempel  des  Daibutsu  (des  grofsen  Buddha)  setzte  die  Halle, 
welche  Nobunaga  zu  seiner  Selbstvergötterung  errichtet  hatte,  vollständig  in  Schatten. 
Alles,  was  Hidejosi  that  und  schuf,  war  riesenhaft;  es  ruhte  aber  auch  alles  auf  einer  wohl 
vorher  berechneten  Grundlage.  Als  er  die  letzten  Expeditionen  nach  Kiusiu  und  nach 
dem  Osten  und  Norden  von  Nippon  zum  Zwecke  der  Besiegung  seiner  letzten  Wider- 
sacher und  zur  Begründung  seiner  Suprematie  unternahm,  war  schon  sein  Eroberungs- 
zug nach  der  koreanischen  Halbinsel  geplant;  und  während  er  mit  Hülfe  getreuer  und 
tapferer  Christen  seine  eigene  Herrschaft  im  Lande  befestigte,  hatte  er  bereits  die 
Zerstörung  der  christlichen  Kirche  und  die  Vernichtung  seiner  christlichen  Feldherren 
beschlossen.  Diese  Gabe  politischer  Voraussicht  haben  seine  Nachfolger  im  Sjögunat 
von  ihm  ererbt  und  sie  befähigt,  jahrhundertelang  alle  Hindernisse  aus  dem  Wege 
zu  räumen,  welche  den  Landesfrieden  oder  ihren  Besitz  stören  konnten. 

Wir  wollen  nun  auf  den  Schauplatz,  dessen  Hauptpersonen  wir  näher  kennen 
gelernt  haben,  zurückkehren. 

Ijejasu,  sein  Nebenbuhler,  war  gewonnen  oder  schien  doch  wenigstens  zum  Frieden 
geneigt  zu  sein.  Hidejosi  konnte  daher  unbesorgt  seine  Streitkräfte  zur  Unterwerfung 
des  mächtigen  Fürsten  von  Satsuma  und  einiger  anderen  Fürsten  von  Kiusiu  und  des 
nördlichen  Teiles  von  Nippon  verwenden.  Josihisa  wurde  besiegt  und  in  den  neun 
Provinzen  von  Kiusiu  der  Friede  hergestellt.  Auch  unterwarf  sich  Mori  Terumoto, 
Fürst  von  Nagatö,  gegen  den  früher  Hidejosi  unter  Nobunaga  gekämpft  hatte,  des- 
gleichen auch  Nagawo  Kagekatsu,  Fürst  von  Jetsigo.  Ersterer  wurde  zum  Statt- 
halter in  den  westlichen  Provinzen  von  Nippon  (von  Nagato  bis  Setsu)  ernannt, 
letzterer  erhielt  die  gleiche  Würde  in  den  nördlichen  Provinzen  (1587). 

Der  designierte  Thronfolger  des  bereits  seit  1558  regierenden  Mikado  Okimatsi 
war  im  August  1586  gestorben;  dieser,  der  eine  schwere  Zeit  durchlebt  hatte,  be- 
schlofs  die  Krone  niederzulegen  und  sie  seinem  Enkel  zu  übertragen,  welcher  auch 
im  Jahre  1587  als  CVIII.  Mikado  unter  dem  Namen  Gojösei  eingesetzt  wurde. 

Hidejosi  liefs  dem  jungen  Mikado  einen  so  prächtigen  Palast  bauen,  wie  vorher  noch 
keiner  bestanden  hatte.  Hierauf  legte  er  die  Würde  eines  Daijö  daizin  und  das  hohe 
Staatsamt  als  Kambaku  oder  Kanzler  des  Reiches  nieder  (1591)  und  nahm  den  Titel  Taiko 
an.  Zum  Kambaku  wurde  Hidetsugu,  sein  Neffe  und  Adoptivsohn,  bestimmt,  aber  erst 
im  Jahre  1591  in  diese  Würde  eingesetzt,  wo  er  auch  gleichzeitig  als  XXX.  Sjögun 
in  den  Reichsannalen  auftritt.  Von  nun  an  kennt  die  Geschichte  Hidejosi  den  Helden 
jener  Zeit  unter  dem  Namen  Taikosama1 *.  Er  gab  sich  den  Anschein,  als  w7olle  er 
dem  Mikado  seine  frühere  Macht  als  Alleinherrscher  zurückgeben;  es  war  ihm  jedoch 


1 Taiko  ist  der  gewöhnliche  Titel  eines  in  den  Ruhestand  versetzten  Kwanpaku  oder  Reichs- 

kanzlers. Sama  bedeutet  soviel  wie  Herr. 


4-  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats.  jgp 


nur  darum  zu  thun,  die  demselben  ergebenen  Reichsgrofsen  für  sich 


zu 


gewinnen, 


um  dem  Ehrgeiz  anderer  Fürsten,  die  auch  nach  der  obersten  Gewalt  gelüsteten, 
Schranken  zu  setzen.  Nachdem  er  Ruhe  und  Frieden  in  den  östlichen  Provinzen  her- 
gestellt und  Dewa  und  Mutsu,  die  nördlichsten,  unterworfen  hatte,  ernannte  er  Ijejasu 
zum  Statthalter  der  acht  östlich  von  den  Kronländern  gelegenen  Provinzen  und  be- 
lohnte auch  seine  übrigen  tapferen  und  getreuen  Generäle  mit  Fändereien. 

Jetzt  war  endlich  die  Ruhe,  welche  seit  der  Mitte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts 
unaufhörlich  gestört  worden  war,  im  ganzen  Reiche  wieder  hergestellt.  Es  sollte  je- 
doch nur  ein  kurzer  Fandesfriede  herrschen. 

Taikosama  war  nun  in  Wirklichkeit  Alleinherrscher  geworden,  obgleich  sein 
Schwiegersohn  Hidetsugu  als  Kambaku  und  Sjögun  figurierte  und  der  Mikado  immer 
noch  nominell  die  höchste  Stelle  im  Reiche  innehatte. 

Das  Buddhatum  mit  seiner  Priesterherrschaft  hatte  unter  Nobunagas  Regierung 
einen  zu  harten  Schlag  erlitten,  um  sich  so  leicht  wieder  aufrichten  zu  können;  auch 
Hidejosi  wufste  die  Gelüste  der  Priester,  sich  in  Staatsangelegenheiten  zu  mischen,  mit 
eiserner  Faust  niederzuhalten.  Das  Christentum  schien  er  zu  Anfang  seiner  Herrschaft 
gleich  seinem  Vorgänger  Nobunaga  zu  begünstigen.  Seine  tüchtigsten  Generäle  und 
Offiziere,  der  Admiral  der  Flotte,  die  Statthalter  von  Osaka  und  Sakai  und  mehrere 
Fürsten  von  Kiusiu  hatten  nicht  nur  die  heilige  Taufe  empfangen,  sondern  waren 
auch  eifrige  Anhänger  ihres  neuen  Glaubens.  Die  Zahl  der  Christen  hatte  sich  in 
jedem  Jahre  um  Tausende  vermehrt;  die  Fürsten  von  Bungo  und  Omüra  und  Arima 
hatten  ihre  Fänder  fast  zu  christlichen  Staaten  umgeschaffen  und  eine  Gesandschaft 
nach  Rom  an  Papst  Gregor  XIII.  entsendet.  Zu  Nagasaki,  dem  Sitze  des  portugie- 
sischen Handels,  lebten  über  dreifsigtausend  Christen  — mehr  als  jetzt  die  gesamte 
Bevölkerung  dieser  Stadt  beträgt;  dort  duldete  man  keine  Buddhisten  mehr.  Die  Ge- 
sandten obengenannter  drei  Fürsten  waren  unterdessen  im  Triumphe  durch  Portugal, 
Spanien,  Frankreich  und  Italien  gezogen  und  hatten  sich  vor  dem  päpstlichen  Stuhle 
niedergekniet.  Mit  Ehrenbezeigungen  und  Geschenken  überhäuft  und  mit  einem 
päpstlichen  Breve  versehen,  waren  sie  bereits  im  Mai  1587  nach  Goa  zurückgekehrt, 
von  wo  sie  sich  im  Frühjahre  1588  unter  Begleitung  des  Veranstalters  der  Gesandt- 
schaft, des  Paters  Alexander  Valegnani,  der  vom  portugiesischen  Vizekönig  von  Indien, 
Dom  Eduard  de  Menesez  bei  Taikosama  als  Gesandter  akkreditiert  worden  war,  nach 
Japan  einschifften  und  dort  am  11.  Juli  1590  ankamen.  Die  portugiesische  Gesandt- 
schaft wurde  am  Hofe  des  Taikosama  empfangen,  was  grofses  Aufsehen  im  Reiche 
Die  Anhänger  des  Christentums  betrachteten  dieses  als  eine  göttliche  Fügung 


erregte. 


die  Feinde  desselben  legten  es  als  ein  Trugspiel  der  Missionäre  aus;  man  bezweifelte, 
ob  diese  Gesandtschaft  auch  wirklich  von  höherem  Orte  ausgegangen  sei.  Die  glück- 
liche Zurückkunft  der  japanischen  Gesandten,  ihr  feierlicher  Einzug  mit  dem  portu- 
giesischen Gesandten  in  Kioto  und  ihre  Audienz  am  Hofe  des  Hidejosi,  der  damals 
noch  Kwanbaku  war,  machten  einen  günstigen  Eindruck,  und  die  denkwürdigen  Mit- 
teilungen der  japanischen  Fürstensöhne,  welche  auf  einer  achtjährigen  Reise  in  der 
Fremde  zu  Männern  herangereift  waren,  sowie  ihre  Kenntnisse  erregten  die  allgemeine 
Aufmerksamkeit.  Die  christliche  Kirche  hatte  damals  den  Gipfel  ihrer  Macht  in  Japan 
erstiegen.  Plötzlich  wie  ein  Fichtstrahl  aus  heiterem  Himmel  traf  durch  ein  Edikt  des 
Sjögun  der  Bannstrahl  alle  im  Reiche  sich  befindlichen  christlichen  Glaubensboten. 
Im  Erlasse  selbst,  der  überall  öffentlich  verkündet  wurde,  sind  als  Hauptgründe  der 


390 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Ausweisung  der  fremden  Priester  die  Verkündigung  einer  der  Landesreligion  wider- 
strebenden Glaubenssatzung  und  die  Zerstörung  der  den  Kamis  (Sintö)  und  Hotokes 
(buddhistischen  Gottheiten)  geweihten  Tempel  genannt;  dies  waren  auch  die  Gründe, 
die  Hidejosi  als  erster  Würdenträger  am  Hofe  des  Mikado  und  als  Inhaber  der  obersten 
Gewalt  vorschützen  mufste.  Was  auch  immer  die  Missionäre  und  ihre  Lobredner  als 
Motive  seiner  Handlung  anführen,  wir  können  nicht  glauben,  dafs  es  zufällige  Ereig- 
nisse waren,  die  den  Regenten  und  Protektor  des  Reiches  zu  jenem  entscheidenden 
Schritte  veranlafsten.  Keine  momentane  Kombination  konnte  eine  solche  eingreifende 
Mafsregel  hervorrufen;  es  wrar  vielmehr  die  Ausführung  eines  schon  längst  durch- 
dachten Aktes  der  Staatsklugheit.  Es  war  ein  Schritt,  welcher  als  notwendig  erkannt 
wurde,  um  den  sonst  als  unvermeidlich  erscheinenden  Untergang  der  tausendjährigen 
Mikado-Dynastie  zu  verhindern.  Wir  erkennen  aber  auch  hier  eine  natürliche  Kraft- 
äufserung  des  instinktmäfsigen  Erhaltungstriebes  eines  Heerkönigs.  Wohl  haben  die 
Missionäre  durch  ihren  Bekehrungseifer  und  anderweitige  religiöse  Demonstrationen 
jenen  Erlafs  beschleunigt,  aber  die  Motive  der  Christenverfolgung  wurden  nicht  durch 
diese  äufserlichen  Gründe  hervorgerufen,  sondern  lagen  tiefer. 

Das  Christentum  hatte  innerhalb  einer  Zeit  von  kaum  vierzig  Jahren  festen 
Fufs  auf  dem  japanischen  Boden  gefafst.  Die  Glaubensboten  hatten  den  Samen  nicht 
auf  den  unfruchtbaren  Grund  der  rohen  Volksmassen  ausgestreut,  sondern  auf  das 
sorgfältig  gepflegte  Feld  der  Gebildeten  an  den  Höfen  der  Reichsgrofsen.  In  eigenen, 
für  die  adelige  Jugend  errichteten  Seminarien  wurde  die  christliche  Religion  ge- 
lehrt und  beständig  erfrischt  und  unter  dem  Schutze  hoher  Gönner  zur  Reife 
gebracht.  Es  waren  grofse  Feldherren  und  Staatsmänner  aus  dieser  Schule  hervor- 
gegangen; die  Besten  im  Heere  Taikos  und  der  anderen  Fürsten  waren  Christen, 
nicht  nur  dem  Namen  nach,  sondern  aus  voller  Überzeugung.  Einer  der  tüchtigsten 
Feldherren,  Ukon  dono,  gab  den  Beweis  dieser  Gesinnungen,  indem  er  Verbannung 
und  Konfiskation  seiner  Güter  der  Abschwörung  des  wahren  Glaubens  vorzog;  zu 
ähnlichen  Opfern  waren  Tausende  bereit.  Während  der  inneren  Unruhen  konnte 
und  wollte  Hidejosi  die  Fortschritte  des  Christentums  im  Süden  des  Reiches,  nament- 
lich auf  der  Insel  Kiusiu,  einem  geographisch  und  politisch  seinem  Einflüsse  weniger  . 
zugänglichen  Gebiete,  nicht  hemmen.  Fr  war  mittlerweile  schlau  genug,  aus  den 
tüchtigen  und  getreuen  christlichen  Generälen  bei  seinen  Eroberungszügen  Nutzen  zu 
ziehen.  Aber  im  Frieden,  wo  er  auf  dem  Grundstein  der  historischen  Mikado-Suprematie 
seine  und  seiner  Nachkommen  Oberherrschaft  zu  errichten  beabsichtigte,  mufste  er, 
wenn  er  nicht  selbst  zum  Christentum  übertreten  wollte,  die  Unterminierung  seiner 
Hauptstütze  durch  die  Einführung  eines  fremden  Glaubens  mit  allen  Mitteln  verhindern. 
Nur  auf  dem  Scheiterhaufen  des  Christentums  konnte  sich  die  von  ihm  angestrebte 
Oberherrschaft  des  Sjögunats  erheben  und  daneben  eine  machtlose  Mikado-Dynastie 
fortbestehen. 

Taikosama  hatte  sich  jedoch  getäuscht,  wenn  er  glaubte,  durch  ein  Machtwort 
mit  einem  Male  das  Christentum  ausrotten  zu  können.  Das  Beispiel  von  Ukondono 
war  zum  Fosungsworte  geworden,  und  der  von  den  Missionären  angefachte  Glaubens- 
eifer suchte  von  nun  an  im  Märtyrertode  die  ewige  Seligkeit  im  zukünftigen  Feben 
an  der  Stelle  des  irdischen  vergänglichen  Glückes.  Die  Kirchen  wurden  zwar  zer- 
stört, aber  der  Glaube  bestand  im  stillen  fort,  und  die  Gläubigen  wurden  durch  die 
Wunderkraft  der  Beispiele  von  Beharrlichkeit  und  Todesverachtung  gestärkt. 


4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjögunats.  5p i 


Jetzt  war  für  Taikosama  der  Zeitpunkt  erschienen,  den  bereits  früher  entworfenen 
Plan  zu  einem  Feldzug  nach  der  benachbarten  koreanischen  Halbinsel  auszuführen. 

Seit  dem  Sturze  des  Sjögun-Hauses  Asikaga  (1573)  hatte  der  König  von  Korea 
(Tschaosien)  allen  politischen  Verkehr  mit  Japan  abgebrochen,  und  als  ihn  Taikosama 
durch  einen  Abgeordneten  zur  Entsendung  einer  Gesandtschaft  aufforderte,  liefs  er  es 
bei  einem  Schreiben  bewenden.  Auf  eine  wiederholte  Mahnung  kamen  endlich  im 
August  1590  koreanische  Gesandte  nach  Kioto;  diese  wurden  mit  einem  Schreiben 
an  ihren  Souverain  entlassen,  worin  dieser  aufgefordert  wurde,  seine  Hand  zur  Er- 
oberung von  China  zu  bieten.  Als  Vasall  des  Kaisers  von  China  wollte  der  König 
auf  diesen  Vorschlag  nicht  eingehen;  Taiko  beschlofs  daher  seinen  Riesenplan  mit  der 
Unterjochung  dieses  Königreiches  zu  beginnen.  Auf  sein  Aufgebot  zog  sich  im  Anfänge 
des  Jahres  1592  ein  Heer  von  156900  Mann  beim  Hafen  Nagoja  im  Fürstentume 
Hizen  auf  Kiusiu  zusammen.  Taiko  begab  sich  persönlich  dahin,  um  das  Heer  zu 
organisieren.  Es  bestand  aus  neun  Abteilungen.  Am  20.  des  4.  Monats  (Mai  1592) 
verliefs  das  erste  Armeekorps,  18700  Mann  stark,  unter  dem  Befehle  Jositosis,  des 
Fürsten  von  Tsusima  und  Jukinagas,  (als  Augustinus  Tsukamidono  in  der  Kirchen- 
geschichte erwähnt)  des  Reichsadmirals  und  Fürsten  von  Setsu  die  japanischen  Häfen. 
Auch  befanden  sich  dabei  die  Fürsten  von  Arirna  und  Omura  und  das  zweite  und  dritte 
Armeecorps;  das  achte  erhielt  die  Ordre,  die  Insel  Tsusima,  das  neunte  die  Insel 
Iki  zu  besetzen.  Die  bedeutendsten  Generäle  und  Oberoffiziere  des  ersten  Armeecorps, 
das  die  Avantgarde  bildete,  waren  Christen,  deren  sich  der  schlaue  Taiko  auf  diesem 


Wege  zu  entledigen  glaubte.  Es  ist  sehr  in  Zweifel  zu  ziehen,  ob  er  einen  so  be- 
denklichen, überseeischen  Krieg  nur  aus  blofser  Eroberungssucht  angefangen  hätte, 
wenn  ihn  nicht  gleichzeitig  dabei  der  Wunsch  geleitet  hätte,  die  gefürchteten  christ- 
lichen Offiziere  zu  beseitigen.  Die  Armee  selbst  war  aus  der  Schule  eines  ununter- 
brochenen  Bürgerkrieges  hervorgegangen,  an  Strapazen  und  Kämpfe  gewöhnt,  ihre 
Befehlshaber  waren  Helden,  deren  Namen  bereits  rühmlichst  in  den  Annalen  der  Reichs- 
geschichte eingetragen  waren.  Sie  verstanden  zu  siegen,  und  so  war  innerhalb  weniger 
Monate  Korea  erobert,  die  chinesischen  Hülfstruppen  wurden  geschlagen,  und  schon 
im  August  desselben  Jahres  waren  die  Japaner  bis  zu  den  Ufern  des  Tumenula  im 
Norden  der  Halbinsel  vorgedrungen,  hatten  die  Festung  Hoinjöng  erstürmt  und  die 
Prinzen  mit  der  königlichen  Familie  in  ihre  Gewalt  bekommen.  Der  König  selbst 
hatte  sich  über  die  Grenzen  seines  Reiches  geflüchtet.  Die  Japaner  thaten  Wunder 
der  Tapferkeit.  Ein  zweites  chinesisches  Hülfscorps  erschien  im  Frühjahr  (1533)  und 
griff  mit  den  Koreanern  vereinigt  mit  einer  grofsen  Uebermacht  Jukinga  an,  der 
sich  tapfer  kämpfend  zurückzog,  bis  ihm  die  übrigen  Armeecorps  zu  Hülfe  kamen 
und  mit  ihnen  die  Chinesen  zurückschlugen,  welche  nun  um  Waflenstillstand  baten. 
Es  wurden  Gesandte  unter  Begleitung  eines  japanischen  Generals  nach  Nogoja,  dem 
Hoflager  Taikosamas  abgeordnet,  und  so  kam  im  Mai  der  Friede  zu  stände.  Der 
König  von  Korea  kehrte  in  seine  Hauptstadt  zurück,  und  seine  Söhne  wurden  auf 
freien  Fufs  gesetzt;  die  japanischen  Truppen  räumten  einen  Teil  von  Korea  und  be- 
setzten die  von  ihnen  längs  der  Küste  erbauten  Festungen.  Taiko  hatte  zu  Anfang 
des  Krieges  mit  Korea  absichtlich  das  Gerücht  verbreiten  lassen,  dafs  er  in  Person 
den  Feldzug  leiten  werde;  daher  hatte  er  auch  schon  im  Jahre  1591  seinem  Schwieger- 
söhne Hidetsugu  als  seinen  Nachfolger  eingesetzt  und  ihm  seine  Würde  als  Kambaku 
am  Hofe  des  Mikado  und  auch  die  als  Sjögun  übertragen  lassen.  Es  hatten  damals 


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Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


grofse  Feierlichkeiten  und  Feste  stattgefunden,  wozu  alle  Fürsten  und  Reichsgrofsen 
geladen  waren.  Er  wrollte  sich  hier  nicht  blofs  in  seiner  ganzen  Gröfse  zeigen,  es 
war  ihm  besonders  darum  zu  thun,  seine  mächtigen  und  reichen  Vasallen  zu  ver- 
anlassen, durch  Aufwand  und  Geschenke  ihre  Mittel  zu  erschöpfen.  Seinem  Nach- 
folger trat  er  sein  Selhofs  zu  Osaka  ab  und  baute  sich  in  Fuzimi,  einer  Stadt  nahe 
bei  Kioto,  ein  neues , welches  das  zu  Osaka  und  Nobunagas  berühmte  Burg  von 
Atsuki  an  Schönheit  und  Pracht  übertraf.  Die  Stadt  Fuzimi  selbst,  vorher  ein  unbe- 
deutender Ort,  verdankt  ihm  ihr  Aufblühen.  Die  Regierung  des  von  Taikosama  er- 
wählten Thronfolgers  Hidetsugu  sollte  nicht  von  langer  Dauer  sein:  Taikosama 
wurde  noch  wider  Erwartung  mit  einem  Sohne  beglückt  (im  8.  Monat  des  Jahres 
Bunrok,  September  1593).  Es  läfst  sich  w7ohl  denken,  dafs  ihm  jetzt  dieser  näher  am 
Herzen  lag  als  sein  Adoptivsohn,  zumal  da  derselbe  sich  Fehltritte  zu  schulden  kommen 
liefs,  welche  ihn  als  Thronfolger  in  ein  sehr  ungünstiges  Licht  stellten;  er  soll  nämlich 
unmenschlich  grausam  gewesen  sein. 

Nach  dem  Friedensschlüsse  kehrte  Taiko  von  Nagoja  zurück.  Er  hatte  Hidetsugu 
einladen  lassen,  ihm  von  Kioto  entgegenzukommen,  w7as  dieser  jedoch,  nichts 
Gutes  ahnend,  ablehnte.  Taiko  begab  sich  sofort  nach  dem  Schlosse  zu  Osaka  und 
ergriff  die  Zügel  der  Regierung,  ohne  sich  anscheinend  weiter  um  ihn  zu  bekümmern. 
Flidetsugu  sah  nun  keine  Möglichkeit,  der  Rache  seines  Adoptivvaters  zu  entgehen, 
und  entfloh  daher  nach  dem  Tempel  Kojasan;  allein  dort  eingeholt  musste  er  sich 
auf  den  Befehl  Taikosamas  entleiben.  (August  1595.)  Nach  dem  Zeugnisse  der 
Missionäre  verfuhr  Taiko  nicht  minder  grausam  gegen  dessen  unglückliche  Familie 
und  liefs  dessen  Frau  und  Kinder  sämtlich  hinrichten,  um  die  Familie  gänzlich  aus- 
zurotten. Dies  findet  sich  auch  in  den  Reichsannalen  bestätigt.  Von  dieser  Zeit  an 
soll  aber  Taiko  in  Melancholie  verfallen  sein,  sich  auch  wenig  mehr  mit  den  Reichsange- 
legenheiten beschäftigt,  dagegen  sich  Zerstreuungen,  die  bis  zu  Ausschweifungen  aus- 
arteten, hingegeben  haben.  Sein  Hoflager  verlegte  er  nach  Fusimi,  wo  er  das  Schlofs 
mit  verschwenderischer  Pracht  ausbauen  liefs.  Hier  w^ar  es,  w7o  eine  zweite  Gesandt- 
schaft aus  Korea  sowfle  Gesandte  aus  China  erschienen.  Die  koreanische  wurde  ab- 
gewiesen, da  Taiko  einen  königlichen  Prinzen  als  Gesandten  erwartet  hatte,  die  chine- 
sische angenommen.  Ich  will  hier  bemerken,  dals  nach  dem  Frieden  von  Nagoja 
Taiko  dem  Kaiser  von  China  seinen  Wunsch  kundgab,  als  souveräner  Fürst  des  Reiches 
Dai  Nippon  anerkannt  zu  werden.  Jetzt  überreichten  ihm  die  Gesandten  im  Namen 
ihres  Kaisers  ein  goldenes  Siegel  und  eine  Königskrone,  sowie  Staatsgewänder  und 
ein  Schreiben  auf  einer  Goldplatte,  worin  Taiko  als  Vasall  der  Ming-Dynastie  (China) 
und  als  König  von  Nippon  bezeichnet  wurde.  Diese  Anmafsung  des  chinesischen 
Kaisers  war  eine  neue  Veranlassung  zum  Friedensbruch  (Juni  1596).  Schon  im  März  1 597 
schiffte  sich  ein  japanisches  Fleer  von  130000  Mann  in  acht  Abteilungen  wfleder  unter 
dem  Oberbefehle  der  Helden  des  ersten  Feldzuges,  Jukinaga  und  Kiomasa,  ein.  Sieg- 
reich wde  früher  drangen  die  Japaner  vor;  ein  chinesisches  Hülfscorps  von  120000  Mann 
und  ein  zweites,  das  diesem  folgte,  wurde  geschlagen.  Während  eines  beinahe  zwei- 
jährigen Kampfes  scheiterten  alle  Anstrengungen  der  Chinesen  an  der  Tapferkeit  und 
Kriegskunst  der  Japaner,  welche  eine  feste  Stellung  im  Herzen  der  Halbinsel  einge- 
nommen hatten. 

Ijejasu  hatte  inzwischen  einen  hohen  Rang,  den  eines  Naidaisi,  am  Hofe  des 
Mikado  erhalten;  auch  w^ar  er  zum  Tairo  (zum  Mitgliede  des  Reichsrates)  ernannt  worden. 


4-  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats.  ^ p ^ 


Hidejosi  hatte  unverkennbar  schon  zu  Anfang  des  Jahres  1598  die  Absicht, 
seinen  unmündigen,  kaum  fünfjährigen  Sohn  Hidejori  nach  seinem  Tode  dem  Schutze 
des  Ijejasu,  des  mächtigsten  Fürsten  und  seines  tüchtigsten  Feldherrn,  anzuvertrauen. 
Ijejasu  zeigte  sich  aber  nicht  besonders  geneigt  dazu,  da  er  damals  schon  selbst  nach 
der  Oberherrschaft  strebte,  was  er  auch  in  einer  von  Hidejosi  berufenen  Versammlung 
der  Landesfürsten  deutlich  zu  erkennen  gab. 

Eben  war  Hidejosi  im  Begriffe,  den  durch  ein  Erdbeben  zerstörten  Tempel  Hö- 
kosi  mit  der  Kolossalstatue  des  Daibutsu  wieder  aufrichten  zu  lassen,  als  er  in  eine 
schwere  Krankheit  verfiel  (5.  Monat  1598). 

Der  sich  in  die  Länge  ziehende  koreanische  Krieg  begann  auch  sein  Kriegsvolk 
zu  erschöpfen,  und  unter  seinen  Feldherrn  und  Offizieren  brachen  Uneinigkeiten  aus; 
auch  waren  in  Japan  selbst  allenthalben  die  Landesfürsten  im  Unfrieden  mit  ihren 
Unterthanen.  Man  darf  hier  nicht  aus  dem  Auge  verlieren,  dafs  die  Christenverfolgung 
seit  1586  fortdauerte,  dafs  viele  von  den  christlichen  Generalen  und  Offizieren,  deren 
sich  Taiko  in  Korea  zu  entledigen  gesucht  hatte,  zurückgekehrt  waren,  und  dafs  der 
Eifer  der  Glaubensboten  auch  den  Samen  von  Hafs  und  Zwietracht  ausgestreut  hatte, 
welcher  in  Fanatismus  entartete.  In  dieser  bedrängten  Lage  berief  Hidejosi  die  fünf 
Gouverneure  (Go  bugjö)  und  forderte  sie  auf,  seinen  unmündigen  Sohn  nach  seinem 
Tode  in  Schutz  zu  nehmen.  Diese  versammelten  sämtliche  Fürsten,  welche  sich 
jedoch  nicht  bewegen  liefsen,  sich  für  die  Nachfolge  des  Hidejori  zu  erklären.  (Am 
1 6.  des  6.  Monats.) 

Nun  wandte  er  sich  an  Ijejasu,  auf  dessen  Zureden  die  Fürsten  endlich  zustimmten. 
Unter  sich  selbst  waren  diese  jedoch  nicht  einig,  und  überall  im  Reiche  dauerten  die 
Unruhen  an. 

Im  7.  Monate  entbot  Hidejosi  aufs  neue  Ijejasu  zu  sich  und  legte  das  Schicksal 
seines  Sohnes  in  dessen  Hände  mit  den  Worten,  dafs  es  von  ihm  abhinge,  seinen 
Sohn  auf  den  Thron  zu  setzen;  dieser  erklärte  sich  jedoch  unfähig  dazu,  und  als 
Hidejosi  ihm  bedeutete,  dafs  niemand  im  Reiche  es  ihm  zuvorthun  könne,  entschuldigte 
und  entfernte  er  sich. 

Auf  Anraten  von  Isida  Mitsunari  und  Masida  Nagamori,  zweier  Gouverneure, 
die  übrigens  keine  aufrichtigen  Freunde  von  ihm  waren,  ernannte  Hidejosi  fünfTairo, 
drei  Tsurö,  fünf  Gouverneure  und  einen  gewissen  Majeda  Tosiije  zu  Beschützern 
seines  Sohnes.  Bald  darauf  brachen  in  der  Stadt  Fuzimi  selbst  Unruhen  aus,  und  in 
den  Palästen  der  Fürsten  fing  man  an,  sich  zu  rüsten.  Jetzt  nahm  zum  letzten  male  Hidejosi 
seine  Zuflucht  zu  Ijejasu,  drückte  ihm  sein  Bedauern  aus,  dafs  er  obengenannte 
Beschützer  seines  Sohnes  ohne  seine  vorhergehende  Zustimmung  ernannt  habe, 
und  bat  ihn,  sozusagen  die  Stelle  der  göttlichen  Vorsehung  bei  seinem  Sohne  zu  über- 
nehmen und  das  Reich  und  den  Frieden  zu  schützen,  da  er  an  Tapferkeit  und  Klug- 
heit alle  übertreffe.  Er  liefs  hierauf  seine  Feldherrn  dem  Ijejasu  als  dem  Beschützer 
seines  Sohnes  den  Eid  der  Treue  schwören.  Nach  etwa  acht  Tagen  starb  Taikosama 
im  Schlosse  zu  Kuzimi  (am  18.  des  8.  Monats  1598)  in  einem  Alter  von  63  Jahren.  Er 
erhielt  vom  Mikado  nach  seinem  Tode  den  Titel  Toho-kuni,  soll  aber  selbst  die  Be~ 
Stimmung  getroffen  haben,  sein  Andenken  als  Sin  Hatsiman,  den  neuen  «acht-Fahnen- 
Geist»,  unter  welchem  Namen  der  Mikado  Wözin  als  Kriegsgott  verehrt  wird,  zu  verewigen. 

Während  der  Minderjährigkeit  Hidejoris  bestand  die  Regentschaft  des  Reiches  aus 
fünf  Tairo  (oder  Regenten),  von  denen  der  erste  Ijejasu  unbeschränkte  Vollmacht  besafs 


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Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


und  auch  den  Titel  Taifu  führte,  ferner  aus  drei  Tsjuro  und  aus  fünf  Go  bugjo.  Erstere 
hatten  die  wichtigsten  Staatsangelegenheiten,  die  Bugjo  die  minder  wichtigen  zu  be- 
raten und  die  Tsjuro  hatten  für  die  öffentliche  Ruhe  und  den  Landfrieden  zu 
wachen  und  die  Streitigkeiten  unter  den  Fürsten  zu  schlichten.  Mit  diesen  Ämtern 
waren  regierende,  zum  Teil  sehr  mächtige  Fürsten  bekleidet,  und  es  war  ihnen  ein 
bestimmtes  Einkommen  zugesichert.  Um  die  verwickelte  Zusammenstellung  der  Regent- 
schaft und  das  tragische  Ende  des  legitimen  Erben  des  Sjögunats  während  eines  viel- 
jährigen Kampfes  kennen  zu  lernen,  wollen  wir  die  Mitglieder  des  Reichsrates,  aus 
denen  die  Regentschaft  bestand,  einzeln  auführen. 


Die  fünf  Tairo  1 waren: 

Besitzungen. 

Einkommen. 

Minamoto  Ijejasu. 

Katsusa,  Musasi,  Sagami 
Idzu,  Ujeno. 

24OOOO 

Koku. 

Majeda  Tosiije. 

Kaga,  Noto,  Jetsizen. 

IOOOOO 

Koku. 

Ujesugi  Kagekatsu. 

Mutsu  (Date),  Aidzu. 
Dewa. 

100000 

Koku. 

Mori  Terumoto. 

Aki,  Suwo,  Nagato, 
Iwami,  Bingo. 

120  000 

Koku. 

Ukida  Hideije. 

Die  drei  Tsjuro: 

Bizen  (Masaka),  Harima. 

240000 

Koku. 

Nakamura  Kadsuuzi. 

Suruga,  Mutsu. 

140000 

Koku. 

Ikoma  Tsikamasa. 

Sanuki. 

160000 

Koku. 

Horiwö  Josiharu. 

Tötomi. 

I IO  000 

Koku. 

Die  fünf  Bugjo  : 

Isida  Mitsunari. 

Omi,  Sawajama. 

200000 

Koku. 

Masida  Nagamori. 

Idzumi. 

200000 

Koku. 

Asano  Nagamasa. 

Kahi. 

O 

O 

O 

xh 

0 

01 

Koku. 

Nagatsuka  Masaje. 

Omi,  Minakutsi. 

50000 

Koku. 

Tokuzenin  Geni. 

Inaba. 

50000 

Koku. 

Wir  haben  bereits  von  Taikosama  eine  Charakteristik  gegeben;  wir  wollen  dieser 
zur  Vervollständigung  noch  die  Schilderung  dieses  grofsen  Mannes  hinzufügen,  welche 
wir  den  Mitteilungen  der  Missionäre  verdanken,  die  übrigens  nichts  weniger  als  seine 
Lobredner  waren.  «Aus  der  Hefe  des  Volkes  erhob  er  sich  zur  höchsten  Stufe  der 
Macht;  gleich  grofs  im  Frieden  wie  im  Kriege  wufste  sein  umfassender  Geist  ein  neues 
Staatsgebäude  zu  errichten,  ohne  das  alte  umzustürzen,  seine  mächtigen  Vasallen  in 
Abhängigkeit  zu  versetzen  und  ihre  Kriegsmacht  zu  seinen  Eroberungen  zu  benützen. 
Er  verstand  Reichsgrofse,  die  ihn  hafsten,  anhänglich  zu  machen  und  das  Volk,  das 
ihn  fürchtete,  für  sich  zu  begeistern.  Er  wufste  zu  belohnen  und  zu  bestrafen,  Ver- 
dienste auszuzeichnen  und  dadurch  seine  Anhänger  anzuspornen.  Er  geriet  zwar  leicht 
in  Aufregung,  die  sich  bis  zur  Wut  steigerte,  doch  führte  ihn  die  Vernunft  bald  zur 
Ruhe  und  Besinnung  zurück.  Er  achtete  die  christliche  Religion  aus  Überzeugung, 
verfolgte  aber  die  Glaubensboten  und  ihre  Anhänger  aus  Politik.  Er  verachtete  den 
Buddhismus  und  errichtete  dem  Volksglauben  einen  Daibutsu,  das  kolossalste  Buddha- 
bild im  Reiche ; er  selbst  hatte  wenig  Ehrfurcht  vor  den  Göttern  und  wollte  doch  nach 


1 Tairo  könnte  man  mit  Oberregenten,  Tsjuro  mit  Unterregenten  und  Bugjo  mit  Departements- 
Chef  übersetzen.  Note  zur  2.  Auflage. 


4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats. 


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seinem  Tode  sich  selbst  als  einen  Gott  anbeten  lassen.  Die  Reichsgrofsen,  welche 
sich  nicht  der  Gefahr  aussetzten,  durch  die  Gewalt  seiner  Waffen  vernichtet  zu 
werden,  richtete  er  durch  den  ihnen  aufgezwungenen  Luxus  zu  Grunde.  Auf  seine 
Staatsklugheit  setzte  er  gröfseres  Vertrauen  als  auf  sein  Waffenglück,  welches  er  als 
letztes,  aber  für  ihn  unfehlbares  Mittel  zur  Hülfe  nahm.» 

Der  letzte  Befehl,  den  Iiidejosi  auf  dem  Sterbebette  gegeben,  war,  die  Truppen 
aus  Korea  zurückzuziehen;  Ijejasu  sandte  den  Tödo  Takatoru  mit  dieser  Ordre  dahin. 
Das  Kriegsheer  war  dort  in  Gefahr,  durch  ein  chinesisches  Hülfscorps  abgeschnitten 
zu  werden,  zog  sich  jedoch  dem  Feinde  stets  die  Spitze  bietend,  nach  den  längs 
der  Küsten  angelegten  Forts  zurück  und  schiffte  sich  nach  Nagoja  ein,  wo  es 
glücklich  landete.  Im  Dezember  1598  erschienen  die  Befehlshaber  am  Hofe  zu 
Fusimi,  wurden  von  Ijejasu  und  dem  Regentschaftsrat  ehrenvoll  empfangen  und 
für  ihre  Heldenthaten  belohnt.  Der  Feldherr  Simadsu  Josihisa  wurde  seiner  grofsen 
Verdienste  wegen  vom  Mikado  zum  Sangi  ernannt.  Auf  dem  Schauplatze  des  sich 
bald  erhebenden  Bürgerkrieges  werden  wir  die  aus  dem  koreanischen  Feldzuge 
zurückgekehrten  Generale  und  Soldaten  eine  bedeutende  Rolle  spielen  sehen.  Ein 
grofser  Teil  derselben  waren  Christen;  sie  kämpften  später  auf  der  Seite  des 
rechtmäfsigen  Erben  der  Herrschaft  Taikosamas;  und  ist  es  nicht  zu  bezweifeln,  dafs, 
wenn  seine  Partei  gesiegt  hätte,  auch  das  Christentum,  seinen  Triumph  mitgefeiert 
hätte.  Die  zahlreichen  Beweise  von  Mut  und  Tapferkeit,  Ergebenheit  und  Treue, 
welche  die  christlichen  Offiziere  und  Soldaten  in  den  beiden  koreanischen  Feld- 
zügen an  den  Tag  gelegt,  hatten  sogar  das  Mifstrauen  Taikosamas  besiegt.  Unter 
den  Mitgliedern  der  für  seinen  Sohn  eingesetzten  Regentschaft  sollen  sich  auch  christ- 
liche Fürsten  befunden  haben. 

Inzwischen  sehen  wir  zu  Anfang  des  Jahres  1599  Ijejasu  im  Schlosse  zu  Fusimi, 
wenn  auch  scheinbar  mit  den  Mitgliedern  der  Regentschaft  gemeinschaftlich  regierend, 
thatsächlich  schon  ganz  die  Nachfolge  Hidejosis  übernehmen.  Schon  damals  verlauteten 
allenthalben  Besorgnisse  um  Hidejori,  Taikos  Sohn  und  bestimmten  Nachfolger,  bezüg- 
lich seiner  Zukunft  und  Sicherheit. 

Isida  Mitsunari,  der  erste  der  Gouverneure,  hatte  gleich  nach  dem  Tode  Hidejosis  eine 
zweideutige  Rolle  Ijejasu  gegenüber  gespielt  und  versuchte  ihn  mit  einflüfsreichen 
Personen  und  Mitgliedern  der  Regierung  zu  entzweien.  Auch  herrschte  damals  schon 
unter  einigen  Fürsten  und  anderen  kriegerischen  Führern  eine  ungünstige  Stimmung. 
Diese  wollten  nur  ihre  eigenen  Herren  sein.  Ijejasus  Freunde  wurden  um  ihn  be- 
sorgt und  zogen  von  Kioto  und  aus  den  Provinzen  nach  dem  Schlosse  von  Fusimi, 
um  ihn  zu  beschützen.  Mehrere  der  Fürsten  hatten  sich  zuvor  im  stillen  durch  Heiraten 
miteinander  verschwägert.  Da  diese  frühere  Vasallen  Hidejosis  waren  und  ohne  Zu- 
stimmung der  von  diesem  für  seinen  Sohn  eingesetzten  Regentschaff  eheliche  Ver- 
bindungen eingegangen  hatten,  so  beklagten  sich  die  Mitglieder  der  Regierung  (die 
Tairos  und  Gouverneure)  bei  Ijejasu,  welcher  sie  jedoch  ab  wies.  Durch  ihren  Eid 
verpflichtet,  erhoben  sie  gegen  ihn  eine  ernsten  Sprache,  und  es  kam  zu  Milshellig- 
keiten. Mitsunari  war  dabei  nicht  unthätig  und  nährte,  so  viel  er  konnte,  die  Flamme 
der  Zwietracht.  Als  erster  Gouverneur  suchte  er  sich  den  Anschein  eines  eifrigen 
Verteidigers  der  Rechte  Hidejoris  zu  geben;  er  strebte  jedoch  selbst  nach  der  Reichs- 
gewalt, und  so  trat  er  als  Ijejasus  heftiger  Gegner  auf.  Er  wufste  übrigens  viele  und 
mächtige  alte  Freunde  Taikosamas  für  seine  angeblich  gute  Sache  zu  gewinnen  und 


396 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


sie  mit  einem  künstlichen  Netze  von  Intriguen  zu  umstricken.  Infolge  der  gesetz- 
widrigen Heiraten,  durch  welche  einige  Fürsten  mit  Ijejasu  verwandt  wurden,  sahen 
sich  die  Mitglieder  der  Regentschaft  genötigt,  Ijejasu  aufzufordern,  von  der  Regent- 
schaft auszuscheiden  und  den  Vorsitz  derselben  niederzulegen.  Er  verliefs  daher 
Osaka  und  begab  sich  nach  Fusimi  in  sein  eigenes  Palais.  An  sich  schon  mächtig, 
gewann  er  immer  mehr  Anhänger  und  einige  angesehene  Fürsten,  die  Mitsunari 
früher  mit  ihm  entzweit  hatte,  schlossen  sich  ihm  nun  nach  Entdeckung  von  dessen 
Ränken  um  so  enger  wieder  an.  Unter  diesen  waren  selbst  einige  Mitglieder  der  Re- 
gierung, wie  Majeda  Tosiije. 

Mitsunaris  Intriguen  wurden  jedoch  bald  sichtbar,  und  sieben  Fürsten,  frühere 
Feldherrn  des  Taiko,  trugen  bei  dem  Reichsrate  (Tairö)  darauf  an,  ihn  zur  Verant- 
wortung zu  ziehen.  So  sah  sich  Mitsunari  genötigt,  Osaka,  wo  er  kurz  zuvor  mit 
den  übrigen  Gouverneuren  und  mehreren  Feldherrn  Taikos,  worunter  auch  Jukinaga, 
der  Held  von  Korea,  sich  befand,  einen  Anschlag  auf  Ijejasu  beraten  hatte,  zu  ver- 
lassen. Er  soll  als  Frau  verkleidet  in  einer  Damensänfte  nach  Fusimi  geflüchtet  sein. 
Vier  Fürsten  verfolgten  ihn  in  der  Absicht,  ihn  zu  töten.  Er  hatte  die  Kühnheit,  zu 
Fusimi  vor  Ijejasu  zu  erscheinen,  der  ihm  den  Rat  gab,  sich  nach  dem  Schlosse  Sawa- 
jarna  auf  seine  Güter  in  Omi  zurückzuziehen.  Um  ihn  gegen  die  Verfolgung  der  vier 
Fürsten  zu  schützen,  liefs  er  ihn  von  einer  Eskorte  dahin  begleiten.  Ijejasus  Ab- 
sichten waren  aber  auf  einen  gröfseren  Erfolg  als  auf  die  Unschädlichmachung  seines 
Gegners  gerichtet;  er  fühlte  sich  bereits  mächtig  genug,  um  diesem  mit  seinem  ganzen 
Anhänge  in  offenem  Felde  die  Stirne  zu  bieten.  Nur  wenn  er  diesen  mit  seiner  ganzen 
Partei  durch  einen  Schlag  vernichtete,  konnte  er  hoffen,  sich  die  oberste  Gewalt  dauernd 
zu  sichern. 

Die  übrigen  Tairos,  viele  Fürsten  und  Feldherrn  zogen  sich  auf  einige  Zeit  nach 
ihren  Fürstentümern  und  Besitzungen  zurück.  Die  übrigen  vier  Gouverneure  waren 
bereits  von  Osaka  in  das  Schlofs  von  Fusimi  zurückgekehrt  und  beschäftigten  sich 
dort  mit  den  Reichsangelegenheiten.  Sie  fühlten  sich  jedoch  nicht  kräftig  genug,  das 
Staatsruder  zu  führen,  und  luden  daher  Ijejasu  ein,  das  Schlofs  wieder  zu  beziehen  und 
ihnen  wie  früher  beizustehen.  Im  Juni  1J99  hielt  er  seinen  Einzug  und  empfing 
die  Glückwünsche  aller  in  Fusimi  anwesenden  Fürsten.  Seine  Macht  war  höher  als 
je  gestiegen.  Im  September  begab  er  sich  nach  Kioto  an  den  Hof  des  Mikado  und 
zog  mit  einer  doppelt  so  starken  Leibwache  als  früher  im  Oktober  nach  Osaka,  um 
am  Hofe  des  Hidejori  dem  Jahresfeste  des  neunten  Monats  beizuwohnen.  Zum  Auf- 
gebot einer  so  starken  Macht  hatte  das  durch  Mitsunari  verbreitete  Gerücht,  dafs  der 
Fürst  Majeda  Tosinaga  dort  einen  Angriff  auf  Ijejasu  auszuführen  beabsichtige,  Ver- 
anlassung gegeben.  Dieser  sandte  jedoch  seine  Mutter  als  Unterpfand  seiner  Treue  an  Ijejasu. 

Am  Neujahrstage  (1600)  begab  sich  Ijejasu  wieder  nach  Osaka  und  empfing  im 
Schlosse  daselbst  die  Glückwünsche  aller  Reichsgrofsen,  Fürsten  und  Feldherrn;  er  umgab 

tu 

sich  bei  diesem  Anlafs  mit  grofsem  Glanze.  Nur  Ujesugi  Kagekatsu,  der  Tairo  oder  Mit- 
glied der  Regentschaft  war,  war  nicht  erschienen.  Um  die  Mitte  dieses  Jah  res  zog 
Ijejasu  mit  einer  bedeutenden  Kriegsmacht  nach  Jedo,  der  damals  noch  unbedeutenden 
Hauptstadt  seines  Fürstentums  Musasi.  Die  Bewachung  des  Schlosses  von  Fusimi  ver- 
traute er  einigen  seiner  tüchtigsten  Offiziere  an.  Die  Nachricht,  dafs  sich  Kagekatsu 
gegen  ihn  rüste,  hatte  ihn  zu  diesem  Schritte  bewogen,  denn  die  Länder  dieses  mäch- 
tigen Fürsten  grenzten  an  sein  eigenes  Fürstentum. 


4-  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats.  3^7 


Mitsunari,  der  in  seinem  Exil  im  stillen  verräterische  Pläne  schmiedete,  hatte  mit 
Kagekatsu  gemeinsame  Sache  gemacht  und  auch  die  Gouverneure  auf  seine  Seite  zu 
ziehen  gewufst.  Plötzlich  brach  er  nun  aus  seinem  Hinterhalte  hervor  und  zog  nach 
Osaka,  wo  sich  bald  viele  Anhänger  und  die  alten  GeneräleTaikosamas  um  ihn  sammelten. 
Obgleich  einige  seiner  Freunde  ihm  rieten,  die  Waffen  gegen  Ijejasu  zu  erheben, 
liefs  er  sich  nicht  abschrecken.  Er  rechnete,  da  er  sich  den  Anschein  gab,  für  die 
Sache  des  legitimen  Erben,  Hidejori,  zu  kämpfen,  auf  die  Unterstützung  der  Fürsten 
der  westlichen  Provinzen,  der  alten  Freunde  Taikosamas,  und  glaubte,  sich  auch  auf 
die  Fürsten  der  östlichen  Provinzen,  welche  Freunde  des  Kagekatsu  waren,  verlassen 
zu  können.  Er  berief  die  zu  Osaka  anwesenden  Fürsten  in  das  Schlofs  und  forderte 
ihnen  Geiseln  für  ihre  Treue  ab;  aus  den  Palästen  der  übrigen  Fürsten,  welche  sich 
bereits  an  Ijejasu  angeschlossen  hatten,  liefs  er  deren  Frauen  und  Kinder  durch  Be- 
waffnete in  das  Schlofs  abführen. 

Ijejasu,  der  sich  damals  in  Simotsuke,  dem  östlichsten  an  die  Fänder  des  Kage- 
katsu angrenzenden  Fürstentum  befand,  überraschte  die  Kunde  von  Mitsunaris  Auf- 
stand nicht;  er  befürchtete  nur,  dafs  die  Fürsten,  deren  Familienmitglieder  als  Geisel 
im  Schlosse  zu  Osaka  sich  befanden,  jetzt  nicht  mehr  gegen  Mitsunari  kämpfen  würden. 
Er  selbst  war  schon  fest  entschlossen,  sie  abziehen  und  in  ihre  Fänder  zurückkehren  zu 
lassen,  als  ihm  ein  gewisser  Ji  Nawomasa  davon  abriet  und  es  auf  sich  nahm,  die  Gesinnung 
derselben  zu  erforschen.  Als  abgesagte  Feinde  des  herrschsüchtigen  Mitsunari,  dessen  Plan 
sie  durchschauten,  erklärten  sich  die  meisten  bereit,  gegen  ihn  zu  Felde  zu  ziehen 
unter  der  Voraussetzung,  dafs  Ijejasu  für  die  Sache  des  noch  unmündigen  Hidejori, 
der  an  diesem  Aufstande  unschuldig  sei,  kämpfen  würde.  Es  wurde  beschlossen,  zu- 
erst gegen  den  Feind  im  Westen  — Mitsunari  und  seine  Verbündeten  — zu  ziehen 
und  zwar  unter  dem  Oberbefehle  von  J'i  Nawomasa  und  Honda  Tadakatsu.  Ijejasu 
versprach  zu  folgen;  seinem  Sohne  Hidejasu  trug  er  die  Verteidigung  seiner  Fänder 
gegen  Kagekatsu  auf.  Auch  Ijejasu  versicherte  sich  der  Treue  der  Fürsten  durch  Eid 
und  Geiseln. 

Bald  standen  die  beiden  Oberfeldherrn  mit  siebenundwanzig  Fürsten  und  fünfzig- 
tausend Kriegern  bei  Kijosu,  das  sieben  Meilen  von  Ogaki,  dem  Schlosse  Mitsunaris 
in  der  Provinz  Mino,  entfernt  war.  Hier  erwarteten  sie  Ijejasu,  der  jedoch  unter  dem 
Vorwände  von  Erkrankung  nicht  erschien.  Sie  wurden  ungeduldig  und  machten  am 
23.  des  achten  Monats  einen  AnFill  auf  die  Festungen  von  Gifu,  Inugama  und  Ogaki 
und  fügten  den  Belagerten  grofsen  Schaden  zu.  Am  13.  des  neunten  Monats 
traf  Ijejasu  mit  seinen  Truppen  zu  Kijosu  ein.  Unterdessen  hatten  sich  die  Fürsten 
im  Osten  von  Mino  für  Ijejasu  und  die  der  westlichen  Provinzen  zu  Osaka  für  Hide- 
jori erklärt.  Andere  Fürsten  blieben  neutral  in  Ab  Wartung  der  Wendung  des  Kriegs- 
glückes. Mitsunari  beschlofs,  gegen  die  Ansicht  seiner  Generale,  welche  ihm  rieten, 
sich  in  seiner  Festung  zu  halten,  im  offenen  Felde  Ijejasu  die  Spitze  zu  bieten  im 
Vertrauen  auf  seine  Übermacht;  denn  sein  Heer  zählte  128000  Mann,  das  Ijejasus 
nur  75000.  Mitsunari  hatte  mit  seiner  Armee  unter  dem  Oberbefehle  von  Ukida  Hide- 
ije  und  von  zweiundzwanzig  Generalen,  unter  denen  der  berühmte  Jukinaga  und  der 
tapfere  Fositaka  sich  befanden,  im  Osten  des  grofsen  Fandsees  von  Omi  in  den  Ebenen 
von  Sekigahara  Stellung  genommen  und  sich  an  die  nordöstliche  Bergkette  angelehnt, 
auf  deren  Höhen  die  Truppen  des  Gegners  aufgestellt  waren.  Bei  Sekigahara  kam 
es  zur  Schlacht,  die  bis  gegen  Mittag  unentschieden  blieb.  Jetzt  entsteht  Verrat;  der 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


398 

General  Hidemoto  bleibt  mit  der  Reserve  zurück,  der  von  Ijejasu  bestochene  Hibeaki 
fällt  Tositaka  in  den  Rücken,  wird  jedoch  von  ihm  zurückgeworfen;  vier  andere  Ge- 
nerale gehen  zu  Hibeaki  über  und  Tositaka,  geschlagen,  tötet  sich  auf  dem  Schlacht- 
felde. Der  Oberbefehlshaber  will  sich  auf  die  Verräter  werfen,  wird  jedoch  von  den 
Seinigen  zurückgehalten,  von  zwei  seiner  Generale  verlassen  und  zieht  sich  gegen 
Osaka  zurück,  ebenso  Josihira,  Fürst  von  Satsuma.  Mitsunari  und  Jukinaga  kämpfen 
mit  Verzweiflung  und  flüchten  sich  endlich,  verraten  und  verlassen,  der  erstere  in 
das  Gebirge  Ibukijama,  letzterer  in  ein  Kloster;  mehrere  Fürsten  blieben  auf  dem 
Schlachtfelde,  andere  entkamen  und  kehrten  in  ihre  Länder  zurück.  An  diesem  Tage 
wurden  vierzigtausend  Köpfe  dem  Sieger  Ijejasu  zu  Füfsen  gelegt.  Er  hatte  nur  vier- 
tausend Mann  und  keinen  einzigen  General  verloren.  Mitsunari  wurde  halbverhungert 
im  Gebirge  gefangen  genommen,  und  Jukinaga  gleichfalls  im  Tempel  von  Kojasan  ent- 
deckt. Als  Christ  wollte  letzterer  sich  nicht  durch  Leibaufschlitzen  das  Leben  nehmen 
und  ergab  sich.  Beide  wurden  mit  Ankokuzi  Jekei,  einem  Buddhapriester  und  Rat- 
geber Mitsunaris,  zu  Roksjogawa  enthauptet  und  ihre  Köpfe  mit  dem  des  Generals 
Nagatsuka  Masaije  zu  Sandsjo  zur  Schau  gestellt.  Aufserdem  wurden  noch  acht  An- 
hänger des  Mitsunari,  die  ihm  aus  dem  Schlosse  zu  Osaka  gefolgt  waren,  zu  Awata- 
gutsi  gekreuzigt.  Ijejasu  zog  hierauf  in  Osaka  ein,  wo  man  in  grofser  Bestürzung 
war,  empfing  die  Glückwünsche  zu  seinem  Siege  und  belohnte  seine  Generale  und 
Krieger  mit  den  Gütern  der  Besiegten.  Ijejasu  soll  an  dreifsig  Fürstentümer  unter  sie 
als  Lehen  verteilt  haben.  Taikos  Sohn,  Hidejori,  blieben  nur  die  verhältnismäfsig 
geringen  Einkünfte  von  60000  Koku  aus  den  Landschaften  Setsu,  Kii  und  Itsumi. 
Den  zu  seiner  Fahne  übergegangenen  Hibeaki,  dem  der  Sieg  von  Sekigahara  zu  verdanken 
war,  belehnte  er  mit  dem  Fürstentum e des  Oberbefehlshabers  Hideije,  der  sich  nach 
Satsuma  geflüchtet  hatte.  Derselbe  starb  jedoch,  nachdem  er  geisteskrank  geworden 
war,  bald  darauf  und  hatte  somit  von  seiner  Belohnung  keinen  Genufs.  So  ward 
«Bestrafung  der  Gegner  und  Belohnung  der  Freunde))  zum  Wahlspruche  des  gewaltigen 
Siegers,  mit  welchem  er  die  ersten  Urkunden  seiner  obersten  Gewalt  bestätigte.  Die 
neutral  gebliebenen  und  alle  besiegten  Fürsten  traten  nun  auf  die  Seite  von  Ijejasu, 
begaben  sich  nach  Jedo  und  übergaben  dort  Geiseln  als  Unterpfänder  ihrer  Treue.  Ich 
glaube,  die  Einzelheiten  dieser  denkwürdigen  Schlacht  anführen  zu  müssen,  da  durch 
dieselbe  der  Grundstein  des  Sjögun-Hauses  des  Minamoto  Ijejasu  gelegt  und  der  Sturz 
der  Dynastie  des  Taikosama  herbeigeführt  worden  ist. 

Wir  wollen  nun  noch  einen  Blick  auf  die  Denkschriften  der  Missionäre  werfen 
und  dieselben  mit  unseren  Mitteilungen  aus  japanischen  Quellen  vergleichen.  Nach  ersteren 
entstand  bald  nach  Taikos  Tod  bei  der  Regentschaft  Uneinigkeit  wegen  Verschieden- 
heit der  Meinungen  über  die  Beendigung  des  Krieges  mit  Korea.  Mitsunari,  unter- 
stüzt  von  Jukinaga  und  anderen  Fürsten,  welche  sich  im  koreanischen  Kriege  aus- 
gezeichnet hatten,  waren  für,  Asano  Nagamasa  gegen  die  Fortsetzung  dieses  Feld- 
zuges. Letzterer  hatte  eine  mächtige  Partei  auf  seiner  Seite  und  eine  feindliche 
Haltung  angenommen.  Ijejasu  benützte  diesen  Zwiespalt,  seine  Macht  zu  befestigen. 
Er  liefs  seine  Truppen  aus  den  östlichen  Provinzen  (Kwantö)  gegen  Osaka  ziehen. 
Ebenso  zogen  die  Fürsten,  welche  zufolge  der  Verordnung  des  Taikosama  ihren  Sitz  in 
Osaka  und  Fusimi  hatten,  Truppen  aus  ihren  Ländern  an  sich  und  rüsteten.  An 
beiden  Orten  zeigten  sich  kriegerische  Bewegungen.  Ijejasu  (die  Kirchengeschichte 
nennt  ihn  Daifusama,  d.  i.  Obervormund),  der  sich  der  Partei  des  Asano  Na- 


4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats- 


gamasa  anzuschliefsen  schien,  wurde  immer  mächtiger  und  anmafsender.  Mitsu- 
nari  (die  Missionäre  führen  ihn  unter  dem  Namen  Xibunojo,  auch  Gibonseijo, 
auf,  welches  Skibuno  sjoju  — Ceremonienmeister  — dies  war  sein  Hoftitel  — 
heifsen  mufs)  hatte  den  Mut,  sich  dessen  Anmafsungen  zu  widersetzen  und  sich  zu 
rüsten.  Von  keiner  Seite  wagte  man  jedoch  den  Angriff.  Die  Missionäre  schreiben 
dies  einer  früheren  Übereinkunft  zu,  dafs  man  denjenigen  als  einen  Feind  des  Vater- 
landes betrachten  würde,  der  zuerst  den  Frieden  zu  stören  wagte;  die  Ursache  liegt 
jedoch  in  dem  von  der  Regentschaft  dem  Taiko  geleisteten  Eide.  Nun  erzählen  die 
Missionäre  weiter:  Daifusama  (Ijejasu),  der  immer  mehr  Anhänger  gewonnen,  habe 
Mitsunari  als  erstem  Ruhestörer  befohlen,  zur  Strafe  sich  den  Leib  aufzuschlitzen. 
Dieser  sei  nach  Fusimi,  wo  sich  die  übrigen  Gouverneure  befanden,  entflohen,  von 
vier  mit  ihm  alliierten  Fürsten  begleitet. 

Dort  sei  es  jedoch  zu  einem  Vergleiche  gekommen  und  somit  die  erste  Em- 
pörung ohne  Blutvergiefsen  beendigt  worden.  Die  Mitglieder  der  Regentschaft,  dieTairos 
und  Gouverneure,  seien  hierauf  mit  Ausnahme  des  Tairo  Kagekatsu  (Cangrasu)  nach 
Osaka  und  Fusimi  zurückgekehrt.  Dieser  sei  ein  Freund  Mitsunaris  und  ein  Anhänger 
des  Hauses  Nobunaga  gewesen.  Auf  Ijejasus  wiederholte  Aufforderung,  sich  an  den 
Hof  des  Prinzen  (Hidejori)  zu  Osaka  zu  begeben,  sei  er  nicht  erschienen.  Ijejasu  habe 
daher  beschlossen,  gegen  ihn  zu  Felde  zu  ziehen  und  sich  so  in  die  Falle  locken  lassen. 
Denn  sobald  er  zu  Felde  gezogen,  hätten  die  von  Ijejasu  unterdrückten  Mitglieder 
der  Regentschaft  mit  Mitsunari,  Jukinaga  und  den  anderen  unzufriedenen  Fürsten  und 
Feldherrn  gemeinsame  Sache  gemacht,  sich  der  Stadt  Osaka  bemächtigt  und  Ijejasu  zu 
wissen  gethan,  dafs  er  von  der  Regentschaft  ausgeschlossen  sei,  weil  er  den  Ver- 
fügungen Taikosamas  zuwider  gehandelt  habe  und  dafs  er  fortan  in  den  östlichen 
Provinzen  (Kwantö)  bleiben  solle.  Insgleichen  hätten  sie  den  Fürsten,  welche  sich 
Ijejasu  oder  seinem  Sohne  angeschlossen,  bedeutet,  in  der  Residenz  des  jungen  Prinzen 
ihren  Aufenthalt  zu  nehmen,  wie  Taiko  es  verordnet,  oder  Geiseln  zu  stellen. 
Bald  sei  ein  mächtiges  Heer  zusammengekommen,  mit  welchem  die  Verbündeten  nach 
Fusimi  gezogen  seien  und  die  Besatzung,  welche  einen  Ausfall  gemacht,  vernichtet 
und  das  Schlofs  zerstört  hätten.  Hierauf  seien  sie  in  die  Provinz  Ise  vorgerückt 
hätten  drei  Festungen  erobert  und  sich  nach  der  starken  Festung  Nagoja  in  Owari 
gewandt,  um  Daifusama  den  Weg  zu  versperren.  Dessen  Bundesgenossen  seien 
jedoch  zuvorgekommen,  hätten  diese  Festung  besetzt,  seien  hierauf  in  das  Fürsten- 
tum Mino  eingefallen  und  gegen  die  Festung  Gifu  gerückt,  welche  Chiunangodono 
Samburadono  innegehabt.  Hier  erwähnen  die  Denkschriften  (litterae  annuae)  der 
Missionäre  eine  wichtige  Persönlichkeit,  welche  die  japanische  Geschichte  während 
fünfzehn  Jahren  mit  einem  Schleier  bedeckt  hatte.  In  diesem  verstümmelten  Namen 
erkennen  wir  Sanbosi  mit  seinem  Hoftitel  Tsjunagon  wieder,  den  jetzt  zweiundzwanzig- 
jährigen  Sohn  Nobutadas,  der  im  Jahre  1582  von  Taiko  zum  Thronfolger  des  Nobu- 
naga bestimmt,  als  Sohn  angenommen  und  unter  dem  Namen  Hidenobu  zum 
XXVIII.  Sjögun  designiert  wurde  und  als  solcher  von  1582  — 1585  aufgeführt  wird. 
Er  war  rechtmäfsiger  Prätendent  des  Sjogunats,  welches  Taiko  (im  Jahre  1586) 
selbst  innehatte,  dann  im  Jahre  1591  seinem  Neften  und  Adoptivsohn  Hidetsugu 
abtrat  und,  nachdem  er  diesen  aus  dem  Wege  geräumt,  seinem  unmündigen  Sohne 
Hidejori  nach  seinem  Tode  zu  erhalten  suchte.  Wohl  war  Sanbosi  bis  jetzt  aus 
der  Geschichte,  aber  nicht  aus  dem  Gedächtnisse  des  nach  der  Herrschaft  strebenden 


400 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Ijejasu  verschwunden.  Er  war  für  beide  Parteien  gefährlich,  um  so  mehr,  da  er  nach 
dem  Zeugnisse  der  Patres  Christ  geworden  und  ein  eifriger  Anhänger  des  Christen- 
tums gewesen  sein  soll.  Gegen  den  Willen  seines  ersten  Beamten  liefs  er  sich  durch 
grofse  Versprechungen  von  Mitsunari  bewegen,  sich  ihm  anzuschliefsen.  Es  hatten 
somit  die  Bundesgenossen  Ijejasus  doppelte  Ursache,  ihn  in  seinem  Schlosse  anzu- 
greifen, wo  er,  wie  die  Missionäre  sagen,  bei  einem  Ausfälle  gefangen  genommen 
wurde,  aber  nach  japanischen  Quellen  sich  unterworfen  und  nach  dem  Tempel  von 
Kojasan  zurückgezogen  haben  soll,  wo  er  nach  einigen  Jahren  gestorben  ist.  Der 
Umstand,  dafs  Jukinaga  (Dom  Augustinus),  den  die  Missionäre  als  einen  der  eifrigsten 
Anhänger  der  christlichen  Kirche  bezeichnen,  nach  der  Schlacht  von  Sekigahara  gleich- 
falls in  den  Tempel  von  Kojasan  geflüchtet,  scheint  für  Sanbosis  Aufenthalt  in  Koja- 
san und  dessen  frühere  Bekehrung  zum  Christentume  zu  sprechen.  Nach  den  Be- 
richten der  Missionäre  marschierten  hierauf  Ijejasus  Bundesgenossen  gegen  die  Festung 
Kano,  welche  von  Mitsunaris  Truppen  besetzt  war;  Hülfstruppen  von  Josihida , dem 
Fürsten  von  Satsuma,  und  von  Nukinaga  waren  noch  zur  rechten  Zeit  herbei- 
gekommen, um  jenen  den  Übergang  über  den  Flufs  Odagawa,  welcher  die  Festung 
schützte,  zu  verwehren.  Dadurch  wurde  soviel  Zeit  gewonnen,  dafs  sich  die  Armee 
von  Mitsunari  mit  jener  seiner  Anhänger  vereinigen  konnte,  und  so  80000  Mann  dem 
Feinde  gegenüberstanden.  Mitsunari  konnte  sich  jedoch  nicht  zu  einem  Angriff  ent- 
schlief sen,  obgleich  die  Macht  des  Feindes  kaum  30000  Mann  zählte.  So  stand  man 
sich  dreifsig  Tage  lang  unthätig  gegenüber,  als  unerwartet  Ijejasu  mit  seinen  Truppen 
erschien  und  im  Verein  mit  seinen  Bundesgenossen  zum  Kampfe  anrückte.  Bei  Seki- 
gahara auf  dem  linken  Ufer  des  Odagawa  kam  es  zur  Schlacht.  Als  das  Zeichen  zum 
Angriff  gegeben  wurde  und  beide  Heere  zusammenstiefsen,  gingen  viele  Offiziere  mit 
ihrer  Mannschaft  zu  Daifu  über;  der  Ruf  «Verrat»  erscholl  durch  die  Glieder,  alles 
geriet  in  Verwirrung,  viele  suchten  ihre  Rettung  in  der  Flucht,  und  nur  wenige  Ge- 
treue, meistens  Offiziere  und  Vornehme,  kämpften  in  der  Umgebung  des  Mitsunari 
Jukinaga  und  anderer  Generale,  welche  in  den  Reihen  der  Feinde  ihren  Tod 
suchten.  Mitsunari  und  Jukinaga  wurden  gefangen.  Fast  ohne  Widerstand  drang 
Daifus  Heer  siegreich  in  Mino  vor  und  bemächtigte  sich  der  festen  Plätze.  Mitsunaris 
Bruder,  der  die  Festung  Inugama  besetzt  hatte,  übergab  diese  den  Flammen  und  sich 
dem  Tode. 

Bald  waren  alle  Festungen  der  Kronländer  mit  Ausnahme  von  Osaka  in  Daifus 
Händen.  Mori  Terumoto  (Morindono  der  Patres),  der  mächtigste  unter  den  Tairos, 
war  als  Beschützer  Hidejoris  und  Befehlshaber  des  Schlosses  von  Osaka  zurückge- 
blieben. Dieser  hätte  die  stark  besetzte  und  hinreichend  verproviantierte  Festung  halten 
und  selbst  mit  seinen  eigenen  Truppen  Ijejasu  so  lange  die  Spitze  bieten  können,  bis 
sich  die  Treugebliebenen  gesammelt  hätten.  Er  befand  sich  in  der  stärksten  Festung 
des  Reiches  und  hatte  den  Reichsschatz,  den  Prinzen,  die  Geiseln  der  Fürsten,  selbst 
derer,  welche  sich  an  Daifu  angeschlossen  hatten,  in  seiner  Gewalt.  Auf  die  Nach- 
richt von  der  Niederlage  Mitsunaris  und  seiner  Anhänger  schien  Terumoto  Mut  und 
Fassung  verloren  zu  haben,  verliefs  die  Festung  und  bezog  sein  eigenes  Palais  in 
der  Stadt,  welche  er  Daifu  öffnete  und  sich  auf  Gnade  und  Ungnade  ergab.  Er  be- 
siegelte seine  Feigheit  noch  mit  einer  Schandthat,  indem  er  den  seinem  Schutze  an- 
vertrauten Sohn  Jukinagas  hinrichten  und  dessen  Kopf  Daifu  überreichen  liefs,  eine 
Handlung,  die  selbst  das  Gemüt  des  Siegers  empörte.  Soweit  die  Geschichte  dieses 


4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjögunats.  goi 


denkwürdigen  Feldzuges  nach  den  schriftlichen  Nachrichten  der  Glaubensboten  am 
Ende  des  sechzehnten  Jahrhunderts.  — 

In  den  Geschichtstabellen  von  Japan  «Wa  nen  kei»,  einem  dem  jetzt  regierenden 
Hause  des  Minamoto  Ijejasu  günstigen  Geschichtswerke,  wird  diese  Schilderhebung, 
ursprünglich  auf  dem  Boden  der  Gesetzmäfsigkeit  mit  Bezug  auf  die  Thronfolge  an- 
geregt, mit  den  Worten  erwähnt:  «Isida  Mitsunari  und  Konisi  Jukinaga  sammeln  die 
Truppen  von  den  Kreisen  des  Gokinai,  Saikaidö  und  Hokurokudö  und  erregen 
einen  Aufstand.  Ijejasu  führt  persönlich  gegen  sie  die  Truppen  von  Kwantö,  liefert 
den  Empörern  ein  Treffen  bei  Sekigahara  und  schlägt  sie  aufs  Haupt.  Terumoto  und 
Motoharu  ergeben  sich  dem  Sieger,  Jositaka  entleibt  sich,  und  Mitsunari  und  Jukinaga 
werden  hingerichtet.» 

Die  Reichsgeschichte  von  Japan  «Das  Nippon  wodai  itsiran»,  dessen  Veröffent- 
lichung mit  dem  denkwürdigen  Jahre  1600  aufhört,  schliefst  mit  den  schmeichlerischen 
Worten  der  Unterthänigkeit:  «Im  neunten  Monate  des  fünften  Jahres  von  Kei  (Ok- 
tober 1600)  führt  Ijejasu  Krieg  gegen  die  Aufständischen  und  besiegt  sie.  Seit  dieser 
Zeit  geniefst  das  Reich  Nippon  den  Frieden,  und  der  Name  von  Ijejasu  hallt  im 
ganzen  Lande  wieder.  Sein  Name  und  der  seiner  Abkömmlinge  ist  auf  immer  segen- 
voll, und  ihr  Reich  wird  dauern  solange  wie  Himmel  und  Erde.)) 

Durch  die  Schlacht  von  Sekigahara  war  der  Grundstein  zur  Herrschaft  Ijejasus 
gelegt.  Es  waren  aber  noch  drei  mächtige  Fürsten  von  grofsem  Gewichte  in  der 
Wagschale  des  Landfriedens,  nämlich  Mori  Terumoto  (der  Morindono  der  Patres), 
Statthalter  der  westlichen  Provinzen  von  Nippon  und  Herr  von  neun  Fürstentümern, 
der  Befehlshaber  der  Festung  Osaka,  dann  Nagawo  Kagekatsu  (Canque  casu),  Fürst 
von  Jetsigo,  der  im  Jahre  1587  von  Taikosama  zum  Statthalter  der  nördlichen  Pro- 
vinzen des  Reiches  (Hokkoku)  ernannt,  ein  Beschützer  Mitsunaris,  als  dessen  Bundes- 
genosse er  eine  Hauptrolle  gespielt  hatte.  Diese  beiden  Fürsten  unterwarfen  sich;  aber 
der  dritte,  Josihida,  Fürst  von  Satsuma,  der  glücklich  mit  einem  Teile  seiner  Truppen 
aus  der  Schlacht  von  Sekigahara  entkommen  war,  wollte  sich  dem  Sieger  nicht 
unterwerfen.  Kiusiu  war  vom  Anfänge  an  der  Hauptsitz  des  Christentums;  die  christ- 
lichen Fürsten  und  Soldaten  bildeten  den  Kern  der  Armee  in  den  koreanischen  Feld- 
zügen und  Tochten  auch  gröfstenteils  unter  der  Fahne  des  unglücklichen  Jukinaga. 
Dieser  war  Fürst  von  Higo,  einer  der  bedeutendsten  Landschaften  von  Kiusiu,  und 
eine  Zeit  lang  sogar  Statthalter  der  neun  Fürstentümer,  woraus  diese  Insel  besteht. 

Zur  Erhaltung  des  Friedens  und  zur  Begründung  der  Herrschaft  Ijejasus  war 
die  Unterwerfung  des  mächtigen  Fürsten  von  Satsuma,  der  auch  schon  Herr  seiner 
Nachbarländer  Hiuga  und  Osumi  geworden,  unumgänglich  nötig.  Der  Statthalter 
von  Nagasaki  erhielt  Befehl,  mit  Hülfe  der  Fürsten  von  Arima  und  von  Omura  Josi- 
hida zum  Gehorsam  zu  bringen.  Der  Statthalter  (Ximandono)  war  ein  Christenfeind, 
die  beiden  Fürsten  eifrige  Christen;  die  Kirchengeschichte  nennt  sie  «zwei  Säulen  der 
christlichen  Religion». 

Alle  Handlungen  Ijejasus,  von  seinem  ersten  Auftreten  auf  dem  Schauplatze  des 
Erbfolgekrieges  unter  Nobunaga  an,  zeugen  von  einer  unergründlichen  Schlauheit, 
welche  man  heutzutage  als  politische  Begabung  bewundern  würde. 

Den  Reichsgesetzen  zufolge  mufste  der  Statthalter  von  Nagasaki,  um  so  wichtige 
Befehle  gegen  einen  Fürsten  der  Insel  Kiusiu  zu  vollziehen,  mit  der  Würde  eines 
Kiusiuno  tanda'i  (d.  i.  Stellvertreter  in  Kiusiu)  vom  Mikado  bekleidet  sein;  daher 

v,  Sieb  old,  Nippon  I.  2,  Aufl.  26 


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Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


versteht  es  sich  von  selbst,  dafs  dieser  nur  ein  eifriger  Anhänger  der  Landesreligion 
sein  konnte,  und  diesem  teilte  man  christliche  Hülfstruppen  zu,  um  gegen  einen 
Christenfeind  zu  kämpfen,  und  dies  zwar  unter  dem  Befehle  zweier  Fürsten,  die  es 
aus  christlichen  Grundsätzen  vermieden  hatten,  an  der  Schilderhebung  gegen  Ijejasu 
teilzunehmen,  weil  sie  ihm  als  Regenten  (während  der  Unmündigkeit  Hidejoris)  Treue 
geschworen  hatten.  Jetzt  mufsten  diese  pflichtgetreuen  Männer  wider  ihren  Willen 
sowohl  mit  ihren  Religionsfeinden  als  gegen  dieselben  zu  Felde  ziehen,  um  so  Hafs 
und  Rache  auf  sich  zu  laden. 

Bald  wurde  der  Fürst  von  Satsuma  zum  Gehorsam  gebracht,  und  wenn  es  auch 
dem  siegreich  an  den  Hof  des  Ijejasu  zurückkehrenden  Statthalter  von  Nagasaki  nicht 
glückte,  die  beiden  Fürsten  in  Ungnade  zu  bringen,  so  veranlafste  er  doch  ein  Edikt, 
vermöge  dessen  die  Ausübung  der  christlichen  Religion  auf  Kiusiu  verboten  wurde, 
wenn  dieses  auch  aus  Besorgnis  vor  einem  allgemeinen  Aufstande  der  Christen  später 
widerrufen  wurde.  Es  genügte  vorerst,  die  Christen  in  Furcht  zu  setzen  und  streng 
zu  überwachen,  w^as  vor  allem  im  Fürstentume  Higo,  wo  sich  an  hunderttausend 
Christen  befanden,  nötig  war.  Der  mit  diesem  Lande  nach  Jukinagas  Tod  aufs  neue 
belehnte  Fürst  konnte  natürlich  kein  Freund  der  Christen  sein.  Die  Ausrottung  der 
Christen  war  fester  Beschlufs,  zu  dessen  Ausführung  sich  bald  Veranlassung  fand.  Ijejasu, 
der,  da  sein  Schlofs  zu  Fusimi  zerstört  worden  war,  zu  Kioto  Hof  hielt,  empfing  dort 
die  Huldigung  aller  Reichsgrofsen  (1602),  und  vom  Mikado  wurde  ihm  der  Titel  Kubo, 
eine  alte  militärische  Würde,  welcher  soviel  als  erster  Ritter  des  Reiches  bedeutet,  feier- 
lich verliehen.  Von  nun  an  tritt  Ijejasu  in  der  Kirchengeschichte  als  Kubosama  auf. 
Mit  dem  Mikado  suchte  der  schlaue  Staatsmann,  ähnlich  wie  seiner  Zeit  Taikosama 
in  gutem  Verständnisse  zu  bleiben  und  den  Anschein  zu  gewinnen,  seinen  Pflichten 
als  Vormund  des  anerkannten  Nachfolgers  im  Sjögunat  (Hidejori)  getreu  nachzukommen 
und  diesen  zu  beschützen.  Auch  suchte  er  das  Andenken  an  Taiko  zu  Kioto  durch 
glänzende  Feste  an  dem  Jahrestage  desselben  zu  verherrlichen.  Im  dritten  Monat  des 
Jahres  1603  wurde  der  Kubo  Ijejasu  vom  Mikado  zum  Sjögun  ernannt  und  im  folgenden 
Monat  Hidejori  mit  der  Hofwürde  eines  Naidaizin  bekleidet. 

In  den  Reichsannalen  erscheint-  nun  Minamoto  Ijejasu  als  XXXII.  Sjögun.  Im 
siebenten  Monat  begab  sich  der  Sjögun  in  einem  glänzenden  Aufzuge  nach  Osaka,  wo 
er  Hidejori,  der  in  dem  von  seinem  Vater  erbauten  Schlosse  gleich  einem  Staatsge- 
fangenen lebte,  besuchte  und  dessen  Vermählung  mit  seiner  Enkelin,  der  Tochter 
seines  Sohnes  Hidetada,  vollzog;  es  wurden  grofse  Feste  veranstaltet,  um  durch  ver- 
schwenderischen Aufwand  die  Schätze  des  Prinzen  zu  erschöpfen. 

Im  vierten  Monat  des  Jahres  1605  wurde  dem  Hidejori  vom  Mikado  die  Hofwürde 
eines  Udaizin  erteilt,  aber  auch  gleichzeitig  Ijejasus  Sohn  Hidetada  zum  Sei-i-Sjögun 
ernannt.  Er  erscheint  in  den  Reichsannalen  als  XXXIII.  Sjögun.  Hidetada  kam  mit 
seinen  Vasallen  und  zahlreichen  Leibwachen,  an  7000  Mann,  nach  Fusimi  und  zog  von 
da  nach  Kioto,  um  dem  Mikado  für  die  erhaltene  Sjögun  würde  seinen  Dank  abzu- 
statten und  ihm  zu  huldigen.  Dort  versammelten  sich  auch  alle  Fürsten  und  Grofsen 
des  Reiches,  um  ihrem  neuen  Gebieter  den  Tribut  ihrer  Unterwerfung  zu  zollen.  Es 
fanden  Feierlichkeiten  mit  vorher  nie  gesehener  Pracht  statt,  wobei  sich  der  neue  Sei- 
i-Sjögun  durch  Leutseligkeit  auszeichnete. 

Der  Kubo  Ijejasu  (die  japanischen  Geschichtsschreiber  nennen  ihn  von  nun  an 
Zen  Sjögun,  d.  i.  vormaliger  Sjögun)  gab  (im  fünften  Monat  1605)  Hidejori  durch  die 


4-  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjögunats.  403 

legitime  Gemahlin  seines  Vaters,  die  Prinzessin  Kitano-mondokoro,  den  Wunsch  zu 
erkennen,  er  möchte  nach  Jedo  kommen.  Seine  Mutter  Jodogimi  (diese  war  eine 
Beifrau  Taikos)  liefs  ihn  aber  nicht  ziehen,  aus  Besorgnis,  es  möchte  ihm  dort  ein 
Unglück  zustofsen.  Nach  den  Berichten  der  Missionäre  soll  Hidejori  von  Ijejasu  sogar 
den  Befehl  erhalten  haben,  nach  Kioto  zu  kommen,  seine  Mutter  jedoch,  eine  verständige 
und  mutige  Frau,  die  nie  von  seiner  Seite  wich,  soll  erklärt  haben,  ihrem  Sohne 
und  sich  eher  den  Tod  zu  geben,  als  ihn  dort  erscheinen  zu  lassen. 

Ijejasu,  Herr  von  mehreren  Provinzen,  hatte  diese  inzwischen  an  seinen  Sohn 
abgetreten;  er  erbaute  ihm  zu  Jedo  in  der  Provinz  Musasi  ein  prächtiges  Schlofs  (1606) 
und  verlegte  seinen  Hof  nach  Futsiu  in  der  Provinz  Suruga.  Schon  seit  Jahren  Statt- 
halter von  den  östlichen  Provinzen  (Kwantö)  hatte  Ijejasu  ungeheure  Schätze  aufgehäuft. 

Nach  der  Ankunft  der  Portugiesen  in  Japan  war  allmählich  der  Handel 
mit  China  in  die  Hände  dieser  Seefahrer  übergegangen  und  seit  dem  Kriege 
mit  Korea  aller  Verkehr  zwischen  Japan  und  China  abgebrochen.  Nun  erschien  im 
Jahre  1607  eine  chinesische  Gesandtschaft,  welche  ihren  Weg  über  Korea  genommen 
hatte  und  wahrscheinlich  von  koreanischen  Gesandten  begleitet  wurde.  Infolge  dieser 
Gesandtschaft,  welche  jedoch  mehr  von  kommerzieller  als  politischer  Art  gewesen  zu 
sein  scheint,  wurde  den  Chinesen  der  Handel  in  Nagasaki  gestattet. 

Bald  erschienen  noch  andere  Bewerber  um  Handelsfreiheit  im  Japanischen  Reiche. 
Bereits  im  Frühling  des  Jahres  1600  war  ein  holländisches  Schiff  mit  einer  schwachen 
und  wehrlosen  Bemannung  an  die  japanische  Küste  in  der  Landschaft  Bungo  verschlagen 
worden.  Das  Schiff  wurde  mit  Beschlag  belegt,  und  der  Steuermann  Adamz,  da 
der  Kapitän  Sandifort  krank  darniederlag,  dem  Kubo  vorgeführt,  worauf  das  Schiff 
nach  Sakai  und  sodann  nach  der  Bai  von  Jedo  gebracht  wurde.  Dieser  Zufall  hatte 
einen  folgenreichen  Einflufs  auf  die  Geschichte  der  Europäer  in  Japan.  Adamz,  der 
sich  die  Gunst  Ijejasus  erwarb,  gab  nicht  nur  die  Veranlassung  zur  Begründung  des 
niederländischen  und  englischen  Handels  in  diesem  Reiche;  seine  Enthüllungen  des 
politischen  und  religiösen  Zustandes  von  Portugal  und  Spanien,  sowie  der  herrsch- 
süchtigen Bestrebungen  beider  Länder  in  fremden  Weltteilen,  wobei  die  nach  Freihandel 
strebenden  Holländer  und  Engländer  in  einem  vorteilhaften  Lichte  hervortraten,  waren 
die  Hauptursache  für  die  Mafsregeln,  welche  gegen  die  christlichen  Ausländer  und 
ihre  zahlreichen  Glaubensgenossen  im  Reiche  eingeführt  wurden.  Diese  Mafsregeln 
wurden  durch  wechselseitige  Verläumdungen,  die  aus  Religionshafs  und  Gewinn- 
sucht hervorgingen  und  den  Argwohn  des  mifstrauischen  Usurpators  noch  mehr 
wreckten,  geschärft  und  mit  beispielloser  Strenge  durchgeführt. 

Diese  oben  angeführte  Begebenheit,  die  sich  gerade  in  dem  denkwürdigen  Jahre 
der  Umwälzung  der  obersten  Staatsgewalt  (1600)  vollzog  und  den  Grundstein  des 
niederländischen  Handels  in  Japan  legte,  hat  viel  zur  Begründung  der  Dynastie  des 
Minamoto  Ijejasu  und  der  Erhaltung  seines  Hauses  bis  auf  den  heutigen  Tag  beige- 
tragen. Durch  die  Berührung  mit  freiheitsliebenden,  aufgeklärten,  Seehandel  treibenden 
Völkern,  die  zwar  auch  Eroberer  waren,  jedoch  nicht  mit  geheimen  Waffen  auf  Er- 
oberungen ausgingen,  wurde  gleichzeitig  auch  der  Bannstrahl  gegen  die  christlichen 
Glaubensboten  hervorgerufen,  welche  durch  ihre  ungestüme  Bekehrungssucht  und  ihre 
Einmischung  in  die  inneren  Angelegenheiten  des  Landes  seit  einem  halben  Jahrhundert 
den  Argwohn  der  Heerkönige  erregt  hatten.  Die  unerschütterliche  Beharrlichkeit  der 
Neubekehrten,  die  Stählung  ihres  Glaubens  durch  die  Macht  seiner  Wahrheit  und 


404 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Liebe  konnte  nicht  als  Äquivalent  für  die  selbstsüchtigen  Absichten  der  Portugiesen 
dienen.  Die  neuen  Bewerber  um  Handelsverbindungen  waren  um  so  willkommener, 
da  der  Handelsverkehr  mit  China,  dem  sittenverwandten  Nachbarlande,  durch  die 
Vermittlung  der  Europäer  unterhalten  werden  mufste;  denn  bis  zum  Jahre  1607  war, 
wie  wir  gesehen,  den  Chinesen  die  Schiffahrt  nach  Japan  untersagt  und  befand  sich 
ausschliefslich  in  den  Händen  der  Portugiesen.  Der  Pafs,  welchen  der  Kubo  Ijejasu 
den  Niederländern,  die  zuerst  im  Jahre  1609  an  seinem  Hofe  zu  Futsiu  in  Suruga 
erschienen,  ausfertigen  liefs,  und  den  im  Jahre  16 11  sein  Sohn,  der  Sjögun  Hidetada, 
erneuerte,  sowie  der  mit  Grofsbritannien  im  Jahre  1613  geschlossene  Handelstraktat 
sind  Urkunden,  welche  fast  gleichzeitig  mit  dem  Verbote  des  christlichen  Gottesdienstes 
ausgefertigt  worden  sind.  Sie  bilden  die  besten  Belege  zur  Handelspolitik  und  Staats- 
maxime des  Minamoto  Ijejasu  und  seines  Nachfolgers. 

Es  herrschte  nun  eine  schwüle  Stille  in  der  vor  kurzem  so  stürmischen  politi- 
schen Atmosphäre,  und  es  schwebten  düstere  Wolken  am  Horizonte  des  Japanischen 
Reiches,  denn  zwei  Parteien  standen  sich  drohend  gegenüber,  und  nur  durch  die 
Vernichtung  der  einen  war  die  Erhaltung  der  andern  denkbar.  Auf  diese  Weise  konnte 
der  Friede,  sei  es  nun  auf  rechtliche  oder  gewaltsame  Weise  zustande  kommen. 
Ein  durch  Parteigeist  entzweites  Feudalreich  kann  nur  durch  einen  Gewaltstreich 
aus  seiner  Zerklüftung  befreit  werden.  Im  Westen  von  Nippon,  im  Schlosse  von 
Osaka,  entwickelte  sich  der  jugendliche  Hidejori  unter  der  Obhut  seiner  klugen  Mutter 
frühzeitig  zum  Manne,  er  wurde  in  der  Kriegskunst  durch  die  alten  Generale  seines 
Vaters  ausgebildet.  Er  verhielt  sich  aber  ruhig,  denn  er  und  seine  Anhänger  bedurften 
der  Ruhe,  um  sich  zu  sammeln.  Im  Osten  des  Reiches,  zu  Jedo  und  zu  Suruga,  be- 
festigten Vater  und  Sohn  gemeinschaftlich  das  neu  errichtete  Sjögun-Haus.  Es  fehlte 
ihnen  nicht  an  Macht,  Thatkraft  und  Klugheit;  aber  dem  neuen  Staatsgebäude  mangelte 
der  Boden  der  Gesetzmäfsigkeit. 

Im  Jahre  1610  liefs  Ijejasu  an  Hidejori  den  Befehl  ergehen,  der  Bestimmung 
seines  Vaters  Taikosama  gemäfs  den  Tempel  Hökozi  wieder  aufzubauen.  Dieser 
begann  mit  dem  Bau  und  liefs  zur  Bestreitung  der  Kosten  eines  der  goldenen  Pferde 
einschmelzen,  die  sein  Vater  seiner  Zeit  hatte  anfertigen  lassen. 

Als  im  dritten  Monate  des  folgenden  Jahres  Ijejasu  nach  Kioto  kam,  entbot  er 
Hidejori  zu  sich,  welchem  Befehle  sich  jedoch  dessen  Mutter  Jodogimi  widersetzte. 
Aber  seitens  der  Fürstin  Kitano-mondokoro,  die  als  legitime  Gemahlin  seines  Vaters 
auch  mitzusprechen  hatte,  wurden  dem  Hidejori  dringende  Vorstellungen  gemacht,  der 
Aufforderung  des  Kubo  zu  folgen.  Dieser  Ansicht  trat  auch  sein  Oberhofmeister  Katagiri 
Katsumoto  bei.  Von  zwei  Generalen,  Kijomasa  und  Asano,  begleitet,  zog  endlich  Hide- 
jori am  28.  des  dritten  Monats  nach  Kioto,  um  Ijejasu  seine  Aufwartung  zu  machen. 
Dieser  war  von  zahlreichen  Generalen  und  Fürsten  umgeben.  Hidejori  hatte  nur 
seine  beiden  Generale  zur  Seite.  Er  besuchte  hierauf  die  Fürstin  Kitano-mondokoro, 
welche  in  Kioto  wohnte,  und  begab  sich  auch  nach  der  den  Manen  seines 
Vaters  geheiligten  Kapelle  (der  Mija  des  Tojokuni-dai-mijözin) , worauf  er  nach 
Fusimi  und  von  da  auf  dem  Flusse  Jodogawa  nach  seinem  Schlosse  zu  Osaka 
zurückkehrte.  Zu  Hause  angekommen,  brach  Kiomasa,  der  Held  von  Korea,  in 
Thränen  aus  und  beklagte,  dafs  er  nicht  im  stände  sei,  die  von  Taikosama  empfangenen 
Wohlthaten  seinem  Sohne  genügend  zu  vergelten,  denn  er  ahnte  bereits,  dafs  er  un- 
rettbar verloren  sei.  Einen  Monat  später  starb  dieser  treue  Freund  und  bald  darauf  auch 


4-  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats.  405 


Asano.  Hidejori  war  nun  seiner  besten  Stützen  beraubt.  Im  folgenden  Jahre  ge- 
bot der  Kubo  dem  Hidejori,  das  Einkommen  des  Katagiri  und  des  O110  Haruna- 
ga  (der  Geliebten  seiner  Mutter)  um  5000  Kok  zu  erhöhen.  Damals  war  Hide- 
jori der  Obhut  des  Katagiri  Katsumoto  und  Kimura  Sigenari  und  den  Befehls- 
habern von  sieben  Heeresabteilungen  anvertraut.  — Im  Jahre  1614  zeigte  sich 
ein  Komet  am  östlichen  Horizonte,  den  man  als  ein  Vorzeichen  von  Unglück  deutete. 
Der  Tempel  Hökozi  war  in  vier  Monaten  vollendet.  Hidejori  liels  nun  eine  grofse 
Glocke  giefsen  und  beauftragte  den  Priester  Seikan,  eine  auf  dieselbe  einzuprägende 
Inschrift  zu  verfertigen.  Im  fünften  Monate  sandte  er  Katagiri  nach  Suruga,  um  Ijejasu 
die  Vollendung  des  Tempels  anzuzeigen.  Ijejasu  zeigte  sich  sehr  freundlich  und  er- 
widerte, dals  er  persönlich  erscheinen  und  Hidejori  seinen  Glückwunsch  zur  Vollen- 
dung dieses  Werkes  darbringen  werde.  Katagiri  gab  er  die  Tochter  seines  treuen 
Dieners  Honda  Masazumi  zur  Frau,  und  beglückt  kehrte  dieser  zurück.  Der  Priester 
bestimmte  nun,  am  dritten  des  achten  Monats  die  Eröffnung  des  Tempels  mit  einem 
grofsen  Feste  zu  feiern. 

Der  hohe  Adel  (Kuge)  am  Hofe  des  Mikado  und  das  Volk  sah  mit 
Ungeduld  der  Enthüllung  und  Einweihung  dieses  Prachttempels  entgegen.  Da 
erscheint  plötzlich  ein  Abgesandter  von  Ijejasu  an  Katagiri  mit  dem  Befehle,  das  Fest 
aufzuschieben.  Aus  der  Abschrift  der  Glockeninschrift  habe  er  ersehen,  dafs  die 
seinen  Namen  bezeichnenden  chinesischen  Schriftzeichen  in  einer  Weise  aus- 
gedrückt wären,  welche  in  geheimnisvoller  Deutung  sich  als  einen  Fluch  auf 
ihn  selbst  auslegen  lasse.  Der  Kubo  sei  darüber  sehr  erzürnt.  Ganz  erstaunt 
erklärte  Katagiri,  dafs  Hidejori  davon  nichts  wisse,  indem  er  die  Inschrift  durch 
einen  Priester  habe  verfassen  lassen  und  dieselbe,  als  sie  fertig  gewesen,  dem  Graveur 
übergeben  habe.  Er  selbst  aber  verstehe  wenig  die  chinesische  Schrift.  Er  ersuche 
unterthänigst,  dafs  Ijejasu  das  Fest  doch  möge  feiern  lassen,  da  er  besorge,  dafs  bei  der 
grofsen  Volksmasse,  die  sich  bereits  versammelt  hätte,  die  Abbestellung  desselben 
srofses  Aufsehen  erregen  würde.  Gleich  nach  dem  Feste  wolle  er  die  Inschrift  weg- 
nehmen  lassen  und  sich  jeder  beliebigen  Strafe  unterziehen.  Der  Abgesandte,  er  hiefs 
Sige  Katsu,  begnügte  sich  mit  dieser  Entschuldigung  nicht.  Das  Fest  durfte  nicht 
gefeiert  werden,  was  eine  grofse  Unruhe  unter  dem  Volke  zur  Folge  hatte.  In  den 
Reichsannalen  (Wa  nen  ki)  lesen  wir  nur  die  wenigen  Worte:  «Die  grofse  Glocke 
des  Daibutstempels  wird  gegossen)).  «Aufstand  in  Osaka;  die  Ordnung  wird  wieder 
hergestellt.»  Und  im  folgenden  Jahre  (1615)  heifst  es  kurzweg:  «Ijejasu  erobert 
das  Schlofs  von  Osaka  und  stürzt  das  Sjögun-Haus  Töjotomi». 

Wir  treten  nun  in  eine  denkwürdige  Zeit  der  Reichsgeschichte  von  Japan,  zu 
deren  richtigen  Auffassung  wir  alle  diese  Einzelheiten  aus  den  uns  zugänglichen  japa- 
nischen Quellen  gesammelt  haben.  Über  den  Sturz  Hidejoris  wufsten  wir  bis  jetzt  nur, 
was  uns  in  Bruchstücken  aus  den  Denkschriften  der  Missionäre  und  den  Tagebüchern 
der  niederländischen  Gesandten  jener  Zeit  bekannt  geworden  ist.  Wir  wollen  aber 
versuchen,  den  weiteren  Hergang  und  das  Ende  des  Kampfes  um  die  Oberherrschaft 
nach  japanischen  Quellen  zu  erörtern. 

Katagiri  sandte  den  Priester  Seikan,  der  die  Inschritt  der  Glocke  verfertigt,  nach 
Suruga,  um  Hidejoris  Unschuld  zu  beweisen.  Er  selbst  folgte  mit  seinem  jüngsten 
Bruder  und  Ono  Harunaga.  Ijejasu  empfing  den  Priester  und  befahl  ihm,  sich  nach 
Kioto  zu  begeben  und  die  fragliche  Inschrift  von  den  Priestern  der  fünf  Tempel 


1 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


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(Gosan)  untersuchen  und  beurteilen  zu  lassen.  Die  meisten  dieser  Schriftgelehrten 
stimmten  darin  überein,  dafs  die  Stelle  der  Inschrift  einen  Fluch  enthalte. 

Katagiri  und  Ono  waren  zu  Manko,  der  letzten  Poststation  von  Futsiu,  dem 
Hoflager  des  Kubo,  zurückgeblieben.  Im  fünften  Monate  liefs  der  Kubo  den  Ono 
nach  Osaka  zurückreisen  und  rief  darauf  Katagiri  allein  zu  sich  und  stellte  eine  strenge 
Untersuchung  über  den  Hergang  der  Sache  an,  die  diesem  viel  zu  schaffen  machte. 
Als  Hidejoris  Mutter  (Jodogimi)  von  Ono  vernahm,  dafs  er  und  sein  Begleiter  beim 
Kubo  nicht  vorgelassen  worden  seien,  beschlofs  sie  eine  Nonne  Namens  Sjöjei  und 
eine  andere  treue  Dienerin,  Okura,  nach  Suruga  zu  senden.  Diese  mufsten  nun  schnell 
die  Glockeninschrift  studieren,  um  den  Kubo  von  Hidejoris  Unschuld  zu  überzeugen.  ■ 
Ijejasu  empfing  diese  unerwartet  freundlich,  und  sie  fanden  es  ganz  unnötig,  ihre  Auf- 
klärung über  die  fatale  Inschrift  zu  geben.  Er  liefs  sie  nach  Jedo  bringen,  damit  sie 
dort  seine  Frau,  die  jüngste  Schwester  Jodogimis,  besuchten.  Nach  ihrer  Zurückkunft 
baten  sie  den  Kubo  um  eine  schriftliche  Erklärung  seiner  Befriedigung,  die  er  jedoch 
verweigerte  mit  der  Bemerkung,  dafs  seine  mündlichen  Mitteilungen  genügen  würden. 
Kaum  waren  beide  abgereist,  so  liefs  der  Kubo  den  Katagiri  zu  sich  entbieten  und 
ihm  durch  Honda  Tadakatsu  und  einen  Priester,  Tenkai,  eröffnen,  dafs  der  Argwohn, 
der  beim  Kubo  über  das  Benehmen  Hidejoris  entstanden,  schwer  zu  beseitigen  sei,  und  er 
sagen  sollte,  auf  welche  Weise  der  Prinz  seine  Unschuld  beweisen  wolle.  Auf  Katagiris 
Frage,  wie  nach  ihrer  Meinung  sein  Prinz  den  Kubo  von  seiner  Unschuld  überzeugen 
könne,  schwiegen  sie.  Katagiri  gab  hierauf  seine  Absicht  zu  erkennen,  sich  nach  dem 
Hofe  des  Sjögun  zu  begeben,  worauf  ihm  der  Kubo  bedeuten  liefs,  dafs  sein  Sohn, 
der  Sjögun,  dieselbe  Ansicht  mit  ihm  teile;  er  solle  nur  wieder  nach  Osaka  zurück- 
kehren und  diese  bedenkliche  Sache  reiflich  überlegen.  So  verliefs  Katagiri  den  Hof 
des  Kubo.  Zu  Tsutsijama,  einige  Tagereisen  von  Osaka,  traf  er  die  beiden  Frauen 
an,  die  ihm  erzählten,  wie  freundlich  sie  vom  Kubo  seien  empfangen  worden,  und 
versicherten  ihm,  dafs  nichts  Böses  zu  besorgen  sei.  Ganz  erstaunt  hierüber  ver- 
sicherte Katagiri,  das  Gegenteil  erfahren  zu  haben,  indem  man  es  ihm  sehr  schwer 
gemacht  habe,  Hidejoris  Unschuld  zu  beweisen,  und  dafs  er  nur  drei  Wege  wisse, 
auf  denen  der  Friede  erhalten  werden  könne.  Das  beste  Mittel  sei,  Hidejoris  Mutter 
(Jodogimi)  gleichsam  als  Geisel  mit  ihrer  jüngsten  Schwester,  der  Gemahlin  des  Sjögun, 
in  Jedo  zusammenwohnen  zu  lassen;  das  zweite,  wenn  Hidejori  selbst,  dem  früheren 
Wunsche  des  Kubo  zufolge,  in  Jedo  residieren,  und  das  letzte  Mittel,  wenn 
er  das  Schlofs  zu  Osaka  verlassen  und  seinen  Hof  an  irgend  einen  andern  Ort  ver- 
legen würde.  Beide  schwiegen  in  dem  Glauben,  Katagiri  suche  seinen  Herrn,  den 
Prinzen,  zu  hintergehen;  sie  schrieben  insgeheim  nach  Osaka,  dafs  ihm  nicht  zu  trauen 
wäre.  Dieser,  nichts  Böses  ahnend,  nahm  seinen  Weg  über  Kioto,  um  dort  einen 
gewissen  Hakura  Katsusige  in  dieser  Angelegenheit  zu  Rate  zu  ziehen. 

Die  Eröffnungen  der  beiden  Frauen  empörten  Jodogimi.  «Und  bin  ich  auch)), 
rief  sie  aus,  «nur  die  Beifrau  Taikos,  so  bin  ich  doch  die  Mutter  Hidejoris ; wie  kann 
ich  mich  Kwantö  (das  östliche  Land,  früher  unter  Ijejasus  Statthalterschaft)  unter- 
werfen und  mich  entehren  lassen;  lieber  wTill  ich  hier  im  Schlosse  mit  Hidejori 
sterben.  Ich  will,  dafs  Katagiri  gestraft  werde  und  sollte  daraus  ein  Krieg  mit  Kwantö 
entstehen.  Ono  Harunaga  und  Oda  Nagamasa  stimmten  ihr  bei.  Ersterer  war  der 
Sohn  ihrer  Pflegemutter  und  lebte  mit  Jodogimi  in  aufserehelichem  Verhältnisse, 
letzterer  ihr  Oheim  (ein  Bruder  ihres  Vaters  Asai  Nagamasa,  — ihre  Mutter  war  die 


4-  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats.  407 

jüngste  Schwester  des  Nobunaga).  Der  Rat  dieser  beiden  Günstlinge  fand  jedesmal 
Gehör,  wodurch  häufig  Unfriede  im  Schlosse  veranlafst  wurde.  Als  Katagiri  zu  Hidejori 
kam,  setzte  er  ihm  die  Schwierigkeiten  auseinander,  welche  obwalteten,  den  Argwohn  des 
Kubo  zu  beseitigen  und  stellte  ihm  die  drei  obenerwähnten  Mittel  als  die  einzigen 
zur  Erhaltung  des  Friedens  vor.  Hidejori  teilte  die  bedenkliche  Sachlage  seiner  Mutter 
mit,  welche  Katagiri  wissen  liefs,  dafs  sie  ihn  über  diese  Angelegenheit  zu  sprechen 
wünsche.  An  dem  bestimmten  Tage  bereit,  im  Hofkleide  nach  dem  Schlosse  zu 
gehen,  entdeckte  ihm  einer  seiner  Diener,  dafs  Jodogimi  ihn  für  einen  Verräter  hielt, 
und  er  im  Schlosse  ermordet  werden  würde.  Unter  Wehrufen  beklagte  er  seinen 
Herrn,  den  Prinzen,  dafs  er  sich  durch  den  schlechten  Rat  seiner  Umgebung  ver- 
blenden liefse,  wodurch  sein  Sturz  bald  würde  herbeigeführt  werden.  Er  schützte 
Krankheit  vor  und  erschien  ungeachtet  wiederholter  Aufforderung  nicht.  Katagiri 
Katsumoto  war  erster  Gouverneur  des  Prinzen  und  Intendant  (Oberaufseher)  des 
Schlosses:  er  war  mit  allem  bekannt,  und  selbst  ein  Teil  der  Kriegsmacht  stand  ihm 
zu  Gebote.  Jodogimi  und  ihre  Günstlinge  boten  alles  auf,-  ihn  aus  dem  Wege  zu 
schaffen,  während  die  Gegenpartei  dem  Katagiri  sogar  den  Vorschlag  machte,  sich 
des  Schlosses  zu  bemächtigen  und  selbständig  zum  Wohle  des  Prinzen  zu  handeln. 
Niemand  fand  sich,  der  gegen  Katagiri  handelnd  aufzutreten  wagte;  er  selbst  aber 
wollte  sich  nicht  gegen  seinen  Herrn,  den  Prinzen,  auflehnen.  Er  bat  um  Erlaubnis, 
sich  nach  seinem  Lande  zurückziehen  zu  dürfen,  legte  seine  Amtsinsignien  und  die 
Schlüssel  der  acht  Tliore  des  Schlosses  in  die  Hände  seines  Herrn  nieder  und  stellte 
Geiseln  für  seine  Treue.  Die  sieben  Generale  begleiteten  ihn  bis  an  den  Jodogawa, 
tranken  Abschied  und  gaben  ihm  die  Geiseln  zurück.  Er  begab  sich  nach  seinem 
Lande  auf  das  Schlofs  Iwaragi.  So  verlor  der  Prinz  seinen  treuesten  und  tapfersten 
Diener  (am  1.  des  zehnten  Monats). 

Hidejori  hielt  nun  mit  seinen  Generalen  einen  Kriegsrat.  Harunaga  drang  dar- 
auf, augenblicklich  zum  Kriege  zu  rüsten,  da  alle  Fürsten  den  Krieg  wünschten, 
namentlich  könne  man  auf  die  der  westlichen  Länder  rechnen,  welche  alles  seinem 
Vater,  Taiko,  zu  verdanken  hätten.  Der  Krieg  wurde  beschlossen  und  Kriegs- 
material angeschafft.  Hidejori  liefs  einen  Aufruf  ergehen,  und  bald  fanden  sich 
Hunderte  tapferer  Offiziere  und  Krieger  ein,  welche  sich  nach  der  Schlacht  bei  Seki- 
gahara  allenthalben  zerstreut  hatten.  In  zehn  Tagen  waren  im  Schlosse  an  fünfzig- 
tausend Kriegsleute  versammelt.  Aber  die  meisten  waren  aus  Elend  und  Armut  diesem 
Aufruf  gefolgt.  Unter  ihnen  befand  sich  kein  General  oder  Offizier,  der  Besitzer  eines 
Landes  oder  eines  Gutes  gewesen  wäre.  Hidejori  schickte  nun  Briefe  an  die  einzelnen 
regierenden  Fürsten  und  rief  sie  zu  Hülfe. 

Diese  sandten  jedoch  Boten  mit  den  Briefen  an  Ijejasu.  Dieses  geschah  gegen 
alle  Erwartung;  um  aber  sein  Heer  nicht  zu  entmutigen,  liefs  Hidejori  bekannt 
machen,  dafs  sich  die  westlichen  Fürsten  jetzt  noch  neutral  halten  würden,  um  dem 
östlichen  Heere,  wenn  es  vor  Osaka  erschien,  in  den  Rücken  zu  fallen.  Auch  dies- 
mal war  wieder  die  Frage,  ob  man  einen  Feldzug  eröffnen  oder  im  Schlosse,  wo 
man  jahrelang  dem  gesamten  Reichsheere  die  Spitze  bieten  könnte,  bleiben  und 
den  Feind  abwarten  solle.  Der  kühne  Plan,  sich  unverzüglich  des  Schlosses  von 
Fusimi  zu  bemächtigen,  des  Schlüssels  zu  der  Hauptstadt  Kioto,  und  diese  Stadt,  die 
Residenz  des  Mikado  und  strategisch  wichtige  Eingangspforte  der  östlichen  und  west- 
lichen Heerstrafse,  zu  besetzen  und  von  da  einen  Aufruf  an  die  westlichen  Fürsten 


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Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


ergehen  zu  lassen,  wurde  als  Wagestück  verworfen.  Man  schritt  nun  zur  Verstärkung 
der  Festung;  aber  gegen  den  Willen  der  sieben  Generale  liefs  Harunaga  noch  sehr 
ausgedehnte  Aufsen werke  anlegen. 

Auf  das  Aufgebot  des  Kubo  und  des  Sjögun  griffen  viele  Fürsten  zu  den  Waffen 
und  brachen  gegen  Osaka  auf.  Unter  den  Generalen,  die  auf  Befehl  des  Sjögun  in 
Jedo  zurückgeblieben  waren,  befand  sich  Hukusima  Masanari,  der  sich  aber  mit  seinem 
Vetter  nach  Osaka  begab  und  die  Partei  des  Hidejori  ergriff,  während  sein  Sohn  an 
der  Spitze  seiner  Truppen  der  Fahne  des  Sjögun  folgte.  Bald  rückte  das  Heer  von 
Osten  gegen  Osaka,  an  500000  Mann  stark,  und  umzingelte  das  Schlofs  von  allen 
Seiten.  Nochmals  versuchte  Harunaga  durch  Abgesandte  die  Generale,  welche 
unter  Taiko  gedient  hatten,  für  sich  zu  gewinnen;  diese  nahmen  jedoch  seine  Boten 
gefangen  und  übergaben  sie  dem  Ijejasu,  welcher  nun  einen  Brief  nach  dem  Schlosse 
sandte,  worin  er  Friedensanträge  machte;  Hidejori  aber  wiefs  sie  zurück.  Jetzt  suchte 
der  Kubo  durch  die  glänzendsten  Versprechungen  mehrere  Befehlshaber  der  Besatzung 
zum  Übertritt  zu  bewegen;  alle  Versuche  und  Versprechungen  waren  jedoch  ver- 
geblich. Es  that  sich  eine  bewunderungswürdige  Anhänglichkeit,  Treue  und  Ent- 
schlossenheit der  Generale  des  Prinzen  kund. 

Angriffe  der  Belagerer  und  Ausfälle  der  Besatzung  erfolgten  mit  abwechselndem 
Glücke.  Die  Geschichte  hat  uns  eine  ausführliche  Beschreibung  der  Belagerung  und 
zahlreicher  dabei  vorgekommener  Heldenthaten  getreu  auf  bewahrt,  die  den  Stoff  zu 
einer  zweiten  Iliade  liefern  könnten.  Auch  besitzt  man  noch  die  Pläne  der  Festung, 
der  Aufsenwerke  und  der  Positionen  der  Besatzung  und  der  Belagerer  mit  genauer 
Angabe  der  Namen  der  Befehlshaber  und  der  Truppenzahl  der  verschiedenen  Heeres- 
abteilungen. 

Alle  denkwürdige  strategische  Ereignisse  und  ritterliche  Thaten  umständlich  zu 
erzählen,  ist  hier  nicht  der  Ort.  Es  kämpften  auf  beiden  Seiten  Männer,  die  in 
langwierigen  Bürgerkriegen  und  in  den  beiden  koreanischen  Feldzügen  zu  Helden  ge- 
worden und  Jünglinge,  die  durch  die  grofsartigen  Beispiele  von  Ehrgefühl  und  An- 
hänglichkeit mit  Mannesmut  und  Thatkraft  erfüllt  worden  waren.  Bald  zeigte  sich 
aber  der  Fehler,  den  Harunaga  durch  die  Ausdehnung  der  Aufsenwerke  und  die  An- 
legung von  mehreren  detachierten  Forts  begangen  hatte.  Man  sah  sich  genötigt, 
bei  der  grofsen  Überlegenheit  der  Belagerer  diese  allmählich  aufzugeben  und  wo- 
möglich zu  zerstören.  Im  zwölften  Monate  nahmen  die  Belagerer  von  drei  der 
äufseren  Festungen  Besitz,  wurden  aber  bei  ihren  Angriffen  auf  das  Schlofs  selbst 
mit  Verlust  zurückgeschlagen.  Auch  durch  Verrat  suchten  sie  sich  der  Festung  zu 
bemächtigen  und  waren  bereits  durch  an  Pfeile  gebundene  Briefe  mit  dem  mit  der 
Verteidigung  des  südlichen  Teiles  betrauten  Generale  zu  einem  Einverständnisse  ge- 
langt, nach  welchem  an  einem  bestimmten  Tage  auf  ein  durch  eine  Fahne  gegebenes 
Signal  die  Thore  geöffnet  werden  sollten,  als  der  Verrat  des  Generals  — er  hiefs 
Mitsuaki  — entdeckt  wurde.  Seitens  der  Belagerten  liefs  man  aber  die  als  Signal 
geltende  Fahne  aufziehen,  wodurch  die  Belagerer  getäuscht,  einen  Angriff  machten, 
aber  mit  grofsem  Verluste  zurückgeschlagen  wurden.  Auch  versuchten  sie  durch 
unterirdische  Gänge  in  die  Festung  zu  gelangen,  was  man  jedoch  durch  Gegenminen 
vereitelte.  Die  Belagerer  fingen  nun  an,  ruhiger  zu  werden,  schossen  nur  des  Nachts 
Feuerwaffen  ab  und  erhoben  Kriegsgeschrei. 

O o 

Mehrmals  versuchte  jetzt  Ijejasu  durch  Briefe,  welche  er  an  Ota  Nagasama 


4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjogunats.  ^09 


sandte,  Friedensunterhandlungen  anzuknüpfen.  Er  liefs  den  Belagerten  die  Wahl  einer 
der  drei  folgenden  Bedingungen:  Die  Aufsenwerke  der  Festung  zu  schleifen  und  die 
Gräben  aufzufüllen;  die  zweite  war,  Hidejori  solle  das  Schlofs  verlassen  und  seinen 
Hof  nach  der  Landschaft  Jamatö  verlegen,  und  die  dritte,  er  solle  seine  Mutter  Jodo- 
o'imi  als  Geisel  stellen. 

O 

Hidejori  schien  diesena  Vorschlag  nicht  abgeneigt  zu  sein;  sobald  es  aber  ruch- 
bar wurde,  dafs  Friedensunterhandlungen  vor  sich  gingen,  zeigte  sich  allenthalben  im 
Heere  Mutlosigkeit.  Fr  liefs  daher  durch  Harunaga  verkünden,  dafs  er,  wenn  auch 
der  Friede  zu  stände  käme,  seine  Krieger  sicherlich  für  ihre  treuen  Dienste  belohnen 
würde.  Dies  nahm  Ijejasu  sehr  übel  auf  und  brach  die  Friedensunterhandlungen  ab. 
Gleich  darauf  machten  einige  Generale  einen  nächtlichen  Ausfall,  überfielen  die 
Truppenabteilung  von  Owa,  töteten  deren  Befehlshaber  und  kehrten  siegreich  nach 
dem  Schlosse  zurück. 

Damals  waren  alle  Fürsten  des  Reiches  unter  dem  Befehle  des  Sjögun  versammelt,  nur 
Simadsu  Josihira,  Fürst  von  Satsuma,  fehlte.  Nun  eröftnete  Ijejasu  aufs  neue  Friedens- 
unterhandlungen und  suchte  Jodogimi  durch  ihre  jüngste  Schwester  zu  gewinnen; 
auch  liefs  er  insgeheim  den  Befehlshabern  Anerbietungen  zur  Unterwerfung  machen. 
Als  nun  Jodogimi  und  ihre  beiden  Günstlinge  Hidejori  zum  Frieden  rieten,  hielt  er 
mit  den  sieben  Generalen  und  mehreren  der  neuen  Befehlshaber  seines  Heeres  einen 
Kriegsrat.  Ein  Teil  war  der  Meinung,  dafs  man  die  Festung  noch  jahrelang  halten 
könne,  die  anderen  bezweifelten  dies,  da  man  bei  der  allmählichen  Abnahme 
der  Verteidiger  unmöglich  eine  so  ausgedehnte  Festung  gegen  eine  so  grofse  Über- 
macht der  Feinde  lange  halten  könne.  Es  kam  der  Friede  zu  stände  unter  der  Be- 
dingung, dafs  Hidejori  seine  Krieger  entlasse  und  dafs  die  Aufsenwerke  des  Schlosses 
geschleift  und  mit  dem  Material  die  Gräben  ausgefüllt  würden.  Der  Friedensschlufs 
wurde  mit  einem  Bluteide  von  seiten  Hidejoris  und  Ijejasus  bekräftigt.  Ijejasu  liefs 
sogleich  durch  hunderttausend  Mann  die  Aufsenwerke  schleifen  und  die  Festungs- 
gräben ausfüllen. 

Man  begnügte  sich  jedoch  nicht  mit  der  Ausfüllung  der  äufseren  Gräben,  sondern 
traf  Anstalten,  auch  die  inneren  Festungsgräben  auszufüllen.  Harunaga  machte  Ein- 
wendungen dagegen,  wurde  jedoch  überall  abgewiesen  und  konnte  auch  beim  Kubo 
zu  Kioto,  zu  welchem  er  sich  begab,  kein  Gehör  finden.  Mit  Frühlingsanfang  waren 
alle  Festungswerke  geschleift  und  alle  Gräben  geebnet;  es  blieb  nur  das  eigentliche 
Schlofs  stehen.  Schon  am  1.  des  ersten  Monats  begaben  sich  der  Kubo  und  Sjögun  nach 
ihren  östlichen  Ländern. 

Jodogimi,  die  Mutter  des  Prinzen,  welche  gewissermafsen  das  Regiment  im  Schlosse 
führte,  lebte  unbesorgt  mit  ihren  Günstlingen  und  machte  grofsen  Aufwand,  sodafs  infolge 
ihrer  Verschwendung  der  Sold  der  Generale  und  Offiziere  nicht  gehörig  bezahlt 
werden  konnte,  was  Unzufriedenheit  und  Klagen  zur  Folge  hatte.  Jodogimi  wandte 
sich  daher  wiederholt  an  den  Sjögun  um  Geldunterstützung,  jedoch  ohne  Erfolg.  Dies 
erhöhte  das  Mifsvergnügen  der  Krieger,  welche  bei  dem  Prinzen  und  seiner  Mutter 
unaufhörlich  darauf  drangen,  mit  dem  Sjögun  aufs  neue  Krieg  anzufangen,  indem  sie 
behaupteten,  dafs  jetzt,  wo  sie  sich  so  tapfer  gegen  die  gesamte  Macht  des  Reiches 
gehalten  hätten,  gewifs  die  meisten  Fürsten  der  Fahne  Hidejoris  folgen  würden.  Kaum 
hatte  sich  dieser  zu  einem  neuen  Kriege  verstanden,  so  waren  schon  12000  Mann 
unter  den  Waffen.  Während  man  aber  zu  keinem  Beschlüsse  über  den  Kriegsplan  kommen 


410 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


konnte,  rief  der  General  Jukimura  plötzlich  aus:  «Man  mufs  den  Feind  angreifen  und 
nicht  sich  verteidigen.  Es  giebt  kein  anderes  Mittel,  als  sich  sofort  Kiotos  zu  be- 
mächtigen, den  Mikado  in  die  Mitte  zu  nehmen  und  von  da  aus  das  Reich  zu  regieren.» 
Diesem  Vorschläge  traten  Harunaga  und  andere  Günstlinge  Jodogimis  nicht  bei.  Die 
sieben  Generale  waren  übrigens  der  Meinung,  mit  den  beiden  Armeen  des  Kubo  und 
des  Sjögun  im  offenen  Felde  den  Kampf  aufzunehmen,  da  diese  sonst  jedenfalls  die 
Festung  von  der  Südseite  angreifen  würden,  wo  sie  durch  die  Schleifung  der  Aufsen- 
werke  unhaltbar  sei.  Man  suchte  hierauf  die  Befestigungswerke  möglichst  zu  ver- 
stärken. 

Von  all  diesen  Vorgängen  war  der  Kubo  bald  unterrichtet,  und  schon  im  An- 
fang des  vierten  Monats  hatten  die  Fürsten  den  Befehl  erhalten,  gegen  Osaka  zu  ziehen. 
Am  9.  des  vierten  Monats  befand  sich  der  Kubo  zu  Owari,  wo  er  der  Vermählung 
seines  jüngsten  Sohnes  beiwohnte;  dort  befand  sich  auch  Jodogimis  jüngste  Schwester 
(Namens  Sjökö),  welche  diese  kurz  zuvor  in  ihrer  Geldverlegenheit  an  ihn  geschickt 
hatte;  diese  sandte  er  nun  nach  Osaka  und  liefs  Hidejori  Friedensunterhandlungen 
anbieten,  im  Falle  er  sein  Kriegsheer  auflösen  würde.  Er  selbst  begab  sich  nach 
Kioto,  und  als  er  da  von  der  Sjökö  vernahm,  dafs  Hidejori  nicht  geneigt  sei  zu 
antworten,  schickte  er  ihm  aufs  neue  eine  Botschaft,  welche  gleichfalls  unbeantwortet 
blieb.  Der  Sjögun  war  in  Eilmärschen  von  Jedo  in  Fusimi  (in  dreizehn  Tagen)  mit 
seinen  Truppen  angekommen. 

Der  Krieg  war  nun  unvermeidlich;  das  Losungswort  Hidejoris  und  seiner  Ge- 
nerale war:  «Sieg  oder  Tod!»  Er  übernahm  den  Oberbefehl  seines  Heeres,  das  er 
in  drei  Abteilungen  verteilte.  Man  beschlofs,  dem  Feinde  im  offenen  Felde  die  Spitze 
zu  bieten  und  ein  grofser  Teil  seines  Heeres  nahm  Aufstehung  an  drei  verschiedenen 
Punkten,  welche  ein  günstiges  Terrain  zur  Verteidigung  gegen  die  grofse  Übermacht 
des  Feindes  boten. 

Mototsugu,  der  mit  15000  Mann  sich  am  weitesten  vorwärts  gewagt  hatte,  suchte 
der  Kubo  zum  Übertritt  zu  bewegen,  indem  er  ihm  das  Fürstentum  Harima  anbieten  liefs. 
Seine  Antwort  war:  «Die  Fahne  des  Schwächeren  mit  der  des  Stärkeren  zu  ver- 
tauschen, ist  Feigheit.  Ich  will  aber  dem  Kubo  den  Gefallen  thun,  heute  auf  dem 
Schlachtfelde  zu  sterben;  denn  wenn  ich  falle,  wird  auch  der  Sturz  meines  Prinzen 
folgen.» 

Es  begann  eine  mörderische  Schlacht,  und  seine  Krieger  wurden  vernichtet 
bis  auf  dreizehn  Reiter,  welche  er  auf  einer  Anhöhe  um  sich  sammelte,  auf  die  an- 
stürmenden Feinde  stürzte  und  den  Heldentod  fand.  Die  übrigen  Generale  und  Truppen 
Hidejoris  thaten  Wunder  der  Tapferkeit,  sahen  sich  jedoch  genötigt,  sich  am  Abende 
nach  der  Festung  zurückzuziehen.  Die  Verluste  auf  beiden  Seiten  waren  grofs, 
Hidejori  und  seine  Generale  falsten  den  Entschlufs,  mit  vereinter  Kraft  am  folgenden 
Tage  den  Feind  anzugreifen.  Dieser  Tag  mufste  über  ihr  Los  entscheiden.  Es  war 
besprochen,  dafs  Hidejori  mit  seinen  Garden  im  entscheidenden  Augenblicke  aus  dem 
Schlosse  hervorbrechen  und  sich  dem  Feinde  entgegenwerfen  sollte.  Das  Schlacht- 
feld war  nahe  bei  der  Festung  in  der  Gegend  von  Sjaüsi  jama.  Der  Kubo  Ijejasu 
befehligte  den  linken  Flügel,  sein  Sohn,  der  Sjögun,  den  rechten.  Wir  müssen  die 
Einzelheiten  übergehen,  um  nicht  unsere  Reichsgeschichte  in  eine  Kriegsgeschichte  zu 
verwandeln.  Der  Sieg  neigte  sich  schon  auf  die  Seite  der  Generale  Hidejoris,  als 
eine  klug  erdachte  List  des  Kubo  Verlegenheit  im  Schlosse  und  Verwirrung  unter  den 


4.  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjögunats. 

aufserhalb  der  Festung  in  den  Kampf  verwickelten  Truppen  hervorbrachte.  Dieser 
liefs  nämlich  im  kritischen  Augenblicke  einen  durch  den  Sohn  Harunagas,  den  er  als 
Geisel  zurückbehalten  hatte,  geschriebenen  Brief  an  dessen  Vater,  der  Befehlshaber  des 
Schlosses  und  Flügeladjutant  des  Hidejori  war,  überbringen  des  Inhalts:  «Lasse  Hide- 
jori  nicht  das  Schlofs  verlassen!  Im  Schlosse  besteht  eine  Verschwörung;  man  wird 
ihm  sogleich  von  da  aus  in  den  Rücken  fallen.))  Harunaga  eilte  eben  nach  dem 
Schlosse,  um  Hidejori  zum  Angriffe  zu  rufen.  Der  Prinz  kam  ihm  am  Sakura-Thor 
im  roten  Harnische  zu  Pferde  mit  seinen  kampflustigen  Garden  entgegen;  in  diesem 
Augenblicke  empfing  Harunaga  den  fatalen  Brief  seines  Sohnes.  Er  liefs  den  Prinzen 
aus  Besorgnis  nicht  heraus  und  eilte  nach  der  Wahlstatt,  um  bei  dem  General  Juki- 
mara  sich  Rats  zu  erholen.  Dort  focht  man  verzweifelt,  der  Ankunft  Hidejoris 
harrend.  Gleichzeitig  hatte  dieser  seinen  sechzehnjährigen  Sohn  zu  Harunaga  ent- 
sendet, um  mit  dem  Prinzen  eilig  zu  Hülle  zu  kommen.  War  es  aus  Besorgnis,  die 
Schlacht  zu  verlieren,  oder  aus  List,  — mitten  im  Kampfe  liefs  Ijejasu  dem  Hidejori 
Friedensverhandlungen  anbieten.  Jetzt  rief  Jodogimi  den  Prinzen,  Harunaga  und 
einige  andere  Offiziere,  die  aufserhalb  des  Thores  Posten  gefafst  hatten,  zu  sich  ins 
Schlofs,  um  sich  mit  ihnen  über  den  Friedensantrag  zu  beraten.  Als  man  diese  vom 
Schlachtfelde  aus  mit  ihren  Feldzeichen  nach  dem  Schlosse  eilen  sah,  glaubte  man, 
dafs  dort  ein  Aufstand  ausgebrochen  sei;  Schrecken  verbreitet  sich  durch  die  Reihen 
der  im  Kampfe  begriffenen  Krieger,  auf  die  jetzt  der  Feind  mit  vereinter  Macht  sich 
stürzte.  Es  entstand  Verwirrung,  und  teils  im  Kampfe,  teils  auf  der  Flucht  fielen  an 
fünfzehntausend  Mann.  Im  Augenblicke,  wo  der  Prinz  Harunaga  und  die  Offiziere  am 
Schlofsthore  empfing,  kam  auch  Jukimaras  Sohn,  um  Hidejori  zu  Hülfe  zu  rufen; 
aber  gleichzeitig  stürzten  auch  scharenweise  die  zurückweichenden  Truppen  nach  dem 
Thore.  Der  Prinz  wollte  sich  mit  seinen  Garden  dem  Feinde  entgegenwerfen, 
Harunaga  aber  hielt  ihn  zurück  und  bewog  ihn,  sich  nach  dem  Palaste  zurück- 
zuziehen. Bald  stürmte  der  Feind  die  Thore,  während  im  Palaste  Harunagas  Feuer 
ausbrach,  welches  rasch  um  sich  griff;  auch  im  inneren  Schlosse  brach  Feuer  aus. 
Der  Prinz  flüchtete  mit  seiner  Mutter  und  einigen  seiner  Generale  nach  dem  Schlofs- 
turme,  während  seine  übrigen  getreuen  Generale  in  und  aufserhalb  des  Schlosses  den 
Heldentod  fanden.  Da  der  Brand  auch  den  Turm  bedrohte,  sah  sich  der  Prinz  ge- 
genötigt,  in  ein  Magazin  im  Schlofsgarten  zu  fliehen.  Er  war  entschlossen,  sich  zu 
töten.  Unterdessen  liefs  Harunaga  der  Gemahlin  des  Prinzen,  Tochter  des  Sjögun, 
unter  dem  Schutze  ihres  väterlichen  Wappens  (Awo'i)  durch  das  Kriegsgetümmel  den 
Weg  zu  ihrem  Vater  und  Grofsvater  (Ijejasu)  bahnen,  damit  sie  diese  um  Rettung 
ihres  Mannes  und  dessen  Mutter  anflehe.  Entrüstet  rief  ihr  der  Vater  zu:  «Warum 
stirbst  du  nicht  mit  deinem  Manne?»  Ijejasu  dagegen  erklärte  sich  dazu  bereit,  jene 
zu  beschützen,  «eingedenk  der  ihm  vom  Taiko  erwiesenen  Wohlthaten».  Der  Prinz 
harrte  die  Nacht  im  Magazine,  das  von  vier  Generalen  des  Sjögun  bewacht  wurde. 
Am  nächsten  Morgen  liefs  ihm  der  Kubo  sagen,  dafs  er  seiner  Mutter  ein  Einkommen 
von  zehntausend  Koku  (etwa  iooooo  Gulden)  zusichern  und  ihm  den  Tempel  von 
Koja  zum  Aufenthalte  anweisen  wolle.  Der  Prinz  nahm  dies  Anerbieten  an  und  ver- 
langte Sänften,  um  sich  mit  seiner  Mutter  zu  dem  Kubo  zu  begeben,  da  er  sich 
schäme,  sich  offen  den  Kriegsleuten  zu  zeigen.  Ji  Nawotaka,  der  kommandierende 
General,  erklärte  nur  für  seine  Mutter  eine  Sänfte  zu  haben,  der  Prinz  müsse  zu 
Pferde  sich  hinbegeben.  Da  der  Prinz  zu  antworten  zögerte,  liefs  er  mit  den  Worten, 


412 


Abteilung  II. 


Volk  und  Staat. 


«der  Gnadenfache  ein  Ende  machen  zu  wollen»,  zweimal  auf  das  Magazin  feuern. 
Dem  Prinzen  war  dies  das  Signal  zum  Tode;  er  tötete  sich  durch  Leibaufschlitzen, 
und  seine  Mutter,  ihren  mit  dem  Tode  ringenden  Sohn  umarmend,  liefs  sich  von 
ihrem  treuen  Diener  erstechen.  Harunaga,  ihr  Geliebter,  und  die  übrigen  Generäle 
und  Offiziere,  ihre  Mütter  und  Frauen  samt  den  Kammerfrauen  übergaben  sich  eben- 
falls dem  Tode,  das  Magazin  den  Flammen.  Der  sechzehnjährige  Sohn  Jukimaras, 
den  sein  Vater  vom  Schlachtfelde  aus  nach  dem  Schlosse  gesandt  hatte,  um  Hidejori 
zu  Hülfe  zu  rufen,  und  dem  sein  Vater,  als  er  nicht'  von  dessen  Seite  weichen  wrollte, 
mit  den  Worten  zu  gehen  befahl:  «Komme  oder  stirb  mit  dem  Prinzen»,  harrte 
24  Stunden  lang  ohne  Essen  und  Trinken  im  Magazine  und  entleibte  sich,  als  er 
dieses  in  Flammen  aufgehen  sah.  Ji  Nawotaka  erstattete  über  den  Hergang  Bericht 
an  den  Kubo  und  bat,  seine  eigenmächtige  Handlung  zu  bestrafen.  Dieser  nickte 
blofs  mit  dem  Kopfe.  Schon  nachmittags  traf  er  daher  Anstalt,  nach  Kioto  zu  gehen 
und  bemerkte  dabei  kaltlächelnd,  «nach  einer  so  heifsen  Schlacht  würde  es  wohl 
regnen».  Der  Sjögun  liefs  von  vier  Generalen  die  Thore  des  Schlosses  besetzen, 
das  Schlofs  und  das  Schlachtfeld  reinigen,  die  Leichen  begraben  und  dem  Kriegs- 
gotte Opfer  darbringen.  Am  neunten  zog  er  siegreich  mit  seinem  Heere  nach 
Fusimi  ab. 

Die  Fürsten  hatten  den  Befehl  erhalten,  die  Flüchtlinge  aufzufangen;  so  wurde 
auch  der  Sohn  Hidejoris,  ein  Knabe  von  acht  Jahren,  der  mit  seinem  Gouverneur  sich 
zu  Noninbasi  verborgen  hatte,  verraten,  ergriffen  und  mit  diesem  enthauptet.  Auch 
wurde  seine  kleine  Schwester  gefangen  genommen.  Ebenso  wurden  noch  einige 
andere  Hofbeamte  und  Generale  gefangen,  enthauptet  und  Harnagas  jüngster  Bruder 
gekreuzigt;  sein  älterer  Bruder  und  andere  entleibten  sich,  nur  wenige  konnten  sich 
retten.  Auch  Harunagas  Sohn,  der  den  falschen  Brief  zu  schreiben  gezwungen  worden 
war,  mufste  sich  durch  Leibaufschneiden  töten.  Zweiundsiebenzig  Offiziere  und  sechs- 
hundert Soldaten  wurden  gleichfalls  mit  dem  Tode  bestraft. 

Der  aus  dem  Brand  gerettete  Schatz  betrug  28000  Goldstücke  und  240000  rio 
Silber  (nach  dem  alten  Kurse  etwa  Millionen  Gulden).  Von  den  goldenen  Pferden, 
wovon  jedes  den  Wert  von  3000  Oban  hatte  (etwa  600000  Gulden),  erhielt  Ji  Nawo- 
taka und  Tödo  Takatora  jeder  zwei  Stücke  zur  Belohnung.  Der  Fürst  Matsudaira 
Tadotomo  erhielt  Osaka  und  für  die  Verheerung  seiner  Güter  eine  Entschädigung  von 
hunderttausend  Koku  (eine  Million  Gulden).  Am  15.  des  sechsten  Monats  begab  sich 
der  Kubo  nach  dem  Hofe  des  Mikado,  erstattete  Bericht  über  den  Ablauf  dieser 

wichtigen  Begebenheiten  und  bot  ein  Geschenk  von  tausend  rio  Silber  (10000  Gulden) 
an.  Am  28.  hatte  der  Sjögun  mit  dem  Kubo  eine  Zusammenkunft  auf  dem  Schlosse 
Nidsjö,  um  sich  über  die  Belohnung  und  Bestrafung  der  Fürsten  und  Feldherren  zu 

beraten.  Einige  erhielten  Erhöhung  ihres  Ranges,  andere  Vermehrung  ihres  Ein- 

kommens, mehrere  wurden  aufs  neue  mit  Ländern  belehnt  und  einige  ihrer  Güter 
verlustig  erklärt.  Am  11.  des  sechsten  Schaltmonats  zog  der  Sjögun  mit  den  sämt- 
lichen Fürsten  nach  Kioto,  um  am  Hofe  des  Mikado  seine  Aufwartung  zu  machen 
und  bot  zehntausend  rio  Silber  (100000  Gulden)  zum  Geschenke  an.  Mit  Hülfe 

einiger  Gelehrten  verfafste  der  Kubo  dreizehn  neue  Gesetzartikel  mit  Berücksichtigung 
der  fünfzig  alten  bereits  im  Jahre  1232  erlassenen  Gesetze  und  führte  in  gemeinschaft- 
licher Beratung  mit  dem  Reichskanzler  (Kambaku)  die  durch  langwierige  Kriege  aufser 
acht  gekommenen  Regulativen  des  Hofes  des  Mikado  und  andere  Vorschriften  wieder 


4-  Geschichte  d.  Entwickelung  d.  Volkskultur  u.  d.  Entstehung  u.  Begründung  d.  Sjögunats.  j T j 

ein.1  Diese  neuen  Gesetze  wurden  am  7.  des  siebenten  Monats  1615  den  im  Schlosse 
zu  Fusimi  versammelten  Reichsfürsten  durch  den  Sjögun  verkündet.  Er  reiste  darauf 
nach  jedo  ab,  wo  er  am  4.  des  achten  Monats  eintraf.  An  demselben  Tage 

begab  sich  der  Kubo  vom  Schlosse  Nitsjö  nach  seiner  Residenz  in  Suruga.  Man  ging 
soweit,  den  Mikado  zu  bewegen,  den  Befehl  zum  Abbruch  der  dem  vergötterten 
Taiko  geheiligten  Tempel  bis  auf  zwei  kleine  Kapellen  anzuordnen. 

Nachdem  nun  Ruhe  und  Ordnung  im  Reiche  hergestellt  war,  erteilte  der  Sjögun 
den  Reichsfürsten  den  Befehl,  ihre  Festungen  zu  schleifen  und  verordnete,  dafs  alle 
drei  Jahre  durch  einen  von  ihm  abgesandten  Kommissär  jedes  Fürstentum  besucht 

und  von  dem  Zustande  desselben  ihm  Bericht  erstattet  werden  sollte.  Auch  wurden 
bezüglich  der  Kostüme  des  Reichsritterstandes  (Buke)  Neuerungen  eingeführt,  und  am 
Neujahrstage  des  zweiten  Jahres  von  Genwa  (1616)  machten  die  Fürsten  in  ihrer 
neuen  Tracht  den  beiden  Sjöguns  (dem  Kubo  und  Sjögun)  ihre  Aufwartung. 

Infolge  einer  am  21.  des  ersten  Monats  abgehaltenen  Jagd  erkrankte  der  Kubo. 
Sein  Sohn,  der  Sjögun,  begab  sich  zu  ihm  und  pflegte  ihn;  alle  Fürsten  besuchten 
ihn , und  der  Mikado  liefs  (im  dritten  Monat)  ihm  die  Erhebung  zur  höchsten 
Hofwürde,  der  eines  Daisjo-daizin,  durch  eine  Gesandtschaft  kundthun.  Er  verliefs 
das  Krankenbett,  und  empfing  die  Gesandten  im  Hofkostüme  und  liefs  sie  von  seinem 
Sohne  festlich  bewirten.  Im  vierten  Monate  verschlimmerte  sich  seine  Krankheit;  er 

berief  am  14.  sämtliche  Fürsten  des  Reiches  und  sprach  zu  ihnen:  «Ich  werde  bald 

sterben;  ich  habe  die  Ordnung  im  Reiche  hergestellt,  und  mein  Sohn,  der  Sjögun, 
führt  seit  geraumer  Zeit  die  Regierung.  Ich  kann  daher  unbesorgt  von  hinnen  gehen. 
Sollte  aber  der  Sjögun  von  den  Reichsgesetzen  abweichen,  so  mufs  einer  der  Fürsten 
an  seine  Stelle  treten,  und  da  das  Reich  nicht  einem  einzig  und  allein  gehört,  so 
tragt  untereinander  keinen  Neid  und  Hafs.»  Hierauf  liefs  er  sie  in  ihre  Fänder 
ziehen.  Seinem  Sohne,  dem  Sjögun,  legte  er  ans  Herz,  die  Gesetze  des  Reiches 
gut  zu  beobachten,  da  ihn  sonst  die  Fürsten  seinem  Ausspruche  gemäfs  entsetzen 
würden.  Seine  übrigen  drei  Söhne  ermahnte  er,  dem  Sjögun  treu  zu  dienen. 

Seine  letzten  Worte  sprach  er  zu  seinem  Enkel,  dem  mutmafslichen  Thron- 
folger: «Als  künftiger  Regent  halte  wohl  im  Auge,  dafs  man  nur  mit  Menschlichkeit 
das  Reich  regieren  kann».  An  diesem  Tage  (17.  des  vierten  Monats  1616)  starb 
Minamoto  Ijejasu  im  Alter  von  fünfundsiebenzig  Jahren.  Er  wurde  im  Tempel 
von  Kunösan  beigesetzt  und  auf  Befehl  des  Mikado  ihm  daselbst  von  seinem  Sohne 
Josinobu  eine  Kapelle  erbaut,  und  er  als  Dai  gongen  vergöttert.  Seinem  letzten 
Willen  zufolge  wurden  seine  Überreste  im  folgenden  Jahre  nach  Nikko  gebracht,  wo 
ihm  der  Sjögun  einen  prächtigen  Tempel  stiftete,  dem  ein  Verwandter  des  Kaiser- 
lichen Hauses  als  Oberpriester  vorsteht. 

Hidetada  war  bereits  im  Jahre  1605  zum  Sjögun  ernannt  worden;  er  soll  ein 
verständiger  Mann  und  von  festem  Charakter  gewesen  sein.  Er  trat  auch  gleich  nach 
dem  Tode  seines  Vaters  mit  Entschiedenheit  und  Würde  auf.  Seine  Generale  waren 
der  Meinung,  den  Tod  Ijejasus  noch  geheim  halten  zu  müssen;  er  dagegen  liefs  noch 
in  der  Nacht  die  Hoftrauer  ansagen  und  darauf  die  sämtlichen  Reichsfürsten  berufen, 
that  ihnen  den  Tod  seines  Vaters  kund  und  erklärte  ihnen  feierlich,  dafs  es  ihnen 


1 Diese  Gesetze  bestimmten  die  relative  Stellung  des  Mikados  und  die  Machtbefugnisse  des 
Sjöguns  und  bilden  die  Grundlage  der  damaligen  Reichsverfassung.  Note  zur  2.  Auflage. 


4i4 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

jetzt  freistände,  das  Reich  selbst  zu  regieren,  dafs  er  jedoch,  da  er  einmal  zum  Sjögun  er- 
nannt sei,  sein  Recht  mit  den  Waffen  behaupten  würde.  Als  alle  betroffen  schwiegen, 
erhob  sich  Date  Masamune,  Fürst  von  Mutsu,  und  erklärte,  er  hoffe,  dafs  keiner  ihm 
dies  Recht  bestreiten  werde;  sollte  es  jedoch  einer  wagen,  so  würde  er  für  das  Recht 
des  Sjögun  kämpfen.  Einstimmig  huldigten  die  Fürsten  Hidetada. 

Im  Jahre  1619  versetzte  der  Sjögun  den  Fürsten  von  Kii  nach  Aki  und  gab 
dieses  Fürstentum  seinem  Bruder  Josinobu;  seine  übrigen  beiden  Brüder  (der  älteste 
hieis  Josinawo,  der  jüngste  Josifusa)  waren  bereits  im  Besitze  der  Fürstentümer  Owari 
und  Mito.  Von  dieser  Zeit  an  wurden  diese  drei  Fürsten  die  Gosanke,  d.  i.  die  drei 
hohen  Häuser,  genannt.  Und  heute  noch  sind  sie  die  drei  Kurfürsten,  welche  unter 
sich  bei  Mangel  eines  Thronfolgers  den  Sjögun  wählen. 

So  erhob  und  behauptete  sich  das  Haus  des  Minamoto  Ijejasu  bis  auf  die  Jetzt- 
zeit1 in  einer  Reihenfolge  von  vierzehn  Sjöguns. 

1 Obiger  Schlufs  wurde  von  Ph.  Fr.  v.  Siebold  während  seines  zweiten  Aufenthalts  in  Jedo  im 
Jahre  1861  geschrieben.  Sieben  Jahre  darauf  erfolgte  die  Restauration  der  Kaiserlichen  Monarchie, 
welche  dem  Sjögunat  und  dem  Feudalstaat  ein  Ende  machte  und  einen  nie  geahnten  Aufschwung  des 
Reiches  zur  Folge  hatte.  Note  zur  2.  Auflage. 

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Genealogische  Tafel  der  Sjogune. 


5-  Beiträge  zur  Kenntnis  der  japanischen  Rechtspflege. 


415 


5.  Beiträge  zur  Kenntnis  der  japanischen 

Rechtspflege. 

Von  den  Strafen. 

In  China  hat  man  acht  Klassen  von  sogenannten  privilegierten  Personen,  welchen 
hinsichtlich  der  Bestrafung  wegen  Verbrechen  oder  Vergehen  eine  bevorzugte  Stellung 
eingeräumt  ist.  Auch  in  Japan  geben  Stand  und  Geburt  gewisse  Vorrechte.  Diese 
begründen  jedoch  keinen  Anspruch  auf  eine  persönliche  Berücksichtigung  seitens  des 
Landesherrn  und  somit  tritt  auch  keine  Milderung  der  Strafe  oder  gar  Begnadigung 
ein,  wie  dies  in  China  der  Fall  ist. 

In  Japan  bedingen  solche  Vorrechte  ein  ganz  von  dem  gewöhnlichen  Rechts- 
gange abweichendes  Verfahren  und  gestatten  dem  Verbrecher  das  über  ihm  schwebende 
Todesurteil  selbst  an  seiner  Person  zu  vollziehen  und  zwar  auf  eine  Weise,  die  uns 
von  keinem  Volke  der  Welt  bekannt  ist,  nämlich  durch  das  Leibaufschlitzen. 

Ein  solches  Vorrecht  ist  in  Japan  dem  Adel,  dem  Kriegerstand  und  überhaupt 
den  Personen  von  Stand  und  Geburt  eingeräumt. 

In  folgendem  werden  daher  vorerst  die  Strafen  bei  der  gemeinen  Volksklasse 
in  Betracht  kommen. 

Von  der  Todesstrafe. 

Die  einfache  Todesstrafe  wird  durch  Hinrichten  mit  dem  Schwerte  vollzogen, 
geschieht  also  durch  Enthauptung;  als  Verschärfung  derselben  findet  Kreuzigung,  Ver- 
brennen und  Absägen  des  Kopfes  statt.  Jede  dieser  Strafen  kann  noch  erschwert 
werden,  indem  vor  der  Hinrichtung,  während  derselben  oder  nach  derselben  noch  be- 
sondere Proceduren  stattfinden. 

Die  Enthauptung  wie  überhaupt  jede  Hinrichtung  gemeiner  Sträflinge  wird  in 
Gegenwart  dazu  beorderter  Gerichtspersonen  durch  Leute  aus  der  verachtetsten  Volks- 
klasse von  den  sogenannten  Jetta  vollzogen.  Siehe  Fig.  51.  Der  Verurteilte  kniet 
auf  dem  Boden,  zwei  Henkersknechte  halten  ihn  an  beiden  Armen  fest  und  ein  Dritter 
schlägt  ihm  mit  einem  langen  Säbel  von  rückwärts  den  Kopf  ab. 

Zuweilen  geschieht  es  auch,  dafs  der  Sträfling,  wenn  er  sich  sträubt,  gefesselt 
und  zu  Boden  geworfen  wird,  wo  ihm  dann  sozusagen  der  Kopf  abgeschnitten  wird. 

Von  der  Kreuzigung  giebt  es  zwei  Arten.  Die  eine  und  zwar  die  ungewöhn- 
lichste wird  Sakaharitsuke  genannt,  was  wörtlich  umgekehrt  ans  Kreuz  heften  lieifst. 
Diese  Form  besteht  darin,  dafs  der  Delinquent  mit  den  Beinen  nach  oben  an  ein 
Kreuz  gebunden  wird,  so  mit  dem  Kopfe  senkrecht  nach  unten  hängt.  Der  Körper 
wird  darauf  von  zwei  Seiten  mit  Lanzen  übers  Kreuz  durchstochen.  Die  andere  Art 
heifst  schlechthin  Haritsuke;  der  dazu  Verurteilte  wird  in  aufrechter  Stellung  ebenfalls 
mit  Stricken  an  den  Händen  und  Füfsen  ans  Kreuz  gebunden  und  von  den  Seiten 
kreuzweise  durchbohrt.  Der  Gekreuzigte  bleibt  gewöhnlich  hängen,  bis  er  abfällt. 

Das  Verbrennen,  Hiaburi,  wörtlich  «durch  Feuer  braten»,  geschieht  nicht  auf 
einem  Scheiterhaufen,  sondern  der  Delinquent  wird  an  einem  Pfahle  befestigt  und 
mittels  eines  rund  um  ihn  angelegten  Feuers  erst  erstickt  und  nachher  verbrannt.  — 


qiü  Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Am  Brandpfahle  wird  zum  warnenden  Beispiele  eine  Tafel  aufgehängt,  auf  welcher 
der  Name  des  Hingerichteten  und  die  Beschreibung  seines  Verbrechens  zu  lesen  ist. 

Eine  der  fürchterlichsten  Todesstrafen  ist  die  des  Takenokohiki,  d.  i.  «Absagen 
des  Kopfes  mit  einer  Bambussäge».  Diese  Strafe  ist  noch  in  einigen  Landschaften 
üblich,  wird  aber  auch  dort  nur  in  extremen  Fällen  angewandt,  wo  sonst  die  Kreuzigung 
mit  Aufhängen  an  den  Füfsen  angewandt  würde.  Bei  diesem  Verfahren  wird  der 
Verbrecher  nämlich  auf  einem  Marktplatze  oder  einer  belebten  Strafsenkreuzung  in 
die  Erde  eingegraben  und  ihm  darauf  an  beiden  Seiten  des  Halses  ein  Einschnitt  ge- 
macht und  daran  die  Bambussäge  so  befestigt,  dafs  dieselbe  sich  an  der  Wunde  hin- 
und  herziehen  läfst.  Der  Verbrecher  bleibt  in  diesem  Zustande  sieben  volle  Tage  der 
Sonnenhitze  ausgesetzt,  während  jeder  Vorübergehende  angehalten  wird,  Hand  anzu- 
legen und  einen  Zug  an  der  Bambussäge  zu  thun.  Sollte  der  Delinquent  nach  Ver- 
lauf dieser  Zeit  noch  am  Leben  sein,  so  wird  er  ausgegraben  und  enthauptet. 

Diese  Strafe  wdrd  bei  Fürsten-  und  Vatermördern  angewandt. 1 

Als  Verschärfung  der  Todesstrafe  besteht  ferner  das  sogenannte  Hikimawasi,  d.  i. 
der  öffentliche  Umzug  des  Delinquenten  vor  seiner  Hinrichtung.  — Der  Betreffende 
wird  dabei  in  einen  wreifsen  Kittel  gekleidet  und  mit  einer  Tafel  behängen,  worauf 
sein  Name  und  der  Inhalt  des  Urteils  verzeichnet  sind.  In  diesem  Aufzuge  wird 
er  auf  einem  schlechten  Lastpferde  angebunden,  öffentlich  nach  dem  Richtplatze  ge- 
schleppt und  hingerichtet.  Ferner  gilt  als  Verschärfung  der  Todesstrafe  das  Gokumon, 
d.  i.  Ausstellung  des  abgeschlagenen  Kopfes.  Es  wird  nämlich  der  Kopf  des  Hin- 
gerichteten auf  einen  Pfahl  gesteckt  und  5 — 10  Tage  lang  ausgestellt.  Auf  der  einen 
Seite  desselben  ist  eine  weifse  Flagge  angebracht,  auf  welcher  das  Verbrechen  be- 
schrieben ist.  Auf  der  anderen  Seite  sind  Picken  und  andere  bei  der  Hinrich- 
tung gebräuchliche  Waffen  aufgepflanzt.  Siehe  Fig.  51.  Soldaten  und  Gerichts- 
diener halten  dabei  beständig  Wache.  Auch  Zerstückelung  des  Rumpfes  wird  als  eine 
Verschärfung  der  Todesstrafe  betrachtet.  Übrigens  geschieht  dieses  häufig  genug, 
zumal  in  Jedo,  wo  der  Leichnam  gemeiner  Verbrecher  von  jungen  Kriegshelden  in 
Stücke  gehauen  wird,  um  ihre  Säbel  zu  probieren  oder  eine  Probe  ihrer  Kraft  ab- 
zulegen. 

Von  den  Freiheitsstrafen. 

Dahin  gehört  die  Verbannung  nach  einer  Insel  oder  nach  einer  mehr  oder 
weniger  entlegenen  Provinz.  Ferner  die  Verweisung  vom  Geburts-  oder  Wohnorte 
und  die  Gefängnisstrafe. 

Die  Verbannung  findet  gegenwärtig  gewöhnlich  nach  einer  der  für  diesen  Zweck 
bestimmten  Inseln  statt,  daher  diese  auch  mit  dem  Namen  Entö-Inseln,  d.  h.  Ver- 
bannungsinseln belegt  werden.  Die  Verbannung  heilst  Tsuihö,  im  Falle  wo  der  Ver- 
bannte am  Verbannungsorte  zu  Zwangsarbeiten  verurteilt  ist.  Nur  höchst  selten  findet 
eine  Zurückberufung  von  einem  solchen  Verbannungsorte  statt.  Die  Inseln  Hatsisjö, 
Sado,  Oki,  Goto,  sowie  die  Kurilen  sind  die  gewöhnlichsten  Verbannungsorte.  Erstere 


1 In  den  letzten  Jahrhunderten  wurde  diese  Strafe  in  Wirklichkeit  wohl  kaum  vollzogen.  Nach 
den  Strafvorschriften,  welche  inzwischen  bekannt  geworden  sind,  scheint  es  sich  blofs  um  eine  schein- 
bare Absägung  gehandelt  zu  haben.  Der  Delinquent  wurde  sofort  getötet  und  die  mit  Blut  befleckte 
Holzsäge  als  Abschreckungsmittel  neben  dem  Kadaver  ausgestellt.  Bemerk,  zur  2.  Aufl. 


5.  Beiträge  zur  Kenntnis  der  japanischen  Rechtspflege. 


4T7 


Inseln  für  Vornehme  und  für  politische  Vergehen.  Die  Zurückberufung  von  einer 
entfernten  Verbannung  findet,  wie  gesagt,  höchst  selten  statt  und  niemals  eher  als 
nach  Verlauf  von  fünf  Jahren.  Eine  allgemeine  Begnadigung  bei  Gelegenheit  grofser 
Festlichkeiten  am  Hofe  des  Sjögun  und  bei  glücklichen  Staatsereignissen  giebt  dazu 
manchmal  Veranlassung.  Eine  leichtere  Art  der  Verbannung  ist  die  Ausweisung  aus 
einer  Provinz  mit  einem  angewiesenen  Wohnsitz  an  einem  anderen  Orte.  Hier  ge- 
niefst  der  Sträfling  zwar  seine  Freiheit,  er  steht  jedoch  unter  polizeilicher  Aufsicht. 
Früher  gab  es  zu  diesem  Zwecke  besondere  Fandschaften:  die  Fandschaften  von 
Jetsizen  und  Aki  galten  als  nicht  zu  entfernte  Verbannungsdistrikte  und  für  eine 
mittlere  Verbannung  wurden  die  Fandschaften  Sinano  und  Ijo  gewählt,  während 
die  Fandschaften  Idsu,  Awa,  Hitatsi  und  Tosa,  sowie  die  Inseln  Sado  und  Oki  schon 
als  entfernt  liegende  Verbannungsorte  gelten. 

Die  Ausweisung  von  dem  Wohnorte  bezieht  sich  in  grofsen  Städten  gewöhnlich 
auf  einen  gewissen  Radius  um  dieselben,  nach  Strafsen  (Matsi)  berechnet.  Aufserhalb 
der  Städte  wird  diese  Ausweisung  auf  eine  gewisse  Anzahl  von  Meilen  (Ri)  bestimmt. 

Die  Haft  findet  blofs  während  der  Untersuchung  statt  und  kennt  man  davon 
mehrere  Gattungen.  Der  leichtere  Grad  derselben  wird  mit  dem  Namen  Heimon  be- 
zeichnet, wörtlich  Verschlufs  der  Hausthüre. 

In  dieser  milden  Form  des  Hausarrestes  kann  jedoch  die  von  demselben  be- 
troffene Persönlichkeit  im  geheimen  ausgehen.  Das  Hauptthor  des  Hauses  bleibt 
verschlossen  und  wird  gerichtlich  versiegelt.  Bei  einem  schweren  Hausarrest,  den 
man  Osikome  nennt,  darf  die  damit  belegte  Person  die  Wohnung  nicht  verlassen. 
Er  hat  Hausarrest  im  strengsten  Sinne  und  ist  derselbe  gehalten,  sein  Kopfhaar  und 
Bart  wachsen  zu  lassen,  in  ähnlicher  Weise  wie  dieses  sonst  bei  der  Trauer  geschieht. 
Der  Gefangene  hat  ja  auch  eine  Art  Trauer  durchzumachen.  In  ein  öffentliches  Ge- 
fängnis kommen  blofs  gemeine  Verbrecher  in  Kriminalsachen  während  der  Unter- 
suchung. Sie  werden  dort  entweder  einzeln  oder  zusammen  in  kleinen  oft  sehr  un- 
bequemen käfigartigen  Behältern  eingeschlossen  und  sorgfältig  bewacht.  Einzelne*  Zellen 
sind  zuweilen  mit  hölzernen  Nägeln  am  Boden  und  mit  anderen  Vorrichtungen  zur 
Verschärfung  der  Strafe  versehen  und  sozusagen  wahre  Folterkammern.  In  diese 
Räume  kommen  übrigens  nur  Missethäter,  um  sie  durch  die  dort  auszustehenden 
Qualen  zum  Geständnisse  zu  zwingen.  Man  hat  auch  tragbare  Käfige  aus  Metall- 
geflecht, welche  dazu  dienen,  die  Gefangenen  hin  und  her  zu  transportieren.  Die 
Gefängnisstrafe  wird  bei  Verbrechern  aus  dem  gemeinen  Volke  gewöhnlich  nicht  an- 
gewandt. Jedoch  im  Falle,  wo  der  Beschuldigte  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  schuldig 
ist,  aber  dennoch  nicht  eingesteht,  was  zu  seiner  Überführung  nötig  ist,  werden  diese 
extremen  Mittel  angewandt  und  er  auch  in  längerer  Haft  behalten,  um  das  Begehen 
neuer  Verbrechen  zu  vermeiden.  In  solchen  Fällen  tritt  bei  gemeinen  Deuten  auch 
lebenslängliche  Gefangenschaft  ein. 


Von  den  Feibesstrafen. 

Zur  Zeit  der  Regierung  des  Mikado  Monmu  (698  n.  Chr.),  wo  das  chinesische 
Strafgesetzbuch  der  Sui-Dynastie  in  Japan  eingeführt  wurde,  galt  auch  hier  die  in 
China  so  allgemeine  Bestrafung  mit  Bambusschlägen.  Seit  den  letzten  Jahrhunderten 
sind  jedoch  Stockschläge  in  Japan  abgeschafft. 

v.  Siebold,  Nippon  I.  i,  Aufl. 


27 


4 1 8 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 

Als  eine  empfindliche  Leibesstrafe  kann  aber  auch  das  Fesseln  der  Hände 
mittelst  eigentümlicher  Handschellen  gelten,  zumal  da  diese  Strafe  auf  kürzere  oder 
längere  Zeit  angewandt  und  bis  auf  io  Tage  ausgedehnt  wird.  Die  Fesseln  werden 
einen  um  den  andern  Tag  nachgesehen. 

In  Bildertafeln  wird  auch  der  in  China  gebräuchlichen  Halsblöcke,  Halseisen  und 
der  Fufsblöcke  erwähnt.  Ein  öffentlicher  Gebrauch  wird  von  diesen  Werkzeugen  aber 
in  Japan  nicht  gemacht,  möglicherweise  können  sie  hie  und  da  in  Gefängnissen  an- 
gewendet werden. 


Von  den  Ehrenstrafen. 

Als  Symbol  der  Ehrenstrafen  besteht  in  Japan  ein  dem  Brandmarken  ähnliches 
Verfahren.  Man  nennt  es  Iresumi,  was  wörtlich  «Tusche  eintragen»  heifst.  Es  be- 
steht in  der  Tättowierung  gewisser  Zeichen  in  die  Haut  des  Delinquenten.  Gewöhn- 
lich sind  es  breite  schwarze  Streifen,  welche  an  einem  der  Arme  desselben  angebracht 
werden,  bald  im  Vorder-  bald  im  Oberarm,  je  nach  Verschiedenheit  des  Ortes  und 
der  Landschaft,  wo  die  Strafe  vollzogen  wird.  Selten  besteht  das  Zeichen  aus  einem 
Buchstaben,  wie  z.  B.  das  chinesische  Schriftzeichen  Ho,  der  in  der  Landschaft  Aki 
gebräuchlich  ist.  Ein  anderes  chinesisches  Zeichen  wird  in  der  Landschaft  Ki 
auf  dem  Oberarm,  und  in  der  Landschaft  Tamba  sogar  mitten  auf  der  Stirne  des 
Verbrechers  angebracht.  Übrigens  scheint  das  Tättowieren  nicht  überall  im  Reiche 
gebräuchlich  und  hauptsächlich  in  den  Reichsstädten  und  im  Gebiete  des  Sjögun  ange- 
wandt zu  werden.  Die  uns  bekannt  gewordenen  Zeichen  sind  Fig.  51  mitgeteilt. 

Auch  Individuen  der  Jettaklasse  findet  man  zuweilen  mit  diesen  Abzeichen  ge- 
brandmarkt. Wahrscheinlich  sind  es  ehemalige  Sträflinge,  wrelche  unter  dieser  ver- 
achteten Volksklasse  ihren  Aufenthalt  genommen  haben.  Dieses  Brandmarken  wird 
bei  gewöhnlichem  Diebstahl,  welcher  den  Wert  von  10  Coban  nicht  übersteigt,  bei 
der  ersten  Verurteilung  gewöhnlich  appliziert. 

Das  öffentliche  Ausstellen  auf  einem  Kreuzwege  oder  auf  einem  Marktplatze  ver- 
tritt in  Japan  die  Stelle  des  Prangers.  Es  wird  Sarasi  genannt  und  der  Sträfling  ge- 
wöhnlich sieben  Tage  lang  mit  auf  den  Rücken  gebundenen  Händen  und  mit  einer 
Tafel  auf  der  Brust,  welche  seinen  Namen  und  die  Art  des  Verbrechens  kund  thut, 
ausgestellt. 

Die  Ehrlosigkeit  besteht  in  dem  Verlust  der  Ehre  und  der  von  dieser  abhängigen 
Rechte.  Zu  diesem  Kapitel  gehört  auch  die  gerichtliche  Beschlagnahmung  einer  Leiche 
und  Verweigerung  eines  ehrlichen  Begräbnisses.  Solche  Leute  werden  zur  Klasse  der 
Hinin  degradiert.  Priestern,  welche  sich  Unzuchtsverbrechen  schuldig  gemacht  haben 
und  ebenso  Personen,  welche  sich  gegenseitig  das  Leben  zu  nehmen  versucht  haben, 
werden  auf  diese  Weise  zu  Hinin  degradiert.  Das  geltende  Strafgesetz  enthält  übrigens 
höchst  eigentümliche  Bestimmungen,  wie  z.  B.  eine  verheiratete  Frau,  welche  durch 
einen  Priester  entehrt  wird,  selbst  im  Falle  erwiesener  Notzucht  strafbar  wird.  Es 
wird  ihr  der  Kopf  kahl  geschoren  und  sie  darauf  in  ein  Kloster  gebracht.  Nicht 
minder  fremd  kommt  uns  die  Bestrafung  einer  Verlobten  vor,  die  sich  von  einem 
anderen  verführen  läfst.  Eine  solche  wird  nämlich  aus  ihrem  väterlichen  Hause  aus- 
gestofsen  und  vom  Gerichte  in  ein  Bordell  verwiesen. 

Unter  den  Ehrenstrafen  ist  noch  die  Suspension  und  der  Verlust  von  Würden 
und  Ämtern  zu  erwähnen,  eine  Strafe,  welche  bei  der  grofsen  Verantwortlichkeit  der 


5.  Beiträge  zur  Kenntnis  der  japanischen  Rechtspflege. 


419 


Staatsdiener  ziemlich  häufig  in  Japan  stattfindet.  Auch  die  sogenannten  demütigenden 
und  beschämenden  Strafen  kommen  vor  und  bestehen  in  einem  seitens  der  Obrigkeit 
zu  erteilenden  Verweise.  Auch  die  Verurteilung  zur  Leistung  einer  Abbitte  findet 
nicht  selten  Anwendung. 

Von  den  Vermögensstrafen. 

Die  aus  Übereilung  und  Nachlässigkeit  unabsichtlich  begangenen  Vergehen  (wohl 
zu  bemerken  im  Auge  der  japanischen  Rechtspflege)  werden  mit  einer  Geldbufse 
bestraft  u.  z.  nach  dem  Münzwert  von  5 — 20  Silber-Mei  und  darüber.  Auch  Kon- 
fiskation des  Eigentums  findet  häufig  statt:  so  giebt  es  drei  Arten  von  Konfiskationen, 
nämlich  eine  totale,  eine  temporäre  und  eine  halbe  Konfiskation.  Die  beiden  ersten 
Arten  sind  durch  ihre  Benennung  hinlänglich  bezeichnet.  Die  halbe  Konfiskation,  auf 
japanisch  Hanketssjö  genannt,  besteht  darin,  dafs  das  Eigentum  des  Betreibenden 
gerichtlich  veräufsert  wird  und  von  dem  Erlöse  die  eine  Hälfte  dem  Gerichte  verfällt 

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und  die  andere  dem  Verurteilten  zurückgegeben  wird. 

Vollziehung  der  Todesstrafe  beim  hohen  und  niederen  Adel. 

Dieselbe  geschieht  durch  gezwungene  Selbstentleibung  mittelst  Leibaufschlitzen 
in  der  Gegenwart  von  offiziellen  Zeugen  oder  durch  Hinrichtung  mit  dem  Schwerte. 

Im  ersten  Falle  erhält  der  Verbrecher,  wenn  er  ein  Vasall  oder  Unterthan  des 
Sjögun  ist,  von  diesem  selbst,  oder,  wenn  er  Unterthan  eines  regierenden  Landes- 
fürsten ist,  von  letzterem  unter  dem  Geremoniell  eines  gewöhnlichen  Geschenkes 
einen  kleinen  Säbel  zugeschickt,  der  ihm  in  Gegenwart  eines  Metsuke  (Mitglied  des 
Censorates)  und  einiger  Gerichtspersonen  überreicht  wird.  Gewöhnlich  wird  dem 
Verurteilten  vorher  ein  Wink  gegeben,  was  ihm  bevorsteht,  so  dafs  er  darauf  vorbe- 
reitet ist.  Er  empfängt  nun  in  einem  besondern,  für  diese  Ceremonie  vorgeschriebenen 
Staatsgewande  die  Deputation  mit  dem  verhängnisvollen  Säbel,  vernimmt  darauf  die 
Verkündigung  seines  Urteils  und  schreitet  sofort  in  Gegenwart  des  obenerwähnten 
Amtspersonals  zur  Ausführung  des  Selbstmordes.  In  den  Fällen,  w7o  es  sich  um  einen 
regierenden  Fürsten  handelt,  der  auf  diese  Weise  zum  Tode  verurteilt  ist,  ge- 
schieht der  Selbstmord  im  Beisein  seines  Hofstaates.  Die  Handlung  selbst  wird  durch 
einen  kunstgerechten  Schnitt  in  den  Unterleib  eröffnet  und  darauf  dem  Unglücklichen 
gewöhnlich  von  einem  hinter  ihm  stehenden  Freunde  oder  Diener  mit  einem  langen 
Schwerte  der  Kopf  abgehauen.  Diese  Enthauptung  findet  auch  in  den  Fällen  statt, 
wo  der  Verurteilte  sich  aufser  stände  fühlt,  das  Leibaufschlitzen  an  sich  selbst 
vorzunebmen,  oder  in  dem  seltenen  Falle,  w7o  er  sich  weigern  sollte,  dasselbe  zu  voll- 
ziehen. Die  Geschichte  kennt  übrigens  kaum  ein  Beispiel,  dafs  ein  japanischer 
Staatsbeamter  oder  Ritter  sich  der  Ausübung  des  gezwungenen  Selbstmordes  ent- 
zogen hat. 

Der  Akt  des  gezwungenen  Leibaufschlitzens  findet  auch  häufig  in  einem  bud- 
dhistischen Tempel  statt,  wohin  der  Verurteilte,  wenn  er  bereits  als  Gefangner  be- 
trachtet ward,  in  einem  mit  einem  Drahtgitter  versehenen  I ragsessel  gebracht  wird. 
Der  Tempel  ist  von  aufsen  mit  weifsen  Blenden  behängen  und  innen  ein  Sitzplatz 
von  etwa  zwei  Meter  im  Viereck  hergerichtet,  welcher  mit  Strohmatten  und  einem 
weifsen  Tuche  bedeckt  und  manchmal  an  den  vier  Ecken  mit  Blumen  geschmückt  ist. 

27* 


420 


Abteilung  II.  Volk  und  Staat. 


Hier  läfst  sich  der  Unglückliche  nieder,  in  seine  Staatsgewänder  gekleidet,  welche 
gewöhnlich  aus  einem  weifsen  Unterkleid  und  einem  Mantel  (Haori)  von  unge- 
bleichtem Hanf  nach  Art  der  Trauerkleider  bestehen. 

Auf  den  Knieen  empfängt  er  das  verhängnisvolle  Geschenk  des  Säbels  und 
öffnet  sich  durch  einen  kurzen  Schnitt  seitwärts  den  Unterleib.  Als  Zeichen  von 


besonderem  Mute  gilt  es,  wenn  er  sich  darauf  noch  die  Kehle  durchbohrt.  Für 
Leute  geringeren  Standes  soll  in  Jedo  sogar  ein  besonderes  Lokal  zur  Vollziehung 
des  Leibaufschlitzens  eingerichtet  sein.  Manchmal  findet  vor  der  Vollziehung  des 
Selbstmordes  ein  Trinkgelage  statt,  wrobei  die  Freunde  und  Verwandten  von  dem 
Verurteilten  Abschied  nehmen.  Es  gehört  faktisch  mit  zur  guten  Erziehung  eines 
Japaners  der  Adels-  oder  Militärklasse,  sich  kunstgerecht  und  mit  Anstand  den  Leib 
aufzuschneiden.  In  der  Garderobe  jedes  Adeligen  und  bei  Personen  höheren  Ranges 
findet  sich  auch  das  obenerwähnte  Staats-  oder  Todeskleid  enthalten  auf  bewahrt. 


5.  Beiträge  zur  Kenntnis  der  japanischen  Rechtspflege. 


421 


Die  Hinrichtung  mit  dem  Schwerte  findet  bei  den  vornehmen  Japanern  auf 
eine  zweifache  Weise  statt.  Entweder  findet  die  Enthauptnng  gleichzeitig  bei  der 
feierlichen  Überreichung  eines  Fächers  statt,  welcher  ihm  zugeschickt  wird,  wobei  dem 
Delinquenten  bei  der  Empfangnahme  des  Fächers  mit  vorgestrecktem  Halse  der  Kopf 
vom  Rumpfe  getrennt  wird,  oder  es  findet  die  Enthauptung  auf  ähnliche  Weise  statt 
wie  bei  den  gemeinen  Verbrechern,  in  welchem  Falle  sodann  der  Delinquent  ge- 
fesselt ist.  Die  erstere  Form  der  Todesstrafe  wird  nur  bei  schweren  Verbrechern  voll- 
zogen. Die  Ceremonie  ist  ähnlich  wie  bei  der  Überreichung  des  Säbels,  nur  wird 
in  diesem  Falle  dem  Verurteilten  blofs  ein  Fächer  überreicht,  welcher  auf  einem  er- 
habenen Präsentierteller  vor  ihn  hingestellt  wird.  Der  Verurteilte,  welcher  in  der  ge- 
wöhnlichen Haltung  knieend  auf  den  Matten  sich  befindet,  mufs  diesen  Fächer  mit 
einer  Verbeugung  als  Zeichen  seines  Dankes  empfangen  und  mit  emporgehobenen 
Händen  erheben.  In  diesem  Moment  schlägt  ihm  ein  Soldat  von  rückwärts  das 
Haupt  ab. 


Die  Enthauptung  nach  vorhergegangener  Fesselung  wird  bei  den  Vornehmen 
selten  angewendet  und  innerhalb  eines  Jahrhunderts  sollen  nur  wenige  Fälle  vorge- 
kommen sein,  wo  die  Vollziehung  der  Todesstrafe  in  dieser  Weise  vor  sich  ge- 
gangen ist. 


Die  anderweitigen  Strafen  beim  Adelsstände  sind  Gefängnis  und  zwar  lebens- 
länglich. Damit  werden  aber  blofs  Fürsten,  Vasallen  des  Sjögun  und  andere  Reichs- 
grolse  bestraft;  meistenteils  tritt  diese  Strafe  bei  der  Begnadigung  nach  erfolgter  Ver- 
urteilung zum  Tode  ein.  Der  Gefangene  steht  nachher  unter  strenger  Aufsicht  und 
unter  der  Verantwortlichkeit  des  Fürsten,  in  dessen  Land  er  gefangen  gehalten  wird. 
Auch  diese  Strafe  findet  selten  Anwendung. 


Verbannung  und  Auspeitschung. 

Vasallen  und  Unterthanen  des  Sjögun  werden  häufig  mit  Verbannung  bestraft. 
Die  Vornehmen  werden  nach  den  Inseln  Hatsisjo  und  Oki,  die  Leute  geringeren 
Standes  nach  der  Insel  Sado  und  den  Goto-Inseln  verschickt. 

Die  Auspeitschung  aus  dem  Schlosse  oder  dem  Palaste  ist  eine  sonderbare 
Strafe,  welche  stets  mit  Degradation  verbunden  ist.  Sie  wird  nur  an  Offizieren  und 
Soldaten  des  Sjögun  oder  der  Landesfürsten  vollstreckt  wegen  Feigheit  und  anderer 
militärischer  Vergehen.  Der  Verurteilte  wird  in  einem  feierlichen  Zuge  bis  an  das 
Burgthor  geführt  (in  Jedo  bis  an  das  Brückenthor  Tokiwabasi).  Hier  werden  ihm 
seine  Standesabzeichen,  wie  z.  B.  das  Wappen,  abgerissen,  und  seine  zwei  Säbel 
werden  mit  Stroh  umwunden  und  in  den  Schlofsgraben  geworfen,  der  Entehrte  wird 
darauf  mit  einem  Strohseil  umgürtet  und  unter  Stockschlägen  zum  I höre  hinaus- 
gejagt — also  ausgepeitscht. 

Ferner  kommen  beim  Adel  und  bei  der  Militärklasse  bei  gewissen  Vergehen 
die  bereits  obenerwähnten  Ehren-  und  Vermögensstrafen,  wie  Absetzung,  Ent- 
lassung, Entziehung  des  Gehaltes,  auch  Geldstrafe  und  sogar  Konfiskation  des  Ver- 
mögens in  Anwendung. 


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Übersichtstabelle  der  politischen  Einteilung  des  Japanischen  Reichs  zur  Zeit  des  Sjögunats. 


Woerl’s  Kglnabtichei  inlag. 


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